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In diesem Augenblick ging die Tür leise auf, und ins Zimmer trat, scheu um sich blickend, ein junges Mädchen. Alle wandten sich erstaunt und neugierig zu ihr um. Raskolnikow hatte sie auf den ersten Blick nicht erkannt. Es war Ssonja Ssemjonowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum erstenmal gesehen, doch in einem solchen Augenblick, in solcher Umgebung und in einem solchen Aufzuge, daß in seiner Erinnerung ein ganz anderes Bild geblieben war. Jetzt war es ein bescheiden und sogar ärmlich gekleidetes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenen, anständigen Manieren und mit einem heiteren, doch anscheinend verängstigten Gesicht. Sie trug ein sehr einfaches Hauskleidchen und einen alten, altmodischen Hut; nur in den Händen hatte sie noch den gestrigen Sonnenschirm. Als sie unerwartet ein Zimmer voller Menschen vor sich sah, wurde sie nicht nur verlegen, sondern verlor ganz die Fassung, wurde scheu wie ein kleines Kind und machte sogar eine Bewegung, um gleich wieder wegzugehen.

»Ach ... Sie sind es? ...« sagte Raskolnikow außerordentlich erstaunt und wurde auch selbst verlegen.

Er mußte sofort daran denken, daß seine Mutter und Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen mit einem »verrufenen« Lebenswandel wußten. Eben erst hatte er gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum erstenmal in seinem Leben gesehen habe, und da kommt sie plötzlich selbst. Er erinnerte sich auch, daß er gegen den Ausdruck »mit einem verrufenen Lebenswandel« durchaus nicht protestiert hatte. Dies alles ging ihm plötzlich verworren und flüchtig durch den Kopf. Als er aber genauer hinsah, merkte er plötzlich, wie sehr dieses erniedrigte Geschöpf erniedrigt war, und er spürte Mitleid. Als sie aber die Bewegung machte, um vor Angst davonzulaufen, – drehte sich in ihm etwas um.

»Ich habe Sie gar nicht erwartet«, sagte er hastig und hielt sie mit einem Blicke zurück. »Ich bitte sehr, nehmen Sie Platz. Sie kommen wahrscheinlich von Katerina Iwanowna. Ich bitte, nicht hier, setzen Sie sich dorthin ...«

Bei Ssonjas Erscheinen erhob sich Rasumichin, der auf dem einen der drei Stühle Raskolnikows, dicht bei der Tür, gesessen hatte, um sie durchzulassen. Raskolnikow wies ihr erst den Platz in der Sofaecke an, wo Sossimow gesessen hatte, besann sich aber darauf, daß dieser Platz doch zu »familiär« war und ihm zum Schlafen diente, und beeilte sich darum, ihr den Stuhl neben Rasumichin anzubieten.

»Und du, setze dich hierher«, sagte er zu Rasumichin, ihm die Sofaecke zeigend, wo Sossimow gesessen hatte.

Ssonja setzte sich, vor Angst beinahe zitternd, und blickte die beiden Damen scheu an. Es war ihr anzusehen, daß sie es selbst nicht begreifen konnte, wie sie neben ihnen sitzen sollte. Als sie dies einsah, erschrak sie dermaßen, daß sie plötzlich aufstand und sich völlig verwirrt an Raskolnikow wandte.

»Ich ... ich ... ich bin nur für einen Augenblick gekommen, entschuldigen Sie die Störung«, begann sie stotternd. »Ich komme von Katerina Iwanowna, sie hatte sonst niemand zu schicken ... Katerina Iwanowna läßt Sie bitten, morgen zur Totenmesse zu kommen ... gleich nach dem Morgengottesdienst ... auf den Mitrofanjewschen Friedhof, und dann zu uns ... zu ihr ... zum Essen ... ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.«

Ssonja stockte und verstummte.

»Ich werde mir die Mühe geben ... unbedingt«, antwortete Raskolnikow, der aufgestanden war, gleich ihr stotternd und die Sätze nicht zu Ende sprechend. »Tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich bitte,« sagte er plötzlich, »ich muß mit Ihnen sprechen. Ich bitte Sie, Sie haben vielleicht Eile, tun Sie mir den Gefallen, schenken Sie mir zwei Minuten ...«

Er schob ihr einen Stuhl hin. Ssonja setzte sich, streifte die beiden Damen mit einem schüchternen und fassungslosen Blick und schlug plötzlich die Augen nieder.

Das blasse Gesicht Raskolnikows erglühte; er fuhr zusammen, seine Augen funkelten.

»Mamachen,« sagte er fest und bestimmt, »das ist Ssofja Ssemjonowna Marmeladowa, die Tochter jenes unglücklichen Herrn Marmeladow, der gestern vor meinen Augen überfahren wurde und von dem ich schon erzählt habe ...«

Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja an und kniff ein wenig die Augen zusammen. Wie verlegen sie sich auch unter dem durchdringenden und herausfordernden Blicke Rodjas fühlte, konnte sie sich dieses Vergnügen doch nicht versagen. Dunjetschka blickte ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete es etwas verblüfft. Als Ssonja die Empfehlung hörte, hob sie die Augen wieder, wurde aber noch mehr verlegen.

»Ich wollte Sie fragen,« wandte sich Raskolnikow schnell an sie, »wie hat sich bei Ihnen heute alles gemacht? Hat man Sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel seitens der Polizei?«

»Nein, es ist schon alles vorüber ... Die Todesursache ist doch allzu klar; man hat uns nicht belästigt; aber die anderen Mieter sind böse.«

»Warum denn?«

»Weil die Leiche so lange in der Wohnung liegt ... jetzt ist es ja heiß ... es riecht ... so wird man heute die Leiche um die Zeit der Abendmesse auf den Friedhof bringen, in die Kapelle, bis morgen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, aber jetzt sieht sie selbst, daß es nicht anders geht ...«

»Also heute?«

»Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen und morgen zur Aussegnung in die Kirche zu kommen, und dann zu ihr zum Totenmahl.«

»Sie macht auch ein Totenmahl?«

»Ja, nur einen Imbiß; sie läßt Ihnen danken, daß Sie uns gestern geholfen haben ... ohne Sie hätten wir nichts, um ihn zu beerdigen ...«

Ihre Lippen und ihr Kinn begannen plötzlich zu zucken, sie beherrschte sich aber, nahm sich zusammen und schlug wieder die Augen nieder.

Während des Gesprächs hatte Raskolnikow sie unverwandt betrachtet. Es war ein mageres, auffallend mageres und bleiches Gesichtchen mit ziemlich unregelmäßigen zugespitzten Zügen, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte sie nicht mal niedlich nennen, dafür waren aber ihre blauen Augen so heiter, und der Gesichtsausdruck wurde, wenn sich diese Augen belebten, so gut und treuherzig, daß jeder sich von ihr unwillkürlich angezogen fühlte. In ihrem Gesicht und in ihrer ganzen Figur war außerdem noch ein besonders charakteristischer Zug: trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie viel jünger aus, als sie war, fast wie ein kleines Mädchen, und dies zeigte sich zuweilen sogar recht komisch in einigen ihrer Bewegungen.

»Konnte sich denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln behelfen? Und sie hat auch noch die Absicht, einen Imbiß zu geben?« fragte Raskolnikow, das Gespräch hartnäckig fortsetzend.

»Der Sarg wird doch einfach sein ... und alles wird einfach sein, so daß es nicht teuer kommt ... Wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, und es bleibt noch so viel übrig, um ein Totenmahl zu geben ... denn Katerina Iwanowna möchte es so gerne. Es geht wirklich nicht anders ... für sie ist es ein Trost ... sie ist so, Sie wissen ja ...«

»Ich verstehe, ich verstehe ... Gewiß ... Was betrachten Sie so mein Zimmer? Mamachen sagt auch, daß es wie ein Sarg aussieht.«

»Sie haben uns gestern alles hergegeben!« sagte Ssonjetschka darauf hastig, mit einer eigentümlich lauten Flüsterstimme und wurde wieder sehr verlegen.

Ihre Lippen und ihr Kinn zuckten wieder. Sie war schon längst über die ärmliche Wohnung Raskolnikows überrascht, und diese Worte entschlüpften ihr jetzt ganz von selbst. Es trat Schweigen ein. Die Augen Dunjetschkas erhellten sich, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja sogar freundlich an.

»Rodja,« sagte sie aufstehend, »wir essen selbstverständlich zusammen zu Mittag. Komm, Dunjetschka ... Und du, Rodja, solltest etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen und etwas liegen, und dann komm schnell zu uns ... Ich fürchte, wir haben dich ermüdet ...«

»Ja, ja, ich werde kommen«, antwortete er eilig, sich erhebend. »Ich habe übrigens noch etwas zu erledigen ...«

»Werdet ihr denn auch getrennt essen?« rief Rasumichin und sah Raskolnikow erstaunt an. »Was fällt dir ein?«

»Ja, ja, ich werde natürlich kommen ... Du aber bleibst eine Weile hier. Sie brauchen ihn doch nicht, Mamachen? Oder nehme ich ihn Ihnen fort?«

»Ach, nein! Sie werden doch mit uns zu Mittag essen, Dmitrij Prokofjitsch? Sie werden so gut sein?«

»Bitte, kommen Sie«, bat Dunjetschka.

Rasumichin nahm Abschied und erstrahlte plötzlich. Einen Augenblick lang waren sie alle seltsam verlegen.

»Leb wohl, Rodja, das heißt: auf Wiedersehen; ich liebe nicht, ›leb wohl‹ zu sagen. Leb wohl, Nastasja ... ach, nun habe ich schon wieder ›leb wohl‹ gesagt! ...«

Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, es gelang ihr aber nicht, und sie verließ eilig das Zimmer.

Aber Awdotja Romanowna schien zu warten, bis die Reihe an sie käme, und als sie mit der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit einer aufmerksamen, höflichen und tiefen Verbeugung, Ssonjetschka wurde verlegen und verbeugte sich hastig und erschrocken, und auf ihren Zügen zeigte sich sogar ein schmerzvoller Ausdruck, als wären ihr die Höflichkeit und Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas lästig und qualvoll.

»Dunja, so leb denn wohl!« rief Raskolnikow ihr nach. »Gib mir doch die Hand!«

»Ich hab sie dir schon gegeben, hast du es vergessen?« antwortete Dunja, sich freundlich und linkisch zu ihm umwendend.

»Nun, was macht's, gib sie mir noch einmal!«

Und er drückte ihre Finger stark zusammen. Dunjetschka lächelte ihm zu, wurde rot, entriß ihm schnell ihre Hand und folgte der Mutter; sie war, sie wußte selbst nicht warum, selig.

»Nun, das ist ja schön!« sagte er zu Ssonja, wieder in sein Zimmer zurückkehrend und sie heiter anblickend. »Gott gebe den Toten die Ruhe und den Lebenden das Leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch wahr?«

Ssonja sah ihm sehr verwundert in sein plötzlich erhelltes Gesicht; er blickte sie einige Sekunden stumm und unverwandt an; alles, was ihr verstorbener Vater von ihr erzählt hatte, ging ihm in diesem Augenblick wieder durch den Sinn ...

»Mein Gott, Dunjetschka!« sagte Pulcheria Alexandrowna, sobald sie wieder auf der Straße waren. »Jetzt bin ich selbst fast froh, daß wir weggegangen sind: es ist mir gleich irgendwie leichter zumute. Nun, habe ich gestern im Eisenbahnwagen denken können, daß ich mich sogar darüber freuen würde?«

»Ich sage Ihnen wieder, Mamachen, daß er noch sehr krank ist. Sehen Sie es denn nicht selbst? Vielleicht ist er darum so herunter, weil er so viel unsertwegen gelitten hat. Man muß nachsichtig sein, und dann kann man vieles, vieles verzeihen.«

»Du warst aber nicht nachsichtig!« unterbrach sie sofort hitzig und eifersüchtig Pulcheria Alexandrowna. »Weißt du, Dunja, ich habe euch beide angesehen: du bist sein Ebenbild, und zwar weniger was das Gesicht, als was die Seele betrifft: ihr seid beide Melancholiker, beide finster und hitzig; beide hochmütig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht sein, daß er ein Egoist ist, Dunjetschka! Wie? ... Und wenn ich daran denke, was sich heute abend abspielen wird, so steht mir das Herz still!«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mamachen: es wird kommen, was kommen muß.«

»Dunjetschka, bedenke doch, in welcher Lage wir jetzt sind! Was, wenn Pjotr Petrowitsch seinen Antrag zurückzieht?« entschlüpfte es unbedachterweise der armen Pulcheria Alexandrowna.

»Was ist er dann wert, wenn er es tut?« antwortete Dunjetschka scharf und verächtlich.

»Das haben wir gut getan, daß wir jetzt weggegangen sind«, unterbrach sie Pulcheria Alexandrowna hastig. »Er hat etwas Eiliges vor und will weggehen; soll er nur ausgehen und wenigstens frische Luft atmen ... es ist bei ihm so furchtbar dumpf ... wo soll man hier aber frische Luft atmen? In den hiesigen Straßen ist es wie in einem ungelüfteten Zimmer. Mein Gott, was ist das für eine Stadt! ... Wart, geh zur Seite, man wird dich noch erdrücken, die Leute tragen etwas! Da haben sie eben ein Klavier vorbeigetragen ... wie sie nur stoßen ... Vor diesem Fräulein habe ich auch große Angst ...«

»Vor was für einem Fräulein, Mamachen?«

»Nun, vor dieser Ssofja Ssemjonowna, die eben da war ...«

»Warum denn?«

»Ich habe so eine Vorahnung, Dunja. Du magst mir glauben oder nicht, als sie aber hereinkam, dachte ich im gleichen Augenblick, daß die Hauptsache in ihr liegt ...«

»Nichts liegt in ihr!« rief ärgerlich Dunja. »Wie merkwürdig sind Sie doch mit Ihren Vorahnungen, Mama! Er kennt sie ja erst seit gestern und hat sie nicht einmal wiedererkannt, als sie eintrat.«

»Nun, du wirst sehen! ... Sie macht mir Angst, du wirst sehen, wirst sehen! Und wie ich erschrak: sie sieht mich an, sieht mich an, hat solche Augen, daß ich kaum sitzen bleiben konnte, weißt du noch, als er sie vorzustellen begann? Es kommt mir so sonderbar vor: Pjotr Petrowitsch schreibt über sie solche Dinge, und er stellt sie uns vor, sogar dir! Also muß sie ihm teuer sein!«

»Was er nicht alles schreibt! Man hat auch über uns manches geschrieben und gesprochen, haben Sie es schon vergessen? Ich aber bin überzeugt, ... daß sie ein herrliches Mädchen ist und daß alles ein Unsinn ist!«

»Gebe es Gott!«

»Und Pjotr Petrowitsch ist eine gemeine Klatschbase«, schnitt Dunjetschka plötzlich ab.

Pulcheria Alexandrowna knickte förmlich ein. Das Gespräch brach ab.

»Hör mal, was ich von dir will ...« sagte Raskolnikow, Rasumichin zum Fenster führend.

»Ich werde also Katerina Iwanowna sagen, daß Sie kommen werden ...« sagte Ssonja eilig und wollte sich schon verabschieden.

»Sofort, Ssofja Ssemjonowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stören nicht ... Ich möchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Hör mal«, wandte er sich plötzlich wieder an Rasumichin: »Du kennst doch den ... Wie heißt er noch? ... Porfirij Petrowitsch?«

»Und ob! Er ist doch mein Verwandter. Was willst du denn von ihm?« fügte er mit plötzlich erwachter Neugierde hinzu.

»Er hat jetzt doch diesen Fall ... nun den Mord ... von dem ihr gestern gesprochen habt ... in Behandlung?«

»Ja ... und?« Rasumichin riß die Augen auf.

»Er hat die Pfandgeber vernommen, und ich habe dort auch Pfänder liegen, es ist nichts von Wert, aber es ist auch ein Ring von der Schwester dabei, den sie mir zum Andenken geschenkt hat, bevor ich herreiste, und die silberne Uhr von meinem Vater. Alles zusammen hat einen Wert von fünf oder sechs Rubeln, aber mir sind die Sachen ein teures Andenken. Was soll ich jetzt also anfangen? Ich will nicht, daß diese Sachen verlorengehen. Ich zitterte vorher, die Mutter könnte die Uhr sehen wollen, als wir von Dunjetschkas Uhr sprachen. Es ist der einzige Gegenstand, der vom Vater geblieben ist. Sie wird krank werden, wenn die Uhr verlorengeht! Ja, diese Frauen! Sage mir also, was ich tun soll! Ich weiß, daß man es auf dem Polizeibureau anmelden muß. Wäre es aber nicht besser, zu Porfirij selbst zu gehen? Was? Wie glaubst du? Ich möchte es so schnell als möglich erledigen. Du wirst sehen, Mamachen wird mich noch vor dem Essen danach fragen!«

»Keineswegs auf das Polizeibureau, sondern unbedingt zu Porfirij!« rief Rasumichin in ungewöhnlicher Erregung. »Nun, wie bin ich froh! Was sollen wir es noch aufschieben, komm gleich mit, es sind nur zwei Schritte, wir treffen ihn sicher an!«

»Meinetwegen ... wollen wir gehen ...«

»Er wird sich aber sehr, sehr, sehr, sehr freuen, dich kennenzulernen! Ich habe ihm viel von dir erzählt, bei verschiedenen Gelegenheiten ... Auch gestern habe ich von dir gesprochen. Also komm! ... Du hast also die Alte gekannt? Das ist gut! ... Aus-ge-zeichnet hat es sich gefügt! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...«

»Ssofja Ssemjonowna,« korrigierte ihn Raskolnikow, »Ssofja Ssemjonowna, das ist mein Freund Rasumichin, ein vortrefflicher Mensch ...«

»Wenn Sie jetzt gehen müssen ...« fing Ssonja an, ohne Rasumichin anzusehen und darum noch verlegener werdend.

»Gehen wir!« beschloß Raskolnikow. »Ich will Sie heute noch besuchen, Ssofja Ssemjonowna, sagen Sie mir nur, wo Sie wohnen.«

Er schien weniger verlegen zu sein, als einfach Eile zu haben, und mied ihre Blicke. Ssonja gab ihm ihre Adresse und wurde dabei rot. Sie verließen zusammen das Zimmer.

»Schließt du denn gar nicht ab?« fragte Rasumichin, als letzter die Treppe hinabsteigend.

»Niemals! ... Übrigens will ich mir schon seit zwei Jahren ein Schloß kaufen«, fügte er nachlässig hinzu. »Es sind doch glückliche Menschen, die nicht abzuschließen brauchen?« wandte er sich lachend an Ssonja.

Vor dem Tore blieben sie stehen.

»Müssen Sie nach rechts, Ssofja Ssemjonowna? Übrigens: wie haben Sie mich gefunden?« fragte er sie. Er schien ihr aber etwas ganz anderes sagen zu wollen: er wollte ihr immer in ihre stillen, heiteren Augen blicken, aber es gelang ihm nicht ...

»Sie haben doch gestern Poljetschka Ihre Adresse gegeben?«

»Polja? Ach ja ... Poljetschka! Das ist ... die Kleine ... ist das Ihre Schwester? So, habe ich ihr die Adresse gegeben?«

»Haben Sie es denn schon vergessen?«

»Nein ... ich erinnere mich noch ...«

»Mir hat von Ihnen auch schon der Verstorbene erzählt ... Damals kannte ich aber noch Ihren Familiennamen nicht, und auch er selbst kannte ihn nicht ... Jetzt kam ich aber ... Und da ich gestern Ihren Namen erfuhr ... so fragte ich heute: Wohnt hier Herr Raskolnikow? Ich wußte gar nicht, daß auch Sie in Aftermiete wohnen ... Leben Sie wohl ... Ich muß zu Katerina Iwanowna ...«

Sie war furchtbar froh, daß sie endlich weggehen konnte; sie ging mit gesenktem Kopfe, eilig, um nur so schnell als möglich den beiden jungen Leuten aus den Augen zu kommen, um nur diese zwanzig Schritte bis zur Straßenbiegung nach rechts zurückzulegen und endlich allein zu bleiben, dann schnell, ohne jemand anzublicken und ohne etwas zu bemerken, nachzudenken, sich zu erinnern, sich auf jedes gesprochene Wort und auf jeden Nebenumstand zu besinnen. Noch niemals, niemals hatte sie Ahnliches empfunden. Eine ganze neue Welt hatte sich unbekannt und dunkel in ihre Seele gesenkt. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikow selbst zu ihr heute kommen wollte, daß er vielleicht noch am Vormittag, vielleicht gleich kommen würde!

»Bitte aber nicht heute, bitte, nicht heute!« murmelte sie mit bebendem Herzen, als flehe sie jemand wie ein erschrockenes Kind an. »Mein Gott! Zu mir ... in dieses Zimmer ... er wird sehen ... oh, mein Gott!«

Natürlich konnte sie in diesem Augenblick den ihr unbekannten Herrn nicht bemerken, der sie aufmerksam beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er hatte sie schon von dem Tore an begleitet. In dem Augenblick, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikow und sie auf dem Trottoir stehengeblieben waren, um noch ein paar Worte zu wechseln, hatte dieser Fremde, als er um sie herumging, zufällig die Worte Ssonjas: »und fragte: wohnt hier Herr Raskolnikow?« aufgefangen und war plötzlich zusammengefahren. Er musterte schnell, doch aufmerksam, alle drei, besonders Raskolnikow, an den sich Ssonja wandte, sah sich dann das Haus an und merkte es sich. Das alles machte der Fremde in einem Augenblick, im Gehen; er verriet dabei durch keine Miene, daß ihm etwas aufgefallen war, und ging weiter, aber etwas langsamer, als wartete er auf etwas. Er wartete auf Ssonja; er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedeten: also mußte Ssonja wohl gleich zu sich nach Hause gehen.

»Aber wohin denn nach Hause? Ich habe dieses Gesicht schon irgendwo gesehen«, dachte er sich und versuchte, sich Ssonjas Gesicht zu vergegenwärtigen ... »Ich müßte es erfahren.«

Bei der Straßenbiegung ging er auf die andere Seite hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja ihm auf dem gleichen Wege folgte, ohne etwas zu beachten. An der Biegung schwenkte sie in die gleiche Straße ab. Er ging ihr nach, sie unablässig mit den Augen verfolgend; nach etwa fünfzig Schritten ging er wieder auf die gleiche Straßenseite, auf der Ssonja ging, herüber und folgte ihr in einer Entfernung von etwa fünf Schritten.

Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten, steil abfallenden Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Seine Kleidung war elegant und bequem, und er sah wie ein solider vornehmer Herr aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt aufs Trottoir stieß, und die Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit den derben Backenknochen war recht angenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, gar nicht petersburgisch. Seine Haare waren noch sehr dicht, hellblond und kaum graumeliert, und der breite, üppige Vollbart war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und nachdenklich; die Lippen waren hellrot. Überhaupt war er ein wunderbar konservierter Mann und sah viel jünger aus, als er war.

Als Ssonja zum Kanal kam, waren sie beide allein auf dem Trottoir. Da er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Vor ihrem Hause angelangt, schwenkte Ssonja ins Tor ab, und er folgte ihr, anscheinend etwas überrascht. Vom Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufführte. »Ach!« murmelte der fremde Herr und stieg hinter ihr die Stufen hinauf. Jetzt erst bemerkte ihn Ssonja. Sie stieg in den zweiten Stock hinauf, bog in den Gang ein und läutete auf Nr. 9, auf dessen Tür mit Kreide geschrieben stand: »Kapernaumow, Schneider.« – »Ach!« wiederholte der Unbekannte, über das seltsame Zusammentreffen erstaunt, und läutete nebenan auf Nr. 8. Beide Türen waren kaum sechs Schritte voneinander entfernt.

»Sie wohnen also bei Kapernaumow!« sagte er, Ssonja anblickend und lachend. »Er hat mir gestern eine Weste umgenäht. Ich wohne aber hier gleich neben Ihnen, bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!«

Ssonja sah ihn aufmerksam an.

»Wir sind also Nachbarn«, fuhr er auffallend lustig fort: »Ich bin ja erst seit drei Tagen in Petersburg. Nun, vorerst auf Wiedersehen!«

Ssonja gab keine Antwort; man machte ihr die Tür auf, und sie schlüpfte zu sich hinein. Sie fühlte sich irgendwie beschämt und hatte Angst ...

* * *

Rasumichin war auf dem Wege zu Porfirij besonders aufgeregt.

»Das ist ausgezeichnet, Bruder,« sagte er einigemal, »und ich freue mich! Ich freue mich!«

– Worüber freust du dich denn? – dachte Raskolnikow.

»Ich wußte ja gar nicht, daß auch du bei der Alten zu versetzen pflegtest. Und ... und ... ist es schon lange her? Das heißt, ist es lange her, daß du bei ihr warst?«

– Dieser naive Dummkopf! –

»Wann es war? ...« Raskolnikow blieb stehen, als besinne er sich. »Ja, ich glaube, ich war bei ihr drei Tage vor ihrem Tode. Übrigens will ich jetzt die Sachen gar nicht auslösen«, fügte er hinzu: plötzlich schien er wegen seiner Sachen sehr besorgt. »Ich habe ja nur noch einen Rubel Kleingeld ... wegen des gestrigen verfluchten Fiebers! ...«

Das Fieber erwähnte er mit besonderem Nachdruck.

»Na ja, na ja«, bestätigte Rasumichin eilig, man wußte nicht, was. »Darum hat dich das also damals so erschüttert ... weißt du, du hast auch während der Krankheit immer von irgendwelchen Ringen und Ketten phantasiert! ... Nun ja ... Es ist klar, jetzt ist alles klar.«

– So ist es also! Wie dieser Gedanke sie alle angesteckt hat! Dieser Mensch wird sich für mich kreuzigen lassen, und doch ist er so froh, daß es sich nun aufgeklärt hat, warum ich von den Ringen phantasiert habe! Wie sich das bei ihnen festgesetzt hat ... –

»Werden wir ihn auch antreffen?« fragte er laut.

»Ganz sicher!« antwortete Rasumichin eilig. »Er ist ein Prachtkerl, du wirst es sehen, Bruder! Etwas plump, das heißt, er ist sogar ein Gesellschaftsmensch, aber ich meine plump in einem anderen Sinne. Ein kluger, sehr kluger, sogar gar nicht dummer Bursche, hat aber eine eigene Art zu denken ... Mißtrauisch, skeptisch, zynisch ... betrügt gerne, das heißt er betrügt nicht, sondern hält einen zum Narren ... Nun, die alte materialistische Methode ... Seine Sache versteht er ausgezeichnet ... Er hat im vorigen Jahr einen Fall – es war auch ein Mord – aufgeklärt, wo fast alle Spuren verwischt waren. Er will dich sehr, sehr gerne kennen lernen!«

»Ja warum denn?«

»Das heißt, ich will nicht gesagt haben, daß ... Siehst du, in der letzten Zeit, als du erkranktest, hatte ich oft und viel Gelegenheit, von dir zu sprechen ... Nun, er hörte mir zu, und als er erfuhr, daß du Jurist bist und das Studium aus privaten Gründen nicht beenden kannst, sagte er: ›Wie schade!‹ Nun, und ich schloß daraus ... das heißt, alles zusammen, nicht bloß das ... auch Samjotow gestern ... Siehst du, Rodja, ich hab' dir gestern im Rausche, als wir nach Hause gingen, etwas vorgeschwatzt ... Nun fürchte ich, daß du es irgendwie übertreiben könntest, siehst du ...«

»Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Vielleicht ist es auch wirklich wahr.«

Er lächelte gezwungen.

»Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Also alles, was ich sagte ... (und auch alles andere) ist dummes Geschwätz, und ich habe es nur im Rausche gesagt.«

»Was entschuldigst du dich! Wie mich das alles anödet!« schrie Raskolnikow übertrieben gereizt.

Übrigens war es zum Teil Verstellung.

»Ich weiß, ich weiß, ich verstehe. Du kannst überzeugt sein, daß ich es verstehe. Ich schäme mich, davon zu sprechen ...«

»Wenn du dich schämst, so sprich eben nicht!«

Beide verstummten. Rasumichin war mehr als entzückt, und Raskolnikow fühlte es mit Ekel. Auch das, was Rasumichin eben über Porfirij gesagt hatte, machte ihm Sorgen.

– Dem muß man auch etwas vorjammern – dachte er, erbleichend und klopfenden Herzens –, und zwar so natürlich als möglich. Das Natürlichste wäre, gar nicht zu jammern. Forciert nicht jammern. Nein, ›forciert‹ wäre wieder unnatürlich ... Nun, es wird sich schon irgendwie machen ... wir wollen sehen ... gleich ... Ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Falter fliegt selbst ins Licht. Das Herz klopft so, und das ist nicht gut! ... –

»In diesem grauen Hause«, sagte Rasumichin.

– Das Wichtigste ist, ob Porfirij weiß oder nicht weiß, daß ich gestern bei dieser Hexe in der Wohnung gewesen bin ... und nach dem Blut gefragt habe ... Das muß ich sofort feststellen, gleich beim ersten Schritt, wenn ich eintrete, ich muß es in seinem Gesichte lesen: sonst ... und wenn ich auch zugrundegehe, – ich muß es feststellen! –

»Weißt du was?« wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schalkhaften Lächeln. »Mir ist es schon heute früh aufgefallen, daß du in so ungewöhnlicher Erregung bist! Ist es so?«

»In was für einer Erregung? In gar keiner Erregung!« rief Rasumichin auffahrend.

»Nein, Bruder, es ist dir doch anzusehen. Vorhin hast du auf dem Stuhle so gesessen, wie du sonst nie zu sitzen pflegst: nur am äußersten Endchen, und zucktest, als ob du Krämpfe hättest. Ganz ohne jeden Grund sprangst du auf. Bald warst du böse und machtest bald wieder ein zuckersüßes Gesicht. Du wurdest sogar rot; besonders, als man dich zum Essen einlud, da wurdest du furchtbar rot.«

»Nichts dergleichen! Du lügst! ... Was meinst du eigentlich damit?«

»Du drehst und windest dich wie ein Schuljunge! Pfui Teufel, da ist er schon wieder rot geworden!«

»Was bist du eigentlich für ein Schwein!«

»Und warum bist du verlegen? Romeo! Wart nur, ich werde es heut irgendwem wiedererzählen, ha-ha-ha! Mein Mamachen wird darüber lachen ... und noch jemand ...«

»Hör, hör, hör, im Ernst, das ist doch ... Was soll es denn heißen, Teufel!« rief Rasumichin ganz verwirrt und kalt vor Schreck. »Was willst du ihnen erzählen? Ich werde, Bruder ... Pfui, was du für ein Schwein bist!«

»Du bist einfach eine Frühlingsrose! Und wie dir das steht, wenn du es bloß wüßtest! Ein baumlanger Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, hast dir sogar die Nägel gereinigt, wie? Wann hat man das bei dir gesehen? Bei Gott, du hast dir sogar das Haar mit Pomade eingeschmiert! Bück dich mal!«

»Schwein!!!«

Raskolnikow lachte so, daß er sich anscheinend nicht mehr halten konnte. Mit diesem Lachen traten sie auch in die Wohnung Porfirij Petrowitschs. Das war alles, was Raskolnikow wollte: in der Wohnung konnte man natürlich hören, daß sie lachend eingetreten waren und im Vorzimmer noch immer lachten.

»Kein Wort hier, oder ich ... zermalme dich!« flüsterte Rasumichin wütend und packte Raskolnikow an der Schulter.