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Raskolnikow ging aber direkt zum Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte. Es war ein altes, grüngestrichenes zweistöckiges Haus. Er fand nicht ohne Mühe den Hausknecht und bekam von ihm eine recht unbestimmte Auskunft, wo der Schneider Kapernaumow wohne. Er fand in einer Hofecke den Eingang zu einer engen und dunklen Treppe, stieg endlich in den ersten Stock hinauf und gelangte in eine Galerie, die das Stockwerk auf der Hofseite umgab. Während er im Dunkeln herumirrte und sich fragte, wo der Eingang zu Kapernaumow sein könne, ging plötzlich drei Schritte vor ihm eine Tür auf; er griff mechanisch nach ihr.

»Wer ist da?« fragte ängstlich eine weibliche Stimme.

»Das bin ich ... zu Ihnen«, antwortete Raskolnikow und trat in ein winziges Vorzimmer.

Hier stand auf einem durchgedrückten Stuhle ein verbogener Messingleuchter mit einer Kerze.

»Das sind Sie! Mein Gott!« rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie angewurzelt stehen.

»Wie kommt man in Ihr Zimmer? Hier?«

Raskolnikow bemühte sich, sie nicht anzusehen, und trat schnell in ihr Zimmer.

Nach einer Minute kam Ssonja mit der Kerze. Sie stellte die Kerze hin und blieb vor ihm stehen, ganz fassungslos, in unbeschreiblicher Erregung und durch seinen unerwarteten Besuch sichtbar erschreckt. Ihr bleiches Gesicht rötete sich plötzlich, und Tränen traten ihr sogar in die Augen ... Sie empfand peinliches Unbehagen, und Scham, und eine süße Wonne ... Raskolnikow wandte sich schnell weg und setzte sich auf den Stuhl vor dem Tisch. Mit einem flüchtigen Blick hatte er schon das ganze Zimmer gestreift.

Es war ein großes, doch außerordentlich niedriges Zimmer, das einzige, das die Kapernaumows vermieteten; die verschlossene Tür in der Wand links führte zu ihnen. An der gegenüberliegenden Wand rechts war noch eine andere Tür, die immer fest verschlossen war. Hinter dieser Tür befand sich die Nachbarwohnung mit einer anderen Nummer. Ssonjas Zimmer glich einer Scheune; es hatte die Form eines unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Häßliches verlieh. Die Wand mit den auf den Kanal hinausgehenden drei Fenstern durchschnitt das Zimmer irgendwie schief, und eine Ecke war daher sehr spitz und verlief in die Tiefe, so daß man in sie bei der schwachen Beleuchtung nicht mal ordentlich hinausschauen konnte; die andere Ecke war dafür häßlich stumpf. In diesem ganzen großen Zimmer waren fast keine Möbel. In der Ecke rechts befand sich das Bett; neben ihm, näher zur Tür, stand ein Stuhl. An der gleichen Wand, wo das Bett war, standen dicht neben der Tür, die in die fremde Wohnung führte, ein einfacher ungestrichener Tisch mit einer blauen Decke und daneben zwei Rohrstühle. An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe des spitzen Winkels, stand eine kleine Kommode aus einfachem Holz, die wie im Leeren verloren aussah. Das war alles, was sich im Zimmer befand. Die gelblichen, schmierigen und abgerissenen Tapeten waren in allen Ecken schwarz geworden; im Winter war es hier sicher feucht und dunstig. Die Armut war ganz offensichtlich, selbst vor dem Bett war kein Vorhang.

Ssonja blickte schweigend auf ihren Gast, der so aufmerksam und ungeniert ihr Zimmer betrachtete, und fing sogar schließlich an, vor Angst zu zittern, als stünde sie vor einem Richter, vor einem, der über ihr Schicksal zu entscheiden hatte.

»Ich komme spät ... Ist schon elf?« fragte er, sie noch immer nicht ansehend.

»Ja, es ist schon elf«, murmelte Ssonja. »Ach ja, gewiß!« beeilte sie sich zu sagen, als wäre es ein Ausweg für sie. »Die Uhr bei den Wirtsleuten hat eben geschlagen ... ich habe es selbst gehört ... Es ist schon elf.«

»Ich komme zu Ihnen zum letztenmal,« fuhr Raskolnikow fort, »und wenn es auch das erste Mal ist, – ich sehe Sie vielleicht nie wieder ...«

»Reisen Sie fort? ...«

»Ich weiß nicht ... es wird sich morgen zeigen ...«

»So kommen Sie morgen nicht zu Katerina Iwanowna?« fragte Ssonja mit bebender Stimme.

»Ich weiß es nicht. Es wird sich morgen früh zeigen ... Aber es handelt sich jetzt nicht darum: ich komme, um Ihnen ein Wort zu sagen ...«

Er richtete auf sie seinen nachdenklichen Blick und merkte plötzlich, daß er saß, während sie vor ihm stand.

»Warum stehen Sie? Setzen Sie sich!« sagte er plötzlich mit veränderter, stiller und freundlicher Stimme.

Sie setzte sich. Er sah sie eine Minute lang freundlich und fast mitleidvoll an.

»Wie mager Sie sind! Was haben Sie für eine Hand! Ganz durchsichtig ist sie. Die Finger wie bei einer Toten.«

Er ergriff ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.

»Ich war immer so«, sagte sie.

»Auch als Sie zu Hause lebten?«

»Ja.«

»Nun, selbstverständlich!« sagte er kurz, und sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.

Er sah sich noch einmal um.

»Sie mieten das Zimmer von Kapernaumow?«

»Ja ...«

»Wohnen die dort hinter der Tür?«

»Ja ... Sie haben das gleiche Zimmer.«

»Wohnen sie alle in einem Zimmer?«

»Ja, in einem.«

»In Ihrem Zimmer würde ich mich nachts fürchten«, bemerkte er düster.

»Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich«, erwiderte Ssonja, die immer noch nicht zu sich gekommen war und die Situation noch nicht erfaßt hatte. »Auch die Möbel und alles ... alles gehört den Wirtsleuten. Und sie sind sehr gute Menschen, und ihre Kinder kommen oft zu mir her ...«

»Die stotternden?«

»Ja ... Er stottert und hinkt auch noch. Auch seine Frau ... Eigentlich stottert er nicht, sondern spricht bloß nicht alles aus. Sie ist aber sehr gut. Er ist ein früherer Leibeigener. Es sind sieben Kinder da ... bloß der älteste stottert, die anderen sind aber einfach krank ... und stottern nicht ... Woher wissen Sie das von ihnen?« fügte sie mit einigem Erstaunen hinzu.

»Mir hat das damals Ihr Vater erzählt. Er hat mir alles von Ihnen erzählt ... Auch, daß Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun Uhr wiederkamen, und auch daß Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien lag.«

Ssonja wurde verlegen.

»Es schien mir heute, als hätte ich ihn gesehen«, flüsterte sie unentschlossen.

»Wen denn?«

»Den Vater. Ich ging über die Straße, dort, nebenan, an der Ecke, gegen zehn, und es war mir, als sähe ich ihn vor mir gehen. Er sah ganz so aus. Ich wollte schon zu Katerina Iwanowna hinaufgehen ...«

»Waren Sie spazieren gegangen?«

»Ja,« flüsterte Ssonja kurz, wieder verlegen und mit gesenkten Augen.

»Katerina Iwanowna hat Sie doch beinahe geschlagen, als Sie noch beim Vater lebten?«

»Ach nein, was fällt Ihnen ein, nein!« sagte Ssonja und blickte ihn erschrocken an.

»Sie lieben sie also?«

»Sie? Aber gewiß!« antwortete Ssonja gedehnt und klagend und faltete plötzlich mit schmerzlichem Ausdruck die Hände. »Ach, Sie kennen sie nicht ... Wenn Sie nur wüßten, sie ist doch ganz wie ein Kind ... Sie ist ja geistesgestört ... vor Kummer. Wie klug sie aber war ... und wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts, nichts ... ach!«

Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, erregt, schmerzvoll und händeringend. Ihre bleichen Wangen glühten wieder, in ihren Augen drückte sich eine Qual aus. Es war ihr anzusehen, daß er in ihr vieles aufgewühlt hatte, daß sie furchtbar gern etwas aussprechen, sagen, für die Stiefmutter eintreten wollte. Ein unersättliches Mitleid, wenn man so sagen darf, drückte sich plötzlich in ihren Gesichtszügen aus.

»Die soll mich geschlagen haben! Was sagen Sie bloß! Mein Gott, sie soll mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre denn dabei? Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so unglücklich, ach, wie unglücklich! Und krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so fest, daß in allen Dingen Gerechtigkeit sein muß, und sie verlangt sie ... Man kann sie noch so quälen, sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, daß im Leben nicht immer alles gerecht sein kann, und sie ist so gereizt ... Wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, sie ist gerecht!«

»Und was wird mit Ihnen geschehen?«

Ssonja sah ihn fragend an.

»Sie haben sie jetzt nun ganz auf dem Halse. Allerdings war es auch früher so, und der Verstorbene kam sogar zu Ihnen, um Geld für einen Schnaps zu bitten. Nun, und was wird jetzt sein?«

»Ich weiß nicht«, versetzte Ssonja traurig.

»Bleiben die dort?«

»Ich weiß nicht, sie schulden noch für die Wohnung; aber ich habe gehört, die Wirtin hätte heute gesagt, daß sie ihr kündigen will, und Katerina Iwanowna sagt, daß sie selbst keinen Augenblick länger in der Wohnung bleiben will.«

»Warum tut sie so stolz? Baut sie auf Sie?«

»Ach, nein, sprechen Sie nicht so! ... Wir leben sowieso vom gleichen Geld.« Ssonja regte sich wieder auf und zürnte sogar; es war genau so, wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderes kleines Vögelchen in Wut gerät. »Was soll sie nun machen? Was, was soll sie tun?« fragte sie hitzig und erregt. »Und wieviel, wieviel hat sie heute geweint! Sie ist ganz verstört, haben Sie es noch nicht bemerkt? Sie ist ganz verstört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, daß morgen alles anständig sei, der Imbiß und das übrige ... bald ringt sie die Hände, spuckt Blut, weint, schlägt plötzlich die Stirne gegen die Wand wie in Verzweiflung. Dann tröstet sie sich wieder, sie hofft immer auf Sie: sie sagt, daß Sie jetzt ihr Helfer seien; daß sie sich irgendwo etwas Geld leihen und mit mir in ihre Heimatstadt reisen wird; dort will sie ein Pensionat für junge Mädchen aus guten Familien gründen und mich als Aufseherin anstellen; dann wird für uns ein neues schönes Leben beginnen. Und sie küßt, sie umarmt und tröstet mich –, und wie fest sie an alle diese Phantasien glaubt! Nun, kann man ihr denn widersprechen? Und heute wäscht, scheuert und flickt sie den ganzen Tag, hat den Waschtrog ganz allein mit ihrer schwachen Kraft ins Zimmer hereingeschleppt, da ging ihr aber der Atem aus, und sie fiel aufs Bett. Und morgens gingen wir zusammen in die Läden, um Poljetschka und Lena neue Schuhchen zu kaufen, denn die alten waren ganz auseinandergefallen; doch das Geld reichte uns nicht, um die Rechnung zu bezahlen, es fehlte uns noch sehr viel dazu; sie hat aber so hübsche kleine Schuhchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie wissen es nicht ... Und sie fing im Laden, vor dem Kaufmann zu weinen an, weil das Geld ihr nicht gereicht hatte ... Es war ein Jammer, es zu sehen.«

»Nun, nach alledem ist es begreiflich, daß Sie ... so leben«, sagte Raskolnikow mit bitterem Lächeln.

»Und haben Sie denn kein Mitleid? Gar kein Mitleid?« fuhr Ssonja wieder auf. »Ich weiß ja, Sie haben selbst Ihr Letztes hergegeben, noch ehe Sie überhaupt etwas gesehen haben. Und wenn Sie es erst gesehen hätten, mein Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gebracht! Erst in der vorigen Woche ... Ach, ich! ... Bloß eine Woche vor seinem Tode. Es war grausam von mir! Und wie oft, wie oft habe ich es schon getan. Ach, wie weh tat es mir, heute den ganzen Tag daran zu denken!«

Als Ssonja das sagte, rang sie in schmerzlicher Erinnerung die Hände.

»Sie wollen grausam sein?«

»Ja, ich, ich! Ich kam damals hin,« fuhr sie weinend fort, »und der Verstorbene sagte mir: ›Lies mir was vor, Ssonja, mein Kopf tut mir so weh ... hier ist ein Buch ...‹ Er hatte irgendein Buch von Andrej Ssemjonowitsch Lebesjatnikow; der wohnt hier und hat immer solch komische Bücher. Ich aber sagte: ›Ich muß gehen‹, und las ihm nichts vor; ich war aber hauptsächlich darum zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna meine neuen Kragen zu zeigen; die Händlerin Lisaweta hatte mir Kragen und Manschetten zu billigem Preise gebracht, hübsche, ganz neue Sachen, mit einem Muster. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr gut: sie legte einen an, besah sich im Spiegel, und er gefiel ihr sehr, sehr gut. ›Schenk mir so einen Kragen, Ssonja,‹ sagte sie, ›bitte!‹ Sie sagte sogar ›bitte‹ – so gut gefiel er ihr. Wann soll sie aber solche Kragen tragen? Sie erinnerte sich eben der alten, glücklichen Zeiten. Sie besieht sich im Spiegel und freut sich; sie hat aber gar keine Kleider, gar keine Sachen, so viele Jahre schon! Niemals bittet sie aber jemand um etwas; so stolz ist sie, eher gibt sie selbst ihr Letztes weg, aber diesmal bat sie mich: so sehr gefiel ihr der Kragen! Mir aber tat es leid, ihr den Kragen zu schenken. ›Was brauchen Sie ihn, Katerina Iwanowna?‹ Wörtlich so sagte ich ihr: ›Was brauchen Sie ihn?‹ Das hätte ich nicht sagen sollen! Sie sah mich so an und wurde so traurig, weil ich es ihr abgeschlagen hatte, und es war so ein Jammer, sie anzusehen ... Nicht des Kragens wegen war sie so traurig, sondern weil ich ihn ihr abgeschlagen hatte, das sah ich. Ach, wenn ich das alles ändern, wenn ich meine Worte zurücknehmen könnte ... Ach, ich ... Aber was soll ich davon sprechen? Ihnen ist es doch gleichgültig!«

»Haben Sie die Händlerin Lisaweta gekannt?«

»Ja ... Haben Sie sie denn auch gekannt?« fragte Ssonja mit einigem Erstaunen.

»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht, es steht sehr schlimm um sie, sie wird bald sterben«, sagte Raskolnikow nach einem Schweigen, ohne ihre Frage beantwortet zu haben.

»Ach, nein, nein, nein!«

Und Ssonja ergriff mit unbewußter Gebärde seine beiden Hände, als flehte sie ihn an, daß es nicht so schlimm sei.

»Es ist doch besser, wenn sie stirbt.«

»Nein, es ist nicht besser, nicht besser, gar nicht besser!« wiederholte sie erschrocken, halb unbewußt.

»Und die Kinder? Wo wollen Sie denn die hintun, wenn nicht zu sich nehmen?«

»Ach, ich weiß es nicht!« rief Ssonja fast in Verzweiflung und griff sich an den Kopf.

Es war ihr anzusehen, daß dieser Gedanke ihr schon oft gekommen war und daß er ihn in ihr wieder aufgewühlt hatte.

»Nun, und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und ins Krankenhaus kommen, was wird dann sein?« drang er erbarmungslos in sie ein.

»Ach was sagen Sie, was sagen Sie! Das kann nicht sein! ...«

Und Ssonjas Gesicht verzerrte sich vor furchtbarem Schrecken.

»Warum kann es nicht sein?« fuhr Raskolnikow mit trockenem Lächeln fort. »Sie sind doch nicht gefeit! Was wird dann mit ihnen geschehen? Sie werden alle zusammen auf die Straße gehen, sie wird husten und betteln und irgendwo mit dem Kopf an eine Mauer schlagen, wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie umfallen, man wird sie aufs Revier und dann ins Krankenhaus schaffen, sie wird sterben, und die Kinder ...«

»Ach, nein! ... Gott wird es nicht zulassen!« entrang es sich plötzlich der zusammengepreßten Brust Ssonjas.

Sie hörte zu, sah ihn dabei flehend an und faltete in stummem Gebet die Hände, als hinge alles von ihm ab.

Raskolnikow stand auf und begann auf und ab zu gehen. Es verging eine Minute. Ssonja stand mit gesenktem Kopf und herabhängenden Armen, in schrecklichem Grame da.

»Kann man denn nicht sparen? Etwas auf die Seite tun, um es in der Not zu haben?« fragte er, plötzlich vor ihr stehenbleibend.

»Nein«, flüsterte Ssonja.

»Natürlich, nein! Haben Sie es schon versucht?« fügte er beinahe spöttisch hinzu.

»Ich habe es versucht.«

»Und es gelang Ihnen nicht! Na, natürlich! Was ist da noch zu fragen?«

Und er ging wieder durchs Zimmer. Es verstrich noch eine Minute.

»Sie nehmen wohl nicht jeden Tag was ein?«

Ssonja wurde noch mehr verlegen, und ihr Gesicht rötete sich wieder.

»Nein«, flüsterte sie mit schmerzlicher Anstrengung.

»Poljetschka wird es sicher ebenso gehen«, sagte er plötzlich.

»Nein! Nein! Es kann nicht sein! Nein!« schrie Ssonja laut, ganz verzweifelt, als hätte man sie mit einem Messer verwundet. »Gott, Gott wird diesen Schrecken nicht zulassen! ...«

»Bei anderen läßt er es doch zu.«

»Nein, nein! Gott wird sie schützen, Gott! ...« wiederholte sie ganz außer sich.

»Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott«, antwortete Raskolnikow mit Schadenfreude und sah sie lachend an.

Ssonjas Gesicht veränderte sich furchtbar und verzerrte sich wie in einem Krampfe. Mit einem unsagbaren Vorwurf sah sie ihn an, wollte schon etwas sagen, konnte aber kein Wort herausbringen und begann nur bitterlich zu weinen, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

»Sie sagen, Katerina Iwanowna werde verrückt; Sie werden selbst verrückt«, sagte er nach einem Schweigen.

Es vergingen fünf Minuten. Er ging immer schweigend auf und ab und sah sie nicht an. Endlich ging er auf sie zu, seine Augen funkelten. Er ergriff sie mit beiden Händen an den Schultern und sah ihr gerade ins weinende Gesicht. Sein Blick war trocken, fieberhaft, durchdringend, seine Lippen bebten ... Plötzlich beugte er sich ganz nieder, warf sich zu Boden und küßte ihren Fuß. Ssonja taumelte entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Verrückten. Er sah wirklich ganz wie ein Verrückter aus.

»Was tun Sie, was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie erbleichend, und ihr Herz krampfte sich plötzlich schmerzhaft zusammen.

Er erhob sich bleich wie der Tod.

»Ich habe mich nicht vor dir verbeugt, ich habe mich vor dem ganzen menschlichen Leid verbeugt«, sagte er wie wahnsinnig und ging zum Fenster. »Hör mal,« fügte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkehrte, »ich habe vorhin einem Menschen, der mich beleidigt hat, gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich setzte!«

»Ach, wozu haben Sie das gesagt! Und war sie dabei?« rief Ssonja erschrocken. »Neben mir zu sitzen – eine Ehre! Ich bin doch ... ehrlos ... Ach, was haben Sie gesagt!«

»Ich habe das von dir nicht wegen der Ehrlosigkeit und der Sünde gesagt, sondern wegen deines großen Leides. Daß du aber eine große Sünderin bist, das stimmt«, fügte er begeistert hinzu. »Am meisten bist du aber darum Sünderin, weil du dich umsonst getötet und verkauft hast. Ob das entsetzlich ist! Ob das kein Grauen ist, daß du in diesem Schmutze lebst, den du so haßt, und zugleich weißt (man braucht nur die Augen zu öffnen), daß du damit niemand hilfst und niemand rettest! So sage mir doch endlich,« sagte er beinahe rasend, »wie bloß diese Schande und Gemeinheit neben den entgegengesetzten, heiligen Gefühlen in dir wohnen können?! ... Es wäre doch gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich kopfüber ins Wasser zu stürzen und allem auf einmal ein Ende zu machen!«

»Und was wird mit ihnen geschehen?« fragte Ssonja mit schwacher Stimme und blickte ihn gequält an; zugleich schien sie aber über seinen Vorschlag gar nicht erstaunt.

Raskolnikow blickte sie eigentümlich an.

Er hatte in ihrem Blicke alles gelesen. Also hatte sie auch schon selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie in der Verzweiflung schon oft und ernsthaft überlegt, wie sie diesem Leben schnell ein Ende machen könnte, – so ernsthaft, daß sie jetzt über seinen Vorschlag fast gar nicht erstaunt war. Sie hatte sogar die Grausamkeit seiner Worte nicht bemerkt (den Sinn seiner Vorwürfe und seine eigentümliche Ansicht über ihre Schande hatte sie natürlich auch nicht begriffen, das konnte er sehen). Er aber begriff vollkommen, bis zu welchem grauenhaften Schmerz sie schon seit langem der Gedanke an ihre ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was konnte aber, fragte er sich, sie in ihrem Entschluß, allem auf einmal ein Ende zu machen, aufhalten? Und jetzt erst begriff er vollkommen, was für sie diese kleinen armen Waisenkinder, diese unglückliche, halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrem Kopfandiewandschlagen bedeuteten.

Und doch war es ihm klar, daß Ssonja mit ihrem Charakter und der Bildung, die sie immerhin genossen hatte, unmöglich in dieser Lage bleiben durfte. Doch war es ihm noch immer unbegreiflich: Wie hatte sie so lange schon diese Lage ertragen können, ohne verrückt zu werden, wenn sie schon nicht die Kraft besaß, ins Wasser zu gehen? Er begriff natürlich, daß Ssonjas Lage in der Gesellschaft eine zufällige war, wenn auch leider bei weitem keine vereinzelte und ausschließliche. Doch diese Zufälligkeit, ihre Bildung und ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt auf diesem häßlichen Wege töten müssen. Was stützte sie denn? Doch nicht das Laster? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch berührt; die echte Verderbtheit war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz gedrungen; das sah er; sie stand wie durchsichtig vor ihm ...

– Sie hat drei Wege vor sich – dachte er –, entweder in den Kanal zu springen, oder ins Irrenhaus zu kommen, oder ... oder sich schließlich ganz ins Laster, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert, zu stürzen. –

Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; er war aber schon skeptisch, er war jung, pflegte abstrakt zu denken und war folglich grausam; darum mußte er glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, der wahrscheinlichste sei.

– Aber ist es denn wirklich wahr?! – rief er innerlich aus, – wird auch dieses Geschöpf, das noch die Reinheit des Geistes bewahrt hat, sich bewußt in diese schreckliche, stinkende Kloake hineinziehen lassen?! Hat denn dieses Hineinziehen schon angefangen, hat sie es bisher vielleicht nur darum aushalten können, weil das Laster ihr nicht mehr so abscheulich schien? Nein, nein, es kann nicht sein! – wiederholte er vor sich hin, wie Ssonja früher. – Nein, vom Kanal hat sie bisher der Gedanke an die Sünde zurückgehalten und das Unglück jener... Und wenn sie bisher noch nicht verrückt geworden ist ... Wer sagt aber, daß sie es noch nicht ist? Ist sie denn bei klarem Verstand? Kann man denn so sprechen, wie sie spricht? Kann man denn bei klarem Verstand so urteilen, wie sie urteilt? Kann man denn so über dem Abgrund, über der stinkenden Kloake, in die man schon hineingezogen wird, sitzen, abwehrend mit den Händen winken und sich die Ohren zuhalten, wenn man zu ihr von der Gefahr spricht? Wartet sie vielleicht auf ein Wunder? Es ist sicher so. Sind das nicht schon Anzeichen von Wahnsinn? –

Er klammerte sich hartnäckig an diesen Gedanken. Dieser Ausweg erschien ihm sogar besser als jeder andere. Er fing an, sie aufmerksam zu betrachten.

»Also betest du viel zu Gott, Ssonja?« fragte er sie.

Ssonja schwieg. Er stand neben ihr und wartete auf Antwort.

»Was wäre ich denn ohne Gott?« flüsterte sie schnell und energisch, indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen ansah und seine Hand fest drückte.

– Gewiß ist es so! – dachte er.

»Und was tut dir Gott dafür?« fragte er sie weiter aus.

Ssonja schwieg lange, als wüßte sie keine Antwort. Ihre schwache Brust hob und senkte sich vor Erregung.

»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...« rief sie plötzlich und sah ihn streng und zornig an.

– Es ist sicher so! Es ist sicher so! – wiederholte er hartnäckig vor sich hin.

»Alles tut er!« flüsterte sie schnell und senkte wieder die Augen.

– Das ist der Ausweg! Das ist die Erklärung des Ausweges! – sagte er sich, indem er sie mit gierigem Interesse betrachtete.

Mit einem neuen, seltsamen, fast krankhaften Gefühl betrachtete er dieses bleiche, magere, unregelmäßige, eckige Gesichtchen, diese sanften blauen Augen, die in solchem Feuer, in so strengem, energischem Gefühl zu funkeln verstanden, diesen kleinen Körper, der noch immer vor Empörung und Zorn bebte, und dies alles erschien ihm immer sonderbarer, beinahe unmöglich. – Sie ist wahnsinnig, eine Närrin in Christo! – wiederholte er vor sich hin.

Auf der Kommode lag ein Buch. So oft er im Auf-und Abgehen vorbeikam, sah er es; jetzt nahm er es in die Hand. Es war ein Neues Testament in russischer Übersetzung. Das Buch war alt und gebraucht, in Leder gebunden.

»Wo hast du es her?« rief er ihr vom anderen Ende des Zimmers zu.

Sie stand noch immer auf dem gleichen Fleck, drei Schritte vom Tisch.

»Man hat es mir gebracht«, antwortete sie unwillig und ohne ihn anzublicken.

»Wer hat es gebracht?«

»Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.«

– Lisaweta! Seltsam! – dachte er.

Bei Ssonja erschien ihm alles von Augenblick zu Augenblick sonderbarer und wunderlicher. Er ging mit dem Buch zur Kerze und begann darin zu blättern.

»Wo steht hier die Geschichte von Lazarus?« fragte er.

Ssonja blickte starr zu Boden und antwortete nicht. Sie stand seitwärts vom Tisch.

»Wo steht es von der Auferstehung des Lazarus? Such es mir, Ssonja.«

Sie streifte ihn mit einem Blick.

»Sie suchen nicht an richtiger Stelle ... es steht im vierten Evangelium ...« flüsterte sie streng, ohne sich ihm zu nähern.

»Such es und lies mir vor«, sagte er. Er setzte sich, legte die Ellbogen auf den Tisch, stützte den Kopf in eine Hand, richtete den ernsten Blick zur Seite und schickte sich an, zuzuhören.

– Nach drei Wochen ist sie im Irrenhause! Ich glaube, ich komme auch selbst hin, wenn es nicht noch schlimmer wird – murmelte er vor sich hin.

Nachdem Ssonja den sonderbaren Wunsch Raskolnikows mißtrauisch angehört hatte, trat sie unentschlossen an den Tisch. Sie nahm aber das Buch in die Hand.

»Haben Sie es denn nicht gelesen?« fragte sie ihn, indem sie ihn über den Tisch finster ansah.

Ihre Stimme klang immer strenger und ernster.

»Vor langer Zeit ... Als ich noch lernte. Lies!«

»Haben Sie es denn nicht in der Kirche gehört?«

»Ich ... ich ging nie zur Kirche. Gehst du oft hin?«

»N-ein«, flüsterte Ssonja.

Raskolnikow lächelte.

»Ich verstehe ... Wirst also auch morgen zur Beerdigung des Vaters nicht hingehen?«

»Ich werde gehen. Ich war auch in der vorigen Woche da ... habe eine Totenmesse lesen lassen.«

»Für wen?«

»Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beil erschlagen.«

Seine Nerven wurden immer gereizter. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.

»Warst du mit Lisaweta befreundet?«

»Ja ... Sie war gerecht ... sie besuchte mich ... selten ... es ging nicht gut ... Wir lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen.«

So seltsam klangen diese aus den Büchern geschöpften Worte, und diese Neuigkeit: sie hatte mit Lisaweta irgendwelche geheimnisvolle Zusammenkünfte gehabt, und beide waren wahnsinnig, Närrinnen in Christo.

– Hier kann man selbst verrückt werden! Es ist ansteckend! – dachte er.

»Lies!« rief er plötzlich trotzig und gereizt.

Ssonja schwankte noch immer. Ihr Herz klopfte. Sie hatte keinen Mut, ihm vorzulesen. Fast mit Qual sah er die »unglückliche Verrückte« an.

»Warum wollen Sie es? Sie glauben doch nicht! ...« flüsterte sie leise und um Atem ringend.

»Lies! Ich will es so!« bestand er. »Du hast doch der Lisaweta vorgelesen.«

Ssonja schlug das Buch auf und fand die Stelle. Ihre Hände zitterten, ihre Stimme versagte. Zweimal fing sie an und stockte immer beim ersten Wort.

»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus von Bethanien ...« sagte sie endlich mit Anstrengung, doch beim dritten Wort erzitterte plötzlich ihre Stimme und riß wie eine überspannte Saite. Der Atem stockte, und die Brust schnürte sich zusammen.

Raskolnikow begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so roher und gereizter bestand er darauf. Er begriff zu gut, wie schwer es ihr jetzt fiel, das Eigene zu verraten und zu enthüllen. Er begriff, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres Geheimnis bildeten, daß sie vielleicht schon seit langem, seit der Kindheit, schon in der Familie neben dem unglücklichen Vater und der vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, unter den hungrigen Kindern, den häßlichen Schreien und Vorwürfen gehegt hatte. Zugleich erfuhr er aber jetzt, erfuhr es ganz sicher, daß sie, so sehr sie sich auch grämte und etwas fürchtete, als sie jetzt zu lesen begann, dabei doch eine schmerzvolle Lust empfand, ihm vorzulesen, trotz ihres Grams und trotz aller Befürchtungen; und gerade ihm, damit er es höre, und unbedingt jetzt – was später auch kommen mochte! ... Er las es in ihren Augen, er erkannte es an ihrer verzückten Erregung! ... Sie überwand sich, überwand den Krampf im Halse, der am Anfang des Verses ihr die Stimme benommen hatte, und las weiter im elften Kapitel des Evangeliums Johannis. Und so kam sie bis zum 19. Vers:

»Und viel Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörte, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, das, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«

Hier hielt sie wieder inne, da sie schamhaft ahnte, daß ihre Stimme wieder zittern und versagen würde ...

»Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er aufstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm (Ssonja holte wie mit Schmerz Atem und las deutlich und mit Kraft, als verkündete sie es selbst allen Ohren): Herr, ja! Ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen ist.«

Sie hielt wieder inne, sah ihn schnell an, überwand sich aber und las weiter. Raskolnikow saß und hörte zu, ohne sich zu rühren, ohne sich umzuwenden, die Ellbogen auf dem Tisch, den Blick auf die Seite gerichtet. So kamen sie zum 32. Vers:

»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sah ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und sieh es. Und Jesus gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht stürbe?«

Raskolnikow wandte sich zu ihr um und sah sie erregt an. Ja, so ist es! Sie zitterte schon ganz in wirklichem, echtem Fieber. Er hatte es erwartet. Sie näherte sich der Stelle vom wirklichen und unerhörten Wunder, und das Gefühl des größten Triumphes umfing sie ganz. Ihre Stimme klang hell wie Metall; Triumph und Freude klangen in ihr und machten sie stark. Die Zeilen vermischten sich vor ihr, denn es wurde ihr dunkel vor den Augen, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...« dämpfte sie die Stimme und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, Vorwurf und das Schmähen der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich, wie vom Donner getroffen, niederfallen und schluchzen und glauben werden ... Auch er, er ist blind und ungläubig, auch er wird es gleich hören – und glauben – ja! jetzt gleich, jetzt gleich – sagte sie sich, und sie zitterte in freudiger Erregung.

»Da ergrimmte Jesus abermals in ihm selbst, und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft, und ein Stein darauf gelegt. Jesus sprach: Hebt den Stein ab! Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon, denn er ist vier Tage gelegen.«

Sie betonte energisch das Wort vier.

»Jesus spricht zu ihr: Hab ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da huben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hub seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich allezeit hörest; aber um des Volks willen, das umherstehet, sage ich's, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus« (laut und begeistert las sie es, zitternd und erschauernd, als sähe sie es mit eigenen Augen), »gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Angesicht verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und lasset ihn gehen.«

»Viel nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.«

Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen. Sie schloß das Buch und stand schnell vom Stuhle auf.

»Das ist alles über die Auferstehung des Lazarus«, flüsterte sie kurz und streng und blieb unbeweglich stehen, zur Seite blickend, als wagte sie nicht oder schämte sich, die Augen zu ihm zu erheben. Sie zitterte noch immer wie im Fieber. Der Lichtstumpf im verbogenen Leuchter war schon längst heruntergebrannt und flackerte, sein trübes Licht über dieses armselige Zimmer und den Mörder und die Dirne ergießend, die sich so seltsam beim Lesen des ewigen Buches zusammengefunden hatten. Es vergingen noch fünf Minuten oder mehr.

»Ich bin gekommen, um über etwas Wichtiges zu sprechen«, sagte plötzlich Raskolnikow laut und düster. Er stand auf und ging auf Ssonja zu.

Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein Blick war besonders streng, und eine wilde Entschlossenheit drückte sich in seinen Augen aus.

»Ich habe heute die Meinigen verlassen,« sagte er, »Mutter und Schwester ... Ich gehe nicht mehr zu ihnen ... Ich habe alles zerrissen.«

»Warum?« fragte Ssonja ganz bestürzt.

Ihre Begegnung mit seiner Mutter und der Schwester am Morgen hatte auf sie einen ungewöhnlichen Eindruck gemacht, über den sie sich selbst nicht klar war. Die Nachricht vom Bruche mit ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.

»Jetzt habe ich dich allein«, fügte er hinzu. »Laß uns zusammen gehen ... Ich bin zu dir gekommen. Wir sind zusammen verdammt und wollen nun auch zusammen gehen!«

Seine Augen funkelten. – Wie ein Verrückter! – dachte nun Ssonja ihrerseits.

»Wohin gehen?« fragte sie erschrocken und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Woher soll ich's wissen? Ich weiß nur, daß wir den gleichen Weg haben, das weiß ich sicher, und sonst nichts. Das gleiche Ziel!«

Sie sah ihn an und verstand nicht. Sie begriff nur, daß er entsetzlich, grenzenlos unglücklich war.

»Keiner von ihnen wird etwas verstehen, wenn du zu ihnen sprichst,« fuhr er fort, »ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich, und darum bin ich zu dir gekommen.«

»Ich verstehe nicht ...« flüsterte Ssonja.

»Du wirst später verstehen. Hast du denn nicht dasselbe getan? Auch du hast es übertreten ... hast es übertreten können ... Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... dein Leben (es ist dasselbe!). Du hättest von Geist und Verstand leben können, du wirst aber auf dem Heumarkte enden ... Du wirst es aber nicht aushalten können, und wenn du allein bleibst, wirst du den Verstand verlieren wie ich auch. Du bist auch jetzt schon wie wahnsinnig: also müssen wir zusammen gehen, den gleichen Weg! Laß uns gehen!«

»Warum? Wozu das alles?« sagte Ssonja, durch seine Worte seltsam tief bewegt.

»Wozu? Weil es nicht so bleiben darf – dazu! Man muß doch endlich ernst und offen überlegen, statt wie ein Kind zu weinen und zu klagen, daß Gott es nicht zulassen werde! Nun, was wird sein, wenn man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Jene ist nicht bei Verstand und schwindsüchtig, sie wird bald sterben. Und die Kinder? Wird nicht auch Poljetschka zugrundegehen? Hast du denn hier an den Straßenecken nicht die Kinder gesehen, die von ihren Müttern zum Betteln geschickt werden? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter wohnen und wie sie leben. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist der Siebenjährige verdorben und ein Dieb. Die Kinder sind aber Abbilder Christi: ›Ihrer ist das Himmelreich.‹ Er hat geboten, sie zu achten und zu lieben, sie sind die künftige Menschheit ...«

»Was, was soll man tun?« fragte Ssonja, indem sie hysterisch weinte und die Hände rang.

»Was man tun soll? Was nötig ist, ein für allemal brechen und sonst nichts: und das Leid auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht? Wirst es später verstehen ... Die Freiheit und die Macht, vor allen Dingen die Macht! Die Macht über alle zitternde Kreatur und über den ganzen Ameisenhaufen ... Das ist das Ziel! Begreife das! Diese Worte gebe ich dir auf den Weg! Vielleicht spreche ich jetzt zum letztenmal mit dir. Wenn ich morgen nicht komme, wirst du selbst alles hören, und dann gedenke meiner heutigen Worte. Und irgendwann, später, nach Jahren, wenn du noch länger gelebt hast, wirst du vielleicht begreifen, was sie bedeuteten. Wenn ich aber morgen komme, so werde ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet hat. Lebe wohl!«

Ssonja erbebte vor Schreck am ganzen Leibe.

»Wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?« fragte sie, vor Entsetzen erschauernd und ihn wie wahnsinnig anblickend.

»Ich weiß es und werde es sagen ... Dir, nur dir allein. Ich habe dich auserwählt. Ich werde nicht zu dir kommen, um um Verzeihung zu bitten, sondern ich werde es einfach sagen. Ich habe dich schon längst auserwählt, um es dir zu sagen; damals noch, als dein Vater mir von dir erzählte und als Lisaweta noch lebte, dachte ich es mir. Lebe wohl! Gib mir nicht die Hand. Morgen!«

Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Wahnsinnigen nach; sie war aber auch selbst wie wahnsinnig, und sie fühlte es. Der Kopf schwindelte ihr. – Mein Gott! Wie kann er wissen, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuten diese Worte? Es ist so schrecklich! – Aber der Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Nein, er wollte nicht kommen! ... – Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester verlassen. Warum? Was ist geschehen? Und was hat er im Sinn? Was hat er ihr gesagt? Er hat ihr den Fuß geküßt und gesagt ... gesagt (ja, er hat es deutlich gesagt), daß er ... ohne sie nicht mehr leben kann ... O Gott! –

Ssonja verbrachte die ganze Nacht in Fieber und Fieberträumen. Sie sprang zuweilen auf, weinte, rang die Hände und verfiel dann wieder in fieberhafte Träume. Sie träumte von Poljetschka, Katerina Iwanowna, Lisaweta, von der Vorlesung aus dem Evangelium und von ihm ... von ihm mit dem bleichen Gesicht und den brennenden Augen ... Er küßt ihr die Füße, weint ... O Gott!

Hinter der Tür rechts, hinter derselben Tür, die Ssonjas Wohnung von der Wohnung der Gertrude Karlowna Rößlich trennte, befand sich ein seit langem leerstehendes Durchgangszimmer, das zur Wohnung der Frau Rößlich gehörte und das zu vermieten war, wie es auch die am Tore und an den Scheiben der auf den Kanal hinausgehenden Fenster angeklebten Zettel besagten. Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer für unbewohnt zu halten. Und doch hatte während der ganzen Zeit an der Tür des leeren Zimmers Herr Swidrigailow gestanden und heimlich zugehört. Als Raskolnikow fortgegangen war, stand er noch eine Weile sinnend da, ging dann auf den Fußspitzen in sein Zimmer, das neben dem leeren lag, holte einen Stuhl und brachte ihn leise zur Tür, die in Ssonjas Zimmer führte. Das Gespräch erschien ihm sehr unterhaltend und bedeutungsvoll, es gefiel ihm sehr gut –, es gefiel ihm so sehr, daß er den Stuhl hinbrachte, um in Zukunft, zum Beispiel morgen, sich nicht wieder der Unannehmlichkeit auszusetzen, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern um sich komfortabler einzurichten, um in jeder Beziehung volle Befriedigung zu finden.