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Raskolnikow war ein mutiger und eifriger Advokat Ssonjas gegen Luschin, obwohl er selbst so viel eigenes Leid und Grauen in der Seele trug. Da er aber am Morgen so viel gelitten hatte, war er beinahe froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich geworden waren, zu ändern, schon ganz abgesehen davon, wie viel Persönliches und Herzliches in seinem Streben, für Ssonja einzutreten, lag. Außerdem stand ihm noch die Zusammenkunft mit Ssonja bevor, und dieser Gedanke beunruhigte ihn in manchen Augenblicken schwer: er mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hatte, er sah die schreckliche Qual voraus und wehrte sie von sich gleichsam mit beiden Händen ab. Als er beim Verlassen der Wohnung Katerina Iwanownas ausrief: »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemjonowna?«, befand er sich noch in einem äußerlich erregten Zustande von Mut, Kampflust, unter dem Eindrucke des eben über Luschin errungenen Sieges. Aber es kam so seltsam. Als er die Wohnung Kapernaumows erreichte, fühlte er plötzlich Ohnmacht und Angst. Nachdenklich blieb er vor der Tür stehen: »Soll ich sagen, wer Lisaweta ermordet hat?« Die Frage war sonderbar, weil er im gleichen Augenblick plötzlich fühlte, daß es ihm unmöglich war, nicht nur zu schweigen, sondern auch diesen Augenblick noch für eine kurze Weile hinauszuschieben. Er wußte noch nicht, warum es unmöglich war: er fühlte es nur, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Ohnmacht der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht länger zu denken und sich zu quälen, machte er die Tür schnell auf und blickte von der Schwelle auf Ssonja. Sie saß, auf das Tischchen gestützt, und hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie aber Raskolnikow sah, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.

»Wie wäre es mir wohl ohne Sie ergangen!« sagte sie schnell, als sie ihm in der Mitte des Zimmers begegnete.

Offenbar hatte sie ihm nur das so schnell wie möglich sagen wollen und ihn nur darum erwartet.

Raskolnikow ging zum Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen, genau wie gestern.

»Nun, Ssonja?« sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme zitterte. »Das Ganze lief doch auf die ›soziale Position und die mit derselben verbundenen Angewohnheiten‹ hinaus? Haben Sie es vorhin verstanden?«

Ihr Gesicht zeigte einen schmerzvollen Ausdruck.

»Sprechen Sie nur mit mir nicht so wie gestern!« unterbrach sie ihn. »Bitte, fangen Sie gar nicht an. Ich hab' auch so genügend Qual ...«

Sie beeilte sich zu lächeln, da sie fürchtete, daß der Vorwurf ihm vielleicht mißfallen würde.

»Ich bin dummerweise weggegangen. Was ist jetzt dort los? Ich wollte eben wieder hingehen, dachte aber immer, daß ... Sie kommen würden.«

Er erzählte ihr, daß Amalia Iwanowna die Ihrigen aus der Wohnung jage und daß Katerina Iwanowna irgendwohin gelaufen sei, »um die Gerechtigkeit zu suchen«.

»Ach, mein Gott!« fuhr Ssonja auf. »Kommen Sie schnell ...«

Und sie ergriff ihre Mantille.

»Ewig dasselbe!« rief Raskolnikow gereizt. »Sie haben nur sie im Sinn! Bleiben Sie mit mir.«

»Und ... Katerina Iwanowna?«

»Katerina Iwanowna wird Ihnen nicht entgehen, sie wird schon selbst zu Ihnen kommen, wenn sie schon aus dem Hause gelaufen ist«, fügte er mürrisch hinzu. »Wenn sie Sie nicht antrifft, werden Sie doch schuld sein ...«

Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl. Raskolnikow schwieg, blickte zu Boden und überlegte sich etwas.

»Nehmen wir an, Luschin wollte es jetzt nicht«, begann er, ohne Ssonja anzusehen. »Wenn er es aber wollte oder wenn es in seinem Interesse wäre, hätte er Sie doch ins Zuchthaus gebracht – wenn ich und Lebesjatnikow nicht dabei gewesen wären! Wie?«

»Ja«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Ja!« wiederholte sie zerstreut und unruhig.

»Ich hätte ja wirklich auch nicht dabei sein können! Lebesjatnikow kam aber schon ganz zufällig dazwischen.«

Ssonja schwieg.

»Nun, und wenn Sie ins Zuchthaus kämen, was dann? Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen gestern gesagt habe?«

Sie antwortete wieder nicht. Er wartete eine Weile.

»Und ich dachte, Sie würden wieder schreien: ›Ach, sprechen Sie nicht davon, hören Sie auf!‹« sagte Raskolnikow und lachte, doch irgendwie unnatürlich. »Nun, Sie schweigen wieder?« fragte er nach einer Weile. »Man muß doch über etwas reden? Nun wäre es mir sehr interessant zu hören, wie Sie jetzt eine gewisse ›Frage‹, wie es Lebesjatnikow nennt, lösen würden. (Er schien etwas aus dem Konzept zu kommen.) Nein, wirklich, ich meine es ernst. Stellen Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus wüßten, daß Sie wüßten (das heißt ganz sicher wüßten), daß dadurch Katerina Iwanowna und die Kinder ganz zugrundegehen würden; auch Sie selbst als Draufgabe (da Sie sich selbst für nichts achten, sage ich: als Draufgabe). Poljetschka eben falls ... weil ihr der gleiche Weg bevorsteht. Nun also: Wenn es jetzt nur von Ihrer Entscheidung abhinge, ob er oder Sie leben sollen, das heißt, ob Luschin leben und seine Gemeinheiten weiter begehen soll, oder Katerina Iwanowna sterben soll – wie würden Sie entscheiden: wer von ihnen soll sterben? Ich frage Sie!«

Ssonja sah ihn unruhig an. Sie glaubte in seiner unsicheren, weit ausholenden Rede etwas zu hören.

»Ich wußte schon vorher, daß Sie mich etwas Ähnliches fragen würden«, sagte sie und sah ihn forschend an.

»Gut, meinetwegen. Aber wie soll man diese Frage entscheiden?«

»Warum fragen Sie etwas, was unmöglich zu beantworten ist?« sagte Ssonja mit Widerwillen.

»Es ist also besser, wenn Luschin am Leben bleibt und seine Gemeinheiten weiter treibt! Sie wagen nicht mal, dieses zu entscheiden!«

»Ich kann ja nicht Gottes Vorsehung kennen ... Und warum fragen Sie mich, was man nicht fragen darf? Wozu solche dummen Fragen? Wie wäre es möglich, daß dies von meiner Entscheidung abhinge? Und wer hat mich zum Richter bestellt, um zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll?«

»Sobald die Vorsehung Gottes mit im Spiele ist, ist nichts zu machen«, brummte Raskolnikow mürrisch.

»Sagen Sie lieber einfach, was Sie wollen!« rief Ssonja gequält. »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie denn nur dazu gekommen, um mich zu quälen?«

Sie hielt es nicht aus und fing plötzlich zu weinen an. Finster und schwermütig sah er sie an. So vergingen an die zehn Minuten.

»Du hast ja recht, Ssonja«, sagte er schließlich leise.

Er war plötzlich wie verändert. Der gekünstelte freche und kraftlos herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme wurde auf einmal schwach.

»Ich habe dir gestern doch selbst gesagt, daß ich nicht dazu kommen werde, um Verzeihung zu bitten, und doch hätte ich beinahe damit angefangen ... Das über Luschin und die Vorsehung sagte ich nur für mich selbst ... Ich bat damit um Verzeihung, Ssonja ...«

Er wollte schon lächeln, aber das blasse Lächeln blieb kraftlos und unfertig. Er neigte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Plötzlich durchzuckte das unerwartete Gefühl eines giftigen Hasses gegen Ssonja sein Herz. Über dieses Gefühl gleichsam selbst erstaunt und erschrocken, hob er plötzlich den Kopf und sah sie aufmerksam an; er begegnete aber ihrem unruhigen und schmerzvoll besorgten Blick; es war Liebe darin: und sein Haß verschwand wie ein Gespenst. Es war etwas anderes; er hatte sein Gefühl für ein anderes gehalten. Es bedeutete nur, daß jener Augenblick gekommen war.

Er bedeckte wieder das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf. Plötzlich erbleichte er, erhob sich vom Stuhl, sah Ssonja an und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, mechanisch auf ihr Bett hinüber.

Dieser Moment glich für seine Empfindung so furchtbar jenem, als er schon hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge herausgeholt hatte und fühlte, daß er keinen Augenblick länger verlieren dürfe.

»Was ist mit Ihnen?« fragte Ssonja, furchtbar erschrocken.

Er konnte kein Wort hervorbringen. Er hatte sich das Geständnis ganz anders vorgestellt und verstand gar nicht, was jetzt mit ihm vorging. Sie ging leise auf ihn zu, setzte sich neben ihn aufs Bett und wartete, ohne den Blick von ihm zu wenden. Ihr Herz klopfte und stockte. Es wurde unerträglich; er wandte ihr sein totenblasses Gesicht zu; seine Lippen zuckten ohnmächtig und bemühten sich, etwas zu sagen. Ein Grauen durchfuhr Ssonjas Herz.

»Was ist mit Ihnen?« wiederholte sie, vor ihm etwas zurückweichend.

»Nichts, Ssonja. Fürchte dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn ich es so überlege, so ist es Unsinn«, murmelte er wie ein Besinnungsloser im Fieber. »Warum bin ich bloß hergekommen, um dich zu quälen?« fügte er plötzlich hinzu und sah sie an. »Wirklich, wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«

Vielleicht hatte er sich diese Frage wirklich vor einer Viertelstunde vorgelegt, jetzt sagte er es aber in voller Ohnmacht, kaum sich selber bewußt und am ganzen Körper zitternd.

»Ach, wie Sie sich quälen!« sagte sie mit Schmerz und sah ihn aufmerksam an.

»Alles ist Unsinn! ... Hör mal, Ssonja (er lächelte plötzlich aus unbekanntem Grunde bleich und kraftlos, es dauerte an die zwei Sekunden), – weißt du noch, was ich dir gestern sagen wollte?«

Ssonja wartete voll Unruhe.

»Ich sagte beim Weggehen, daß ich mich von dir vielleicht für immer verabschiede, aber wenn ich heute käme, so würde ich dir sagen ... wer Lisaweta ermordet hat.«

Sie erbebte plötzlich am ganzen Körper.

»Nun bin ich gekommen, um es dir zu sagen.«

»Sie haben es also gestern im Ernst ...« flüsterte sie mühevoll. – »Woher wissen Sie es denn?« fragte sie plötzlich scheu, als wäre sie zur Besinnung gekommen.

Ssonja fing an, schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer blasser und blasser.

»Ich weiß es.«

Sie schwieg eine Weile.

»Hat man ihn vielleicht gefunden?« fragte sie scheu.

»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«

»Woher wissen Sie es dann?« fragte sie wieder kaum hörbar und wieder nach einem längeren Schweigen.

Er wandte sich zu ihr um und sah sie sehr aufmerksam an.

»Rate einmal«, sagte er mit seinem früheren verzerrten und ohnmächtigen Lächeln.

Ihr ganzer Körper erzitterte wie im Krampf.

»Sie ... machen ... was machen Sie mir solche Angst?« sagte sie und lächelte wie ein Kind.

»Also bin ich wohl mit ihm gut befreundet ... wenn ich es weiß«, fuhr Raskolnikow fort, ihr immer unverwandt ins Gesicht blickend, als hätte er nicht die Kraft, die Augen von ihr zu wenden. »Er hat diese Lisaweta ... nicht ermorden wollen ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er wollte die Alte ermorden ... als sie allein war ... und war gekommen ... Da trat aber Lisaweta ein ... Und da ermordete er sie.«

Es verging wieder eine schreckliche Minute. Sie sahen einander noch immer an.

»Du kannst es also nicht erraten?« fragte er plötzlich mit einem Gefühl, als stürzte er sich von einem Glockenturm hinab.

»N-nein«, flüsterte Ssonja kaum hörbar.

»Sieh mal mich ordentlich an.«

Und kaum hatte er das gesagt, als eine ihm schon bekannte frühere Empfindung sein Herz erstarren ließ: er sah sie an und glaubte plötzlich in ihrem Gesicht das Gesicht Lisawetas zu erkennen. Er hatte sich Lisawetas Gesichtsausdruck so grell eingeprägt, als er damals mit dem Beil auf sie losging und sie vor ihm zur Wand zurückwich, die Hand vorgestreckt, mit einer völlig kindlichen Angst im Gesicht, ganz wie ein kleines Kind, das plötzlich vor etwas erschrickt, unbeweglich und unruhig den ihn erschreckenden Gegenstand anstarrt, dann zurückweicht, das Händchen vorstreckt und sich anschickt, zu weinen. Fast dasselbe war jetzt mit Ssonja; ebenso kraftlos, mit dem gleichen Schrecken sah sie ihn eine Weile an, streckte plötzlich die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den Fingern vor die Brust und fing an, sich langsam vom Bette zu erheben, immer mehr und mehr zurückweichend, während ihr Blick immer starrer wurde. Ihr Entsetzen teilte sich gleichsam auch ihm mit: auch sein Gesicht zeigte die gleiche Angst, er begann sie ebenso anzusehen, fast mit demselben kindlichen Lächeln.

»Hast du es erraten?« flüsterte er plötzlich.

»O Gott!« entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.

Kraftlos fiel sie aufs Bett, mit dem Gesicht auf das Kissen. Doch nach einem Augenblick erhob sie sich wieder, rückte schnell zu ihm heran, ergriff seine beiden Hände, preßte sie wie in einem Schraubstock mit ihren feinen Fingern zusammen und begann ihm wieder unbeweglich und unverwandt ins Gesicht zu schauen. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die leiseste, letzte Hoffnung für sich entdecken und erspähen. Aber es war keine Hoffnung; es blieb auch kein Zweifel: alles war so! Sogar viel später, wenn sie sich auf diesen Augenblick besann, kam es ihr so seltsam und sonderbar vor: warum hatte sie damals sofort erkannt, daß es keine Zweifel mehr gab? Sie konnte doch nicht sagen, daß sie etwas dergleichen zum Beispiel vorausgeahnt hätte! Und doch kam es ihr jetzt, wo er es ihr gesagt hatte, vor, als hätte sie gerade das vorausgeahnt.

»Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!« bat er mit schmerzlichem Ausdruck.

Er hatte es ihr ganz, ganz anders enthüllen wollen, aber es war doch so gekommen.

Wie außer sich, sprang sie auf und ging händeringend bis zur Mitte des Zimmers; doch sie kam schnell zurück und setzte sich wieder neben ihn, so daß sie mit ihrer Schulter beinahe die seinige berührte. Plötzlich fuhr sie, wie von einem Pfeile durchbohrt, zusammen und stürzte, ohne selbst zu wissen, warum, vor ihm in die Knie.

»Was, was haben Sie mit sich getan!« sagte sie verzweifelt.

Sie stand von den Knien auf, fiel ihm um den Hals, umschlang ihn und preßte ihn fest zusammen.

Raskolnikow rückte weg und sah sie mit traurigem Lächeln an.

»Wie sonderbar bist du, Ssonja – du umarmst und küßt mich, nachdem ich dir das gesagt habe! Du weißt selbst nicht, was du tust.«

»Niemand, niemand ist jetzt unglücklicher als du in der ganzen Welt!« rief sie wie rasend aus, ohne seine Bemerkung gehört zu haben, und brach plötzlich in lautes, hysterisches Weinen aus.

Ein ihm schon seit langem unbekanntes Gefühl überströmte mit einem Male seine Seele und machte sie erweichen. Er widerstrebte ihm nicht: zwei Tränen rollten ihm aus den Augen und blieben an seinen Wimpern hängen.

»So wirst du mich nicht verlassen, Ssonja?« fragte er, sie fast mit Hoffnung anblickend.

»Nein, nein! Niemals und nirgends!« rief Ssonja aus. »Ich gehe mit dir, ich folge dir überallhin! O Gott! ... Ach, ich Unglückliche! Warum, warum habe ich dich bisher nicht gekannt! Warum bist du nicht früher gekommen? O Gott!«

»Nun bin ich gekommen.«

»Jetzt erst! Ach, was soll man jetzt tun! ... Zusammen, zusammen!« wiederholte sie wie bewußtlos und umarmte ihn von neuem. »Ich gehe mit dir nach Sibirien!«

Er zuckte plötzlich zusammen, sein früheres gehässiges und fast hochmütiges Lächeln zeigte sich wieder auf seinen Lippen.

»Vielleicht will ich noch gar nicht nach Sibirien, Ssonja!« sagte er.

Ssonja warf ihm einen schnellen Blick zu.

Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruch von Mitgefühl für den Unglücklichen wurde sie wieder von dem schrecklichen Gedanken an den Mord erschüttert. Im veränderten Ton seiner Worte erkannte sie den Mörder. Sie sah ihn mit Erstaunen an. Es war ihr noch nichts bekannt: weder warum, noch wie, noch wozu er es getan hatte. Alle diese Fragen tauchten mit einemmal in ihrem Bewußtsein auf. Und sie glaubte es wieder nicht. – Er, er soll ein Mörder sein? Ist es denn möglich?

»Was ist denn das? Wo bin ich denn?« sagte sie in tiefem Erstaunen, als wäre sie noch nicht zu sich gekommen. »Wie konnten Sie, Sie, solch ein Mensch, sich zu so was entschließen?!«

»Na ja, um zu rauben. Hör auf, Ssonja!« antwortete er müde und fast ärgerlich.

Ssonja stand wie niedergeschmettert da, rief aber plötzlich aus:

»Du warst hungrig! Du ... um deiner Mutter zu helfen? Ja? ...«

»Nein, Ssonja, nein«, stammelte er abgewandt und mit gesenktem Kopf. »Ich war gar nicht so hungrig ... ich wollte wirklich der Mutter helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... quäle mich nicht, Ssonja.«

Ssonja schlug die Hände zusammen.

»Ist es denn wirklich, wirklich wahr? Mein Gott, was ist das für eine Wahrheit? Wer kann es glauben? ... Wie können Sie selbst das Letzte hergeben, wo Sie gemordet und geraubt haben! Ah! ...« schrie sie plötzlich. »Das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben haben ... dieses Geld ... Mein Gott, ist denn auch dieses Geld ...«

»Nein, Ssonja«, unterbrach er sie hastig, »es war anderes Geld, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter geschickt durch einen Kaufmann; ich erhielt es, als ich krank war, am gleichen Tage, an dem ich es hergab ... Rasumichin hat es gesehen ... er hat auch das Geld für mich übernommen ... dieses Geld war wirklich mein eigenes.«

Ssonja hörte verständnislos zu und bemühte sich mit aller Kraft, etwas zu verstehen.

»Und jenes Geld ... ich weiß übrigens gar nicht, ob dort überhaupt Geld war«, fügte er leise und nachdenklich hinzu. »Ich habe ihr damals einen Beutel vom Halse genommen, einen wildledernen ... einen vollgestopften dicken Beutel ... und habe gar nicht hineingeschaut; hatte wahrscheinlich keine Zeit dazu ... Nun, und die Sachen, irgendwelche Hemdknöpfe und Kettchen – alle diese Sachen habe ich am nächsten Morgen auf einem fremden Hofe, auf dem W–schen Prospekt unter einem Stein versteckt ... Alles liegt jetzt noch dort ...«

Ssonja hörte gespannt zu.

»Nun, warum denn ... warum sagten Sie: um zu rauben, haben aber nichts genommen?« fragte sie schnell, wie nach einem Strohhalme greifend.

»Ich weiß nicht ... ich habe es mir noch nicht überlegt, ob ich das Geld nehmen werde oder nicht«, sagte er wieder nachdenklich; plötzlich kam er zu sich und lachte schnell und kurz auf. »Ach, was für eine Dummheit habe ich eben gesagt, wie?!«

Ssonja kam schon der Gedanke: – Ist er nicht wahnsinnig? – Aber sie gab ihn gleich wieder auf: – Nein, hier ist etwas anderes! – Sie verstand davon nichts, gar nichts.

»Weißt du, Ssonja«, sagte er plötzlich, wie einer Eingebung folgend. »Weißt du, was ich dir sagen werde: Wenn ich nur darum gemordet hätte, weil ich hungrig war«, fuhr er fort, jedes Wort betonend und sie rätselhaft, aber aufrichtig anblickend, »so wäre ich jetzt glücklich! Merke dir das! Und was hättest du davon«, rief er nach einem Augenblick in Verzweiflung, »was hättest du davon, wenn ich dir gleich gestanden hätte, daß ich schlecht gehandelt habe? Was hättest du von diesem dummen Triumphe über mich? Ach, Ssonja, bin ich denn deswegen jetzt zu dir gekommen?«

Ssonja wollte wieder etwas sagen, sagte aber nichts.

»Darum habe ich dich auch gestern gerufen, mit mir zu kommen, weil nur du allein mir geblieben bist.«

»Wohin gerufen?« fragte Ssonja.

»Nicht um zu stehlen und nicht um zu morden, beruhige dich! ... nicht dazu«, sagte er mit spöttischem Lächeln. »Wir sind zu verschiedene Menschen ... Weißt du, Ssonja, ich habe erst jetzt, erst eben begriffen, wohin ich dich gestern rief! Als ich dich gestern rief, wußte ich selbst noch nicht, wohin. Nur das eine wollte ich, als ich dich rief, als ich zu dir kam: daß du mich nicht verlassest. Wirst du mich nicht verlassen, Ssonja?«

Sie drückte ihm die Hand.

»Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr enthüllt?!« rief er voll Verzweiflung nach einer Minute aus und sah sie mit unendlicher Qual an. »Da erwartest du von mir Erklärungen, sitzt und wartest, ich sehe es; was kann ich dir aber sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen, wirst dich bloß quälen ... um meinetwillen! Nun, du weinst und umarmst mich wieder – warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht tragen konnte und zum andern kam, um es auf ihn abzuwälzen: ›Leide auch du, damit ich es leichter habe!‹? – Kannst du denn einen solchen Schurken lieben?«

»Quälst du dich denn nicht auch?« rief Ssonja aus.

Wieder überströmte das gleiche Gefühl seine Seele und machte sie für einen Augenblick erweichen.

»Ssonja, ich habe ein böses Herz, merk dir das: damit kannst du vieles erklären. Ich bin auch darum gekommen, weil ich böse bin. Es gibt solche, die nicht gekommen wären. Ich bin aber ein Feigling und ... ein Schuft! Aber ... es sei! Das ist alles nicht das Richtige ... Man muß jetzt sprechen, ich verstehe aber nicht anzufangen ...«

Er hielt inne und wurde nachdenklich.

»Ach, ja, wir sind verschiedene Menschen!« rief er wieder aus. »Wir passen nicht zueinander. Warum bin ich nur hergekommen?! Nie, nie werde ich es mir verzeihen!«

»Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!« rief Ssonja. »Es ist besser, daß ich es weiß! Viel besser!«

Er sah sie voller Schmerz an.

»Ach, in der Tat!« sagte er, als hätte er es jetzt begriffen. »So war es ja auch! Also hör: ich wollte ein Napoleon werden, darum habe ich sie ermordet ... Nun, ist es dir jetzt verständlich?«

»N-nein«, flüsterte Ssonja naiv und scheu. »Aber ... sprich, sprich! Ich werde es verstehen, ich werde für mich alles verstehen!« flehte sie ihn an.

»Du wirst es verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!«

Er schwieg und dachte lange nach.

»Die Sache ist die: Einmal habe ich mir folgende Frage gestellt: Wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon wäre und er, um seine Laufbahn zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über den Mont-Blanc gehabt hätte, wenn an Stelle dieser schönen und monumentalen Dinge ganz einfach eine lächerliche Alte, eine Registratorswitwe gewesen wäre, die man auch noch ermorden mußte, um aus ihrem Koffer Geld zu stehlen (für die Karriere, verstehst du?) – nun, würde er sich dazu entschließen, wenn er keinen anderen Ausweg gehabt hätte? Wäre er davor zurückgeschreckt, daß er schon gar zu unmonumental und ... und sündhaft gewesen wäre? Nun, ich sage dir also, daß ich mich mit dieser Frage furchtbar lange gequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als ich schließlich dahinter kam (so ganz plötzlich), daß er davor nicht nur nicht zurückgeschreckt wäre, sondern es ihm nicht mal in den Sinn gekommen wäre, daß es nicht monumental sei ... und er nicht mal begriffen hätte, wovor er hier eigentlich hätte zurückschrecken sollen! Und wenn er keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er sie erwürgt haben, so daß sie nicht mal gemuckst hätte, ganz ohne Nachdenken! Nun, und ich ... ließ alles Nachdenken ... und tötete sie ... nach dem Beispiele der Autorität. Und es spielte sich auch genau so ab! Das kommt dir lächerlich vor? Ja, Ssonja, das ist wirklich das Lächerlichste dabei, daß es sich wirklich so abgespielt hat ...«

Ssonja kam es gar nicht lächerlich vor.

»Sagen Sie mir lieber offen ... ohne Beispiele«, bat sie kaum hörbar und noch scheuer.

Er wandte sich zu ihr um, sah sie traurig an und ergriff ihre Hände.

»Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, fast leeres Geschwätz! Siehst du: du weißt ja, daß meine Mutter fast nichts hat. Meine Schwester hat zufällig Bildung genossen und ist verurteilt, als Gouvernante von Haus zu Haus zu ziehen. Alle ihre Hoffnungen ruhten auf mir allein. Ich studierte, konnte aber meinen Unterhalt nicht bezahlen und mußte zeitweise die Universität verlassen. Und selbst, wenn es sich noch weiter hingeschleppt hätte, könnte ich nach zehn oder zwölf Jahren (wenn die Umstände mir günstig wären) immerhin ein Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt werden ... (Er sagte das wie eine auswendig gelernte Lektion.) Bis dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer zugrundegegangen, und so wäre es mir doch nicht gelungen, ihr endlich zu einem ruhigen Leben zu verhelfen ... Nun, und der Schwester könnte es noch viel schlimmer ergehen! ... Und was für ein Vergnügen ist es auch, sein Leben lang an allem vorbeizugehen und sich von allem abzuwenden, die Mutter zu vergessen und die Schmach der Schwester mit Ehrfurcht zu ertragen? Wozu? Um sie zu begraben und sich andere – eine Frau und Kinder anzuschaffen und dann auch sie ohne einen Pfennig Geld und ohne einen Bissen Brot zurückzulassen? Nun ... so entschloß ich mich, mir das Geld der Alten anzueignen und es, ohne meine Mutter zu quälen, für den Unterhalt während der ersten Universitätsjahre und für die ersten Schritte nach der Universität zu verwenden, und dies alles auf breiter Grundlage und radikal zu machen, um mir eine vollkommen neue Karriere einzurichten und auf einen neuen, unabhängigen Weg zu kommen ... Nun ... das ist alles ... Daß ich die Alte ermordet habe, war natürlich schlecht von mir ... nun ist's genug!«

In völliger Erschöpfung hatte er das Ende seiner Rede erreicht und ließ den Kopf sinken.

»Ach, das ist nicht das, das ist nicht das!« rief Ssonja voll Gram. »Kann man denn so ... nein, es ist nicht so, nicht so!«

»Du siehst doch selbst, daß es nicht so ist! ... Und doch habe ich aufrichtig gesprochen, habe die reine Wahrheit gesagt! ...«

»Was ist es denn für eine Wahrheit! O Gott!«

»Ich habe doch nur eine Laus getötet, Ssonja, eine unnütze, häßliche, schädliche Laus.«

»Was, ein Mensch ist eine Laus?«

»Das weiß ich auch selbst, daß er keine Laus ist«, antwortete er und sah sie sonderbar an. »Aber ich rede Unsinn, Ssonja,« fügte er hinzu, »ich rede schon lange Unsinn ... Das ist alles nicht das Richtige; du hast recht. Es sind ganz, ganz andere Gründe dabei! ... Ich habe schon lange mit niemand gesprochen, Ssonja ... Mein Kopf tut mir jetzt so weh.«

Seine Augen brannten wie im Fieber. Er begann fast zu phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Durch die große seelische Erregung ließ sich schon eine furchtbare Ohnmacht erkennen. Ssonja begriff, wie er sich quälte. Auch ihr schwindelte schon der Kopf. Auch sprach er so merkwürdig: es kam ihr zwar verständlich vor, und doch ... »Aber wie! Aber wie! O Gott!« Und sie rang in Verzweiflung die Hände.

»Nein, Ssonja, das ist nicht das Richtige!« begann er wieder und hob plötzlich den Kopf, als hätte ihn eine jähe Wendung der Gedanken überrascht und von neuem erregt. »Das ist nicht das Richtige! Besser ... nimm an (ja, so ist es wirklich besser!), nimm an, ich sei egoistisch, neidisch, böse, gemein, rachsüchtig und ... neige vielleicht auch zum Irrsinn. (Besser schon alles auf einmal! Daß ich irrsinnig sei, davon hat man schon früher gesprochen, ich habe es gemerkt!) Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität meinen Unterhalt nicht bezahlen konnte. Weißt du aber, daß es vielleicht auch ginge? Die Mutter hätte mir das Lehrgeld geschickt, und für Stiefel, Kleider und Brot hätte ich selbst verdienen können, sogar ganz gewiß! Ich hätte auch Stunden erteilen können: fünfzig Kopeken bot man mir für die Stunde. Rasumichin arbeitet doch! Ich wurde böse und wollte nicht. Ja, ich wurde böse (das ist ein guter Ausdruck!). Und ich verkroch mich wie eine Spinne in meinen Winkel. Du warst doch in meinem Loch, hast es gesehen ... Weißt du aber auch, Ssonja, daß die niedrigen Decken und enge Zimmer Seele und Herz erdrücken! O, wie hasse ich dieses Loch! Und doch wollte ich es nicht verlassen. Wollte es absichtlich nicht! Tagelang kam ich nicht heraus und wollte nicht arbeiten, wollte auch nicht essen, lag immer da. Wenn Nastasja mir was bringt, so esse ich es; bringt sie nichts, so vergeht der Tag auch so; absichtlich, zum Trotz verlangte ich kein Essen! Abends habe ich kein Licht und liege im Finstern, aber arbeiten, um mir eine Kerze kaufen zu können, will ich nicht. Ich müßte studieren, hatte aber die Bücher verkauft; in meinem Zimmer liegt auf den Heften und Notizen fingerdick der Staub. Ich zog es vor, zu liegen und zu denken. Ich dachte immer nach ... Und ich hatte immer Träume, so verschiedene merkwürdige Träume, ich will gar nicht sagen, was für welche! Aber auch dann kam es mir zuweilen vor, daß ... Nein, es ist nicht so! Ich erzähle wieder falsch! Siehst du: ich fragte mich damals immer: warum bin ich so dumm, daß ich, wenn die anderen dumm sind und ich weiß, daß sie dumm sind, gar nicht klüger sein will als sie? Dann erfuhr ich, Ssonja, daß man lange warten müßte, bis alle Menschen klug werden. Und dann erfuhr ich auch, daß das niemals eintreten wird, daß die Menschen sich nicht verändern werden und daß niemand sie ändern kann, – es ist nicht der Mühe wert! Ja, so ist es! ... Das ist ihr Gesetz, ihr Gesetz, Ssonja! So ist es! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß, wer an Geist und Verstand stark und rüstig ist, auch ein Herrscher über sie ist! Wer vieles wagt, der hat bei ihnen recht. Wer auf das meiste spuckt, der ist für sie der Gesetzgeber, und wer am meisten von allen wagen kann, der hat auch mehr Recht als alle! So war es immer, und so wird es immer bleiben! Nur ein Blinder sieht es nicht!«

Als Raskolnikow das sagte, sah er Ssonja zwar an, kümmerte sich aber nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber hatte ihn ganz ergriffen. Er war in eine Art finstere Verzückung geraten. (Er hatte wirklich viel zu lange mit niemand gesprochen!) Ssonja verstand, daß dieser düstere Katechismus zu seinem Glauben und Gesetz geworden war.

»Ich kam damals dahinter, Ssonja,« fuhr er begeistert fort, »daß die Macht bloß dem zufällt, der es wagt, sich zu bücken und sie aufzuheben. Es handelt sich nur um das eine: man muß es nur wagen! Mir kam damals ein Gedanke – zum erstenmal im Leben –, den vor mir noch niemand jemals gehabt hat! Niemand! Klar wie die Sonne stand plötzlich vor mir die Frage: Wie kommt es, daß noch niemand es gewagt hat und wagt, angesichts dieses ganzen Unsinns, alles am Schwanze zu packen und zum Teufel zu schmeißen? Ich ... wollte einfach wagen und tötete ... ich wollte nur wagen, Ssonja, das ist der ganze Grund!«

»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Ssonja aus und schlug die Hände zusammen. »Sie haben Gott verlassen, und Gott hat Sie geschlagen, hat Sie dem Teufel überliefert!« ...

»Ubrigens, Ssonja: als ich im Finstern lag und mir allerlei vorschwebte, das war doch eine Versuchung des Teufels, wie?«

»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer, nichts, gar nichts verstehen Sie! O Gott! Er wird doch nichts, gar nichts begreifen!«

»Schweig, Ssonja, ich spotte gar nicht, ich weiß ja selbst, daß mich der Teufel stieß. Schweig, Ssonja, schweig!« wiederholte er finster und eindringlich. »Ich weiß alles. Ich habe mir schon alles überlegt und vorgeflüstert, als ich damals im Finstern lag ... Ich habe alles bis zum letzten Punkt mit mir selbst diskutiert und weiß alles, alles! Und so satt habe ich dieses ganze Geschwätz! Ich wollte alles vergessen und von neuem beginnen, Ssonja, und aufhören zu schwatzen! Glaubst du denn wirklich, daß ich wie ein Narr blindlings hingegangen bin? Ich ging wie ein Kluger hin, und das hat mich eben zugrundegerichtet! Glaubst du vielleicht, ich hätte zum Beispiel nicht gewußt, daß, wenn ich schon anfange, mich zu fragen und auszuforschen, ob ich das Recht habe, die Macht zu haben, ich schon darum dieses Recht nicht hatte? Oder daß, wenn ich die Frage stelle, ob der Mensch eine Laus sei, der Mensch für mich keine Laus ist, sondern nur für einen, dem diese Frage gar nicht in den Sinn kommt, der einfach, ohne zu fragen, hingeht ... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der Frage abgequält habe, ob Napoleon hingegangen wäre, so fühlte ich doch vollkommen klar, daß ich kein Napoleon bin ... Die ganze Qual dieses Geschwätzes habe ich ertragen, Ssonja, und ich wollte sie von mir werfen; ich wollte ohne Kasuistik töten, Ssonja, für mich töten, für mich allein! Darin wollte ich nicht mal mich selbst belügen! Ich habe nicht getötet, um meiner Mutter zu helfen, – das ist Unsinn! Ich habe nicht getötet, um Mittel und Macht zu erhalten und dann ein Wohltäter der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; ich habe für mich getötet, für mich allein; ob ich aber irgendwessen Wohltäter geworden wäre oder wie eine Spinne mein Leben lang alle in mein Spinnennetz eingefangen und aus ihnen die Lebenssäfte ausgesogen hätte, das sollte mir ganz gleichgültig sein! ... Und es war mir nicht ums Geld zu tun, Ssonja, als ich tötete; es war weniger das Geld, als etwas anderes ... Jetzt weiß ich das alles ... Versteh mich doch: Vielleicht hätte ich, wenn ich den gleichen Weg weiterging, den Mord gar nicht wiederholt. Ich mußte etwas ganz anderes erfahren, etwas anderes stieß mich hin; ich mußte damals erfahren und so schnell als möglich erfahren, ob ich eine Laus bin wie alle, oder ein Mensch? Ob ich die Kraft habe, hinüberzuschreiten, oder nicht? Ob ich es wage, mich zu bücken und es aufzuheben, oder nicht? Ob ich eine zitternde Kreatur bin, oder ob ich das Recht habe ...«

»Zu morden? Ein Recht zu morden wollen Sie haben?!« rief Ssonja und schlug die Hände zusammen.

»Ach, Ssonja! rief er gereizt; er wollte ihr etwas erwidern, schwieg aber verächtlich. Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte dir nur das eine beweisen: der Teufel stieß mich damals hin, und erst nachher erklärte er mir, daß ich gar nicht das Recht hätte, hinzugehen, weil ich die gleiche Laus sei wie alle. Er hat Spott mit mir getrieben, und nun komme ich zu dir. Nimm den Gast auf! Wäre ich denn zu dir gekommen, wenn ich keine Laus wäre? Höre: Als ich damals zu der Alten ging, so ging ich nur, um es zu probieren... Merke es dir!«

»Und Sie haben gemordet, gemordet!«

»Aber wie habe ich gemordet? Mordet man denn so? Geht man so hin, um zu morden, wie ich damals hinging? Ich werde dir einmal erzählen, wie ich hinging! Habe ich denn die Alte ermordet? Mich habe ich ermordet und nicht die Alte! Mit einem Schlage habe ich mich umgebracht, für alle Ewigkeit! ... Die Alte aber hat der Teufel ermordet, und nicht ich ... Genug, genug, Ssonja, es ist genug! Laß mich!« rief er plötzlich mit krampfhaftem Schmerz. »Laß mich!«

Er stützte sich auf seine Knie und preßte den Kopf mit den Händen wie mit Schraubzwingen zusammen.

»Diese Qual!« entrang es sich Ssonja als jammervoller Schrei.

»Nun, was ist jetzt zu tun? Sprich!« sagte er, indem er plötzlich den Kopf hob und sie mit vor Verzweiflung schrecklich entstelltem Gesicht ansah.

»Was tun?!« rief Ssonja aus, jäh von ihrem Platz aufspringend, und ihre Augen, die bisher voller Tränen waren, begannen zu funkeln. »Steh auf! (Sie packte ihn an der Schulter; er stand auf und sah sie fast erstaunt an.) Geh gleich hin, sofort, stell dich auf einen Kreuzweg, küsse zuerst die Erde, die du geschändest hast, und dann verbeuge dich vor der ganzen Welt, nach allen vier Seiten und sage allen laut: ›Ich habe getötet!‹ Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Wirst du hingehen? Wirst du hingehen?« fragte sie ihn, am ganzen Leibe wie im Krampfe zitternd, indem sie seine beiden Hände festhielt und ihn mit brennenden Augen ansah.

Er war erstaunt und durch ihre plötzliche Verzückung sogar bestürzt.

»Meinst du Sibirien, Ssonja? Daß ich mich selbst anzeigen soll?« fragte er finster.

»Das Leid auf dich nehmen und dich damit erlösen, das mußt du!«

»Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.«

»Wie willst du aber leben, wie leben? Womit wirst du leben?« rief Ssonja. »Kannst du es jetzt noch? Nun, wie wirst du mit der Mutter sprechen? (Ach, und was wird jetzt mit ihnen geschehen?!) Aber was sage ich! Du hast ja Mutter und Schwester schon verlassen. Du hast sie verlassen, verlassen! O Gott!« rief sie aus. »Er weiß ja alles schon selbst! Nun, wie kann man denn nur ohne einen Menschen sein Leben leben! Was wird jetzt mit dir sein?!«

»Sei kein Kind, Ssonja«, sagte er leise. »Was habe ich an ihnen verbrochen? Warum soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das ist ja nur ein Gespenst ... Sie selbst richten Millionen von Menschen zugrunde und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schurken, Ssonja! ... Ich geh nicht hin. Und was soll ich sagen: daß ich getötet, aber nicht gewagt habe, das Geld zu nehmen und es unter einem Stein versteckt habe?« fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. »Sie werden mich ja noch auslachen und sagen: Ein Dummkopf bist du, daß du es nicht genommen hast! Ein Feigling und ein Dummkopf! Nichts, gar nichts werden sie verstehen, Ssonja, und sind auch nicht fähig, es zu verstehen. Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...«

»Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen«, wiederholte sie mit verzweifeltem Flehen, ihm die Hände entgegenstreckend.

»Vielleicht habe ich mich auch verleumdet«, bemerkte er finster, wie nachdenklich, »vielleicht bin ich noch ein Mensch und keine Laus und habe mich voreilig verurteilt. Ich werde noch kämpfen!«

Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.

»Eine solche Qual ertragen! Und das ganze Leben, das ganze Leben! ...«

»Ich werde mich gewöhnen ...« sagte er finster und nachdenklich. »Hör auf zu weinen«, fing er nach einer Weile wieder an, »es ist Zeit, von der Sache zu sprechen: ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß man mich sucht, daß man mir auf der Spur ist.«

»Ach!« rief Ssonja erschrocken aus.

»Nun, was schreist du so? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien gehe, und jetzt erschrickst du? Aber hör: Ich ergebe mich ihnen nicht! Ich will mit ihnen kämpfen, und sie werden mir nichts antun. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich in großer Gefahr und glaubte schon, daß ich verloren sei; heute hat sich die Sache gebessert. Alle ihre Beweise haben zwei Enden, das heißt, ich kann ihre Beschuldigungen auch zu meinen Gunsten wenden, verstehst du? Und ich werde sie auch so wenden, denn ich habe es gelernt ... Aber ins Zuchthaus sperren sie mich ganz gewiß. Wenn nicht ein Zufall dazwischengekommen wäre, so hätten sie mich vielleicht schon heute eingesperrt; sie werden mich vielleicht noch heute einsperren ... Das macht aber nichts, Ssonja! Ich werde eine Zeitlang sitzen, und sie werden mich wieder herauslassen ... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden auch keinen haben, mein Wort darauf. Aber mit den Beweisen, die sie haben, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun ist's genug ... Ich sage es nur, damit du es weißt ... Meiner Mutter und meiner Schwester werde ich es auszureden versuchen, damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester scheint jetzt übrigens versorgt zu sein ... also auch die Mutter ... Nun, das ist alles. Sei übrigens vorsichtig. Wirst du zu mir ins Zuchthaus kommen, wenn ich sitzen werde?«

»O, ich werde kommen, ich werde kommen!«

Sie saßen beide nebeneinander, traurig und erdrückt, als wären sie nach einem Sturme allein an einen öden Strand gespült worden. Er sah Ssonja an und fühlte ihre Liebe auf sich ruhen, und seltsam: so schwer und schmerzvoll war ihm plötzlich das Gefühl, daß er so geliebt wurde. Ja, es war ein sonderbares, schreckliches Gefühl! Als er zu Ssonja ging, ahnte er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein einziger Ausweg sei; er hoffte wenigstens einen Teil seiner Qual abzuwälzen; aber jetzt, als ihr Herz sich ihm ganz zugewandt hatte, fühlte und erkannte er plötzlich, daß er unvergleichlich unglücklicher geworden war.

»Ssonja,« sagte er, »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Zuchthaus sitzen werde.«

Ssonja antwortete nicht; sie weinte. Es vergingen einige Minuten.

»Hast du ein Kreuz an der Brust?« fragte sie ihn plötzlich ganz unvermittelt, als sei es ihr so eingefallen ... »Nein, du hast doch keins? Hier, nimm dieses aus Zypressenholz. Ich habe noch ein anderes, aus Messing, von Lisaweta. Wir hatten getauscht: Lisaweta gab mir ihr Kreuz, und ich gab ihr mein Heiligenbildchen. Jetzt will ich das von Lisaweta tragen, und dieses gebe ich dir. Nimm's ... es ist doch von mir. Doch von mir!« bat sie ihn. »Wir gehen doch zusammen, um zu leiden, werden auch zusammen das Kreuz tragen!«

»Gib's her!« sagte Raskolnikow.

Er wollte sie nicht kränken. Doch er zog sofort die Hand, die er nach dem Kreuz ausgestreckt hatte, wieder zurück.

»Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später«, fügte er hinzu, um sie zu beruhigen.

»Ja, lieber später, lieber später«, fiel sie ihm begeistert ins Wort: »Wenn du gehst, um das Leid auf dich zu nehmen, dann wirst du es nehmen. Du wirst zu mir kommen, ich werde es dir umhängen, wir werden beten und gehen.«

In diesem Augenblick klopfte jemand dreimal an die Tür.

»Ssofja Ssemjonowna, darf ich zu Ihnen?« fragte eine bekannte höfliche Stimme.

Ssonja stürzte erschrocken zur Tür. Der blonde Kopf des Herrn Lebesjatnikow blickte ins Zimmer hinein.