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Lebesjatnikow sah sehr erregt aus.

»Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemjonowna. Entschuldigen Sie ... Das dachte ich mir, daß ich Sie hier treffe«, wandte er sich plötzlich an Raskolnikow. »Das heißt, ich dachte mir eigentlich nichts ... Derartiges ... aber ich glaubte gerade ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt geworden«, wandte er sich unvermittelt wieder an Ssonja, ohne den an Raskolnikow gerichteten Satz zu beenden.

Ssonja schrie auf.

»Das heißt, es kommt mir wenigstens so vor. Übrigens ... Wir wissen gar nicht, was wir tun sollen, das ist es! Sie kam zurück – man hat sie, scheint es, irgendwo hinausgeworfen, vielleicht auch geschlagen ... es scheint wenigstens so ... Sie war zum Vorgesetzten Ssemjon Sacharowitschs gelaufen und hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei einem anderen Geheimrat zu Mittag geladen ... Und denken Sie sich nur: sie lief dann dorthin, wo er geladen war ... zu jenem anderen Geheimrat, und, denken Sie sich nur, sie setzte es durch, daß der Vorgesetzte Ssemjon Sacharowitschs zu ihr herauskam, ich glaube sogar von der Tafel ... Sie können sich denken, was da kam. Man warf sie natürlich hinaus; und sie erzählt, daß sie ihn selbst beschimpft und ihm sogar etwas ins Gesicht geworfen habe. Das klingt sehr wahrscheinlich ... Daß man sie nicht festgenommen hat, verstehe ich einfach nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch der Amalia Iwanowna, man kann aber schwer etwas verstehen: sie schreit und tobt ... Ach, ja: sie schreit und sagt, daß sie, da alle sie verlassen haben, mit den Kindern und einem Leierkasten auf die Straße ziehen wird: die Kinder werden singen und tanzen, und sie auch, und Geld sammeln und jeden Tag vors Fenster des Geheimrats gehen ... ›Sollen nur alle sehen,‹ sagt sie, ›wie die adligen Kinder eines beamteten Vaters als Bettler durch die Straße ziehen!‹ Sie schlägt alle Kinder, und die Kinder weinen. Die Lenja lehrt sie singen, den Jungen tanzen, Polina Michailowna ebenfalls; sie zerreißt alle Kleider und näht ihnen Mützchen, wie sie die Komödianten haben; und sie selbst will ein Becken tragen und darauf schlagen, statt Musik ... Sie will auf nichts hören ... Denken Sie sich nur, was soll daraus werden? Es geht doch einfach nicht!«

Lebesjatnikow hätte noch mehr gesprochen, aber Ssonja, die ihm, kaum noch atmend, zugehört hatte, ergriff plötzlich ihre Mantille, den Hut und lief aus dem Zimmer, sich im Laufen ankleidend. Raskolnikow folgte ihr, Lebesjatnikow verließ zugleich mit ihm das Zimmer.

»Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!« sagte er zu Raskolnikow, mit ihm auf die Straße tretend. »Ich wollte bloß Ssofja Ssemjonowna nicht erschrecken und sagte darum, ›es kommt mir so vor‹; aber es ist gar kein Zweifel möglich. Man sagt, daß bei der Schwindsucht im Gehirn solche Bläschen entstehen. Schade, daß ich nichts von Medizin verstehe. Ich versuchte sie übrigens zu überreden, aber sie will nichts hören.«

»Haben Sie ihr von diesen Bläschen erzählt?«

»Das heißt, eigentlich nicht von den Bläschen. Auch würde sie nichts verstanden haben! Ich meine aber: Wenn man einen Menschen mit logischen Gründen davon überzeugt, daß er eigentlich keinen Grund zum Weinen hat, so hört er zu weinen auf. Das ist klar. Und Sie sind der Ansicht, daß er nicht aufhören wird?«

»Dann wäre das Leben viel zu leicht«, antwortete Raskolnikow.

»Erlauben Sie, erlauben Sie! Katerina Iwanowna könnte es natürlich schwer verstehen. Aber ist Ihnen bekannt, daß man in Paris schon ernsthaft versucht hat, Verrückte durch bloße logische Überredung zu heilen? Ein dortiger Professor, der vor kurzem gestorben ist, ein bekannter Gelehrter, ist zur Überzeugung gelangt, daß man sie auf diese Weise heilen kann. Seine Grundidee ist, daß bei Verrückten eine besondere Störung im Organismus nicht vorliegt und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Irrtum ist, ein Denkfehler, eine falsche Anschauung von den Dingen. Er hat so einen Patienten allmählich widerlegt, und denken Sie sich, er soll Erfolge erzielt haben!! Da er aber dabei auch noch Duschen anwandte, so werden die Erfolge dieses Heilverfahrens natürlich noch angezweifelt ... So glaube ich wenigstens ...«

Raskolnikow hörte ihm schon lange nicht mehr zu. Als er sein Haus erreicht hatte, nickte er Lebesjatnikow zu und trat ins Tor. Lebesjatnikow kam zur Besinnung, sah sich um und lief weiter.

Raskolnikow trat in seine Kammer und blieb mitten in ihr stehen. – Warum bin ich nur hierher zurückgekehrt? – Er betrachtete die gelbe abgewetzte Tapete, den Staub, sein Sofa ... Vom Hofe her klang ein ununterbrochenes metallisches Klopfen, als ob man irgendwo einen Nagel hineinjagte ... Er trat ans Fenster, reckte sich auf den Zehen und blickte lange mit dem Ausdrucke außerordentlicher Aufmerksamkeit in den Hof hinaus. Der Hof war aber leer, und man sah die Klopfenden nicht. Im Seitengebäude links war hier und da ein Fenster offen; auf den Fensterbrettern standen Töpfe mit verkümmerten Geranien, und vor den Fenstern hing Wäsche ... Dies alles kannte er auswendig. Er wandte sich weg und setzte sich aufs Sofa.

Noch nie, noch nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!

Ja, er fühlte wieder, daß er Ssonja vielleicht wirklich hassen werde, und zwar gerade jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.

Warum war er zu ihr gegangen? Um um ihre Tränen zu betteln? Warum muß er unbedingt ihr Leben vergiften?! Ach, diese Gemeinheit!

»Ich bleibe allein,« sagte er plötzlich, »und sie wird nicht zu mir ins Zuchthaus kommen!«

Nach fünf Minuten hob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Ein sonderbarer Gedanke war ihm gekommen.

– Vielleicht ist es in Sibirien wirklich besser – kam es ihm plötzlich in den Sinn.

Er wußte nicht mehr, wie lange er in seinem Zimmer mit den unklaren Gedanken, die sich in seinem Kopfe drängten, dagesessen hatte. Plötzlich ging die Tür auf, und herein trat Awdotja Romanowna. Sie blieb zaudernd stehen und sah ihn aufmerksam von der Schwelle her an, so wie er vorhin Ssonja angesehen hatte; erst dann kam sie näher und setzte sich auf ihren gestrigen Stuhl ihm gegenüber. Er sah sie stumm und ganz gedankenlos an.

»Sei nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick«, sagte Dunja.

Ihr Gesichtsausdruck war nachdenklich, aber nicht streng. Sie blickte heiter und still. Er sah, daß auch sie mit ihrer Liebe zu ihm gekommen war.

»Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Dmitrij Prokofjewitsch hat mir alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich auf Grund eines dummen, gemeinen Verdachts ... Dmitrij Prokofjewitsch sagte mir, daß gar keine Gefahr vorliegt und daß du dies alles unnütz mit solcher Angst hinnimmst. Ich denke es mir anders und begreife vollkommen, wie tief dein ganzes Wesen empört sein muß und daß diese Empörung in dir für immer ihre Spuren hinterlassen kann. Dies fürchte ich eben. Dafür, daß du uns verlassen hast, verurteile ich dich nicht und wage nicht, dich zu verurteilen; verzeihe mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich fühle auch selbst, daß, wenn ich so ein Leid hätte, auch ich von allen fortgehen würde. Der Mutter werde ich davon nichts erzählen, werde aber ununterbrochen von dir sprechen und ihr in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen, ich werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht und komme wenigstens einmal zu ihr: vergiß nicht, daß sie die Mutter ist! Jetzt komme ich aber nur, um dir zu sagen (Dunja schickte sich an, aufzustehen), daß, im Falle du mich irgendwie brauchst oder ... mein Leben brauchen kannst, oder sonst etwas ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!«

Sie wandte sich schnell und ging zur Tür.

»Dunja!« hielt Raskolnikow sie zurück. Er stand auf und ging auf sie zu. »Dieser Dmitrij Prokofjewitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.«

Dunja errötete leicht.

»Nun?« fragte sie nach einer Minute.

»Er ist ein tüchtiger, fleißiger und ehrlicher Mensch und einer großen Liebe fähig ... Leb wohl, Dunja.«

Dunja wurde ganz rot und fuhr dann auf:

»Was fällt dir ein, Bruder! Trennen wir uns denn wirklich für alle Ewigkeit, daß du mir ... solche Vermächtnisse hinterläßt?«

»Ist ganz gleich ... leb wohl ...«

Er wandte sich von ihr weg und ging zum Fenster. Sie stand noch eine Weile da, sah ihn besorgt an und ging tief erregt hinaus.

Nein, er war nicht kalt zu ihr. Es war ein Augenblick (der allerletzte), wo er furchtbare Lust hatte, sie zu umarmen, sich von ihr zu verabschieden und ihr es sogar zu sagen: er konnte sich aber nicht mal entschließen, ihr die Hand zu reichen.

– Sie wird vielleicht später noch erschauern beim Gedanken, daß ich sie jetzt umarmt habe; sie wird sagen, ich hätte ihr den Kuß gestohlen! –

– Und wird sie es aushalten oder nicht aushalten? – fügte er nach einer Weile hinzu. – Nein, sie wird es nicht aushalten; eine solche kann so was nicht aushalten! Solche halten es niemals aus ... –

Und er dachte an Ssonja.

Vom Fenster wehte Kühle herein. Draußen war es nicht mehr so hell. Er nahm plötzlich die Mütze und ging hinaus.

Er konnte sich um seinen krankhaften Zustand natürlich nicht kümmern und wollte es auch nicht. Doch diese ganze ununterbrochene Unruhe und seelische Angst konnten an ihm nicht spurlos vorübergehen. Und wenn er auch noch nicht in einem wirklichen Fieber daniederlag, so vielleicht nur darum, weil diese ununterbrochene innere Unruhe ihn noch auf den Beinen und bei Bewußtsein erhielt, wenn auch künstlich und vorübergehend.

Er irrte planlos umher. Die Sonne ging unter. In der letzten Zeit überkam ihn oft ein ganz besonderes Unlustgefühl. Es war darin nichts Scharfes oder Brennendes; aber ihm entströmte etwas Ewiges und Bleibendes, die Vorahnung endloser Jahre mit diesem kalten, tötenden Gram, die Vorahnung einer Ewigkeit auf einem »arschinbreiten Raume«. In den Abendstunden quälte ihn dieses Gefühl gewöhnlich besonders stark.

»Und mit diesen dummen, rein physischen Beschwerden, die von irgendeinem Sonnenuntergang abhängen, soll einer keine Dummheiten begehen! Da möchte man nicht bloß zu Ssonja, – auch zu Dunja hingehen!« murmelte er gehässig.

Jemand rief seinen Namen. Er sah sich um, Lebesjatnikow stürzte auf ihn zu.

»Denken Sie sich nur, ich war eben bei Ihnen, ich suche Sie. Denken Sie sich nur: sie hat ihre Absicht verwirklicht und ist mit den Kindern weggelaufen. Ssofja Ssemjonowna und ich haben sie nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an den Straßenecken und vor den Läden stehen. Das dumme Volk rennt hinter ihnen her. Kommen Sie.«

»Und Ssonja?« fragte Raskolnikow besorgt, Lebesjatnikow nacheilend.

»Sie ist rasend. Das heißt, Katerina Iwanowna ist rasend und nicht Ssofja Ssemjonowna; übrigens ist auch Ssofja Ssemjonowna außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz rasend. Ich sage Ihnen ja, sie ist endgültig verrückt geworden. Man wird sie alle auf die Polizei abführen. Sie können sich wohl denken, wie das auf sie wirken wird ... Sie sind jetzt am Kanal bei der *schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemjonowna. Es ist ganz nahe.«

Am Kanal, in der Nähe der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, drängte sich ein Haufe Menschen. Es waren besonders viel Jungen und Mädchen zusammengelaufen. Die heisere, gleichsam gesprungene Stimme Katerina Iwanownas konnte man schon von der Brücke aus hören. Es war ein seltsames Schauspiel, wirklich geeignet, das Straßenpublikum zu interessieren. Katerina Iwanowna in ihrem alten Kleid mit dem grünen Schal und zerbeulten Strohhut, der auf die Seite gerutscht war, befand sich tatsächlich in einem Zustande von Raserei. Sie war müde und keuchte schwer. Das erschöpfte schwindsüchtige Gesicht sah leidender als je aus (außerdem erscheint ein Schwindsüchtiger im Freien, in der Sonne immer leidender und entstellter als im Hause): aber ihr erregter Zustand dauerte an, und sie wurde von Minute zu Minute gereizter. Sie stürzte sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte in Gegenwart des Publikums, wie sie tanzen und was sie singen sollten, versuchte ihnen klarzumachen, warum das nötig sei, geriet in Verzweiflung wegen ihrer Ungelehrigkeit und schlug sie ... Dann brach sie plötzlich ab und stürzte sich gegen das Publikum; sobald sie einen einigermaßen anständig gekleideten Menschen erblickte, der stehen geblieben war, um zuzusehen, begann sie ihm sofort zu erklären, wieso es mit diesen Kindern »aus einem vornehmen, man kann wohl sagen aristokratischen Hause« so weit gekommen sei. Wenn sie in der Menge Lachen oder ein kränkendes Wort hörte, so fiel sie sofort über den Frechen her und begann zu schimpfen. Die einen lachten wirklich, die anderen schüttelten die Köpfe; allen war es interessant, die Verrückte mit den erschrockenen Kindern zu sehen. Die Pfanne, von der Lebesjatnikow erzählt hatte, fehlte; Raskolnikow sah wenigstens keine; doch statt auf einer Pfanne zu trommeln, schlug Katerina Iwanowna den Takt mit ihren ausgemergelten Händen, während Poljetschka singen und Kolja und Lenja tanzen mußten; sie versuchte auch selbst mitzusingen, wurde aber jedesmal bei der zweiten Note von einem heftigen Hustenanfall unterbrochen – dann geriet sie in Verzweiflung, verfluchte ihren Husten und weinte sogar. Am meisten brachten sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenjas aus der Fassung. Sie hatte wirklich versucht, die Kinder wie Straßensänger und Sängerinnen auszuputzen. Der Junge hatte einen Turban aus roten und weißen Fetzen auf und sollte einen Türken darstellen. Für Lenja reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur eine rote gestrickte Mütze (eigentlich die Schlafmütze) des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf, an der eine abgebrochene weiße Straußfeder festgesteckt war; diese hatte noch der Großmutter Katerina Iwanownas gehört und war bisher im Koffer als eine Familienrarität verwahrt worden. Poljetschka hatte ihr gewöhnliches Kleid an. Sie sah ihre Mutter scheu und bestürzt an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg ihre Tränen, ahnte, daß die Mutter verrückt geworden sei, und blickte unruhig um sich. Die Straße und die Menge machten ihr furchtbar Angst. Ssonja folgte unablässig Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna war aber unerbittlich.

»Hör auf, Ssonja, hör auf!« schrie sie, sich überstürzend, keuchend und hustend. »Du weißt selbst nicht, um was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich sagte dir schon, daß ich zu der betrunkenen Deutschen nicht zurückkehre. Sollen alle, soll ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines adligen Vaters, der sein Leben lang treu und redlich gedient hat und sozusagen im Dienste gestorben ist, betteln. (Katerina Iwanowna hatte sich schon diese Phantasie zurechtgelegt und glaubte blind an sie.) Soll es nur dieser gemeine Geheimrat sehen. Wie dumm bist du doch, Ssonja, was sollen wir jetzt essen, sag mal selbst? Wir haben dich genug gequält, ich will nicht mehr! Ach, Rodion Iwanowitsch, Sie sind es!« rief sie plötzlich, als sie Raskolnikow gewahrte, und stürzte auf ihn zu. »Erklären Sie doch, bitte, diesem Närrchen, daß ich nichts Klügeres tun konnte! Sogar die Leierkastenmänner verdienen sich ihren Unterhalt; uns wird man aber sofort bemerken, man wird erkennen, daß wir eine arme, adlige, verwaiste, an den Bettelstab gebrachte Familie sind; der Geheimrat wird aber seine Stelle verlieren, Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seine Fenster kommen, und wenn der Kaiser vorüberfährt, werde ich niederknien, diese alle vor mir hinstellen und auf sie zeigen: ›Schütze sie, Vater!‹ Er ist ja der Vater der Waisen, er ist barmherzig, er wird uns in Schutz nehmen, Sie werden sehen, den Geheimrat aber ... Lenja! Tenez vous droite! Kolja, gleich wirst du tanzen! Was heulst du? Er heult schon wieder! Nun, was fürchtest du, Närrchen? Mein Gott, was soll ich mit ihnen machen, Rodion Romanowitsch? Wenn Sie nur wüßten, wie dumm sie sind! Nun, was soll ich mit ihnen anfangen?!«

Sie weinte fast selbst (was sie aber gar nicht hinderte, ununterbrochen und sich überstürzend zu reden) und zeigte auf die weinenden Kinder. Raskolnikow versuchte sie zu überreden, nach Hause zurückzukehren, und sagte sogar, in der Absicht, ihre Eitelkeit zu wecken, daß es für sie unpassend sei, wie ein Leierkastenmann durch die Straßen zu ziehen, da sie doch die Absicht habe, Direktrice eines Pensionats für adlige Töchter zu werden ...

»Eines Pensionats, ha-ha-ha! Warum nicht gar!« rief Katerina Iwanowna aus, die nach dem Lachanfall wieder einen Hustenanfall bekam. »Nein, Rodion Romanowitsch, dieser Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und jener elende Geheimrat ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geschmissen – im Vorzimmer stand auf dem Tisch neben dem Bogen, in den die Besucher ihre Namen eintragen, ein Tintenfaß – das nahm ich, schmiß es ihm an den Kopf und lief weg. Oh, diese Schurken, diese Schurken! Aber ich spucke drauf, jetzt werde ich sie selbst ernähren, werde mich vor niemand mehr erniedrigen! Lange genug haben wir sie gequält! (Sie zeigte auf Ssonja.) – Poljetschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeig's her! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, diese Niederträchtigen! Nichts geben sie her, sie laufen uns nur mit ausgestreckten Zungen nach! Nun, warum lacht dieser Holzklotz? (Sie zeigte auf jemand in der Menge.) Das kommt alles, weil Kolja so ungelehrig ist! Ist das eine Plage mit ihm! Was willst du, Poljetschka? Sprich mit mir Französisch, parlez moi français. Ich habe dich doch unterrichtet, du kennst einige Sätze! ... Wie soll man denn sonst erkennen, daß ihr wohlerzogene Kinder aus adliger Familie seid und keine gewöhnlichen Leierkastenmänner. Wir sind doch keine Hanswürste, wir wollen eine vornehme Romanze singen ... Ach, ja! Was wollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich immer, wir sind aber ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehengeblieben, um auszuwählen, was wir singen sollen, damit Kolja dazu tanzen kann ... denn wir machen alles, denken Sie sich nur, ganz ohne Vorbereitung; wir müssen es besprechen und zuerst proben, und dann gehen wir auf den Newskij, wo viele Menschen aus der höchsten Gesellschaft sind, dort wird man uns sofort bemerken. Lenja kennt nur das eine Lied ›Das Landhäuschen‹ ... Aber immer das ›Landhäuschen‹ und immer wieder das ›Landhäuschen‹ – alle singen das! Wir müssen etwas viel Vornehmeres singen ... Nun, was ist dir eingefallen, Poljetschka? Wenn du doch der Mutter helfen wolltest! Ich habe gar kein Gedächtnis mehr, sonst wäre mir schon was eingefallen! Wir wollen doch nicht das Lied ›Auf seinen Säbel stützt sich der Husar‹ singen! ... Ach, singen wir doch Französisch: ›Cinq sous‹! Ich habe es euch gelehrt! Vor allem aber: da es Französisch ist, so werden alle gleich sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das wird rührender wirken ... Man könnte auch ›Marlborough s'en va-t-en guerre‹ singen: das ist ein wirkliches Kinderlied und wird in aristokratischen Häusern gesungen, wenn man die Kinder in den Schlaf wiegt:

Marlborough s'en va-t-en guerre,

Ne sait quand reviendra ...«

begann sie zu singen. »Nein, lieber schon ›Cinq sous‹! Nun, Kolja, die Händchen in die Seiten, und schneller, und du, Lenja, dreh dich in der entgegengesetzten Richtung, und ich und Poljetschka werden mitsingen und in die Hände klatschen!

Cinq sous, cinq sous

Pour monter notre ménage!

Kchi-kchi-kchi! (Sie bekam wieder einen Hustenanfall.) Bring dein Kleidchen in Ordnung, Poljetschka, es ist an der Schulter heruntergerutscht«, bemerkte sie, Atem holend. »Ihr müßt euch jetzt besonders vornehm und fein benehmen, damit alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe doch damals gesagt, daß man die Taille länger und aus zwei Stücken zuschneiden muß. Da kamst du aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja: ›Kürzer, noch kürzer‹, und so hat man das Kind ganz verunstaltet ... Nun weint ihr schon wieder alle! Was habt ihr, ihr Dummen? Nun, Kolja, fang an, schneller, schneller, schneller! Ach, dieses unerträgliche Kind ...

Cinq sous, cinq sous –

Wieder der Soldat! Nun, was willst du?«

Durch die Menge drängte sich wirklich ein Schutzmann. Doch im gleichen Augenblick näherte sich auch ein Herr in Uniformrock und Mantel, ein etwa fünfzigjähriger, solider Beamter mit einem Orden am Halse (das letztere war Katerina Iwanowna besonders angenehm und machte auch auf den Schutzmann Eindruck); er reichte Katerina Iwanowna einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und verbeugte sich höflich, fast zeremoniös.

»Ich danke Ihnen, mein Herr«, begann sie stolz. »Die Gründe, die uns bewogen haben ... nimm das Geld, Poljetschka. Siehst du, es gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer armen adligen Dame im Unglück zu helfen. Sie sehen hier mein Herr, adlige Waisen, man kann wohl sagen, mit den aristokratischsten Verbindungen ... Jener gemeine Geheimrat saß aber da und aß Haselhühner! ... er stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört hatte ... ›Eure Exzellenz‹, sage ich ihm, ›schützen Sie die Waisen, da Sie den verstorbenen Ssemjon Sacharytsch‹, sage ich, ›so gut kannten und da der gemeinste aller Schurken seine leibliche Tochter am Tage seiner Beerdigung verleumdet hat ...‹ Wieder dieser Soldat! Schützen Sie uns!« schrie sie dem Beamten zu. »Was will dieser Soldat von mir? Wir sind schon vor einem solchen aus der Mjeschtschanskaja-Straße hergelaufen ... Nun, was geht es dich an, Dummkopf?«

»Weil es in den Straßen verboten ist. Machen Sie keinen Skandal.«

»Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe doch wie mit einem Leierkasten herum, was geht es dich an?«

»Was einen Leierkasten betrifft, so muß man dazu eine Erlaubnis haben, Sie sammeln aber auf diese Weise das Volk an. Wo belieben Sie zu wohnen?«

»Wie, eine Erlaubnis?!« schrie Katerina Iwanowna. »Ich habe heute meinen Mann beerdigt, was redest du da von einer Erlaubnis?«

»Meine Dame, meine Dame, beruhigen Sie sich doch«, fing der Beamte an. »Kommen Sie, ich will Sie nach Hause begleiten. Hier in der Menge ist es unanständig ... Sie sind nicht ganz wohl!«

»Mein Herr, mein Herr, Sie wissen nichts!« schrie Katerina Iwanowna. »Wir wollen auf den Newskij gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie denn? Sie weint auch! Was habt ihr denn alle? Kolja, Lenja, wo wollt ihr hin?« rief sie plötzlich erschrocken. »Oh, die dummen Kinder! Kolja, Lenja, wo sind sie hingelaufen? ...«

Es war nämlich folgendes passiert: Als Kolja und Lenja, von der Straßenmenge und von der wahnsinnigen Mutter aufs äußerste erschrocken, den Soldaten sahen, der sie irgendwohin abführen wollte, faßten sie einander wie auf Verabredung an den Händchen und rannten davon. Die arme Katerina Iwanowna stürzte weinend und schreiend ihnen nach, um sie einzuholen. Wie sie ihnen weinend und außer Atem nachlief, bot sie einen häßlichen und jammervollen Anblick, Ssonja und Poljetschka eilten ihr nach.

»Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren Kinder! ... Polja! Fang sie ... Ich tu es ja für euch selbst ...«

Sie stolperte im Laufen und fiel hin.

»Sie hat sich blutiggeschlagen! O Gott!« rief Ssonja aus, sich über sie beugend.

Alle liefen zusammen und drängten sich um sie. Raskolnikow und Lebesjatnikow waren als die ersten herbeigestürzt; auch der Beamte eilte hin und nach ihm der Schutzmann, der »Ach ja!« murmelte und ärgerlich mit der Hand durch die Luft fuhr, in der Vorahnung, daß die Sache noch große Scherereien machen werde.

»Geht weiter, marsch!« jagte er die sich drängenden Leute auseinander.

»Sie stirbt!« rief jemand.

»Sie ist von Sinnen!« sagte ein anderer.

»Gott, steh ihr bei!« sagte eine Frau und bekreuzigte sich. »Hat man den Jungen und das Mädel eingefangen? Da führt man sie ja, die Alteste hat sie erwischt ... Diese Dummen!«

Als man Katerina Iwanowna genauer ansah, merkte man, daß sie sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja es glaubte, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm rötete, ihr aus der Brust durch den Mund gestürzt war.

»Ich kenne das, hab es schon gesehen«, murmelte der Beamte zu Raskolnikow und Lebesjatnikow. »Das ist die Schwindsucht; das Blut stürzt aus dem Hals, und man erstickt daran. So war es neulich auch mit einer Verwandten von mir, ich war Zeuge, an die anderthalb Glas Blut ... plötzlich ... Was soll man aber tun, sie wird gleich sterben.«

»Hierher, hierher, zu mir!« flehte Ssonja. »Hier wohne ich! ... Hier in diesem Hause, es ist das zweite von hier ... Schnell zu mir, schnell, schnell! ...« wiederholte sie, sich bald an den einen, bald an den anderen wendend. »Schickt nach einem Arzt ... O Gott!«

Dank den Bemühungen des Beamten wurde alles nach Wunsch besorgt; selbst der Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie halbtot zu Ssonja und legte sie dort aufs Bett. Der Blutsturz dauerte noch an, aber sie kam allmählich zu sich. Ins Zimmer kamen außer Ssonja auch noch Raskolnikow, Lebesjatnikow, der Beamte und der Schutzmann, der vorher die Menge, die bis zur Wohnungstür vorgedrungen war, auseinandergejagt hatte. Polja führte bei den Händchen Kolja und Lenja herein, welche zitterten und weinten. Auch die Kapernaumows kamen herbei; er selbst ein lahmer und schielender Mann von sonderbarem Aussehen, mit borstigen Haaren und Backenbart; seine Frau, die so aussah, als wäre sie ein für allemal erschrocken, und einige von den Kindern mit vor ständigem Erstaunen zu Holz erstarrten Gesichtern und offenen Mündern. Unter diesem ganzen Publikum erschien plötzlich Swidrigailow. Raskolnikow sah ihn erstaunt an und konnte nicht begreifen, woher der plötzlich erschienen war; draußen in der Menge hatte er ihn gar nicht gesehen.

Man sprach von einem Arzt und einem Geistlichen. Der Beamte flüsterte zwar Raskolnikow zu, daß der Arzt jetzt wohl schon unnötig sei, ließ aber dennoch nach einem schicken. Kapernaumow lief selbst hin.

Katerina Iwanowna war indessen zu sich gekommen, und der Blutsturz hörte für eine Zeitlang auf. Sie sah mit schmerzvollen, doch aufmerksamen und durchdringenden Blicken Ssonja an, die ihr mit einem Tuch die Schweißtropfen von der Stirn wischte, und bat, daß man sie ein wenig hebe. Man setzte sie im Bette auf und stützte sie von beiden Seiten.

»Wo sind die Kinder?« fragte sie mit schwacher Stimme. »Hast du sie hergebracht, Polja? Oh, diese Dummen! ... Was seid ihr davongelaufen? ... Ach!«

Ihre ausgetrockneten Lippen waren noch voller Blut. Sie ließ die Augen im Kreise schweifen und sah sich um.

»So wohnst du also, Ssonja! Ich bin ja noch nie bei dir gewesen ... nun hat es sich doch so gefügt ...«

Sie blickte sie schmerzvoll an.

»Ausgesogen haben wir dich, Ssonja ... Polja, Lenja, Kolja, kommt her ... Hier sind sie, Ssonja, nimm sie ... ich gebe sie dir in die Hand ... ich habe genug! ... Aus ist es! Ha! ... Legt mich wieder hin, laßt mich wenigstens ruhig sterben ...«

Mau ließ sie wieder in die Kissen sinken.

»Was? Ein Geistlicher? ... Nicht nötig ... Wo habt ihr denn einen überflüssigen Rubel!? ... Ich habe keine Sünden auf mir! ... Gott muß mir auch so verzeihen ... Er weiß selbst, wie ich gelitten habe! ... Und verzeiht er nicht, so ist es mir auch so recht! ...«

Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer immer mehr. Ab und zu fuhr sie zusammen, blickte um sich, erkannte auf einen Augenblick alle, und das Bewußtsein wurde wieder vom Fieber getrübt. Sie atmete heiser und schwer; in ihrer Kehle röchelte es.

»Ich sage ihm: ›Eure Exzellenz! ...‹« schrie sie, nach jedem Worte Atem holend. »Diese Amalia Ludwigowna ... ach! Lenja, Kolja! Die Händchen in die Seiten, schneller, glissez, glissez, pas de basque! Klopf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind! ...

Du hast Diamanten und Perlen ...

Wie geht es weiter? Wenn wir das singen könnten! ...

Du hast die schönsten Augen ...

Mädchen, was willst du mehr? ...

Ja, Schnecken! ›Was willst du mehr!‹ – was sich so ein Narr nicht alles ausdenkt! ... Ja, dann noch dieses:

In Mittagsglut im Dagestanschen Tale ...

Ach, wie ich es liebte! Ich vergötterte dieses Lied, Poljetschka! ... Weißt du, dein Vater ... pflegte es als Bräutigam zu singen ... Oh, diese Tage! ... Ach, wenn wir es jetzt singen könnten! Aber wie geht es noch, wie geht es noch? ... ich hab es ganz vergessen ... helft mir nach, wie geht es noch?«

Sie war in außerordentlicher Erregung und bemühte sich, aufzustehen. Endlich begann sie mit schrecklicher, heiserer, überspannter Stimme zu singen, bei jedem Worte aufschreiend und um Atem ringend, mit dem Ausdruck eines immer anwachsenden Entsetzens:

In Mittagsglut! ... im Dagestanschen! ... Tale! ...

Vom Blei getroffen! ...

»Eure Exzellenz!« schrie sie plötzlich mit herzzerreißender Stimme, in Tränen ausbrechend. »Schützen Sie die Waisen! Gedenken Sie der Gastfreundschaft des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, eines aristokratischen! ... Ha! ...« fuhr sie auf, plötzlich zur Besinnung kommend und alle entsetzt betrachtend; doch sie erkannte sofort Ssonja. »Ssonja, Ssonja!« sagte sie mild und freundlich, gleichsam erstaunt, sie vor sich zu sehen. »Ssonja, Liebste, bist du auch hier?«

Man hob sie wieder auf.

»Genug! Es ist Zeit! ... Leb wohl, Armste! ... Man hat die Mähre zu Tode geritten! ... Sie kann nicht mehr!« schrie sie verzweifelt und voller Haß auf und fiel mit dem Kopf auf das Kissen.

Sie wurde wieder bewußtlos, doch diese letzte Bewußtlosigkeit dauerte nur kurz. Das blaßgelbe, ausgemergelte Gesicht fiel nach hinten, der Mund öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte sehr tief auf und starb.

Ssonja fiel über ihre Leiche her, umschlang sie mit den Armen und erstarrte, den Kopf an die eingefallene Brust der Toten geschmiegt. Poljetschka sank zu Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut weinend. Kolja und Lenja, die noch nicht erfaßt hatten, was geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit den Händen bei den Schultern, sahen sich in die Augen, öffneten plötzlich gleichzeitig die Münder und begannen zu schreien. Beide hatten noch ihre Kostüme an: der eine den Turban, die andere das Mützchen mit der Straußfeder.

Wie kam aber das lobende Attest plötzlich auf das Bett neben Katerina Iwanowna? Es lag dicht neben dem Kissen, Raskolnikow sah es.

Er ging zum Fenster, Lebesjatnikow eilte zu ihm.

»Sie ist gestorben!« sagte Lebesjatnikow.

»Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen«, wandte sich an ihn Swidrigailow.

Lebesjatnikow trat ihm sofort den Platz ab und ging diskret zur Seite. Swidrigailow führte den erstaunten Raskolnikow noch weiter in die Ecke.

»Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und das übrige nehme ich auf mich. Wissen Sie, es kommt bloß auf das Geld an, und ich sagte Ihnen doch, daß ich überflüssiges habe. Diese beiden Kücken und Poljetschka will ich in besseren Waisenanstalten unterbringen und für jedes bis zur Volljährigkeit ein Kapital von fünfzehnhundert Rubeln einzahlen, so daß Ssofja Ssemjonowna sich ihretwegen keine Sorgen zu machen braucht. Und auch sie will ich aus dem Sumpfe herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Richten Sie also, bitte, Awdotja Romanowna aus, daß ich ihre zehntausend Rubel auf diese Weise verwendet habe.«

»Was für Absichten verfolgen Sie mit diesem Wohltun?« fragte Raskolnikow.

»Ach, Sie mißtrauischer Mensch!« antwortete Swidrigailow lachend. »Ich sagte Ihnen doch, daß dieses Geld bei mir überflüssig ist. Können Sie denn gar nicht annehmen, daß ich es einfach aus Menschlichkeit tue? Sie ist doch keine ›Laus‹ gewesen (er deutete mit dem Finger auf die Ecke, wo die Verstorbene lag), wie jene alte Wucherin! Nun, geben Sie es selbst zu – ›soll Luschin wirklich weiterleben und seine Gemeinheiten begehen, und sie soll sterben?‹ Und wenn ich nicht helfe, so wird Poljetschka vielleicht – ›denselben Weg gehen‹ ...«

Er sagte dies irgendwie besonders anzüglich, mit listigem Ausdruck, ohne Raskolnikow aus den Augen zu lassen. Dieser erbleichte und erschauerte, als er seine eigenen, an Ssonja gerichteten Worte hörte. Er taumelte zurück und sah Swidrigailow wild an.

»Woher ... woher wissen Sie ... das?!« flüsterte er, kaum noch atmend.

»Ich wohnte ja gleich hier hinter der Wand, bei der Madame Rößlich. Hier wohnt Kapernaumow und dort Madame Rößlich, meine alte, ergebene Freundin ... Ich bin der Nachbar.«

»Sie?!«

»Ja, ich«, fuhr Swidrigailow fort, sich vor Lachen schüttelnd. »Und ich kann Ihnen auf Ehre versichern, liebster Rodion Romanowitsch, Sie haben mich außerordentlich interessiert. Ich sagte Ihnen doch, daß wir einander noch – näherkommen würden, ich hab's Ihnen vorausgesagt, – nun haben wir uns wirklich näher kennengelernt! Und Sie werden sehen, was für ein vernünftiger Mensch ich bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir leben läßt ...«