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»Bist du ihm begegnet?« fragte sie ihn, als sie am Tische bei der Lampe saßen. »Siehst du, das ist deine Strafe dafür, daß du zu spät gekommen bist.«

»Ja, aber wie ist das nur zugegangen? Er sollte ja doch in der Sitzung sein?«

»Er ist auch dagewesen, kam aber früher zurück und fuhr dann wieder fort, ich weiß nicht wohin. Aber über diese Begegnung wollen wir uns weiter nicht aufregen; sprich nicht mehr davon! Wo bist du inzwischen gewesen? Immer mit dem Prinzen zusammen?«

Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er wollte ihr schon sagen, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und dann vom Schlafe übermannt worden sei; aber als er in ihr erregtes, glückliches Gesicht blickte, schämte er sich zu sagen, daß er die Zeit verschlafen habe. Er sagte lieber, er habe ausfahren müssen, um von der Abreise des Prinzen Meldung abzustatten.

»Aber jetzt ist das zu Ende? Er ist abgereist?«

»Ja, Gott sei Dank, es ist zu Ende. Du glaubst gar nicht, wie widerwärtig mir die Sache gewesen ist.«

»Aber warum denn? Das ist doch das Leben, das ihr jungen Männer immer führt«, erwiderte sie, griff, die Brauen zusammenziehend, nach einer Häkelarbeit, die auf dem Tische lag, und schickte sich an, ohne Wronski anzusehen, den Häkelhaken aus ihr herauszuziehen.

»Ich habe dieses Leben schon längst aufgegeben«, versetzte er, erstaunt über die Veränderung ihres Gesichtsausdrucks und bemüht, die Bedeutung dieser Veränderung zu erkennen. »Und ich muß bekennen«, fuhr er fort und lächelte dabei, so daß seine lückenlosen, weißen Zähne sichtbar wurden, »ich habe diese Woche über, während ich dieses Leben mit ansah, mich wie in einem Spiegel betrachtet, und es war mir recht unerfreulich.«

Sie hielt die Häkelarbeit in den Händen, häkelte aber nicht daran, sondern sah ihn mit einem sonderbaren, funkelnden, unfreundlichen Blicke an.

»Heute morgen hat mich Lisa besucht – die Damen scheuen sich noch nicht, mit mir zu verkehren, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna«, schaltete sie ein – »und mir von eurer athenischen Soiree erzählt. Wie ekelhaft!«

»Ich wollte nur sagen, daß ...«

Sie unterbrach ihn.

»War das jene Französin Therese, mit der du früher bekannt warst?«

»Ich wollte sagen ...«

»Wie abscheulich seid ihr Männer doch! Könnt ihr denn nicht begreifen, daß eine Frau so etwas nicht vergessen kann?« sagte sie; sie wurde dabei immer heftiger und verriet ihm dadurch die Ursache ihrer Gereiztheit. »Besonders eine Frau, die nicht wissen kann, wie du fern von ihr lebst. Was weiß ich denn von deinem Leben? Was habe ich denn davon gewußt? Nur was du mir sagst. Und woher soll ich wissen, ob du mir die Wahrheit sagst?«

»Anna, du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir nicht gesagt, daß in meinem Kopfe kein Gedanke ist, den ich dir nicht mitteilen würde?«

»Ja, ja«, antwortete sie, sichtlich bemüht, ihre eifersüchtigen Regungen niederzukämpfen. »Aber wenn du wüßtest, wie schwer mir ums Herz ist! ... Ich glaube dir ja, ich glaube dir ... Also was wolltest du sagen?«

Aber er konnte sich nicht sogleich erinnern, was er hatte sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sich in der letzten Zeit immer häufiger bei ihr wiederholten, erschreckten ihn und machten, wie sehr er dies auch zu verbergen suchte, sein Gefühl ihr gegenüber kälter, obschon er wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht lediglich ihre Liebe zu ihm war. Wie oft sagte er sich, daß sein Glück darin bestehe, von ihr geliebt zu werden; und nun liebte sie ihn mit aller Kraft, mit der ein Weib nur lieben konnte, dem die Liebe höher stand als alle Güter des Lebens – und doch war er jetzt viel weiter davon entfernt, sich glücklich zu fühlen, als damals, wo er ihr aus Moskau nachgereist war. Damals hatte er sich für unglücklich gehalten und sein Glück von der Zukunft erwartet; aber jetzt fühlte er, daß das schönste Glück bereits hinter ihm lag. Sie war ganz und gar nicht mehr so, wie er sie in der ersten Zeit gesehen hatte. Seelisch und körperlich hatte sie sich zu ihrem Nachteil verändert. Ihre ganze Figur hatte sich verbreitert, und auf ihrem Gesichte lag, als sie von der Schauspielerin sprach, ein böser Ausdruck, der es unangenehm entstellte. Er betrachtete sie, wie jemand eine Blume betrachtet, die er gepflückt hat, und die nun verwelkt, so daß er nur mit Mühe an ihr die Schönheit wiedererkennt, um derentwillen er sie gepflückt und zugrunde gerichtet hat. Und trotzdem fühlte er, daß er damals, als seine Liebe stärker war, imstande gewesen wäre, wenn er es ernstlich gewollt hätte, diese Liebe aus seinem Herzen herauszureißen; aber jetzt, wo er, wie in diesem Augenblicke, keine Liebe zu ihr zu empfinden meinte, war er sich bewußt, daß das Band, das ihn an sie knüpfte, nie zerreißen konnte.

»Nun also, was wolltest du mir von dem Prinzen erzählen? Ich habe den Teufel ausgetrieben, gewiß, ich habe ihn ausgetrieben«, fügte sie hinzu. »Teufel« war im Verkehr zwischen ihnen die Bezeichnung der Eifersucht. »Ja, also was fingst du an, von dem Prinzen zu erzählen? Warum ist dir denn die Sache so widerwärtig gewesen?«

»Ach, es war geradezu unerträglich!« antwortete er und bemühte sich, den verlorenen Gedankenfaden wiederzufinden. »Er gewinnt nicht bei näherer Bekanntschaft. Wenn ich dir einen Begriff von ihm geben soll: er ist ein vortrefflich gefüttertes Stück Vieh, wie sie auf den Ausstellungen die ersten Preise bekommen, weiter nichts«, sagte er in einem ärgerlichen Tone, durch den ihre Aufmerksamkeit erregt wurde.

»Aber wie kann das nur sein?« erwiderte sie. »Er hat doch vieles gesehen und ist ein gebildeter Mensch?«

»Das ist eine ganz andere Art von Bildung, die Bildung solcher Leute. Auch was er von Bildung besitzt, hat er sich offenbar nur deshalb angeeignet, um ein Recht zu haben, die Bildung gering zu schätzen, wie denn diese Leute alles gering schätzen, mit Ausnahme der sinnlichen Vergnügungen.«

»Aber ihr alle liebt ja diese sinnlichen Vergnügungen«, sagte sie, und wieder bemerkte er ihren finsteren Blick, der es vermied, sich auf ihn zu richten.

»Warum verteidigst du ihn denn so?« fragte er lächelnd.

»Ich verteidige ihn nicht; er ist mir vollständig gleichgültig. Aber ich meine, wenn du nicht selbst diese Vergnügungen liebtest, so hättest du ja den Auftrag ablehnen können. Aber es macht dir Vergnügen, diese Therese im Evagewande zu sehen ...«

»Da ist der Teufel doch wieder«, sagte Wronski, ergriff ihre auf dem Tische liegende Hand und küßte sie.

»Ja, aber ich kann mich nicht zwingen! Du weißt nicht, welche Pein ich ausgestanden habe, während ich auf dich wartete! Ich meine, daß ich nicht eifersüchtig bin. Ich bin nicht eifersüchtig; ich vertraue dir, wenn du hier bist, bei mir bist; aber wenn du irgendwo anders allein dein mir unverständliches Leben führst ...«

Sie bog sich von ihm weg, machte endlich den Häkelhaken aus der Arbeit los, und schnell bildete sich nun mit Hilfe des Zeigefingers Masche auf Masche aus der weißen, im Lampenlichte schimmernden Wolle, und schnell und nervös drehte sich das feine Handgelenk in der gestickten Manschette hin und her.

»Nun, und wie war es denn damit? Wo bist du mit Alexei Alexandrowitsch zusammengestoßen?« fragte sie auf einmal mit unnatürlich klingender Stimme.

»Wir trafen in der Tür aufeinander.«

»Und er hat dich so gegrüßt?«

Sie zog das Gesicht in die Länge, änderte, indem sie die Augen halb zudrückte, schnell ihre ganze Miene, legte die Hände zusammen, und Wronski er blickte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich genau denselben Ausdruck, mit dem Alexei Alexandrowitsch ihn gegrüßt hatte. Er lächelte, und sie lachte fröhlich auf mit jenem hübschen, aus voller Brust kommenden Lachen, das einen ihrer Hauptreize bildete.

»Ich habe für sein Verhalten schlechterdings kein Verständnis«, sagte Wronski. »Wenn er nach dem, was du ihm im Landhause mitgeteilt hast, mit dir gebrochen hätte, wenn er mich zum Duell gefordert hätte ... Aber das begreife ich nicht: wie kann er eine solche Lage ertragen? Daß er darunter leidet, ist ja deutlich.«

»Der?« erwiderte sie höhnisch. »Der ist vollständig zufrieden.«

»Weshalb müssen wir alle eine solche Pein ausstehen, während doch alles so gut sein könnte?«

»Er ist der einzige von uns, der nicht leidet. Ich kenne ihn ja, ich kenne die Unwahrhaftigkeit, mit der sein ganzes Wesen durchtränkt ist. Ist es denn möglich, daß jemand, der auch nur eine Spur von Gefühl besitzt, so lebt, wie er mit mir lebt? Er begreift nichts, er fühlt nichts. Ist es denn möglich, daß ein Mensch, wenn er nicht aller Empfindung bar ist, mit seinem verbrecherischen Weibe unter einem Dache lebt, mit ihr spricht, du zu ihr sagt?«

Und wieder kam sie unwillkürlich darauf, ihm nachzumachen: »Du, ma chère, du, Anna!«

»Das ist kein Mann, kein Mensch, das ist eine Puppe. Das weiß sonst niemand; aber ich weiß es. Oh, wenn ich an seiner Stelle wäre, ich hätte längst so eine Frau, wie ich eine bin, getötet, in Stücke zerrissen und würde nicht zu ihr sagen: ›Du, ma chère, Anna!‹ Das ist kein Mensch, das ist eine dem Ministerium gehörige Maschine. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er ein Fremder, eine überflüssige Person ist ... Wir wollen nicht mehr von ihm sprechen, nein, nein!«

»Du bist ungerecht, sehr ungerecht, Liebste!« erwiderte Wronski, bemüht, sie zu beruhigen. »Aber ganz gleich, wir wollen nicht weiter von ihm reden. Erzähle mir lieber, was du inzwischen getan hast. Wie geht es dir? Was ist das für eine Krankheit, von der du mir schriebst, und was hat der Arzt gesagt?«

Sie sah ihn mit spöttischer Freude an. Offenbar waren ihr noch andere komische und häßliche Züge ihres Mannes eingefallen, und sie wartete auf einen geeigneten Zeitpunkt, um sie vorzubringen.

Aber er fuhr fort:

»Ich denke mir, daß du keine eigentliche Krankheit, sondern deinen Zustand gemeint hast. Wann wird es denn soweit sein?«

Der spöttische Glanz erlosch in ihren Augen; aber ein anderes Lächeln, ein stilles, trauriges Lächeln, wie wenn sie etwas wüßte, wovon er nichts ahnte, trat an die Stelle jenes früheren Ausdrucks.

»Bald, sehr bald. Du sagst, daß unsere Lage qualvoll sei und ihr ein Ende gemacht werden müsse. Wenn du wüßtest, wie drückend sie für mich ist! Alles würde ich dafür hingeben, wenn ich dich frei und, ohne die Augen niederzuschlagen, lieben dürfte. Ich würde mich und dich nicht mit meiner Eifersucht quälen ... Und das wird bald eintreten, aber nicht so, wie wir es uns denken.«

Bei dem Gedanken daran, wie das alles kommen werde, erschien sie sich selbst so bemitleidenswert, daß ihr die Tränen in die Augen traten und sie nicht weiterzureden vermochte. Sie legte ihre Hand, an der im Lampenlichte die weiße Haut schimmerte und die Ringe blitzten, auf seinen Arm.

»Es wird nicht so werden, wie wir es uns denken. Ich hatte es dir nicht sagen wollen; aber du zwingst mich dazu. Bald, sehr bald wird das alles ein Ende finden, und wir alle, alle werden zur Ruhe kommen und uns nicht länger quälen.«

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete er, obgleich er sie verstand.

»Du fragtest, wann? Bald. Ich werde es nicht überleben. Unterbrich mich nicht!« Sie fing an, hastig zu sprechen. »Ich weiß das, und ich weiß es bestimmt. Ich werde sterben, und ich bin sehr froh darüber, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.«

Die Tränen strömten ihr aus den Augen; er beugte sich über ihre Hand, bedeckte sie mit Küssen und versuchte, seine Aufregung zu verbergen, die, wie er wußte, keinen tatsächlichen Grund hatte, deren er aber doch nicht Herr werden konnte.

»So wird es kommen, so ist es das beste«, sagte sie und drückte ihm kräftig die Hand. »Das ist das einzige, das einzige, was uns noch übriggeblieben ist.«

Er hatte sich wieder gefaßt und hob den Kopf in die Höhe.

»Was ist das für Torheit! Was für sinnlose Torheit redest du da!«

»Nein, das ist die Wahrheit.«

»Was soll die Wahrheit sein, was denn?«

»Daß ich sterben werde. Ich habe es geträumt.«

»Geträumt?« wiederholte Wronski und mußte im gleichen Augenblick an den Bauer denken, von dem er selbst geträumt hatte.

»Ja, geträumt«, sagte sie. »Diesen Traum habe ich schon vor längerer Zeit gehabt. Mir träumte, ich lief in mein Schlafzimmer; ich mußte da etwas holen oder nachsehen: du weißt, das kommt im Traum so oft vor«, bemerkte sie und öffnete vor Grausen weit die Augen, »und da stand im Schlafzimmer etwas in der Ecke ...«

»Ach, was für Unsinn! Wie kann man nur an so etwas glauben ...«

Aber sie ließ sich nicht unterbrechen. Das, was sie da erzählte, war ihr zu wichtig.

»Und dieses Ding drehte sich um, und ich sah, daß es ein kleiner, furchtbar aussehender Bauer mit zerzaustem Barte war. Ich wollte weglaufen; aber er bückte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen darin herum ...«

Sie machte nach, wie er mit den Händen darin herumgewühlt hatte. Entsetzen malte sich auf ihrem Gesichte, und Wronski, der sich seines eigenen Traumes erinnerte, fühlte, wie das gleiche Entsetzen seine Seele erfüllte.

»Er wühlte darin herum und sagte dabei etwas auf französisch, ganz schnell, ganz schnell, und, weißt du, er schnarrte dabei das R: ›Il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir ...‹ Vor Angst wünschte ich aufzuwachen, und ich wachte auch auf ... aber es träumte mir nur, daß ich aufwachte. Und nun fragte ich mich, immer noch im Traume, was das zu bedeuten habe. Und der Kammerdiener Kornei sagte mir: ›Im Wochenbette werden Sie sterben, Mütterchen, im Wochenbette, jawohl, im Wochenbette werden Sie sterben.‹ ... Und da erwachte ich.«

»Was für Unsinn! Was für Unsinn!« rief Wronski; aber er fühlte selbst, daß seiner Stimme der Ton eigener Überzeugung mangelte.

»Aber wir wollen nicht mehr davon reden. Klingle; ich möchte Tee bringen lassen. Ja, warte nur, jetzt dauert es nicht mehr lange; ich ...«

Aber plötzlich hielt sie inne. Der Ausdruck ihres Gesichtes änderte sich in einem Augenblicke. An die Stelle der Aufregung und des Entsetzens trat auf einmal der Ausdruck eines stillen, ernsten, beglückten Aufmerkens. Wronski konnte die Bedeutung dieser Verwandlung nicht verstehen. Anna hatte in sich die Regung eines neuen Lebens gespürt.