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Auf den Straßen war es noch sehr still und einsam. Ljewin ging zu dem Schtscherbazkischen Hause. Der Eingang für Herrschaften war noch geschlossen, und alles schlief. Er kehrte in sein Hotel zurück, ging wieder auf sein Zimmer und bestellte sich Kaffee. Ein Kellner, aber nun ein anderer als Jegor, brachte ihn ihm. Ljewin wollte ein Gespräch mit ihm anknüpfen; aber es wurde nach dem Kellner geklingelt, und dieser ging hinaus. Ljewin versuchte Kaffee zu trinken und steckte ein Stück Semmel in den Mund; aber sein Mund wußte schlechterdings nicht, was er mit der Semmel anfangen sollte. Ljewin spie sie wieder aus, zog seinen Überzieher wieder an und ging nochmals auf die Straße. Es war zwischen neun und zehn Uhr, als er zum zweiten Male an das Tor des Schtscherbazkischen Hauses kam. Im Hause war man eben erst aufgestanden, und der Koch ging aus, um einzukaufen. Er mußte sich noch mindestens zwei Stunden gedulden.

Diese ganze Nacht und den Morgen hatte Ljewin verlebt, ohne überhaupt an sein eigenes Dasein zu denken, und er fühlte sich von allen äußeren Erfordernissen des Lebens völlig losgelöst. Er hatte den ganzen Tag fast nichts gegessen, zwei Nächte nicht geschlafen, hatte mehrere Stunden entkleidet in der Kälte zugebracht, und doch fühlte er sich nicht nur so frisch und gesund wie nur je zuvor, sondern auch geradezu unabhängig von seinem Körper: er bewegte sich, ohne die Muskeln anzustrengen, und hatte die Empfindung, daß er schlechthin alles könne. Er war überzeugt, daß er in die Höhe fliegen oder die Ecke eines Hauses fortschieben könne, wenn das erforderlich sein sollte. Während der noch übrigen Zeit wanderte er auf der Straße umher, wobei er unaufhörlich nach der Uhr sah und sich nach allen Seiten umblickte.

Und so interessante Dinge wie damals bekam er in seinem ganzen späteren Leben nicht wieder auf der Straße zu sehen. Besonderen Eindruck machten ihm die Kinder, die zur Schule gingen, die blaugrauen Tauben, die von einem Dache auf den Fußsteig heruntergeflogen kamen, und die mit Mehl überstäubten Semmeln, die eine unsichtbare Hand in einem Schaufenster auslegte. Diese Semmeln, diese Tauben sowie zwei kleine Knaben erschienen ihm wie Dinge, die nicht von dieser Welt waren. Folgendes begab sich alles in ein und demselben Augenblick: einer der beiden Knaben lief auf eine Taube zu und blickte lächelnd nach Ljewin hin; die Taube schlug klatschend mit den Flügeln und flog davon, wobei ihr Gefieder im Sonnenlichte zwischen den in der Luft zitternden Schneestäubchen hell leuchtete; und aus einem Fenster duftete es nach frisch gebackenem Brote, und es wurden dort die Semmeln ausgelegt. Alles dies zusammen war so außerordentlich hübsch, daß Ljewin vor Freude zugleich lachte und weinte. Nachdem er einen großen Rundgang durch die Gasetnü-Gasse und die Kislowka gemacht hatte, kehrte er in sein Hotel zurück, legte die Uhr vor sich auf den Tisch, setzte sich hin und wartete, bis es zwölf sein würde. Im Nachbarzimmer wurde von Maschinen und von einer Betrügerei gesprochen, und es war ein energisches Husten zu hören, wie es sich morgens nach dem Aufwachen einzustellen pflegt. Die Leute dort hatten offenbar gar kein Verständnis dafür, daß der Uhrzeiger sich schon der Zwölf näherte. Endlich hatte der Zeiger die Zwölf erreicht, und Ljewin trat vor das Tor. Die Droschkenkutscher wußten augenscheinlich alles. Sie umringten Ljewin mit glückseligen Gesichtern und boten, sich untereinander streitend, ihre Dienste an. Ljewin wählte sich einen Kutscher aus, versprach den übrigen, damit sie sich nicht gekränkt fühlen möchten, bei späteren Gelegenheiten auch mit ihnen zu fahren, und gab dem seinigen als Ziel das Schtscherbazkische Haus an. Der Kutscher sah allerliebst aus mit seinem weißen Hemdkragen, der aus dem Rocke hervorschaute und den vollen, roten, kräftigen Hals straff umschloß. Und was den Schlitten dieses Kutschers anlangte, so war er hoch und außerordentlich bequem, ein Schlitten, wie er Ljewin in späteren Zeiten nie wieder vorkam; und auch das Pferd war gut und gab sich alle Mühe, schnell zu laufen, kam aber allerdings nicht vom Fleck. Der Kutscher kannte das Schtscherbazkische Haus, hob am Ziele, zum Zeichen besonderer Ehrerbietung gegen seinen Fahrgast, die Arme in einer schönen runden Geste, sagte: »Brr!« und hielt am Eingang. Der Schtscherbazkische Pförtner wußte bestimmt alles. Das konnte man aus seinem Lächeln abnehmen und aus der Art, wie er sagte:

»Ah, Sie sind ja lange nicht hier gewesen, Konstantin Dmitrijewitsch!«

Er wußte nicht nur alles, sondern war auch offenbar entzückt darüber und machte die größten Anstrengungen, um seine Freude zu verbergen. Ljewin blickte dem alten Manne in die guten, freundlichen Augen und fand dabei noch wieder einen neuen Anlaß, sich glücklich zu fühlen.

»Sind die Herrschaften schon aufgestanden?«

»Bitte, näher zu treten! Oh, lassen Sie sie nur hier!« sagte er lächelnd, als Ljewin umkehren und seine Mütze mit hereinnehmen wollte. Das hatte sicherlich etwas zu bedeuten.

»Wem darf ich Sie melden?« fragte der Diener.

»Der Fürstin ... dem Fürsten ... der Prinzessin ...«, antwortete Ljewin.

Die erste Person, die er traf, war Mademoiselle Linon. Sie ging durch den Saal, und ihre Löckchen und ihr Gesicht strahlten nur so. Kaum hatte er mit ihr ein paar Worte gewechselt, als sich im Nebenzimmer hinter der Tür das Rascheln eines Kleides vernehmen ließ und Mademoiselle Linon ihm auf einmal aus den Augen verschwunden war. Ein freudiger Schreck über die Nähe seines Glückes überkam ihn. Mademoiselle Linon hatte es jetzt sehr eilig, ihn zu verlassen, und ging nach einer andern Tür hin. Kaum war sie hinausgegangen, als rasche, ganz rasche, leichte Schritte auf dem Parkett ertönten und sein Glück, sein Leben, sein wahres Selbst, sein besseres Ich, das, was er so lange gesucht und ersehnt hatte, sich ihm schnell, ganz schnell näherte. Sie ging nicht, sondern wurde durch eine Art von unsichtbarer Kraft zu ihm hingetragen.

Er sah nur ihre klaren, ehrlichen Augen und in ihnen das leise Erschrecken über ebendieselbe Liebesempfindung, von der sein eigenes Herz erfüllt war. Diese leuchtenden Augen kamen ihm immer näher und näher und blendeten ihn mit ihrem Liebesglanze. Sie blieb dicht vor ihm stehen, so daß ihr Kleid ihn berührte. Ihre Arme hoben sich in die Höhe und senkten sich auf seine Schultern herab.

Sie hatte alles getan, was sie nur konnte: sie war auf ihn zugeeilt und hatte sich, schüchtern und freudig zugleich, ihm ganz zu eigen gegeben. Er umarmte sie und drückte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.

Auch sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und den ganzen Vormittag auf ihn gewartet.

Ihre Mutter und ihr Vater hatten sich widerspruchslos einverstanden erklärt und waren glücklich über das Glück ihres Kindes. Sie hatte auf ihn gewartet. Sie hatte die erste sein wollen, die ihm ihr und sein Glück mitteilte. Sie hatte sich vorgenommen, ihn allein zu empfangen, und sich über diesen Gedanken gefreut, war aber doch zaghaft gewesen und hatte sich geschämt und selbst nicht gewußt, was sie bei der Begegnung tun sollte. Da hatte sie seine Schritte und seine Stimme gehört und hinter der Tür gewartet, bis Mademoiselle Linon weggehen würde. Mademoiselle Linon war gegangen. Und nun war sie, ohne einen Augenblick zu überlegen und ohne sich zu fragen, was sie tun sollte und wie sie es tun sollte, zu ihm hingeeilt und hatte getan, was oben erzählt ist.

»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie nun und faßte ihn bei der Hand. Er war längere Zeit nicht imstande, etwas zu sagen, nicht weil er fürchtete, der Erhabenheit seiner Empfindung durch ein gesprochenes Wort Eintrag zu tun, sondern weil er jedesmal, wenn er etwas sagen wollte, fühlte, daß ihm statt der Worte Tränen des Glückes kommen würden. Er ergriff ihre Hand und küßte sie.

»Ist es denn wirklich wahr?« sagte er endlich mit tonloser Stimme. »Ich kann es gar nicht glauben, daß du mich liebst!«

Sie lächelte über dieses Du und über die Zaghaftigkeit, mit der er sie anblickte.

»Ja!« erwiderte sie langsam und mit ruhigem Ernste. »Ich bin so glücklich!«

Sie ließ seine Hand nicht los, als sie beide in den Salon traten. Sobald die Fürstin das Paar erblickte, ging ihr Atem schneller, und sie brach sogleich in Tränen aus, lachte dann aber unmittelbar darauf, eilte mit so energischen Schritten, wie es Ljewin von ihr gar nicht erwartet hätte, auf die beiden zu, umfaßte Ljewins Kopf, küßte ihn und benetzte seine Wangen mit ihren Tränen.

»So ist denn alles zum guten Ende gelangt. Ich bin so froh. Habe sie nur lieb! Ich bin so froh ... Kitty!«

»Das habt ihr ja schnell in Ordnung gebracht!« sagte der alte Fürst, der sich Mühe gab, gleichmütig zu erscheinen; aber Ljewin bemerkte, als er sich zu ihm wandte, daß ihm die Augen feucht waren. »Das habe ich schon lange gewünscht, immer gewünscht!« fuhr er fort, ergriff Ljewins Hand und zog ihn an sich. »Schon damals, als dieses flatterhafte Persönchen hier den Einfall hatte ...«

»Papa!« rief Kitty und hielt ihm die Hände vor den Mund.

»Na, ich bin ja schon stille!« sagte er. »Ich freue mich sehr, sehr ... Ach, wie töricht bin ich ...«

Er umarmte Kitty, küßte ihr Gesicht und ihre Hand und wieder ihr Gesicht und bekreuzte sie.

Und in Ljewin erwachte ein neues Gefühl der Liebe zu diesem ihm bisher so fremden Manne, dem alten Fürsten, als er sah, wie Kitty seine fleischige Hand lange und zärtlich küßte.