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Nach diesem Gespräche mit Alexei Alexandrowitsch trat Wronski vor das Tor des Kareninschen Hauses hinaus, blieb dort stehen und sammelte mit Mühe seine Gedanken, um zu wissen, wo er sei und wohin er nun gehen oder fahren solle. Er fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldig und der Möglichkeit beraubt, seine Demütigung abzuwaschen. Er fühlte sich aus dem Geleise herausgedrängt, in dem er sich bisher so stolz und leicht vorwärts bewegt hatte. Alle die Gewohnheiten und Grundsätze seines Lebens, die ihm so sicher und fest erschienen waren, hatten sich als falsch und unbrauchbar erwiesen. Der betrogene Gatte, den er sich bisher als ein klägliches Wesen, als ein zufälliges, einigermaßen lächerliches Hindernis seines Glückes vorgestellt hatte, war plötzlich von ihr selbst herbeigerufen und zu einer ehrfurchtgebietenden Höhe hinaufgehoben worden, und dieser Gatte erschien auf dieser Höhe nicht als ein schlechter, unwahrhaftiger, lächerlicher Mensch, sondern als ein guter, offener und edler. Dieser Erkenntnis konnte Wronski sich nicht verschließen. Die Rollen waren plötzlich vertauscht. Wronski fühlte seines Gegners sittliche Höhe und gerechtes Verhalten und seine eigene Niedrigkeit und Rechtsverletzung. Er fühlte, daß der Gatte sogar in seinem schweren Kummer sich großmütig, er selbst aber in seinem Betruge sich niedrig und erbärmlich gezeigt hatte. Aber dieses Bewußtsein seiner eigenen Niedrigkeit gegenüber dem Manne, den er ungerechterweise verachtet hatte, machte nur einen kleinen Teil seiner Seelenpein aus. Er fühlte sich jetzt deswegen unsäglich elend, weil seine Liebesleidenschaft, die seiner eigenen Empfindung nach in der letzten Zeit schon im Erkalten begriffen gewesen war, jetzt, wo er wußte, daß er Anna für immer verloren hatte, stärker geworden war als je zuvor. Er hatte während ihrer Krankheit auf den tiefsten Grund ihres Herzens gesehen, ihre ganze Seele kennengelernt, und es schien ihm, als habe er sie bisher noch nie wahrhaft geliebt. Und jetzt, wo er sie erkannt hatte und sie liebte, wie sie geliebt zu werden verdiente, jetzt stand er als ein Erniedrigter vor ihr da, hatte sie für immer verloren und war für sie in Zukunft nichts weiter als eine beschämende Erinnerung. Am allerschrecklichsten aber war seine lächerliche, schmähliche Lage gewesen, als er vor Scham hatte vergehen wollen und Alexei Alexandrowitsch ihm die Hände vom Gesichte weggezogen hatte. Er stand wie verwirrt vor dem Tor des Kareninschen Hauses und wußte nicht, was er tun sollte.

»Befehlen Sie eine Droschke?« fragte der Pförtner.

»Ja, eine Droschke.«

Nach Hause zurückgekehrt, streckte sich Wronski nach den drei schlaflos verbrachten Nächten, ohne sich auszukleiden, auf das Sofa, mit dem Gesicht nach unten, faltete die Hände zusammen und legte den Kopf darauf. Der Kopf war ihm schwer. Die seltsamsten Vorstellungen, Erinnerungen und Gedanken lösten mit wunderbarer Schnelligkeit und Klarheit einander ab: da war bald die Arznei, die er für die Kranke in der Erregung so eingoß, daß der Löffel überfloß, bald die weißen Arme der Hebamme, bald Alexei Alexandrowitschs sonderbare Körperhaltung auf dem Fußboden vor dem Bette.

›Schlafen! Vergessen!‹ sagte er zu sich mit der ruhigen Zuversicht eines gesunden Menschen, der bestimmt erwartet, daß, wenn er müde ist und schlafen will, er auch sofort einschlafen wird. Und wirklich begann es ihm in demselben Augenblicke im Kopfe wirr zu werden, und er fing an, in den Abgrund der Selbstvergessenheit zu versinken. Die Wogen der Bewußtlosigkeit schlugen bereits über seinem Haupte zusammen, als es ihm plötzlich war, wie wenn er einen sehr starken elektrischen Schlag erhielte. Er fuhr so zusammen, daß er mit dem ganzen Körper auf den Sprungfedern des Sofas aufschnellte und, auf die Hände gestützt, erschrocken auf die Knie sprang. Seine Augen waren weit geöffnet, als ob er an Schlaf nie gedacht hätte. Die Schwere im Kopfe und die Mattigkeit in den Gliedern, die er noch einen Augenblick vorher gefühlt hatte, waren auf einmal verschwunden.

›Nun können Sie mich in den Schmutz treten‹, hörte er Alexei Alexandrowitsch sagen und sah ihn vor sich und sah auch Annas Gesicht mit den fieberheißen Wangen und den glänzenden Augen, wie sie zärtlich und liebevoll nicht ihn, sondern Alexei Alexandrowitsch anblickte; er sah seine eigene, wie es ihm vorkam, alberne, lächerliche Gestalt, wie ihm Alexei Alexandrowitsch die Hände vom Gesicht nahm. Er streckte wieder die Beine gerade, warf sich in der früheren Haltung auf das Sofa und schloß die Augen. ›Schlafen, schlafen!‹ wiederholte er noch einmal bei sich. Aber mit geschlossenen Augen sah er noch deutlicher Annas Gesicht, wie es an jenem ihm unvergeßlichen Abend des Renntages ausgesehen hatte.

»Das ist alles vorbei und wird nie wiederkehren, und sie möchte es aus ihrer Erinnerung auslöschen. Ich aber kann ohne ihre Liebe nicht leben. Wie, ja wie können wir uns versöhnen, wie können wir uns versöhnen?« sagte er laut und begann unbewußt immer dieselben Worte zu wiederholen. Durch die stete Wiederholung dieser Worte wurde das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen gehemmt, die, wie er fühlte, in seinem Kopfe wimmelten. Aber lange dauerte diese Hemmung seiner arbeitenden Einbildungskraft nicht. Wieder traten ihm mit seltsamer Schnelligkeit einer nach dem andern die schönsten Augenblicke in seinen Beziehungen zu Anna vor die Seele und zugleich damit auch die soeben erlittene Demütigung. ›Nimm ihm die Hände weg!‹ sagte Annas Stimme. Und da nahm ihm der Mann die Hände weg, und er selbst fühlte, was er für ein beschämtes, einfältiges Gesicht machte.

Er lag noch immer da und versuchte einzuschlafen, wiewohl er fühlte, daß dazu nicht die geringste Hoffnung vorhanden war, und immerzu wiederholte er flüsternd einzelne Worte aus irgendwelchem Gedankengange, um dadurch das Auftauchen neuer Bilder zu verhindern. Er horchte – und hörte sich selbst in dem sonderbaren Flüstertone eines Irrsinnigen immer die Worte wiederholen: ›Ich habe es nicht zu schätzen, nicht zu benutzen verstanden; ich habe es nicht zu schätzen, nicht zu benutzen verstanden.‹

›Was ist das? Werde ich wahnsinnig?‹ fragte er sich. ›Vielleicht, aus solchem Grunde wird man ja wahnsinnig, aus solchem Grunde erschießt man sich‹, antwortete er selbst auf seine Frage und erblickte, als er die Augen öffnete, mit Erstaunen neben seinem Kopfe ein Kissen, das ihm Warja, die Frau seines Bruders, früher einmal gestickt hatte. Er berührte ein paarmal leise eine Quaste des Kissens und versuchte sich an Warja zu erinnern, an das letztemal, wo er sie gesehen hatte. Aber es war ihm eine Pein, an etwas Fremdartiges zu denken. ›Nein, ich muß schlafen!‹ Er rückte sich das Kissen näher und drückte seinen Kopf dagegen; aber es bedurfte für ihn besonderer Anstrengung, um die Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich hin. ›Diese Sache ist für mich zu Ende‹, sagte er zu sich. ›Nun muß ich überlegen, was ich weiter tun soll. Was ist mir denn noch übriggeblieben?‹ Er durchmusterte rasch in Gedanken das, was von seinem Leben nicht in Beziehung zu Anna stand.

›Der Ehrgeiz? Serpuchowskoi? Die Gesellschaft? Der Hof?‹ Bei nichts vermochte er seine Gedanken festzuhalten. All das hatte früher eine gewisse Bedeutung für ihn gehabt; aber jetzt war das alles null und nichts. Er stand vom Sofa auf, zog den Rock aus, lockerte sich den Leibriemen, entblößte seine haarige Brust, um freier atmen zu können, und ging im Zimmer auf und ab. ›So wird man wahnsinnig‹, sagte er noch einmal, ›und so erschießt man sich ... damit man sich nicht zu schämen braucht‹, fügte er langsam hinzu.

Er ging zur Tür und machte sie zu; dann trat er mit starrem Blick und fest zusammengepreßten Zähnen an den Tisch, nahm seinen Revolver heraus, betrachtete ihn, drehte ihn auf die geladene Kammer und versank in Gedanken. Etwa zwei Minuten lang stand er mit gesenktem Kopfe und dem Ausdruck angestrengten Denkens, den Revolver in der Hand, da und sann und sann. ›Selbstverständlich‹, sagte er zu sich selbst, wie wenn ein längerer, klarer, logischer Gedankengang ihn zu einer zweifellos richtigen Schlußfolgerung geführt hätte. In Wahrheit aber war dieses so überzeugt klingende ›Selbstverständlich‹ lediglich die Folge der Wiederholung genau desselben Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er in dieser Stunde schon ein dutzendmal durchlaufen hatte. Es waren immer dieselben Erinnerungen an ein für alle Zeit verlorenes Glück, dieselbe Vorstellung von der Wertlosigkeit alles dessen, was ihm das Leben noch bringen konnte, dasselbe Bewußtsein seiner Demütigung. Und auch die Reihenfolge dieser Vorstellungen und Gefühle war immer dieselbe.

›Selbstverständlich‹, sagte er noch einmal, als sein Denken sich wieder zum drittenmal in diesem verhexten Kreise von Erinnerungen und Gedanken herumbewegte; er setzte den Revolver an die linke Brustseite, und indem er mit der ganzen Hand einen starken Ruck machte, als ob er sie plötzlich zur Faust zusammenballen wollte, drückte er auf den Abzug. Er hörte keinen Knall von dem Schusse; aber ein heftiger Schlag gegen die Brust warf ihn zu Boden. Er wollte sich am Rande des Tisches festhalten, ließ dabei den Revolver fallen, wankte, setzte sich auf den Fußboden und blickte verwundert um sich. Er erkannte sein Zimmer nicht wieder, als er von unten her auf die geschweiften Beine des Tisches und den Papierkorb und das Tigerfell blickte. Die schnellen Schritte des Dieners, der mit knarrenden Stiefeln durch den Salon kam, brachten ihn wieder zur Besinnung. Mit Anstrengung sammelte er seine Gedanken und begriff nun, daß er am Boden lag, und als er das Blut auf dem Tigerfell und an seiner Hand sah, begriff er auch, daß er auf sich geschossen hatte.

›Dumm! Schlecht getroffen!‹ sagte er vor sich hin und tastete mit der Hand nach dem Revolver. Der Revolver lag nahe bei ihm; aber er suchte ihn weiter weg. Bei dem fortgesetzten Suchen reckte er sich nach der anderen Seite hin, und nicht imstande, das Gleichgewicht zu bewahren, sank er blutüberströmt nieder.

Der vornehme Diener mit dem Backenbarte, der schon öfters seinen Bekannten gegenüber über seine schwachen Nerven geklagt hatte, erschrak, als er seinen Herrn auf dem Fußboden liegen sah, dermaßen, daß er ihn weiterbluten ließ und davonlief, um Hilfe herbeizuholen. Nach einer Stunde kam Wronskis Schwägerin Warja angefahren, legte mit Hilfe dreier Ärzte, zu denen sie nach allen Seiten Boten geschickt hatte und die nun gleichzeitig eintrafen, den Verwundeten auf sein Bett und blieb bei ihm, um ihn zu pflegen.