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Konstantin konnte seinen Bruder nicht ruhig ansehen; er brachte es nicht fertig, sich in dessen Gegenwart natürlich und ruhig zu benehmen. Sobald er in das Zimmer des Kranken trat, überzog, ohne daß er es selbst recht merkte, eine Art von Nebel seine Augen und sein Wahrnehmungsvermögen, so daß er die Einzelheiten in dem Zustande seines Bruders nicht bemerkte und nicht erkannte. Er empfand den furchtbaren Geruch und sah den Schmutz und die Unordnung und Nikolais qualvolle Lage und hörte sein Stöhnen und sagte sich, daß es hier keine Hilfe mehr gebe. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, alle Einzelheiten in dem Zustand des Kranken festzustellen, darüber nachzudenken, wie dieser Körper dort unter der Decke lag, in welcher gekrümmten Haltung diese ausgemergelten Unterschenkel und Hüften und dieser magere Rücken gelagert seien und ob es nicht irgendwie möglich sei, sie besser zu lagern, etwas zu tun, damit der Kranke, wenn es ihm dadurch auch nicht eigentlich besser ginge, es doch nicht ganz so schlimm habe. Es lief ihm kalt über den Rücken, sobald er an all diese Einzelheiten zu denken anfing. Er war, ohne mehr irgendwie zu zweifeln, davon überzeugt, daß sich weder für die Verlängerung von Nikolais Leben noch für die Linderung seiner Leiden etwas tun lasse. Aber der Kranke spürte es heraus, daß sein Bruder jede Hilfe für unmöglich erachtete, und das machte ihn gereizt. Und Konstantin fühlte, wie der Druck, der auf seinem Herzen lag, dadurch noch schwerer wurde. Es war für ihn eine Qual, in dem Zimmer des Kranken zu sein, und nicht da zu sein eine noch größere. Unter allerlei Vorwänden ging er beständig hinaus und kam dann wieder herein, da er nicht imstande war, allein zu bleiben.

Kitty dagegen dachte, fühlte und handelte ganz anders. Beim Anblick des Kranken hatte sie ein herzliches Mitleid empfunden. Und dieses Mitleid hatte in ihrer Frauenseele durchaus nicht ein Gefühl des Entsetzens und des Ekels hervorgerufen wie bei ihrem Manne, sondern vielmehr ein Bedürfnis zu handeln, sich über alle Einzelheiten seines Zustandes zu unterrichten und ihm zu helfen. Und da sie nun an ihrer Pflicht, zu helfen, nicht den geringsten Zweifel hatte, so zweifelte sie auch nicht an der Möglichkeit der Hilfe und machte sich ungesäumt ans Werk. Dieselben Einzelheiten, die ihren Mann in Schrecken versetzten, wenn er auch nur an sie dachte, wurden sofort ein Gegenstand ihrer eifrigen Aufmerksamkeit. Sie ließ einen Arzt holen, schickte nach der Apotheke, ordnete an, daß das Mädchen, das sie vom Gute mitgebracht hatte, mit Marja Nikolajewna zusammen das Zimmer ausfegen, Staub wischen, die Wäsche waschen sollte; einzelnes wusch und spülte sie auch selbst und legte ihm eine Bettflasche unter die Bettdecke. Auf ihre Anordnung wurde ein anderes Gerät in das Krankenzimmer hereingebracht und wieder entfernt. Sie selbst ging mehrmals nach ihrem Zimmer und holte, ohne sich um die begegnenden Herren zu kümmern, Laken, Bezüge, Handtücher und Hemden.

Der Kellner, der im Speisesaal einigen Ingenieuren das Mittagessen auftrug, kam mehrere Male auf Kittys Klingeln mit ärgerlichem Gesicht herbeigelaufen, konnte aber doch nicht umhin, ihre Weisungen auszuführen, da sie sie mit einer solchen freundlichen Eindringlichkeit erteilte, daß es einfach unmöglich war, anders von ihr loszukommen. Konstantin war mit alledem nicht einverstanden; er glaubte nicht, daß der Kranke davon irgendwelchen Nutzen habe. Am meisten aber fürchtete er, der Kranke könnte ärgerlich werden. Indes war der Arme zwar anscheinend dagegen gleichgültig, ärgerlich jedoch wurde er nicht, sondern er schämte sich nur; und im Grunde hatte er doch ein gewisses Gefühl für das, was Kitty an ihm tat. Als Konstantin vom Arzt zurückkehrte, zu dem Kitty ihn geschickt hatte, und die Tür öffnete, fand er den Kranken gerade in dem Augenblick, wo ihm auf Kittys Anordnung die Wäsche gewechselt wurde. Der lange, weiße, skelettartige Rücken mit den großen, herausragenden Schulterknochen und den hervorstehenden Rippen und Wirbeln war entblößt, und Marja Nikolajewna und der Kellner hatten den Ärmel des Hemdes in falsche Lage gebracht und konnten den langen herabhängenden Arm nicht hineinbekommen. Kitty, die hinter Konstantin eilig die Tür wieder geschlossen hatte, sah nicht hin; aber der Kranke stöhnte auf, und da ging sie rasch zu ihm.

»Ihr müßt schneller machen«, sagte sie.

»Kommen Sie nicht her«, sagte der Kranke ärgerlich, »ich werde schon selbst ...«

»Was sagen Sie?« fragte ihn Marja Nikolajewna.

Aber Kitty hatte ihn verstanden und begriffen, daß er sich schäme und es ihm unangenehm sei, in ihrer Gegenwart nackt zu sein.

»Ich sehe gar nicht hin, ich sehe gar nicht hin!« sagte sie, während sie den Arm, wie es sich gehörte, in den Ärmel hineinbrachte. »Und Sie, Marja Nikolajewna, Sie können nach der anderen Seite herumgehen und es da in Ordnung bringen«, fügte sie hinzu.

»Bitte«, wandte sie sich an ihren Mann, »geh doch einmal nach unserm Zimmer; da steckt in meinem kleinen Reisesack ein Fläschchen, du weißt schon, in der Seitentasche; das bring doch her, bitte; unterdessen soll hier vollends aufgeräumt werden.«

Als Konstantin mit dem Fläschchen zurückkam, fand er den Kranken schon wieder gelagert und alles um ihn herum völlig verändert. An die Stelle des beklemmenden üblen Geruches war der Geruch eines mit Parfüm versetzten Essigs getreten, den Kitty, die Lippen vorstreckend und die roten Backen aufblasend, durch ein Röhrchen im Zimmer umhersprühte. Staub war nirgends mehr sichtbar; unter dem Bett lag ein Teppich. Auf einem Tische standen in guter Ordnung mehrere Fläschchen, eine Wasserkaraffe und Gläser; auch lag dort, zu einem Päckchen zusammengelegt, die nötige reine Wäsche und ferner Kittys Handarbeit. Auf einem andern Tisch am Bett des Kranken stand sein Getränk und eine Kerze, dort lagen auch seine Pulver. Der Kranke selbst, gewaschen und gekämmt, lag auf den rein überzogenen, in die Höhe gestellten Kopfkissen, in einem reinen Hemde mit einem weißen Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem neuen Ausdruck von Lebenshoffnung zu Kitty hin.

Der Arzt, den Konstantin holen gegangen war, im Klub gefunden und zu kommen veranlaßt hatte, war nicht derselbe, der Nikolai bisher behandelt hatte und mit dem dieser so unzufrieden gewesen war. Der neue Arzt holte sein Röhrchen hervor, behorchte den Kranken, schüttelte mit dem Kopfe und verschrieb eine Arznei; dann setzte er in sehr ausführlicher Weise zuerst auseinander, wie diese einzunehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden müsse. Er empfahl rohe oder nur ganz wenig gekochte Eier und Selterswasser mit frischer Milch von bestimmter Temperatur. Als der Arzt wieder weggegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder; aber Konstantin verstand nur die letzten Worte: »deine Katja«; jedoch aus dem Blick, mit dem Nikolai nach ihr hinsah, entnahm Konstantin, daß er sie lobte. Dann rief er auch Katja, wie er sie nannte, zu sich heran.

»Mir ist jetzt schon viel besser«, sagte er. »Ja, wenn Sie mich gepflegt hätten, wäre ich schon längst wieder gesund geworden. Wie gut, daß Sie sich meiner annehmen!« Er ergriff ihre Hand und wollte sie an seine Lippen ziehen. Aber wie wenn er fürchtete, dies könne ihr unangenehm sein, brach er diese Bewegung ab, ließ ihre Hand wieder sinken und streichelte sie nur. Kitty nahm seine Hand in ihre beiden Hände und drückte sie.

»Legt mich jetzt auf die linke Seite herum, und dann geht schlafen«, sagte er.

Niemand hatte deutlich gehört, was er gesagt hatte, nur Kitty hatte erfaßt, was er meinte. Sie hatte es verstanden, weil ihre Gedanken fortwährend darauf gerichtet waren, was er wohl gerade nötig haben möge.

»Er möchte auf die andere Seite gelegt werden«, sagte sie zu ihrem Manne. »Er schläft immer auf der andern Seite. Lege du ihn herum; es ist unangenehm, die Dienerschaft dazu zu rufen. Ich bin dazu nicht stark genug. Können Sie es?« wandte sie sich an Marja Nikolajewna.

»Ich fürchte mich«, antwortete diese.

Eine wie entsetzliche Empfindung es auch für Konstantin war, diesen furchtbaren Körper mit den Armen zu umfassen, unter der Bettdecke die entsetzlich entstellten Körperteile zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, so machte er doch, sich der Einwirkung seiner Frau fügend, die entschlossene Miene, die sie an ihm kannte, schob die Arme darunter und faßte zu; aber trotz seiner Körperkraft war er von der Schwere dieser ausgemergelten Glieder überrascht. Während er den Kranken herumdrehte und dabei seinen Hals von dessen gewaltig großer, magerer Hand umfaßt fühlte, wendete Kitty schnell und unhörbar das Kopfkissen um, schüttelte es auf, legte den Kopf des Kranken zurecht und strich ihm die spärlichen Haare in Ordnung, die ihm wieder an der Schläfe festklebten.

Der Kranke hielt die Hand des Bruders in seiner Hand fest. Konstantin merkte, daß Nikolai etwas mit dieser Hand tun wollte und sie irgendwohin zog. Beklommenen Herzens gab er nach. Ja, er zog sie an seinen Mund und küßte sie. Konstantin brach in ein solches Schluchzen aus, daß sein ganzer Leib zuckte, und stürzte, nicht imstande, ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer.