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Von dem Augenblick an, wo Alexei Alexandrowitsch aus den Unterredungen mit Betsy und mit Stepan Arkadjewitsch ersehen hatte, daß man weiter nichts von ihm verlange, als daß er seine Frau in Ruhe lassen und sie nicht mit seiner Gegenwart belästigen möge und daß seine Frau dies selbst wünsche, seitdem fühlte er sich so rat- und fassungslos, daß er zu keinem eigenen Entschluß fähig war und selbst nicht wußte, was er nun eigentlich wollte. So überließ er sich denn ganz der Leitung der Personen, die sich seiner Angelegenheit mit so großem Vergnügen annahmen, und gab zu allem seine Zustimmung. Erst als Anna bereits sein Haus verlassen hatte und die Engländerin ihn fragen ließ, ob sie mit ihm zusammen oder allein speisen solle, kam er zum ersten Male zu einem klaren Verständnis seiner Lage und geriet über sie in Entsetzen.

Was in dieser Lage am schwersten auf ihm lastete, das war, daß er schlechterdings nicht imstande war, seine Vergangenheit mit dem jetzigen Zustand zu vereinigen, zwischen beiden einen inneren Zusammenhang zu finden. Was ihn so in Verwirrung setzte, war nicht etwa jener Abschnitt der Vergangenheit, wo er mit seiner Frau ein glückliches Leben geführt hatte. Den Übergang von diesem Abschnitt der Vergangenheit zur Erkenntnis, daß ihm seine Frau untreu war, hatte er bereits wie ein Märtyrer verwunden; dieser zweite Zustand war schwer zu ertragen gewesen, aber es hatte darin für ihn nichts Unverständliches gelegen. Wäre seine Frau damals, nach dem Eingeständnis ihrer Untreue, von ihm gegangen, so würde ihn das geschmerzt haben, und er würde unglücklich darüber gewesen sein; aber er hätte sich nicht in einer solchen Lage wie jetzt befunden, in einer Lage, die er geradezu nicht verstand und aus der er für sich keinen Ausweg sah. Es war ihm jetzt ganz und gar unmöglich, die kürzlich von ihm so selbstlos gewährte Verzeihung, seine Rührung, seine Liebe zu der kranken Gattin und zu dem fremden Kinde in einen inneren Zusammenhang mit seiner jetzigen Lage zu bringen, das heißt damit, daß er jetzt gleichsam zum Lohne für alle seine Güte vereinsamt, beschimpft und verspottet dastand, von niemand gesucht und von allen verachtet.

An den beiden ersten Tagen nach der Abreise seiner Frau empfing Alexei Alexandrowitsch wie gewöhnlich die Bittsteller und seinen Subdirektor, fuhr ins Komitee und ging zum Mittagessen in das Speisezimmer. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, zu welchem Zweck er das eigentlich tue, spannte er während dieser zwei Tage alle seine Geisteskräfte an, um eine ruhige, sogar gleichmütige Miene zur Schau zu tragen. Bei der Beantwortung der Fragen nach dem, was mit Anna Arkadjewnas Sachen und Zimmern geschehen solle, zwang er sich mit der größten Anstrengung, eine Miene zu machen, als ob für ihn das Vorgefallene nichts Unvorhergesehenes sei und nichts enthalte, was aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustrete; und er erreichte seinen Zweck: niemand konnte an ihm eine Spur von seiner Verzweiflung gewahren. Aber als am zweiten Tage nach Annas Abreise Kornei ihm die Rechnung eines Modegeschäfts überreichte, die Anna zu bezahlen vergessen hatte, und ihm meldete, ein Angestellter des Geschäfts sei selbst da, ließ Alexei Alexandrowitsch ihn hereinrufen.

»Verzeihen Euer Exzellenz, daß ich Sie zu belästigen wage. Aber wenn Sie befehlen, daß wir uns an Ihre Exzellenz wenden, so haben Sie vielleicht die Gnade, uns deren Adresse mitzuteilen.«

Alexei Alexandrowitsch versank, wie es dem Angestellten vorkam, in Nachdenken; dann wandte er sich plötzlich um, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. In dieser Haltung blieb er lange sitzen, versuchte einige Male zu sprechen, hielt aber jedesmal wieder inne.

Kornei, der die Empfindungen seines Herrn verstand, ersuchte den Angestellten, ein andermal wiederzukommen. Sobald Alexei Alexandrowitsch wieder allein geblieben war, sagte er sich, daß er nicht imstande sei, die Rolle des festen, ruhigen Mannes länger durchzuführen. Er ließ den Wagen, der schon auf ihn wartete, wieder ausspannen, ordnete an, es solle niemand vorgelassen werden, und kam zum Mittagessen nicht aus seinem Zimmer.

Er fühlte, daß er diese von allen Seiten ihm entgegentretende Geringschätzung und Abneigung nicht ertragen könne, die er auch auf dem Gesicht dieses Angestellten so deutlich ausgeprägt sah und auf dem Gesicht Korneis und auf den Gesichtern aller ohne Ausnahme, mit denen er in diesen zwei Tagen zusammengekommen war. Er fühlte, daß er den Haß der Menschen nicht von sich abwenden konnte, weil dieser Haß nicht etwa davon herrührte, daß er ein schlechter Mensch gewesen wäre (dann hätte er sich ja bemühen können, besser zu werden), sondern davon, daß er durch ein schmähliches, garstiges Ereignis ein unglücklicher Mensch geworden war. Er wußte, daß sie deswegen, gerade deswegen, weil sein Herz auf das schmerzlichste zerrissen war, gegen ihn erbarmungslos sein würden. Er fühlte, daß die Menschen ihn vernichten würden, so wie Hunde einen andern, von Wunden zerfleischten, vor Schmerz heulenden Hund erwürgen. Er wußte, daß er sich vor den Menschen nur dadurch retten konnte, daß er seine Wunden vor ihnen verbarg, und er hatte das in diesen zwei Tagen unwillkürlich zu tun versucht; aber jetzt fühlte er sich nicht mehr imstande, diesen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung wurde noch durch das Bewußtsein gesteigert, daß er mit seinem Gram vollständig allein dastand. Er hatte in Petersburg keinen Menschen, demgegenüber er von allen seinen Empfindungen hätte sprechen können, keinen Menschen, der in ihm nicht den hohen Beamten und ein Mitglied der vornehmen Gesellschaft, sondern einfach einen leidenden Menschen gesehen und Mitleid mit ihm gehabt hätte. Und auch sonst kannte er nirgends einen solchen Menschen.

Alexei Alexandrowitsch war als Waise aufgewachsen. Sie waren zwei Brüder. Des Vaters erinnerten sich beide nicht; die Mutter starb, als Alexei Alexandrowitsch zehn Jahre alt war. Vermögen war nur wenig vorhanden. Der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und ehedem ein Günstling des verstorbenen Kaisers, sorgte für die Erziehung der beiden Knaben.

Nachdem Alexei Alexandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Auszeichnungen besucht hatte, durchmaß er mit Beihilfe seines Onkels die ersten Strecken der Beamtenlaufbahn in glänzender Weise und kannte seitdem kein anderes Streben als den dienstlichen Ehrgeiz. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität noch später während seiner Amtszeit knüpfte Alexei Alexandrowitsch mit irgend jemandem freundschaftliche Beziehungen an. Sein Bruder stand ihm seelisch noch am nächsten; aber dieser gehörte zum Stab des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten und lebte dauernd im Auslande, wo er bald nach Alexei Alexandrowitschs Verheiratung starb.

Zur Zeit, als Alexei Alexandrowitsch das Amt eines Gouverneurs inne hatte, brachte Annas Tante, eine reiche, in der Gouvernementsstadt wohnhafte Dame, ihn, der damals zwar kein junger Mann mehr, aber für einen Gouverneur doch recht jung war, mit ihrer Nichte zusammen und versetzte ihn in eine solche Lage, daß er entweder dem jungen Mädchen einen Antrag machen oder die Stadt verlassen mußte. Alexei Alexandrowitsch schwankte lange. Es sprachen damals ebenso viele Gründe für diesen Schritt wie dagegen, und es lag eigentlich gar kein entscheidender Grund vor, der ihn hätte veranlassen können, von seinem Grundsatz: »Im Zweifelsfalle Zurückhaltung!« abzugehen; aber Annas Tante ließ ihm durch einen Bekannten eindringlich vorstellen, daß er das junge Mädchen bereits bloßgestellt habe und daß er nach dem Gebot der Ehre verpflichtet sei, ihr seine Hand anzubieten. So machte er ihr denn einen Antrag und widmete seiner Braut und künftigen Frau die gesamte Menge von Gefühl, deren er fähig war.

Die Zuneigung zu Anna ließ jedes in seiner Seele noch übrige Verlangen nach einem herzlichen Verhältnisse zu anderen Menschen ersterben. Und jetzt stand ihm von allen seinen Bekannten kein einziger wirklich nahe. Er hatte viele sogenannte Verbindungen, aber keine freundschaftlichen Beziehungen. Alexei Alexandrowitsch kannte viele Leute, die er zu sich zum Mittagessen einladen, die er um ihre Mitwirkung bei einer ihn interessierenden Angelegenheit, um ihre Fürsprache für irgendeinen Bewerber bitten, mit denen er über die Handlungen anderer Personen und der höchsten Regierungsbehörden ohne Hemmung reden konnte; aber die Beziehungen zu diesen Leuten beschränkten sich auf ein durch Brauch und Gewohnheit fest begrenztes Gebiet, das zu überschreiten unmöglich war. Er hatte ja einen Universitätskameraden, dem er nachher etwas nähergetreten war und mit dem er allenfalls über seinen persönlichen Kummer hätte reden können; aber dieser Kamerad war Kurator in einem weit entfernten Bezirk der Unterrichtsverwaltung. Von seinen Petersburger Bekannten standen ihm verhältnismäßig noch am nächsten sein Subdirektor und sein Hausarzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, sein Subdirektor, war ein schlichter, verständiger, guter, braver Mann, und Alexei Alexandrowitsch hatte die Empfindung, daß er ihm persönlich zugetan sei. Aber ihr fünfjähriges amtliches Verhältnis hatte zwischen ihnen eine Schranke für Herzensergüsse errichtet.

Alexei Alexandrowitsch blickte, nachdem er mit dem Unterschreiben der Papiere fertig war, seinen Untergebenen lange schweigend an und setzte mehrmals zum Reden an, konnte aber kein Wort hervorbringen. Er hatte sich schon den Satz zurechtgelegt: ›Haben Sie von meinem Kummer gehört?‹ Aber schließlich sagte er doch nur wie gewöhnlich: »Also bereiten Sie mir dies vor«, und entließ ihn damit.

Der zweite derartige Bekannte war sein Arzt, der gleichfalls eine freundliche Gesinnung gegen ihn hegte; aber zwischen ihnen beiden bestand schon seit langer Zeit ein stillschweigendes Übereinkommen, einander nicht unnötig lange in Anspruch zu nehmen, da sie beide mit Arbeit überhäuft waren und es immer sehr eilig hatten.

An seine Freundinnen und an die allererste unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, dachte Alexei Alexandrowitsch überhaupt gar nicht. Alle Frauen waren ihm, einfach schon als Frauen, entsetzlich und widerwärtig.