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Die Gratulationscour war beendet. Beim Fortgehen unterhielten sich Bekannte, die einander begegneten, über die letzten Neuigkeiten des Tages: die neu verliehenen Auszeichnungen und die Veränderungen in den höchsten Beamtenstellen.

»Man sollte die Gräfin Marja Borisowna zum Kriegsminister und die Fürstin Watkowskaja zum Chef des Generalstabes machen«, sagte ein grauhaariger, kleiner alter Herr in goldgestickter Uniform zu einem hochgewachsenen, sehr schönen Hoffräulein, das sich bei ihm nach den Beförderungen erkundigt hatte.

»Und mich zum Adjutanten«, antwortete das Hoffräulein lächelnd.

»Sie haben bereits eine andere Bestimmung. Sie bekommen das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten; und Ihr Unterstaatssekretär wird Herr Karenin.«

»Guten Tag, Fürst!« sagte der kleine alte Herr und drückte einem Herantretenden die Hand.

»Was sagten Sie da von Karenin?« fragte der Fürst.

»Er und Putjatow haben den Alexander-Newski-Orden erhalten.«

»Ich dachte, den hätte er schon.«

»Nein. Sehen Sie ihn einmal an«, sagte der kleine alte Herr und deutete mit seinem goldgestickten Hute auf Karenin, der, in Hofuniform und mit dem neuen roten Ordensband um die Schulter, mit einem der einflußreichsten Mitglieder des Reichsrates in der Saaltür stand. »Er ist glücklich und zufrieden wie ein Kupferdreier«, fügte er hinzu und hielt dann inne, um einem herkulisch gebauten schönen Kammerherrn die Hand zu drücken.

»Nein, er ist doch recht gealtert«, meinte der Kammerherr.

»Von Sorgen. Er tut jetzt weiter nichts als Projekte ausarbeiten. Den Unglücklichen, den er da gefaßt hat, wird er nicht loslassen, ehe er ihm nicht alles Punkt für Punkt auseinandergesetzt hat.«

»Der soll gealtert sein? Il fait des passions. Ich glaube, die Gräfin Lydia Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«

»Oh, oh! bitte, reden Sie nichts Schlechtes von der Gräfin Lydia Iwanowna.«

»Ist denn das etwas Schlechtes, daß sie in Karenin verliebt ist?«

»Ist es richtig, daß Frau Karenina hier ist?«

»Das heißt, hier im Palais ist sie nicht; aber in Petersburg ist sie. Ich habe sie gestern mit Alexei Wronski, bras dessus, bras dessous, in der Morskaja-Straße getroffen.«

»C'est un homme qui n'a pas ...«, begann der Kammerherr, hielt aber inne, um einem vorbeikommenden Mitgliede der kaiserlichen Familie Platz zu machen und sich zu verbeugen.

So sprach man unaufhörlich über Alexei Alexandrowitsch, bekrittelte ihn und machte sich über ihn lustig, während er selbst jenem Mitglied des Reichsrates, dessen er sich bemächtigt hatte, den Weg versperrte und ihm, ohne auch nur für einen Augenblick eine Unterbrechung in seiner Darlegung eintreten zu lassen, so daß der Ärmste hätte entschlüpfen können, Punkt für Punkt einen Finanzplan auseinandersetzte.

Fast zur selben Zeit, wo ihn seine Frau verließ, hatte Alexei Alexandrowitsch das Bitterste durchmachen müssen, was es für einen Beamten gibt: das Aufhören der aufsteigenden Bewegung in seiner Laufbahn. Dieser Stillstand war zweifellos eingetreten, und alle sahen es deutlich; aber Alexei Alexandrowitsch selbst war noch nicht zu der Erkenntnis gelangt, daß seine Laufbahn endgültig abgeschlossen sei. Ob nun der Zusammenprall mit Stremow den Grund bildete oder das Unglück, das er mit seiner Frau gehabt hatte, oder einfach der Umstand, daß Alexei Alexandrowitsch an die ihm vom Schicksal vorherbestimmte Grenze gelangt war, jedenfalls wurde es für alle in diesem Jahre augenfällig, daß es mit seiner Laufbahn ein Ende hatte. Er bekleidete zwar noch ein hohes Amt, er war Mitglied vieler Kommissionen und Komitees, aber er war nun schon ein Mann, den man für völlig verbraucht ansah und von dem man nichts mehr erwartete. Er mochte reden und vorschlagen, was er wollte, man hörte ihm mit einer Miene zu, als sei das, was er vorschlug, schon längst bekannt und gerade das Allerunbrauchbarste. Aber Alexei Alexandrowitsch merkte das nicht; im Gegenteil, jetzt, wo er von der eigentlichen Mitarbeiterschaft bei der Regierungstätigkeit ausgeschlossen war, erkannte er noch deutlicher als früher die Mängel und Fehler in der Tätigkeit anderer und hielt es demgemäß für seine Pflicht, auf die Mittel zu ihrer Verbesserung hinzuweisen. Bald nach der Trennung von seiner Frau begann er eine Denkschrift über die Notwendigkeit der Einrichtung eines neuen Gerichtshofes zu schreiben, die erste in der langen Reihe jener Denkschriften aus allen Verwaltungsgebieten, die ihm zu verfassen noch beschieden war und von denen niemand etwas wissen wollte.

Aber da Alexei Alexandrowitsch die Hoffnungslosigkeit seiner amtlichen Stellung gar nicht bemerkte, so kam es ihm auch nicht in den Sinn, sich gekränkt zu fühlen; vielmehr war er mit seiner Tätigkeit mehr als je zufrieden.

»Wer da freiet, der sorget, was der Welt angehöret, wie er dem Weibe gefalle; wer aber ledig ist, der sorget, was dem Herrn angehöret, wie er dem Herrn gefalle«, sagte der Apostel Paulus, und Alexei Alexandrowitsch, der sich jetzt in allen Stücken von der Heiligen Schrift leiten ließ, dachte häufig an diesen Spruch. Es schien ihm, daß er, seitdem er ohne Frau lebte, durch diese seine Entwürfe dem Herrn mehr diente als früher.

Durch die sichtliche Ungeduld des Reichsratsmitgliedes, das von ihm loszukommen wünschte, ließ Alexei Alexandrowitsch sich nicht stören; er hörte mit seinen Auseinandersetzungen erst dann auf, als jener Herr sich das Vorbeigehen eines Mitgliedes der Zarenfamilie zunutze machte und ihm entschlüpfte.

Als Alexei Alexandrowitsch allein geblieben war, suchte er, den Kopf senkend, seine Gedanken zu sammeln; dann blickte er zerstreut um sich und ging nach der Tür zu, wo er die Gräfin Lydia Iwanowna zu treffen hoffte.

›Wie kräftig und gesund diese Leute alle in körperlicher Hinsicht sind‹, dachte Alexei Alexandrowitsch beim Anblick des mächtig großen Kammerherrn mit dem auseinandergekämmten parfümierten Backenbarte und des in seine Uniform eingezwängten Fürsten mit dem roten Halse, an denen er vorbeigehen mußte.›Es ist ein wahres Wort, daß die ganze Welt im argen liegt‹, dachte er, da er den Gesprächsstoff der Herren ahnte, und richtete auch nach den Waden des Kammerherrn noch einen schielenden Blick.

Langsam dahinschreitend, grüßte Alexei Alexandrowitsch mit seiner gewohnten müden, würdevollen Miene diese Herren, die sich über ihn unterhielten, und blickte dann nach der Tür und suchte mit den Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.

»Ah, Alexei Alexandrowitsch!« sagte der kleine alte Herr, in dessen Augen es boshaft aufleuchtete, als Karenin in seine Nähe gekommen war und mit kühler Höflichkeit den Kopf neigte. »Ich habe Sie noch nicht beglückwünscht«, fuhr er fort, auf das neu erhaltene Ordensband deutend.

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Alexei Alexandrowitsch. »Welch ein schöner Tag heute«, fügte er hinzu, wobei er nach seiner Gewohnheit einen besonderen Ton auf das Wort »schön« legte.

Er wußte, daß sie sich über ihn lustig machten, und erwartete von ihrer Seite auch gar nichts anderes als Feindseligkeiten; daran war er schon gewöhnt.

In diesem Augenblick gewahrte er die aus dem Korsett sich heraushebenden gelben Schultern der Gräfin Lydia Iwanowna, die gerade in die Tür trat, und ihre schönen, schwärmerischen Augen, die ihn zu sich riefen; Alexei Alexandrowitsch lächelte, so daß seine noch tadellosen weißen Zähne sichtbar wurden, und ging auf sie zu.

Auf ihr Äußeres hatte Lydia Iwanowna, wie in der letzten Zeit stets, große Mühe verwendet. Sie bezweckte bei ihrer Kleidung jetzt etwas ganz anderes, als sie dreißig Jahre früher dabei im Auge gehabt hatte. Damals war es ihr eine Lust gewesen, sich mit irgend etwas zu putzen, und je mehr, um so besser. Jetzt dagegen mußte sie nach den Geboten des Hofes und der Mode Kleider tragen, die so wenig zu ihren Jahren und zu ihrer Gestalt paßten, daß ihr Streben nur darauf gerichtet war, den Gegensatz zwischen diesen Kleidern und ihrem Äußeren einigermaßen herabzumildern. Und bei Alexei Alexandrowitsch erreichte sie diesen Zweck, sie erschien ihm anziehend. Für ihn war sie inmitten dieses Meeres von Feindseligkeit und Spott, das ihn umgab, die einzige Insel des Wohlwollens, ja mehr noch, der Liebe.

Während er zwischen den spöttischen Blicken, die sich auf ihn richteten, wie durch eine Spießrutengasse dahinschritt, strebte er naturgemäß ihrem verliebten Blick entgegen wie die Pflanze dem Licht.

»Ich gratuliere Ihnen«, sagte sie zu ihm, mit den Augen auf das Ordensband hinweisend.

Ein Lächeln der Befriedigung unterdrückend, zuckte er mit den Achseln und schloß die Augen, als wollte er sagen, so etwas könne ihm keine Freude machen. Aber die Gräfin Lydia Iwanowna wußte ganz genau, daß dergleichen eine außerordentlich große Freude für ihn war, wenn er es auch niemals eingestand.

»Was macht unser Engel?« fragte die Gräfin Lydia Iwanowna; mit dieser Bezeichnung meinte sie den kleinen Sergei.

»Ich kann nicht sagen, daß ich völlig mit ihm zufrieden wäre«, versetzte Alexei Alexandrowitsch, indem er die Brauen in die Höhe zog und die Augen weit öffnete. »Auch Sitnikow ist mit ihm unzufrieden.« (Sitnikow war der Erzieher, der Sergeis Ausbildung mit Ausnahme des Religionsunterrichtes zu leiten hatte.) »Wie ich Ihnen schon neulich sagte, zeigt er eine gewisse Gleichgültigkeit gerade den wichtigsten Fragen gegenüber, die die Seele eines jeden Menschen und auch eines jeden Kindes beschäftigen müssen«, begann Alexei Alexandrowitsch seine Gedanken über den einzigen Gegenstand, der ihn, abgesehen von der amtlichen Tätigkeit, jetzt noch interessierte, darzulegen.

Nachdem Alexei Alexandrowitsch sich mit Lydia Iwanownas Beihilfe dem Leben und der Tätigkeit von neuem zugewandt hatte, hatte er es als seine Pflicht empfunden, sich mit der Erziehung des in seinen Händen zurückgebliebenen Sohnes zu beschäftigen. Da er sich früher niemals mit Erziehungsfragen abgegeben hatte, so hatte er nun zunächst dem theoretischen Studium des Gegenstandes einen Teil seiner Zeit gewidmet und mehrere Bücher über Anthropologie, Pädagogik und Didaktik durchgearbeitet. Dann hatte er einen Erziehungsplan aufgestellt, dem besten Pädagogen Petersburgs die Leitung der Erziehung des Knaben übertragen und die Aufgabe in Angriff genommen. Und diese Aufgabe beschäftigte ihn nun beständig.

»Ja, aber das Herz? Ich erkenne bei ihm das Herz des Vaters, und mit einem solchen Herzen kann das Kind nicht schlecht sein«, erwiderte Lydia Iwanowna schwärmerisch.

»Mag sein ... Was mich betrifft, so erfülle ich eben meine Pflicht. Das ist alles, was ich tun kann.«

»Kommen Sie heute zu mir«, sagte die Gräfin Lydia Iwanowna nach einem kurzen Stillschweigen, »wir müssen über eine für Sie sehr traurige Angelegenheit sprechen. Ich würde alles darum geben, wenn ich Sie vor gewissen Erinnerungen bewahren könnte; aber andere Leute denken nicht so. Ich habe einen Brief von ihr erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«

Alexei Alexandrowitsch zuckte bei der Erwähnung seiner Frau zusammen; aber im nächsten Augenblick zeigte sich auf seinem Gesicht jener Ausdruck einer leichenhaften Starrheit, der seine völlige Hilflosigkeit in dieser Angelegenheit erkennen ließ.

»Ich habe das erwartet«, sagte er.

Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn schwärmerisch an, und Tränen des Entzückens über seine Seelengröße traten ihr in die Augen.