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Nach der Stunde bei dem Lehrer hatte Sergei Unterricht bei seinem Vater. In der Zwischenzeit, bevor dieser kam, setzte sich Sergei an den Tisch, spielte mit seinem Federmesser und hing wieder seinen Gedanken nach. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war, auf dem Spaziergang nach seiner Mutter zu suchen. An den Tod glaubte er überhaupt nicht, und im besonderen nicht an den Tod seiner Mutter, obgleich Lydia Iwanowna es ihm gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und daher suchte er, auch nachdem ihm gesagt war, daß sie gestorben sei, nach ihr auf seinen Spaziergängen. In jeder etwas vollen, anmutigen Frau mit dunklem Haar glaubte er sie zu erkennen. Beim Anblick einer solchen Frau schwoll in seiner Seele ein so gewaltiges Gefühl der Zärtlichkeit an, daß ihm beinah der Atem versagte und ihm die Tränen in die Augen traten. Und er erwartete dann, daß sie im nächsten Augenblick zu ihm herantreten und den Schleier in die Höhe heben werde. Dann werde er ihr ganzes Gesicht sehen können, und sie werde lächeln und ihn umarmen, und er werde den Duft ihres Parfüms riechen, ihre zarten weichen Hände fühlen und glückselige Tränen vergießen, so wie er früher einmal eines Abends sich vor ihre Füße hingelegt hatte, und sie hatte ihn gekitzelt, und er hatte gelacht und sie in die weiße, mit Ringen geschmückte Hand gebissen. Später, nachdem er zufällig von der Kinderfrau gehört hatte, daß seine Mutter nicht gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärt hatten, sie sei für ihn tot, weil sie schlecht geworden sei (was er nun schon gar nicht glauben konnte, weil er sie so sehr liebte), da suchte er genau ebenso weiter nach ihr und wartete auf sie. Heute war im Sommergarten eine Dame mit einem lila Schleier gewesen; die hatte er, während sie sich ihnen auf einer Seitenallee näherte, klopfenden Herzens mit den Augen verfolgt, in der Hoffnung, sie sei es. Aber die Dame war gar nicht bis zu ihnen herangekommen, sondern vorher auf einmal abgebogen und verschwunden. Heute empfand Sergei stärker als je einen Anfall von Sehnsucht nach ihr, und jetzt hatte er, während er auf den Vater wartete, alles um sich vergessend, die ganze Tischkante mit dem Federmesser zerschnitten, blickte mit glänzenden Augen vor sich hin und dachte an sie.

»Der Papa kommt«, sagte Wasili Lukitsch und riß ihn aus seinen Gedanken.

Sergei sprang auf, trat zu seinem Vater und küßte ihm die Hand; darauf blickte er ihn aufmerksam an und suchte in seinem Gesichte nach einem Zeichen von Freude über den Alexander-Newski-Orden.

»War es hübsch auf dem Spaziergange?« fragte Alexei Alexandrowitsch, indem er sich auf seinen Lehnsessel setzte und das Alte Testament zu sich heranzog und aufschlug. Obwohl Alexei Alexandrowitsch wiederholt zu Sergei gesagt hatte, jeder Christ müsse die biblische Geschichte fest innehaben, mußte er selbst, wo es sich um das Alte Testament handelte, häufig im Buche nachsehen, und Sergei hatte das bemerkt.

»Ja, es war sehr lustig, Papa«, antwortete Sergei; er hatte sich auf die Kante des Stuhles gesetzt und schaukelte mit ihm, was verboten war. »Ich habe Nadjenka gesehen.« (Nadjenka war Lydia Iwanownas Nichte und wurde bei ihr erzogen.) »Sie hat mir gesagt, Sie hätten einen neuen Orden bekommen. Freuen Sie sich, Papa?«

»Erstens schaukle, bitte, nicht mit dem Stuhle«, erwiderte Alexei Alexandrowitsch. »Zweitens sollen wir unsere Freude nicht am Lohne haben, sondern an der Arbeit. Es wäre mir lieb, wenn du das einsähest. Denn wenn du nur deshalb arbeitest und lernst, um eine Belohnung zu erhalten, dann wird dir die Arbeit schwer vorkommen; wenn du aber arbeitest« (dies sagte Alexei Alexandrowitsch in Erinnerung daran, wie er sich durch das Pflichtbewußtsein bei der langweiligen Arbeit des heutigen Vormittags aufrechterhalten hatte; er hatte einhundertundachtzehn Schriftstücke zu unterschreiben gehabt) »aus Liebe zur Arbeit, so wirst du in der Arbeit selbst deinen Lohn finden.«

Sergeis Augen, die soeben noch vor Zärtlichkeit und Heiterkeit gestrahlt hatten, wurden trübe und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war derselbe ihm schon längst bekannte Ton, in dem der Vater immer mit ihm verkehrte und auf den Sergei bereits einzugehen gelernt hatte. Der Vater redete mit ihm stets (das war Sergeis Empfindung dabei), wie wenn er ein Geschöpf seiner Phantasie vor sich hätte, einen von den Knaben, wie sie in Büchern vorkamen, aber mit ihm, Sergei, gar keine Ähnlichkeit hatten. Und Sergei stellte sich im Verkehr mit dem Vater immer nach Möglichkeit so, als sei er einer dieser in den Büchern vorkommenden Knaben.

»Ich hoffe, du verstehst das!« sagte der Vater.

»Ja, Papa«, antwortete Sergei, indem er sich anstellte, als sei er jenes Phantasiewesen.

Die Aufgabe für diese Stunde bestand im Auswendiglernen einiger Sprüche aus dem Evangelium und in der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die Sprüche aus dem Evangelium hatte Sergei ganz gut gelernt; aber in dem Augenblick, wo er sie aufsagte, zerstreute er sich durch die Betrachtung des Stirnbeins seines Vaters, das an der Schläfe einen scharfen Knick bildete, und verhaspelte sich so, daß er von dem Ende des einen Verses in den Anfang eines mit dem gleichen Worte beginnenden anderen Verses hineingeriet. Alexei Alexandrowitsch betrachtete dies als einen deutlichen Beweis dafür, daß der Knabe das, was er aufsagte, nicht verstand, und das machte ihn verdrießlich.

Er runzelte die Stirn und begann eine Erläuterung, die Sergei schon oft gehört hatte, aber niemals hatte verstehen können, weil er eben den Text selbst ganz klar verstand – gerade wie bei der Belehrung, daß »plötzlich« ein Umstandswort der Art und Weise sei. Sergei blickte erschrocken den Vater an und hatte nur einen Gedanken: ob der Vater ihn das Gesagte würde wiederholen lassen, wie er es öfters getan hatte, oder nicht. Dieser Gedanke ängstigte ihn so, daß er nun gar nichts mehr verstand. Aber der Vater ließ es ihn diesmal nicht wiederholen und ging zu der Aufgabe aus dem Alten Testament über. Die Begebenheiten selbst erzählte Sergei recht befriedigend; aber als er Fragen nach dem vorbedeutenden Sinne einiger dieser Begebenheiten beantworten sollte, da wußte er nichts Rechtes, obgleich er wegen der gleichen Sache schon einmal bestraft worden war. Die Stelle, von der er gar nichts wußte und an der er herumstotterte, während er in den Tisch schnitt und sich auf dem Stuhle schaukelte, das war die, wo er über die vorsintflutlichen Patriarchen Auskunft geben sollte. Von diesen kannte er keinen außer Henoch, der lebend in den Himmel entrückt wurde. Kurz vorher hatte er noch alle Namen gewußt; aber jetzt hatte er sie ganz und gar vergessen, namentlich, weil Henoch seine Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war und sich in seinem Kopfe an die Entrückung des lebenden Henoch in den Himmel eine ganze lange Gedankenreihe anknüpfte, der er sich auch jetzt überließ, während er seine Augen auf die Uhrkette seines Vaters und auf einen nur halb zugeknöpften Knopf an dessen Weste heftete.

An den Tod, von dem man ihm so oft erzählt hatte, glaubte Sergei nicht recht. Er glaubte nicht, daß die Menschen, die er liebhatte, sterben könnten, und namentlich nicht, daß er selbst einmal sterben werde. Das schien ihm völlig unmöglich und unbegreiflich. Aber man sagte ihm, alle Menschen müßten sterben; er hatte sogar mehrmals Leute, denen er Glauben schenkte, darüber befragt, und auch diese hatten es ihm bestätigt; unter anderen hatte es auch die Kinderfrau gesagt, wiewohl nur mit Widerstreben. Aber Henoch war doch nicht gestorben, folglich starben doch nicht alle Menschen. ›Und warum sollte sich denn nicht jeder Mensch vor Gott ebenso verdient machen können und dann auch lebend in den Himmel aufgenommen werden?‹ dachte Sergei. Die bösen Menschen, das heißt solche Menschen, die Sergei nicht leiden konnte, die konnten sterben; aber die guten konnten alle dasselbe Los haben wie Henoch.

»Nun also, wie heißen die Patriarchen?«

»Henoch, Enos ...«

»Die hattest du ja schon genannt. Schlecht, Sergei, sehr schlecht! Wenn du dir nicht einmal Mühe gibst, das zu lernen, was ein Christ am allernotwendigsten wissen muß«, sagte der Vater, indem er aufstand, »was kann dich dann überhaupt interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir, und Peter Ignatjewitsch« (das war der Lehrer, der die oberste Leitung von Sergeis Erziehung hatte) »ist auch mit dir unzufrieden ... Ich muß dich bestrafen.«

Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergei unzufrieden, und er lernte in der Tat sehr schlecht. Aber man konnte durchaus nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil, er war weit befähigter als jene Knaben, die der Lehrer ihm als Muster hinstellte. Nach der Ansicht des Vaters wollte er nicht lernen, was man ihn lehrte. In Wirklichkeit aber konnte er es nicht lernen. Er konnte es nicht lernen, weil in seiner Seele Forderungen vorhanden waren, die für ihn mehr Verbindlichkeit hatten als jene, die der Vater und der Erzieher an ihn stellten. Diese beiderseitigen Forderungen standen zueinander in Widerspruch, und so lag er mit seinen Erziehern geradezu im Kampfe.

Er war neun Jahre alt, er war ein Kind; aber sein Herz kannte er, es war ihm teuer, und er hütete es, so wie das Lid das Auge hütet, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in sein Herz hinein. Seine Erzieher klagten über ihn, daß er nicht lernen wolle, und doch war seine Seele von Wissensdurst erfüllt. Er lernte bei Kapitonütsch, bei der Kinderfrau, bei Nadjenka, bei Wasili Lukitsch, aber nicht bei seinen Lehrern. Das Wasser, auf das der Vater und der Lehrer für ihre Mühlräder warteten, war schon längst durchgesickert und arbeitete an einer anderen Stelle.

Der Vater bestrafte Sergei dadurch, daß er ihn nicht zu Lydia Iwanownas Nichte Nadjenka gehen ließ; aber diese Strafe wurde für Sergei zu einem Glück. Wasili Lukitsch war guter Laune und zeigte ihm, wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging bei dieser Arbeit und bei phantastischen Überlegungen, wie es möglich sei, eine solche Mühle anzufertigen, bei der man sich selbst mit herumdrehen könne; man müßte sich mit den Händen an den Flügeln festhalten oder sich anbinden lassen und sich dann mit herumdrehen. An seine Mutter dachte Sergei den ganzen Abend nicht mehr; aber als er schon zu Bett ging, erinnerte er sich auf einmal wieder an sie und betete leise mit seinen eigenen Worten darum, daß seine Mutter morgen, an seinem Geburtstage, sich nicht länger verbergen, sondern zu ihm kommen möchte.

»Wasili Lukitsch, wissen Sie, worum ich noch besonders gebetet habe?«

»Daß Sie künftig besser lernen möchten?«

»Nein.«

»Um Spielsachen?«

»Nein. Falsch geraten. Es ist etwas sehr Schönes, aber ein Geheimnis! Wenn es in Erfüllung geht, dann werde ich es Ihnen sagen. Haben Sie es noch nicht erraten?«

»Nein, ich kann es nicht raten. Sagen Sie es mir doch«, erwiderte Wasili Lukitsch und lächelte dabei, was bei ihm selten vorkam. »Nun, legen Sie sich nur jetzt hin; ich werde das Licht auslöschen.«

»Ohne Licht sehe ich das, woran ich denke und worum ich gebetet habe, noch deutlicher vor mir. Aber da hätte ich Ihnen beinahe mein Geheimnis verraten!« sagte Sergei vergnügt lachend.

Als das Licht hinausgetragen war, glaubte Sergei zu hören und zu fühlen, daß seine Mutter da sei, an seinem Bette stehe, sich über ihn beuge und ihn zärtlich und liebevoll anblicke. Aber dann erschienen Windmühlen, ein Federmesser; alles verschwamm ineinander, und er schlief ein.