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Unterdessen hatte Wasili Lukitsch, der anfangs gar nicht gewußt hatte, wer diese Dame war, aus dem Gespräch entnommen, daß es die Mutter des Knaben war, die ihren Mann verlassen hatte und die er nicht kannte, da er erst nach ihrer Zeit in das Haus gekommen war; er war nun in Zweifel, ob er hineingehen sollte oder nicht oder ob er Alexei Alexandrowitsch Mitteilung machen sollte. Schließlich sagte er sich, seine Pflicht fordere nur, daß er Sergei zu einer bestimmten Stunde wecke; er habe daher nicht zu prüfen, wer bei dem Knaben sitze, die Mutter oder sonst jemand; aber seine Pflicht müsse er erfüllen. So kleidete er sich denn an, ging zur Tür und öffnete sie.

Aber die Liebkosungen, die Mutter und Sohn austauschten, und der Klang ihrer Stimmen, und das, was sie sprachen, alles dies veranlaßte ihn, seinen Entschluß zu ändern. Er schüttelte den Kopf und machte die Tür seufzend wieder zu. ›Ich will noch zehn Minuten warten‹, sagte er zu sich, räusperte sich und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Inzwischen war die Dienerschaft des Hauses in größter Aufregung. Alle hatten erfahren, daß die gnädige Frau gekommen sei und daß Kapitonütsch sie hereingelassen habe und daß sie jetzt im Kinderzimmer sei; und dabei ging doch der Herr immer zwischen acht und neun Uhr ins Kinderzimmer! Alle waren sich darüber klar, daß ein Zusammentreffen der beiden Gatten nicht stattfinden dürfe und verhindert werden müsse. Der Kammerdiener Kornei ging hinunter ins Pförtnerzimmer und erkundigte sich, wer sie hereingelassen habe und wie das zugegangen sei; und als er hörte, daß Kapitonütsch sie empfangen und heraufbegleitet habe, machte er dem Alten Vorwürfe. Der Pförtner beharrte in hartnäckigem Schweigen; aber als Kornei zu ihm sagte, er verdiene dafür weggejagt zu werden, da trat Kapitonütsch entschlossen auf ihn zu und sagte, indem er mit den Händen dicht vor Korneis Gesicht herumfuchtelte:

»Ja, du, du hättest sie nicht hereingelassen! Zehn Jahre habe ich hier gedient und nichts als Gutes von ihr erfahren. Dann geh du doch jetzt hin und sage zu ihr: ›Bitte, machen Sie, daß Sie hinauskommen!‹ Du verstehst dich ja darauf, den Mantel nach dem Winde zu hängen! Jawohl! Denk du lieber an dich selbst, wie du den Herrn bestiehlst und ihm seine Schuppenpelze wegnimmst!«

»Ungebildeter Kommißsoldat!« sagte Kornei verächtlich und wandte sich zu der gerade ins Haus tretenden Kinderfrau: »Was sagen Sie dazu, Marja Jefimowna? Er hat die gnädige Frau hereingelassen, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen. Alexei Alexandrowitsch kann jeden Augenblick aus seinem Zimmer kommen und ins Kinderzimmer gehen.«

»Böse Geschichten, böse Geschichten!« erwiderte die Kinderfrau. »Halten Sie, Kornei Wasiljewitsch, den Herrn irgendwie auf, und ich will hinlaufen und sehen, daß ich sie wegbringe. Böse Geschichten, böse Geschichten!«

Als die Kinderfrau ins Kinderzimmer trat, war Sergei gerade dabei, seiner Mutter zu erzählen, wie er und Nadjenka im Schlitten von einem Eisberg heruntergefahren und umgestürzt seien und sich dreimal überkugelt hätten. Sie hörte den Ton seiner Stimme, sah sein Gesicht und den lebhaft wechselnden Ausdruck darin und fühlte seine Hand in der ihrigen; aber sie verstand nicht, was er sagte. Daß sie fortgehen und ihn verlassen müsse, das war das einzige, was sie dachte und dessen sie sich bewußt war. Sie hörte auch Wasili Lukitschs Schritte, der an die Tür trat und hustete; sie hörte auch die Schritte der sich nähernden Kinderfrau; aber sie saß wie versteinert da und war weder imstande zu sprechen noch sich zu erheben.

»Gnädige Frau, liebe gnädige Frau!« begann die Kinderfrau, indem sie zu Anna herantrat und ihr die Hände und die Schultern küßte. »Ei, da hat Gott unserm Geburtstagskinde eine Freude beschert! Sie haben sich auch gar nicht verändert.«

»Ach, Sie gute Seele, ich wußte gar nicht, daß Sie noch hier im Hause sind«, sagte Anna, die einigermaßen wieder zur Besinnung kam.

»Ich wohne nicht hier; ich wohne bei meiner Tochter; ich bin nur gratulieren gekommen, Anna Arkadjewna, liebe gnädige Frau!«

Die Kinderfrau begann auf einmal zu weinen und ihr wieder die Hand zu küssen.

Lächelnd und mit strahlenden Augen hielt Sergei mit der einen Hand seine Mutter, mit der anderen die Kinderfrau gefaßt und trampelte mit seinen kräftigen nackten Beinen auf dem Teppich umher. Daß seine liebe Kinderfrau gegen seine Mutter so zärtlich war, versetzte ihn in Entzücken.

»Mama! Sie kommt oft zu mir, und jedesmal, wenn sie kommt ...« begann er, hielt aber inne, da er bemerkte, daß die Kinderfrau der Mutter etwas zuflüsterte und auf dem Gesicht der Mutter ein Ausdruck des Erschreckens und etwas wie Scham sichtbar wurde, was ihr gar nicht gut stand.

Sie trat zu ihm heran.

»Mein lieber Junge!« sagte sie.

Sie war nicht imstande, Lebewohl zu sagen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes sagte dies, und er verstand es. »Mein liebes, liebes Moppelchen!« sagte sie; mit diesem Kosenamen hatte sie ihn genannt, als er noch ein ganz kleines Kind war. »Du wirst mich nicht vergessen? Du ...« Aber sie vermochte nicht weiterzureden.

Wie viele Worte und Wendungen fielen ihr später ein, in denen sie hätte zu ihm reden können! Aber im Augenblick fand sie keine geeigneten Ausdrücke und war nicht imstande, etwas zu sagen. Aber Sergei verstand alles, was sie ihm zu sagen beabsichtigte. Er verstand, daß sie unglücklich war und ihn liebhatte. Er hatte sogar verstanden, was die Kinderfrau geflüstert hatte. Er hatte die Worte gehört: »Immer zwischen acht und neun Uhr«, und er hatte verstanden, daß dabei vom Vater die Rede war und daß die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen durfte. Das hatte er verstanden; aber eines konnte er nicht verstehen: warum hatte sich auf ihrem Gesichte ein Ausdruck des Erschreckens und der Scham gezeigt? ... Sie hatte nichts Schlechtes getan, und doch fürchtete sie sich vor ihm und schämte sich über etwas. Gern hätte er eine Frage gestellt, um eine Aufklärung über diesen Zweifel zu erhalten; aber er wagte es nicht; er sah, daß sie litt, und sie jammerte ihn. Schweigend schmiegte er sich an sie und flüsterte ihr dann zu:

»Geh noch nicht weg. Er kommt noch nicht so bald.«

Die Mutter schob ihn ein wenig von sich zurück, um darüber ins klare zu kommen, ob er das, was er gesagt hatte, mit Verständnis gesagt habe, und erkannte an seinem ängstlichen Gesichtsausdrucke, daß er nicht nur vom Vater sprach, sondern sie auch gewissermaßen fragte, was er von seinem Vater denken solle.

»Sergei, mein lieber Junge«, sagte sie, »habe ihn lieb; er ist besser und braver als ich, und ich habe unrecht gegen ihn gehandelt. Wenn du erst groß geworden sein wirst, dann wirst du das verstehen.«

»Besser als du ist niemand! ...« rief er in voller Verzweiflung und unter strömenden Tränen, faßte sie an den Schultern und preßte sie mit seinen vor Anstrengung zitternden Armen aus Leibeskräften an sich.

»Mein Herzchen, mein lieber Kleiner!« murmelte Anna und begann ebenso hilflos und kindlich zu weinen wie er.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Wasili Lukitsch trat ein. Auch bei der andern Tür wurden Schritte hörbar, und die Kinderfrau flüsterte erschrocken: »Er kommt!« und reichte Anna ihren Hut.

Sergei ließ sich aufs Bett zurückfallen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte. Anna zog ihm die Hände fort, küßte noch einmal sein tränenfeuchtes Gesicht und ging mit schnellen Schritten zur Tür. Dort traf sie mit Alexei Alexandrowitsch zusammen. Als er sie erblickte, blieb er stehen und senkte den Kopf.

Sie hatte zwar eben erst gesagt, er sei besser und braver als sie; aber bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn richtete und mit dem sie seine ganze Gestalt mit allen Einzelheiten umfaßte, bemächtigte sich ihrer dennoch ein Gefühl des Widerwillens und des Ingrimms gegen ihn und ein Gefühl des Neides wegen des ihm verbleibenden Sohnes. Mit einer schnellen Bewegung zog sie den Schleier herunter, beschleunigte ihren Schritt und verließ fast laufend das Zimmer.

Sie war nicht einmal dazu gekommen, die Spielsachen, die sie tags zuvor im Laden mit so viel Liebe und Leid ausgesucht hatte, hervorzuholen, und brachte sie so, wie sie waren, wieder nach Hause zurück.