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Zum ersten Male empfand Wronski gegen Anna ein Gefühl des Ärgers, ja fast des Ingrimms wegen dieser absichtlichen Verkennung ihrer Lage. Dieses Gefühl wurde noch dadurch gesteigert, daß er ihr den Grund, weshalb er sich ärgerte, nicht wohl mitteilen konnte. Hätte er ihr offen sagen wollen, was er dachte, so hätte er sagen müssen, in dieser Kleidung mit der allgemein bekannten Prinzessin im Theater zu erscheinen, das wäre nicht nur ein Zugeständnis, daß sie eine Gefallene sei, sondern auch eine schroffe Herausforderung an die vornehme Gesellschaft, das heißt ein Bruch mit ihr für immer.

Das konnte er ihr nicht sagen. ›Aber wie ist es nur möglich, daß sie das nicht einsieht? Und was geht in ihr vor?‹ fragte er sich selbst. Er fühlte, wie bei ihm gleichzeitig die Achtung vor ihr sich verminderte und die Bewunderung ihrer Schönheit noch zunahm.

Mit finsterem Gesicht kehrte er wieder in sein Zimmer zurück und setzte sich zu Jaschwin, der seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt hatte und Kognak mit Selterswasser trank. Wronski ließ sich dasselbe Getränk bringen.

»Du sprachst von Lankowskis Hengst Mogutschi. Das ist ein gutes Pferd, und ich kann dir nur raten, es zu kaufen«, sagte Jaschwin, der die finstere Miene seines Kameraden sehr wohl bemerkte. »Das Hinterteil hängt ein wenig; aber Beine und Kopf kann man sich gar nicht besser wünschen.«

»Ich glaube, ich werde ihn nehmen«, antwortete Wronski.

Das Gespräch über Pferde zog ihn ja an; aber er mußte doch fortwährend an Anna denken, horchte unwillkürlich nach dem Geräusch der Schritte auf dem Vorsaal und blickte nach der Uhr auf dem Kamin.

»Anna Arkadjewna läßt sagen, daß sie ins Theater gefahren ist.«

Jaschwin kippte noch ein Glas Kognak in das schäumende Wasser, trank es aus, stand auf und knöpfte seinen Rock zu.

»Nun, wollen wir auch fahren?« fragte er. Er lächelte leise unter seinem Schnurrbart und deutete durch dieses Lächeln an, daß er die Ursache der Mißstimmung Wronskis kenne, ihr aber keine Bedeutung beimesse.

»Ich komme nicht mit«, erwiderte Wronski finster.

»Ich muß aber hin, ich habe es versprochen. Nun, dann also auf Wiedersehen. Sonst komm doch ins Parkett und nimm Krasinskis Platz«, fügte Jaschwin beim Hinausgehen hinzu.

»Nein, ich habe zu tun.«

›Eine Ehefrau macht einem Sorgen, und eine, mit der man nicht verheiratet ist, noch mehr‹, dachte Jaschwin, als er aus dem Hotel hinaustrat.

Als Wronski allein geblieben war, stand er vom Stuhl auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

›Was ist denn heute in der Oper? Die vierte Abonnementsvorstellung ... Jegor und Gemahlin werden da sein und wahrscheinlich auch die Mutter. Das heißt, ganz Petersburg ist da. Jetzt hat sie sich schon in die Loge begeben, hat den Pelz abgelegt und ist nach vorn ins Helle getreten. Tuschkewitsch, Jaschwin, die Prinzessin Warwara sind bei ihr.‹ Alles vergegenwärtigte er sich auf das lebhafteste. ›Nun, und ich? Fürchte ich mich etwa, oder habe ich diesen Tuschkewitsch beauftragt, ihr Beschützer zu sein? Man mag die Geschichte ansehen, wie man will, sie ist zu dumm, zu dumm! ... Und warum bringt sie mich in diese Lage?‹ dachte er und schwenkte dabei ärgerlich mit dem Arm.

Bei dieser Bewegung stieß er an das Tischchen, auf dem das Selterswasser und die Kognakflasche standen, diese drohte herunterzufallen.

Er wollte sie noch greifen, aber sie fiel doch, und ärgerlich stieß er mit dem Fuß den Tisch um und klingelte.

»Wenn du bei mir im Dienst bleiben willst«, sagte er zu dem eintretenden Kammerdiener, »so denke besser an deine Obliegenheiten. Das brauchte hier nicht mehr herumzustehen. Du hättest es abräumen müssen.«

Im Gefühl seiner Schuldlosigkeit wollte sich der Kammerdiener rechtfertigen; aber als er seinen Herrn anblickte, merkte er an dessen Gesicht, daß es ratsam sei zu schweigen. Er kniete auf den Teppich nieder und begann, eilig herumkriechend, die heilen und zerschlagenen Gläser und Flaschen aufzulesen.

»Das ist nicht deine Sache. Schicke den Kellner her, dies wegzubringen, und lege mir meinen Frack zurecht!«

Als Wronski das Theater betrat, war es halb neun Uhr. Die Aufführung war in vollem Gange. Ein alter Türschließer nahm ihm den Pelz ab, betitelte ihn, als er ihn erkannt hatte, »Euer Erlaucht« und bemerkte dienstfertig, er brauche keine Garderobennummer zu nehmen, sondern solle nachher nur einfach »Fjodor!« rufen. In dem hell erleuchteten Gang befand sich niemand außer dem Türschließer und zwei Lakaien mit Pelzen über den Armen, die an der Tür horchten. Durch die nur angelehnte Tür vernahm man die zurückhaltende Stakkato-Begleitung des Orchesters und eine weibliche Stimme, die mit großer Genauigkeit ein Gesangstück vortrug. Die Tür öffnete sich, um einen hindurchschlüpfenden Türschließer herauszulassen, und das Gesangstück, das sich seinem Ende näherte, drang auf einmal laut und deutlich an Wronskis Ohr. Aber die Tür schloß sich sofort wieder, und Wronski konnte den Schlußsatz nicht hören, erkannte aber durch die Tür hindurch an dem donnernden Händeklatschen, daß der Gesang zu Ende war. Als er in den von Kronleuchtern und bronzenen Gasarmen hell erleuchteten Saal trat, dauerte der Lärm noch an. Auf der Bühne stand die Sängerin, mit schimmernden nackten Schultern und blitzenden Brillanten, verbeugte sich lächelnd, sammelte mit Hilfe des Tenors, der sie an der Hand gefaßt hatte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen Blumen und trat zu einem Herrn mit wundervollem Mittelscheitel in den pomadeglänzenden Haaren, der sich mit seinen langen Armen über die Rampe herüberreckte und ihr irgendeinen Gegenstand hinhielt; und das gesamte Publikum im Parkett und in den Logen war in Aufregung, beugte sich vor, schrie und klatschte. Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze war bei der Überreichung des Geschenkes behilflich und rückte dann seine weiße Binde wieder zurecht. Wronski ging bis mitten ins Parkett hinein, blieb dann stehen und blickte um sich. Heute achtete er noch weniger als sonst auf das ihm bekannte, gewohnte Bild, auf die Bühne, auf diesen Lärm, auf dieses ganze bekannte, ihm gleichgültige bunte Gewimmel von Zuschauern in dem gedrängt vollen Theater.

In den Logen befanden sich Damen von der gleichen Art wie immer und im Hintergrunde der Logen irgendwelche Offiziere; überall dieselben buntgeputzten Damen wie sonst, Gott weiß welchen Standes, dieselben Uniformen und Zivilanzüge; derselbe unsaubere Pöbel auf der Galerie; und unter diesem ganzen Schwarm waren in den Logen und in den vordersten Reihen des Parketts etwa vierzig wirkliche Herren und Damen. Auf diese Oasen richtete Wronski sofort seine Aufmerksamkeit und trat mit ihnen unverzüglich in Beziehung.

Als er eintrat, war gerade ein Akt zu Ende; daher ging er, ohne in der Loge seines Bruders vorgesprochen zu haben, nach vorn bis zur ersten Reihe des Parketts und blieb an der Rampe bei Serpuchowskoi stehen, der, das eine Knie krümmend, mit dem Absatz gegen die Rampe klopfte und, sowie er Wronski von weitem gewahr geworden war, ihn durch ein Lächeln zu sich herangerufen hatte.

Wronski hatte Anna noch nicht gesehen; er blickte absichtlich nicht nach ihrer Seite. Aber er merkte an der Richtung der Blicke anderer, wo sie saß. Er sah sich unauffällig um, ohne nach ihr zu suchen; das Schlimmste erwartend, suchte er mit den Augen Alexei Alexandrowitsch. Aber zu Wronskis Glück war er heute nicht im Theater.

»Wie wenig Militärisches du dir doch in deiner Erscheinung bewahrt hast!« sagte Serpuchowskoi zu ihm. »Du siehst aus wie ein Diplomat, ein Künstler oder so etwas.«

»Ja, sowie ich wieder nach Rußland zurückgekehrt bin, habe ich den Frack angezogen«, antwortete Wronski lächelnd und nahm langsam das Opernglas aus dem Behälter.

»Offengestanden, in dieser Hinsicht beneide ich dich. Ich, wenn ich aus dem Auslande zurückkomme und dies hier wieder anlege« (er berührte seine Achselstücke), »bedaure immer, daß es mit meiner Freiheit wieder aus ist.«

Serpuchowskoi hatte schon längst die Hoffnung aufgegeben, daß Wronski je wieder zu seiner militärischen Tätigkeit zurückkehren werde; aber er hatte ihn noch ebenso gern wie früher und war jetzt besonders liebenswürdig zu ihm.

»Schade, daß du den ersten Akt versäumt hast.«

Wronski, der ihm nur mit einem Ohre zuhörte, richtete sein Opernglas auf den ersten Rang und die Parkettlogen und musterte die dort Sitzenden. Neben einer Dame mit einem Turban und einem kahlköpfigen alten Herrn, dessen ärgerlich verlegene Miene er durch sein umherwanderndes Glas wahrnahm, erblickte er auf einmal Annas stolzen, überraschend schönen, lächelnden Kopf in der Spitzenumrahmung. Sie befand sich in der fünften Parkettloge, etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt. Sie saß vorn an der Brüstung und sagte, ein wenig zurückgewendet, etwas zu Jaschwin. Die Haltung ihres Kopfes auf den schönen, breiten Schultern und das verhaltene, lebhafte Leuchten ihrer Augen und des ganzen Gesichtes erinnerten ihn durchaus an die Erscheinung, in der sie ihm auf dem Ball in Moskau entgegengetreten war. Aber jetzt war seine Empfindung dieser Schönheit gegenüber ganz anders. In seinem Gefühl für sie lag jetzt nichts Geheimnisvolles mehr, und daher hatte ihre Schönheit, wiewohl sie ihn noch stärker als früher anzog, jetzt zugleich für ihn etwas Verletzendes. Sie blickte nicht nach der Richtung, wo er stand; aber Wronski fühlte, daß sie ihn schon gesehen hatte.

Als er kurze Zeit darauf sein Glas wieder nach jener Seite wandte, bemerkte er, daß die Prinzessin Warwara auffällig rot aussah, in gezwungener Weise lachte und sich fortwährend nach der Nachbarloge umsah, Anna aber, mit dem zusammengeklappten Fächer auf den roten Samt der Brüstung klopfend, starr irgendwohin blickte und nicht sah, und auch augenscheinlich nicht sehen wollte, was in der Nachbarloge vorging. Jaschwins Gesicht zeigte den Ausdruck, den es zu tragen pflegte, wenn er im Spiel verlor. Die Augenbrauen zusammenziehend, steckte er die linke Schnurrbartspitze immer tiefer in den Mund hinein und schielte nach eben jener Nachbarloge hin.

In dieser links gelegenen Loge waren Herr und Frau Kartasow. Wronski kannte sie und wußte, daß Anna mit ihnen bekannt war. Frau Kartasow, eine magere, kleine Dame, stand in ihrer Loge und legte, Anna den Rücken zuwendend, den Umhang um, den ihr Gatte ihr hinhielt. Ihr Gesicht sah blaß und zornig aus, und sie sagte etwas mit allen Zeichen der Erregung. Kartasow, ein dicker, kahlköpfiger Herr, blickte beständig nach Anna und versuchte, seine Frau zu beruhigen. Als seine Frau hinausging, zögerte er noch längere Zeit und suchte mit den Augen einen Blick Annas aufzufangen, offenbar mit dem Wunsche, ihr eine Verbeugung zu machen. Aber Anna beachtete ihn, augenscheinlich mit Absicht, gar nicht und sprach, zurückgewendet, zu Jaschwin, der sich mit seinem kurz geschorenen Kopfe zu ihr herunterbeugte. Kartasow ging, ohne seine Verbeugung angebracht zu haben, hinaus, und die Loge blieb leer.

Was eigentlich zwischen Kartasows und Anna vorgefallen war, wußte Wronski nicht; aber so viel merkte er, daß es etwas für Anna Demütigendes gewesen sein mußte. Das schloß er aus dem, was er gesehen hatte, ganz besonders aus Annas Gesicht, die, das sah er, ihre letzten Kräfte zusammennahm, um die Rolle, die sie übernommen hatte, durchzuführen. Und diese Rolle äußerlicher Ruhe gelang ihr vollkommen. Wer sie und ihren Bekanntenkreis nicht kannte und all die Äußerungen des Bedauerns, der Entrüstung und Verwunderung der Damen nicht hörte, daß sie sich erlaubt hatte, in der Gesellschaft zu erscheinen und mit ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit Aufsehen zu erregen, der mußte die Ruhe und Schönheit dieser Frau bewundern und konnte nicht ahnen, daß sie die Empfindungen eines Menschen durchmachte, der an den Schandpfahl gebunden ist.

Wronski, der zwar wußte, daß etwas vorgefallen sei, aber nicht genauer, was, war in peinlicher Unruhe; in der Hoffnung, etwas Näheres zu erfahren, ging er nach der Loge seines Bruders. Absichtlich wählte er einen Ausgang aus dem Parkett, der auf der entgegengesetzten Seite von Annas Loge lag; aber beim Hinausgehen stieß er auf seinen ehemaligen Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach. Wronski hörte, wie der Name Karenin im Gespräch vorkam, und bemerkte, wie der Regimentskommandeur sich beeilte, ihn selbst laut mit seinem Namen anzurufen, und dabei den beiden anderen Herren einen bedeutsamen Blick zuwarf.

»Ah, Wronski! Wann wirst du denn einmal zu uns ins Regimentskasino kommen? Ohne ein Festessen können wir dich nicht abreisen lassen. Du bist ja doch auf das allerengste mit dem Regiment verwachsen«, sagte der Kommandeur.

»Ich bin sehr eilig. Bedaure außerordentlich. Auf ein andermal!« erwiderte Wronski und eilte die Treppe hinauf.

Die alte Gräfin, Wronskis Mutter, mit ihren stahlgrauen Löckchen, war in der Loge des Bruders. Warja und die Prinzessin Sorokina traf er im Vorraum des ersten Ranges.

Nachdem Warja die Prinzessin Sorokina zu der alten Gräfin Wronskaja geleitet hatte, trat sie wieder in den Vorraum hinaus, gab ihrem Schwager die Hand und begann sofort mit ihm von dem zu sprechen, was ihn beschäftigte. Sie war so aufgeregt, wie er sie selten gesehen hatte.

»Ich finde das niedrig und abscheulich, und Madame Kartasowa hatte in keiner Weise ein Recht dazu. Madame Karenina ...«, begann sie.

»Aber was ist denn geschehen? Ich weiß von nichts.«

»Wie? Du hast es noch nicht gehört?«

»Du kannst dir leicht denken, daß ich der letzte bin, der etwas davon zu hören bekommt.«

»Gibt es wohl ein boshafteres Geschöpf als diese Kartasowa?«

»Was hat sie denn also getan?«

»Mein Mann hat es mir erzählt. Sie hat Frau Karenina beleidigt. Ihr Mann knüpfte nach der andern Loge hinüber ein Gespräch mit Frau Karenina an, und da hat seine Frau ihm eine Szene gemacht. Es heißt, sie hat laut einen beleidigenden Ausdruck gebraucht und ist hinausgegangen.«

»Graf, Ihre maman läßt Sie rufen«, sagte die Prinzessin Sorokina, indem sie aus der Logentür herausblickte.

»Ich warte schon lange auf dich«, redete ihn seine Mutter mit spöttischem Lächeln an. »Du läßt dich ja gar nicht blicken.«

Der Sohn sah, daß sie nicht imstande war, ein Lächeln der Schadenfreude zu unterdrücken.

»Guten Abend, maman. Ich war auf dem Wege zu Ihnen«, erwiderte er kühl.

»Warum gehst du denn nicht faire la cour à Madame Karénine?« fügte sie hinzu, als die Prinzessin Sorokina zur Seite getreten war. »Elle fait sensation. On oublie la Patti pour elle.«

»Maman, ich habe Sie schon früher gebeten, mit mir davon nicht zu sprechen«, antwortete er mit finsterer Miene.

»Ich sage nur, was alle Leute sagen.«

Wronski erwiderte nichts und ging, nachdem er noch ein paar Worte zur Prinzessin Sorokina gesagt hatte, hinaus. In der Tür stieß er auf seinen Bruder.

»Ah, Alexei!« sagte der Bruder. »Welch eine Gemeinheit! Ein dummes Frauenzimmer, weiter nichts ... Ich wollte gerade zu ihr gehen. Gehen wir beide zu sammen!«

Wronski hörte gar nicht, was sein Bruder sagte. Schnellen Schrittes ging er die Treppe hinunter; er fühlte, daß er etwas tun müsse, wußte aber nicht, was. Der Ärger über sie, daß sie sich und ihn in eine so peinliche Lage gebracht hatte, und zugleich das Mitleid mit ihr wegen der Leiden, die sie ausstand, versetzten ihn in die größte Erregung. Er ging ins Parkett hinunter und begab sich geradeswegs nach Annas Loge. Hier stand Stremow und führte mit Anna ein Gespräch.

»Es gibt keine Tenore mehr. Le moule en est brisé.«

Wronski verbeugte sich vor ihr, blieb stehen und begrüßte dann Stremow.

»Sie sind wohl zu spät gekommen und haben die schöne Arie nicht gehört«, sagte Anna zu Wronski und blickte ihn, wie es ihm vorkam, dabei spöttisch an.

»Ich besitze nur ein geringes Verständnis dafür«, antwortete er, indem er einen ernsten Blick auf sie richtete.

»Ganz wie Fürst Jaschwin«, bemerkte sie lächelnd. »Der findet, daß die Patti zu laut singt. – Danke«, sagte sie und nahm mit ihrer kleinen Hand in dem langen Handschuh den Theaterzettel, den Wronski ihr aufgehoben hatte. In diesem Augenblick ging ein plötzliches Zucken durch ihr Gesicht; sie stand auf und trat in den Hintergrund der Loge zurück.

Als Wronski bemerkte, daß im nächsten Akt ihre Loge leer blieb, ging er, obgleich er dadurch ein Zischen des Publikums hervorrief, das bei den Tönen der Kavatine lautlos dasaß, aus dem Parkett hinaus und fuhr nach dem Hotel.

Anna war bereits dort. Als Wronski bei ihr eintrat, befand sie sich noch in derselben Kleidung, in der sie im Theater gewesen war. Sie saß an der Wand auf dem ersten Sessel bei der Tür und sah vor sich hin. Sie blickte den Eintretenden einen Augenblick an, nahm aber sofort wieder ihre frühere Haltung ein.

»Anna«, sagte er.

»Du, du bist an allem schuld!« rief sie (vor Tränen der Verzweiflung und des Ingrimms konnte sie kaum sprechen) und stand auf.

»Ich hatte dich gebeten, dich beschworen, nicht hinzufahren; ich wußte, daß dir Unangenehmes widerfahren würde ...«

»Unangenehmes!« rief sie. »Entsetzlich war es! Solange ich lebe, werde ich das nicht vergessen. Sie hat gesagt, es sei eine Schande, neben mir zu sitzen.«

»Das ist eine Äußerung eines dummen Weibes«, erwiderte er. »Aber welchen Zweck hat es, sich einer solchen Gefahr auszusetzen und die Leute herauszufordern ...«

»Ich bin empört, wie ruhig du dabei bist. Du hättest mich nicht soweit bringen dürfen. Wenn du mich liebtest ...«

»Anna! Was hat meine Liebe damit zu schaffen ...«

»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du solche Qualen ausständest wie ich ...«, sagte sie, ihn mit einem Ausdruck von Herzensangst anblickend.

Sie tat ihm leid, aber doch ärgerte er sich über sie. Er beteuerte ihr seine Liebe, weil er sah, daß dies das einzige Mittel war, sie jetzt zu beruhigen, und machte ihr mit Worten keine Vorwürfe; aber im Herzen war er doch unzufrieden mit ihr.

Und diese Liebesbeteuerungen, die ihm jetzt so leer erschienen, daß er sich eigentlich schämte, sie auszusprechen, hörte sie mit einer Art von Gier an und beruhigte sich allmählich. Am Tage darauf reisten sie, völlig miteinander ausgesöhnt, nach dem Gute ab.