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Kitty freute sich besonders über die Gelegenheit, mit ihrem Manne unter vier Augen zu sein; denn es war ihr nicht entgangen, daß über sein Gesicht, das immer alle seine Empfindungen so lebendig widerspiegelte, ein Schatten des Verdrusses gelaufen war, als er vorhin auf die Terrasse gekommen war und gefragt hatte, wovon sie sprächen, und keine Antwort erhalten hatte.

Sie gingen den andern, die den Wagen benutzen wollten, zu Fuß voraus, und als sie nun aus der Sehweite des Hauses heraus auf die glattgefahrene, staubige, mit Roggenähren und Körnern bestreute Straße gelangt waren, da stützte sie sich fester auf seinen Arm und schmiegte sich an ihn. Den augenblicklichen unangenehmen Eindruck hatte er schon wieder vergessen, und allein mit ihr, empfand er jetzt, wo der Gedanke an ihre Schwangerschaft ihn auch nicht einen Augenblick verließ, jenes ihm noch neue, freudige, von aller Sinnlichkeit reine Wonnegefühl über die Nähe des geliebten Weibes. Zu sagen hatte er ihr nichts; aber er wollte gern den Ton ihrer Stimme hören, der sich ebenso wie ihr Blick jetzt bei der Schwangerschaft verändert hatte. In ihrer Stimme und in ihrem Blick lag jene Weichheit und jener Ernst, wie sie Menschen eigen sind, deren Denken sich beständig auf ein und denselben geliebten Gegenstand richtet.

»Wirst du auch nicht müde werden? Stütze dich nur recht fest auf mich«, sagte er.

»Nein, ich freue mich so, daß ich einmal ein Weilchen mit dir allein bin, und ich muß gestehen, so angenehm mir auch das Zusammensein mit ihnen allen ist, so denke ich doch mit Sehnsucht an unsere Winterabende, wo wir beide still zusammensaßen.«

»Damals war es schön, und jetzt ist es noch besser. Beides ist wunderschön«, sagte er und drückte ihren Arm an sich.

»Weißt du, wovon wir sprachen, als du vorhin auf die Terrasse kamst?«

»Vom Obsteinkochen?«

»Ja, davon auch; aber dann sprachen wir von der Art, wie Heiratsanträge gemacht werden.«

»Ah so!« erwiderte Ljewin, der mehr auf den Klang ihrer Stimme als auf den Inhalt ihrer Worte hörte und die ganze Zeit über auf den jetzt durch Wald führenden Weg achtete und die Stellen mied, wo sie einen unrichtigen Tritt hätte tun können.

»Und dann sprachen wir auch von Sergei Iwanowitsch und Warjenka. Hast du wohl etwas gemerkt? ... Ich würde sehr wünschen, daß etwas daraus würde«, fuhr sie fort. »Wie denkst du darüber?« Sie blickte ihm ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, wie ich darüber denken soll«, antwortete Ljewin lächelnd. »Sergei ist mir in dieser Hinsicht nicht recht verständlich. Ich habe dir ja erzählt ...«

»Ja, daß er sich in ein Mädchen verliebt hatte, das dann starb ...«

»Das fiel in die Zeit, als ich noch ein Kind war; ich weiß davon nur durch Mitteilungen anderer. Aber auf sein Wesen in jener Zeit kann ich mich noch ganz gut besinnen; er war damals außerordentlich lieb und nett. Aber seit jener Zeit beobachte ich ihn in seinen Beziehungen zu den Frauen: er benimmt sich liebenswürdig, und manche gefallen ihm; aber man merkt, daß sie für ihn nur Menschen sind und nicht Frauen.«

»Ja, aber jetzt mit Warjenka ... Es scheint doch, daß er da ...«

»Es kann sein ... Aber man muß ihn näher kennen ... Er ist ein eigenartiger, wunderbarer Mensch. Er führt ein ausschließlich geistiges Leben. Er ist ein zu reiner, hochsinniger Mensch.«

»Wie? Würde er sich etwa dadurch erniedrigen?«

»Nein, das nicht; aber er hat sich dermaßen an ein ausschließlich geistiges Leben gewöhnt, daß er nicht imstande ist, sich mit der Wirklichkeit friedlich auseinanderzusetzen, und Warjenka gehört doch zur Wirklichkeit.«

Ljewin hatte es sich jetzt schon vollständig angewöhnt, das, was er dachte, dreist auszusprechen, ohne sich die Mühe zu geben, es in genau zutreffende Worte zu kleiden; er wußte, daß seine Frau in solchen liebevollen Augenblicken wie jetzt schon aus einer bloßen Andeutung verstand, was er sagen wollte. Und sie hatte ihn auch wirklich verstanden.

»Ja, aber es liegt in ihr nicht eine solche Wirklichkeit wie in mir. Daß er sich in mich nie verlieben könnte, das ist mir begreiflich. Aber sie hat durch und durch etwas Geistiges.«

»Aber nicht doch, er hat dich wirklich sehr lieb, und es ist mir immer eine Freude, daß meine Angehörigen dich liebhaben ...«

»Ja, er ist sehr gut zu mir, aber ...«

»Aber doch nicht so wie der verstorbene Nikolai«, beendete Ljewin den von ihr begonnenen Satz. »Ihr hattet euch richtig ineinander verliebt. Warum sollte ich das nicht sagen?« fügte er hinzu. »Ich mache mir manchmal Vorwürfe, daß ich so wenig an ihn denke, und das Ende wird doch schließlich sein, daß man ihn vergißt. Ach, was für ein schrecklicher und dabei doch so prächtiger Mensch war er! ... Ja, worüber sprachen wir doch nur?« sagte er nach einer kurzen Pause.

»Du meinst, er ist nicht imstande, sich zu verlieben?« fragte Kitty, indem sie das, was ihr Mann gesagt hatte, in ihre Sprache übersetzte.

»Nicht eigentlich, daß er nicht imstande sein sollte, sich zu verlieben«, antwortete Ljewin lächelnd. »Aber er besitzt nicht die Schwäche, die dazu erforderlich ist ... Ich habe ihn immer beneidet, und sogar jetzt, wo ich so glücklich bin, beneide ich ihn.«

»Du beneidest ihn darum, daß er nicht imstande ist, sich zu verlieben?«

»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist als ich«, versetzte Ljewin wieder lächelnd. »Er lebt nicht für sich selbst. Sein ganzes Leben hat er in den Dienst der Pflicht gestellt. Und darum kann er ruhig und zufrieden sein.«

»Und du?« fragte Kitty mit einem spöttischen, liebevollen Lächeln.

Sie vermochte schlechterdings nicht, dem Gedankengang, der sie zum Lächeln gebracht hatte, mit Worten Ausdruck zu geben; aber das Ergebnis dieses Gedankenganges war, daß ihr Mann, wenn er von dem Bruder so entzückt rede und sich selbst so tief unter ihn stelle, dabei nicht ganz aufrichtig sei. Kitty wußte, daß diese seine Unaufrichtigkeit aus seiner Liebe zu seinem Bruder hervorging, aus einem Gefühl der Beschämung darüber, daß er unverdientermaßen gar zu glücklich sei, und besonders aus seinem unablässigen Streben, besser zu werden; sie liebte das an ihm, und darum lächelte sie.

»Und du? Womit bist du denn unzufrieden?« fragte sie noch einmal mit demselben Lächeln.

Daß sie an seine Unzufriedenheit mit sich selbst nicht recht glauben wollte, freute ihn, und ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, forderte er sie dazu heraus, die Ursachen ihres Unglaubens auszusprechen.

»Ich bin glücklich, aber ich bin mit mir selbst unzufrieden ...«, erwiderte er.

»Wie kannst du denn aber unzufrieden sein, wenn du doch glücklich bist?«

»Ja, wie soll ich mich da ausdrücken? ... Ich habe augenblicklich in meinem Herzen nur den einen Wunsch, daß du nicht straucheln möchtest. Ach, aber du darfst doch nicht so springen!« unterbrach er seine Auseinandersetzung durch einen Vorwurf für eine zu schnelle Bewegung, die sie bei einem großen Schritt über einen auf dem Fußwege liegenden Ast gemacht hatte. »Aber wenn ich mich selbst beurteile und mich mit anderen, namentlich mit meinem Bruder, vergleiche, dann fühle ich, daß ich nur geringwertig bin.«

»Aber wieso denn?« fuhr Kitty mit demselben Lächeln fort. »Bist du nicht ebenfalls im Interesse anderer tätig? Und deine Vorwerke, und deine Landwirtschaft, und dein Buch? ...«

»Nein, ich fühle es, und besonders jetzt: du bist schuld daran«, versetzte er und drückte ihren Arm an sich, »daß meine Tätigkeit nicht so ist, wie sie sein sollte. Wenn ich diese ganze Tätigkeit so lieben könnte, wie ich dich liebe ... so aber erledige ich in letzter Zeit das alles wie eine aufgegebene Arbeit.«

»Nun, und was sagst du dann von Papa?« fragte Kitty. »Ist er denn nun auch geringwertig, weil er nichts für das Gemeinwohl getan hat?«

»Der? O nein! Aber dann muß man auch so ein natürliches Wesen, eine solche Klarheit des Urteils, eine solche Herzensgüte besitzen wie dein Vater; und habe ich die etwa? Ich wirke nicht, und das peinigt mich. Alles das hast du angerichtet. Als du noch nicht da warst und das noch nicht da war«, sagte er mit einem Blick auf ihren Leib, den sie verstand, »da verwandte ich alle meine Kräfte auf die Arbeit; aber jetzt vermag ich das nicht, und darüber schäme ich mich; ich arbeite genauso, wie wenn ich ein aufgegebenes Pensum absolvieren müßte; ich verstelle mich ...«

»Nun, und würdest du Lust haben, auf dem Fleck mit Sergei Iwanowitsch zu tauschen?« fragte Kitty. »Möchtest du wie er für das Gemeinwohl tätig sein und dieses aufgegebene Pensum dir zur Herzenssache machen, und damit abgetan?«

»Selbstverständlich nicht«, antwortete Ljewin. »Übrigens bin ich so glücklich, daß meine Denkkraft versagt. Und du glaubst wirklich, daß er ihr heute einen Antrag machen wird?« fügte er nach kurzem Stillschweigen hinzu.

»Ich glaube es und glaube es auch wieder nicht. Aber ich wünsche es von ganzem Herzen. Da, warte mal.« Sie bückte sich und pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille. »Nun zähle mal, ob er einen Antrag macht oder nicht, ja, nein«, sagte sie und reichte ihm die Blume hin.

»Ja, nein, ja, nein«, sagte Ljewin, indem er die schmalen, ausgekehlten, weißen Blättchen abriß.

»Halt, halt!« unterbrach ihn Kitty, die in großer Erregung seine Finger beobachtete, und hielt ihm die Hand fest. »Du hast zwei mit einem Male abgerissen.«

»Na, dafür soll dann dieses kleine hier nicht mitzählen«, erwiderte Ljewin und riß ein kurzes, nicht ausgewachsenes Blättchen ab. »Da hat uns auch der Break schon eingeholt.«

»Bist du nicht müde, Kitty?« rief die Fürstin.

»Nicht im geringsten.«

»Sonst steig doch ein, wenn die Pferde folgsam sind und Schritt gehen können.«

Aber es lohnte nicht mehr einzusteigen, da das Ziel schon ganz nahe war; so gingen sie denn den Rest des Weges alle zu Fuß.