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Auf den sechsten Tag waren die Gouvernementswahlen angesetzt. Die beiden Säle, der große und der kleine, waren voll von Edelleuten in mannigfachen Uniformen. Viele hatten sich nur für diesen einen Tag eingefunden. Bekannte, die einander lange nicht gesehen hatten und von denen der eine aus der Krim, ein anderer aus Petersburg, ein dritter aus dem Auslande gekommen war, begegneten einander in diesen Sälen. Am Gouvernementstische, unter dem Bilde des Zaren, fanden die Verhandlungen statt.

Die Edelleute hatten sich sowohl im großen wie im kleineren Saale in zwei Lager gruppiert, und aus mancherlei Anzeichen war zu erkennen, daß jede Partei vor der anderen ihre Geheimnisse hatte: feindselige, mißtrauische Blicke flogen hinüber und herüber; das Gespräch verstummte bei Annäherung fremder Personen; manche begaben sich sogar flüsternd weg nach dem entfernten Vorsaal. Dem Äußeren nach schieden sich die Edelleute scharf in zwei Altersklassen: die Alten und die Jungen. Die Alten trugen größtenteils entweder alte zugeknöpfte Adelsuniformen mit Hut und Degen oder je nach ihrer früheren dienstlichen Stellung ihre besonderen Marine-, Kavallerie- und Infanterie-Uniformen. Die Uniformen der alten Edelleute waren von altmodischem Schnitt, mit Puffen an den Schultern; sie waren offenbar zu klein geworden, zu kurz in der Hüfte und zu eng, als wenn ihre Träger aus ihnen herausgewachsen wären. Die Jungen dagegen trugen aufgeknöpfte Adelsuniformen, lang in der Hüfte und breit in den Schultern, mit weißen Westen, oder auch Uniformen mit schwarzem Kragen und goldgestickten Lorbeerblättern, dem Abzeichen des Justizministeriums. Zu den Jungen gehörten auch einige Hofuniformen, die hier und da zur Verschönerung des Schwarmes beitrugen.

Aber diese Teilung in Junge und Alte fiel nicht durchweg mit der Teilung der Parteien zusammen. Einige der Jungen gehörten nach Ljewins Beobachtungen zur alten Partei, und umgekehrt flüsterten einige der ältesten Edelleute mit Swijaschski und waren also offenbar eifrige Anhänger der neuen Partei.

Ljewin stand im kleinen Saale, wo man rauchen und an einem Schanktisch etwas zu essen bekommen konnte, neben einer Gruppe seiner Parteigenossen, hörte dem Gespräche zu und strengte vergeblich seine Geisteskräfte an, um das, was gesprochen wurde, zu verstehen. Sergei Iwanowitsch war der Mittelpunkt, um den sich die andern gruppierten. Augenblicklich hörte er mit an, was Swijaschski und Chljustow sagten, der Adelsmarschall eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei gehörte. Chljustow wollte sich nicht dazu verstehen, mit seinen Kreisangehörigen zu Snetkow zu gehen und ihn zu bitten, daß er doch von neuem kandidieren möge; Swijaschski dagegen redete ihm zu, dies doch zu tun, und auch Sergei Iwanowitsch billigte diesen Plan. Ljewin begriff nicht, zu welchem Zwecke eine feindliche Partei einen Adelsmarschall, den sie wegballotieren wollte, bitten sollte zu kandidieren.

Stepan Arkadjewitsch, der soeben einen Bissen gegessen und ein Gläschen getrunken hatte und sich nun mit dem parfümierten, farbig geränderten Batisttaschentuch den Mund wischte, trat in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.

»Wir werden die feindliche Stellung nehmen, Sergei Iwanowitsch!« sagte er, indem er die beiden Hälften seines Backenbartes sorgsam auseinanderstrich.

Und nachdem er dem Gespräch ein Weilchen zugehört hatte trat er der Meinung Swijaschskis bei.

»An einem Kreise ist es genug, und Swijaschski kann es nicht tun, weil schon allgemein bekannt ist, daß er zur Opposition gehört«, sagte er, und dies war allen außer Ljewin verständlich.

»Nun, Konstantin, du scheinst ja auch schon in Geschmack gekommen zu sein?« fügte er, zu Ljewin gewendet, hinzu und faßte ihn unter den Arm. Ljewin hätte sich gefreut, daran Geschmack zu finden; aber er konnte nicht begreifen, worum es sich handelte, und einige Schritte von den Redenden wegtretend, drückte er seinem Schwager sein Erstaunen darüber aus, weshalb der Gouvernements-Adelsmarschall gebeten werden sollte, wieder zu kandidieren.

»O sancta simplicitas!« erwiderte Stepan Arkadjewitsch und setzte ihm nun kurz und klar auseinander, wie die Sache stand.

»Wenn, wie bei der vorigen Wahl, alle Kreise den Gouvernements-Adelsmarschall bäten zu kandidieren, dann würde er mit lauter weißen Kugeln gewählt werden. Das darf nicht geschehen. Jetzt aber sind acht Kreise willens, ihn um seine Kandidatur zu ersuchen; wenn nun zwei Kreise es ablehnen, sich an dieser Aufforderung zu beteiligen, so wird Snetkow möglicherweise auf seine Kandidatur verzichten. Und dann wird es der alten Partei vielleicht gelingen, einen anderen ihrer Anhänger durchzubringen, da dann unser ganzer Plan gestört ist. Aber wenn nur der eine Kreis Swijaschskis sich von jener Aufforderung ausschließt, dann wird Snetkow kandidieren. Er wird sogar eine Mehrheit erhalten; denn wir werden ihm absichtlich eine Anzahl von unseren Stimmen zukommen lassen, so daß die Gegenpartei in ihrer Rechnung irre wird und, wenn wir einen der Unsrigen als Kandidaten aufstellen, ihm auch ihrerseits eine Anzahl Stimmen zuwendet.«

Ljewin verstand nun, aber noch nicht ganz, und wollte eben noch einige Fragen stellen, als auf einmal alle zu reden und zu lärmen begannen und in den großen Saal eilten.

»Was ist los? Was? Wen? – Vertrauen sollen wir haben? Zu wem? Wieso? – Er schließt ihn aus? – Wir haben kein Vertrauen zu ihm. – Er will Flerow nicht zulassen. – Was schadet das, daß er sich im Anklagezustand befindet? – Auf die Art könnte er ja jeden ausschließen. Das ist gemein. – Da möchten wir doch mal das Gesetz sehen!« hörte Ljewin von verschiedenen Seiten durcheinanderrufen. Alle strebten eilig vorwärts, als ob sie etwas zu versäumen fürchteten, und mit ihnen begab sich auch Ljewin in den großen Saal und näherte sich mitten in dem dichten Schwarm der Edelleute dem Gouvernementstisch, an dem der Gouvernements-Adelsmarschall, Swijaschski und andere Parteiführer hitzig über etwas stritten.