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»Also, bitte, fahre ja mit zu Bohls«, sagte Kitty zu ihrem Manne, als er zwischen zehn und elf Uhr, ehe er das Haus verließ, zu ihr in ihr Zimmer kam. »Ich weiß, du ißt zu Mittag im Klub; Papa hat dich dazu eingeschrieben. Aber was tust du denn bis dahin?«

»Ich will eigentlich nur zu Katawasow«, antwortete Ljewin.

»Warum willst du denn so früh dorthin?«

»Er hat versprochen, mich mit Metrow bekannt zu machen. Ich möchte mit ihm gern über meine Arbeit sprechen; er ist ein namhafter Petersburger Gelehrter«, antwortete Ljewin.

»Ja, ja, du lobtest ja neulich sosehr eine Abhandlung von ihm, nicht wahr? Nun, und dann?« fragte Kitty.

»Dann fahre ich vielleicht noch aufs Gericht, in der Angelegenheit meiner Schwester.«

»Willst du nicht auch ins Konzert?« fragte sie.

»Was soll ich da allein?«

»Ach was, fahr nur hin; da bekommst du die neuen Sachen zu hören, von denen wir neulich sprachen; sie interessieren dich ja so sehr. Wenn ich könnte, würde ich unbedingt hinfahren.«

»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Mittagessen noch einmal nach Hause«, erwiderte er und sah nach der Uhr.

»Zieh doch den Oberrock an, damit du gleich mit zur Gräfin Bohl fahren kannst.«

»Ist denn dieser Besuch unbedingt notwendig?«

»Ja, gewiß, unbedingt! Er ist doch bei uns gewesen. Na, was macht es dir denn für Mühe? Du fährst hin, nimmst Platz, redest fünf Minuten lang über das Wetter, stehst wieder auf und fährst weg.«

»Weißt du, du wirst es mir gar nicht glauben, aber ich habe mich von all diesem Formenwesen so entwöhnt, daß ich mich ordentlich schäme, dergleichen zu tun. Welchen Sinn hat das überhaupt: ein fremder Mensch kommt, setzt sich, bleibt ein Weilchen ganz zwecklos sitzen, stört die Leute vom Hause, verdirbt sich selbst die Laune und geht wieder.«

Kitty lachte.

»Aber als du noch unverheiratest warst, hast du ja doch wohl auch Besuche gemacht?« fragte sie.

»Allerdings, aber es ist mir immer peinlich gewesen, und jetzt habe ich mich dessen so entwöhnt, daß ich wahrhaftig lieber zwei Tage hintereinander das Mittagessen entbehren möchte als diesen Besuch machen. Ich schäme mich geradezu! Ich habe immer die Vorstellung, daß die Leute es übelnehmen und im stillen sagen: Warum bist du eigentlich nur so ohne jeden Anlaß hergekommen?«

»Nein, übelnehmen werden sie es dir nicht. Das versichere ich dir«, antwortete Kitty und blickte ihm lachend ins Gesicht. Sie ergriff seine Hand. »Nun adieu! Bitte, mach den Besuch nur!«

Er küßte seiner Frau die Hand und war schon im Begriff, wegzugehen, als sie ihn wieder zurückhielt.

»Konstantin, weißt du wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«

»Nun schön, ich werde mit zur Bank fahren und Geld abheben. Wieviel willst du haben?« versetzte er mit dem ihr wohlbekannten unzufriedenen Gesichtsausdruck.

»Nein, bitte, warte noch ein bißchen.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Wir wollen darüber reden; mich beunruhigt das. Ich gebe meiner Meinung nach nichts unnütz aus, und trotzdem ist das Geld immer wie weggeblasen. Wir müssen wohl irgendeinen Fehler machen.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte er, räusperte sich und sah sie mit gesenktem Kopfe von unten her an.

Dieses Räuspern kannte sie an ihm. Das pflegte bei ihm ein Zeichen starker Unzufriedenheit zu sein – der Unzufriedenheit nicht mit ihr, sondern mit sich selbst. Er war tatsächlich unzufrieden, aber nicht deswegen, weil viel Geld draufging, sondern weil er an etwas erinnert wurde, was er in dem Bewußtsein, daß dabei etwas nicht stimmte, gern vergessen hätte.

»Ich habe Sokolow angewiesen, den Weizen zu verkaufen und sich die Pacht für die Mühle im voraus geben zu lassen. Wir werden unter allen Umständen Geld zur Verfügung haben.«

»Gewiß, aber ich fürchte, daß wir überhaupt zuviel ...«

»Durchaus nicht, durchaus nicht!« versetzte er. »Nun adieu, mein Herz!«

»Nein, wirklich, es tut mir manchmal leid, daß ich Mamas Rat gefolgt bin. Wie schön wäre es auf dem Lande gewesen! So mache ich euch allen Unbequemlichkeiten, und wir vergeuden unser Geld.«

»Durchaus nicht, durchaus nicht. Seit wir geheiratet haben, ist es noch kein einziges Mal vorgekommen, daß ich gewünscht hätte, es möchte lieber anders sein, als es war.«

»Im Ernst?« sagte sie und blickte ihm in die Augen.

Er hatte das gesagt, ohne viel zu überlegen, nur um sie zu trösten. Aber als er sie nun anblickte und diese treuen, lieben Augen fragend auf sich gerichtet sah, da wiederholte er denselben Satz noch einmal von ganzem Herzen. ›Ich vergesse wirklich manchmal zu meiner Schande, meiner Frau etwas Liebes zu tun‹, dachte er. Und dabei fiel ihm ein, was in so naher Zukunft ihnen bevorstand.

»Ob es wohl bald ...? Was meinst du?« flüsterte er, indem er ihre beiden Hände ergriff.

»Ich habe es schon so oft gedacht, daß ich jetzt nichts mehr denke und nichts mehr weiß.«

»Und du hast keine Furcht?«

Sie lächelte geringschätzig.

»Keine Spur«, erwiderte sie.

»Also, wenn etwas vorfallen sollte, ich bin bei Katawasow.«

»Nein, es wird nichts vorfallen, es ist nicht daran zu denken. Ich fahre mit Papa auf dem Boulevard spazieren. Dann machen wir einen Besuch bei Dolly. Vor dem Mittagessen erwarte ich dich. Ach ja, das wollte ich noch sagen: Weißt du wohl, daß Dollys Lage ganz unhaltbar zu werden anfängt? Sie steckt tief in Schulden und hat gar kein Geld. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseni« (so nannte sie Herrn Lwow, den Mann ihrer Schwester) »darüber gesprochen, und es schien uns das beste, daß ihr beide, du und er, Stiwa einmal ordentlich vornehmen möchtet. So geht es schlechterdings nicht weiter. Mit Papa kann man darüber nicht reden ... Aber wenn du und er ...«

»Aber was können wir denn dabei ausrichten?« fragte Ljewin.

»Jedenfalls geh einmal zu Arseni und sprich mit ihm; er wird dir genauer sagen, was wir beschlossen haben.«

»Nun, daß ich mit Arseni in allem einverstanden sein werde, weiß ich im voraus. Also, ich will zu ihm fahren. – Apropos, wenn ich ins Konzert soll, so könnte ich ja mit Natalja zusammen hin. Nun adieu!«

An der Haustür hielt ihn der alte Kusma an, der schon in Ljewins Junggesellenzeit sein Diener gewesen war und nun in der Stadt den Wirtschaftsangelegenheiten Ljewins vorstand.

»Prachtkerl« (dies war das linke Deichselpferd, das vom Gute mitgebracht war) »ist beschlagen worden; aber er hinkt immer«, sagte er. »Was, befehlen Sie, soll geschehen?«

In der ersten Zeit seines Moskauer Aufenthaltes hatte Ljewin sich viel mit den Pferden abgegeben, die er vom Gute mitgebracht hatte. Er wollte gern diesen Teil seiner Wirtschaft möglichst gut und dabei möglichst billig einrichten; aber es stellte sich heraus, daß eigenes Fuhrwerk ihn teurer zu stehen kam als Mietswagen, und daß es ohne Benutzung von Mietswagen doch nicht abging.

»Laß den Tierarzt holen; vielleicht ist es eine Verletzung.«

»Und wie soll Katerina Alexandrowna ausfahren?« fragte Kusma.

Ljewin war jetzt nicht mehr, wie in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Moskau, darüber erstaunt, daß für eine Fahrt von der Wosdwischenkastraße nach der Siwzew-Wraschek-Straße zwei starke Pferde vor einen schweren Wagen gespannt werden mußten, um ihn einige hundert Schritte weit durch den Schneeschlamm zu ziehen und dort vier Stunden lang bis zur Rückfahrt stillzustehen, und daß er dann dafür fünf Rubel bezahlen mußte. Jetzt erschien ihm das schon als etwas ganz Natürliches.

»Sag dem Fuhrherrn, er möchte zwei Pferde für unsern Wagen schicken«, antwortete er.

Nachdem Ljewin, dank den Einrichtungen in der Stadt, in so einfacher, leichter Weise eine Schwierigkeit erledigt hatte, die auf dem Lande soviel persönliche Bemühung und Achtsamkeit erfordert haben würde, trat er vor das Haus, rief eine Droschke heran, setzte sich hinein und fuhr nach der Nikitskajastraße. Unterwegs dachte er nicht mehr an die Geldangelegenheit, sondern war nur von dem Gedanken erfüllt, daß er nun den Petersburger Gelehrten, der auf dem Gebiete der Volkswirtschaft wissenschaftlich tätig war, kennenlernen und mit ihm über sein Buch reden werde.

Nur in der allerersten Zeit in Moskau hatten jene dem Landbewohner seltsam erscheinenden, nutzlosen, aber unvermeidlichen Ausgaben, die auf Schritt und Tritt erforderlich wurden, für Ljewin etwas Überraschendes gehabt. Aber jetzt hatte er sich an diese Ausgaben bereits gewöhnt. Es ging ihm in dieser Hinsicht ähnlich, wie es nach einem geläufigen Ausdruck den Trinkern geht: das Geld für das erste Glas sperrt und sträubt sich, aus dem Beutel herauszukommen, wie ein Dachs, den man aus seinem Bau ziehen will; das Geld für das zweite Glas kommt ruhig heraus wie eine Kuh aus dem Stalle, und die Geldstücke für die folgenden Gläser flattern heraus wie kleine Vögel aus dem Käfig. Als Ljewin den ersten Hundertrubelschein wechselte, um Livreen für den Diener und den Pförtner zu kaufen, da überlegte er unwillkürlich: diese Livreen, von denen kein Mensch einen Nutzen habe, die aber doch unumgänglich notwendig seien, wenigstens nach dem Erstaunen zu urteilen, das die Fürstin und Kitty bei seiner Bemerkung bekundet hatten, daß es doch auch ohne Livreen gehe, diese Livreen würden soviel kosten wie zwei Sommerarbeiter, das heißt ungefähr dreihundert Arbeitstage, von der Osterwoche bis zu den Fasten, und zwar lauter Tage voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend – und dieser Hundertrubelschein sträubte sich heftig, aus der Brieftasche herauszukommen. Die nächste Banknote, die gewechselt wurde, um Speisen und Getränke im Betrage von achtundzwanzig Rubeln für ein Essen zu beschaffen, das sie den Verwandten geben mußten, erweckte zwar bei Ljewin die Erinnerung daran, daß achtundzwanzig Rubel der Preis von neun Tschetwert Hafer seien, den die Arbeiter mit vielem Schweiß und Ächzen gemäht, gebunden, gedroschen, geworfelt, gesiebt und aufgeschüttet hätten; aber diese zweite Banknote ging doch schon leichter weg. Jetzt aber rief das Wechseln der Hundertrubelscheine schon längst nicht mehr derartige Erwägungen bei ihm hervor, und diese Papierblätter flogen davon wie kleine Vögelchen. Ob das Vergnügen, das die für dieses Geld beschafften Dinge gewährten, auch im richtigen Verhältnis zu der Arbeit stehe, die seinerzeit zum Erwerb des Geldes aufgewendet war, diese Überlegung war bei ihm schon längst abgekommen. Seine ehemalige wirtschaftliche Richtschnur, daß es einen bestimmten Preis gebe, unter dem eine bestimmte Menge Getreide nicht verkauft werden dürfe, war bei ihm gleichfalls in Vergessenheit geraten. Der Roggen, für den er so lange an einem bestimmten Preise festgehalten hatte, war nun je Tschetwert fünfzig Kopeken unter dem Preise verkauft worden, der ihm einen Monat vorher geboten worden war. Selbst die einfache Rechnung, daß sie bei solchen Ausgaben unmöglich ein Jahr lang würden leben können, ohne in Schulden zu geraten, selbst diese Rechnung machte auf ihn keinen Eindruck mehr. Nur eines war erforderlich: er mußte immer Geld bei der Bank liegen haben, so daß man stets wußte, daß man morgen würde Fleisch kaufen können; woher das Geld kam, danach fragte er nicht. Das hatte er auch bisher durchführen können: er hatte immer Geld auf der Bank gehabt. Aber jetzt war sein Geld auf der Bank zu Ende gegangen, und er wußte nicht recht, wo er welches hernehmen sollte. Dieser Gedanke war es gewesen, der ihm, als Kitty von dem Gelde angefangen hatte, für einen Augenblick die Laune verdorben hatte; aber er hatte jetzt keine Zeit, daran zu denken. Während der Fahrt in der Droschke dachte er nur an Katawasow und die bevorstehende Bekanntschaft mit Metrow.