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Er kam im Klub gerade zur rechten Zeit an. Gleichzeitig mit ihm fuhren noch eine Menge von Mitgliedern und Gästen vor. Ljewin war sehr lange nicht im Klub gewesen, zum letzten Male in der Zeit, als er nach seinem Abgang von der Universität noch in Moskau lebte und in der Gesellschaft verkehrte. Er erinnerte sich noch an den Klub, nämlich an die Einzelheiten der äußeren Einrichtung; aber welchen Eindruck eigentlich das Klubleben früher auf ihn gemacht hatte, das hatte er vollständig vergessen. Aber sobald er in den weiten, halbkreisförmigen Hof gefahren, aus der Droschke gestiegen und die Stufen vor dem Tor hinaufgegangen war und der Pförtner mit dem breiten Schultergurt geräuschlos die Tür vor ihm geöffnet und sich vor ihm verbeugt hatte; sobald er im Pförtnerzimmer die Gummischuhe und Pelze jener Klubmitglieder erblickt hatte, die der Ansicht waren, daß man weniger Mühe habe, wenn man diese Kleidungsstücke gleich unten ablege, als wenn man sie erst mit hinaufnehme; sobald er das geheimnisvolle, ihm vorauseilende Klingelzeichen gehört, die sanft ansteigende teppichbedeckte Treppe erstiegen und auf dem Vorplatz das Standbild und an der oberen Tür den ihm wohlbekannten, nun schon gealterten, dritten Pförtner in der Klublivree erblickt hatte, der nicht zu langsam und nicht zu schnell die Tür öffnete und den Ankömmling musterte: da überkam ihn wieder die ehemalige Klubempfindung, das Gefühl wohligen Aufatmens, das Gefühl inniger Befriedigung, das Gefühl einer wohlanständigen Umgebung.

»Darf ich um Ihren Hut bitten«, sagte der Pförtner zu Ljewin, der die Klubbestimmung, daß Hüte im Vorzimmer gelassen werden sollten, vergessen hatte. »Sie sind lange nicht hier gewesen. Der Fürst hat Sie gestern eingeschrieben. Fürst Stepan Arkadjewitsch ist noch nicht da.«

Der Pförtner kannte nicht nur Ljewin, sondern auch alle seine Bekannten und Verwandten und erwähnte daher sofort zwei diesem besonders nahestehende Personen.

Ljewin durchschritt den ersten Saal, der durch spanische Wände abgeteilte Nischen enthielt und gewöhnlich nur als Durchgang diente (rechts davon lag ein nur durch einen niedrigen Verschlag abgetrenntes Zimmer, in dem ein Obsthändler saß), überholte einen langsam gehenden alten Herrn und trat in den von einer lärmenden Gesellschaft erfüllten Speisesaal.

Er ging die Tische entlang, die fast sämtlich bereits besetzt waren, und musterte die Anwesenden. Überall erblickte er die verschiedenartigsten Personen, alte und junge, solche, die er kaum von Ansehen kannte, und andere, die ihm näherstanden. Kein einziger von ihnen zeigte eine verdrießliche, sorgenvolle Miene. Es machte den Eindruck, als hätten sie alle mit ihren Hüten auch ihre Nöte und Sorgen im Vorzimmer gelassen und schickten sich nun an, die irdischen Güter des Lebens recht mit Bedacht zu genießen. Auch Swijaschski war da, und der junge Schtscherbazki, und Newjedowski, und der alte Fürst, und Wronski, und Sergei Iwanowitsch.

»Aber du kommst ja so spät!« sagte der Fürst lächelnd und reichte ihm über die Schulter weg die Hand. »Wie geht es Kitty?« fügte er hinzu und zog das Mundtuch zurecht, das er sich hinter einen Westenknopf gesteckt hatte.

»Ganz nach Wunsch; sie befindet sich wohl. Die drei Schwestern essen heute zusammen bei uns zu Hause.«

»Aha, Linchen-Trinchen! Na, bei uns hier ist kein Platz mehr. Aber geh an jenen Tisch dort und sichere dir schleunigst einen Stuhl«, sagte der Fürst und nahm, indem er sich wegwandte, vorsichtig einen Teller mit Quappensuppe in Empfang.

»Ljewin, hierher!« rief aus einiger Entfernung eine gutmütige Stimme. Es war Turowzün. Er saß dort mit einem jungen Offizier zusammen, und neben ihnen waren zwei Stühle angelehnt. Erfreut ging Ljewin zu ihnen hin. Er hatte den gutmütigen Lebemann Turowzün immer gern gehabt (war doch mit seiner Person die Erinnerung an die Liebeserklärung verknüpft, die er Kitty gemacht hatte); heute aber nach all den anstrengenden klugen Gesprächen war ihm der Anblick des treuherzigen Turowzün besonders erfreulich.

»Diese beiden Plätze sind für Sie und Oblonski. Er wird gleich kommen.«

Der Offizier, der sich sehr gerade hielt und sehr fröhliche, stets lachende Augen hatte, war aus Petersburg und hieß Gagin. Turowzün machte die Herren miteinander bekannt.

»Oblonski kommt doch immer und ewig zu spät.«

»Ah, da ist er ja!«

»Du bist wohl auch eben erst gekommen?« sagte Oblonski, indem er schnellen Schrittes auf Ljewin zutrat. »Guten Abend! Hast du schon ein Schnäpschen getrunken? Na, dann komm!«

Ljewin stand auf und ging mit ihm zu einem großen Tisch, auf dem allerlei Liköre und die verschiedenartigsten Vorspeisen aufgestellt waren. Man hätte glauben sollen, daß ein jeder hier aus den etwa zwanzig Vorspeisen mit Leichtigkeit etwas seinem besonderen Geschmack Zusagendes herausfinden konnte; aber Stepan Arkadjewitsch verlangte irgendeinen ganz besonderen Leckerbissen, und einer der dort stehenden Livreediener brachte ihm auch sofort das Verlangte. Sie tranken jeder ein Gläschen und kehrten an ihren Tisch zurück.

Sogleich, noch bei der Fischsuppe, ließ Gagin Champagner kommen und vier Gläser füllen. Ljewin lehnte das ihm angebotene Glas nicht ab und bestellte seinerseits eine zweite Flasche. Er hatte tüchtigen Hunger bekommen und aß und trank mit großem Vergnügen, und mit noch größerem Vergnügen beteiligte er sich an den heiteren, harmlosen Gesprächen seiner Tischgenossen. Gagin erzählte mit gedämpfter Stimme eine neue Petersburger Anekdote, die zwar dumm und unanständig, aber doch recht lustig war, und besonders Ljewin lachte so laut darüber, daß die in der Nähe Sitzenden zu ihm hinblickten.

»Das ist so in der Art wie: ›Gerade den kann ich nicht ausstehen!‹ Kennst du die Geschichte?« fragte Stepan Arkadjewitsch. »Ach, die ist prächtig! Bring noch eine Flasche«, sagte er zu dem Diener und begann seine Anekdote zu erzählen.

»Peter Iljitsch Winowski läßt bitten«, unterbrach den Erzähler ein alter Diener, indem er ihm und Ljewin zwei schlanke Gläser perlenden Champagners reichte. Stepan Arkadjewitsch nahm ein Glas, wechselte mit einem am anderen Ende des Tisches sitzenden kahlköpfigen Herrn mit langem, rötlichem Schnurrbart einen Blick und nickte ihm lächelnd zu.

»Wer ist das?« fragte Ljewin.

»Du hast ihn einmal bei mir getroffen; entsinnst du dich? Ein guter Kerl.«

Ljewin tat das gleiche wie Stepan Arkadjewitsch und nahm das andere Glas.

Auch Stepan Arkadjewitschs Anekdote war sehr vergnüglich. Nun trug Ljewin eine vor, die gleichfalls Beifall fand. Dann kam die Rede auf Pferde, auf die Rennen, die an diesem Tage stattgefunden hatten, und auch darauf, mit welcher Eleganz Wronskis Atlasnü den ersten Preis gewonnen habe. Ljewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging und das Mahl sich seinem Ende näherte.

»Ah, da sind Sie ja auch!« sagte gegen Ende des Essens Stepan Arkadjewitsch, bog sich über die Stuhllehne zurück und streckte Wronski die Hand entgegen, der mit einem hochgewachsenen Gardeoberst zu ihm trat. Auch auf Wronskis Gesicht lag jener heitere Schimmer gutmütiger Fröhlichkeit, den man hier im Klub überall sah. Vergnügt lehnte er sich mit dem Ellbogen auf Stepan Arkadjewitschs Schulter und flüsterte ihm etwas zu; dann streckte er mit demselben vergnügten Lächeln auch Ljewin die Hand hin.

»Es freut mich sehr, Sie hier zu treffen«, sagte er. »Ich habe Sie damals bei den Wahlen noch gesucht; aber es wurde mir gesagt, Sie seien schon abgereist.«

»Ja, ich bin noch am selben Tage weggefahren. Wir sprachen eben jetzt von Ihrem Pferde. Ich gratuliere Ihnen«, sagte Ljewin. »Das ist ja ein sehr flotter Lauf gewesen.«

»Sie halten ja wohl auch Pferde?«

»Nein, mein Vater tat es; aber ich erinnere mich noch recht wohl und habe daher ein wenig Verständnis dafür.«

»Wo hast du denn während des Essens gesessen?« fragte Stepan Arkadjewitsch.

»Wir saßen am zweiten Tisch, hinter den Säulen.«

»Wir haben seinen Sieg gefeiert«, sagte der hochgewachsene Oberst. »Das ist nun schon sein zweiter Kaiserpreis. Wenn ich nur bei den Karten soviel Glück hätte wie er mit den Pferden! Aber wozu verlieren wir die kostbare Zeit? Ich gehe in unseren Höllenpfuhl.« Damit entfernte er sich von dem Tische.

»Das ist Jaschwin«, antwortete Wronski auf Turowzüns Frage und setzte sich auf einen neben ihnen frei gewordenen Platz. Nachdem er ein ihm angebotenes Glas Wein ausgetrunken hatte, bestellte er seinerseits eine neue Flasche. Mochte es nun eine Folge der Klubstimmung oder des genossenen Weines sein, Ljewin ließ sich mit Wronski in ein Gespräch über die beste Rinderrasse ein und freute sich sehr darüber, daß in seinem Herzen keine feindselige Gesinnung gegen diesen Mann mehr vorhanden war. Er sagte ihm unter anderem sogar, er habe von seiner Frau gehört, daß sie ihn bei der Fürstin Marja Borisowna getroffen habe.

»Ach, die Fürstin Marja Borisowna, das ist eine prächtige Dame!« rief Stepan Arkadjewitsch und erzählte über sie eine Anekdote, durch die er alle zum Lachen brachte. Besonders Wronski lachte so herzlich, daß Ljewin sich mit ihm vollständig ausgesöhnt fühlte.

»Nun, wie steht's? Alle fertig?« fragte Stepan Arkadjewitsch und stand lächelnd auf. »Dann wollen wir gehen!«