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»Der Wagen des Fürsten Oblonski!« rief der Pförtner mit seiner grimmigen Baßstimme. Der Wagen fuhr vor, und beide stiegen ein. Nur im ersten Augenblick, solange der Wagen aus dem Tore des Klubgrundstücks herausrollte, dauerte bei Ljewin das Gefühl noch an, das ihn im Klub erfüllt hatte: das Gefühl der Ruhe, der Fröhlichkeit und der Befriedigung über die selbstverständliche Wohlanständigkeit dieser Welt; als aber der Wagen auf die Straße hinausfuhr und er sein Rütteln und Stoßen auf dem unebenen Pflaster fühlte und als er den ärgerlichen Zuruf eines ihnen begegnenden Droschkenkutschers hörte und bei der trüben Straßenbeleuchtung das rote Schild eines Schank- und Kramladens erblickte: da verschwand dieses Gefühl, und er begann über sein Vorhaben nachzudenken und sich zu fragen, ob er gut daran tue, zu Anna zu fahren. Was würde Kitty dazu sagen? Aber Stepan Arkadjewitsch ließ ihm keine Zeit zu weiteren Überlegungen, und als wenn er seine Zweifel erraten hätte, versuchte er sie zu zerstreuen.

»Wie freue ich mich«, begann er, »daß du sie kennenlernen wirst. Weißt du, Dolly hat das schon längst gewünscht. Auch Lwow hat ihr einen Besuch gemacht und verkehrt seitdem dort. Obgleich sie meine Schwester ist«, fuhr Stepan Arkadjewitsch fort, »kann ich doch dreist sagen, daß sie eine Frau ist, wie man sie selten findet. Nun, du wirst ja selbst sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, namentlich jetzt.«

»Warum denn namentlich jetzt?«

»Wir stehen mit ihrem Manne in Unterhandlung wegen der Scheidung. Er ist auch einverstanden; aber es bestehen Schwierigkeiten wegen des Sohnes, und so zieht sich die Sache, die schon längst erledigt sein sollte, nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden hat, wird sie sich mit Wronski verheiraten. Wie töricht ist doch dieser alte Hokuspokus der kirchlichen Trauung, an den kein Mensch mehr glaubt und der den Leuten nur an ihrem Glücke hinderlich ist!« schaltete Stepan Arkadjewitsch ein. »Na, nachher wird die Stellung der beiden ebenso klar und bestimmt wie die meinige und die deinige.«

»Worin besteht denn die Schwierigkeit?« fragte Ljewin.

»Ach, das ist eine lange, verdrießliche Geschichte! Die ganze Sache hat so etwas Unsicheres, Unbestimmtes. Aber die Hauptsache ist: in Erwartung dieser Ehescheidung wohnt Anna nun schon drei Monate in Moskau, wo alle Leute ihn und sie kennen. Sie kommt nirgendwohin in Gesellschaft und beschränkt ihren Frauenverkehr auf Dolly, weil sie, verstehst du wohl, nicht will, daß jemand sie nur so aus Gnade und Mitleid besucht; diese dumme Person, die Prinzessin Warwara, selbst die hat sich von ihr zurückgezogen, weil sie die Lage nicht für anständig hält. Also, siehst du, unter solchen Umständen würde eine andere Frau in sich selbst keinen Halt finden. Aber sie ... nun, du wirst ja sehen, wie sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig und würdig ihr ganzes Verhalten ist. Links, in die Gasse der Kirche gegenüber!« rief Stepan Arkadjewitsch, sich aus dem Wagenfenster hinausbiegend. »Puh! Wie heiß!« stöhnte er und schlug trotz der zwölf Grad Kälte seinen schon vorher aufgeknöpften Pelz noch mehr auseinander.

»Sie hat ja ein Töchterchen; da beschäftigt sie sich wohl viel mit der?« fragte Ljewin.

»Wie es scheint, stellst du dir jede Frau nur als Weibchen, als couveuse vor«, erwiderte Stepan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt ist, meinst du, so kann sie schlechterdings nur mit ihren Kindern beschäftigt sein. Nein, sie zieht, wie es scheint, ihre Kleine ganz vorzüglich auf; aber es wird von ihr nicht viel gesprochen. Anna beschäftigt sich erstens damit, daß sie schreibt. Ich sehe schon, daß du spöttisch lächelst; aber dazu ist kein Anlaß. Sie schreibt ein Kinderbuch und spricht mit niemand davon; aber mir hat sie einiges daraus vorgelesen, und ich habe das Manuskript an Workujew gegeben; du weißt wohl, das ist ein Verleger; ich glaube auch, er schriftstellert selbst. Er hat über solche Sachen ein Urteil, und er sagt, es sei etwas Bedeutendes. Aber nun denkst du wohl, sie sei ein Blaustrumpf? Weit gefehlt! Sie ist vor allen Dingen eine Frau von Herz; das wirst du ja selbst sehen. Sie hat da jetzt ein junges Mädchen, eine Engländerin, bei sich und sorgt für sie und ihre ganze Familie.«

»Ach, das ist also wohl so ein Stück Philanthropie?«

»Da haben wir's, du findest in allem gleich etwas Schlechtes. Sie tut das nicht aus Philanthropie, sondern aus wirklicher Herzensgüte. Sie hatten, ich meine: Wronski hatte einen englischen Trainer, einen Meister in seinem Fach; aber der Mensch ist ein Säufer. Er richtet sich durch den Trunk völlig zugrunde, delirium tremens, und die Familie geriet in die größte Not. Anna wurde das gewahr, unterstützte die Leute, mit der Zeit in immer größerem Umfange, und jetzt hat sie die ganze Familie in ihrer Obhut. Und sie hilft dabei nicht so von oben herab, nur mit Geld, sondern sie bereitet selbst die Knaben durch russischen Unterricht auf das Gymnasium vor, und das Mädchen hat sie zu sich ins Haus genommen. Du wirst sie ja da zu sehen bekommen.«

Der Wagen fuhr auf den Hof hinauf, und Stepan Arkadjewitsch läutete laut am Tor, vor dem ein Schlitten stand.

Ohne den Pförtner, der öffnete, zu fragen, ob die Herrschaft zu Hause sei, trat Stepan Arkadjewitsch in den Hausflur. Ljewin folgte ihm; jedoch wurden seine Zweifel, ob er auch richtig handle, immer stärker.

Bei einem Blick in den Spiegel bemerkte Ljewin, daß er rot aussah; aber er war überzeugt, daß er nicht betrunken sei, und stieg hinter Stepan Arkadjewitsch die teppichbelegte Treppe hinauf. Oben fragte Stepan Arkadjewitsch den Diener, dessen Verbeugung erkennen ließ, daß er ihn als einen guten Freund des Hauses betrachtete, wer bei Anna Arkadjewna sei, und erhielt die Antwort, Herr Workujew sei da.

»Wo sind sie?«

»Im Arbeitszimmer.«

Nachdem Stepan Arkadjewitsch und Ljewin ein kleines Speisezimmer mit dunklem Holzgetäfel an den Wänden durchschritten hatten, traten sie auf dem weichen Teppich in das halbdunkle Arbeitszimmer, das nur durch eine Lampe mit großem, dunklem Schirm erleuchtet war. Eine zweite Lampe mit einem Reflektor brannte an einer Wand und beleuchtete ein lebensgroßes Frauenbildnis, das unwillkürlich Ljewins Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war jenes Bildnis Annas, das Michailow in Italien gemalt hatte. Während Stepan Arkadjewitsch um eine mit Schlinggewächsen überzogene Gitterwand herumtrat, wo dann eine bisher vernehmbare Männerstimme verstummte, betrachtete Ljewin das Bild, das in der hellen Beleuchtung aus dem Rahmen herauszutreten schien, und konnte sich nicht von ihm losreißen. Er vergaß sogar, wo er war, hörte gar nicht, was gesprochen wurde, und verwandte kein Auge von der wundervollen Darstellung. Das war kein Gemälde, sondern eine lebende, entzückende Frau, mit schwarzem, lockigem Haar, entblößten Schultern und Armen und einem sinnenden halben Lächeln auf den von einem zarten Flaum bedeckten Lippen, eine Frau, deren Augen ihn sieghaft und zärtlich anblickten und in Aufregung versetzten. Nur darum konnte man sie nicht für lebend halten, weil sie schöner war als ein lebendes Weib sein kann.

»Ich bin sehr erfreut«, hörte er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich offenbar an ihn wandte, die Stimme eben der Frau, die er im Bilde betrachtete und bewunderte. Anna war ihm hinter dem Pflanzengitter hervor entgegengekommen, und Ljewin erblickte in dem halbdunklen Arbeitszimmer das Original des Bildnisses, in einem dunklen, verschiedenfarbig blauen Kleide, nicht in derselben Haltung, nicht mit demselben Gesichtsausdrucke wie auf dem Bilde, aber von der gleichen vollendeten Schönheit, wie sie der Künstler bei der Wiedergabe so glücklich erfaßt und festgehalten hatte. Sie war minder glänzend in der Wirklichkeit als auf dem Bilde; aber dafür besaß die Lebende einen besonderen neuen Reiz, den das Bildnis nicht aufwies.