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Es gibt keine Lebensverhältnisse, an die sich jemand nicht gewöhnen könnte, namentlich wenn er sieht, daß alle Leute um ihn herum in der gleichen Weise leben. Ljewin hätte drei Monate vorher nicht geglaubt, daß er in den Verhältnissen, in denen er sich befand, ruhig einschlafen könne: bei einem Leben ohne Zweck und Ziel, ohne Sinn und Verstand, das überdies noch seine Mittel überstieg; ferner nach einem Zechgelage (denn anders konnte er das, was im Klub vorgegangen war, nicht nennen); ferner nachdem er ein unschickliches Freundschaftsverhältnis mit einem Manne hergestellt hatte, in den seine Frau früher einmal verliebt gewesen war, und einen noch unschicklicheren Besuch bei einer Frau gemacht hatte, die man nur als eine Verlorene bezeichnen konnte, und sich von dieser Frau hatte bezaubern lassen und dadurch seine eigene Frau tief gekränkt hatte, daß er unter solchen Umständen ruhig einschlafen könnte, hätte er nie geglaubt. Aber infolge der vorangegangenen geistigen Ermüdung, des Wachens bis tief in die Nacht hinein und des genossenen Weines versank er in einen festen, ruhigen Schlaf.

Um fünf Uhr wachte er auf von dem Knarren einer Tür, die geöffnet wurde. Er fuhr in die Höhe und blickte um sich. Kitty lag nicht neben ihm auf dem Bette. Aber hinter der spanischen Wand bewegte sich ein Licht hin und her, und er hörte ihre Schritte.

»Was ist? ... Was ist?« rief er schlaftrunken. »Kitty! Was ist?«

»Nichts Besonderes«, antwortete sie, indem sie mit dem Lichte in der Hand hinter der spanischen Wand hervorkam. »Ich fühlte mich nicht ganz wohl«, fuhr sie mit einem besonders lieblichen, bedeutsamen Lächeln fort.

»Wie ist's? Hat es angefangen? Hat es angefangen?« fragte er erschrocken. »Dann müssen wir hinschicken!« Er begann sich eilig anzuziehen.

»Nein, nein«, sagte sie lächelnd und hielt ihn mit der Hand zurück. »Es wird gewiß nichts sein. Es war mir nur ein wenig unwohl. Aber jetzt ist es wieder vorbei.«

Sie ging zum Bett, löschte das Licht aus, legte sich hin und verhielt sich ganz still. Verdächtig war ihm allerdings die Unhörbarkeit ihres Atems, dessen Geräusch sie anscheinend unterdrückte, und vor allem der Ausdruck besonderer Zärtlichkeit und Erregung, mit dem sie beim Hervortreten hinter der spanischen Wand zu ihm gesagt hatte: »Nichts Besonderes«; aber er war so schläfrig, daß er sofort wieder einschlief. Erst in späterer Zeit erinnerte er sich daran, wie sie absichtlich leise geatmet hatte, und verstand alles, was in ihrer lieben, herrlichen Seele vorgegangen war, während sie so, ohne sich zu rühren, in Erwartung des größten Ereignisses im Frauenleben neben ihm dagelegen hatte. Um sieben Uhr weckte ihn eine Berührung seiner Schulter durch ihre Hand und ein leises Flüstern. Es schienen bei ihr das Bedauern, ihn zu wecken, und der Wunsch, mit ihm zu reden, miteinander zu kämpfen.

»Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts Schlimmes. Aber mir scheint ... Es muß Jelisaweta Petrowna geholt werden.«

Das Licht war wieder angezündet. Sie saß auf dem Bett und hatte ein Strickzeug in den Händen, mit dem sie sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte.

»Bitte, erschrick nicht; es ist nichts Schlimmes. Ich fürchte mich nicht im geringsten«, fügte sie hinzu, als sie sein erschrockenes Gesicht sah, und drückte seine Hand an ihre Brust und dann an ihre Lippen.

Er sprang, ohne von sich selbst zu wissen, hastig auf, zog, ohne die Augen von ihr zu wenden, seinen Schlafrock an und blieb stehen, indem er sie immer noch ansah. Er hätte gehen müssen; aber er konnte sich von ihrem Blick nicht losreißen. So lieb und vertraut ihm ihr Gesicht war, so gut er ihre Mienen und ihren Blick kannte: aber so hatte er sie noch nie gesehen. Wie garstig und schändlich kam er sich ihr gegenüber vor, wie er sie jetzt vor sich sah, wenn er sich erinnerte, wie schwer er sie gestern gekränkt hatte! Ihr gerötetes Gesicht, von dem weichen Haar umgeben, das sich aus dem Nachthäubchen hervordrängte, strahlte vor Freude und Entschlossenheit.

So wenig Gekünsteltes und Gemachtes auch überhaupt in Kittys Charakter vorhanden war, so war Ljewin doch überrascht durch das, was sich jetzt vor ihm enthüllte, als plötzlich alle Hüllen fielen und das innerste Wesen ihrer Seele aus ihren Augen hervorstrahlte. Und in dieser Natürlichkeit und Enthüllung wurde sie selbst, ihre eigenste Persönlichkeit, die er so liebte, ihm noch deutlicher sichtbar. Sie blickte ihn lächelnd an; aber plötzlich zuckten ihre Brauen; sie hob den Kopf in die Höhe, und schnell an ihn herantretend, ergriff sie seine Hand und drückte sich mit dem ganzen Leib gegen ihn, wobei sie ihn mit ihrem heißen Atem umgab. Sie litt und schien ihm ihr Leid zu klagen. Und im ersten Augenblick kam ihm gewohnheitsmäßig die Vorstellung, daß er daran schuld sei. Aber in ihrem Blicke lag eine Zärtlichkeit, die gleichsam sagte, daß sie ihm wegen dieser Leiden keinen Vorwurf mache, ja, ihn dafür liebe. ›Wenn also ich nicht daran schuld bin, wer ist dann daran schuld?‹ dachte er unwillkürlich und suchte nach dem Urheber dieser Leiden, um ihn zu bestrafen; aber es gab keinen Schuldigen. Sie litt und klagte, und zugleich war sie stolz auf diese Leiden und freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer Seele etwas Schönes, Herrliches vollzog; aber was es eigentlich war, dafür fehlte ihm das Verständnis. Das ging über seine Fassungskraft hinaus.

»Ich habe schon zu Mama geschickt. Und du hole so schnell wie möglich Jelisaweta Petrowna ... Konstantin! ... Es ist nichts, es ist schon vorüber.«

Sie trat von ihm zurück und klingelte.

»Also nun geh jetzt, Pascha kommt. Es geht mir ganz gut.«

Und Ljewin sah mit Erstaunen, daß sie nach dem Strickzeug griff, das sie in der Nacht geholt hatte, und wieder zu stricken anfing.

Als Ljewin aus der einen Tür hinausging, hörte er, wie durch die andere das Mädchen hereinkam. Er blieb an der Tür stehen und hörte, daß Kitty dem Mädchen ins einzelne gehende Anweisungen gab und selbst mit ihr das Bett umstellte.

Er zog sich an, und während das Pferd angespannt wurde, da noch keine Droschken auf der Straße waren, lief er noch einmal ins Schlafzimmer, und zwar, wie es ihm vorkam, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln. Zwei Mädchen waren eifrig damit beschäftigt, dies und das im Schlafzimmer anders zu stellen. Kitty ging auf und ab, schnell die Maschen umschlagend, und traf ihre Anordnungen.

»Ich fahre sofort zum Arzt. Nach Jelisaweta Petrowna ist schon geschickt worden; aber ich will auch noch mit hinfahren. Ist sonst noch etwas nötig? Ja, soll ich auch zu Dolly?« Sie sah ihn an, hörte aber offenbar nicht, was er sagte.

»Ja, ja. Geh!« sagte sie hastig mit finsterem Gesicht und machte mit der Hand eine Bewegung, daß er weggehen möchte.

Er war schon ins Wohnzimmer gegangen, als auf einmal ein klägliches, aber sofort wieder verstummendes Stöhnen an sein Ohr drang. Er blieb stehen und konnte lange nicht zum Verständnis gelangen.

›Ja, das war sie‹, sagte er zu sich, griff sich an den Kopf und lief die Treppe hinunter.

»Herr, erbarme dich! Vergib uns, hilf uns!« Er wiederholte ein über das andere Mal diese Worte, die ihm unwillkürlich auf die Lippen kamen. Und trotz seines Unglaubens sprach er diese Worte nicht mit den Lippen allein. Jetzt, in diesem Augenblick, spürte er, daß alle seine Zweifel, ja die Unfähigkeit, deren er sich bewußt war, Glauben und Verstand miteinander zu vereinigen, ihn in keiner Weise hinderten, sich an Gott zu wenden. All das war jetzt wie Staub von seiner Seele hinweggeflogen. An wen sollte er sich denn auch sonst wenden, als an ihn, in dessen Hand, wie er fühlte, er selbst und seine Seele und seine Liebe lag?

Der Wagen war noch nicht bereit; aber da Ljewin seine gesamte körperliche und geistige Kraft mit energischer Anspannung auf das gerichtet fühlte, was er zu besorgen hatte, so ging er, um nur ja keinen Augenblick zu verlieren, ohne auf den Wagen zu warten, zu Fuß und gab Kusma Befehl, ihm nachzufahren.

An der Ecke begegnete er einer in schnellem Tempo fahrenden Nachtdroschke. In dem kleinen Schlitten saß, in einer Samtjacke, ein Tuch um den Kopf gewickelt, Jelisaweta Petrowna. »Gott sei Dank, Gott sein Dank!« sagte er, als er zu seiner größten Freude ihren kleinen Blondkopf erkannte, der jetzt einen eigentümlich ernsten, ja beinahe strengen Ausdruck trug. Ohne den Kutscher anhalten zu lassen, lief er wieder heimwärts neben ihr her.

»Also seit ungefähr zwei Stunden? Noch nicht länger?« fragte sie. »Sie werden Peter Dmitrijewitsch zu Hause treffen; aber Sie brauchen ihn nicht zur Eile anzutreiben. Holen Sie doch auch Opium aus der Apotheke.«

»Also Sie glauben, daß es gut vonstatten gehen kann? Herr, erbarme dich und hilf uns!« sagte Ljewin, der gerade sein Pferd aus dem Torweg herauskommen sah. Er sprang in den Schlitten, setzte sich neben Kusma und hieß ihn zum Arzt fahren.