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Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener erklärte, der Doktor habe sich erst spät hingelegt und verboten, ihn zu wecken; er werde aber wohl bald aufstehen. Der Diener putzte die Lampenzylinder und schien von dieser Arbeit sehr in Anspruch genommen zu sein. Diese Sorgfalt des Dieners für die Lampenzylinder und dessen Gleichgültigkeit gegen das, was sich in seinem, Ljewins, Hause abspielte, setzten Ljewin anfangs in Erstaunen; aber gleich darauf sagte er sich nach kurzer Überlegung, daß ja niemand seine Empfindungen kenne oder zu kennen verpflichtet sei und daß es daher um so nötiger sei, mit Ruhe, Überlegung und Entschiedenheit zu handeln, um in diese Mauer von Gleichgültigkeit Bresche zu legen und zum Ziele zu gelangen.›Nichts überhasten und nichts versäumen!‹ sagte sich Ljewin. Er fühlte, wie seine körperliche und geistige Kraft sich immer energischer auf das richtete, was er zu besorgen hatte.

Als Ljewin hörte, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb er unter mancherlei Plänen, die ihm in der Eile durch den Kopf gingen, bei folgendem stehen: Kusma sollte mit einem Zettelchen zu einem anderen Arzte laufen, und er selbst wollte nach der Apotheke fahren und das Opium holen, und wenn bei seiner Rückkehr der Arzt immer noch nicht aufgestanden sei, dann wollte er ihn unter allen Umständen wecken, entweder durch Bestechung des Dieners oder, wenn dieser sich nicht darauf einließe, mit Gewalt.

In der Apotheke klebte der hagere Provisor mit derselben Gleichgültigkeit, mit der der Diener seine Lampenzylinder gereinigt hatte, mit Siegelmarken Pülverchen für einen darauf wartenden Kutscher zu; das Opium zu verabreichen, weigerte er sich. Bemüht, nicht die Geduld zu verlieren und nicht hitzig zu werden, nannte ihm Ljewin die Namen des Arztes und der Hebamme, erklärte ihm, wozu er das Opium nötig habe und suchte ihn auf diese Weise zu überreden. Der Provisor fragte nach dem hinter einer niedrigen Zwischenwand gelegenen Raume hin jemand auf deutsch um Rat, ob er das Opium verabfolgen solle, und langte, als er eine bejahende Antwort erhalten hatte, nach einem Fläschchen und einem Trichter, goß langsam aus einer großen Flasche eine kleine voll, klebte einen Zettel darauf, versiegelte sie trotz Ljewins Bitte, dies doch zu unterlassen, und wollte sie noch einwickeln. Dies aber konnte Ljewin nicht mehr aushalten; mit einem entschlossenen Griff riß er ihm das Fläschchen aus den Händen und lief durch die große Glastür hinaus. Als er wieder zur Wohnung des Arztes kam, war dieser noch nicht aufgestanden, und der Diener, der jetzt damit beschäftigt war, einen Teppich zu legen, weigerte sich, ihn zu wecken. Ljewin holte bedachtsam einen Zehnrubelschein hervor, reichte ihm diesen hin und setzte ihm, indem er jedes Wort langsam aussprach, aber auch keine Zeit verlor, auseinander, daß Peter Dmitrijewitsch (welch eine große, wichtige Persönlichkeit war jetzt für Ljewin dieser früher so unbedeutende Peter Dmitrijewitsch geworden!) versprochen habe, zu jeder Stunde zu ihm zu kommen, und bestimmt nicht böse werden würde; er solle ihn daher unverzüglich wecken.

Der Diener ließ sich nun bereit finden, ging mit Ljewin die Treppe hinauf und ersuchte ihn, ins Wartezimmer zu treten.

Ljewin hörte durch die Tür hindurch, wie der Arzt hustete, umherging, sich wusch und etwas sagte. Es mochten etwa drei Minuten vergangen sein; dem wartenden Ljewin kam es vor, als habe es schon über eine Stunde gedauert. Er konnte es nicht länger ertragen.

»Peter Dmitrijewitsch, Peter Dmitrijewitsch!« sagte er in flehendem Tone durch die Tür, die er ein wenig geöffnet hatte. »Um Gottes willen, seien Sie mir nicht böse, und empfangen Sie mich, wie Sie sind. Es dauert schon über zwei Stunden.«

»Gleich, gleich!« antwortete die Stimme des Arztes, und Ljewin hörte zu seinem Staunen an dem Ton, daß er das lächelnd sagte.

»Nur auf einen Augenblick!«

»Gleich.«

Es vergingen noch zwei Minuten, bis sich der Arzt die Stiefel angezogen, und noch zwei, bis er sich den Rock angezogen und sich gekämmt hatte.

»Peter Dmitrijewitsch!« begann Ljewin wieder mit kläglicher Stimme, aber in diesem Augenblick trat der Arzt angekleidet und gekämmt ins Zimmer. ›Diese Menschen haben aber doch gar kein Gewissen‹, dachte Ljewin. ›Sie kämmen sich, während wir umkommen!‹

»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm und reichte ihm die Hand; Ljewin hatte den Eindruck, als wolle er ihn mit seiner Ruhe verhöhnen. »Haben Sie nur Geduld. Nun, wie steht es denn?«

Bestrebt, recht genau zu sein, begann nun Ljewin alle möglichen, auch ganz unnötige Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, wobei er seinen Bericht fortwährend durch die Bitte unterbrach, der Doktor möge nun doch unverzüglich mit ihm fahren.

»Aber haben Sie doch nur Geduld. Sie wissen ja mit solchen Sachen nicht Bescheid. Ich bin dabei wahrscheinlich überhaupt nicht nötig; aber ich habe es Ihnen einmal zugesagt, und da will ich meinetwegen hinkommen. Aber Eile hat die Sache nicht. Bitte, setzen Sie sich; ist Ihnen eine Tasse Kaffee gefällig?«

Ljewin sah ihn an, wie wenn er ihn mit seinem Blick fragen wollte, ob er sich etwa über ihn lustig mache. Aber der Arzt dachte offenbar gar nicht an dergleichen.

»Ich kenne das, ich kenne das«, sagte der Arzt lächelnd. »Ich bin selbst Familienvater; aber wir Männer sind in solchen Augenblicken die kläglichsten Geschöpfe. Ich habe eine Klientin, deren Mann bei solchen Anlässen sich immer in den Pferdestall flüchtet.«

»Aber was meinen Sie, Peter Dmitrijewitsch? Glauben Sie, daß es glücklich vonstatten gehen wird?«

»Alle Anzeichen sprechen für einen glücklichen Verlauf.«

»Also Sie kommen gleich hin?« fragte Ljewin und blickte ingrimmig den Diener an, der den Kaffee brachte.

»In einem Stündchen.«

»Nein doch, ich bitte Sie um alles in der Welt!«

»Nun, dann lassen Sie mich wenigstens meinen Kaffee trinken.«

Der Arzt machte sich an seinen Kaffee. Beide schwiegen ein Weilchen.

»Die Türken bekommen aber jetzt entschieden Schläge. Haben Sie die gestrige Nachricht gelesen?« fragte der Arzt, während er an einer Semmel kaute.

»Nein, ich kann hier nicht länger sitzen!« sagte Ljewin und sprang auf. »Also in einer Viertelstunde sind Sie da?«

»In einer halben Stunde.«

»Ehrenwort?«

Als Ljewin nach Hause kam, traf dort mit ihm gleichzeitig die Fürstin ein; sie hatte die Augen voll Tränen, und ihre Hände zitterten. Als sie Ljewin erblickte, umarmte sie ihn und fing an zu weinen. Beide gingen zusammen bis zur Tür des Schlafzimmers.

»Nun, wie steht es, beste Jelisaweta Petrowna?« fragte sie die Hebamme, die mit strahlender, geschäftseifriger Miene zu ihnen herauskam, und ergriff ihre Hand.

»Es geht gut«, antwortete sie. »Reden Sie ihr nur zu, daß sie sich hinlegt. Das wird ihr Erleichterung bringen.«

Von dem Augenblick an, wo Ljewin aufgewacht war und begriffen hatte, worum es sich handelte, hatte er sich vorgenommen, sich auf keine Überlegungen und Besorgnisse einzulassen, alle seine Gedanken und Gefühle fest in seinem Innern zu verschließen, seine Frau nicht aufzuregen, sondern sie im Gegenteil zu beruhigen und ihren Mut zu stärken und so das, was ihm bevorstand, zu ertragen. Er hatte beschlossen, gar nicht darüber nachzudenken, was da geschehen und womit es enden werde, sondern auf Grund der erhaltenen Auskunft über die gewöhnliche Dauer dieses Vorganges hatte er sich in Gedanken vorgenommen, etwa fünf Stunden lang auszuharren und sein Herz hart und fest zu machen, und das war ihm möglich erschienen. Aber als er vom Arzt zurückgekehrt war und wieder Zeuge von Kittys Leiden wurde, da begann er immer häufiger: »Herrgott, vergib uns, hilf uns!« zu stöhnen und zu seufzen und die Augen zu erheben, und er fürchtete, er werde es nicht aushalten können, sondern losweinen oder davonlaufen müssen: so entsetzlich war ihm zumute. Und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser einen Stunde verging noch eine Stunde, zwei, drei Stunden; nun waren sämtliche fünf Stunden vergangen, die er als die äußerste Dauer seiner Geduld in Aussicht genommen hatte, und doch war die Lage noch immer unverändert; und er harrte weiter aus, weil ihm eben nichts anderes übrigblieb als auszuharren, und dachte jeden Augenblick, nun sei er an der äußersten Grenze seiner Ausdauer angelangt und sein Herz müsse ihm gleich vor Mitleid brechen.

Aber es vergingen noch Minuten und Stunden und aber Stunden, und seine Pein und Angst wuchs und stieg immer mehr.

Die gewöhnlichsten Grundanschauungen, ohne die man sich im Leben eigentlich nichts vorstellen kann, bestanden alle für Ljewin nicht mehr. Er hatte das Maßgefühl für die Zeit verloren. Bald erschienen ihm Minuten (jene Minuten, wo sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte Hand hielt, mit der sie manch mal die seinige mit ungewöhnlicher Kraft drückte und manchmal ihn von sich zurückstieß) wie Stunden, bald Stunden wie Minuten. Er war erstaunt, als Jelisaweta Petrowna ihn bat, hinter der spanischen Wand ein Licht anzuzünden, und er dabei erfuhr, daß es schon fünf Uhr abends sei. Hätte ihm jemand gesagt, es sei jetzt erst zehn Uhr morgens, er hätte auch das geglaubt. Wo er während dieser Zeit gewesen war, das wußte er ebensowenig, wie wann dies und das geschehen war. Er hatte Kittys heißes Gesicht gesehen, das bald einen stumpfen, leidenden Ausdruck zeigte, bald ihn anlächelte und ihn zu beruhigen suchte. Er hatte auch die Fürstin gesehen: ihren roten Kopf, die ängstliche Spannung in ihren Zügen, die wirr herabhängenden grauen Locken, wie sie mit Gewalt die Tränen unterdrückte und sich auf die Lippen biß. Er hatte auch Dolly gesehen und den Arzt, der dicke Zigarren rauchte, und Jelisaweta Petrowna mit dem festen, entschlossenen Gesichtsausdruck, von dem eine beruhigende Wirkung auszugehen schien, und den alten Fürsten, der mit finsterer Miene im Saale auf und ab ging. Aber wie sie hereingekommen und wieder hinausgegangen waren, und wo sie gewesen waren, das wußte er nicht. Bald war die Fürstin mit dem Arzt im Schlafzimmer gewesen, bald im Arbeitszimmer, wo sich auf einmal ein gedeckter Tisch eingefunden hatte; bald wieder war nicht sie dagewesen, sondern Dolly. Ljewin erinnerte sich, daß er einmal aus dem Hause geschickt worden war, um irgend etwas zu holen. Einmal war er beauftragt worden, einen Tisch und ein Sofa in ein anderes Zimmer zu bringen. Er hatte das mit großem Eifer getan, in der Meinung, es sei irgendwie für Kitty notwendig, und erst nachher erfahren, daß er damit ein Nachtlager für sich selbst zurechtgemacht habe. Dann hatte man ihn zum Arzt ins Arbeitszimmer geschickt, um ihn nach irgend etwas zu fragen. Der Arzt hatte die Frage beantwortet und dann über die Ungehörigkeiten in der Stadtverordnetenversammlung zu reden angefangen. Dann hatte man ihn nach dem Hause der Fürstin geschickt, um aus deren Schlafzimmer ein Heiligenbild in silberner, vergoldeter Einfassung zu holen, und er war mit der alten Kammerfrau der Fürstin auf ein Schränkchen gestiegen, um das Bild abzunehmen, und hatte dabei das Lämpchen vor dem Bilde zerschlagen, und die Kammerfrau der Fürstin hatte ihn sowohl wegen seiner Frau wie auch wegen des Lämpchens zu beruhigen gesucht, und er hatte das Heiligenbild nach seiner Wohnung gebracht und es an Kittys Kopfende aufgestellt und es sorgsam mit dem unteren Rande hinter die Kissen geschoben. Aber wo, wann und wozu das alles geschehen war, das wußte er nicht. Er begriff auch nicht, warum die Fürstin ihn an der Hand faßte, ihn mitleidig ansah und ihn bat, er möchte sich doch beruhigen, und warum Dolly ihm zuredete, doch ein bißchen zu essen, und ihn aus dem Zimmer führte und sogar der Arzt ihn ernst und teilnahmsvoll anblickte und ihm riet, Tropfen zu nehmen.

Er wußte und fühlte nur, daß das, was hier vorging, Ähnlichkeit hatte mit dem, was vor einer Reihe von Monaten in dem Gasthause der Gouvernementsstadt am Sterbebett seines Bruders Nikolai vorgegangen war. Nur war jenes dort Leid gewesen, und dies hier war Freude. Aber sowohl jenes Leid wie auch diese Freude lagen in gleicher Weise außerhalb aller gewöhnlichen Lebensverhältnisse und waren in diesem gewöhnlichen Leben gleichsam Öffnungen, durch die man zu etwas Höherem hindurchblicken konnte. Und in gleich bedrückender, qualvoller Weise rückte das, was sich vollzog, heran, und in gleich unbegreiflicher Weise erhob sich bei der Anschauung dieses Höheren die Seele zu einer Höhe, die sie nie vorher auch nur geahnt hatte und zu der der Verstand ihr nicht zu folgen vermochte.

»Herrgott, vergib uns und hilf uns!« sprach er ein über das andere Mal vor sich hin, und trotz seiner langjährigen und anscheinend völligen Entfremdung hatte er die Empfindung, daß er sich mit derselben Unbefangenheit und demselben Vertrauen an Gott wandte wie in der Zeit seiner Kindheit und ersten Jugend.

Diese ganze Zeit über wechselten bei ihm zwei verschiedene Seelenstimmungen miteinander ab. In der einen befand er sich, wenn er nicht bei Kitty, sondern mit dem Arzt zusammen war der eine dicke Zigarre nach der anderen rauchte und sie am Rande des bereits vollen Aschenbechers abstrich, oder mit Dolly und dem Fürsten zusammen, wo dann über das Mittagessen und über Politik und über Marja Petrownas Krankheit gesprochen wurde und er auf einmal für einen Augenblick vollständig vergaß, was vorging, und so wenig Erinnerung hatte wie jemand, der aus dem Schlafe aufwacht. Und in der anderen Stimmung befand er sich, wenn er bei Kitty war und am Kopfende ihres Bettes stand und ihm das Herz vor Mitleid brechen wollte und doch nicht brach und er fortwährend zu Gott betete. Und jedesmal, wenn ihn aus dem zeitweiligen Zustande des Vergessens ein aus dem Schlafzimmer herüberdringender Schrei aufrüttelte, geriet er in jenen sonderbaren Irrtum, der ihn im ersten Augenblick befallen hatte: jedesmal, wenn er einen solchen Schrei hörte, sprang er auf und lief hin, um sich zu rechtfertigen; und dann fiel ihm unterwegs ein, daß er ja keine Schuld trage, und er wollte sie beschützen und ihr helfen. Aber wenn er sie dann anblickte, so sah er wieder, daß er ihr nicht helfen könne, und geriet in Angst und Entsetzen und stöhnte: »Herrgott, vergib uns und hilf uns!« Und je mehr die Zeit verging, um so mehr steigerten sich diese beiden Seelenstimmungen: um so ruhiger wurde er, sobald er nicht bei ihr war, ja er vergaß sie vollständig, und um so mehr Qual bereitete ihm an ihrem Lager der Anblick ihrer Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit ihnen gegenüber. Er sprang dann auf und wollte irgendwohin flüchten, kam aber doch wieder zu ihr zurückgelaufen.

Manchmal, wenn sie ihn immer wieder und wieder zu sich rief, machte er ihr das im stillen zum Vorwurf. Aber wenn er dann ihr demutvolles, lächelndes Gesicht sah und die Worte hörte: »Ich mache dir so viel Pein«, dann wendete er seinen Vorwurf gegen Gott; aber sowie er an Gott dachte, betete er sogleich um Vergebung und Barmherzigkeit.