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Am Morgen zwischen neun und zehn Uhr saßen der alte Fürst Sergei Iwanowitsch und Stepan Arkadjewitsch bei Ljewin und unterhielten sich, nachdem sie über die Wöchnerin geredet hatten, nun auch von andersartigen Gegenständen. Ljewin hörte ihnen zu und dachte während dieser Gespräche unwillkürlich an die Vergangenheit, an die Zeit vor dem heutigen Morgen, er dachte auch an sich selbst, wer und was er noch gestern, vor diesem Ereignis, gewesen war. Es war ihm, als seien seitdem hundert Jahre vergangen. Er fühlte sich auf einer unerreichbaren Höhe, von der er erst mit bewußter Absicht hinabsteigen mußte, um diejenigen, mit denen er sprach, nicht zu verletzen. Er redete, dachte aber dabei unaufhörlich an seine Frau, an alle Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und an seinen Sohn, bemüht, sich an den Gedanken, daß dieser da sei, zu gewöhnen. Das gesamte Frauenwesen, das schon nach seiner Verheiratung für ihn eine neue, ihm bis dahin unbekannte Wichtigkeit erhalten hatte, wuchs jetzt in seiner Vorstellung zu einer solchen Höhe heran, daß er es mit seiner Einbildungskraft nicht mehr umfassen konnte. Er hörte das Gespräch über das gestrige Mahl im Klub mit an und dachte: ›Was mag sie jetzt tun? Ob sie wohl eingeschlafen ist? Wie mag es ihr gehen? Was mag sie denken? Ob wohl unser Sohn Dmitri schreit?‹ Und mitten im Gespräch, mitten in einem Satze, den einer sprach, sprang er auf und ging aus dem Zimmer.

»Laß mir sagen, ob ich zu ihr hinein kann«, rief ihm der alte Fürst zu.

»Schön, sofort!« erwiderte Ljewin, ohne stehenzubleiben, und eilte zu Kitty.

Sie schlief nicht, sondern redete leise mit ihrer Mutter; sie entwarfen Pläne für die bevorstehende Taufe.

Sauber zurechtgemacht, gekämmt, in einem hübschen Häubchen mit etwas Himmelblauem daran, die Arme auf der Bettdecke ausgestreckt, so lag sie auf dem Rücken da, und als sie seinem Blick begegnete, zog sie ihn mit dem ihrigen zu sich heran. Ihr auch so schon heller Blick wurde immer noch heller, je mehr ihr Mann sich ihr näherte. Auf ihrem Gesicht hatte sich jener Übergang vom Irdischen zum Überirdischen vollzogen, den man häufig auf dem Gesicht Verstorbener wahrnimmt; aber da bedeutet diese Miene den Abschied von den Zurückbleibenden, hier bedeutete sie die Begrüßung eines neuen Ankömmlings. Wieder wurde sein Herz von einer Erregung ergriffen, ähnlich der, die er im Augenblick ihrer Entbindung durchgemacht hatte. Kitty ergriff seine Hand und fragte ihn, ob er geschlafen habe. Er war nicht imstande zu antworten und wandte sich im Bewußtsein seiner Schwäche von ihr ab.

»Ich habe ein Weilchen geschlummert, Konstantin!« sagte sie. »Und jetzt ist mir so wohl.«

Sie sah ihn an; aber auf einmal änderte sich der Ausdruck ihres Gesichtes.

»Gebt ihn mir her«, sagte sie, als sie das Quäken des Kindes hörte. »Geben Sie ihn mir her, Jelisaweta Petrowna; er soll ihn auch sehen.«

»Ei gewiß, der Papa soll ihn auch sehen«, erwiderte Jelisaweta Petrowna, indem sie ein sonderbares, rotes, zappelndes Ding in die Höhe hob und näher brachte. »Aber einen Augenblick Geduld! Wir wollen uns erst zurechtmachen.« Und Jelisaweta Petrowna legte dieses rote, zappelnde Ding auf das Bett und machte sich daran, es auszuwickeln, mit irgend etwas zu bestreuen und wieder einzuwickeln, wobei sie es mit einem Finger hob und drehte.

Beim Anblick dieses winzigen, kläglichen Geschöpfchens strengte Ljewin sich vergeblich an, in seinem Herzen irgendwelche Spuren väterlicher Liebe zu ihm zu entdecken. Er empfand gegen dieses kleine Wesen nur eine Art von Widerwillen. Aber als es nackt dalag und die dünnen, ach, so dünnen Ärmchen ein Weilchen sichtbar waren und die safranfarbenen Füßchen, auch diese mit Zehen versehen, und sogar mit einer großen Zehe, die sich vor den andern auszeichnete, und als er sah, wie Jelisaweta Petrowna diese sich sträubenden Ärmchen wie weiche Sprungfedern zusammendrückte und in die leinenen Hüllen sperrte, da überkam ihn ein solches Mitleid mit diesem Geschöpfchen und eine solche Angst, sie könne ihm Schaden tun, daß er ihr die Hand festhielt.

Jelisaweta Petrowna lachte.

»Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt!«

Als das Kind zurechtgemacht und in ein festes Püppchen verwandelt war, schaukelte Jelisaweta Petrowna es hin und her, wie wenn sie auf ihr Werk stolz wäre, und trat dann mit dem Kinde ein wenig zurück, damit Ljewin seinen Sohn in seiner ganzen Schönheit betrachten könne.

Auch Kitty blickte von der Seite unverwandt zu dem Kinde hin. »Gebt ihn mir, gebt ihn mir!« sagte sie und versuchte sogar, sich aufzurichten.

»Was tun Sie, Katerina Alexandrowna? Sie dürfen sich nicht so bewegen! Warten Sie ein Augenblickchen; ich will ihn Ihnen gleich reichen. Erst wollen wir uns mal dem Papachen vorstellen, was wir für ein Prachtkerlchen sind.«

Und Jelisaweta Petrowna hob auf der einen Hand (die andere stützte nur mit den Fingern von hinten das hin und her wackelnde Köpfchen) dieses seltsame, rote, wacklige Geschöpfchen, dessen Kopf sich hinter dem Rande des Steckkissens verkroch, seinem Vater entgegen. Aber es war auch eine Nase da, und schielende Augen, und schmatzende Lippen.

»Ein wunderschönes Kind!« sagte Jelisaweta Petrowna.

Ljewin seufzte bedrückt. Dieses wunderschöne Kind flößte ihm nur ein Gefühl des Widerwillens und des Mitleids ein. Das war ganz und gar nicht das Gefühl, das er erwartet hatte.

Er wendete sich ab, während Jelisaweta Petrowna das Kind an die ihm noch ungewohnte Mutterbrust legte.

Auf einmal veranlaßte ihn ein Lachen, den Kopf aufzuheben. Es war Kitty gewesen, die so gelacht hatte. Das Kind hatte die Brust angenommen.

»Na, nun ist's aber genug, nun ist's genug«, sagte Jelisaweta Petrowna; aber Kitty ließ den Kleinen nicht los. Er schlief in ihren Armen ein.

»Nun sieh ihn einmal jetzt an«, sagte Kitty und wendete ihm das Kind so zu, daß er es sehen konnte. Das greisenhafte Gesichtchen runzelte sich auf einmal noch mehr zusammen, und das Kind nieste.

Lächelnd und kaum imstande, die Tränen der Rührung zurückzuhalten, küßte Ljewin seine Frau und verließ das verdunkelte Zimmer.

Was er gegen dieses kleine Wesen empfand, war ganz und gar nicht das, was er erwartet hatte. Es lag in diesem Gefühle nichts Heiteres und Fröhliches; im Gegenteil, es war eine neue beängstigende Sorge hinzugekommen. Ljewin war sich bewußt, eine neue verwundbare Stelle bekommen zu haben. Und dieses Bewußtsein war ihm in der ersten Zeit so quälend, die Furcht, dieses hilflose Wesen könne Schmerz leiden, war bei ihm so mächtig, daß das sonderbare Gefühl einer sinnlosen Freude, ja eines gewissen Stolzes, als der Kleine geniest hatte, ganz davor zurücktrat.