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Anna setzte sich nach diesem Besuche in schlimmerem Seelenzustande in den Wagen als beim Wegfahren von zu Hause. Zu ihren früheren Qualen war jetzt noch das Gefühl gekommen, das sie bei der Begegnung mit Kitty deutlich empfunden hatte: daß sie auch von dieser verachtet und verschmäht werde.

»Wohin befehlen Sie? Nach Hause?« fragte Peter.

»Ja, nach Hause«, antwortete sie mechanisch, ohne jetzt überhaupt daran zu denken, wohin sie fuhr.

›Wie Dolly und Kitty mich angesehen haben, wie etwas Schreckliches, Unbegreifliches, Staunenerregendes. Was kann denn der dem andern so eifrig zu schildern haben?‹ dachte sie beim Anblick zweier Fußgänger. ›Kann man denn einem andern schildern, was man empfindet? Ich wollte Dolly alles auseinandersetzen; nur gut, daß ich es nicht getan habe. Wie sie sich über mein Unglück gefreut haben würde! Sie würde das ja nicht gezeigt haben; aber ihr hauptsächliches Gefühl wäre doch Freude darüber gewesen, daß ich nun meine Strafe hätte für die Genüsse, um die sie mich beneidet hat. Und Kitty, die würde sich noch mehr gefreut haben. Diese Kitty durchschaue ich ganz und gar! Sie weiß, daß ich gegen ihren Mann ungewöhnlich liebenswürdig gewesen bin. Und da ist sie nun eifersüchtig und haßt mich. Auch verachtet sie mich. In ihren Augen bin ich ein sittenloses Weib. Wäre ich ein sittenloses Weib, ich hätte ihren Mann in mich verliebt machen können, wenn ich es gewollt hätte. Und ein wenig habe ich es ja auch gewollt. Da, der ist mit sich zufrieden‹, dachte sie über einen dicken, rotbackigen Herrn, der ihr, in einem Wagen sitzend, begegnete; er hielt sie für eine ihm bekannte Dame, nahm den glänzenden Hut von dem kahlen, glänzenden Schädel und kam dann zu der Erkenntnis, daß er sich geirrt hatte. ›Er glaubte mich zu kennen. Und dabei kennt er mich ebensowenig, wie mich sonst irgend jemand auf der Welt kennt. Kenne ich mich doch nicht einmal selbst. Ich kenne nur mes appétits, wie die Franzosen sagen. Da, die Jungen da haben Appetit auf dieses unsaubere Fruchteis. Über diesen Wunsch sind sie mit sich im klaren‹, dachte sie beim Anblick zweier Jungen, die einen Eisverkäufer anhielten; der Eisverkäufer nahm seinen Kübel vom Kopfe und wischte sich mit einem Zipfel des Handtuchs den Schweiß vom Gesicht. ›Wir alle haben Appetit auf das, was süß ist und wohlschmeckt. Und wenn es nicht Konfekt sein kann, so nimmt man mit unsauberem Fruchteis fürlieb. Und so macht es Kitty auch: wenn nicht Wronski, dann Ljewin. Und sie beneidet mich. Und haßt mich. Und wir hassen uns alle wechselseitig. Ich hasse Kitty, und Kitty haßt mich. Ja, das ist wahr. Tjutkin, coiffeur‹, las sie an einem kleinen, schmierigen Geschäft. ›Je me fais coiffer par Tjutkin. Das werde ich ihm sagen, wenn er nach Hause kommt‹, dachte sie und lächelte. Aber im selben Augenblick fiel ihr ein, daß sie ja jetzt niemanden mehr habe, dem sie etwas Lächerliches mitteilen könne. ›Es gibt ja auch nichts Lächerliches und Lustiges. Alles ist ekelhaft. Da wird zur Vesper geläutet, und dieser Kaufmann bekreuzt sich mit solcher Vorsicht, als ob er fürchtete, daß ihm dabei etwas hinfiele. Wozu sind diese Kirchen da und dieses Glockengeläute und diese ganze Lüge? Nur um zu verdecken, daß wir uns alle wechselseitig hassen, gerade wie diese Droschkenkutscher, die sich so wütend zanken. Jaschwin sagt: »Er will mich bis aufs Hemd ausplündern, und ich ihn.« Ja, das ist wahr.‹

In diese Gedanken geriet sie so tief hinein, daß sie nicht einmal mehr an ihre Lage dachte und überrascht war, als der Wagen vor ihrer Haustür hielt. Als sie den Pförtner erblickte, der ihr aus dem Hause entgegenkam, da erinnerte sie sich erst, daß sie einen Brief und ein Telegramm abgesandt hatte.

»Ist Antwort gekommen?« fragte sie.

»Ich werde sofort nachsehen«, antwortete der Pförtner; er trat zu seinem Pult, warf einen Blick darauf, nahm ein in einem quadratischen, dünnen Umschlag steckendes Telegramm und übergab es ihr. »Ich kann nicht vor zehn Uhr zurückkommen. Wronski.« las sie.

»Ist der Bote noch nicht zurück?«

»Nein, noch nicht«, antwortete der Pförtner.

›Nun, wenn es so steht, dann weiß ich, was ich zu tun habe‹, sagte sie sich. Sie fühlte, wie in ihrer Seele ein unklarer Ingrimm aufstieg und ein Verlangen nach Rache rege wurde, und ging eilig hinauf. ›Ich werde selbst zu ihm fahren. Ehe ich für immer weggehe, will ich ihm alles sagen. Nie habe ich jemand so gehaßt wie diesen Menschen!‹ dachte sie. Als sie seinen Hut am Kleiderhalter sah, zuckte sie vor Abscheu zusammen. Sie erwog nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige war und daß er ihren Brief noch nicht erhalten hatte. Ihre Einbildungskraft stellte ihn ihr vor Augen, wie er sich in diesem Augenblick mit seiner Mutter und mit der Prinzessin Sorokina ruhig unterhielt und sich über ihre Qualen freute. ›Ja, ich muß so schnell wie möglich wegfahren‹, sagte sie sich, wußte aber noch nicht, wohin. Es verlangte sie danach, recht schnell von den Empfindungen loszukommen, die sie in diesem furchtbaren Hause peinigten. Die Dienerschaft, die Wände, die Möbel in diesem Hause, alles rief in ihrer Seele ein Gefühl des Abscheus und des Ingrimms hervor und drohte, sie wie eine schwere Last zu ersticken.

›Ja, ich muß nach dem Bahnhof bei dem Gute seiner Mutter fahren, und wenn ich da weder ihn noch eine Antwort vorfinde, so fahre ich nach dem Gute selbst und ertappe ihn auf frischer Tat.‹ Anna sah in einer Zeitung den Fahrplan nach. ›Ab abends acht Uhr zwei Minuten. Ja, den erreiche ich noch.‹ Sie gab Befehl, andere Pferde anzuspannen, und packte, was sie für einige Tage an Sachen nötig hatte, in ihre Reisetasche. Sie sagte sich, daß sie hierher nicht wieder zurückkehren werde. Viele Pläne gingen ihr durch den Kopf; sie faßte den noch sehr unklaren, nebelhaften Entschluß, nach den auf dem Bahnhof oder auf dem Gute der Gräfin zu erwartenden Vorgängen womöglich auf der Nischegoroder Bahn bis zur nächsten Stadt zu fahren und dort zu bleiben.

Das Abendessen stand auf dem Tisch; sie trat heran und roch an dem Brot und dem Käse; aber nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles Eßbaren ihr zuwider sei, ließ sie den Wagen vorfahren und ging hinaus. Das Haus warf seinen Schatten schon über die ganze Straße; es war ein klarer und in der Sonne noch warmer Abend. Sowohl Annuschka, die mit ihr hinausging und die Sachen trug, wie auch Peter, der die Sachen in den Wagen legte, und auch der augenscheinlich unzufriedene Kutscher, alle waren sie ihr widerwärtig und versetzten sie durch ihre Worte und Bewegungen in Erregung.

»Ich brauche dich nicht, Peter.«

»Soll ich nicht die Fahrkarte besorgen?«

»Nun, wie du willst; mir ganz gleich«, erwiderte sie ärgerlich.

Peter sprang auf den Bock, stemmte die Hände in die Seiten und wies den Kutscher an, nach dem Bahnhof zu fahren.