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Nachdem Sergei Iwanowitsch sich von der Fürstin verabschiedet hatte, stieg er mit Katawasow, der sich wieder zu ihm gesellt hatte, in einen überfüllten Wagen ein, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Auf der Station Zarizün wurde der Zug von einer Anzahl junger Männer empfangen, die in wohltönendem Chorgesange »Sei stolz« sangen. Wieder beugten sich die Freiwilligen aus dem Fenster und grüßten; aber Sergei Iwanowitsch schenkte ihnen weiter keine Aufmerksamkeit: er hatte mit Freiwilligen schon so viel zu tun gehabt, daß er ihr gemeinsames Wesen zur Genüge kannte und solche Bilder ihn nicht mehr fesselten. Katawasow dagegen, der bei seinen vielen gelehrten Arbeiten keine Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen aus der Nähe zu beobachten, beschäftigte sich sehr mit ihnen und erkundigte sich eingehend über sie bei Sergei Iwanowitsch.

Sergei Iwanowitsch riet ihm, zu ihnen in die zweite Klasse zu gehen und selbst mit ihnen zu reden. Auf der nächsten Station befolgte Katawasow diesen Rat.

Er begab sich in den Wagen zweiter Klasse und suchte die Freiwilligen kennenzulernen. Sie saßen in einer Ecke des Abteils, unterhielten sich sehr laut und waren sich offenbar dessen bewußt, daß die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden sowie des hinzugekommenen Katawasow ausschließlich auf sie gerichtet war. Am lautesten von allen sprach der hochaufgeschossene Jüngling mit der eingefallenen Brust. Er war augenscheinlich betrunken und erzählte eine tolle Geschichte, die sich auf einer Lehranstalt, als er dort Schüler war, zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein nicht mehr junger Offizier in der kurzen Uniformjacke der österreichischen Garde. Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und unterbrach ihn mitunter. Ein dritter, in Artillerieuniform, saß neben ihnen auf einem Koffer. Ein vierter schlief.

Katawasow ließ sich mit dem jungen Mann in ein Gespräch ein und erfuhr, daß er ein ehemals reicher Moskauer Kaufmann war, der schon vor seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr ein großes Vermögen durchgebracht hatte. Er mißfiel Katawasow wegen seines weichlichen, verzärtelten Wesens und seiner schwachen Gesundheit. Er war offenbar überzeugt, namentlich jetzt, wo er betrunken war, daß er eine heldische Tat vollbringe, und prahlte in widerwärtigster Weise.

Der zweite, ein gewesener Offizier, machte gleichfalls auf Katawasow einen unangenehmen Eindruck. Es war dies, wie sich herausstellte, ein Mensch, der schon alles mögliche unternommen hatte. Er war Eisenbahnbeamter gewesen, und Gutsverwalter, und hatte selbst Fabriken angelegt, und redete über alles, wobei er ohne jeden Anlaß und an ganz falscher Stelle gelehrte Ausdrücke anwendete.

Der dritte dagegen, der Artillerist, gefiel Katawasow recht gut. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, auf den der Rang eines gewesenen Gardeoffiziers und die heldenmütige Selbstaufopferung des Kaufmanns offenbar großen Eindruck machten, und der von sich selbst gar nicht sprach. Als Katawasow ihn fragte, was ihn denn dazu veranlaßt habe, nach Serbien zu gehen, antwortete er bescheiden:

»Das ist doch ganz natürlich; es gehen ja alle hin. Man muß doch auch das Seinige tun, um den Serben zu helfen. Sie tun einem doch leid.«

»Ja, namentlich fehlt es dort an Ihrer Truppe, an Artilleristen«, bemerkte Katawasow.

»Ich habe nicht lange bei der Artillerie gedient; vielleicht komme ich auch zur Infanterie oder zur Kavallerie.«

»Wie wird man Sie denn zur Infanterie nehmen, während doch gerade an Artilleristen am meisten Mangel ist?« erwiderte Katawasow, der aus dem Lebensalter des Artilleristen folgerte, daß er schon einen ziemlich hohen Rang haben müsse.

»Ich habe nicht lange bei der Artillerie gedient; ich bin Fahnenjunker außer Dienst«, antwortete er und setzte dann auseinander, warum er die Prüfung nicht bestanden habe.

Was Katawasow von den Freiwilligen sah und hörte, machte alles zusammengenommen auf ihn einen unangenehmen Eindruck, und als sie auf der nächsten Station ausstiegen, um etwas zu trinken, wollte er gern im Gespräch mit irgend jemandem den empfangenen ungünstigen Eindruck auf seine Richtigkeit untersuchen. Ein mitreisender bejahrter Mann in einem Militärmantel hatte die ganze Zeit über Katawasows Gespräch mit den Freiwilligen angehört. Als sie nun beide miteinander allein geblieben waren, wandte sich Katawasow an ihn.

»Ja, wie verschiedenartig doch die Lebensstellungen all der Leute sind, die sich dorthin begeben«, begann Katawasow mit einem allgemein gehaltenen Satze, in der Absicht, im weiteren Verlaufe des Gespräches seine eigene Meinung auszusprechen und zugleich die Meinung des Alten in Erfahrung zu bringen.

Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht hatte. Er wußte, was zu einem Soldaten gehört, und nach der äußeren Erscheinung und den Reden dieser Herren, auch nach der Tapferkeit, mit der sie unterwegs der Flasche zu Leibe gegangen waren, hielt er sie für schlechte Soldaten. Außerdem hätte er gern erzählt, daß aus der Kreisstadt, in der er wohnte, ein auf unbestimmte Zeit beurlaubter Soldat, ein Trunkenbold und Dieb, den niemand mehr als Arbeiter annehmen wollte, gleichfalls mitgegangen sei. Aber da er aus Erfahrung wußte, daß es bei der jetzigen Volksstimmung gefährlich sei, eine mit der herrschenden Meinung im Widerspruch stehende Meinung auszusprechen und namentlich sich über die Freiwilligen mißfällig zu äußern, so wollte er gleichzeitig erst Katawasow aushorchen.

»Das tut nichts; man braucht dort Leute«, antwortete er und lachte mit den Augen. Die beiden unterhielten sich nun miteinander über die letzte Nachricht vom Kriegsschauplatz, und einer suchte vor dem anderen seine Unwissenheit darüber zu verbergen, mit wem denn nun eigentlich für den folgenden Tag eine Schlacht erwartet wurde, da doch der letzten Nachricht zufolge die Türken an allen Punkten geschlagen waren. Und so trennten sich schließlich die beiden, ohne ihre Ansichten ausgesprochen zu haben.

Als Katawasow wieder in seinen Wagen zurückgekehrt war, erzählte er seinem Reisegenossen Sergei Iwanowitsch seine Wahrnehmungen über die Freiwilligen unwillkürlich in gefälschter Färbung, so daß als Ergebnis herauskam, daß es vortreffliche Leute seien.

Auf dem großen Bahnhof der Gouvernementsstadt wurden die Freiwilligen wieder mit Gesang und Hurrarufen begrüßt; wieder erschienen Herren und Damen mit Sammelbüchsen; Damen überreichten den Freiwilligen Blumensträuße und geleiteten sie zum Schanktisch. Aber die Tonart des Ganzen war doch schon erheblich ruhiger und schwächer als in Moskau.