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Ljewin ging mit großen Schritten auf der Landstraße hin und richtete dabei seine Aufmerksamkeit nicht sosehr auf seine Gedanken (diese vermochte er noch nicht zu entwirren) wie auf seinen Seelenzustand; denn einen derartigen Seelenzustand hatte er früher noch nie durchgemacht.

Die Worte, die der Bauer gesprochen, hatten in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervorgebracht und einen ganzen Schwarm zerstreuter, kraftloser, vereinzelter Gedanken, die eigentlich niemals aufgehört hatten, ihn zu beschäftigen, umgestaltet und zu einem Ganzen verbunden. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er sich dessen selbst bewußt gewesen wäre, auch in dem Augenblick beschäftigt, als er von der Verpachtung des Landes sprach.

Er fühlte, daß in seiner Seele etwas Neues entstanden war, und tastete mit Genuß an diesem Neuen herum, ohne noch zu wissen, was dieses Neue eigentlich sei.

,Nicht für seinen Vorteil leben, sondern für Gott. Für was für einen Gott? Und kann man etwas Sinnloseres sagen als das, was er gesagt hat? Er hat gesagt, man müsse nicht für seinen Vorteil leben, das heißt, man müsse nicht für das leben, was uns verständlich ist, wozu es uns hinzieht, was wir gern haben, sondern man müsse für etwas Unbegreifliches leben, für Gott, den doch niemand zu begreifen oder zu bestimmen vermag. Und doch: habe ich etwa diese sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Oder habe ich sie zwar verstanden, aber an ihrer Richtigkeit gezweifelt? Habe ich sie für töricht, undeutlich, unzutreffend gehalten?

Nein, ich habe verstanden, was er sagte, und ganz in der Weise, wie er selbst es versteht; ich habe es vollständiger und klarer verstanden, als ich irgend etwas im Leben verstehe, und nie in meinem Leben habe ich daran gezweifelt und werde auch nie daran zweifeln können. Und so geht es nicht mir allein, sondern allen, der ganzen Welt; das ist das einzige, was alle vollständig verstehen, das einzige, woran niemand zweifelt, das einzige, worüber alle einig sind.

Und ich habe nach Wundern verlangt, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder gesehen habe, weil ich meinte, ein Wunder würde mich überzeugt haben. Aber an einem stofflichen Wunder hätte ich Anstoß genommen. Und hier ist ein Wunder, das einzig mögliche, stets vorhandene, das mich von allen Seiten umgibt, und ich habe es nicht bemerkt!

Fjodor sagt, der Herbergswirt Kirillow lebe für seinen Bauch. Daß er so lebt, ist begreiflich; es entspricht der Vernunft. Wir alle, als vernunftbegabte Wesen, können nicht anders leben als für den Bauch. Und nun sagt auf einmal dieser selbe Fjodor, es sei etwas Schlechtes, für den Bauch zu leben, man müsse für die Gerechtigkeit, für Gott leben, und ich verstehe aus dieser bloßen Andeutung, was er meint! Und ich und die Millionen von Menschen, die all diese Jahrhunderte her gelebt haben und jetzt leben, die Bauern, die geistig Armen und die Weisen, die darüber nachgedacht und darüber geschrieben haben und in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagen: wir alle sind in diesem einen Punkte einig: wozu wir leben müssen und was das Gute sei. Ich und alle anderen Menschen, wir besitzen nur ein einziges, sicheres, zweifelloses, klares Wissen; und dieses Wissen kann nicht durch die Vernunft erklärt werden; denn es liegt außerhalb der Vernunft, es hat keine Ursachen und kann keine Folgen haben.

Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es nicht mehr das Gute; wenn es eine Folge hat, einen Lohn, so ist es ebenfalls nicht das Gute. Somit steht das Gute außerhalb der Kette der Ursachen und Folgen.

Und dieses Gute kenne ich, und wir alle kennen es.

Was kann es denn noch für ein Wunder geben, das größer wäre als dieses?

›Habe ich wirklich die Lösung der ganzen Frage gefunden? Haben wirklich meine Leiden jetzt ein Ende?‹ dachte Ljewin, während er auf der staubigen Landstraße dahinschritt und weder von Hitze noch von Müdigkeit etwas merkte, sondern nur das Gefühl der Linderung eines langen Leidens hatte. Dieses Gefühl war so wonnig, daß er gar nicht recht daran glauben wollte. Vor Erregung konnte er kaum atmen; er fühlte sich nicht imstande weiterzugehen, bog vom Wege ab in den Wald und setzte sich im Schatten der Espen auf das noch ungemähte Gras. Er nahm den Hut von dem schweißbedeckten Kopfe und legte sich, auf den Ellbogen gestützt, auf das saftige, breithalmige Waldgras.

›Ja, ich muß mir das klarmachen und zum vollen Verständnis bringen‹, dachte er, indem er unverwandt auf das unzerdrückte Gras blickte, das er vor sich hatte, und die Bewegungen eines grünen Käferchens verfolgte, das an einem Queckenhalm emporkroch und in seinem Aufsteigen durch ein Bärenklaublatt gehindert wurde. ›Was habe ich denn entdeckt?‹ fragte er sich, drehte das Bärenklaublatt beiseite, damit es den Käfer nicht weiter behindere, und bog einen anderen Halm heran, damit der Käfer auf diesen übergehe. ›Was freut mich denn so? Was habe ich entdeckt?

Ich habe nichts entdeckt. Ich habe nur erkannt, was ich immer schon wußte. Ich habe die Kraft begriffen, die mir nicht nur in der Vergangenheit das Leben gegeben hat, sondern mir auch jetzt das Leben gibt. Ich habe mich von der Täuschung frei gemacht; ich habe meinen Herrn erkannt.

Früher sagte ich, daß in meinem Körper und in dem Körper dieses Grashalmes und dieses Käfers (er hat nicht auf den anderen Halm hinüberkriechen wollen, sondern hat seine Flügel ausgebreitet und ist weggeflogen) sich nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein Wechsel des Stoffes vollziehe. Und in uns allen, auch in den Espen und in den Wolken und in den Nebelflecken, vollziehe sich eine Entwicklung. Eine Entwicklung aus welchem Zustande und in welchen Zustand? Eine endlose Entwicklung, ein endloses Ringen ... Als ob es im Unendlichen irgendwelche Richtung und irgendwelchen Kampf geben könnte! Und ich habe mich gewundert, daß, trotz der größten Anstrengung meines Denkens auf diesem Wege, sich mir doch der Zweck des Lebens, das Ziel meines inneren Dranges und Strebens nicht erschließen wollte. Jetzt aber sage ich: ich kenne den Zweck meines Lebens: für Gott leben, für die Seele leben. Und dieser Zweck ist, seiner Klarheit unbeschadet, geheimnisvoll und wunderbar. Und denselben Zweck hat alles, was besteht. Ja, es war bei mir Hochmut‹, sagte er zu sich, drehte sich auf den Bauch herum und begann Grashalme zusammenzuknoten, ohne sie einzuknicken.

›Und nicht nur Hochmut des Verstandes, sondern auch Torheit des Verstandes. Und vor allen Dingen: eine Spitzbüberei des Verstandes, geradezu eine Spitzbüberei des Verstandes, geradezu ein Gaunerstreich des Verstandes‹, sagte er ein über das andere Mal.

Und er wiederholte sich in Kürze den ganzen Gang seiner Gedanken während dieser letzten zwei Jahre, dessen Ausgangspunkt der klare, deutliche Gedanke an den Tod beim Anblick des geliebten, hoffnungslos erkrankten Bruders gewesen war.

Als er damals zum ersten Male klar erkannt hatte, daß einem jeden Menschen, und auch ihm selbst, die Zukunft nichts weiter biete als Leiden, Tod und ewiges Vergessensein, da hatte er sich mit aller Entschiedenheit gesagt, so könne er nicht leben; entweder müsse er zu einer solchen Auffassung seines Lebens gelangen, daß es ihm nicht als der boshafte Hohn irgendeines Teufels erscheine, oder er müsse sich erschießen.

Aber er hatte weder das eine noch das andere getan, sondern weiter gelebt, gedacht und gefühlt und hatte sich sogar gerade in dieser Zeit verheiratet und viele Freuden kennengelernt und war glücklich gewesen, wenn er nicht gerade über die Bedeutung seines Lebens nachdachte.

Wie war das zugegangen? Das war so zugegangen: sein Leben war gut gewesen, aber sein Denken schlecht.

Er hatte (ohne sich dessen bewußt zu sein) gelebt auf der Grundlage jener geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte; aber wenn er begonnen hatte zu denken, hatte er diese Wahrheiten verleugnet und geflissentlich umgangen.

Jetzt nun war es ihm klargeworden, daß er nur dank jener Glaubenswahrheiten, in denen er erzogen war, leben könne.

›Was würde ich denn für ein Mensch sein, und wie würde ich mein Leben zubringen, wenn ich diese Glaubenswahrheiten nicht hätte, nicht wüßte, daß man für Gott leben muß und nicht für den eigenen Vorteil? Ich würde rauben, lügen, morden. Nichts von dem, was die größten Freuden meines Lebens ausmacht, würde für mich dasein.‹ Und selbst mit äußerster Anstrengung seiner Einbildungskraft vermochte er sich nicht das tierische Wesen vorzustellen, das er selbst sein würde, wenn er nicht wüßte, wozu er lebte.

›Ich habe eine Antwort auf meine Frage gesucht. Aber eine Antwort auf meine Frage konnte mir das Denken nicht geben; es ist mit dieser Frage nicht zu messen. Das Leben selbst hat mir die Antwort gegeben durch mein Wissen darüber, was gut und was schlecht ist. Aber dieses Wissen habe ich durch nichts erworben, sondern es ist mir wie allen anderen Menschen gegeben worden, gegeben, weil ich es eben nirgendwo hätte hernehmen können.

Woher habe ich dieses Wissen? Bin ich etwa durch den Verstand zu der Überzeugung gelangt, daß man seinen Nächsten lieben und nicht erwürgen müsse? Nein, sondern man hat mir das in meiner Kindheit gesagt, und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir das sagte, was schon von vornherein in meiner Seele vorhanden war. Und wer hat das entdeckt? Nicht der Verstand. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, das verlangt, daß ich alle erwürgen soll, die mich an der Befriedigung meiner Wünsche hindern. Das ist das Ergebnis des Verstandes. Aber den Satz, daß man einen anderen Menschen lieben solle, den hat der Verstand nicht entdecken können, weil dieser Satz dem Verstande zuwiderläuft.‹