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Ljewin hatte zwar mit der Umwandlung, die mit ihm hätte vorgehen sollen, eine Enttäuschung erlebt; aber diesen ganzen Tag über, auch während der sehr verschiedenartigen Gespräche, an denen er sich gleichsam nur mit der Außenseite seines Verstandes beteiligte, empfand er trotzdem dauernd mit hoher Freude, wie voll sein Herz war.

Nach dem Regen war es zu naß, als daß man hätte spazierengehen können; zudem waren immer noch Gewitterwolken am Horizont sichtbar und zogen bald hier, bald dort, bedrohlich durch ihre schwarze Färbung und ihr Donnern, am Rand des Himmels hin. Die ganze Gesellschaft verbrachte den übrigen Teil des Tages im Hause.

Streitfragen wurden nicht mehr aufgeworfen; vielmehr befanden sich alle nach dem Mittagessen in bester Laune.

Katawasow brachte zunächst die Damen durch jene besondere Art von Späßchen zum Lachen, die immer bei der ersten Bekanntschaft mit ihm soviel Beifall fanden; dann aber erzählte er auf Sergei Iwanowitschs Aufforderung von seinen sehr interessanten Beobachtungen über die Unterschiede im Wesen und selbst im Aussehen der Männchen und Weibchen der Stubenfliege sowie über ihre Lebensweise. Auch Sergei Iwanowitsch war sehr vergnügt und setzte beim Tee, von seinem Bruder dazu angeregt, seine Ansichten über die zukünftige Gestaltung der orientalischen Frage auseinander, und zwar in einer so einfachen, hübschen Weise, daß alle ihm mit Vergnügen zuhörten.

Nur Kitty konnte seine Darlegungen nicht bis zu Ende mit anhören, da sie abgerufen wurde, um den kleinen Dmitri zu baden.

Einige Minuten nachdem Kitty hinausgegangen war, wurde auch Ljewin gebeten, zu ihr ins Kinderzimmer zu kommen.

Bedauernd, daß er im Anhören der fesselnden Darstellung unterbrochen wurde, und zugleich voll Unruhe, weshalb er wohl gerufen werde, da dies nur aus wichtigen Ursachen zu geschehen pflegte, ließ Ljewin seinen Tee stehen und ging nach dem Kinderzimmer.

Obgleich Sergei Iwanowitschs Plan, den er nicht bis zu Ende hatte mit anhören können, als etwas ihm vollständig Neues sein größtes Interesse erregte (nämlich der Plan, wie das befreite, vierzig Millionen umfassende Slawenland mit Rußland zusammen einen neuen Zeitabschnitt der Weltgeschichte beginnen sollte) und obwohl er von Neugier und Unruhe erfüllt war, weshalb man ihn wohl rufen möge, so kamen ihm dennoch, sobald er das Zimmer verlassen hatte und allein war, sofort wieder die Gedanken in den Sinn, mit denen er sich am Morgen beschäftigt hatte. Und alle diese Überlegungen über die Bedeutung des Slawentums in der Weltgeschichte erschienen ihm so nichtig im Vergleich mit dem, was in seiner Seele vorging, daß er dies alles augenblicklich vergaß und sich wieder in dieselbe Stimmung zurückversetzt fühlte, in der er sich am Morgen dieses Tages befunden hatte.

Er rief sich jetzt nicht, wie das früher seine Gewohnheit war, seinen ganzen Gedankengang ins Gedächtnis zurück; dessen bedurfte er jetzt nicht. Er versetzte sich mit einem Schlage in jenes Gefühl hinein, das ihn geleitet hatte und das mit diesen Gedanken verknüpft war, und fand, daß dieses Gefühl sich in seiner Seele zu noch größerer Stärke und Bestimmtheit entwickelt hatte als vorher. Jetzt widerfuhr ihm nicht, was ihm bei früheren kunstvoll ausgesonnenen Versuchen der Selbstberuhigung oft begegnet war, wo er den ganzen Gedankengang wieder hatte zurückverfolgen müssen, um das beruhigende Gefühl zu finden. Jetzt war ganz im Gegenteil das Empfinden der Freude und Beruhigung in seiner Seele lebendiger als vorher, und das Denken konnte mit dem Fühlen nicht Schritt halten.

Er ging über die Terrasse und blickte zu zwei Sternen hinauf, die an dem bereits dunkel gewordenen Himmel hervortraten, und auf einmal fiel ihm ein: ›Ja, als ich zum Himmel hinaufsah, da überlegte ich, daß das Gewölbe, das ich sehe, keine Unwahrheit ist, und dabei dachte ich irgendeinen Gedanken nicht zu Ende, ich verbarg etwas vor mir selbst‹, sagte er bei sich. ›Aber was es auch gewesen sein mag, eine Widerlegung des gewonnenen Ergebnisses kann es nicht sein. Ich brauche nur darüber nachzudenken, so wird mir alles klarwerden.‹

Unmittelbar vor der Tür des Kinderzimmers fiel ihm ein, was das gewesen war, was er vor sich selbst verborgen hatte. Es war die Frage gewesen: Wenn der Hauptbeweis für das Dasein Gottes darin besteht, daß er uns offenbart hat, was das Gute ist, warum beschränkt sich dann diese Offenbarung allein auf die christliche Kirche? Welche Beziehung zu dieser Offenbarung haben die Religionen der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch das Gute als Ziel des menschlichen Handelns bekennen und das Gute tun?

Er glaubte, eine Antwort auf diese Frage zu haben; aber er hatte noch nicht Zeit gehabt, dieser Antwort eine feste Form zu geben, als er schon ins Kinderzimmer trat.

Kitty stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Badewanne, über das darin herumplätschernde Kind gebeugt; als sie die Schritte ihres Mannes hörte, wendete sie ihm ihr Gesicht zu und rief ihn durch ein Lächeln zu sich heran. Mit der einen Hand hielt sie unter dem Kopf den auf dem Rücken schwimmenden und mit den Beinchen strampelnden dicken, kräftigen Kleinen, mit der anderen drückte sie, die Muskeln gleichmäßig anspannend, den Schwamm über ihm aus.

»Nun sieh nur, sieh nur mal!« sagte sie, als ihr Mann zu ihr trat. »Agafja Michailowna hat recht: er erkennt.«

Es handelte sich darum, daß Dmitri seit dem heutigen Tage augenscheinlich und zweifellos alle die Seinigen erkannte.

Als Ljewin an die Badewanne herantrat, wurde ihm sofort ein Versuch vorgeführt, und der Versuch gelang vollkommen. Die Köchin, die eigens zu diesem Zwecke hereingerufen wurde, beugte sich über den Kleinen. Er machte ein finsteres Gesicht und schüttelte verneinend mit dem Kopfe. Nun beugte sich Kitty über ihn: da überzog ein strahlendes Lächeln sein Gesicht, er stemmte sich mit den Händchen gegen den Schwamm und brachte, mit den Lippen prustend, einen so sonderbaren Laut der Zufriedenheit hervor, daß nicht nur Kitty und die Kinderfrau, sondern auch Ljewin überrascht und entzückt waren.

Das Kind wurde auf einer Hand aus der Wanne gehoben, mit Wasser übergossen, in ein Leintuch gehüllt, abgetrocknet und nach durchdringendem Schreien der Mutter übergeben.

»Nun, ich freue mich, daß du anfängst, ihn liebzuhaben«, sagte Kitty zu ihrem Manne, nachdem sie sich mit dem Kinde an der Brust ruhig auf ihren gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich recht darüber. Ich fing auch schon an, mich darüber zu ärgern. Du sagtest, daß du nichts für ihn empfändest.«

»Aber nein, das habe ich doch nicht gesagt, daß ich nichts für ihn empfände. Ich habe nur gesagt, ich wäre enttäuscht.«

»Was meinst du damit? Du bist von ihm enttäuscht gewesen?«

»Ich bin nicht eigentlich von ihm enttäuscht gewesen, sondern von meinem Gefühle; von meinem Vatergefühle hatte ich mir eine größere Vorstellung gemacht. Ich hatte erwartet, es werde sich in ganz überraschender Weise in meinem Innern ein neues, wohltuendes Gefühl wie eine Blume erschließen. Und nun fühlte ich statt dessen nur Mitleid und eine Art von Widerwillen ...«

Sie hörte ihm über das Kind hinweg aufmerksam zu und steckte dabei die Ringe, die sie abgelegt hatte, um Dmitri zu baden, wieder an die schlanken Finger.

»Und die Hauptsache war«, fuhr Ljewin fort, »daß ich weit mehr Angst und Mitleid empfand als Vergnügen. Aber heute, nach dieser Angst bei dem Gewitter, da habe ich gemerkt, wie lieb ich ihn habe.«

Über Kittys Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus.

»Bist du sehr erschrocken gewesen?« fragte sie. »Ich auch; aber jetzt, wo es vorbei ist, erscheint es mir noch furchtbarer. Ich will morgen hingehen und mir die Eiche ansehen. Und was für ein liebenswürdiger Mensch Katawasow ist! Und überhaupt hat der ganze Tag einen so angenehmen Verlauf gehabt. Und du verträgst dich so nett mit Sergei Iwanowitsch, wenn du nur willst ... Nun, dann geh nur wieder zu ihnen. Nach dem Baden ist es hier immer heiß und ein feuchter Dunst ...«