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Am Morgen war Konstantin Ljewin aus Moskau abgefahren, und gegen Abend langte er zu Hause an. Unterwegs auf der Bahn hatte er sich mit seinen Reisegefährten über Politik und über neue Eisenbahnlinien unterhalten, und ebenso wie in Moskau waren ihm seine Begriffe in Verwirrung geraten, und eine Unzufriedenheit mit sich selbst und ein eigentümliches Schamgefühl hatten ihn befallen. Aber als er nun auf seiner Station ausstieg und seinen krummen Kutscher Ignat mit dem hochgeschlagenen Mantelkragen erblickte und als er in dem schwachen Lichtschimmer, der durch die Fenster des Bahnhofsgebäudes drang, seinen mit Decken wohlversehenen Schlitten und seine Pferde mit den aufgebundenen Schwänzen, in dem mit Ringen und Fransen verzierten Geschirr, sah und als der Kutscher Ignat, noch während das Gepäck aufgeladen wurde, ihm die Gutsneuigkeiten erzählte, daß ein Agent für Arbeitskräfte angekommen sei und daß Pawa gekalbt habe: da fühlte er, daß die Verwirrung in seinem Kopfe sich allmählich löste und das Gefühl der Scham und der Unzufriedenheit mit sich selbst verging. Das hatte er schon beim ersten Blick auf Ignat und die Pferde empfunden; aber als er nun gar den für ihn mitgebrachten Schafpelz anzog, sich wohlvermummt in den Schlitten setzte und dahinfuhr und dabei über die von ihm in Aussicht genommenen Anordnungen auf dem Gute nachdachte und das eine Seitenpferd beobachtete, das früher sein Reitpferd gewesen war, aus einem Donischen Gestüt, ein schon etwas abgerackertes, aber immer noch tüchtiges Tier: da gelangte er zu einer ganz anderen Auffassung seines letzten Erlebnisses. Er fühlte sich wieder als das, was er war, und wollte nichts anderes sein. Nur besser wollte er jetzt werden, als er früher gewesen war. Erstens nahm er sich vor, von nun an nicht mehr auf ein außerordentliches Glück, wie er es sich von der Ehe versprochen hatte, zu hoffen und nicht mehr infolge einer solchen Hoffnung die Gegenwart gering zu schätzen. Zweitens wollte er sich nicht wieder von garstiger Sinnlichkeit hinreißen lassen, weil die Erinnerung an frühere Fälle solcher Schwäche ihn damals, als er seinen Heiratsantrag zu machen beabsichtigte, so furchtbar gemartert hatte. Ferner gedachte er seines Bruders Nikolai und gab sich das Wort, ihn nie wieder zu vergessen, sich stets Kenntnis über sein Ergehen zu verschaffen und ihn nie aus den Augen zu verlieren, um zur Hilfe bereit zu sein, wenn es ihm schlecht ginge. Daß es bald soweit sein werde, daran konnte er nicht zweifeln. Auch was sein Bruder zu ihm über den Kommunismus gesagt hatte, ohne daß er seinerseits dabei ernstlich Stellung zu diesem Gegenstande genommen hätte, brachte ihn jetzt zum Nachdenken. Er hielt eine gänzliche Umgestaltung der sozialen Verhältnisse für ein Ding der Unmöglichkeit, aber er hatte immer seinen eigenen Überfluß gegenüber der Armut der Masse als Ungerechtigkeit empfunden und nahm sich nun, um das Gefühl einer vollen Berechtigung zu haben, fest vor, wenn er auch schon vorher viel gearbeitet und ohne Üppigkeit gelebt hatte, jetzt noch mehr zu arbeiten und sich noch weniger Wohlleben zu gestatten. Und daß er zur Verwirklichung aller dieser Absichten die Kraft in sich finden werde, schien ihm so sicher, daß er den ganzen Weg in den angenehmsten Träumereien verbrachte. Mit einem mutigen Gefühle der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben fuhr er bald nach acht Uhr an seinem Hause vor.

Aus den Fenstern seiner alten Kinderfrau und jetzigen Wirtschafterin Agafja Michailowna fiel ein Lichtschein auf den schneebedeckten Platz vor dem Hause. Sie schlief noch nicht. Der Diener Kusma, den sie geweckt hatte, kam verschlafen und barfuß auf die Freitreppe heraus. Die Hühnerhündin Laska kam gleichfalls herausgesprungen, wobei sie den Diener beinahe umstieß, und rieb sich winselnd an Ljewins Knien; sie hob sich in die Höhe und hätte ihm gern die Vorderfüße auf die Brust gesetzt, wagte dies aber doch nicht.

»Sie sind ja schnell wieder zurückgekommen, Väterchen«, sagte Agafja Michailowna.

»Ich bekam Heimweh, Agafja Michailowna. Auf Besuch sein ist schön, aber zu Hause ist es doch am besten«, antwortete er ihr und ging in sein Zimmer.

Die Kerze, die er hineintrug, erhellte die einzelnen Teile des Zimmers einen nach dem anderen. Die ihm so wohlbekannten Stücke der Einrichtung traten aus dem Dunkel hervor: die Hirschgeweihe, die Bücherregale, der Spiegel, der Ofen mit der Ventilation, die schon längst einer Ausbesserung bedurfte, das altväterische Sofa, der große Tisch, auf dem Tische ein aufgeschlagenes Buch, ein zerbrochener Aschenbecher, ein Heft, in dem er geschrieben hatte. Beim Anblick aller dieser Gegenstände überkam ihn für einen Augenblick ein Zweifel, ob es möglich sein werde, jenes neue Leben ins Werk zu setzen, das er sich unterwegs so schön ausgemalt hatte. Alle diese seine bisherigen Lebensbegleiter schienen ihn gleichsam in ihre Arme zu schließen und zu ihm zu sagen: ›Nein, du entrinnst uns nicht und wirst nie ein anderer werden; du bleibst immer derselbe, der du gewesen bist: mit deinen Zweifeln, mit deiner steten Unzufriedenheit mit dir selbst, mit deinen vergeblichen Versuchen, dich zu bessern, und deinen sich immer wiederholenden Rückfällen, und mit deinem lebenslänglichen Warten auf ein Glück, das dir nicht beschieden ist und das du nicht erringen kannst.‹

Aber während die leblosen Gegenstände so zu ihm sprachen, sagte ihm eine andere Stimme in seinem Inneren, man dürfe sich nicht zu einem Knechte der Vergangenheit herabwürdigen, und der Mensch könne aus sich alles machen. Und auf diese Stimme hörend, ging er in die Ecke, wo er zwei schwere Gewichte stehen hatte, und hob sie turnermäßig in die Höhe, um sich dadurch in eine frische, mutige Stimmung zu versetzen. Aber da wurden vor der Tür knarrende Schritte vernehmbar, und eiligst stellte er die Gewichte wieder hin.

Der Verwalter trat ein und berichtete, daß gottlob alles in Ordnung sei, machte aber zugleich die Mitteilung, daß der Buchweizen auf der neuen Darre von unten angebrannt sei. Über diese Nachricht war Ljewin sehr ärgerlich. Die neue Darre hatte er zum Teil nach seinen eigenen Vorschlägen errichten lassen. Der Verwalter war immer gegen diese Darre gewesen und meldete nun mit einem verhaltenen Gefühle des Triumphes, daß der Buchweizen angebrannt sei. Ljewin war fest überzeugt, daß, wenn der Buchweizen angebrannt war, dies nur von einer Nichtbeachtung der Vorsichtsmaßregeln gekommen sein konnte, die er dem Verwalter schon hundertmal eingeschärft hatte. Er war sehr verdrießlich und erteilte dem Verwalter einen Verweis. Es gab aber auch ein wichtiges Ereignis erfreulicher Art: Pawa, die beste Kuh, hatte gekalbt, ein teueres Stück, das auf einer Ausstellung angekauft war.

»Kusma, gib mir den Schafpelz her! Und Sie, Sie können eine Laterne bringen lassen; ich will hingehen und mir es mal ansehen«, sagte er zu dem Verwalter.

Der Stall für die wertvolleren Kühe lag gleich hinter dem Hause. Ljewin ging über den Hof an dem großen Schneehaufen beim Fliederstrauche vorbei und gelangte so zum Stalle. Ein warmer, stark riechender Düngerdampf schlug ihm entgegen, als die angefrorene Tür geöffnet wurde, und verwundert über das ungewohnte Licht der Laterne, regten sich die Kühe auf dem frischen Stroh. Der glatte, schwarz gescheckte, breite Rücken einer Holländer Kuh schimmerte im Halbdunkel. Berkut, der Bulle, lag mit seinem Ring in der Lippe da und machte Anstalten, aufzustehen; aber er besann sich eines anderen und schnaufte nur ein paarmal, als die Besucher vorbeigingen. Pawa, die rote Prachtkuh, groß wie ein Nilpferd, drehte sich rückwärts, um ihr Kälbchen vor den Eintretenden zu verdecken, und beschnupperte es.

Ljewin trat in den Verschlag hinein und hob das rotscheckige Kälbchen auf seine schwankenden, langen Beine. Die aufgeregte Pawa wollte schon ein Gebrüll ausstoßen, beruhigte sich aber wieder, als Ljewin ihr das Kalb wieder hinschob, und begann, schwer atmend, es mit ihrer rauhen Zunge zu belecken. Das Kalb stieß suchend mit dem Maule seine Mutter in die Weichen und krümmte das Schwänzchen.

»Leuchte mal hierher, Fjodor; hier halte die Laterne her!« sagte Ljewin, der das Kalb besah. »Es artet nach der Mutter, wenn es auch die Farbe vom Vater hat. Ein sehr schönes Tier. Lang, mit schmalen Weichen. Wasili Fedorowitsch, nicht wahr, es ist schön?« wandte er sich an den Verwalter; in seiner Freude über das Kalb hatte er ihm den angebrannten Buchweizen schon vergeben.

»Nach welchem der Eltern könnte es denn auch schlecht sein?« erwiderte der Verwalter. »Ja, und dann ist der Agent Semjon am Tage nach Ihrer Abreise angekommen. Wir werden wohl mit ihm einen Vertrag über Arbeiter schließen müssen, Konstantin Dmitrijewitsch. Über die Maschine habe ich Ihnen schon früher Bericht erstattet.«

Durch diese eine schwebende Frage sah sich Ljewin wieder mitten in das ganze Getriebe seiner großen, verwickelten Wirtschaft hineinversetzt. Vom Kuhstall ging er unmittelbar ins Kontor und sprach dort mit dem Verwalter und dem Agenten Semjon; dann kehrte er in das Haus zurück und ging sogleich ins Wohnzimmer hinauf.