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Als Alexei Alexandrowitsch in Petersburg ankam, war er nicht nur in diesem Entschlusse vollkommen fest geworden, sondern er hatte auch bereits in seinem Kopfe den Brief entworfen, den er an seine Frau schreiben wollte. In die Loge des Pförtners tretend, warf er einen Blick auf die eingegangenen Briefe und die aus dem Ministerium geschickten Akten und gab Befehl, alles nach seinem Arbeitszimmer zu bringen.

»Ausspannen und niemand vorlassen!« antwortete er auf die Frage des Pförtners mit einem gewissen Behagen, aus dem man auf seine gute Stimmung schließen konnte; einen besonderen Nachdruck legte er dabei auf die Worte: »Niemand vorlassen!«

In seinem Arbeitszimmer ging Alexei Alexandrowitsch zweimal auf und ab und blieb dann vor seinem gewaltigen Schreibtische stehen, auf dem der Kammerdiener, sobald er ihn hatte vorfahren sehen, bereits sechs Kerzen angezündet hatte, knackte mit den Fingern, setzte sich und legte Papier und Feder zurecht. Die Ellbogen auf den Tisch stützend, neigte er den Kopf zur Seite, dachte etwa eine Minute lang nach und begann dann zu schreiben, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb, ohne sich einer Anrede an seine Frau zu bedienen, und zwar französisch, wobei er das Fürwort vous verwendete, das nicht so kalt klingt wie das entsprechende russische Fürwort.

»Bei unserer letzten Unterredung sagte ich Ihnen, daß ich die Absicht hätte, Ihnen meinen Entschluß über den Gegenstand unseres Gespräches mitzuteilen. Nachdem ich alles sorgsam durchdacht habe, schreibe ich jetzt, um dieses Versprechen zu erfüllen. Mein Entschluß ist folgender: von welcher Art auch immer Ihr Verhalten gewesen sein mag, so halte ich mich doch nicht für berechtigt, die heiligen Bande zu zerreißen, mit denen eine höhere Macht uns verknüpft hat. Die Zusammengehörigkeit der Familie kann nicht durch eine Laune, durch die Willkür, ja nicht einmal durch ein Verbrechen eines der Gatten zerstört werden, und unser Leben muß auch in Zukunft denselben Gang nehmen, den es bisher genommen hat. Dies ist um meinetwillen, um Ihretwillen und um unseres Sohnes willen notwendig. Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie das, was den Anlaß des vorliegenden Briefes bildet, bereut haben und noch bereuen, und daß Sie mir helfen werden, die Ursache unseres Zwistes mit der Wurzel auszureißen und das Vergangene zu vergessen. Andernfalls werden Sie sich selbst sagen können, was Sie und Ihren Sohn erwartet. Ich hoffe, daß ich bei einer persönlichen Zusammenkunft alles dies eingehender mit Ihnen werde besprechen können. Da die Hauptzeit für die Sommerfrische zu Ende geht, so möchte ich Sie bitten, möglichst bald, jedenfalls nicht später als Dienstag, wieder nach Petersburg überzusiedeln. Alle für Ihren Umzug erforderlichen Anordnungen werden getroffen werden. Ich bitte Sie zu beachten, daß ich auf die Erfüllung dieser meiner Bitte besonderen Wert lege.

A. Karenin

PS. Anbei eine Geldsumme, die Sie für Ihre Ausgaben vielleicht benötigen werden.«

Er las den Brief noch einmal durch und war mit ihm zufrieden, namentlich auch damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizufügen; der Brief enthielt kein scharfes Wort und keinen Vorwurf, war aber auch nicht in freundlichem Tone gehalten. Die Hauptsache aber war: er hatte damit seiner Frau eine goldene Brücke zur Rückkehr gebaut. Er faltete den Brief zusammen, strich ihn mit einem großen, kräftigen, elfenbeinernen Papiermesser glatt und steckte ihn mit den Banknoten in einen Umschlag; all das tat er mit jenem Behagen, das die Handhabung seiner vorzüglich beschaffenen Schreibgeräte immer bei ihm hervorrief. Darauf klingelte er.

»Gib das dem Kurier, damit er es morgen zu Anna Arkadjewna nach dem Landhause hinausbringt!« sagte er und erhob sich.

»Zu Befehl, Exzellenz. Befehlen Sie den Tee hier im Arbeitszimmer?«

Alexei Alexandrowitsch befahl, den Tee ins Arbeitszimmer zu bringen, und ging, indem er das kräftige Papiermesser spielend in der Hand bewegte, zu einem Lehnsessel, neben dem auf einem Tische eine Lampe brannte und ein französisches Buch über die Eugubinischen Inschriften lag, dessen Lektüre er begonnen hatte. Über dem Sessel hing in einem ovalen Goldrahmen ein Bild Annas, von einem berühmten Künstler vorzüglich ausgeführt. Alexei Alexandrowitsch betrachtete es. Die rätselhaften Augen blickten ihn spöttisch und keck an, wie an jenem letzten Abend, als er ihr Vorhaltungen gemacht hatte. Unerträglich keck und herausfordernd wirkte auf Alexei Alexandrowitsch der Anblick der von dem Künstler vortrefflich gemalten schwarzen Spitzen auf dem Kopfe sowie der Anblick des schwarzen Haars und der weißen, schönen Hand mit dem von Ringen bedeckten Goldfinger. Nachdem Alexei Alexandrowitsch das Bild etwa eine Minute lang angesehen hatte, schauerte er so zusammen, daß seine Lippen einen Laut des Unwillens hervorbrachten. Er wendete sich ab, setzte sich eilig in den Sessel und öffnete das Buch. Er versuchte zu lesen, vermochte aber nicht das Interesse für die Eugubinischen Inschriften wiederzugewinnen, das vorher bei ihm so lebendig gewesen war. Er blickte in das Buch hinein und dachte an ganz andere Dinge. Er dachte aber nicht an seine Frau, sondern an eine hemmende Schwierigkeit, die vor kurzem in seiner staatsmännischen Tätigkeit eingetreten war und ihn jetzt in höherem Grade als alle seine anderen dienstlichen Angelegenheiten in Anspruch nahm. Er fühlte, daß er jetzt tiefer als je mit seinem Verstande in diesen schwierigen Fall eindrang und daß in seinem Kopfe ein (das konnte er ohne Selbstüberhebung sagen) ausgezeichneter Gedanke in der Bildung begriffen war, der diese ganze Angelegenheit entwirren, ihn in seiner dienstlichen Laufbahn fördern, seine Feinde zu Boden schmettern und somit auch dem Staate den größten Nutzen bringen mußte. Sobald der Diener den Tee aufgetragen und das Zimmer wieder verlassen hatte, stand Alexei Alexandrowitsch auf und trat an seinen Schreibtisch. Nachdem er die Mappe mit den laufenden Angelegenheiten in die Mitte der Platte geschoben hatte, nahm er mit einem ganz leisen, selbstzufriedenen Lächeln einen Bleistift aus dem Ständer und vertiefte sich in die Lektüre eines von ihm eingeforderten umfangreichen und schwierigen Aktenstückes, das sich auf den gegenwärtigen Fall bezog. Der aber war folgender Art: Eine vermeintliche Eigentümlichkeit Alexei Alexandrowitschs in seiner staatsmännischen Tätigkeit, ein nach seiner Überzeugung ihm besonders eigener Charakterzug, den sich aber jeder hervorragende Beamte zuschreibt, ein Charakterzug, der, im Verein mit seinem hartnäckigen Ehrgeiz, seiner klugen Zurückhaltung, seiner Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen, ihm zu seiner glänzenden Laufbahn verholfen hatte, bestand in der Geringschätzung des amtlichen Aktenwesens, in dem Dringen auf Einschränkung des amtlichen Hin- und Herschreibens zwischen den Behörden, in der Absicht, nach Möglichkeit unmittelbar an den Kern einer jeden Frage heranzutreten, und in seiner Sparsamkeit. Nun hatte sich in der berühmten Kommission vom 2. Juni etwas Eigenartiges zugetragen: die Angelegenheit der Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk, die zum Dienstbereich des Ministeriums gehörte, in dem Alexei Alexandrowitsch arbeitete, und die allerdings ein krasses Beispiel unfruchtbarer Ausgaben und papierner Behandlungsweise bot, diese Angelegenheit war von einem andern Ministerium zur Sprache gebracht worden. Alexei Alexandrowitsch wußte, daß die tadelnde Kritik begründet war. Diese Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk war von dem Vorgänger seines Vorgängers eingerichtet worden. Und in der Tat, eine Menge Geld war für diese Sache bereits aufgewandt worden und wurde noch fortdauernd dafür aufgewandt, und zwar völlig ertraglos; es war klar, daß die ganze Sache zu nichts führen konnte. Alexei Alexandrowitsch hatte, als er in sein jetziges Amt eintrat, dies sofort erkannt und sich vorgenommen, die Sache in Angriff zu nehmen; aber in der ersten Zeit, wo er sich in seiner Stellung noch nicht hinreichend befestigt fühlte, hatte er bedacht, daß ein Eingreifen die Interessen gar zu vieler Leute verletzen würde und daher unklug sei; und später hatte er, stark mit anderen Dingen beschäftigt, diese Sache einfach vergessen. Sie ging wie all solche Sachen nach dem Beharrungsgesetze von selbst in demselben Geleise weiter. (Viele Leute hatten davon ihren Lebensunterhalt, so namentlich auch eine sehr moralische und musikalische Familie, deren sämtliche Töchter Saiteninstrumente spielten. Alexei Alexandrowitsch kannte diese Familie und war Brautvater bei einer der älteren Töchter gewesen.) Daß ein feindliches Ministerium diese Angelegenheit aufrührte, betrachtete Alexei Alexandrowitsch als eine wenig ehrenhafte Handlungsweise, da es in jedem Ministerium noch ganz andere Sachen gebe, an denen dennoch aus einer Art von dienstlichem Anstandsgefühl niemand rühre. Da man ihm aber nun einmal den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, so hatte er ihn kühn aufgenommen und die Einsetzung einer besonderen Kommission verlangt zum Zwecke des Studiums und der Revision der Arbeiten der Kommission für Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk; aber zur Vergeltung hatte er nun auch seinerseits diesen Herren nichts durchgehen lassen. Er hatte auch noch die Einsetzung einer besonderen Kommission in Sachen der Verwaltungseinrichtungen bei den kleinen Volksstämmen nichtrussischer Nationalität verlangt. Diese Angelegenheit der Verwaltungseinrichtungen der Fremdvölker war zufällig in der Kommission vom 2. Juni zur Sprache gekommen, und Alexei Alexandrowitsch hatte mit allem Nachdruck betont, daß diese Angelegenheit bei der bedauernswerten Lage der Fremdvölker schlechterdings keinen Aufschub dulde. In der Komiteesitzung hatte diese Angelegenheit die Veranlassung zu einem scharfen Wortwechsel zwischen mehreren Ministerien gegeben. Das gegen Alexei Alexandrowitsch feindlich gesinnte Ministerium hatte darauf den Beweis geführt, daß die Fremdvölker sich in einem geradezu blühenden Zustande befänden und daß die vorgeschlagene Umgestaltung der Verwaltungseinrichtungen diesen blühenden Zustand möglicherweise vernichten könne; wenn aber wirklich etwas nicht in guter Ordnung sei, so komme das lediglich daher, daß Alexei Alexandrowitschs Ministerium die durch das Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln nicht zur Anwendung gebracht habe. Jetzt also beabsichtigte Alexei Alexandrowitsch folgendes zu fordern; erstens, es solle eine neue Kommission eingesetzt werden mit dem Auftrage, den Zustand der Fremdvölker an Ort und Stelle zu untersuchen; zweitens, wenn es sich erweise, daß die Lage der Fremdvölker tatsächlich eine solche sei, wie sie nach den in den Händen des Komitees befindlichen amtlichen Unterlagen erscheine, so solle noch eine andere, neue, wissenschaftliche Kommission gebildet werden zur Untersuchung der Ursachen dieses unerfreulichen Zustandes der Fremdvölker, und zwar von folgenden Gesichtspunkten aus: a) vom politischen, b) vom administrativen, c) vom ökonomischen, d) vom ethnographischen, e) vom materiellen und f) vom religiösen; drittens, es solle dem feindlichen Ministerium aufgegeben werden, einen Bericht vorzulegen über die Maßregeln, die dieses Ministerium während der letzten zehn Jahre zur Verhütung der ungünstigen Verhältnisse getroffen habe, in denen sich die Fremdvölker jetzt befänden; und endlich viertens, das Ministerium solle zu einer Erklärung darüber aufgefordert werden, weshalb es, wie sich aus den dem Komitee zugegangenen Berichten unter Nr. 17015 und Nr. 18308 vom 5. Dezember 1863 und vom 7. Juni 1864 ergebe, dem Sinne des organischen Grundgesetzes, Band ... Artikel 18 und Artikel 36 Anmerkung, direkt zuwidergehandelt habe. Die Röte lebhafter Erregung überzog Alexei Alexandrowitschs Gesicht, als er sich schnell eine kurze Übersicht dieser Gedanken niederschrieb. Nachdem er einen Bogen vollgeschrieben hatte, stand er auf und klingelte; dann schrieb er einen Zettel und schickte ihn an den Subdirektor, um sich die Auskünfte zu verschaffen, deren er noch bedurfte. Nun stand er wieder auf, ging im Zimmer auf und ab, blickte nochmals nach dem Bild, zog die Brauen zusammen und lächelte geringschätzig. Darauf las er noch ein Weilchen in dem Buche über die Eugubinischen Inschriften, für die er wieder Interesse gewann. Um elf Uhr ging er schlafen, und als er, im Bett liegend, sich den Vorfall mit seiner Frau ins Gedächtnis zurückrief, da erschien er ihm gar nicht mehr in so trübem Lichte.