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Nana.  Émile Zola
Kapitel 10.
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Nana war jetzt eine vornehme Dame; die Dummheiten und Gemeinheiten der Männerwelt waren ihr tägliches Brot; sie war die Königin der Straße. Sie stieg endgültig auf zur Höhe der Berühmtheiten des galanten Lebens und glänzte im vollen Scheine der Torheiten des Geldes und der verderbten Abenteuer der Schönheit. Sie herrschte unter den Kostspieligsten. Ihre Photographien waren in den Schaufenstern zu sehen; ihrem Namen begegnete man in den Zeitungen. Wenn sie in ihrem Wagen über die Boulevards fuhr, wandte die Menge sich um und nannte ihren Namen mit der Erregung eines Volkes, das seine Herrscherin begrüßt, während sie, heiter lächelnd, wie hingegossen in den Kissen des Wagens lehnte, bekleidet mit den duftigsten Toiletten, das Gesicht mit den blauen Augen und den rotgefärbten Lippen umrahmt von der Fülle blonder Löckchen. Das Seltsamste war, daß dieses dicke Mädchen, auf der Bühne so linkisch und so drollig, sobald es eine ehrbare Frau spielen sollte, Paris ohne Mühe bezauberte. Sie besaß die Geschmeidigkeit einer Schlange, in ihrer Toilette eine scharfsichtige und doch gleichsam unwillkürliche Art des Unbekleidetseins, eine ausgesuchte Eleganz, die Vornehmheit einer Katze von Rasse, die Aristokratie des Lasters. So stieg sie auf das Pariser Pflaster herab als allmächtige Herrscherin. Sie gab den Ton an, die großen Damen ahmten ihr nach.

Nanas Haus befand sich in der Villiers-Allee an der Ecke der Cardinet-Straße, in diesem glanzvollen Stadtviertel, das damals in der ehemaligen Ebene von Monceau erstand. Das Haus war von einem jungen Maler erbaut worden, den seine ersten Erfolge betäubten, und der es dann verkaufen mußte, kaum daß die Mauern trocken waren. Es war im Renaissancestil gehalten, mit einem palastartigen Anstrich; die innere Einrichtung war recht phantastisch: moderne Bequemlichkeit im Rahmen einer etwas gesuchten Eigenart. Der Graf hatte das Haus samt Einrichtung gekauft und ausgestattet mit einer Menge von Schmuck-und Nippsachen, mit schönen orientalischen Teppichen, alten Kredenzschreinen, großen Sesseln im Stile Louis XIII. So geriet Nana mitten in eine künstlerische Einrichtung von geschmackvoller Wahl, in ein reizendes Durcheinander aus allen Zeiten. Da aber das Atelier, das den Mittelraum des Hauses einnahm, für sie überflüssig war, traf sie eine völlig neue Einteilung. Sie beließ im Erdgeschoß ein Treibhaus, einen großen Salon und den Speisesaal. Im ersten Stock richtete sie einen kleinen Salon ein, dann ihr Schlafzimmer und ihr Toilettezimmer. Sie überraschte den Baumeister durch ihren Geschmack; sie, ein Kind des Pariser Pflasters, hatte plötzlich Sinn für alle Feinheiten des Luxus und der Eleganz. Mit einem Worte: sie verdarb nichts an dem Hause und verschönerte sogar die Einrichtung, abgesehen von etwas schreiendem Luxus, in dem man die frühere Blumenmacherin, die Tage hindurch vor den Auslagen der Kaufleute träumte, wiedererkennen konnte.

Die von einem Glasdache überwölbte Halle bedeckte ein weicher Teppich. Schon im Vorraum verbreitete sich ein Veilchenduft, eine laue, von dicken Teppichen eingeschlossene Luft. Ein Glasdach aus gelben und rosafarbenen Scheiben erhellte mit einem wohltuenden, matten Lichte die breite Treppe. Am Fuße der Treppe stand ein aus schwarzem Holze geschnitzter Neger, der eine silberne Platte hielt, die angefüllt war mit Visitenkarten. Die Gaslampen ruhten in den Händen von vier nackten Frauengestalten aus weißem Marmor. Der Vorraum, die Treppe und der Flur im ersten Stockwerke waren reich ausgestattet mit Blumenhaltern aus Bronze und chinesischem Porzellan, mit Sofas, Sesseln und Teppichen, so daß alle diese Räume eigentlich ein großes Vorzimmer bildeten, wo man denn auch stets die Überröcke und Hüte von Herren sehen konnte. In den schweren Teppichen erstickte das Geräusch der Schritte; es herrschte hier die Ruhe einer Kapelle, und man hätte glauben mögen, daß hinter den verschlossenen Türen ein Geheimnis sich verberge.

Nana öffnete den großen, im Stile Louis XIII. überreich ausgestatteten Salon nur an Festtagen, wenn sie die Gesellschaft der Tuilerien oder ausländische Persönlichkeiten empfing. Gewöhnlich kam sie nur in das Erdgeschoß, um ihre Mahlzeiten einzunehmen; wenn sie allein frühstückte, verlor sie sich so ziemlich in dem großen, hohen, mit gewirkten Tapeten bekleideten Speisesaal, in dem ein riesiger Anrichtetisch stand, dem altes Porzellangeschirr und prächtiges Silberzeug ein freundliches Aussehen verliehen. Sie beeilte sich denn auch immer, rasch in den ersten Stock zu gelangen. Da lebte sie in ihren drei Zimmern: dem Schlafzimmer, Toilettezimmer und dem kleinen Salon. Sie hatte ihr Zimmer schon zweimal neu einrichten lassen; das erstemal in malvenfarbenem Samt, das zweitemal in blauer Seide mit Spitzenbehang. Aber sie war noch immer nicht zufrieden, sie fand es langweilig und suchte nach etwas Neuem, ohne das Rechte zu finden. Das Himmelbett war niedrig wie ein Sofa, und es waren venetianische Spitzen für zwanzigtausend Franken auf dasselbe verschwendet worden. Die Möbel waren aus weiß- und blaukariertem Holz mit eingelassenen Silberfäden. Überall lagen weiße Bärenfelle umher, in solcher Anzahl, daß sie von dem Teppich nichts sehen ließen. Es war dies eine Laune von Nana, die von ihrer Gewohnheit, am Boden sitzend die Strümpfe auszuziehen, nicht lassen konnte. Neben dem Schlafzimmer lag der kleine Salon. Dieser bot ein amüsantes Durcheinander von erlesenem Geschmack. Von der mattrosa Tapete hob sich eine Menge von Gegenständen aus allen Zeiten und allen Ländern ab. Da sah man italienische Schränke, spanische und portugiesische Kofferchen, chinesische Pagoden, einen japanischen Wandschirm von kostbarer Arbeit, Porzellan- und Bronzegegenstände, Goldstickereien, Teppiche usw.; Sessel, so breit wie die Betten, und tiefe Sofas gaben dem Raum einen Anstrich von weiblicher Trägheit, von dem Schlummerleben des Serails. Die Dekoration war in antikem Gold, auf grünem und rotem Untergrund gehalten; mit Ausnahme der wollüstigen Bequemlichkeit der Sitzmöbel verriet nichts, daß man sich in dem Salon der Geliebten eines großen Herrn befand. Nur zwei Figuren aus Terrakotta verrieten in verletzender Weise den eigenartig albernen Geschmack der Herrin dieser Behausung. Die eine stellte eine Frau im Hemde dar, die sich die Flöhe sucht; die andere ein nacktes Weib, das, die Beine in die Luft gestreckt, auf den Händen marschiert. Durch eine fast immer offen stehende Tür sah man in das Toilettezimmer, ganz in Marmor und Spiegelglas, mit der weißen Badewanne, mit seinen silbernen Näpfen und Waschbecken, seinen Garnituren aus Kristallglas und Elfenbein. Der Vorhang war stets geschlossen, so daß in dem Raume ein trauliches Zwielicht herrschte: die Luft war geschwängert mit jenem Veilchendufte, der das ganze Haus erfüllte und in Nanas Umgebung überall zu finden war.

Es handelte sich nun darum, die Bedienung des Hauses zu beschaffen. Nana hatte noch Zoé, die auf den Glücksstern ihrer Herrin blind vertraute und seit drei Monaten ruhig auf die Wendung der Dinge harrte. Endlich triumphierte sie; sie war jetzt Haushofmeisterin, wobei sie nicht aufhörte, eine ergebene Dienerin ihrer Herrin zu sein. Aber eine Kammerfrau genügte nicht. Man mußte einen Haushofmeister haben, einen Kutscher, einen Pförtner, eine Köchin. Auch mußte der Stall eingerichtet werden. Da machte sich Labordette sehr nützlich; er besorgte alle Gänge, die für den Grafen zu ermüdend waren. Er kaufte die Pferde und war überhaupt Nana, die man fortwährend an seinem Arme sah, bei allen Einkäufen behilflich. Labordette brachte sogar die Dienstleute: Charles, einen langen Burschen als Kutscher, der eben aus den Diensten des Herzogs von Corbreuse kam; Julien, einen schmucken, stets lächelnden Haushofmeister; endlich ein Ehepaar, die Frau, Viktorine, als Köchin, den Mann, Franz, als Pförtner und Kammerdiener. Franz trug Nanas Livree, hellblauen Rock mit Silberschnüren, kurzes Beinkleid, gepuderte Perücke, und empfing im Vorraum die Besucher. Alle diese Leute hatten eine vortreffliche Haltung.

Im zweiten Monat war das Haus vollständig eingerichtet. Es hatte dreimalhunderttausend Franken gekostet. Im Stalle standen acht Pferde, in der Remise fünf Wagen, darunter ein Landauer mit Silberverzierungen, von dem eine Zeitlang ganz Paris sprach. Und Nana befand sich wohl inmitten dieser Pracht. Sie hatte nach der dritten Aufführung der »Kleinen Herzogin« das Theater verlassen und überließ Bordenave, der, trotzdem er den Grafen tüchtig gerupft, vom Bankerott bedroht war, seinem Schicksale. Doch blieb eine gewisse Bitterkeit über ihren Mißerfolg zurück. Sie fügte diesen Schlag der von Fontan erhaltenen Lehre hinzu, eine Gemeinheit, für die sie alle Männer verantwortlich machte. Jetzt, meinte sie, sei sie gewappnet gegen alle Liebesdummheiten. Doch Rachegedanken beschäftigten ihren leichtfertigen Sinn nicht lange. Es blieb bei ihr nichts zurück als ein unersättlicher Hunger nach Ausgaben, eine natürliche Verachtung des Mannes, der bezahlte, eine fortwährende Laune zu verzehren und zu verderben, ein gewisser Stolz über den Ruin ihrer Liebhaber.

Vor allem stellte sich Nana mit dem Grafen auf guten Fuß; sie vereinbarte mit ihm genau das Programm ihrer gegenseitigen Beziehungen. Er sollte monatlich zwölftausend Franken geben, die Geschenke ungerechnet, und dafür nichts verlangen als absolute Treue. Sie schwur ihm Treue. Doch forderte sie gewisse Rücksichten, eine vollständige Freiheit in ihrer Eigenschaft als Hausfrau, Achtung ihres Willens. Sie werde alle Tage ihre Freunde empfangen, und überhaupt in allen Dingen unbedingtes Vertrauen zu ihr haben. Wenn er bei solchen Bedingungen, von einer unbestimmten Eifersucht ergriffen, zögerte, spielte sie die Würdevolle, drohte, ihm alles zurückzugeben, oder schwur beim Haupte des kleinen Ludwig. Das mußte ihm genügen. Ohne Achtung keine Liebe. Nach Verlauf eines Monates noch achtete sie der Graf. Doch sie wollte und verlangte noch mehr. Bald gewann sie in aller Gutmütigkeit einen großen Einfluß auf ihn. Wenn er in verdrießlicher Laune kam, erheiterte sie ihn, ließ ihn beichten und tröstete ihn.

Nach und nach beschäftigte sie sich mit den Angelegenheiten seines eigenen Hauses, mit seiner Frau, seiner Tochter, seinem Herzen und Geldangelegenheiten immer in vernünftiger, ehrbarer Weise. Nur einmal ließ sie sich von ihrer Leidenschaft fortreißen, es war an dem Tage, als er ihr im Vertrauen mitteilte, daß Daguenet im Begriffe stehe, um die Hand der Komtesse Estella anzuhalten. Seitdem der Graf aus seinem Verhältnis zu Nana kein Hehl mehr machte, glaubte Daguenet mit der Dirne brechen zu müssen; er behandelte sie als Gaunerin und schwur, er werde seinen Schwiegervater den Krallen dieser Kreatur entreißen. Sie vergalt ihm dies, indem sie von ihrem ehemaligen Mimi vor dem Grafen eine erbauliche Schilderung entwarf: Daguenet sei ein Frauenjäger, der sein Vermögen mit Weibern schlimmster Sorte vergeudet habe. Er habe keinen sittlichen Halt; denn obgleich er sich kein Geld schenken lasse, lebe er doch auf Kosten anderer, indem er selbst nur von Zeit zu Zeit einen Strauß oder ein Essen gebe. Als sie sah, daß der Graf die kleinen Schwächen zu entschuldigen schien, sagte sie ihm rundheraus, daß Daguenet sie gehabt habe und erzählte widerliche Einzelheiten. Muffat wurde bleich. Es war nicht mehr die Rede von dem jungen Mann.

Indessen noch war das Hotel nicht vollständig eingerichtet, da ereignete es sich einmal, daß Nana eines Abends, als sie dem Grafen Muffat die energischesten Liebesversicherungen gegeben, den Grafen Xavier de Vandeuvres zurückbehielt, der ihr seit zwei Wochen hartnäckig den Hof machte. Sie tat es nicht etwa aus Neigung für den Grafen, sondern mehr, um sich einen Beweis zu geben, daß sie wirklich frei sei. Das Interesse kam erst hinterher, als Vandeuvres ihr am folgenden Tage behilflich war, eine Rechnung zu bezahlen, von der sie dem andern nichts sagen wollte. Sie dachte, ohne Schwierigkeit acht- bis zehntausend Franken monatlich aus ihm zu ziehen; das werde ein sehr nützliches Taschengeld sein. Graf Vandeuvres war damals im besten Zuge, in fieberhafter Leidenschaft den Rest seines Vermögens zu vergeuden. Seine Pferde und Lucy hatten ihm drei Landgüter gekostet; jetzt kam Nana hinzu, um sein letztes Schloß, das er in der Nähe von Amiens besaß, zu verschlingen. Er schien von einer wahren Wut besessen zu sein, alles blank zu fegen bis auf die Reste jenes alten Turmes, den ein Vandeuvres unter Philipp August erbaute; er fand den Gedanken ergötzlich, die letzten goldenen Fetzen seines Wappenschildes in den Händen dieses Mädchens zurückzulassen, nach dem ganz Paris verlangte. Auch er fügte sich Nanas Bedingungen: vollständige Freiheit, Besuche an bestimmten Tagen. Er war nicht einmal so kindlich, einen Eid der Treue zu fordern. Muffat ahnte nichts. Vandeuvres hingegen wußte genau, woran er sei; doch machte er niemals die geringste Anspielung; er tat, als ob er nichts wisse, mit seinem feinen Lächeln des spöttischen Lebemannes, der nichts Unmögliches verlangt, wenn er nur seine bestimmte Stunde hat, und wenn nur ganz Paris es weiß.

Von da ab war Nanas Haus gänzlich eingerichtet. Das Personal war vollständig, in den Ställen, in der Küche, in Madames Zimmern. Zoé leitete alles und wußte, sich aus allen Verwicklungen herauszuhelfen. Es war alles geregelt wie in einem Theater oder einer großen Verwaltung, es klappte so genau, daß während der ersten Monate kein Zusammenstoß vorkam. Doch machte Madame durch ihre Unklugheiten, durch ihre unbesonnenen Streiche der Kammerfrau viele Sorgen. So kam es, daß Zoés Eifer allmählich erkaltete, besonders als sie sah, daß es für sie vorteilhafter sei, wenn Madame Dummheiten beging, die sie gutmachen mußte. Aus dem trüben Wasser fischte sie stets Louisdors.

Eines Morgens, der Graf war noch nicht fortgegangen, führte Zoé einen Herrn in das Toilettezimmer, wo Nana eben ihre Wäsche wechselte.

Schau, Zizi! rief sie verblüfft.

Es war in der Tat Georges. Als er sie im Hemde sah, das aufgelöste Goldhaar über die Schultern herabfließend, stürzte er an ihren Hals, nahm sie in seine Arme und küßte sie am ganzen Körper ab.

Sie wehrte sich erschrocken gegen diese stürmischen Liebkosungen und stammelte mit gedämpfter Stimme:

Hör doch auf. Er ist da. Das ist töricht ... Und du, Zoé, bist du verrückt? ... Führe ihn hinunter und behalte ihn unten, bis ich komme.

Zoé schob ihn vor sich her. Als Nana in den Speisesaal kam, zankte sie alle beide aus. Zoé zog sich schmollend zurück; sie glaubte, Madame gefällig zu sein, sagte sie, indem sie ihr den jungen Mann zuführte. Georges war so glücklich über das Wiedersehen mit Nana, daß seine hübschen Augen sich mit Tränen füllten. Jetzt seien die schlimmen Tage vorbei, erzählte er; seine Mama halte ihn für vernünftig und habe ihm gestattet, Fondettes zu verlassen. In Paris sei er zuerst zu seiner Geliebten geeilt, um sie zu umarmen. Er wollte nunmehr glücklich an ihrer Seite leben, wie da unten in La Mignotte, als er sie bloßfüßig in ihrem Zimmer erwartete. Während er so sprach, nahm er, in seinem Bedürfnis, nach einjähriger Trennung sie zu berühren, ihre Hand, schob die seinige unter die weiten Ärmel ihres Peignoirs und betastete ihre nackten Arme bis hinauf zu den Schultern.

Du liebst deinen Jungen wohl noch immer? fragte er mit seiner kindlichen Stimme.

Gewiß liebe ich dich, erwiderte sie, indem sie sich losmachte. Aber du kommst ganz unerwartet hereingeschneit. Du weißt, ich bin nicht frei, und du mußt Vernunft annehmen.

Georges hatte im ersten Taumel des endlich befriedigten Verlangens, sie wiederzusehen, noch nicht den Ort betrachtet, wo er sich befand. Jetzt erst merkte er die Veränderung um sich her. Er betrachtete den reich ausgestatteten Speisesaal mit der hohen verzierten Decke, den kostbaren Tapeten und dem prächtigen Silbergeschirr.

Ach ja ... sagte er dann traurig.

Sie machte ihm begreiflich, daß er niemals vormittags kommen dürfe. Nachmittags von vier bis sechs Uhr habe sie ihre Empfangsstunden. Als er sie wortlos flehend ansah, küßte sie ihn auf die Stirne und zeigte sich sehr gütig.

Sei vernünftig, ich will mein Möglichstes tun, tröstete sie ihn.

In Wahrheit flößte er ihr nur mehr mäßiges Interesse ein. Sie konnte Georges gut leiden, hätte ihn zum Kameraden haben mögen, aber nichts weiter. Doch traf es sich nicht selten, daß sie ihn, wenn sie ihn so traurig sah, erhörte; sie hielt ihn in ihren Schränken verborgen und ließ ihm die Brosamen ihrer Gunst zukommen. Er verließ das Haus gar nicht mehr und war dort heimisch wie das Schoßhündchen Bijou, mit dem er die Abfälle ihrer Zärtlichkeiten teilte.

Ohne Zweifel erfuhr Madame Hugon, daß ihr Kleiner diesem bösen Weibe wieder in die Arme gefallen war. Denn sie kam nach Paris und nahm die Hilfe ihres älteren Sohnes, des Leutnants Philipp in Anspruch, der damals zu Vincennes in Garnison lag. Georges, der sich vor seinem älteren Bruder verborgen hatte, war in Verzweiflung; er fürchtete irgendeinen Gewaltstreich, und da er kein Geheimnis zu bewahren wußte, sprach er mit Nana bald von nichts anderem, als von seinem Bruder, den er als einen großen, jedes Wagnisses fähigen Jungen schilderte.

Du begreifst, sagte er, daß Mama nicht selbst zu dir kommen wird, da sie Philipp hat, um ihn hierherzusenden. Und sie wird ihn hierhersenden, um mich zu suchen.

Anfangs schien Nana sehr erzürnt über diese Drohung.

Das möchte ich doch sehen! sagte sie. Dein Bruder mag Leutnant sein; das wird Franz nicht hindern, ihn hinauszuwerfen.

Da der Kleine immer wieder auf Philipp zu sprechen kam, begann sie für letzteren sich zu interessieren.

Nach Verlauf einer Woche kannte sie ihn vollständig, vom Kopf bis zum Fuß: sehr groß, sehr stark, von heiterem Wesen, etwas keck. Dazu kamen intime Einzelheiten, Haare auf den Armen, ein Muttermal auf der Schulter. Das ging so weit, daß sie eines Tages, im Geiste stets beschäftigt mit diesem Manne, den sie hinauszuwerfen gedroht hatte, ausrief:

Nun, Zizi, wo bleibt denn dein Bruder? Scheint ein »Traunichtrecht« zu sein.

Am folgenden Tage, Georges befand sich eben allein mit Nana, kam Franz und fragte Madame, ob sie den Leutnant Hugon empfangen wolle.

Georges erbleichte und murmelte:

Ich ahnte es. Mama hat heute morgen davon gesprochen.

Er bat Nana, sie möge sagen lassen, daß sie ihn nicht empfangen könne. Doch sie hatte sich bereits erhoben und sagte, rot vor Aufregung:

Warum denn? Er würde glauben, daß ich mich fürchte. Warte nur, wir werden lachen ... Franz, lassen Sie den Herrn eine Viertelstunde im Salon warten, dann führen Sie ihn herein.

Sie nahm nicht wieder Platz, sondern ging in fieberhafter Erregung auf und ab, von dem Kaminspiegel bis zu dem venetianischen Spiegel, der gegenüber hing. Jedesmal warf sie einen Blick hinein, versuchte ein Lächeln, während Georges, kraftlos auf einem Sofa hingestreckt, bei dem Gedanken an die bevorstehende Szene zitterte. Bei dem Gange durch das Zimmer ließ Nana kurze, abgebrochene Sätze fallen.

Das wird ihn besänftigen, den jungen Mann, wenn er eine Viertelstunde wartet. Wenn er übrigens glaubt, zu einer Dirne zu kommen, so wird ihn mein Salon eines Besseren belehren. Ja, ja! schau dich gut um, mein Männchen! ... Das ist nicht von Blech; du sollst lernen, eine Bürgerin zu achten ... Nur durch Respekt sind die Männer zu regieren. Nun, ist die Viertelstunde vorbei? Nein, kaum zehn Minuten ... Gut, wir können warten ...

Sie hatte keine Ruhe auf einem Platze. Als die Viertelstunde um war, schickte sie Georges weg, nachdem sie ihm schwören ließ, nicht hinter der Türe zu lauschen, was sehr unschicklich wäre, wenn die Dienstleute es sähen.

Ehe er ging, wandte er sich noch einmal um und sagte mit stockender Stimme:

Denk daran, es ist mein Bruder ...

Sei unbesorgt, sagte sie würdevoll. Wenn er artig ist, werde auch ich es sein.

Franz führte Philipp Hugon herein, der im Waffenrock war. Georges, um Nanas Wunsche zu entsprechen, schlich zuerst auf den Fußspitzen durch ihr Zimmer. Aber die Stimmen, die er jetzt vernahm, hielten ihn zurück; zögernd, angstvoll, mit schlotternden Beinen blieb er stehen. Er dachte an eine Katastrophe, an Ohrfeigen, an etwas Entsetzliches, was ihn für immer von Nana trennen werde. Er konnte daher dem Drange nicht widerstehen, sein Ohr an die Türe zu legen. Er hörte nur sehr undeutlich; die dicken Vorhänge erstickten jedes Geräusch. Indes schlugen einige von Philipp gesprochene Worte an sein Ohr. Es waren harte Ausdrücke; er hörte die Worte »Kind« – »Familie« – »Ehre« heraus. Die Angst darüber, was seine Geliebte auf alles das erwidern werde, ließ sein Herz stürmischer pochen. Sicherlich werde sie ihm ein »Schmutziges Schwein« zuschleudern, oder »Lassen sie mich in Ruhe, ich bin bei mir zu Hause«. Doch nichts dergleichen kam; nicht ein Hauch. Nana war still wie eine Tote. Bald war auch die Stimme seines Bruders sanfter. Er begriff nichts mehr davon; er hörte ein Geräusch, das vollends geeignet war, ihn zu befremden: Nana schluchzte. Einen Augenblick war er die Beute widerstreitender Gedanken: Sollte er fliehen oder sich auf Philipp stürzen? Da wurde die Tür geöffnet, und Zoé trat ein; er entfernte sich rasch von der Tür des Salons, aus Scham darüber, daß er beim Horchen ertappt worden war.

Zoé ordnete Wäsche in einem Schranke; inzwischen stand er, von der Ungewißheit verzehrt, stumm an ein Fenster gelehnt.

Nach kurzem Stillschweigen fragte Zoé:

Ist das Ihr Bruder, der bei Madame ist?

Ja, sagte der Jüngling mit stockender Stimme.

Neues Stillschweigen.

Und das beunruhigt Sie. Wie, Herr Georges?

Gewiß, brachte er mühsam hervor.

Zoé beeilte sich nicht; sie faltete langsam Spitzen zusammen und sagte dann:

Sie haben unrecht ... Madame wird alles ordnen.

Damit war die Unterhaltung zu Ende. Doch verließ die Kammerfrau das Zimmer nicht. Sie hatte etwa noch eine Viertelstunde im Zimmer zu tun, ohne die wachsende Angst des jungen Mannes zu bemerken.

Was konnten die da drinnen so lange machen? fragte er sich, scheue Blicke nach der Salontüre werfend. Vielleicht weint Nana gar ... Philipp hat sich vielleicht in seiner rücksichtslosen Weise zu Tätlichkeiten hinreißen lassen ... Als Zoé endlich ging, eilte er an die Türe, um zu lauschen. Was er vernahm, machte ihn sprachlos. Da drin war man sehr heiter; man hörte zärtliche Stimmen flüstern und das erstickte Gelächter einer Frau, die gekitzelt wird. Das dauerte übrigens nicht lange, denn bald hörte man, wie Nana den Leutnant bis zur Treppe hinausbegleitete und dort in herzlichen Worten sich von ihm verabschiedete.

Als Georges es endlich wagte, in den Salon wieder einzutreten, fand er Nana vor dem Spiegel.

Nun? fragte er.

Was nun? fragte sie, ohne sich umzuwenden.

Dann fügte sie nachlässig hinzu:

Dein Bruder ist ein recht artiger Mensch.

Also ist alles in Ordnung?

O, freilich! Alles ist in Ordnung ... Was bedeutet übrigens diese Frage? Man sollte glauben, wir hätten einander prügeln wollen ...

Georges begriff nicht. Er stammelte verlegen:

Mir schien, als ... Hast du nicht geweint?

Geweint, ich? Du träumst ... Warum soll ich geweint haben?

Nun machte sie dem Knaben eine Szene, weil er ungehorsam gewesen und hinter der Türe spioniert hatte. Er ließ sich ruhig auszanken und näherte sich ihr mit unterwürfiger Schmeichelei, um zu erfahren, was es gegeben.

Also mein Bruder ...?

Dein Bruder hat sofort gesehen, woran er ist ... Du verstehst mich; es hätte ja sein können, daß du es mit einer gewöhnlichen Dirne zu tun hast, dann wäre sein Einschreiten durch dein Alter und die Familienehre wohl erklärlich. Ich weiß diese Gefühle zu würdigen ... Aber ein Blick hat ihm genügt. Er hat sich als Mann von Welt betragen. Sei daher unbesorgt; es ist alles in Ordnung, und er wird deine Mama beruhigen.

Dann fügte sie lachend hinzu:

Du wirst übrigens deinen Bruder hier öfter sehen. Ich habe ihn eingeladen und er wird öfter kommen.

Er wird öfter kommen, sagte der Kleine erbleichend.

Sie sprach nicht weiter von Philipp. Sie kleidete sich an, um auszugehen, und er betrachtete sie mit seinen großen, traurigen Augen. Er war gewiß sehr froh darüber, daß die Dinge beigelegt wurden, denn er hätte der Trennung von Nana den Tod vorgezogen. Aber im Grunde seines Herzens empfand er einen unbestimmten Schmerz, eine Beklemmung, von der er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, und von der er nicht zu sprechen wagte. Er erfuhr nie, in welcher Weise Philipp die Mutter beruhigt hatte. Drei Tage später kehrte sie zufrieden nach Fondettes zurück. Am selben Abende schreckte er zusammen, als Franz den Leutnant anmeldete. Philipp benahm sich heiter, scherzend und behandelte Georges als unbesonnenen Knaben, dem man einen Streich, der keine ernsten Folgen hat, gern verzeiht. Georges vermochte die Beklemmung nicht los zu werden; er wagte kaum, sich zu rühren, und errötete bei jedem Wort wie ein junges Mädchen. Er hatte wenig mit dem um zehn Jahre älteren Bruder verkehrt; er fürchtete ihn wie einen Vater, vor dem man die Weibergeschichten verheimlicht. Er empfand denn auch Scham und Unbehagen, als er sah, wie sein von Gesundheit und Kraft strotzender Bruder sich Nana gegenüber so frei und mit ungebundener Heiterkeit benahm. Da aber sein Bruder fast jeden Tag bei Nana erschien, gewöhnte sich Georges allmählich an diese Lage. Nana strahlte vor Freude und Stolz darüber, daß es ihr gelungen war, inmitten der Pracht dieses Hauses noch diese Form von galantem Leben zu führen.

Als eines Nachmittags die Brüder Hugon da waren, erschien der Graf zu ungewohnter Stunde. Als ihm Zoé sagte, Madame habe Besuch, zog er sich zurück und wollte nicht eintreten, wobei er den zurückhaltenden Liebhaber spielte.

Als er am Abend wiederkam, empfing ihn Nana mit dem kalten Zorne eines verratenen Weibes.

Mein Herr, sagte sie, ich habe Ihnen keinen Grund gegeben, mich zu beschimpfen. Wenn ich zu Hause bin, bitte ich Sie einzutreten wie jeder andere.

Der Graf war bestürzt.

Aber meine Liebe ... stammelte er.

War's etwa, weil ich Besuch hatte? Nun ja, es waren Herren bei mir. Was glauben Sie denn, daß ich mit diesen Herren mache? ... Wenn man solche Manieren eines zurückhaltenden Liebhabers annimmt wie Sie, bringt man nur eine Frau ins Gerede, und ich will nicht, daß man von mir spricht.

Nur mit Mühe erlangte er ihre Verzeihung. Im Grunde war er entzückt. Durch ähnliche Szenen machte sie ihn geschmeidig und erhielt in ihm die Überzeugung von ihrer Treue. Seit langer Zeit hatte sie ihn daran gewöhnt, sich Georges gefallen zu lassen, »diesen Knaben, der sie amüsierte«, wie sie sagte. Sie lud nun den Grafen mit Philipp zugleich zum Essen; der Graf zeigte sich sehr liebenswürdig und nahm nach Tisch den Arm des jungen Mannes, um sich nach dem Befinden von Madame Hugon zu erkundigen. Von diesem Tage an gehörten die beiden Brüder Hugon, Graf Vandeuvres und Graf Muffat offen zu den Freunden des Hauses, die einander die Hände reichten, sooft sie sich trafen. Das war so bequemer. Muffat allein bewahrte noch so viel Zurückhaltung, daß er nicht allzu oft kam und den förmlichen Ton eines fremden Besuchers beibehielt. Wenn er zur Nachtzeit mit ihr allein war und sie, auf den Bärenfellen sitzend, sich langsam die Strümpfe auszog, plauderte er sehr freundschaftlich von diesen Herren, besonders von Philipp, der die Redlichkeit selbst sei.

Gewiß, es sind recht artige Leute, sagte Nana, das Hemd wechselnd. Allein, sie sehen dennoch, wer ich bin ... Ein Wort von dir, und ich weise der ganzen Gesellschaft die Türe.

Trotz allem Luxus langweilte sich indes Nana zum Sterben. Sie hatte Männer für jede Minute der Nacht, und soviel Geld, daß es selbst in den Schubfächern des Toilettentisches, unter Kämmen und Bürsten herumlag. All das befriedigte sie nicht; sie fühlte eine unbestimmte Leere. Ihr Leben zog sich ohne Beschäftigung hin; die Stunden verrannen in abwechslungsreicher Eintönigkeit. Der nächste Tag existierte für sie nicht; sie lebte wie der Vogel, der seiner Atzung sicher ist und auf dem erstbesten Zweige sein Köpfchen zur Ruhe legt. Diese Gewißheit, daß sie ernährt werde, bewog sie, tagelang in müßiger Trägheit, auf ihren weißen Pfühlen hingestreckt, zuzubringen. Da sie das Haus nur zu Wagen verließ, verlor sie allmählich den Gebrauch der Beine. Sie kehrte zu ihren Launen aus der Backfischzeit zurück; küßte Bijou vom Morgen bis zum Abend und vertrieb sich die Zeit oft mit unsinnigen Vergnügungen, immerfort den Mann erwartend, dessen Herrschaft sie mit schlaffer Gutmütigkeit ertrug. Inmitten dieser Selbstvergessenheit bewahrte sie nur eine Sorge: die um ihre Schönheit; die Sorge, sich fortwährend überall zu beschauen, zu waschen, zu parfümieren, stolz darauf, daß sie jeden Augenblick und vor wem immer sich ohne Erröten nackt ausziehen könne.

Um zehn Uhr morgens erwachte sie aus dem Schlafe. Gewöhnlich wurde sie durch Bijou, den schottischen Pintscher geweckt, der ihr das Gesicht ableckte. Dann wurde fünf Minuten mit dem Hündchen gespielt, das ihr über die nackten Arme und Schenkel lief, was den Grafen sehr verdroß. Bijou war das erste Männchen, auf das er eifersüchtig war; es sei unschicklich, sagte er, daß ein Tier so die Nase unter die Bettdecke stecke. Dann ging Nana in ihr Toilettenzimmer, wo sie ein Bad nahm. Gegen elf Uhr kam Francis, um ihr die Haare aufzustecken; die eigentliche Frisur folgte erst nachmittags. Zum Frühstück lud sie, da sie nicht gerne allein speiste, gewöhnlich Madame Maloir ein, die vormittags mit ihren verrückt geformten Hüten aus unbekannten Gegenden auftauchte und abends in den nämlichen unbekannten Gegenden verschwand, ohne übrigens ihre Bekannten allzusehr besorgt zu machen. Die schwerste Zeit waren die zwei, drei Stunden zwischen dem Frühstück und der Toilette. Gewöhnlich schlug sie ihrer alten Freundin eine Partie Bezigue vor; zuweilen las sie im »Figaro« die Theater und gesellschaftlichen Nachrichten; ja, es geschah sogar hier und da, daß sie in einer literarischen Anwandlung ein Buch zur Hand nahm. Die Toilette beschäftigte sie nahezu bis fünf Uhr. Dann erst erwachte sie aus der langen Schläfrigkeit. Entweder machte sie eine Ausfahrt oder sie empfing Herrenbesuch. Nicht selten speiste sie auch in der Stadt, worauf sie dann sehr spät zu Bette ging, um am folgenden Tage die nämliche ermüdende, ewig gleiche Existenz zu beginnen. Ihre größte Zerstreuung war, wenn sie nach Batignolles gehen konnte, um ihren kleinen Ludwig bei ihrer Tante zu besuchen. Oft dachte sie zwei Wochen lang gar nicht an ihn; dann kam eine wahre Gier über sie, ihn zu sehen. Sie war imstande, zu Fuß hinauszulaufen, bescheiden und zärtlich zu sein, wie die beste Mutter. Da gab es allerlei Geschenke, Schnupftabak für die Tante, Orangen und Zwieback für den Kleinen. Ein anderes Mal kam sie auf der Rückkehr aus dem Gehölz in ihrem Landauer und in Toiletten, deren Pracht die ganze stille Gasse in Aufruhr versetzte. Madame Lerat tat sehr stolz, seitdem ihre Nichte wieder in der Höhe war. Sie erschien nur selten in dem Hause in der Villier-Allee; dort sei nicht ihr Platz, sagte sie bescheiden. Dagegen triumphierte sie, wenn ihre Nichte zu ihr kam, bekleidet mit Toiletten im Werte von vier- bis fünftausend Franken. Dann war sie den ganzen folgenden Tag damit beschäftigt, allen Leuten ihrer Gasse die erhaltenen Geschenke zu zeigen, und warf mit Ziffern umher, welche die Nachbarleute zur höchsten Verwunderung hinrissen. Zumeist widmete Nana die Sonntage ihrer Familie; wenn an einem solchen Tag Muffat sie zu irgendeiner Partie einlud, lehnte sie mit dem Lächeln einer kleinen Bürgersfrau ab; unmöglich, sie speise bei ihrer Tante, sie müsse ihren Kleinen besuchen. Indes war der kleine Ludwig noch immer kränklich; er ging jetzt ins dritte Jahr und war für sein Alter nicht klein. Allein eine große Geschwulst auf seinem Nacken und seine stark belegten Ohren ließen darauf schließen, daß ein Knochenfraß bei ihm im Anzuge war.

Wenn sie ihn so bleich und blutarm sah, das Fleisch schlaff und voll gelber Flecke, wurde sie immer nachdenklich. Sie konnte über diese Erscheinung nicht genug staunen. Was mochte dem armen Kleinen fehlen, daß er so elendiglich zugrunde ging, während sie, seine Mutter, kerngesund war?

An den Tagen, wo ihr Kind sie nicht beschäftigte, verfiel Nana in die geräuschvolle Einförmigkeit ihres Lebens: Promenaden im Gehölz, Theatervorstellungen, Mittag- und Abendessen im Goldenen Hause oder im Englischen Kaffee, dann der Besuch aller öffentlichen Orte, aller Schaustellungen, wo die Menge sich drängt, Paraden, Wettrennen. Dennoch wollte das Gefühl der Leere nicht weichen, das ihr wahre Krämpfe verursachte. Trotz ihrer ewigen Launen langweilte sie sich zu Tode, sobald sie allein war. Die Einsamkeit stimmte sie traurig. Sie, die sonst so heiterer Natur war, rief dann ein um das andere Mal unter fortwährendem Gähnen:

Wie widerwärtig sind mir doch die Männer.

Eines Nachmittags sah Nana, von einem Konzert nach Hause fahrend, auf der Montmartre-Straße ein Weib dahinschlendern in abgetretenen Schuhen, schmierigen Röcken und einem durch den Regen ganz aus der Form gebrachten Hute. Plötzlich erkannte Nana das Frauenzimmer. Sie ließ den Wagen anhalten und rief:

Satin, Satin ...

Die Fußgänger wandten den Kopf um; die ganze Straße war Zeuge dieses Schauspiels. Satin kam näher und beschmutzte sich an den Rädern des Wagens noch mehr.

Steig ein, sagte Nana, ohne der gaffenden Menge zu achten.

Sie packte das schmutzige Frauenzimmer und führte es in ihrem hellblau gepolsterten Landauer fort, hart an ihrer Seite, in ihrer perlgrauen Seidenrobe mit den Chantillyspitzen. Die ganze Straße lachte über die würdige Haltung des Kutschers, der diesen seltsamen Zug führte. Von da all hatte Nana eine Leidenschaft, die sie beschäftigte. Satin wurde ihr Laster. Zerfetzt, schmutzig und kurzgeschoren wie sie war, hielt Satin ihren Einzug in das Haus, wo sie, nachdem sie gewaschen und geputzt worden, die ersten drei Tage nichts zu tun hatte, als ihre Erlebnisse in der Strafanstalt Saint-Lazare zu erzählen. Sie schimpfte auf die Nonnen der Anstalt und dann auf die schmutzigen Polizeiagenten, die sie auf die Liste gesetzt hatten. Nana war entrüstet. Sie tröstete Satin und schwur ihr, sie den Klauen der Polizei zu entreißen, und wenn sie bis zum Minister gehen müsse. Einstweilen sei die Sache nicht dringend; bei ihr werde man sie gewiß nicht suchen. Die beiden Frauenzimmer verbrachten wieder halbe Tage miteinander unter allerlei zärtlichen Reden, Küssen und Liebkosungen. Wieder begann das Spiel aus der Laval-Straße, das seinerzeit durch die Polizeiagenten so jäh unterbrochen worden war. Eines schönen Abends wurde die Sache ernst. Nana, der einst das Treiben bei Laura sehr eklig war, begriff erst jetzt. Sie war verstört, wütend, um so mehr, als Satin am Morgen des vierten Tages verschwand. Niemand hatte sie das Haus verlassen sehen. Von einem Bedürfnis nach frischer Luft, von der Sucht nach der Straße erfaßt, war sie in dem neuen Kleide, das sie von Nana erhielt, durchgegangen.

An diesem Tage gab es ein solches Ungewitter im Hause, daß die Dienstleute nicht aufzublicken oder ein Wort zu reden wagten. Nana war nahe daran, Franz zu prügeln, weil er sich nicht vor die Türe gestellt hatte. Sie gab sich Mühe, sich zu mäßigen; sie schimpfte Satin eine schmutzige Vettel; sie werde sich hüten, ähnliche Schmutzfinken aus dem Straßenschmutz aufzulesen. Nachmittag schloß Madame sich ein, und Zoé hörte sie weinen. Am Abend ließ sie anspannen und fuhr zu Laura. Es kam ihr der Gedanke, daß sie Satin an der Eßtafel der Märtyrerstraße finden werde. Sie suchte sie nicht etwa, um sie wieder zu erlangen, sondern nur, um ihr die Augen auszukratzen. Tatsächlich aß Satin an einem kleinen Tische in Gesellschaft der Madame Robert. Als sie Nanas ansichtig wurde, begann sie zu lachen. Diese, im Innersten getroffen, machte keine Szene, benahm sich vielmehr sehr sanft und nachgiebig. Sie zahlte Champagner, daß die Gesellschaft von fünf, sechs Tischen sich betrinken konnte, dann benutzte sie einen Augenblick, als Madame Robert sich in einem Nebenkabinett befand, und entführte Satin. Im Wagen erst brach der Sturm los; sie biß Satin und drohte, sie zu töten, wenn sie noch einmal durchgehen solle.

Das wiederholte sich indes häufig. Satin, gelangweilt von dem Wohlergehen im Haus und geplagt von ihren schmutzigen Instinkten, lief zwanzigmal davon, und Nana – geradezu tragisch in ihrer Wut einer betrogenen Frau – machte sich immer wieder an ihre Verfolgung. Sie sprach davon, Madame Robert ohrfeigen zu wollen; eines Tages dachte sie sogar an ein Duell; eine von ihnen beiden sei überflüssig in dieser Welt. Wenn sie jetzt bei Laura speiste, legte sie ihre Brillanten an und brachte zuweilen Louise Violaine, Maria Blond, Tatan Néné mit, die ebenfalls in Glanz und Pracht erstrahlten. Hier in dem Getümmel der drei Säle unter dem fahlen Lichte der Gasflammen wälzten nun diese Damen sich mit ihrem Luxus im Schmutze, glücklich darüber, die Bewunderung der armen Dirnen des Stadtviertels zu erregen, die sie dann nach aufgehobener Tafel mitnahmen. An solchen Tagen strahlte Laura vor Stolz; eingezwängt in ihrem Mieder saß sie glücklich da und küßte alle Welt mit doppelt mütterlicher Zärtlichkeit. Satin bewahrte mit ihrem reinen, jungfräulichen Gesichte inmitten dieser Geschichten ihre Ruhe. Gebissen, geschlagen, hin und her gezogen von den beiden Nebenbuhlerinnen, beschränkte sie sich darauf zu sagen: dies sei sehr drollig und besser, wenn die beiden Frauen sich verständigten. Es führe zu nichts, sie zu ohrfeigen; sie könne sich doch nicht entzweischneiden trotz ihrer Gefälligkeit für alle Welt. Schließlich entführte dennoch Nana die Satin; sie überhäufte sie dermaßen mit Liebkosungen und Geschenken, daß sie den Sieg davontrug. Madame Robert war wütend; um sich zu rächen, schrieb sie abscheuliche Briefe an Nanas Liebhaber.

Seit einiger Zeit schien Graf Muffat besorgt zu sein. Eines Morgens hielt er in großer Aufregung Nana einen Brief ohne Namensunterschrift hin, in welchem diese beschuldigt wurde, daß sie den Grafen mit den beiden Brüdern Hugon und mit Vandeuvres betrüge.

Das ist erlogen, rief sie unwillig und im Tone offener Freimütigkeit.

Du schwörst es mir? fragte Muffat erleichtert.

Bei allem, was du willst, bei dem Haupte meines Kindes.

Doch der Brief war lang; in einem weiteren Verlaufe war ihr Verhältnis zu Satin mit grausamer Nacktheit dargelegt.

Jetzt weiß ich, woher der Brief kommt, sagte sie einfach.

Da der Graf auch über diesen Punkt eine Falscherklärung erwartete, fuhr sie ruhig fort:

Nun, das, mein Wölfchen, geht dich nichts an ... Was kann dich das auch kümmern?

Sie leugnete nicht. Er äußerte sich in entrüsteten Worten darüber. Sie zuckte die Achseln über seine Unwissenheit. Das ist ja gang und gäbe; sie versicherte ihn, daß alle ihre Freundinnen das gleiche tun, ja, daß es unter den feinsten Damen der guten Gesellschaft vorkomme. Wenn man sie hörte, gab es nichts Gewöhnlicheres, nichts Einfacheres. Lüge ist Lüge; er habe ja gesehen, mit welcher Entrüstung sie die Beschuldigung die Brüder Hugon betreffend zurückgewiesen habe. Wäre diese Anklage wahr, dann würde sie in der Tat verdienen, erdrosselt zu werden. Doch warum solle sie eine Sache leugnen, die ja keine weiteren Folgen habe? Und sie fragte ihn nochmals:

Was kann das dich bekümmern?

Als er sich noch immer nicht beruhigen wollte, schnitt sie die Unterredung kurz ab, indem sie sagte:

Mein Lieber, wenn dir das nicht gefällt, so steht die Tür offen ... Man muß mich nehmen wie ich bin.

Er ließ den Kopf sinken. Im Grunde befriedigten ihn Nanas Eide. Als Nana sah, welche Macht sie auf ihn ausübte, begann sie ihn ohne alle Schonung zu behandeln. Von da ab wurde Satin offen ohne Rückhalt im Hause empfangen wie die Herren. Vandeuvres begriff auch ohne solche Briefe. Er scherzte und machte Satin Eifersuchtsszenen, während Philipp und Georges sie als Freundin behandelten und ihr kameradschaftlich die Hand drückten.

Eines Abends hatte Nana ein Abenteuer. Satin war wieder einmal durchgegangen und Nana ging zu Laura, um sie dort zu suchen. Wie sie so allein an einem Tische saß und speiste, erschien Daguenet im Saale. Obgleich er solide geworden war, kam er doch, in einer Anwandlung des langgewohnten Lasters, zuweilen hierher. Nanas Anwesenheit schien ihn anfangs zu stören. Doch war er nicht der Mann, den Rückzug anzutreten. Er näherte sich ihr lächelnd und fragte, ob sie erlaube, daß er an ihrem Tische Platz nehme. Als Nana ihn scherzen hörte, nahm sie ihre vornehme kalte Miene an und sagte:

Setzen Sie sich, wo es Ihnen beliebt, mein Herr; wir befinden uns ja an einem öffentlichen Orte.

Da sie diesen Ton angeschlagen hatten, nahm das Gespräch einen drolligen Verlauf. Beim Nachtisch aber wurde Nana dieses Benehmen überdrüssig; sie brannte vor Verlangen zu triumphieren, stützte die Ellbogen auf den Tisch und begann, ihn duzend:

Nun, wie ist's denn mit deiner Heirat, mein Kleiner?

Es geht nicht recht vorwärts, gestand Daguenet.

Tatsächlich verlor Daguenet in dem Augenblicke, als er im Begriffe war, um die Hand der Komtesse Muffat anzuhalten, den Mut, denn er bemerkte auf Seite des Grafen kalte Zurückhaltung. Daguenet hielt die Sache für gescheitert.

Nana sah ihn mit ihren klaren, blauen Augen an und sagte dann mit ironischem Lächeln:

Ich bin also eine Schwindlerin, eine Betrügerin und du mußt den künftigen Schwiegervater meinen Krallen entreißen ... Wahrhaftig, für einen klugen Jungen bist du dumm genug. Wie? solche Dinge erzählst du einem Manne, der mich anbetet und mir jedes Wort wiedererzählt. Höre mich an, mein Kleiner: dein Heiratsplan wird, wenn ich will, gelingen.

Daguenet sah dies bald ein und war entschlossen, Nana gegenüber den Unterwürfigen zu spielen. Doch er scherzte noch immer, er wollte nicht gleich die Angelegenheit in das ernste Fahrwasser lenken; er zog seine Handschuhe an und warb dann in aller Form bei Nana um die Hand der Komtesse Estella. Darüber lachte Nana, als ob sie gekitzelt werde. Oh, dieser Mimi! Dem kann man nicht gram sein. Daguenet verdankte seine großen Erfolge bei diesen Damen der Sanftheit seiner Stimme, einer Stimme, die so rein und geschmeidig war, daß die Mädchen, mit denen er Umgang pflegte, ihn »Samtmündchen« nannten und ihm alle zu Willen waren. Er kannte diese Stärke und wiegte auch Nana in einem endlosen Wortschwalle ein. Die dümmsten Geschichten waren zu diesem Zwecke gut genug. Als sie die Tafel verließen, war sie in bester Laune, er hatte sie wieder erobert.

Da das Wetter sehr schön war, schickte sie ihren Wagen nach Hause und begleitete ihn zu Fuße bis zu seiner Wohnung. Dort ging sie mit ihm natürlich hinauf. Als sie zwei Stunden später sich wieder ankleidete, sagte sie:

Also Mimi, du nimmst es ernst mit dieser Heirat?

Meiner Treu, ja, murmelte er; das ist noch das Beste, was ich tun kann; du weißt, daß ich auf dem Trocknen sitze.

Sie rief ihn herbei, damit er ihre Schuhe zuknöpfe; dann sagte sie nach einer kleinen Pause:

Mein Gott, ich will die Sache nach Möglichkeit betreiben ... Sie ist trocken wie ein Hering, die Kleine; doch das ist deine Sache; wenn ihr alle es wollt, habe ich nichts dagegen, ich bin gefällig und werde die Sache unterstützen.

Dann fügte sie lächelnd hinzu:

Aber was gibst du mir dafür?

Er hatte sie umfangen und küßte ihre nackten Schultern. Sie war sehr heiter, das Spiel gefiel ihr.

Hör einmal, was ich als Entgelt verlange, sagte sie. Am Tage deiner Hochzeit bringst du mir die Erstlinge deiner Junggesellenschaft ... Vor deiner Frau komme ich, hörst du?

Ja, ja, einverstanden, sagte er, noch stärker lachend als sie.

Dieser Handel amüsierte sie beide, sie fanden die Geschichte sehr drollig.

Am folgenden Tage fand bei Nana ein Essen statt; es war das gewöhnliche Donnerstag-Essen, an dem Muffat, Vandeuvres, die beiden Hugon und Satin teilnahmen.

Der Graf kam rechtzeitig. Er brachte achtzigtausend Franken, um Nana von einigen unbequemen Gläubigern zu befreien und ihr eine Saphirgarnitur zu kaufen, nach der sie Verlangen trug. Da sein Vermögen schon sehr angegriffen war, suchte er einen Geldverleiher, denn er besaß noch nicht den Mut, einen Teil seiner Besitzungen zu veräußern. Auf den Rat Nanas wandte er sich an Labordette; doch dieser fand das Geschäft zu groß und meinte, er müsse mit dem Friseur Francis sprechen, der sich aus Gefälligkeit für seine Kundschaften gern mit ähnlichen Angelegenheiten befaßte. Der Graf vertraute sich also diesen beiden Herren an mit dem förmlichen Verlangen, daß es nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfe. Die beiden erhielten einen Wechsel auf hunderttausend Franken; sie schrien Zeter und Mordio über die niederträchtigen Wucherer, bei denen sie anklopfen mußten und die für ein Darlehen von achtzigtausend Franken zwanzigtausend Franken Zinsen forderten. Als Muffat sich anmelden ließ, hatte Francis soeben Nanas Frisur beendigt. Auch Labordette befand sich im Zimmer und benahm sich mit der Vertraulichkeit eines harmlosen Hausfreundes. Als er den Grafen sah, legte er verstohlen ein dickes Paket Banknoten auf den Toilettetisch zwischen Puderschachteln und Pomadetiegeln nieder, und der Wechsel wurde auf der Stelle unterschrieben. Nana wollte Labordette zum Essen zurück behalten, allein er lehnte ab; er habe einen reichen Ausländer in Paris herumzuführen, meinte er. Muffat nahm ihn beiseite und bat ihn, zum Juwelier zu gehen und ihm die Saphirgarnitur zu bringen, mit der er noch an diesem Abend Nana überraschen wollte. Labordette übernahm bereitwilligst diesen Auftrag und eine halbe Stunde später überreichte der Haushofmeister Julien dem Grafen geheimnisvoll das Juwelenkästchen.

Während des Essens war Nana nervös. Der Anblick der achtzigtausend Franken hatte sie in Aufregung versetzt. Der Gedanke, daß all das Geld in die Hände der Lieferanten übergehen solle, war ihr entsetzlich. Inmitten dieses wunderbaren Speisesaales, der im Glanze des Silbergeschirres und der Kristallgläser erstrahlte, bekam sie plötzlich weichherzige Anwandlungen und sprach von dem Glück der Armut. Die Herren der Gesellschaft befanden sich im Frack, sie selbst trug ein weißes, gesticktes Seidenkleid, während Satin etwas bescheidener in schwarze Seide gekleidet war und am Halse ein goldenes Herz trug, das sie von ihrer Freundin zum Geschenke erhalten hatte. Hinter den Gästen standen Julien und Franz, die, von Zoé unterstützt, in würdiger Haltung die Gesellschaft bedienten.

Gewiß, ich würde mich weit besser unterhalten, wenn ich nicht einen Sou im Vermögen hätte, wieder holte Nana. Sie saß zwischen Muffat und Vandeuvres, aber sie sah diese Herren nicht an, sondern beschäftigte sich mehr mit Satin, die ihr gegenüber zwischen Philipp und Georges saß.

Nicht wahr, mein Kätzchen? wandte sie sich nach jedem Satz an sie. Wie heiter und froh waren wir zu jener Zeit, als wir die Schule der Mutter Josse in der Polonceau-Straße besuchten.

Man trug den Braten auf. Die beiden Frauen versenkten sich weiter in ihre Erinnerungen; ein wahrer Anfall von Geschwätzigkeit kam über sie: sie hatten ein plötzliches Bedürfnis, den ganzen Morast ihrer Jugend wieder aufzurühren; das taten sie immer, wenn Herren da waren, mit einer wahren Leidenschaft spritzten sie die Herren mit dem Schmutz ihrer Herkunft an. Die Herren blickten einander verlegen an. Die beiden Brüder Hugon versuchten zu lächeln, während Vandeuvres nervös seinen Bart zupfte und Muffat ernster als je dreinblickte.

Du erinnerst dich noch an Viktor? sagte Nana. War das ein lasterhafter Kerl? Der führte die kleinen Mädchen in den Keller hinunter.

Richtig, erwiderte Satin, ich erinnere mich auch sehr gut des großen Hofes, wo ihr wohntet. Da gab es eine Hausmeisterin mit einem Besen ...

Das war Mutter Boche, sie ist gestorben.

Ich sehe auch noch euren Laden ... Deine Mutter war eine starke Person. Eines Abends, als wir eben spielten, kam dein Vater betrunken nach Hause, aber betrunken ...

In diesem Augenblick suchte Graf Vandeuvres, die Erinnerungen der beiden Damen unterbrechend, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

Ich bitte Sie, meine Liebe, ich möchte noch Trüffeln nehmen, sie sind ausgezeichnet. Neulich aß ich welche bei dem Herzog von Corbreuse, die lange nicht so gut waren, wie diese.

Julien, die Trüffeln, befahl Nana kurz; dann kehrte sie auf ihr Gespräch zurück und sagte:

Oh, freilich. Papa war nicht sehr vernünftig ... Ein wahrer Schwamm ... Ich habe wahrhaftig in meinem Elternhause genug zu leiden gehabt und es ist nur ein Wunder, wenn ich nicht meine Haut dabei gelassen habe wie Papa und Mama.

Diesmal fand sich Muffat, der bisher mit einem Messer gespielt hatte, veranlaßt, sich hineinzumengen.

Was Sie uns da erzählen, ist nicht sehr heiter, bemerkte er.

Wie, was, nicht heiter? schrie sie, ihn mit einem Blick zu Boden schmetternd. Freilich ist's nicht heiter; wir mußten das Brot herbeischaffen ... Oh, ich bin ein gutes Mädchen, Sie wissen ja; und ich sage die Dinge so, wie sie sind. Mama war eine Wäscherin; Papa betrank sich und trug schließlich den Tod davon. Da haben Sie's und wenn Ihnen das nicht recht ist, wenn Sie sich meiner Familie schämen ...

Die ganze Gesellschaft protestierte.

Doch sie fuhr fort:

Wenn Sie sich meiner Familie schämen, gut, lassen Sie mich. Ich gehöre nicht zu jenen Frauen, die Vater und Mutter verleugnen; man muß mich nehmen wie ich bin, hören Sie?

Sie nahmen sie also, wie sie war, erkannten Papa und Mama an und ihre ganze Vergangenheit, alles, was sie wollte. Die Herren gaben klein bei und ließen die ganze schmutzige Vergangenheit Nanas ruhig über sich ergehen. Sie gab auch nicht nach. Und wenn sie bis zum Halse im Reichtum säße, wenn man ihr Paläste baute, sie würde sich immer mit Wonne der Zeit erinnern, meinte sie, wo sie gebratene Äpfel gegessen. Nichts ist dümmer als das Geld; das ist gut für die Lieferanten. Kurz: sie schwärme für ein einfaches Leben: ein Herz und eine Hütte.

In diesem Augenblick bemerkte sie Julien, der kerzengerade dastand und sie anblickte.

Bringen Sie doch den Champagner, rief sie ihm zu, was starren Sie mich wie eine Gans an?

Während der ganzen Szene wagten die Dienstleute nicht zu lächeln; sie schienen nicht zu hören und wurden immer würdiger, je tiefer Nana sich in den Schlamm versenkte.

Julien machte sich daran, Champagner einzuschänken, Franz ging hinter ihm mit der Fruchtschüssel her. Dabei war er ungeschickt, die Schüssel ein wenig umkippen zu lassen, so daß Äpfel, Birnen, Trauben auf den Tisch fielen.

Ungeschickter Esel! schrie Nana.

Der Diener wollte sich in Erklärungen einlassen: das Obst sei nicht fest genug aufgeschichtet worden; Zoé habe den ganzen Haufen erschüttert, indem sie einige Orangen herausnahm.

Dann ist Zoé eine diebische Elster! sagte Nana.

Aber Madame ... murmelte die Kammerfrau verletzt.

Nana erhob sich und sagte mit der stolzen Gebärde einer Königin:

Nun ist's genug, alle hinaus. Wir bedürfen eurer nicht mehr.

Dieses Vorgehen beschwichtigte sie plötzlich. Sie war wieder sanft und liebenswürdig.

Der Nachtisch gestaltete sich sehr heiter, es machte den Herren Spaß, sich selbst zu bedienen. Satin, die sich eine Birne geschält hatte, setzte sich hinter ihre Geliebte, um zu essen, lehnte sich dabei an ihre Schulter und sagte ihr allerlei Dinge ins Ohr, worüber beide in ausgelassener Weise lachten. Dann wollte sie das letzte Stückchen der Birne mit ihr teilen und bot es ihr zwischen den Zähnen an; sie bissen dabei einander in die Lippen und verzehrten ihr letztes Stückchen Birne in einem Kusse. Da folgten komische Proteste seitens der Herren. Philipp rief ihnen zu, sie möchten sich nicht stören lassen. Vandeuvres fragte, ob die Herren vielleicht hinausgehen sollten. Georges erhob sich, nahm Satin um die Taille und führte sie auf ihren Platz zurück.

Seid ihr aber einfältig, rief Nana. Ihr bringt sie zum Erröten. Die arme Kleine ... Laß sie reden, mein Kind; das sind unsere kleinen Angelegenheiten. Dann wandte sie sich an Muffat, der noch immer ernst dreinsah, mit der Frage:

Nicht wahr, mein Freund?

Ja gewiß, murmelte er, mit dem Kopfe nickend.

Jetzt hörten die Proteste auf. Inmitten dieser Herren von großem Namen, inmitten dieses uralten Adels trieben diese beiden Frauenzimmer ihr Spiel mit dem ruhigen Mißbrauch ihres Geschlechtes und der eingestandenen Verachtung für die Männer. Sie triumphierten. Die Gesellschaft begab sich in den kleinen Salon, um den Kaffee zu nehmen. Zwei Lampen verbreiteten ein mildes Licht über die rosafarbenen Tapeten und Vorhänge, über die Möbel aus weißblauem Lackholz und die Verzierung der Decke in antikem Gold. Das Kaminfeuer verzehrte sich langsam, es hatte den ganzen Nachmittag gebrannt, so daß es im Salon recht heiß war. In diesem Raume, wo das intime Leben Nanas atmete, wo man überall ihre Handschuhe, ihre Sacktücher, ein offenes Buch, Blumen umher liegen fand, da war sie eigentlich zu Hause; da gab sie sich voll und ganz, wie sie war, das in den Schlafrock gehüllte, veilchenduftende, unordentliche, gutmütige Mädchen, reizend inmitten dieses Reichtums, wo die breiten Sessel und Sofas zu trägem Schlummer und traulichem Liebesgeflüster in den verschwiegenen Winkeln einluden.

Satin hatte sich in der Nähe des Kamins auf ein Sofa hingestreckt. Sie rauchte eine Zigarette; Vandeuvres gönnte sich den Spaß, ihr eine abscheuliche Eifersuchtsszene zu machen. Er drohte, daß er ihr seine Zeugen schicken wolle, wenn sie es noch einmal versuche, Nana ihren Pflichten abspenstig zu machen. Philipp und Georges mengten sich auch in die Sache, scherzten mit ihr und drangen so heftig auf sie ein, daß sie ausrief:

Nana, meine Liebste, schaffe mir doch Ruhe; sie sind schon wieder hinter mir her.

Lassen Sie sie doch, sagte Nana ernst; ich will nicht, daß man sie quält; Sie wissen es ja. Und du, mein Kätzchen, warum gibst du dich mit ihnen ab? Du weißt, wie unvernünftig sie sind.

Satin steckte die Zunge heraus und ging in das Toilettezimmer, durch dessen offene Tür man die Marmorwände in dem matten Lichte einer Nachtlampe glänzen sah.

Dann plauderte Nana als liebenswürdige Hausfrau mit den vier Herren. Sie hatte im Laufe des Tages einen Roman gelesen, der Aufsehen machte. Es war die Geschichte eines Mädchens. Sie sprach sich verdammend über das Buch aus; all das sei erlogen, meinte sie und zeigte sich sehr entrüstet über diese Gattung von Literatur, welche sogar noch auf Naturwahrheit Anspruch erhob. Es sei doch nicht möglich, alles wiederzugeben, meinte sie, ein Roman habe nur die Bestimmung, angenehm die Zeit zu vertreiben. In bezug auf Bücher und Theaterstücke hatte Nana ihr feststehendes Urteil; sie schwärmte für zarte und edle Werke, die ihre Phantasie beschäftigten und ihr Herz veredelten. Dann kam das Gespräch auf die Unruhen, die sich in Paris bemerkbar machten, auf die Brandartikel der Zeitungen, auf die geräuschvollen öffentlichen Versammlungen. Nana äußerte sich mit Entrüstung über die Republikaner. Was wollen sie denn, diese schmutzigen Leute, die sich niemals waschen? Ist denn nicht alle Welt zufrieden? Hat denn der Kaiser nicht alles getan, um sein Volk glücklich zu machen? Ein schmutziges Pack, dieses Volk! Sie kenne es wohl und könne davon sprechen. Und indem sie vollständig vergaß, daß sie erst vorhin beim Mittagstisch Achtung für ihren Ursprung forderte, trat sie jetzt ihre ganze Familie und den ganzen Stand, dem sie angehörte, voll Ekel und Widerwillen mit Füßen. Sie hatte nachmittags im »Figaro« einen komisch gehaltenen Bericht über eine öffentliche Versammlung gelesen und lachte jetzt noch über einen Betrunkenen, der an die Luft gesetzt worden war.

Oh, diese Trunkenbolde, sagte sie. Nein, die Republik wäre für alle ein großes Unglück, Gott erhalte uns den Kaiser, so lange wie möglich.

Der Herr wird Sie hören, meine Liebe, erwiderte der Graf ernst; der Kaiser steht fest.

Es war dem Grafen immer angenehm, wenn er Nana so wohl gesinnt sah. In der Politik verstanden sie einander. Auch Vandeuvres und der Leutnant Hugo scherzten über die Maulhelden, die sofort Fersengeld geben, wenn es sich darum handelt, dreinzuschlagen.

Nur Georges blieb still und düster.

Was ist dem Jungen heute? fragte Nana, als sie ihn so mißmutig sah.

Nichts, ich höre zu, erwiderte er.

Doch er litt. Als sie sich von der Tafel erhoben, hatte er bemerkt, daß sein Bruder mit Nana schäkerte, und es schien ihm, als sei jetzt Philipp bei ihr in Gunst, nicht er. Seine Brust hob sich bei diesem Gedanken, ohne daß er sich darüber Rechenschaft geben konnte. Er konnte sie nicht beisammen sehen; abscheuliche Gedanken schnürten ihm die Kehle zusammen, daß er Scham und Beklemmung darüber empfand.

Er, der über Satin nur lachte; der Steiner und Muffat sich hatte gefallen lassen, lehnte sich auf und wurde rot bei dem Gedanken, daß Philipp eines Tages dieses Weib berühren könnte.

Da hast du Bijou, sagte sie, um ihn zu trösten, indem sie ihm das Hündchen reichte, das auf ihren Röcken eingeschlafen war.

Georges war sofort erheitert; er hielt nun etwas von ihr in den Händen, was auf ihren Knien warm geworden war.

Das Gespräch drehte sich jetzt um einen bedeutenden Verlust, den Vandeuvres gestern im Kaiserlichen Klub hatte. Graf Muffat, der nicht spielte, war erstaunt. Vandeuvres lächelte jedoch und machte auf seinen bevorstehenden Ruin Anspielung, von dem man in Paris bereits sprach. Die Todesart sei gleichgültig, meinte er, die Hauptsache sei, mit Anstand zu sterben. Seit einiger Zeit hatte Nana eine gewisse Nervosität an ihm bemerkt; eine Falte legte sich um seinen Mund und ein flimmerndes Leuchten fuhr über sein sonst klares Auge. Er bewahrte seine aristokratische Vornehmheit, die feine Vornehmheit seiner zugrunde gegangenen Rasse: es war bisher ein kurzer Taumel, der zuweilen durch seinen durch das Spiel und die Frauen geleerten Schädel ging. In einer Nacht, die er bei ihr zubrachte, hatte er sie durch eine greuliche Geschichte erschreckt. Er träumte davon, daß er, wenn einmal das ganze Vermögen aufgezehrt wäre, sich in seinem Stall mit samt den Pferden einschließen und das Ganze in Brand stecken werde. Seine ganze Hoffnung war noch Lusignan, ein Pferd, das er für die nächsten Pariser Rennen trainierte. Er hoffte, mit diesem Pferde den großen Pariser Preis zu gewinnen. Er lebte von diesem Pferde, das seinen ganzen Kredit auf sich trug. Wenn Nana etwas von ihm verlangte, vertröstete er sie auf den Monat Juli, bis Lusignan den großen Preis gewönne.

Es kann aber auch verlieren, meinte sie scherzend.

Statt aller Antwort lächelte er geheimnisvoll, dann machte er leichthin die Bemerkung:

Beiläufig! ich habe mir erlaubt, meinem zweiten Pferde Ihren Namen zu geben: Nana; das klingt sehr gut; Sie sind doch nicht beleidigt darüber?

Beleidigt? Weshalb? sagte sie, im Grunde entzückt.

Das Gespräch ging weiter, man sprach von einer bevorstehenden Hinrichtung. Nana brannte vor Begierde, dem Ereignis beizuwohnen. In diesem Augenblick erschien Satin in der Tür des Toilettezimmers und rief sie flehentlich herbei. Nana erhob sich und ließ die Herren zurück, die auf den Sofas herumlagen und, ihre Zigarre rauchend, ein sehr ernstes Thema erörterten, nämlich die Frage: inwieweit ein Mörder, der an chronischem Säuferwahn leidet, zurechnungsfähig sei. In dem Toilettezimmer fand Nana ihre Kammerfrau Zoé auf einem Sessel in Tränen gebadet, während Satin sich vergebens bemühte, sie zu trösten.

Was gibt's denn, fragte Nana überrascht.

Oh, meine Liebe, sprich doch zu ihr, sagte Satin. Seit zwanzig Minuten bin ich bemüht, sie zur Vernunft zu bringen. Sie weint noch immer, weil du sie eine diebische Elster genannt hast.

Madame, das ist hart, zu hart, stammelte Zoé, von einem neuen Schluchzenanfall erstickt.

Dieser Anblick rührte Nana tief; sie fand gütige Worte für Zoé, und als diese sich nicht beruhigen wollte, hockte sie vor ihr nieder und umfaßte sie mit vertraulicher Zärtlichkeit.

Aber Zoé, ich sagte das Wort nur, wie ich jedes andere gesagt hätte. Was weiß ich! Ich war im Zorn. Nun, ich hatte unrecht, beruhige dich.

Ich liebe Madame so sehr, stammelte Zoé. Nach allem, was ich für Madame getan habe ...

Da küßte Nana ihre Kammerfrau, dann, um zu zeigen, daß sie nicht zürne, machte sie ihr ein neues Kleid, das sie kaum dreimal getragen, zum Geschenk. Ihre häuslichen Zwistigkeiten endigten fast immer mit ähnlichen Geschenken. Zoé rieb sich die Augen mit dem Sacktuch, dann nahm sie das Kleid und bemerkte im Gehen, daß auch in der Küche unsägliche Traurigkeit herrsche, daß Julien und Franz nicht einmal essen könnten, so sehr habe Madames Zorn ihnen den Appetit genommen; Madame sandte ihnen einen Louisdor, um sie zu versöhnen. Sie konnte keine gekränkten Menschen um sich sehen.

Nana kehrte darauf in den Salon zurück, glücklich darüber, diesen Streit geschlichtet zu haben. Da näherte sich ihr Satin und flüsterte ihr lebhaft etwas ins Ohr. Sie beklagte sich und drohte, das Haus zu verlassen, wenn diese Herren fortfahren sollten, sie zu necken, und verlangte, daß Nana die ganze Gesellschaft noch diese Nacht vor die Tür setzen solle. Das werde ihnen dann eine Lehre sein. Es wäre auch gar zu schön, wenn sie beide allein blieben. Nana versicherte ihr, dies sei nicht möglich. Da wurde die andere rücksichtslos wie ein verzärteltes Kind und sagte:

Ich will es; sie oder ich.

Sie ging in den Salon zurück und streckte sich auf ein Sofa neben dem Fenster aus, wo sie ihre großen Augen starr auf Nana gerichtet, schweigsam wie tot verharrte.

Die Herren entschieden sich endlich gegen die neuen strafgesetzlichen Grundsätze; mit dieser netten Erfindung von der Unzurechnungsfähigkeit in gewissen krankhaften Fällen werde man dahin gelangen, daß es gar keine Verbrecher, nur lauter Kranke gebe. Nana, die diesen Erörterungen mit Kopfnicken zustimmte, dachte inzwischen darüber nach, wie sie den Grafen verabschieden könne. Die anderen würden ja ohnehin gehen, nur er würde bleiben wollen. In der Tat erhob sich Philipp, um sich zurückzuziehen, und Georges folgte ihm bald. Ihn quälte nur der Gedanke, seinen Bruder in der Nähe Nanas zu lassen. Vandeuvres blieb noch einige Minuten. Er wollte sehen, ob nicht irgendein dringendes Geschäft den Grafen Muffat abberufe, daß er ihm den Platz überlassen müsse; als er sah, daß Muffat sich einrichtete zu bleiben, gab er seinen Plan auf und nahm als Mann von Takt Abschied. Im Begriff hinauszugehen, bemerkte er Satin, die noch immer mit ihrem starren Blick dalag. Er begriff die Lage und sagte, ihr die Hände reichend:

Wir sind doch nicht böse, du verzeihst mir, du bist noch am meisten schick. Auf Ehrenwort!

Satin würdigte ihn keiner Antwort, sie wandte kein Auge von Nana und dem Grafen, die jetzt allein waren. Da er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte, nahm Muffat an der Seite Nanas Platz, ergriff ihre Finger, die er zärtlich küßte. Nana suchte einen Übergang und fragte den Grafen, ob es der Gräfin Estella schon besser gehe. Er hatte sich tags vorher über die Traurigkeit seiner Tochter beklagt; er habe keinen frohen Tag mehr im Kreise seiner Familie. Die Gattin sei stets außer dem Hause, die Tochter verharre in eisigem Stillschweigen. Nana hatte für solche Familiensorgen stets die besten Ratschläge zur Hand.

Wie wäre es denn, wenn du sie verheiraten wolltest? sagte sie, indem sie sich des Versprechens erinnerte, das sie Daguenet gegeben.

Sie nahm auch keinen Anstand, Daguenets Namen sofort zu nennen. Der Graf fuhr entrüstet auf. Niemals, meinte er, werde er seine Einwilligung dazu geben, nach allem, was sie ihm über diesen Mann gesagt habe. Sie tat erstaunt, dann lachte sie und sagte, ihren Arm um seinen Nacken legend:

Oh, der liebe Eifersüchtige, man sollte es kaum glauben; so denke doch ein wenig nach. Man hat dir Schlechtes von mir erzählt, ich war wütend ... Heute aber ist es anders; ich wäre untröstlich ...

Über die Schulter Muffats hinweg begegnete sie den Blicken Satins; sie wurde unruhig, ließ ihn los und fuhr in ernstem Tone fort:

Mein Freund, diese Heirat muß stattfinden, ich will das Glück deiner Tochter nicht hindern; der junge Mann ist vortrefflich. Du kannst keinen Besseren finden.

Und sie erging sich in langen Lobeserhebungen über Daguenet. Der Graf hatte ihre Hand wieder ergriffen; er sagte nicht nein; er werde sehen, man werde auf den Gegenstand doch zurückkommen können. Dann sprach er davon, daß sie zu Bette gehen sollten; sie dämpfte die Stimme und meinte, es sei heute unmöglich, sie sei unwohl, und wenn er sie nur ein wenig liebe, so werde er heute nicht auf seinem Wunsche bestehen. Er war jedoch eigensinnig und weigerte sich zu gehen; schon war sie auf dem Punkte nachzugeben, als sie von neuem dem Blicke Satins begegnete. Da war sie unbeugsam. Nein, es sei nicht möglich. Der Graf erhob sich sehr erregt, sehr leidend und nahm seinen Hut. An der Tür erinnerte er sich des Saphirschmuckes, dessen Etui er in seiner Tasche fühlte. Er hatte die Absicht, den Schmuck im Bette zu verstecken; dort würde sie ihn mit ihren Füßen finden, sobald sie sich niedergelegt, und das wäre eine große, freudige Überraschung, an die er schon während des Essens gedacht hatte.

Jetzt aber reichte er in seiner Verwirrung, in seiner Beklemmung über die unvermutete Entlassung ihr plötzlich den Schmuck hin.

Ei, was ist denn das? fragte sie; schau, der Saphirschmuck! Ach ja, wie lieb du bist! Sag, mein Lieber, ist das auch derselbe? Der Schmuck scheint in der Auslage mehr gewirkt zu haben ...

Das war ihr ganzer Dank, dann ließ sie ihn ziehen. Er hatte Satin in stiller Erwartung auf den Diwan hingestreckt gesehen; dann hatte er die beiden Frauen betrachtet und war unterwürfig gegangen. Noch hatte die Tür des Vorraumes sich nicht geschlossen, als Satin in ausgelassener Lustigkeit aufsprang, Nana um die Taille faßte und sang und tanzte. Dann lief sie zum Fenster und schrie: Da wollen wir doch einmal sehen, wie er auf der Straße den Kopf hängen läßt! Die beiden Mädchen stützten nun, hinter den Vorhängen verborgen, die Ellbogen auf das Fenstergesims. Es schlug ein Uhr nachts. In der stillen Villiers-Allee zog sich die Doppelreihe von Gaslaternen dahin im Dunkel dieser feuchten Märznacht, durch die ein kalter, regennasser Wind dahinfegte: weiter hinaus zogen sich langgestreckte Flächen in unbestimmter Dunkelheit dahin; hie und da sah man die Gerüste von Neubauten unter dem schwarzen Nachthimmel. Jetzt tauchte Muffat auf der Straße auf; traurig und langsam schlich er über das nasse Pflaster und verlor sich allmählich in der Ferne. Satin lachte über seinen Anblick, doch Nana hieß sie schweigen und sagte:

Nimm dich in acht, die Polizei kommt.

Da unterdrückten beide ihr Gelächter und blickten mit heimlicher Furcht auf die andere Seite der Allee, wo sie zwei schwarze Gestalten in gleichmäßigem Schritt vorüberkommen sahen. Nana hatte inmitten ihres königlichen Luxus die Angst vor der Polizei noch immer nicht abgestreift; sie hörte nicht gerne davon sprechen, so wenig wie vom Tode. Sie fühlte sich schon unwohl, wenn ein Polizeimann nur das Auge auf ihr Haus richtete; man wisse niemals, woran man mit diesen Leuten sei. Es könnte leicht geschehen, daß sie die beiden Mädchen, wenn sie sie zu so später Nachtstunde lachen hörten, für gewöhnliche Dirnen hielten. Satin schmiegte sich bebend an Nana. Sie blieb indes am Fenster; es interessierte sie eine herannahende Laterne, deren flackerndes Licht die Lachen der Straße beleuchtete. Es war eine alte Lumpensammlerin, die in der Gosse herumwühlte. Satin erkannte sie.

Schau, die Königin Pomare mit ihrem Weidenkorbe.

Während ein Windstoß ihnen einen feinen Regen ins Gesicht trieb, erzählte sie ihrer geliebten Freundin die Geschichte der Königin Pomare. Sie war einst ein herrliches Mädchen, dessen Schönheit ganz Paris entzückte. Wie sie die Männer zu nehmen wußte! Die höchstgestellten Herren weinten zu ihren Füßen ... Jetzt betrinkt sie sich; die Mädchen des Stadtviertels geben ihr, um sich zu unterhalten, Absynth zu trinken; dann machen sich die Straßenbuben hinter ihr her und verfolgen sie mit Steinwürfen. Eine Königin, die in den Morast gefallen. Nana hörte diese Geschichte kühl an.

Du sollst gleich sehen, sagte Satin.

Und sie pfiff wie ein Mann.

Die Lumpensammlerin, die jetzt eben unter dem Fenster stand, hob den Kopf in die Höhe und zeigte sich in dem gelben Lichte der Gaslaterne. Inmitten eines Haufens von Lumpen, eines zerfetzten Tuches, sah man ein blaues, verwittertes Gesicht mit dem breiten, zahnlosen Munde. Bei dem Anblicke dieses abscheulichen Alters einer in der Trunkenheit versinkenden Dirne erinnerte sich Nana plötzlich der Vision von Chamont, der Irma d'Anglars, der ehemaligen Dirne, jetzt reich an Jahren und Ehren, getragen von der Achtung eines ganzen Dorfes, die Stufen ihres stolzen Schlosses emporsteigend.

Da Satin noch immer pfiff und die Alte da unten lachte, die nicht wußte, woher das Pfeifen kam, flüsterte Nana:

So hör' doch auf; die Polizisten kommen zurück. Wir wollen ins Zimmer, mein Kätzchen.

Die gleichmäßigen Schritte kamen wieder, und die Mädchen beeilten sich, das Fenster zu schließen. Als Nana fröstelnd und mit durchnäßtem Haar sich umwandte, stand sie einen Augenblick betroffen bei dem Anblick ihres Salons, als ob sie die Gegenwart gänzlich vergessen habe und sich jetzt an einem unbekannten Orte befinde. Es war so warm, so wohlduftend, daß sie eine glückliche Überraschung empfand. Die hier aufgehäuften Reichtümer, die antiken Möbel, die Seiden- und Goldstoffe, die Elfenbeingegenstände, die Bronzen schwammen im rosigen Lichte der Lampe, während man diesem stillen Hause den großen Luxus, die Feierlichkeit der Empfangssäle, die bequeme Geräumigkeit des Speisesaales, die stille Ruhe des Vorraumes und der Treppe mit ihren einladenden, weichen Möbeln schon von außen ansah. Es war ein plötzlich auftauchendes Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst, mit ihrem Bedürfnisse, zu herrschen und zu genießen, mit ihrem Verlangen, alles zu besitzen und alles zu zerstören. Nie hatte sie die Macht ihres Geschlechtes so tief empfunden. Sie blickte langsam um sich und sagte dann im Tone ernster Weisheit:

Man tut wahrhaftig recht, wenn man seine Jugend ausnutzt, solange es geht ...

Inzwischen wälzte sich Satin schon auf den Bärenfellen im Schlafzimmer und rief:

So komm doch!

Nana entkleidete sich im Toilettezimmer. Um rascher fertig zu werden, nahm sie ihr dichtes, blondes Haar und schüttelte es über dem silbernen Waschbecken, daß die Haarnadeln klirrend in das metallene Gefäß fielen.