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Nana.  Émile Zola
Kapitel 12.
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Um ein Uhr morgens lagen Nana und der Graf noch wach in dem großen, mit venezianischen Spitzen besetzten Bette. Der Graf war, nachdem er drei Tage geschmollt, wiedergekehrt. Das durch eine Nachtlampe schwach erleuchtete Zimmer, durchströmt von einer lauen, von Liebesdüften gesättigten Luft, war in ein einschläferndes Dunkel getaucht, aus dem die lackierten, mit Silber eingelegten Möbel nur schwach hervortraten. Infolge des herabgelassenen Vorhanges stand das Bett völlig im Schatten. Man hörte einen Seufzer und dann einen Kuß, und jetzt erhob sich Nana und saß einen Augenblick mit nackten Beinen am Rande des Bettes. Der Graf, der das Haupt auf das Kissen zurückgelegt hatte, blieb im Schatten des Bettes.

Mein Lieber, du glaubst wohl an den lieben Gott? fragte sie nach kurzem Nachdenken mit ernster Miene, nachdem sie, von einer religiösen Anwandlung ergriffen, sich plötzlich aus den Armen ihres Liebhabers losgemacht hatte.

Schon seit dem Morgen beklagte sie sich über ein gewisses Mißbehagen, und ihre dummen Gedanken, wie sie sie nannte, Gedanken von Tod und Hölle, in denen kindische Furcht und entsetzliche Einbildungen bei offenen Augen sie marterten.

Sie fuhr fort:

Was glaubst du, komme ich in den Himmel?

Sie schreckte dabei zusammen, während der Graf, überrascht von dieser sonderbaren Frage in einem solchen Augenblicke, als Katholik die Gewissensbisse erwachen fühlte.

Sie aber, die eine Weile mit herabgeglittenem Hemde und aufgelöstem Haar dagesessen hatte, warf sich schluchzend an seine Brust und klammerte sich an ihn indem sie stammelte:

Ich fürchte den Tod; ich fürchte zu sterben.

Er konnte nur mit Mühe sich aus ihrer Umschlingung losmachen. Er fürchtete seihst in den Wahnsinnsanfall dieses Weibes zu verfallen, das in einem ansteckenden Entsetzen vor dem Unsichtbaren sich an ihn klammerte. Er suchte sie zur Vernunft zu bringen; sie befinde sich ja ausgezeichnet; sie brauche nur sich anständig zu betragen, um eines Tages Vergebung zu erhoffen. Sie nickte mit dem Kopfe: gewiß, sie füge niemandem ein Leid zu. Ja, sie trage sogar ein Medaillon der heiligen Jungfrau, das sie ihm zeigte. Das Medaillon hing an einem roten Faden an ihrem Halse und reichte bis zur Brust. Aber, meinte sie, es sei eine ausgemachte Sache, daß Frauen, die nicht verheiratet sind und sich doch mit Männern abgeben, in die Hölle kommen. Es fielen ihr einzelne Teile des Katechismus ein. Ach, wenn sie die Sache nur früher so verstanden hätte. Doch es war ja niemand da, um sie aufzuklären, und es sei zu langweilig, die Predigten der Pfaffen anzuhören. Sie küßte demütig das Medaillon, das ganz warm von ihrer Haut war. Es schien ihr das eine Beschwörung des Todes zu sein, an den sie nur denken durfte, um von fürchterlichem Frost geschüttelt zu werden.

Muffat mußte sie jetzt in das Toilettekabinett hinüber begleiten. Sie zitterte, auch nur eine Minute allein dort zu bleiben, wenn auch die Tür offen bleibe. Als er wieder zu Bette gegangen war, ging sie noch eine Weile im Zimmer umher, besichtigte alle Winkel und fuhr bei dem leisesten Geräusch zusammen. Vor einem Spiegel blieb sie stehen, sie vergaß sich wie ehemals beim Anblick ihrer Nacktheit. Diesmal aber verdoppelte sich, als sie ihren Busen, ihre Hüften und Schenkel sah, nur ihre Angst. Schließlich betastete sie die Knochen ihres Gesichtes mit beiden Händen und sagte mit leiser Stimme:

Wie häßlich ist man, wenn man tot ist.

Dann zog sie die Wangen nieder, riß die Augen auf, zog die Kinnladen zurück, um zu sehen, wie sie als Tote aussehen würde; so entstellt, wandte sie sich zum Grafen und sagte:

Schau einmal, ich werde ein ganz kleines Gesicht haben.

Darüber wurde er wütend:

Du bist verrückt, rief er; komm zu Bett.

Er sah sie schon in der Grube, völlig fleischlos wie ein hundertjähriges Skelett. Er faltete die Hände und stammelte ein Gebet. Seit einiger Zeit hatte die Religion ihn wieder erfaßt. Anwandlungen von Gläubigkeit ergriffen ihn und versetzten ihn an manchen Tagen in solche Aufregung, daß er fast den Tod davontrug. Auch jetzt krachten seine Finger, so inbrünstig faltete er die Hände, indem er unaufhörlich wiederholte: Mein Gott ... Mein Gott. Mein Gott ... Es war der Schrei seiner Ohnmacht, der Schrei seiner Sünde, in der er kraftlos war, trotz der Gewißheit seiner Verdammnis. Als sie ins Bett zurückkehrte, fand sie ihn unter der Decke zusammengekauert, die Nägel in die Brust gedrückt, mit stieren Augen gleichsam den Himmel suchend. Da fing auch sie zu weinen an; sie umschlangen einander, ihre Zähne klapperten, sie wußten nicht weshalb; beide wälzten sich in der nämlichen schwachsinnigen Beklemmung hin und her. Sie hatten schon einmal eine ähnliche Nacht verbracht, allein dieses Mal war es geradezu unsinnig, wie Nana erklärte, als ihre Furcht vergangen war. In einem plötzlich auftauchenden Verdacht richtete Nana in vorsichtiger Weise an den Grafen die Frage, ob etwa Rosa Mignon den Brief abgesandt habe? Allein das war nicht der Fall; es war einfach die Angst, die ihn plagte; seine Hahnreischaft war ihm noch unbekannt.

Zwei Tage später kam, nachdem er in der Zwischenzeit sich nicht hatte blicken lassen, der Graf vormittags zu einer ungewohnten Stunde. Sein Gesicht war bleich, die Augen gerötet, er bebte noch am ganzen Körper infolge eines inneren Kampfes.

Doch Zoé, selbst aufs äußerste bestürzt, bemerkte seinen Zustand nicht. Sie lief ihm entgegen und rief:

Ach, Herr Graf, kommen Sie rasch, Madame wäre gestern fast gestorben.

Als er sie um Einzelheiten befragte, fuhr sie fort:

Eine unglaubliche Geschichte hat sich ereignet. Eine Frühgeburt, Herr Graf.

Nana war seit drei Monaten schwanger. Sie hatte lange Zeit an ein einfaches Unwohlsein gedacht, selbst Doktor Boutarel war über ihren Zustand im Zweifel. Als er ihr bestimmt erklären konnte, daß sie guter Hoffnung sei, empfand sie darüber einen solchen Verdruß, daß sie alles aufbot, um ihre Schwangerschaft geheimzuhalten. Ihre nervösen Furchtanfälle, ihre düsteren Stimmungen kamen zum Teil von diesem Zustande her, dessen Geheimnis sie mit einer Ängstlichkeit bewahrte, als sei sie eine gefallene Jungfrau. Ihr schien es ein lächerliches Ereignis; etwas, was sie herabsetzte und worüber man sie verspotten werde. Wird das eine Tratscherei sein. Ein wirkliches Unglück. Sie lebte in einer ewigen Aufregung; sie war gewissermaßen erniedrigt in ihrem Geschlechte; das macht also Kinder, meinte sie, selbst wenn man nicht will und es zu anderen Zwecken verwendet. Sie war wütend über die Natur, wütend über die würdige Mutterschaft, die da mitten in ihrem Leben voll Vergnügungen auftauchte; wütend über dieses Leben, das sie geben sollte, sie, die doch gewöhnt war, ringsumher den Tod zu säen. Kann man denn nicht über seinen Körper nach seinem eigenen Willen verfügen? Woher kam denn dieser Balg? Sie vermochte es nicht einmal zu sagen. Ach, wer ihn gemacht hatte, hätte ihn auch behalten können. Denn niemand hat nach ihm Verlangen getragen; er geniert jeden und wird gewiß kein glückliches Leben haben.

Inzwischen erzählte Zoé die Katastrophe.

Gegen vier Uhr hatte Madame Kolikanfälle. Als ich ins Toilettekabinett kam, fand ich sie am Boden ausgestreckt in Ohnmacht; ja, mein Herr, in Ohnmacht, in einer Blutlache, als wenn sie ermordet worden sei. Ich begriff sofort und war wütend; Madame habe ihr Unglück gestehen können. Eben war Herr Georges da; er half mir sie aufheben. Als ich das Wort »Frühgeburt« aussprach, fiel er seinerseits in Ohnmacht ... Wahrhaftig, ich habe vieles überstanden seit gestern.

In der Tat schien das ganze Haus verstört; die Dienerschaft rannte über Treppen und durch die Zimmer. Georges hatte die Nacht auf einem Sessel im Salon zugebracht; er war es, der die Nachricht den Freunden Nanas gestern abend zur Zeit, wo Madame sonst empfing, mitteilte. Er war sehr bleich und erzählte die Geschichte den Besuchern voll Angst und Aufregung. Steiner, La Faloise, Philipp und noch andere waren gekommen. Bei den ersten Worten stießen sie Rufe der Überraschung aus. Unmöglich. Das muß eine Komödie sein. Dann wurden sie ernst und sahen mit gelangweilten Mienen auf die Tür ihres Zimmers; sie fanden die Geschichte gar nicht amüsant. Bis Mitternacht blieb etwa ein Dutzend Herren im Salon; sie plauderten leise vor dem Kamin, und jeden beschäftigte innerlich der Gedanke, ob nicht er der Vater sei. Mit verwirrten Mienen schienen sie einander entschuldigen zu wollen; dann krümmten sie den Rücken und dachten, das gehe sie nichts an, es komme von Nana. Sie wußte aber Überraschungen zu bereiten. Wer hätte Ähnliches von ihr je erwartet? Dann gingen sie einzeln auf den Fußspitzen fort wie aus dem Zimmer einer Toten, wo man nicht lachen darf.

Gehen Sie immerhin hinauf, sagte Zoé dem Grafen. Madame befindet sich jetzt um vieles besser und wird Sie empfangen ... Wir erwarten den Arzt, der versprochen hat, am Morgen wiederzukommen.

Die Zofe hatte Georges überredet, nach Hause zu gehen und sich auszuschlafen. Oben war niemand als Satin, die auf einem Sofa lag und gedankenlos in die Luft starrend ihre Zigaretten rauchte. Durch dieses Ereignis, das das ganze Haus in Bestürzung versetzte, war sie in stille Wut geraten. Sie begnügte sich, die Achseln zu zucken und gemeine Worte hervorzustoßen. Als Zoé mit Muffat an ihr vorbeikam und dem Grafen erzählte, wie grausam Madame gelitten, murmelte Satin:

Geschieht ihr recht; das wird für sie eine Lehre sein ...

Sie wandten sich überrascht um. Satin lag regungslos da und starrte, die Zigarette zwischen den Zähnen, auf die Decke.

Ah, Sie sind eine saubere Person, meinte Zoé.

Doch jetzt sprang Satin wütend von ihrem Lager auf, blickte dem Grafen geradeaus ins Gesicht und wiederholte:

Es geschieht ihr ganz recht. Das wird ihr eine Lehre sein.

Dann warf sie sich sorglos wieder auf das Sofa und blies den Rauch der Zigarette in die Luft mit einer Miene, die besagen wollte: die Geschichte ist zu dumm.

Zoé führte den Grafen in Nanas Zimmer. Ein Äthergeruch wogte in dem Gemach, dessen Stille nur selten durch das Geräusch eines durch die Villier-Allee rollenden Wagens gestört wurde. Nana lag bleich und mit offenen, träumerischen Augen auf ihren Kissen. Sie lächelte schwach, als sie den Grafen erblickte.

Ach, mein Kätzchen, sagte sie, ich glaubte nicht mehr, daß ich dich wiedersehen würde.

Als er sich niederbeugte, um ihre Hände zu küssen, wurde sie zärtlich; sie sprach im guten Glauben von dem Kinde, als ob er der Vater sei.

Ich wagte es nicht, dir etwas davon zu sagen ... Ich war so glücklich ... Oh, ich hatte so selige Träume ... Ich habe das Kind deiner würdig erziehen wollen ... Und nun ist alles aus ... Es ist übrigens vielleicht besser so ... Ich will dir in deinem Leben keine Verlegenheiten bereiten.

Er war verwirrt über diese zugemutete Vaterschaft und stammelte unverständliche Worte. Er hatte einen Sessel genommen und setzte sich zu ihrem Bette, einen Arm auf die Bettdecke stützend. Jetzt erst bemerkte Nana sein verstörtes Gesicht, seine geröteten Augen, seine fieberisch bebenden Lippen.

Was ist dir? fragte sie. Auch du bist krank?

Nein, hauchte er.

Sie sah ihn lange an, dann gab sie der Zofe, die sich im Zimmer zu schaffen machte, einen Wink hinauszugehen. Als sie allein waren, zog sie ihn enger an sich und wiederholte:

Was ist dir, mein Geliebter, deine Augen sind voll Tränen; ich sehe es ja. Laß hören, sprich, du bist gekommen, mir etwas zu sagen.

Nein, nein, ich schwöre es dir, stammelte er.

Doch, fast erstickt von innerem Leid und noch mehr ergriffen von diesem Krankenzimmer, in das er ahnungslos geraten war, brach er in Schluchzen aus und drückte das Gesicht in die Bettücher, um den Ausbruch seines Schmerzes zu ersticken.

Nana begriff: Rosa Mignon hatte ihm den Brief zugesandt. Sie ließ ihn einen Augenblick weinen; er wurde von so heftigen Krämpfen geschüttelt, daß das ganze Bett unter seinen Bewegungen zitterte. Dann sagte sie im Tone mitleidsvoller Rührung:

Du hast zu Hause Verdruß gehabt?

Er nickte stumm.

Nach einer weiteren Pause fuhr sie in leisem Tone fort:

Du weißt also alles?

Er nickte wieder bejahend. Dann trat in diesem Schmerzenszimmer neues Stillschweigen ein. Als er am Abend vorher von einer Abendgesellschaft bei der Kaiserin nach Hause kam, fand er den Brief vor, den seine Gemahlin an ihren Liebhaber geschrieben. Nach einer furchtbaren Nacht, die er Rachepläne schmiedend verbrachte, war er am Morgen fortgegangen, um der Versuchung, sein Weib zu töten, zu entrinnen. Auf der Straße hatte er an dem schönen Julitag alles andere vergessen und war zu Nana geeilt wie stets in kummervollen Stunden. Hier erst überließ er sich seinem Jammer mit der feigen Genugtuung, Trost zu finden.

Beruhige dich, sagte Nana in gütigem Tone. Ich weiß es seit langer Zeit; aber ich hätte dir sicherlich nicht die Augen geöffnet. Du erinnerst dich; im vorigen Jahre hattest du Zweifel; doch dank meiner Vorsicht wurde alles geschlichtet. Schließlich fehlte es dir ja auch an Beweisen ... Wenn du heute welche hast, so ist das schlimm; ich begreife es. Doch mußt du die Sache vernünftig auffassen; du bist deshalb noch nicht entehrt.

Er weinte nicht mehr. Obgleich er in letzter Zeit über die intimsten Einzelheiten seines ehelichen Lebens sprach, empfand er jetzt dennoch tiefe Scham. Sie mußte ihn aufmuntern, damit er noch weiter über die Sache rede. Sie sei ja eine Frau, meinte sie, und dürfe alles hören. Darauf sagte er mit matter Stimme:

Du bist krank. Wozu soll ich dich ermüden? Es ist dumm von mir, daß ich überhaupt gekommen bin. Ich gehe auch schon.

Nein, erwiderte sie lebhaft. Bleib. Ich werde dir vielleicht einen Rat geben. Nur laß mich nicht zu viel reden; der Arzt hat es mir verboten.

Er hatte sich erhoben und ging im Zimmer auf und ab.

Was wirst du tun? fragte sie.

Ich werde diesen Menschen ohrfeigen.

Sie machte eine mißbilligende Miene.

Das ist nichts ... Und deine Frau?

Ich strenge die Scheidung an, da ich Beweise habe.

Auch das heißt nichts ... Es ist sogar dumm; ich werde es niemals zugeben.

Sie setzte ihm mit schwacher Stimme die Nutzlosigkeit des Skandals eines Duells und eines Scheidungsprozesses auseinander.

Acht Tage lang würden sich die Zeitungen mit ihm beschäftigen. Er würde seine ganze Existenz, seine Ruhe, seinen Namen, seine Stellung bei Hofe aufs Spiel setzen. Und all das wofür? Um die Lacher gegen sich zu haben.

Was liegt daran? schrie er; wenn ich nur gerächt bin ...

Mein Lieber, sagte sie, wenn man in diesen Dingen nicht sofort Rache nimmt, so tut man es überhaupt niemals ...

Er hielt mit stockender Stimme an sich. Er war sicherlich nicht feige, aber er fühlte, daß sie recht habe. Ein gewisses Mißbehagen stieg immer stärker in ihm auf; ein Gefühl der Ohnmacht und der Scham drückte ihn in seiner Zornesaufwallung nieder.

Überdies führte sie mit entschiedenem Freimute noch einen weiteren Streich gegen ihn.

Willst du wissen, was dich am meisten ärgert, mein Lieber? Nichts anderes, als daß auch du deine Frau betrügst. Mein Gott, du bringst ja die Nächte nicht außer dem Hause zu, um Perlen zu suchen.. Deine Frau wird das wohl vermuten ... Welchen Vorwurf kannst du ihr also machen? Sie wird dir antworten, daß du mit gutem Beispiele vorangegangen bist, und dazu mußt du schweigen. Das ist der Grund, warum du hier auf und ab läufst, anstatt ihnen die Hälse umzudrehen.

Unter der Wucht dieser rücksichtslosen Worte war Muffat wie gebrochen in einen Sessel gesunken.

Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen und fuhr dann halblaut fort:

Ich bin erschöpft ... Hilf mir, mich aufsetzen. Ich gleite immer herunter. Mein Kopf liegt zu tief.

Er half ihr, sich aufsetzen, worauf sie erleichtert aufseufzte. Sie kam wieder auf den erbaulichen Spektakel eines Scheidungsprozesses zu sprechen. Der Advokat der Gräfin würde ganz Paris mit Geschichten über Nana unterhalten. Alles müßte drankommen: ihre Theaterlaufbahn, ihr Haus, ihre Lebensweise. Oh, sie danke für so viel Anpreisung! Andere gemeine Weiber würden sich vielleicht nichts daraus machen, ihn in den Morast zu stoßen; doch sie tue es nicht; sie wolle nur sein Glück. Sie hatte ihn näher herangezogen; sein Haupt ruhte neben dem ihrigen auf dem Kissen; sie hatte einen Arm um seinen Nacken gelegt und flüsterte ihm leise zu:

Hör' mich an, mein Kätzchen: du wirst dich mit deiner Frau aussöhnen.

Er fuhr empor. Niemals. Das sei zu viel Schande.

Doch sie drang mit zärtlichen Worten weiter in ihn:

Du wirst dich mit deiner Frau aussöhnen ... Du willst doch nicht überall hören, daß ich dich deinem Hause abspenstig gemacht habe? Das würde mir einen abscheulichen Ruf machen; was würde man von mir denken? Aber schwöre mir, daß du mich immer lieben wirst. Denn in dem Augenblicke, wo eine andere ...

Tränen erstickten ihre Stimme. Er unterbrach sie mit seinen Küssen und sagte wiederholt:

Du bist närrisch. Das ist unmöglich ...

Doch, doch! Es muß sein ... Ich werde mich schon in mein Schicksal fügen. Sie ist ja schließlich deine Frau. Das ist nicht so, als ob du mich mit der erstbesten betrügen würdest ...

In dieser Weise fuhr sie fort, ihm die besten Ratschläge zu geben. Sie sprach sogar von Gott. Er glaubte, Herrn Venot zu vernehmen, wie dieser ihm eine Predigt hielt, um ihn der Sünde zu entreißen. Sie meinte übrigens nicht, daß er mit ihr brechen solle. Sie träumte von einem zwischen der Frau und Geliebten geteilten Leben voll Ruhe ohne Verdruß für irgendjemanden, eine Art von glücklichem Traum inmitten der unvermeidlichen Gemeinheiten des Lebens. Das werde nichts an ihrer Lebensweise ändern; er werde ihr liebes Kätzchen bleiben; nur werde er etwas seltener kommen und die Nächte, die er nicht bei ihr zubringe, der Gräfin widmen. Sie war mit ihrer Kraft zu Ende und schloß im Flüstertone:

Ich werde endlich das Bewußtsein einer guten Tat haben, und du wirst mich noch mehr lieben ...

Stillschweigen trat ein. Sie hatte die Augen geschlossen und lag bleich auf den Kissen da. Unter dem Vorwande, sie nicht ermüden zu wollen, schwieg er jetzt. Nach Verlauf einer Minute öffnete sie wieder die Augen und murmelte:

Und woher nimmst du das Geld, wenn du dich mit deiner Frau überwirfst? Labordette ist gestern wegen des Wechsels gekommen ... Mir selbst mangelt es an allem; ich habe kaum mehr etwas anzuziehen.

Dann schloß sie wieder die Augen und lag wie tot da. Ein Schatten tiefer Kümmernis flog über des Grafen Antlitz. Der Schlag, der ihn heimgesucht, hatte ihn seit gestern abend die Geldverlegenheiten vergessen lassen, in denen er sich befand. Trotz aller Zusage war sein Wechsel, nachdem er einmal verlängert, in den Verkehr gebracht worden. Labordette tat, als ob er hierüber in Verzweiflung sei, und schob alle Schuld auf den Friseur Francis; nie mehr, sagte er, wolle er sich mit Leuten ohne Erziehung in Geschäfte einlassen. Es mußte gezahlt werden; der Graf konnte seine Unterschrift nicht verleugnen, überdies waren, abgesehen von Nanas Forderungen, auch bei ihm außerordentliche Ausgaben vorgekommen. Seit der Rückkehr aus Fondettes zeigte die Gräfin plötzlich Geschmack für Luxus, eine Gier nach gesellschaftlichen Vergnügungen, die ihr Vermögen aufzehrten. Man sprach bereits von ihren verderblichen Launen. Sie hatte ihren Haushalt ganz neu eingerichtet, fünfhunderttausend Franken wurden auf die Umwandlung des alten Hauses in der Miromesnil-Straße und auf außergewöhnliche Toiletten verschwendet. Weitere große Summen waren verschwunden, vielleicht gar verschenkt, man wußte nicht, wem und wohin, man gab sich auch keine Rechenschaft darüber. Zweimal hatte sich Muffat Bemerkungen erlaubt, er wolle wissen, wohin das Geld gekommen; aber, sie sah ihn mit einem so seltsamen Lächeln an, daß er es nicht wagte sie weiter zu befragen, aus Furcht, eine allzu deutliche Antwort zu erhalten. Wenn er sich entschloß, aus Nanas Hand Herrn Daguenet als Schwiegersohn anzunehmen, so tat er es hauptsächlich mit dem Gedanken, daß er in diesem Falle die Mitgift der Komtesse Estella auf zweihunderttausend Franken herabsetzen könne, was für den jungen Mann noch immer ein unverhofftes Glück sei.

In der brennenden Notwendigkeit, die hunderttausend Franken zur Bezahlung des Wechsels zu finden, der sich in Labordettes Händen befand, dachte Muffat seit acht Tagen an einen einzigen Ausweg, vor dem er jedoch zurückschrak. Dieser Ausweg war: Les Bordes zu verkaufen, eine herrliche Besitzung, auf eine halbe Million geschätzt, welche die Gräfin von einem Oheim geerbt hatte. Um dieses Landgut zu verkaufen, bedurfte es der Unterschrift der Gräfin, die im Sinne ihres Ehevertrages die Besitzung ohne Zustimmung des Grafen gleichfalls nicht veräußern durfte. Am Abend vorher hatte er sich entschlossen, über die Unterschrift mit seiner Frau zu reden. Und in diesem Augenblick trat die Katastrophe ein, wodurch er sich niemals entschließen konnte, eine solche Abmachung mit seiner Gattin einzugehen. Dieser Gedanke verschärfte noch das niederschmetternde Bewußtsein von dem Ehebruch seiner Frau. Er begriff recht wohl, wo Nana mit ihrem Verlangen, daß er sich mit der Gräfin aussöhne, hinaus wollte. Denn in seiner wachsenden Verlegenheit hatte er sich bei ihr über die Lage beklagt, hatte ihr auch seinen Plan betreffs der Besitzung Les Bordes verraten und ihr auch von seiner Scheu gesprochen, mit der Gräfin über ihre Zustimmung zu diesem Plane zu unterhandeln.

Nana schien nicht weiter in ihn dringen zu wollen; sie öffnete die Augen nicht wieder. Als er sie so bleich liegen sah, empfand er Furcht und hielt ihr das Riechfläschchen hin. Sie seufzte tief auf und fragte dann, ohne Daguenets Namen zu nennen:

Wann ist die Hochzeit angesetzt?

In fünf Tagen, nächsten Dienstag wird der Ehekontrakt unterfertigt.

Da murmelte sie noch immer mit geschlossenen Augen, als ob sie in der Nacht ihre geheimsten Gedanken spreche:

Schließlich, mein Kätzchen, weißt du, was du zu tun hast ... Ich will, daß jeder zufrieden sei.

Er besänftigte sie und nahm ihre Hand in die seine. Ja, meinte er, er werde alles mögliche tun; die Hauptsache sei, daß sie sich erhole, und er sträubte sich nicht mehr gegen ihren Willen. Dieses so laue, so schläfrige, von Äther durchströmte Krankenzimmer hatte vollends dazu beigetragen, in ihm das Bedürfnis eines glücklichen Friedens hervorzurufen. Seine ganze Männlichkeit, erweckt durch den ihm zugefügten Schimpf, war in der Wärme dieses Bettes, in der Nähe dieser leidenden Frau wieder verschwunden, dieser Frau, die er mit der Erregtheit eines Fiebers und in der Erinnerung an die Stunden ihrer Wollust pflegte. Er neigte sich über sie und preßte sie an sich, während sie mit leblosem Gesicht dalag und nur ein leises Lächeln des Triumphes ihren Mund umspielte.

Jetzt erschien der Doktor Boutarel.

Nun, wie geht's dem lieben Kinde? sagte er vertraulich zu Muffat, den er als Gatten behandelte. Ich hoffe, sie hat nicht zu viel gesprochen.

Der Doktor war ein schöner, noch junger Mann, der in der galanten Welt eine ausgezeichnete Praxis besaß. Er war sehr heiter, lachte vertraulich in Gesellschaft dieser Damen, schlief niemals mit ihnen, ließ sich sehr gut und sehr pünktlich bezahlen. Auch war er sehr dienstbereit; Nana beispielsweise ließ ihn wöchentlich zwei, dreimal holen; sie lebte in einer fortwährenden Angst vor dem Tode, vertraute ihm ihre kindische Furcht an, die er durch die Erzählung von allerlei Tratsch und törichten Geschichten kurierte. All diese Damen hatten ihn sehr gern. Aber dieses Mal war es bei Nana ernst.

Muffat zog sich tief bewegt zurück; er fühlte, als er die arme Nana so schwach sah, nichts als Rührung und Zärtlichkeit. Als er sich anschickte hinauszugehen, rief sie ihn durch einen Wink nochmals zu sich, bot ihm die Stirne zum Kusse, und flüsterte ganz leise, im Tone einer scherzhaften Drohung:

Du weißt, daß ich es dir erlaubt habe ... Du kehrst mit deiner Frau versöhnt zurück oder überhaupt nicht mehr; ich wäre sonst böse ...

Die Gräfin Sabine wollte, daß der Ehevertrag ihrer Tochter an einem Dienstag unterfertigt werde; das neueingerichtete Haus, in dem kaum noch die Malereien getrocknet waren, sollte durch ein großes Fest eingeweiht werden. Fünfhundert Einladungen waren ohne besonders sorgfältige Wahl versandt worden. Noch am Morgen des erwähnten Tages waren die Tapezierer mit der Befestigung von Vorhängen beschäftigt, und in dem Augenblick, wo man die Gaslichter anzünden sollte, erteilte der Architekt, begleitet von der Gräfin, die sich für alle diese Verfügungen leidenschaftlich interessierte, die letzten Anordnungen.

Es war ein liebliches Frühlingsfest. Der warme Juniabend gestattete, daß man die beiden großen Türen des Salons öffnete und den Ball bis nach dem Garten ausdehne. Als die ersten Gäste ankamen, die vom Grafen und der Gräfin an der Tür empfangen wurden, waren sie völlig geblendet. Man mußte sich nur erinnern, wie dieser Salon ehemals aussah, als noch das eisige Andenken der alten Gräfin Muffat dort lebte. Dieser altertümliche Raum voll gläubiger Strenge, mit seinen Möbeln von massivem Mahagoni im Stile des Kaiserreichs, seinen gelben Samtvorhängen, seiner grünlichen, feuchten Decke. Jetzt spiegelten sich schon im Vorraum durch Goldmalerei hervorgehobene Mosaiken unter hohen Kandelabern, während die Marmortreppe eine mit feiner durchbrochener Arbeit geschmückte Rampe hinaufführte. Oben erstrahlte der Salon, ausgeschlagen mit Genueser Samt, an der Decke eine große Verzierung von der Hand Bouchers, die der Architekt bei der Versteigerung des Schlosses Dampiere um hunderttausend Franken erstanden hatte. Die großen Leuchter bestrahlten einen verschwenderischen Luxus an Spiegeln und kostbaren Möbeln. Man war versucht zu glauben, daß der Liegestuhl Sabines, dieses einzige Einrichtungsstück von roter Seide, dessen weichliche Bequemlichkeit ehemals alle Welt in Erstaunen setzte, sich nun vervielfacht und ausgebreitet habe, um das ganze Haus mit einer wollüstigen Trägheit, mit einer Lebenslust zu erfüllen, die mit der Heftigkeit spät erwachter Leidenschaften brannte.

Man tanzte bereits. Das Orchester, im Garten vor einem der Fenster aufgestellt, spielte einen Walzer, dessen einschmeichelnde Klänge gedämpft herübertönten. Der Garten breitete sich in Halbdunkel aus, erleuchtet von venezianischen Lampen. Auf einem breiten Rasenplatz erhob sich ein purpurrotes Zelt, in dem das Büffet errichtet war. Dieser Walzer, der famose Walzer aus der »Blonden Venus« erfüllte mit seinen Klängen alle Räume dieses ehemals so strengen, alten Hauses. Ein fleischlicher Odem schien von der Straße heraufzuwehen und ein totes Zeitalter aus den stolzen Räumen dieses Palais hinwegzufegen und damit auch die ganze Vergangenheit der Familie Muffat, ein Jahrhundert voll Ehre und Glauben.

Inzwischen versammelten sich in der Nähe des Kamins an ihren gewohnten Plätzen die alten Freunde der Mutter des Grafen; geblendet und gleichsam fremd suchten sie hier Zuflucht. Inmitten der Menge, die das Haus immer mehr füllte, bildeten sie eine kleine Gruppe für sich. Madame de Joncquoy war, die Zimmer nicht wieder erkennend, durch den Speisesaal geschritten; Madame Chantereau betrachtete mit verblüffter Miene den Garten, der ihr unermeßlich groß zu sein schien. Und es dauerte nicht lange, da fielen in diesem Winkel herbe Bemerkungen.

Ei, meinte Madame Chantereau, wenn die alte Gräfin jetzt wiederkäme, das wäre für sie eine Überraschung, der Eintritt in diese Gesellschaft. Und dieses viele Gold, dieses viele Getöse ... Skandalös ...

Sabine ist verrückt, er widerte Madame de Joncquoy. Haben Sie sie gesehen? Schauen Sie, man sieht sie ja von hier, sie hat alle Diamanten angelegt.

Sie standen einen Augenblick auf, um aus der Ferne den Grafen und die Gräfin zu betrachten. Sabine trug eine weiße Toilette mit wundervollen englischen Spitzen besetzt. Sie erstrahlte in Schönheit, Jugend, Heiterkeit; ein Rausch lag in ihrem ewigen Lächeln. Neben ihr stand Muffat, gealtert, ein wenig bleich, in seiner ruhigen Würde ebenfalls lächelnd.

Wenn man bedenkt, daß er der Herr ist, fuhr Madame Chantereau fort; daß nicht einmal ein Bänkchen ins Haus gebracht werden konnte ohne seinen Willen ... Sie hat alles verändert, jetzt ist es ganz ihr Heim ... Sie erinnern sich wohl der Zeit, als sie nicht einmal den Salon neu herrichten wollten ... Jetzt hat sie das ganze Haus umgewandelt.

Sie schwiegen, denn Madame Chézelles kam, gefolgt von einer ganzen Schar junger Herren, die entzückt waren und ihrer Bewunderung in lauten Ausrufen Luft machten.

Oh, köstlich, ausgezeichnet, wunderbar geschmackvoll.

Madame de Chézelles rief schon von weitem:

Ich sagte es wohl, es gibt nichts Prächtigeres, als wenn diese alten Häuser modernisiert werden. Das nimmt eine Anmut an! Nicht wahr, durchaus das große Jahrhundert. Endlich ist sie in der Lage, Gesellschaft bei sich zu empfangen.

Die beiden alten Damen hatten wieder Platz genommen und dämpften die Stimme, um von der bevorstehenden Heirat zu sprechen, die so viele Leute in Erstaunen setzte. Eben war Estella in einem Rosaseidenkleid, dürr und hager, mit ihrem stummen jungfräulichen Gesicht vorübergekommen. Sie hatte Daguenet ruhig angenommen. Sie hatte weder Freude noch Trauer darüber gezeigt; sie war noch immer so kalt und so weiß wie an den Winterabenden, als sie Holz in das Kaminfeuer legte. Dieses große Fest, das nur ihrethalben stattfand, diese Lichter, diese Blumen, diese Musik ließen sie völlig gleichgültig.

Ein Abenteuer, sagte Madame de Joncquoy. Ich habe ihn niemals gesehen.

Still, murmelte Madame Chantereau, hier kommt er.

Daguenet, der Madame Hugon und ihre Söhne bemerkte, beeilte sich, der alten Dame seinen Arm zu reichen, und er lachte und zeigte sich so höflich und zuvorkommend, als ob sie mitgewirkt habe, sein Glück zu begründen.

Ich danke Ihnen, sagte sie, vor dem Kamin Platz nehmend; sehen Sie, das ist mein altes Plätzchen.

Kennen Sie ihn denn? fragte Madame de Joncquoy, als Daguenet fertig war.

Gewiß, ein charmanter junger Mann ... Georges liebt ihn sehr, oh, eine der ehrenhaftesten Familien.

Die gute Dame verteidigte ihn gegen eine Feindseligkeit, die sie hier bemerkte. Sein Vater, von Louis Philipp sehr geschätzt, hatte bis zu seinem Tode eine Präfektur bekleidet. Er selbst habe vielleicht über die Schnur gehauen; man behaupte, er sei ruiniert. Auf jeden Fall werde einer seiner Oheime, ein Großgrundbesitzer, ihm sein Vermögen vererben. Doch diese Damen ließen die Köpfe sinken, während Madame Hugon, selbst ein wenig verlegen, immer wieder auf die Ehrenhaftigkeit seiner Familie zurückkam. Madame Hugon war sehr matt, sie beklagte sich über ihre Beine. Seit einem Monat bewohnte sie ihr Haus in der Richelieu-Straße; sie war nach der Stadt gekommen, um eine ganze Menge Angelegenheiten zu ordnen. Ein Schatten der Trauer verschleierte ihr mütterliches Lächeln.

Einerlei, schloß Madame Chantereau. Estella hätte, auf eine bessere Versorgung Anspruch gehabt.

Die Musik gab jetzt das Zeichen zu einer Quadrille. Die Gesellschaft zog sich nach beiden Seiten des Salons zurück, um den Tänzern Platz zu machen. Man sah jetzt helle Kleider hin und her gleiten und sich dann mit den schwarzen Röcken der Herren vermengen. Das blitzende Geschmeide, die Federn und Blumen auf den Köpfen der Damen boten in dem reichen Gaslichte, das die Gesellschaft beleuchtete, einen prächtigen Anblick. Es war bereits heiß im Saale, ein durchdringendes Parfüm stieg von den leichten Kleidern aus Seide und Atlas auf, in denen die weißen Schultern schimmerten. Durch die offenen Türen sah man in den benachbarten Zimmern viele Frauen sitzen, gemütlich plaudernd und sich Kühlung zufächelnd. Immer neue Gäste kamen; an der Türe stand ein Diener, der ihre Namen in den Saal hineinrief, während im Saale selbst die Herren ihre Damen unterzubringen suchten. Das Haus füllte sich immer mehr, immer dichtere Gruppen von Damen bildeten sich, und es gab in dem Salon einzelne Winkel, wo die Schleppen, Spitzen, Schleifen den Weg versperrten trotz der Höflichkeit, die man füreinander hatte. Im Garten sah man unter dem bleichen rosafarbenen Lichte der venezianischen Lampen einzelne Paare, die der Hitze des Salons entronnen waren und sich im schattigen Dunkel verloren. Hier begegnete Steiner Foucarmont und La Faloise, die am Büfett ein Glas Champagner tranken.

Sehr schick, rief La Faloise, indem er das auf vergoldeten Lanzen ausgespannte Purpurzelt betrachtete; man glaubt, auf dem Lebkuchenmarkt zu sein.

La Faloise spielte seit einiger Zeit fortwährend den Blasierten; er machte den Lebemann, der schon alles genossen hat und nichts mehr findet, was wert ist, ernst genommen zu werden.

Der arme Vandeuvres wäre doch überrascht, wenn er wiederkäme, murmelte Foucarmont. Sie erinnern sich noch, wie er da drin vor dem Kamin fast vor Langeweile umkam, es war damals wirklich nicht sehr heiter.

Lassen Sie mich mit diesem Vandeuvres, sagte La Faloise verächtlich. Der hat sich sehr geirrt, wenn er glaubte, mit der Geschichte, wie er sich mit seinen Pferden braten läßt, uns zu verblüffen. Kein Mensch spricht mehr davon. Gestorben und verdorben. Aus ist's. Gehen wir weiter.

Jetzt trat Steiner hinzu; nachdem er ihm die Hand gedrückt, sagte er:

Sie wissen, meine Herren, eben ist Nana angekommen. Oh, meine Kinder, das war ein Auftreten, großartig. Zunächst küßte sie die Gräfin, dann als die beiden Verlobten sich näherten, segnete sie diese, indem sie sagte: Höre, Paul, wenn du diesem Kinde Übles zufügst, wirst du es mit mir zu tun haben. Wenn Sie das nicht gesehen haben, haben Sie nichts gesehen.

Die beiden anderen hörten verblüfft mit offenem Munde zu. Schließlich lachten sie. Steiner war entzückt, er fand den Spaß ausgezeichnet.

Wie, hätten Sie geglaubt, daß solches geschehen könne ... Warum nicht? Hat doch Nana diese Ehe zusammengebracht. Übrigens gehört sie ja zur Familie.

Jetzt kamen die Brüder Hugon hinzu. Die Herren sprachen von der bevorstehenden Hochzeit. Georges war verdrossen über La Faloise, der die Geschichte erzählte.

Allerdings habe Nana dem Grafen einen ihrer »Ehemaligen« als Schwiegersohn an den Hals gehängt, aber es sei nicht wahr, daß sie noch gestern mit Daguenet geschlafen habe. Foucarmont erlaubte sich, die Achseln zu zucken. Kann man jemals wissen, wann Nana mit jemandem schläft? Darüber geriet Georges in Aufregung und rief: Ich, mein Herr, ich weiß es, was die ganze Gesellschaft in die höchste Heiterkeit versetzte.

Die Gesellschaft am Büffet wurde immer größer. La Faloise betrachtete in unverschämter Weise alles, als ob er auf dem Ball Mabille wäre. Im Dunkel einer Allee gab es eine Überraschung. Die Gesellschaft traf hier Herrn Venot im tiefen Gespräch mit Daguenet. Darüber flogen allerlei Scherzworte hin und her. Man sagte, er nehme ihm die Beichte ab und erteile ihm Ratschläge für die Brautnacht. Die Herren kamen jetzt vor einer der Salontüren vorbei; drin wurde eben eine Polka getanzt; die tanzenden Paare bildeten eine Art von Furche inmitten der in zwei Reihen aufgestellten Herren, die sich am Tanze nicht beteiligten. Von dem eindringenden Lufthauch angefacht, brannten die Kerzen sehr hoch. Wenn das Kleid einer Tänzerin im leichten Rauschen der Musikklänge vorüberflog, brachte es ein wenig Kühlung in die von den hohen Leuchtern herabströmende Hitze.

Alle Wetter, es ist da drin nicht kalt, murmelte La Faloise.

Aus dem Dunkel des Gartens zurückgekehrt, konnten sie in der Helle des Saales die Augen kaum offen halten. Sie zeigten einander den Marquis Chouard, der einsam dastand und mit seiner hohen Gestalt die nackten Schultern überragte, die ihn umgaben. Er hatte ein bleiches Gesicht, sehr streng und von einer hohen Würde unter seinem Kranze von gelichtetem, weißem Haar. Empört über das Betragen des Grafen Muffat, hatte er öffentlich mit diesem Hause gebrochen und tat, als ob er nie den Fuß dahin setzen werde. Wenn er doch eingewilligt, an diesem Abende zu erscheinen, so geschah es nur auf die inständige Bitte seiner Enkelin, deren Heirat er übrigens mißbilligte, und zwar mit Worten der Entrüstung gegen die Auflösung der herrschenden Klassen durch das moderne Laster.

Ach, es ist alles aus, flüsterte am Kamin Madame de Joncquoy der Madame Chantereau ins Ohr; diese Dirne hat den Unglücklichen verhext, den wir so stolz, so edel kannten. Es scheint, daß er sich auch finanziell ruiniert, fuhr Madame Chantereau fort. Mein Gatte hatte einen Wechsel von ihm in Händen gehabt ... Er lebt jetzt vollständig in der Villiers-Allee. Ganz Paris spricht davon. Mein Gott, ich will Sabine nicht entschuldigen, aber man muß zugeben, daß er ihr Grund genug gibt, sich zu beklagen und, mein Gott, wenn jetzt sie auch das Geld zum Fenster hinauswirft ...

Sie wirft wenigstens nur das Geld hinaus, unterbrach sie die andere. Schließlich werden sie zu zweien rascher fertig werden ... Sie wälzen sich förmlich im Schmutz, meine Liebe.

Sie wurden durch eine sanfte Stimme unterbrochen: es war Herr Venot; er nahm hinter ihnen Platz, gleichsam von dem Wunsche beseelt zu verschwinden.

Nun neigte er sich vor und sagte:

Warum sollen wir verzweifeln? Gottes Wille gibt sich kund, wenn wir schon alles verloren glauben.

Er sah ruhig den Niedergang dieses Hauses mit an, das er ehemals beherrscht hatte. Seit seinem Aufenthalt in Fondettes ließ er dem Verderben seinen Lauf in dem beruhigenden Bewußtsein seiner Ohnmacht. Er hatte alles hingenommen: die tolle Leidenschaft des Grafen für Nana, die Annäherung Faucherys an die Gräfin, endlich die Heirat Estellas mit Daguenet. Was kümmerten ihn diese Dinge? Er zeigte sich geschmeidiger und geheimnisvoller denn je und hoffte, das junge Ehepaar in seine Gewalt zu bekommen, wie er einst das entzweite Ehepaar in seiner Gewalt hatte. Er wußte wohl, daß große Verlegenheiten nur um so sicherer zur Einkehr führen. Die Stunde der Vorsehung wird kommen.

Unser Freund, fuhr er mit leiser Stimme fort, ist noch immer von den besten religiösen Gefühlen beseelt ... Er hat mir die demütigsten Beweise geliefert.

Wohlan, sagte Madame de Joncquoy, er müßte vor allem mit seiner Frau sich versöhnen.

Gewiß. Ich hoffe auch, daß diese Versöhnung stattfindet.

Da begannen die beiden Frauen ihn auszufragen. Doch er tat sehr zurückhaltend und meinte, man müsse den Himmel walten lassen. Sein einziger Wunsch sei, wenn er sich dem Grafen und der Gräfin wieder nähere, daß ein öffentlicher Skandal vermieden werde. Die Religion ist nachsichtig gegen die Schwächen der Menschen, wenn nur die Schicklichkeit gewahrt wird.

Aber schließlich, sagte Madame de Joncquoy, hätten Sie doch die Ehe mit diesem Abenteurer verhindern sollen.

Der kleine Greis nahm eine sehr erstaunte Miene an.

Sie irren sich; Herr Daguenet ist ein sehr verdienstvoller junger Mann ... Seine Ansichten sind mir bekannt. Er ist entschlossen, die Verirrungen seiner Jugend gutzumachen. Estella wird ihn leiten; Sie können dessen sicher sein.

Ach Estella ... machte Madame Chantereau im Tone der Mißachtung. Ich glaube, die Kleine hat gar keinen eigenen Willen. Sie ist unbedeutend ...

Diese Meinung entlockte Herrn Venot ein Lächeln. Im übrigen sprach er sich über die Braut nicht weiter aus. Er schloß die Augen zur Hälfte und verlor sich wieder in seinen Winkel hinter den Röcken der Frauen. Madame Hugon hatte in ihrer Erschöpfung einige Worte dieses Gespräches aufgefangen. Sie mischte sich in das Gespräch und sagte zum Marquis, der sie in diesem Augenblick begrüßte, nachsichtig:

Die Damen sind zu streng. Das Leben ist schwer und voll Versuchungen für jeden. Nicht wahr, mein Freund: Man muß den anderen viel vergeben, wenn man selbst der Vergebung würdig sein will?

Der Marquis war einen Augenblick in Verlegenheit; er fürchtete, dies sei eine Anspielung. Doch die gute Dame lächelte dazu so schmerzlich, daß er sich bald faßte und sagte:

Nein; für gewisse Vergehen gibt es keine Verzeihung. Eine solche Nachsicht wäre geeignet, eine ganze Gesellschaft in das Verderben zu stürzen.

Der Ball war inzwischen noch lebhafter geworden. Der Fußboden des Salons bebte unter einer neuen Quadrille, als ob das alte Haus von dem Getöse dieses Festes erschüttert worden sei. Unter den weißen Gesichtern trat da und dort das Antlitz einer Dame hervor, gerötet vom Tanze, mit leuchtenden Augen und dem Glanze des Gaslichtes auf der weißen Haut. Madame de Joncquoy erklärte, das Ganze habe keinen Sinn. Es sei eine Torheit, fünfhundert Personen in ein Haus einzuladen, wo kaum zweihundert Platz hätten. Da habe man lieber gleich auf dem Karusselplatz den Ehevertrag unterzeichnen sollen. Das brächten die neuen Sitten mit sich, bemerkte Madame Chantereau. Vormals gingen solche feierliche Akte im Familienkreise vor sich; heute brauche man eine große Menge dazu. Die ganze Straße trete ohne weiteres in den Salon; man glaube, das Fest sei unvollständig, wenn nicht einer dem anderen auf die Hühneraugen trete. Man hänge den Luxus seines Hauses an die große Glocke; man führe den Abschaum von Paris bei sich ein; kein Wunder, wenn ein solches Gemengsel hinterher den häuslichen Herd verunreinige. Die Damen klagten denn auch, daß sie nicht fünfzig Personen in der ganzen Gesellschaft kennten. Woher kommen alle diese Leute? Junge Mädchen tragen ihre nackten Schultern zur Schau. Eine der Damen trägt einen goldenen Pfeil, während eine Perlenstickerei sie wie mit einem Netzpanzer umhüllt. Eine andere hat so enganliegende Röcke, daß man sie nicht ohne Lächeln ansehen kann. Die Frau des Hauses versammelt allerlei Tagesbekanntschaften um sich; die besten Namen neben der größten Schmach, alles von der gleichen Genußsucht ergriffen. Die Hitze stieg immer mehr, die Quadrille entrollte ihre gleichmäßigen Figuren inmitten der überfüllten Säle.

Die Gräfin ist sehr schick, sagte La Faloise an der Salontür; sie sieht um zehn Jahre jünger aus als ihre Tochter. Hören Sie mal, Foucarmont; Sie werden uns da Auskunft geben können; Vandeuvres hat gewettet, sie habe keine Waden.

Diese Roheit verdroß die Herren. Foucarmont begnügte sich zu sagen:

Fragen Sie Ihren Vetter, mein Lieber, da kommt er eben.

Schau, das ist eine Gedanke, rief La Faloise. Ich wette zehn Louis, daß sie Waden hat.

Fauchery kam herbei. Als Freund des Hauses war er durch den Speisesaal gekommen, um dem großen Gedränge aus dem Wege zu gehen. Seit Beginn des Winters befand sich der Journalist wieder in den Banden Rosa Mignons, so daß er sich zwischen der Gräfin und der Sängerin teilen mußte. Dieses Leben ermüdete ihn sehr, doch wußte er nicht, in welcher Weise er sich von der einen oder der anderen befreien sollte. Sabine schmeichelte seiner Eitelkeit; Rosa amüsierte ihn mehr. Überdies liebte ihn die Schauspielerin mit einer wahren Leidenschaft, mit einer fast ehelichen Treue, die Mignon fast zur Verzweiflung brachte.

Höre, wir wollen eine Auskunft von dir haben, sagte La Faloise, den Arm seines Vetters ergreifend. Siehst du die Dame dort in weißer Seide?

Seitdem seine Erbschaft ihm eine unverschämte Keckheit verlieh, erlaubte sich La Faloise öfter Späße mit seinem Vetter; er wollte sich in dieser Weise für die Neckereien rächen, mit denen Fauchery ihn plagte, als er aus der Provinz nach Paris gekommen war.

Ja, die mit Spitzen geschmückte Dame, fügte er hinzu, der Richtung folgend, in der Fauchery suchte.

Der Journalist erhob sich auf die Fußspitzen und begriff noch immer nicht.

Die Gräfin? sagte er endlich.

Ja. Ich habe zehn Louis gewettet, daß sie Waden hat. Ist's richtig?

Er lachte laut, entzückt darüber, daß es ihm gelungen war, diesem langen Burschen eins zu versetzen, der ihn einst mit der Frage, ob die Gräfin ihren Mann betrüge, so sehr außer Rand und Band brachte.

Doch Fauchery war keineswegs verwundert; er schaute ihm gerade ins Gesicht und sagte endlich ruhig:

Geh, blöder Kerl.

Dann wechselte er Händedrücke mit den Herren, während La Faloise, aus der Fassung gebracht, nicht ganz sicher wußte, ob er etwas Drolliges gesagt habe. Man plauderte. Seit den Wettrennen gehörten der Bankier und Foucarmont zur Gesellschaft des Hauses in der Villiers-Allee. Nana befand sich schon besser; der Graf kam allabendlich, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Fauchery hörte diesen Gesprächen mit zerstreuter Miene zu. Am Morgen hatte er einen Streit mit Rosa, bei welcher Gelegenheit die Schauspielerin ihm glatt erklärte, daß sie jenen Brief dem Grafen zugeschickt habe. Ja, er könne jetzt bei seiner noblen Dame erscheinen; er werde schön empfangen werden. Nach langem Zögern hatte er sich ein Herz gefaßt und war doch gekommen; doch der Scherz des La Faloise hatte ihn in seiner scheinbaren Ruhe gestört.

Was ist Ihnen? fragte Philipp. Sie scheinen nicht wohl zu sein?

Durchaus nicht ... Ich habe gearbeitet, deshalb komme ich so spät.

Dann fügte er mit jener kalten Gleichgültigkeit, die so oft die Tragödien des Alltagslebens auslöst, hinzu:

Ich habe die Herrin des Hauses noch nicht begrüßt; man darf nicht unhöflich sein. Und zu La Faloise gewandt:

Nicht wahr, du Rindvieh?

Er bahnte sich einen Weg durch die Menge. Die volltönende Stimme des Türstehers rief keine Namen mehr in den Saal. Dennoch standen der Graf und die Gräfin noch am Eingang des Saales im Gespräch mit mehreren Damen. Endlich konnte er sich ihnen nähern, während die Herren auf den Stufen, die in den Garten führten, verblieben, um der Szene beizuwohnen. Nana schien geschwatzt zu haben.

Der Graf hat ihn nicht bemerkt, murmelte Georges. Aufgepaßt, da ist er.

Das Orchester hatte eben den Walzer aus der »Blonden Venus« wieder angestimmt. Der Journalist grüßte zuerst die Gräfin, die in ihrem glücklichen Frohsinn stets lächelte. Dann stand er einen Augenblick unbeweglich hinter dem Grafen und wartete geduldig. Der Graf bewahrte an diesem Abend seinen ganzen Stolz, seine hohe Würde. Als er endlich auf den Journalisten herabblickte, übertrieb er noch seine majestätische Haltung. Die beiden Männer blickten einander einige Sekunden an. Fauchery reichte ihm zuerst die Hand; Muffat ergriff sie. Ihre Hände ruhten ineinander; die Gräfin lächelte mit gesenkten Augen; der Walzer tönte mit seinen schelmischen Klängen fort ...

Es geht ja vortrefflich, sagte Steiner.

Sind ihre Hände ineinander verflochten? fragte Foucarmont, überrascht von der langen Dauer ihres Händedruckes.

Eine unwillkürliche Erinnerung rötete in diesem Augenblicke die bleichen Wangen Faucherys. Er sah das Requisitenmagazin des Varietétheaters wieder mit seinem Zwielicht und seinem staubbedeckten Gerümpel. Und er sah den Grafen mit dem Eierbecher in der Hand und mit dem Argwohn kämpfend, der in ihm aufgetaucht. In dieser Stunde war es kein Argwohn, kein Zweifel mehr; der letzte Rest der Würde des Grafen Muffat ging unter. Fauchery, der seine Angst schwinden fühlte und die Gräfin heiter lächeln sah, bekam Lust, laut aufzulachen. Er fand die Lage höchst komisch.

Ah, da kommt ja auch Nana, rief La Faloise, der einen Scherz nicht unterdrücken konnte, wenn er ihn nur für gut hielt.

So schweig' doch, Idiot, murmelte Philipp.

Ich sage euch, sie kommt; man spielt ihr zu Ehren den Walzer aus der »Blonden Venus«; sie hat ja auch ihre Rolle bei der Versöhnung. Seht ihr sie nicht? Sie drückt alle ans Herz, erst meinen Vetter, dann meine Kusine und zuletzt ihren Gemahl; sie nennt sie ihre lieben kleinen Kätzchen. Ich kann es nicht mit ansehen; diese Familienszenen rühren mich zu tief.

Jetzt näherte sich Estella ihren Eltern. Fauchery beglückwünschte sie, während sie, in ihrem Rosakleid sich kerzengerade haltend, ihn mit der erstaunten Miene eines schweigsamen Kindes betrachtete und bald ihren Vater, bald ihre Mutter flüchtig anblickte. Auch Daguenet tauschte einen warmen Händedruck mit dem Journalisten aus. Sie bildeten eine heitere Gruppe, und hinter ihnen schlich Herr Venot umher, glücklich über diese letzten Erniedrigungen, die offenbar die Wege der Versöhnung bahnten.

Im Saale ertönten noch immer die verlockenden Klänge des Walzers. Das Tanzvergnügen stieg in den Räumen dieses alten Hauses immer höher wie die Meeresflut. Lustig erklangen die Triller der kleinen Flöten und schwermütig das Seufzen der Violinen. Unter den schweren Genueser Samtteppichen, dem Goldzierat und den köstlichen Malereien verbreiteten die Leuchter Tageshelle, während die Menge der Gäste, durch die zahlreichen Spiegel vervielfacht, sich immer mehr auszubreiten schien mit dem wachsenden Gemurmel ihrer Stimmen. Der Fußboden erbebte unter den gleichmäßigen Bewegungen der tanzenden Paare, die zwischen den Damen dahinschwebten, die längs der Wände auf den Sofas und Sesseln Platz genommen hatten. Im Garten beleuchteten die venezianischen Laternen mit mattem Lichte die Spaziergänger, die draußen ein wenig frische Luft schöpfen wollten. Und dieses Erbeben der alten Mauern, diese Helle im Garten waren wie das letzte Aufflackern der alten Ehre dieses Hauses, die jetzt in Trümmer ging. Die schüchterne Heiterkeit, die Fauchery einst an einem Aprilabende mit dem Klange eines brechenden Glases verglich, hatte seither an Kühnheit zugenommen und sich bis zu dem heutigen Glanzfeste erhoben. Die Torheit wuchs immerfort; sie ergriff das ganze Haus und kündigte den nahen Untergang an. Bei den Trunkenbolden der Vorstädte kündet der Ruin der Familien sich dadurch an, daß das Brot aus dem Schreine verschwindet, ein Stück Bettzeug nach dem andern dem Moloch Alkohol zum Opfer fällt. Hier ertönten die heiteren Klänge eines Walzers zu dem Untergange eines alten Geschlechtes, während der Geist Nanas unsichtbar über dieser tanzenden Menge schwebte, jener Geist, der das Gift seiner Verderbnis in diese Gesellschaft trägt, um sie zu zersetzen.

Am Abend des Tages, als die kirchliche Trauung Estellas stattfand, erschien der Graf im Zimmer seiner Gattin, das er seit zwei Jahren nicht betreten hatte. Die Gräfin wich sehr überrascht anfangs zurück, doch bald kehrte ihr heiteres Lächeln wieder. Der Graf war in Verlegenheit und vermochte kaum einige Worte hervorzubringen. Sie hielt ihm in schonender Weise eine Moralpredigt. Zu einer deutlichen Erklärnung kam es indes zwischen ihnen nicht. Die Religion erheischte diese gegenseitige Vergebung, und sie schlossen stillschweigend den Pakt, einander völlige Freiheit zu lassen. Bevor sie zu Bette gingen, sprachen sie von Geschäften. Der Graf war der erste, der von dem Verkaufe der Besitzung Les Bordes sprach. Sie willigte sofort ein. Sie hatten ja große Bedürfnisse und würden den Erlös teilen. Das machte die Versöhnung vollständig. Muffat fühlte sich sehr erleichtert.

An diesem Tage schlief Nana noch um zwei Uhr nachmittags. Zoé erlaubte sich daher, an ihre Zimmertür zu pochen. Die Vorhänge waren aufgezogen; ein warmer Lufthauch drang durch das offene Fenster in das halbdunkle Zimmer. Nana war im Begriff, sich aus dem Bette zu erheben und fragte:

Wer ist's?

Zoé wollte antworten, als Daguenet, sie beiseite schiebend, plötzlich eintrat.

Nana stützte den Ellenbogen auf das Kissen, schickte die Kammerfrau hinaus und rief aus:

Wie, du bist's? Am Tage deiner Vermählung? Was gibt es denn?

Er blieb, überrascht von dem Halbdunkel, mitten im Zimmer stehen. Als seine Augen sich an das Zwielicht des Zimmers gewöhnt hatten, trat er vor. Er war in Frack, weißer Krawatte und weißen Handschuhen.

Jawohl, ich bin's. Du erinnerst dich doch?

Nein, sie erinnerte sich an nichts.

Ich bringe dir deine Vermittlungsgebühr: die Erstlinge meiner Junggesellenschaft.

Sie umschlang ihn mit ihren nackten Armen und lachte so herzlich, daß ihr die Tränen in die Augen traten.

Sie fand es außerordentlich artig von ihm.

Ach, dieser Mimi! ist der drollig! Hat er an das gedacht! Ich hatte es längst vergessen. Du hast dich also losgemacht; du kommst ja eben aus der Kirche; du riechst ja nach Weihrauch. So küsse mich doch. Stärker, mein Mimi, es ist vielleicht zum letzten Mal.

In dem dunklen Zimmer, das noch geschwängert von dem Ätherduft war, verhallte langsam ihr zärtliches Lachen ... Daguenet konnte sich nicht lange aufhalten, er mußte nach dem Imbiß die Hochzeitsreise mit seiner jungen Frau antreten.