Lesen Sie synchronisiert mit  Französisch 
Nana.  Émile Zola
Kapitel 13.
< Zurück  |  Vorwärts >
Schrift: 

Es war gegen Ende des Monats September. Graf Muffat, der an diesem Abende bei Nana speisen sollte, kam in der Dämmerung, um sie zu benachrichtigen, daß er plötzlich zum Dienste in die Tuilerien befohlen sei. Im Hause waren die Lichter noch nicht angezündet, die Dienerschaft unterhielt sich sehr geräuschvoll in der Küche. Der Graf stieg leise die Treppe empor, die in einem angenehmen Dunkel lag. Oben öffnete er geräuschlos die Salontür. An der Decke des Zimmers waren die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu sehen; die roten Vorhänge, die breiten Sofas, die Lackmöbel, diese ganze Fülle von gestickten Stoffen, Bronzen, Porzellan lag bereits im abendlichen Dunkel. Doch hier in dieser Dunkelheit, die durch nichts unterbrochen wurde als durch einen breiten, weißen Frauenrock, sah er Nana in den Armen Georges liegen. Da war kein Leugnen möglich. Er blieb betroffen stehen und stieß einen erstickten Schrei aus. Nana war mit einem Sprung in der Höhe und schob den Grafen in ihr Toilettezimmer, um den Kleinen Zeit zu lassen durchzugehen.

Sie war in Verzweiflung über diese Überraschung. Noch nie hatte sie sich in dieser Weise im Salon bei offenen Türen vergessen. Sie mußte dem Grafen eine ganze Geschichte erzählen, um ihn zu besänftigen. Sie hatte einen großen Streit mit Georg gehabt, der wahnsinnig eifersüchtig auf seinen Bruder Philipp sei; er schluchzte so heftig an ihrem Halse, daß sie sehr gerührt war und nicht wissend, wie sie ihn besänftigen sollte, sich ihm überließ. Und gerade bei der einzigen Gelegenheit, wo sie sich diesem Burschen, der ihr ja nicht einmal einen Veilchenstrauß bieten konnte, so kurz wurde er von seiner Mama gehalten, hingab, gerade bei dieser einzigen Gelegenheit mußte der Graf sie überraschen; wahrhaftiges Pech. Das hat man davon, wenn man gut ist.

Inzwischen war es in dem Zimmer, wohin sie den Grafen geschoben hatte, ganz finster geworden. Sie schellte wütend, um eine Lampe zu verlangen. Der Esel Julien ist an allem schuld; hätte er in den Salon eine Lampe gebracht, so wäre alles nicht geschehen.

Ich bitte dich, mein Kätzchen, sei vernünftig, sagte sie, nachdem Zoé die Lampe gebracht hatte.

Der Graf, noch immer außer sich über das, was er gesehen, saß, die Hände auf den Knien, und blickte starr auf den Boden. Kein Wutschrei entrang sich seiner Kehle; er zitterte, wie von Furcht geschüttelt. Dieser stumme Schmerz rührte Nana, sie versuchte ihn zu trösten.

Nun ja, ich habe gefehlt; es war nicht recht von mir, was ich getan. Du siehst, ich bereue meine Schuld. Es tut mir weh, daß dich das kränkt. Sei nun auch vernünftig und vergib mir.

Sie hatte sich zu seinen Füßen niedergehockt und suchte mit unterwürfiger Zärtlichkeit seinen Blick, um zu sehen, ob er noch zürne. Als sie sah, daß er sich nach einem tiefen Seufzer allmählich fasse, wurde sie schelmisch und sagte mit einer gewissen Gutmütigkeit:

Schau, mein Lieber, du wirst begreifen ... Ich kann das meinen armen Freunden nicht verweigern.

Der Graf ließ sich besänftigen; aber er forderte, daß sie Georges entferne. Alle Täuschung war vorbei; er glaubte nicht mehr an die geschworene Treue. Nana wird ihn am nächsten Tage wieder betrügen, und er hielt an ihr nur noch fest, weil der Gedanke, ohne sie zu leben, ihn unglücklich machte.

Dies war jene Zeit in dem Leben Nanas, wo sie ganz Paris durch ihren Glanz blendete. Sie wuchs noch am Horizonte des Lasters und beherrschte die Stadt durch die Unverschämtheit, mit der sie ihren Luxus auf die Straße trug, durch ihre Verachtung des Geldes, in der sie große Vermögen mit Füßen trat. Ihr Haus schien ein ewiger Feuerherd zu sein, auf dem ihre unendlichen Begierden flackerten. Ein Hauch von ihren Lippen verwandelte das Gold in einen feinen Staub, den der Wind Stunde um Stunde davontrug. Niemals hatte man eine solche Wut, das Geld auszugeben, gesehen. Das Haus schien über einem Abgrund erbaut zu sein, der die Männer samt ihrem Vermögen, ihrem Körper und ihrem Namen verschlang, ohne eine Spur von ihnen zurückzulassen. Dieses Mädchen, das bei Tische den Appetit eines Papageis hatte, das Radieschen und Krachmandeln aß, das Fleisch nur kostete, hatte monatlich eine Küchenrechnung von fünftausend Franken. In der Küche herrschte eine schamlose Wirtschaft. Bis die Rechnungen vorgelegt wurden, mußten sie durch drei und vier Hände gehen, die alle stahlen. Victorine und Franz herrschten unumschränkt in der Küche und hatten fortwährend Gäste, abgesehen von einer ganzen Menge Vettern, die ihren Hausbedarf von ihnen bezogen. Julien bedang sich seinen Profit bei den Lieferanten. Es durfte keine Scheibe für dreißig Sou eingeschnitten werden, ohne daß zwanzig für ihn auf die Rechnung kamen. Charles fraß den Hafer der Pferde; was durch das Tor hereingebracht wurde, verkaufte er durch die Hinterpforte. Zoé suchte den äußeren Schein zu retten und beschützte den Diebstahl aller übrigen, um so sicherer stehlen zu können. Dabei herrschte eine wahnsinnige Verschwendung; massenhafte Speisereste wanderten in den Ausguß, die Diener mochten nichts mehr davon; in den Gläsern stand das Zuckerwerk tagelang; die Gasflammen brannten Tag und Nacht, daß fast die Mauern barsten. Dazu kamen allerlei Nachlässigkeiten, Bosheiten und Zufälligkeiten.

Alles geschah, was den Ruin eines Hauses beschleunigen kann, das von so vielen Mäulern verschlungen wird. In den Zimmern Madames ging es noch ärger zu. Da gab es Kleider zu zehntausend Franken, die von Madame zweimal getragen und dann durch Zoé verkauft wurden. Da kam es vor, daß Juwelen aus den Kästen verschwanden. Da wurden Neuheiten vom Tage angekauft und am folgenden Tage in irgendeinen Winkel vergessen, auf die Straße hinausgekehrt. Sie konnte keinen kostbaren Gegenstand sehen, ohne sofort Verlangen danach zu tragen. So häufte sich in ihrer Umgebung ein Plunder von Blumen und kostbaren kleinen Gegenständen an, und je kostspieliger ihre Launen waren, um so glücklicher fühlte sie sich. Nichts blieb in ihren Händen, sie zerbrach alles. Zwischen ihren kleinen weißen Fingern wurde alles welk und schmutzig, Kot und Fetzen bezeichneten die Spuren ihrer Schritte. Mit der Zeit kamen dann große Rechnungen; zwanzigtausend Franken bei der Modistin, dreißigtausend Franken bei der Wäschelieferantin, zwölftausend Franken beim Schuhmacher; der Stall verschlang fünfzigtausend Franken. In sechs Monaten machte sie bei ihrem Schneider eine Rechnung von hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Ohne ihren Haushalt zu vergrößern, den Labordette auf vierhunderttausend Franken im Durchschnitte schätzte, kam sie nach Ablauf eines Jahres bis zu einer Million. Sie war selbst verblüfft über diese Ziffer und vermochte nicht zu sagen, wo das Geld hingekommen. Alle diese Männer, einer auf dem Rücken des andern sitzend, all das viele Geld, das sie mit vollen Händen ausstreute, vermochte das ungeheure Loch nicht zu stopfen, das unter ihrem Hause gähnte.

Nana nährte eine letzte Laune, sie wollte ihr Zimmer noch einmal frisch einrichten. Sie glaubte endlich, das Rechte gefunden zu haben; ein Stoff, von der Farbe der Teedosen, mit kleinen silbernen Püffchen, in der Form eines Zeltes bis zur Decke aufgespannt, mit goldenen Schnüren und Spitzen garniert. Das schien ihr zugleich reich und zart zu sein, ein wunderbarer Hintergrund für ihre Haut. Und dieses Zimmer sollte nur gewissermaßen als Rahmen für das Bett dienen, und dieses Bett sollte ein wahres Wunder an Pracht werden. Nana träumte von einem Bette, das nicht existierte, von einem Throne, einem Altar, zu dem ganz Paris pilgern sollte, um ihre alles beherrschende Nacktheit anzubeten. Das Bett sollte ganz aus getriebenem Gold und Silber gefertigt werden. Goldene Rosen auf silbernen Stengeln. Zu Häupten sollte eine Schar von Amoretten, mitten unter Blumen umhergestreut sich lachend herniederbeugen, um nach dem wollüstigen Spiel hinter den Vorhängen zu spähen. Sie hatte sich in dieser Angelegenheit an Labordette gewendet, der ihr zwei Goldschmiede brachte. Man beschäftigte sich bereits mit den Zeichnungen, das Bett würde auf fünfzigtausend Franken zu stehen kommen, und Muffat sollte es ihr zu ihrem Geburtstag zum Geschenk machen.

Inmitten dieses Geldstromes, der ihr durch die Finger floß, befand sie sich fortwährend in Geldverlegenheiten. An manchen Tagen mangelte es ihr an einigen Louisdors, und sie mußte bei Zoé eine Anleihe machen, oder sie verschaffte sich selbst das Geld, wie sie eben konnte. Doch bevor sie zu den äußersten Mitteln Zuflucht nahm, wandte sie sich gewöhnlich an ihre Freunde und entlieh von ihnen scherzhaft, was sie eben bei sich hatten, oft einige Sous. Seit drei Monaten säckelte sie in dieser Weise Philipp Hugon aus. In solchen kritischen Momenten konnte er nicht mehr in ihrem Hause erscheinen, ohne sein Portemonnai zurückzulassen. Durch die Übung kühn gemacht, verlangte sie von ihm bald zweihundert, bald dreihundert Franken, selten mehr, um kleine Rechnungen, dringende Schulden zu bezahlen. Und Philipp, der seit dem Monat Juli zum Kapitänschatzmeister ernannt war, brachte jedesmal am folgenden Tage das Geld, wobei er sich noch entschuldigte, daß er nicht reich genug sei, um ihr das Verlangte aus eigener Tasche zu bieten, da Madame Hugon jetzt ihre Söhne sehr knapp hielt. Nach Verlauf von drei Monaten erreichten die kleinen Darlehen eine Höhe von zehntausend Franken. Der Kapitän lachte noch immer dazu, aber er wurde dabei sichtlich mager, schien oft zerstreut, ein Schatten des Leidens lag auf seinem Gesicht. Doch ein Blick von Nana genügte, um ihn völlig umzuwandeln und in eine Art von sinnlicher Verzückung zu versetzen. Sie war sehr zärtlich zu ihm, betäubte ihn mit kleinen Liebkosungen hinter allen Türen, fesselte ihn durch plötzliche Hingabe, die ihn an ihre Röcke festband, jeden Augenblick, den ihm sein Dienst frei ließ.

Als Nana eines Abends sagte, daß sie auch Therese heiße, und daß ihr Namensfest auf den 15. Oktober falle, schickten alle Herren ihr Geschenke. Auch Kapitän Philipp brachte das seinige, eine alte Konfektbüchse von sächsischem Porzellan mit Goldverzierung. Er traf sie allein in ihrem Toilettezimmer, eben aus dem Bade steigend, mit einem großen Badetuch von weiß- und rotgestreiftem Flanell umhängt und aufmerksam die auf dem Toilettetisch ausgebreiteten Geschenke betrachtend. Schon hatte sie ein Flakon von Bergkristall zerbrochen, indem sie es zu entkorken versuchte.

Du bist sehr liebenswürdig, sagte sie. Zeig' einmal! ... Du bist ein Kind, daß du dein Geld für solche Kleinigkeiten ausgibst ...

Sie zankte ihn aus, weil er nicht reich sei, im Grunde war sie entzückt darüber, daß er all sein Geld für sie ausgab, was in ihren Augen der einzige Liebesbeweis war.

Inzwischen bearbeitete sie die Konfektbüchse, indem sie sie immer wieder öffnete und schloß, um zu sehen, wie stark das Ding sei.

Gib acht, es ist gebrechlich, murmelte er.

Sie zuckte die Achseln. Glaubt er etwa, sie habe Hände wie ein Lastträger? Plötzlich blieb ihr der untere Teil in der Hand; der Deckel aber fiel zu Boden und zerbrach.

Sie stand sprachlos da und starrte auf die Scherben am Boden.

Ach, es ist zerbrochen, sagte sie.

Dann begann sie zu lachen. Die Scherben am Boden kamen ihr drollig vor. Es war eine nervöse Heiterkeit, das dumme, boshafte Gelächter eines Kindes, das am Zerstören seine Freude hat. Philipp war einen Augenblick empört; die Unglückliche wußte nicht, welchen Kummer die Erwerbung dieser Kleinigkeiten ihn kosteten. Als sie ihn so bekümmert sah, versuchte sie, an sich zu halten.

Ei, war's denn meine Schuld? sagte sie dann. Das war ja nur zusammengeleimt; diese alten Sachen sind so gebrechlich.

Und sie brach von neuem in Gelächter aus; aber als sie sah, daß seine Augen sich mit Tränen füllten, fiel sie ihm um den Hals.

Sei nicht kindisch, rief sie; ich liebe dich dennoch. Was täten die Kaufleute, wenn man nichts zerbräche? All das ist nur gemacht, um zu zerbrechen und zu zerreißen. Schau, beispielsweise dieser Fächer ...

Sie nahm einen Fächer vom Tische und zog ihn in einer Weise auseinander, daß er sofort in der Mitte zerriß. Das schien sie noch mehr aufzuregen. Um ihm zu zeigen, daß sie die anderen Geschenke gering achte, machte sie sich den Spaß, die ganze Sammlung zu zertrümmern, indem sie ihm so gleichsam den Beweis lieferte, daß nicht ein einziger Gegenstand fest sei. Dabei leuchteten ihre Augen; die Lippen waren aufgeworfen, daß die weißen Zähne hindurchschimmerten.

Dann, als alles in Scherben war, schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch und rief mit lautem Gelächter:

Nichts ist mehr da, nichts ...

Philipp, mitgerissen von diesem Taumel, wurde nun auch lustig, er beugte sie zurück und küßte ihren Busen. Sie überließ sich ihm, hängte sich an seine Schultern und war sehr zufrieden; sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie sich so gut unterhalten habe. Ohne ihn loszulassen, sagte sie dann in zärtlichem Tone:

Nicht wahr, mein Lieber, du bringst mir morgen zehn Louis? ... Eine Dummheit; eine Rechnung meines Bäckers, der mich quält ...

Er erbleichte; dann küßte er sie noch ein letztes Mal und sagte einfach:

Ich werde trachten.

Stillschweigen trat ein. Nana kleidete sich an. Er stand am Fenster und lehnte die Stirne an die Scheiben. Nach einigen Augenblicken kam er zurück und sagte:

Nana, du solltest meine Frau werden.

Dieser Gedanke versetzte sie plötzlich in eine solche Heiterkeit, daß sie nicht imstande war, ihre Unterröcke festzubinden.

Mein armes Hündchen, du bist krank ... Weil ich zehn Louis von dir entlehne, bietest du mir deine Hand an ... Niemals ... Ich liebe dich zu sehr. Das wäre eine Dummheit ...

Jetzt trat Zoé ein, um ihr die Schuhe anzuziehen, und sie sprachen nicht weiter davon. Die Zofe hatte sofort die Scherben der Namenstagsgeschenke auf dem Tische erblickt. Sie fragte, ob diese Dinge aufzubewahren seien, und als ihre Herrin sagte, das sei hinauszuwerfen, packte sie das Ganze in ihre Schürze; in der Küche teilte man sich dann in die Scherben.

Gegen Nanas Verbot war auch Georges an diesem Tage erschienen. Franz hatte ihn eintreten gesehen, aber die Dienstleute machten sich über Madames Verlegenheiten nur lustig. Es gelang Georges, bis in den kleinen Salon zu dringen; dort hielt ihn die Stimme seines Bruders zurück. Wie festgenagelt, hörte er hinter der Tür die ganze Szene mit an, die Küsse, den Heiratsantrag. Er entfernte sich, von Entsetzen erstarrt, mit dem Gefühl einer ungeheuren Leere im Kopfe. Erst zu Hause, in seinem Zimmer, das über dem seiner Mutter lag, machte er seinem Schmerz in heftigem Schluchzen Luft. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr. Ein abscheuliches Bild richtete sich vor ihm auf: Philpp in den Armen Nanas, das schien ihm Blutschande zu sein. Als er etwas beruhigt war, kehrte die Erinnerung wieder. Ein neuer Anfall eifersüchtiger Wut warf ihn auf das Bett; er biß in die Tücher und schrie wilde Worte, die ihn noch mehr in Wut versetzten. So verfloß der Tag. Er schützte Kopfschmerzen vor, um sich in seinem Zimmer einschließen zu können. Doch die Nacht war noch schrecklicher; ein furchtbares Fieber schüttelte ihn unter fortwährenden Traumgeschichten. Hätte sein Bruder im Hause gewohnt, er würde ihn erstochen haben. Am Morgen suchte er, Vernunft anzunehmen. Er sagte sich, daß er selbst sterben müsse; er werde beim Nahen eines Wagens aus dem Fenster springen, um überfahren zu werden. Um zehn Uhr ging er aus; er lief durch ganz Paris, trieb sich auf den Brücken herum und fühlte im letzten Augenblick ein unüberwindliches Bedürfnis, Nana noch einmal zu sehen. Vielleicht rettete sie ihn mit einem Worte? Um drei Uhr betrat er das Haus in der Villier-Allee.

Um die Mittagsstunde war eine furchtbare Nachricht gekommen, die Madame Hugon niederschmetterte. Philipp war seit dem vorhergehenden Abend im Gefängnis. Man beschuldigte ihn, der Regimentskasse zwölftausend Franken entwendet zu haben. Schon seit drei Monaten entnahm er der Kasse kleinere Summen, die er zu ersetzen hoffte, während er inzwischen das Fehlen durch falsche Belegstücke verheimlichte. Dank der nachlässigen Kontrolle gelangen ihm diese Betrügereien. Gebeugt von dem Verbrechen ihres Kindes, galt der erste Wehruf der unglücklichen Mutter dieser Nana. Sie kannte das Verhältnis Philipps zur Dirne. Ihre stetige Traurigkeit entstammte diesem Unglück, das sie in Paris zurückhielt, weil sie ein Unglück fürchtete. Doch war sie auf ein solches Maß von Schande nicht gefaßt und machte sich Vorwürfe darüber, daß sie ihn zu knapp gehalten hatte. Sie saß, durch die Gicht gefesselt, in einem Sessel und fühlte sich unfähig, einen Schritt zu tun. Sie sehnte den Tod herbei. Doch die plötzliche Erinnerung an Georges verlieh ihr einigen Trost. Georges war da; der konnte handeln, vielleicht sie alle retten. Ohne jemandem ein Wort zu sagen, da sie niemand in die Sache einweihen wollte, schleppte sie sich zum Zimmer Georges, sich an den Gedanken klammernd, daß noch jemand da sei, der ihrem Herzen nahestehe. Oben fand sie das Zimmer leer. Der Haushofmeister sagte ihr, Herr Georges sei frühzeitig ausgegangen. Dieses Zimmer ließ ein neues Unglück ahnen. Das in Unordnung befindliche Bett, ein Durcheinander von umgestürzten Sesseln und auf dem Boden umherliegenden Kleidern verkündeten Unheil. Georges mußte bei diesem Weibe sein ... Und Madame Hugon stieg trockenen Auges und getragen von ihrer Willenskraft die Treppen hinab. Sie wollte ihre Söhne haben und ging, um sie zurückzufordern.

Seit dem Morgen hatte Nana mannigfache Verdrießlichkeiten. Seit neun Uhr belästigte sie der Bäcker mit seiner Rechnung, einem wahren Bettel; hundertdreiunddreißig Franken für Brot, die sie trotz ihres königlichen Haushaltes nicht zu bezahlen vermochte. Zwanzigmal kam er wieder, wütend darüber, daß man ihm die Kundschaft entzogen, seitdem er den Kredit gekündigt hatte. Die Dienstleute nahmen Partei für ihn. Franz sagte, Madame werde ihn nie bezahlen, wenn er ihr nicht eine ordentliche Szene machte. Charles drohte, daß auch er hinaufgehen wolle, um für eine rückständige Strohrechnung Bezahlung zu fordern. Victorine riet, man solle warten, bis ein Herr zu Besuch komme, und dann in Gegenwart des Herrn Bezahlung fordern. Das ganze Dienstpersonal machte einen Sport daraus, gegen die Herrin zu hetzen. Sämtliche Lieferanten wurden auf dem laufenden erhalten. Da gab es stundenlange Tratschereien; da wurde Madame förmlich entkleidet, aus der Haut geschält, verrissen, und zwar mit dem Eifer eines Dienstpersonals, das der Hafer sticht. Bloß Julien, der Haushofmeister tat, als ob er Madame verteidigen wolle, und als die anderen ihn beschuldigten, daß er mit ihr schlafe, lachte er mit geckenhafter Miene, was die Köchin außer sich brachte. Wenn sie ein Mann wäre, sagte sie, würde sie dieser Gattung von ekelhaften Weibern auf den Hintern speien. Franz hatte in boshafter Weise den Bäcker im Vorraum aufgestellt, ohne Madame etwas zu sagen. Als sie zum Frühstück kam, fand sie sich ihm gegenüber. Sie nahm die Rechnung und sagte, er möge um drei Uhr wiederkommen. Er entfernte sich unter allerlei Schimpfreden und schwur, pünktlich wiederzukommen und, falls er nicht bezahlt würde, sich auf irgendeine Weise bezahlt zu machen.

Unter dem Eindruck dieser Szene frühstückte Nana mit geringem Appetit. Sie mußte sich dieses Menschen entledigen, dachte sie. Zehnmal hatte sie schon das Geld für ihn beiseitegelegt und immer war es wieder weggegangen; einmal für Blumen, ein andermal bei einer Kollekte für einen invaliden Gendarmen. Sie rechnete übrigens auf Philipp und war erstaunt, daß er mit seinen zweihundert Franken noch nicht erschienen war. Ein wahres Mißgeschick verfolgt sie: Noch vor zwei Tagen hatte sie Satin ganz neu ausgestattet, was einen Betrag von zwölfhundert Franken verschlang, und jetzt hatte sie selbst nicht einen Louis im Hause.

Gegen zwei Uhr – Nana begann schon unruhig zu werden – erschien Labordette. Er brachte die Zeichnungen für das Bett. Das war eine Zerstreuung; ein Freudenstrahl, der sie alles vergessen ließ. Sie klatschte in die Hände und tanzte vor Freude. Dann neigte sie sich höchst neugierig über einen Salontisch und ließ sich von Labordette die Zeichnungen erklären.

Schau, da ist der Bettkörper. Hier in der Mitte ein Strauß aufgeblühter Rosen, dann eine Girlande von Blumen und Knospen; das Blätterwerk wird in grünem, die Rosen in rotem Golde gearbeitet ... Da am Kopfende eine Schar von Amoretten auf silbernen Ranken sitzend.

Nana unterbrach ihn entzückt.

Ach, wie drollig ist doch der Kleine da im Winkel, mit dem Hintern in der Luft ... Und dieses boshafte Lächeln ... Sie machen alle so schelmische Augen ... Ich würde es nie wagen, vor ihnen Schweinereien zu begehen.

Sie war außerordentlich stolz und zufrieden. Die Goldschmiede hatten erklärt, daß keine Königin in einem ähnlichen Bette schlafe. Aber eine Schwierigkeit tauchte auf. Labordette zeigte ihr zweierlei Zeichnungen für den Fußteil; die eine gab die Grundgedanken des Hauptkörpers wieder, die andere bildete einen ganz neuen Gedanken: die Nacht, eingehüllt in ihre Schleier und enthüllt durch einen Faun, so daß sie in ihrer strahlenden Nacktheit sichtbar wurde. Er fügte hinzu, daß, wenn sie diesen Gedanken wähle, die Goldschmiede die Absicht hätten, die Nacht nach ihrem Modell herzustellen. Diese Idee schmeichelte ihrem sinnlichen Geschmack, und sie wurde blaß vor Vergnügen. Sie sah sich bereits als silberne Statue und als Symbol der heißen Wollust nächtlichen Dunkels.

Natürlich wirst du nur für den Kopf und für die Schultern Modell stehen, bemerkte Labordette.

Sie sah ihn ruhig an und entgegnete dann:

Warum denn? Von dem Augenblick, wo es sich um ein Kunstwerk handelt, geniere ich mich nicht vor dem Künstler.

Man vereinbarte also, daß sie diesen Gedanken wähle, doch er gab ihr zu verstehen, daß das Bett dann um sechstausend Franken mehr kosten würde.

Das ist mir gleich, rief sie lachend aus; mein Hündchen zahlt alles.

Sie nannte in intimen Kreisen den Grafen Muffat nicht anders als »mein Hündchen«. Und ihre Bekannten nahmen auch diesen Namen für den Grafen an. Sie pflegten zu sagen: »Kommt dein Hündchen?« »Ich habe dein Hündchen auf der Straße gesehen.«

Labordette rollte die Zeichnung zusammen, indem er ihr die letzten Erklärungen gab. Die Goldschmiede verpflichteten sich, das Bett in zwei Monaten, ungefähr gegen den 25. Dezember, zu liefern. Nächste Woche werde ein Bildhauer kommen, dem Nana sitzen müsse.

Als sie Labordette hinausbegleitete, erinnerte sie sich des Bäckers.

Apropos, hast du nicht zehn Louisdors bei dir? fragte sie den jungen Mann plötzlich.

Es war ein Grundsatz Labordettes, und er befand sich wohl dabei, den Frauen niemals Geld zu leihen, er hatte immer die gleiche Antwort:

Nein, ich sitze auf dem Trockenen, aber soll ich zu deinem kleinen Hündchen gehen?

Sie lehnte es ab; es sei unnütz, meinte sie. Erst zwei Tage vorher hatte sie vom Grafen fünftausend Franken herausgezogen. Kaum war Labordette fort, als auch der Bäcker schon erschien. Er setzte sich im Vorraum fest und fluchte so laut, daß Nana ihn im ersten Stockwerk hören konnte. Sie erbleichte und litt furchtbar, daß sie die Schadenfreude ihrer Dienstleute bis hinauf vernehmen konnte. In der Küche wälzten sich ihre Leute vor Lachen. Der Kutscher betrachtete die Szene vom Hofe aus, Franz ging ohne jeden Grund durch den Vorraum, machte dem Bäcker ein Zeichen des Einverständnisses und ging dann wieder hinaus, um seinen Kollegen Nachricht zu geben. Die Dienstleute machten sich offen über Madame lustig. Die Wände selbst schienen zu lachen. Sie fühlte sich vereinsamt inmitten der Mißachtung ihres Dienstpersonals, das sie mit schamlosen Verhöhnungen besudelte. Sie hatte ursprünglich die Absicht gehabt, die hundertdreiunddreißig Franken von Zoé zu entlehnen; aber bei dem, was sie sah und hörte, ließ sie diesen Gedanken fallen. Sie war ihr überdies schon Geld schuldig und zu stolz, einen Korb zu wagen. Sie war in solcher Aufregung, daß sie laut sprechend in ihr Zimmer zurückkehrte.

Geh, geh, meine Liebe, und rechne auf niemanden als auf dich selbst. Dein Körper gehört dir und es ist doch immer besser, sich seiner zu bedienen, als eine Beschimpfung zu ertragen.

Ohne Beistand Zoés kleidete sie sich mit fieberhafter Hast an, um zur Tricon zu eilen. Die Tricon war ihre äußerste Hilfsquelle in Stunden großer Not. Die Tricon kam oft, um sie zu rufen, allein sie folgte ihr nur, wenn sie sich in Verlegenheit befand. An Tagen, wo in ihrem königlichen Haushalte die Ebbe eintrat – und diese Tage häuften sich immer mehr – war sie sicher, bei der Tricon fünfundzwanzig Louis zu finden. Sie ging denn zu Tricon, so wie die armen Leute ins Versatzamt gehen. Als sie das Zimmer verließ, begegnete sie Georges, der mitten im Salon stand. Sie bemerkte nicht die Blässe seines Gesichtes, das unheimliche Feuer seiner weitgeöffneten Augen. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Ah, kommst du von deinem Bruder?

Nein, sagte der Kleine zitternd.

Sie machte eine Gebärde der Verzweiflung. Was wollte der Kleine denn? Warum stellte er sich ihr in den Weg? Sah er denn nicht, daß sie Eile hatte? Dann sagte sie nach einer Weile:

Hast du Geld?

Nein.

Richtig, wie dumm ich bin. Der hat ja nie einen Knopf Geld, nicht einmal um den Omnibus zu bezahlen. Mama gibt ihm ja keines; das sind auch Männer!

Sie ging.

Er hielt sie zurück, er habe mit ihr zu sprechen. Sie wiederholte ihm verdrießlich, sie habe keine Zeit, doch ein Wort von ihm bewog sie umzukehren.

Hör' einmal, sagte er, ich weiß, daß du meinen Bruder heiraten willst.

Das fand sie sehr komisch, sie brach in ein so lebhaftes Gelächter aus, daß sie sich niedersetzen mußte.

Ja, fuhr der Kleine fort, und ich will es nicht. Mich mußt du heiraten, deshalb bin ich gekommen.

Wie, was, du auch? rief sie; das scheint eine Familienkrankheit zu sein. Nein, niemals. Ein sonderbarer Geschmack. Habe ich denn eine solche Schmutzerei von euch gefordert? Weder den einen noch den anderen. Niemals.

Georges' Gesicht hellte sich auf. Wenn er sich geirrt hätte? Dann fuhr er fort:

Also schwöre mir, daß du mit meinem Bruder kein Verhältnis hast.

Ah, das wird mir zu dumm, rief Nana und erhob sich voll Ungeduld. Ich sage dir ja, daß ich Eile habe. Bist du etwa mein Zuhälter? Zahlst du etwa hier, daß du Rechenschaft forderst? Ja, ich schlafe mit deinem Bruder.

Er hatte sie am Arme ergriffen und drückte diesen Arm heftig, wobei er stammelte:

Sage das nicht ... sage das nicht ...

Mit einem Stoß machte sie sich von ihm frei und rief:

Nun will er mich gar prügeln. Schaut das Bürschchen. Mein Kleiner, du wirst dich entfernen, und zwar sofort. Aus Artigkeit habe ich dich bei mir behalten. Aber du glaubst doch nicht, daß du mich für dein ganzes Leben zur Mama behalten willst? Ich habe Besseres zu tun, als Knaben zu erziehen.

Er hörte diese Worte mit einer Beklemmung, die ihn ganz erstarren ließ.

Jedes Wort traf ihn mit solcher Wucht im Herzen, daß er daran zu sterben glaubte. Sie schien sein Leiden nicht zu bemerken und fuhr gleichsam froh darüber, daß sie für die anderweitigen Verdrießlichkeiten dieses Tages sich bei ihm Erleichterung verschaffen könne, fort:

Gerade wie dein Bruder; auch ein sauberer Bursche. Er hat mir zweihundert Franken versprochen und läßt auf sich warten. Ich mache mir sonst nicht viel aus seinem Gelde. Es ist kaum genug, um meine Pomade zu bezahlen. Allein er läßt mich heute in einer Verlegenheit sitzen ... Und weißt du was? Wegen deines Bruders muß ich fortgehen, um mir mit einem anderen Mann fünfundzwanzig Louisdors zu verdienen.

Georges verlor vollends den Kopf; er vertrat ihr den Weg, weinte, flehte mit gefalteten Händen und sagte ein um das andere Mal:

O nein, o nein. Tu es nicht.

Ich brauche es, sagte sie. Hast du Geld?

Nein, er hatte kein Geld; er würde sein Leben hergegeben haben, um Geld dafür zu erhalten. Nie hatte er sich so elend, so unnütz, so kindisch gefunden. Sein ganzer, von Schluchzen geschüttelter Körper drückte einen so großen Schmerz aus, daß sie schließlich davon gerührt werden mußte. Sie schob ihn sanft beiseite und sagte:

Laß mich, mein Kätzchen, es muß sein. Sei vernünftig, du bist ein Kind, und das ging eine Zeitlang an! heute aber muß ich an meine Angelegenheiten denken. Überlege nur ein wenig. Dein Bruder hingegen ist schon ein Mann. Ich will nicht sagen, daß ich mit ihm nichts zu tun habe; aber erweise mir den Gefallen und erzähle ihm nicht, was vorgegangen ist. Er braucht nicht zu wissen, wohin ich gehe. Ich rede immer etwas zuviel, wenn ich im Zorn bin.

Sie lachte jetzt, dann küßte sie ihn auf die Stirne und entfernte sich mit den Worten:

Adieu, mein Kleiner. Es ist aus zwischen uns. Verstehst du. Es ist aus. Ich gehe jetzt.

Er stand aufrecht in der Mitte des Salons. Die letzten Worte gellten ihm wie der Schall einer Totenglocke in den Ohren. Es ist aus, es ist aus. Er glaubte, die Erde öffne sich unter seinen Füßen. In der Wüste seiner Gedanken war der Mann, der Nana erwartete, verschwunden, und Philipp allein blieb zurück, in den nackten Armen des jungen Weibes ruhend. Sie leugnete nicht, sie liebte ihn, da sie ihm den Kummer einer Untreue ersparen wollte. Es ist aus, völlig aus. Er holte tief Atem und blickte sich im Zimmer um, gleichsam erstickt unter einer ungeheuren Last. Die Erinnerungen kehrten einzeln wieder; die lachenden Nächte von La Mignotte, zärtliche Stunden, in denen er sich ihr Kind wähnte, dann Minuten der Wollust, die er in diesem Zimmer ihr geraubt, und nie, nie, niemals wieder ... Er war zu klein, er war nicht rasch genug gewachsen. Philipp wird ihn ersetzen, weil er schon einen Bart hat. So war es denn aus. Er konnte nicht länger leben. Sein Laster war in einer unendlichen Zärtlichkeit, in einer sinnlichen Anbetung aufgegangen, in der er sein ganzes Wesen hingab. Dann: wie soll er vergessen, wenn sein Bruder dableibt? Sein Bruder, ein wenig von seinem Blute, ein anderes Ich, dessen Glück ihn vor Neid töten werde? ... Es war das Ende, er wollte sterben.

In dem lauten Treiben der Dienstleute, die Madame zuvor ausgehen sahen, waren alle Türen offen geblieben. Im Vorraum unten saß der Bäcker und lachte mit Charles und Franz. Als Zoé in voller Hast durch den Salon kam, sah sie zu ihrer Überraschung Georges und fragte ihn, ob er vielleicht Madame erwarte. Ja, er erwarte sie, lautete seine Antwort; er habe ihr eine Nachricht zu überbringen. Als er allein war, begann er zu suchen. Da er nichts anderes fand, ergriff er im Toilettezimmer eine sehr spitzige Schere, die er oft in Nanas Hand gesehen hatte, die aus Gewohnheit sich damit kleine Härchen abschnitt. Er wartete mit der Hand in der Tasche, und die Schere mit seinen Fingern nervös umklammernd, eine volle Stunde.

Da kommt Madame nach Hause, sagte endlich Zoé, die durch das Fenster auf die Straße gespäht hatte.

Nun entstand hastiges Hin und Her, das Gelächter hörte auf, Türen wurden auf und zu geschlagen; Georges hörte, wie Nana den Bäcker rasch bezahlte und dann die Stiege heraufkam.

Wie, du bist noch immer da? rief sie, als sie ihn bemerkte. Ah, wir werden böse, mein Kleiner.

Sie wendete sich nach ihrem Zimmer, er folgte ihr auf dem Fuße.

Nana, willst du mich heiraten?

Sie zuckte die Achseln; das sei zu dumm; sie antwortete ihm nicht mehr. Sie hatte Lust, ihm die Türe vor der Nase zuzuschlagen.

Nana, willst du mich heiraten?

Sie schlug die Türe zu. Er öffnete nun mit der einen Hand die Türe, während er mit der anderen Hand die Schere aus der Tasche zog und sie sich in die Brust stieß.

Nana hatte in der Vorahnung eines Unglückes sich umgewandt. Als sie sah, was er tat, geriet sie in die äußerste Entrüstung.

Ist das aber dumm. Ist das aber blöde ... Noch dazu mit meiner Schere. Wirst du wohl aufhören, böser Bube. Oh, mein Gott, oh, mein Gott.

Sie geriet außer sich. Der Kleine, der auf die Knie gesunken war, hatte einen zweiten Stich nach seiner Brust geführt und fiel nun der Länge nach auf den Teppich hin. So lag er quer über der Schwelle. Nana begann außer sich vor Schrecken um Hilfe zu schreien, denn sie wagte es nicht, über seinen Körper hinwegzuschreiten und hinunterzulaufen.

Zoé, Zoé, so komm doch zur Hilfe. Das wird mir endlich zu dumm, was dieses Kind treibt; er bringt sich da um und noch dazu bei mir. Hat man je etwas Ähnliches gesehen?

Sie fürchtete sich, er war ganz bleich, die Augen geschlossen. Die Wunden, die er sich beigebracht hatte, bluteten wenig, die paar Tropfen Blutes verloren sich unter der Weste. Sie war im Begriff, über seinen Körper hinwegzuschreiten, als ihr gegenüber eine Erscheinung auftauchte, vor der sie entsetzt zurückwich. In der offen gebliebenen Türe des Salons erschien eine alte Dame. Nana, schier versteinert, erkannte Madame Hugon, vermochte sich jedoch ihre Anwesenheit nicht zu erklären. Sie wich noch immer zurück, sie hatte noch Hut und Handschuhe. In ihrem stummen Entsetzen begann sie zu stammeln:

Madame, nicht ich bin es, ich schwöre ihnen ... Er wollte mich heiraten, ich sagte nein, da hat er sich getötet.

Madame Hugon näherte sich langsam in ihrem schwarzen Kleide mit ihrem bleichen Gesichte und ihren weißen Haaren. Unterwegs im Wagen hatte sie Georges vergessen; das Unglück Philipps allein beschäftigte sie. Vielleicht würde dieses Weib den Richtern Aufklärungen geben können, die sie rühren würden, und sie kam, um Nana zu bitten, daß sie zugunsten ihres Sohnes aussage. Unten fand sie die Türen des Hauses offen, sie zögerte, mit ihren schlechten Beinen die Treppe emporzusteigen, als plötzlich Hilferufe ihr die Richtung angaben. Oben angelangt, sah sie einen Mann am Boden liegen, das Hemd mit Blut befleckt. Und dieser Mann war Georges, ihr zweites Kind.

Nana wiederholte jammernd:

Er wollte mich heiraten, ich sagte nein, da hat er sich getötet.

Ohne einen Schrei auszustoßen, beugte sich Madame Hugon zu Boden. Ja, es war der andere, es war Georges. Der eine entehrt, der andere tot. Diese Zerstörung ihres ganzen Lebens überraschte sie nicht. Auf dem Teppich kniend, den Ort nicht kennend, wo sie sich befand, und niemanden sehend, blickte sie Georges starr ins Gesicht und lauschte, die Hand auf seinem Herzen. Dann stieß sie einen leisen Seufzer aus, sie hatte gefühlt, daß das Herz ihres Kindes noch schlug. Nun erhob sie sich, schaute sich im Zimmer um, blickte dann das Weib an, das zu ihr sprach, und schien sich allmählich zu erinnern. Eine Flamme entzündete sich in ihren leeren Augen; sie war so groß und furchtbar in ihrem Schweigen, daß Nana zitterte und fortfuhr, sich zu verteidigen angesichts dieses Körpers, der die beiden Frauen voneinander trennte.

Ich schwöre Ihnen, Madame ... Wenn sein Bruder da wäre, er könnte Ihnen erklären ...

Sein Bruder hat gestohlen, er ist im Gefängnis, sagte die Mutter hart.

Nana blieb erstarrt. Aber warum denn? ... Warum hatte denn der gestohlen? Gibt es denn lauter Narren in dieser Familie ... Sie verteidigte sich nicht mehr, sie schien nicht in ihrer eigenen Behausung zu sein und überließ es Madame Hugon, Befehle zu erteilen. Es waren endlich Diener herbeigekommen; die alte Dame wollte durchaus Georges, ohnmächtig wie er war, in ihren Wagen hinunterschaffen. Sie wollte ihn nur aus diesem Hause entfernen, und wenn er den Tod davontrage. Nana folgte mit stieren Augen den Dienstleuten, die den armen Zizi an Beinen und Schultern haltend davontrugen. Die Mutter ging hinter ihnen; jetzt schien sie völlig erschöpft, sie stützte sich auf die Möbel, gleichsam aus allem, was ihr teuer war, in die Vernichtung hinabgeschleudert. Auf dem Treppenabsatz entrang sich ein schweres Schluchzen ihrer Brust, sie wandte sich zweimal um und rief Nana die Worte zu:

Ach, Sie haben uns sehr wehe getan, Sie haben uns viel Leid zugefügt.

Das war alles. Nana in ihrer Bestürzung hatte sich niedergesetzt. Sie trug noch immer Hut und Handschuhe. Draußen entfernte sich der Wagen der alten Frau, das Haus verfiel wieder in tiefe Stille. Sie saß unbeweglich, ohne einen Gedanken; der Kopf brannte ihr unter der Wirkung dieses Vorfalles. Eine Viertelstunde später fand der Graf Muffat sie auf dem gleichen Platze. Jetzt erleichterte sie sich durch einen Wortschwall, indem sie ihm das Unglück erzählte, zwanzigmal auf die gleichen Einzelheiten zurückkommend und mit der blutbefleckten Schere zeigend, wie Zizi es versucht hatte, sich umzubringen.

Sie kam immer wieder darauf zurück, daß sie unschuldig sei.

Ist's meine Schuld, mein Lieber? Wenn du der Richter wärest, würdest du mich verurteilen ...? Ich habe Philipp nicht gesagt, daß er fremdes Gut antasten soll, und habe noch weniger den Kleinen dazu getrieben, sich zu erstechen.

Ich bin die Unglücklichste von allen, man macht solche Dummheiten bei mir, man verursacht mir Kummer, man behandelt mich wie eine Schurkin ...

Sie begann zu weinen. Die Spannung der Nerven schien nachgelassen und tiefe Rührung sie ergriffen zu haben.

Auch du scheinst mit mir unzufrieden zu sein, schluchzte sie. Frage einmal Zoé, ob ich schuldig bin. Zoé, sprich, erkläre dem Herrn Grafen ...

Zoé, damit beschäftigt, von dem Teppich die Blutflecke aufzuwaschen, hielt inne und sagte:

Oh, mein Herr, Madame ist trostlos genug ...

Muffat war erstarrt von diesem Drama. Er dachte nur an diese unglückliche Mutter, die ihre Söhne beweinte. Er kannte ihr zärtliches, liebevolles Herz und sah sie, von Trauer und Schmerz gebeugt, auf ihrem Witwensitz zu Fondettes langsam verlöschen. Doch Nana schien noch verzweifelter. Das Bild Zizis, wie er am Boden lag, mit einem roten Fleck auf dem Hemde, brachte sie außer sich.

Er war so zart, so sanft, so lieblich ... Wenn es dich auch kränkt, muß ich dir doch sagen, daß ich ihn liebte, den Kleinen ... Was liegt auch daran? Jetzt ist er tot ... Du wirst uns nicht mehr miteinander überraschen ...

Diese Worte riefen eine solche Reue in ihr hervor, daß er schließlich sie tröstete. Sie solle stark sein, sagte er; sie habe recht, es sei nicht ihre Schuld, was geschehen.

Sie unterbrach ihn und rief:

Du mußt dich nach seinem Befinden erkundigen ... Rasch, eile ... Ich will es.

Er nahm seinen Hut und eilte fort, um über Georges Befinden Erkundigungen einzuholen. Als er nach dreiviertel Stunden zurückkam, sah er Nana angsterfüllt zum Fenster hinausgelehnt. Er rief ihr von der Straße zu, Georges sei nicht tot, und man hoffe, ihn am Leben zu erhalten. Das versetzte sie in lebhafte Freude; sie sang und tanzte und fand das Leben wieder schön.

Zoé war indessen nicht zufrieden mit dem Ergebnis der Reinigung des Teppichs. So oft sie vorüberkam, betrachtete sie den roten Fleck und sagte:

Madame, es ist nicht herausgegangen.

In der Tat war der Fleck wieder zum Vorschein gekommen; auf einer weißen Rose des Teppichs saß ein blaßroter Fleck. Es war gerade vor der Schwelle, wie eine Blutlache, die den Eintritt versperrt.

Bah! machte Nana; unter den Fußtritten wird es schon vergehen.

Am folgenden Tage hatte auch der Graf schon das Ereignis vergessen. Auf dem Wege zur Madame Hugon hatte er in seinem Wagen eine Regung, in der er schwur, nicht mehr zu diesem Weibe zurückzukehren. Der Himmel hatte ihm ein Wahrzeichen gesendet: er betrachtete das Unglück von Philipp und Georges wie einen Vorboten seines eigenen Unterganges. Aber weder der Anblick der in Tränen zerfließenden unglücklichen Mutter noch der Anblick dieses im Wahnsinn des Wundfiebers sich windenden Knaben hatten die Macht, ihn seinen Schwur halten zu lassen. Von dem kurzen Schrecken dieses Dramas war in ihm nichts zurückgeblieben als ein Gefühl der Befriedigung darüber, daß er einen Nebenbuhler losgeworden, dessen bezaubernde Jugend ihn stets in Verzweiflung versetzte. Er war jetzt bei einer wilden Leidenschaft angelangt, bei einer jener Leidenschaften, die die Männer ergreift, die keine Jugend gehabt haben. Er liebte Nana mit dem Bedürfnis, sie völlig als die Seine zu wissen, sie zu hören, sie zu berühren, ihren Atem in dem seinigen aufgehen zu fühlen. Es war eine Neigung, die über die Sinne hinausging; eine Neigung voll Unruhe, eifersüchtig auf ihre Vergangenheit, träumend von Erlösung, von Vergebung, die er von Gott dem Herrn auf den Knien erflehte. Mit jedem Tage erlangte die Religion wieder immer mehr Macht über ihn. Er wurde wieder fromm, beichtete und kommunizierte; den Freuden des Lasters folgte verdoppelte Buße. Er hoffte, durch diese immerwährende Buße den Himmel zu versöhnen. Im Netze des Sinnesrausches zappelnd, klomm er ernsten gläubigen Sinnes sein Golgatha empor. Am tiefsten kränkten die fortwährenden Treulosigkeiten dieses Weibes. Mit dem Gedanken einer Teilung konnte er sich nicht befreunden; ihre törichten Schwächen blieben ihm unbegreiflich. Er forderte eine ewige, sich stets gleich bleibende Liebe. Sie hatte sie ja geschworen, und er bezahlte sie dafür ... Und doch mußte er sehen, daß sie log; daß sie unfähig, sich zu bemeistern, sich ihren Freunden, dem erstbesten hingab als gutmütiges Tier, das geboren ist, ohne Hemd zu leben.

Als er eines Morgens Foucarmont zu ungewohnter Stunde von ihr weggehen sah, machte er ihr eine Szene. Sie war im Augenblick verdrießlich; sie sei seiner Eifersucht müde, sagte sie. Sie habe sich schon wiederholt geduldig gegen ihn gezeigt. So an dem Abende, als er sie mit Georges überraschte. Sie sei ihm damals entgegengekommen, habe ihr Unrecht bekannt, ihn mit Zärtlichkeiten und Liebesworten überhäuft, um ihn zu versöhnen. Aber schließlich finde sie seinen Eigensinn, mit dem er die Weiber nicht begreifen wolle, zu dumm.

Sie wurde grob.

Nun ja, sagte sie; ich habe mit Foucarmont geschlafen; was weiter? Ist dir das nicht recht, mein Hündchen?

Es war das erstemal, daß sie ihn so anredete.

Er war erstaunt über die Frechheit ihres Geständnisses und stand mit geballten Fäusten sprachlos da. Sie ging gerade auf ihn zu, blickte ihm ins Gesicht und sagte:

Jetzt ist's genug! ... Wenn es dir nicht recht ist, so kannst du gehen ... Bei mir wirst du kein Geschrei machen. Ich will frei sein: merke dir das. Wenn ein Mann mir gefällt, so schlafe ich mit ihm ... So ist es, und so bleibt es, und du mußt dich sofort entscheiden: ja oder nein?

Damit öffnete sie ihm die Tür. Er ging nicht hinaus. Es war ihr Mittel, ihn noch enger an sich zu fesseln. Für eine Geringfügigkeit bei dem erstbesten Anlasse gab sie ihm unter abscheulichen Reden die Türklinke in die Hand. Sie finde Besseres als er ist; sie habe nur zu wählen. Man finde ja draußen Männer, so viel man wolle, und Männer, die noch Blut in den Adern haben. Er senkte in solchen Augenblicken den Kopf und wartete sanftere Stunden ab, Stunden, da sie Geld brauchte. Da war sie zärtlich, und er vergaß alles. Eine Liebesnacht entschädigte ihn für die Leiden einer Woche. Seit der Aussöhnung mit seiner Gattin war ihm seine Häuslichkeit unerträglich geworden. Die Gräfin, verlassen von Fauchery, der jetzt völlig in Rosas Gewalt war, betäubte sich in dem rastlosen Fieber ihrer vierzig Jahre durch andere Liebschaften und führte in dem Hause ein Treiben ein, das ihm das Leben verbitterte. Estella sah seit ihrer Vermählung ihren Vater nicht mehr. In diesem platten, unbedeutenden Mädchen war plötzlich eine Frau mit eisernem Willen zum Vorschein gekommen, so fest und energisch, daß Daguenet vor ihr zitterte. Er begleitete sie jetzt zur Kirche, war bekehrt und wütend gegen den Schwiegervater, der durch sein skandalöses Verhältnis mit einer solchen »Kreatur« sein Haus ruinierte. Herr Venot allein war milde gegen den Grafen geblieben; er wartete seine Zeit ab. Er war so weit gegangen, sich bei Nana einzuführen und besuchte jetzt beide Häuser, wo man hinter den Türen seinem ewigen Lächeln begegnete. Und Muffat, so elend im eigenen Hause, verjagt durch den Verdruß und Schande, zog es noch vor, in dem Hause der Villier-Allee unter den Beschimpfungen zu leben, die ihm dort zuteil wurden.

Bald gab es zwischen Nana und dem Grafen nur noch eine Frage: die des Geldes. Nachdem er eines Tages ihr hunderttausend Franken versprochen, wagte er es, zur vereinbarten Stunde mit leeren Händen zu kommen. In der Hoffnung auf das Geld hatte sie ihn seit zwei Tagen mit Liebkosungen überhäuft; da sie ihre Mühe verloren sah, geriet sie in die höchste Wut.

Was, du hast kein Geld? ... Dann, mein Hündchen, geh', woher du gekommen. Aber rasch ... So ein Kamel ... Und der will mich noch umarmen ... Kein Geld, keine Küsse! Verstehst du?

Er wollte sich in Erklärungen einlassen und versprach, in zwei Tagen das Geld zu bringen. Doch sie unterbrach ihn heftig.

Und meine Zahlungen? ... Man wird mich pfänden, während ich dir Kredit gebe ... Schau dich nur einmal gut an ... Bildest du dir etwa ein, daß ich dich wegen deiner körperlichen Vorzüge liebe? Wenn man eine Fratze hat wie die deinige, so bezahlt man die Frauen, die sich das gefallen lassen ... Bei Gott, wenn du mir am Abend die zehntausend Franken nicht bringst, sollst du nicht die Spitze von meinem kleinen Finger haben, und du kannst zu deiner Frau zurückkehren.

Am Abend brachte er die zehntausend Franken. Nana bot ihm die Lippen und er küßte sie lange, was ihn für die Leiden der ganzen Woche entschädigte. Nana war verdrießlich darüber, daß er sich unaufhörlich an ihre Röcke klammerte. Sie beklagte sich darüber bei Herrn Venot und bat diesen, er möge doch den Grafen seiner Gattin wieder zuführen. Habe denn die Aussöhnung nichts gefruchtet?

Sie bedauerte jetzt, sich in die Sache gemengt zu haben, da er ihr doch wieder am Halse sitze ... Manchmal, in Augenblicken des Zornes, wenn sie ihre Interessen vergaß, schwur sie, eine derartige Schweinerei begehen zu wollen, daß es ihm unmöglich sein werde, den Fuß in ihr Haus zu setzen. Doch da sie sich auf die Schenkel schlug, während sie dies schrie, hätte sie ihm ins Gesicht speien können, er hätte sich nur bedankt. Die Szenen wegen des Geldes wiederholten sich fortwährend. Sie forderte in schroffer Weise Geld von ihm; wegen erbärmlicher Summen gab es Streit zwischen ihnen. Sie knickerte mit jeder ihrer Minuten ... In der grausamsten Weise wiederholte sie ihm fortwährend, daß sie nur wegen seines Geldes mit ihm schlafe, daß sie kein Vergnügen dabei habe, daß sie andere liebe, daß sie unglücklich dar über sei, einen Tropf seiner Gattung haben zu müssen. Um diese Zeit wurde er auch bei Hofe mißliebig. Man sprach davon, daß er seine Entlassung werde geben müssen. Die Kaiserin hatte geäußert, er sei zu ekelhaft! Das war er in der Tat. Nana schloß alle ihre Zänkereien mit dem nämlichen Worte:

Geh', du ekelst mich an.

Sie schämte sich nicht mehr; sie hatte ihre Freiheit völlig wiedergewonnen. Täglich machte sie ihre Spazierfahrt um den Teich im Boulogner Gehölz und schloß da Bekanntschaften, die anderwärts fortgesetzt wurden. Da war der große Markt, wo die berüchtigsten Weiber in ihrem glänzenden Luxus bei der lächelnden Duldung der Pariser sich am hellen Tage zur Schau stellen durften. Herzoginnen zeigten sie einander mit den Blicken; reiche Bürgersfrauen ahmten ihre Hüte nach. Oft mußte, um ihren Wagen vorüber zu lassen, eine ganze Reihe von Kutschen stillstehen: Finanzleute, die halb Europa in ihren Taschen hatten, Minister, die mit ihren derben Fingern Frankreich knebelten. Und sie gehörte gleichfalls zu dieser Gesellschaft des Gehölzes; sie nahm einen ansehnlichen Platz daselbst ein, gekannt in allen Hauptstädten, gesucht von allen Fremden. Dem Glanze dieser Menge fügte sie noch den Wahnsinn ihrer Lasterhaftigkeit hinzu. Die flüchtigen Bekanntschaften einer Nacht, die sie am nächsten Morgen vergaß, führten sie in alle Restaurants. So kam sie nach und nach mit dem Personale aller Gesandtschaften in Berührung. Sie speiste häufig mit Lucy Stewart, Karoline Héquet und Maria Blond in Gesellschaft von Herren, die das Französische radebrechten; die bezahlten, um unterhalten zu werden, die, zu hohl und zu blasiert, um diese Frauenzimmer zu berühren, sie für den Abend mitnahmen, mit der ausdrücklichen Weisung, drollig zu sein.

Diese Damen nannten das einen Spaß und waren sehr froh, daß sie, von diesen Herren verschmäht, den Rest ihrer Nacht in den Armen irgendeines Herzliebsten zubringen konnten.

Der Graf tat, als ob er nichts sehe, wenn nicht Nana selbst ihm die Männer vorführte. Er hatte übrigens von den kleinen Skandalen des täglichen Lebens genug zu leiden. Das Haus in der Villiers-Allee wurde eine Hölle, ein Tollhaus, dessen Zusammenbruch zu abscheulichen Auftritten führte. Nana kam so weit, daß sie sich mit ihrer Dienerschaft prügelte. Eine Zeitlang war sie sehr herablassend gegen ihren Kutscher Charles. Wenn sie vor einem Restaurant halten ließ, sandte sie ihm durch einen Kellner Bier hinaus. Nicht selten führte sie aus dem Innern ihres Landauers längere Gespräche mit ihm. Ein andermal wieder behandelte sie ihn als Trottel, zankte mit ihm wegen des Strohes und Hafers herum; obgleich sie die Pferde liebte, fand sie dennoch, daß die ihrigen zu viel fraßen. Als sie eines Tages eben wieder rechnete und den Kutscher beschuldigte, daß er sie bestehle, geriet Charles in Zorn und nannte sie eine »Dirne«. Seine Pferde taugten mehr als sie, meinte er, denn sie pflegten nicht mit aller Welt Umgang. Sie antwortete dem Kutscher im nämlichen Tone; der Graf mußte sich ins Mittel legen und den Kutscher hinauswerfen. Das war der Anfang einer allgemeinen Fahnenflucht unter den Dienstleuten. Franz und Victorine gingen, nachdem ein Juwelendiebstahl im Hause entdeckt worden war. Auch der Haushofmeister Julien verschwand, und es ging das Gerücht, daß der Graf ihm bedeutende Abfertigungen gegeben, damit er gehe, weil Madame mit dem Haushofmeister schlief. Alle acht Tage sah man neue Gesichter in der Küche; der Abschaum der Gesindebüros wanderte durch das Haus. Zoé nur harrte aus und hielt Ordnung in der allgemeinen Unordnung, so gut es ging. Sie trug sich seit langer Zeit mit dem Plane, irgendein Geschäft anzufangen, und wollte aus dem Schiffbruche so viel wie möglich für sich retten.

Das Ding war noch nicht das schlimmste. Der Graf ließ sich die Maloir gefallen trotz ihres ranzigen Geruches, weil sie mit Nana Bezigue spielte. Er ließ sich die Lerat mit ihren drolligen Manieren gefallen und Ludwig dazu, diesen greinenden, skrofulösen Balg, die Hinterlassenschaft irgendeines unbekannten Vaters. Doch es kam noch ärger. Eines Abends hörte er, hinter einer Türe stehend, wie sie der Kammerfrau erzählte, ein angeblicher reicher Herr habe sie »geblitzt«. Ja, ein »fescher« Mensch, der vorgab, daß er ein Amerikaner sei und Goldminen besitze. So ein Schweinekerl! ... Während sie schlief, war er durchgegangen und hatte sogar ein Päckchen Zigarettenpapier mitgenommen. Der Graf erbleichte und ging auf den Fußspitzen schnell die Treppe wieder hinunter, um nichts weiter zu hören. Ein andermal mußte er alles erfahren. Nana hatte sich in einen Baritonisten aus einem Kaffeekonzert verliebt, und als der Sänger sie im Stiche ließ, dachte sie in einem Anfall düsteren Trübsinns an einen Selbstmord. Sie trank ein Glas Wasser, in dem sie eine Handvoll Zündhölzchenköpfe aufgelöst hatte, wodurch sie in einen furchtbaren Zustand versetzt wurde, ohne jedoch zu sterben. Der Graf mußte sie pflegen und die Geschichte ihrer Leidenschaft über sich ergehen lassen, wobei sie heiße Tränen vergoß und schwur, sich nie mehr um einen Mann zu kümmern. Indes war trotz ihrer Verachtung für diese Schweine, wie sie sich ausdrückte, doch niemals das Herz frei, immer hatte sie irgendeinen Herzliebsten; fortwährend hing sie unbegreiflichen Liebschaften, verderbten Launen ihres erschlafften Körpers nach. Seitdem Zoé aus Berechnung ihren Eifer erkalten ließ, war in der Verteilung der Stelldichein an die Herren eine greuliche Unordnung eingerissen; dermaßen, daß Muffat es kaum mehr wagte, eine Tür zu öffnen, einen Vorhang wegzuschieben, einen Schrank aufzuschließen. Überall fand man Herren. Einer stieß auf den anderen. Der Graf fand es jetzt nötig zu husten, ehe er eintrat; denn einmal hätte er fast Nana am Halse ihres Friseurs Francis überrascht bei einer Gelegenheit, da er sich nur zwei Minuten aus dem Toilettezimmer entfernte, um anspannen zu lassen. Sie las das Vergnügen in allen Winkeln zusammen, in aller Hast mit dem erstbesten, im Hemd oder in großer Toilette. Sie war glücklich, wenn sie den Grafen in dieser Hinsicht bestehlen konnte ... Mit ihm war's ihr fürchterlich ...

In seiner ewigen Eifersucht war der Unglückliche dahin gelangt, daß er beruhigt war, wenn er Nana nur mit Satin allein wußte. Er hätte sie zu diesem Laster angeeifert, um nur die Männer von ihr fernzuhalten. Doch auch von dieser Seite war alles verdorben. Nana betrog Satin, wie sie den Grafen betrog, indem sie, zu scheußlichen Geschmacksverirrungen herabsinkend, die erstbeste Vettel von der Straßenecke auflas. Wenn sie in ihrem Wagen heimkehrte, bekam sie oft Lust auf irgendein schmutziges Ding, das sie auf dem Pflaster wahrnahm, packte es in ihren Wagen, bezahlte es und schickte es wieder fort. Häufig machte sie in Männerkleidung Ausflüge in berüchtigte Häuser und vertrieb sich da die Langeweile mit den ärgsten Ausschweifungen. Satin machte, wütend darüber, fortwährend vernachlässigt zu werden, scheußliche Szenen. In dieser Weise erlangte sie schließlich eine absolute Herrschaft über Nana, die ihr Respekt zollte. Muffat schloß sogar einen Vertrag mit Satin. Wenn er sich an Nana nicht heranwagte, schickte er Satin gegen sie. Sie hatte ihre liebe Nana schon zweimal genötigt, den Grafen wiederaufzunehmen, während er sich ihr gefällig zeigte und auf den ersten Wink verschwand. Aber das Einverständnis dauerte nicht lange, da auch Satin ihre verrückten Stunden hatte. An manchen Tagen kam eine solche Liebesraserei über sie, daß sie alles um sich her zertrümmerte. In solchen Momenten mußte Zoé auf ihrer Hut sein, denn Satin drückte sie in die Winkel, als ob sie mit ihr von ihrem künftigen Geschäftsunternehmen reden wolle.

Graf Muffat hatte noch andere seltsame Kränkungen. Er, der Satin seit Monaten duldete, er, der sich damit befreunden konnte, daß eine ganze Schar unbekannter Männer den Weg in Nanas Schlafzimmer gefunden, geriet außer sich bei dem Gedanken, daß sie ihn mit einem Manne seines Ranges oder auch nur seiner Bekanntschaft betrügen könne. Als sie ihm ihre Beziehungen zu Foucarmont gestand, litt er dermaßen, fand den Verrat des jungen Mannes so abscheulich, daß er ihn fordern und sich mit ihm schlagen wollte. Da er nicht wußte, wo er in einer solchen Sache Zeugen finden sollte, wandte er sich an Labordette. Dieser war verblüfft und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Ein Duell wegen Nana ... Aber, lieber Herr Graf, ganz Paris würde sich ja über Sie lustig machen. Man schlägt sich nicht wegen Nana. Das ist lächerlich.

Der Graf wurde sehr bleich. Er machte eine heftige Gebärde und rief:

Dann werde ich ihn auf offener Straße ohrfeigen.

Labordette bemühte sich eine Stunde lang, ihn zur Vernunft zu bringen. Eine Ohrfeige würde die Geschichte noch schlimmer machen. Sehr bald wüßte alle Welt den wahren Grund; die Zeitungen würden sich des Skandals bemächtigen. Er blieb bei dem Schlusse:

Unmöglich, lächerlich.

Dieses Wort traf den Grafen jedesmal wie ein Messerstich. Er konnte sich nicht einmal schlagen für das Weib, das er liebte; man würde lachen. Niemals hatte er schmerzlicher empfunden, wie erbärmlich seine Leidenschaft war, und wie die Würde seines Herzens in dem Moraste der gemeinen Sinneslust unterging. Es war seine letzte Aufwallung. Er ließ sich überzeugen, und von da ab sah er es ruhig mit an, wie die Männer in aller Intimität einander die Türklinke in die Hand gaben.

Nana verschlang in wenigen Monaten die ganze Schar: einen nach dem anderen. Die steigenden Bedürfnisse ihres Luxus erzeugten einen rasenden Appetit bei ihr; mit einem Biß machte sie einen Mann fertig. Zuerst hatte sie Foucarmont, der kaum zwei Wochen währte. Er hatte in einem zehnjährigen Seedienste sich mühsam dreißigtausend Franken erspart. Er gedachte, die Marine zu verlassen und mit seinem kleinen Kapital in Amerika sein Glück zu versuchen. Seine Klugheit, sein Sparsinn, alles zerfloß angesichts der Verlockungen dieses Weibes. Er gab ihr alles hin und verpfändete durch Wechselunterschriften sogar seine Zukunft. Als sie ihm die Türe wies, war er völlig blank. Sie war übrigens sehr gütig und riet ihm, auf sein Schiff zurückzukehren. Er solle nicht eigensinnig sein; da er kein Geld mehr habe, sei es unmöglich länger ... Er möge doch Vernunft annehmen und begreifen. Ein ruinierter Mann fiel aus ihren Händen wie eine reife Frucht zu Boden, um dort zu verderben.

Dann warf sich Nana auf Steiner ohne Widerwillen, aber auch ohne Neigung. Sie behandelte ihn als schmutzigen Juden und nährte einen alten Haß gegen ihn, über den sie sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte. Er war dick und war dumm, sie trieb ihn vor sich her und machte doppelte Bissen, um mit diesem »Preußen« rasch fertig zu werden. Er hatte Simonne verlassen. Seine Bosporusunternehmung drohte zu mißlingen. Nana beschleunigte den Untergang durch wahnsinnige Forderungen. Noch einen Monat hielt er sich, indem er Wunder leistete. Ganz Europa erfüllte er durch eine kolossale Anpreisung, durch Anzeigen, Plakate, Ankündigungen ... Aus den entferntesten Winkeln der Erde zog er Geld. Und alle diese Ersparnisse: die Louisdors der Spekulanten wie die Sous der armen Leute verschwanden in dem Haus der Villiers-Allee. Gleichzeitig hatte er sich mit einem elsässischen Eisenwerksbesitzer verbunden. Da unten nutzten in einem verlorenen Winkel dieser Provinz kohlengeschwärzte, schweißtriefende Arbeiter Tag und Nacht in aufreibender Arbeit Mark und Bein ab, um die Mittel für die Vergnügungen Nanas zu beschaffen. Sie verzehrte alles wie ein Feuerbrand: den Diebstahl durch die Börse wie den Erwerb der ehrlichen Arbeit. Diesmal machte sie Steiner völlig fertig. Als sie ihn auf das Pflaster setzte, war er so leer und ausgesogen, daß ihm nicht einmal eine Schurkerei mehr einfiel. Sein Bankhaus ging in Trümmer, er zitterte vor der Polizei. Er war in Konkurs geraten, und schon das Wort »Geld« brachte ihn in kindische Verwirrung, ihn, der in Millionen gewühlt hatte. Eines Abends kam er weinend und borgte hundert Franken von ihr, um seine Magd zu bezahlen. Und Nana, gerührt und erheitert zugleich durch dieses Ende des schrecklichen Mannes, der den Pariser Platz seit zwanzig Jahren beherrschte, brachte ihm die hundert Franken und sagte:

Ich gebe sie dir, weil ich es drollig finde ... Aber du wirst begreifen: du bist nicht mehr in dem Alter, um dich von mir aushalten zu lassen ... Du mußt dir eine andere Beschäftigung suchen ...

Dann nahm Nana sofort La Faloise in die Arbeit. Um vollkommen »schick« zu sein, geizte dieser Herr schon längst nach der Ehre, von ihr ruiniert zu werden. Das eine fehlte ihm noch, daß eine Modedame ihn in die Hände nehme. In zwei Monaten werde ganz Paris ihn kennen, und er werde seinen Namen in allen Zeitungen lesen. Sechs Wochen genügten. Seine Erbschaft bestand in Landgütern: Ackerfeld, Wiesen, Wälder, Pachthöfe. Er mußte rasch eines nach dem andern verkaufen. Ein Morgen Ackerboden war für Nana nur ein Mundvoll. Die grünen Wälder, die gelben Getreideäcker, die goldblinkenden Weinberge, die fetten Weiden, in deren hohem Grase die Kühe sich verloren, all dies verschwand wie in einen Abgrund. Um das Ganze hinabzuspülen, wurden noch drei Wassermühlen nachgesandt. Nana raste vorbei wie ein feindlicher Einfall, wie ein furchtbares Ungewitter, das ganze Provinzen verheert. Wo sie ihren kleinen Fuß hinsetzte, wurde der Boden weggebrannt. Einen Pachthof nach dem andern, eine Wiese nach der andern zermalmte sie mit ihren weißen Zähnen unbefangen, ohne daß man es ihr anmerkte, wie sie ein Säckchen Krachmandeln verzehrte. Es sind Bonbons, weiter nichts ... Eines Abends besaß La Faloise nichts mehr als einen kleinen Wald. Den schluckte sie mit verächtlicher Miene hinunter; es lohnte nicht die Mühe, dafür den Mund aufzutun. La Faloise lachte blöd dazu, wobei er an dem Knopf seines Stockes sog. Er seufzte unter einer riesigen Schuldenlast, besaß keine hundert Franken Rente mehr und sah sich genötigt, in die Provinz zurückzukehren, um bei irgendeinem alten, närrischen Onkel zu leben. Doch das hatte nichts zu bedeuten: er war »schick«, sein Name war zweimal im »Figaro« zu lesen. Mit seinem mageren Halse zwischen den herabgeschlagenen Spitzen des Hemdkragens und eingezwängt in ein kurzes Röckchen stand er vor ihr, sich in den Hüften wiegend, nach Art der Papageien unartikulierte Laute ausstoßend und die Trägheit eines Hampelmännchens zur Schau tragend, das niemals eine Erregung gehabt. Er widerte Nana an, und sie schlug ihn schließlich.

Indessen war, im Gefolge seines Vetters, auch Fauchery wieder zurückgekehrt. Dieser unmögliche Fauchery hatte seither einen Hausstand gegründet. Nachdem er mit der Gräfin gebrochen, befand er sich völlig in der Gewalt Rosas, die ihn wie einen wirklichen Gatten behandelte. Mignon war nur mehr der Haushofmeister seiner Gattin. Als Herr im Hause brachte der Journalist der Sängerin allerlei Lügen vor und gebrauchte jede mögliche Vorsicht, wenn er sie betrog, voll Bedenken eines guten Ehemannes, der sich endlich einzurichten wünscht. Nana erblickte einen Triumph darin, den Journalisten wieder zu kapern und eine Zeitung zu verschlingen, die er mit dem Gelde eines Freundes gegründet hatte. Sie machte ihr Verhältnis zu ihm nicht offenkundig, gefiel sich vielmehr darin, ihn als einen Herrn zu behandeln, der sich verbergen muß. Wenn sie von Rosa sprach, sagte sie: Diese arme Rosa. Die Zeitung Faucherys genügte, um zwei Monate hindurch ihren Blumenbedarf zu decken. Sie hatte Provinzabonnenten. Sie nahm alles: von der Tageschronik bis zu den Theaterrezensionen. Nachdem sie in dieser Weise die Redaktion weggeblasen und die Verwaltung gesprengt, hatte sie eine neue Laune: einen Wintergarten in einem Winkel ihres Hauses anzulegen. Diese Laune verschlang die Druckerei; es war der reine Spaß ... Als Mignon, glücklich über diesen Verlauf der Dinge, zu Nana eilte, um zu sehen, ob er ihr den Fauchery nicht gänzlich aufhalsen könne, fragte sie, ob er sich vielleicht über sie lustig machen wolle? Ein Bursche, der keinen Sou im Vermögen hat, von seinen Artikeln und Theaterstücken lebt – da muß sie schön danken! ... Eine solche Dummheit sei gut für eine Frau von Talent, wie »diese arme Rosa«. Argwöhnisch wie sie war, irgendeinen Verrat Mignons befürchtend, der wohl fähig war, sie seiner Frau zu verraten, verabschiedete sie Fauchery, der sie nunmehr nur in Artikeln bezahlen konnte.

Doch bewahrte sie ihm ein freundliches Angedenken. Sie hatten sich miteinander über diesen La Faloise sehr gut amüsiert. Sie hätten einander vielleicht nie wiedergesehen, wenn nicht das Verlangen, sich über diesen Kretin lustig zu machen, sie zusammengeführt hätte. Sie fanden es ungeheuer drollig, einander vor seinen Augen zu küssen, sich für sein Geld kannibalisch zu unterhalten, ihn weite Wege bis ans Ende von Paris zu schicken, um inzwischen allein zu bleiben ... Wenn er dann zurückkam, fielen Spöttereien und Anspielungen, die ihm unbegreiflich waren. Ermuntert durch den Journalisten wettete sie eines Tages, daß sie La Faloise ohrfeigen werde. Am Abend des nämlichen Tages versetzte sie ihm eine Ohrfeige; dann fuhr sie fort, ihn zu schlagen. Sie fand das drollig, und es gereichte ihr zur Wonne zu zeigen, wie feige die Männer seien. Sie nannte ihn ihr »Maulschellenkästchen«, hieß ihn das Gesicht vorstrecken, um seine Ohrfeigen in Empfang zu nehmen, solche Ohrfeigen, daß ihr die Hand davon glühte, weil sie noch ungeübt war.

La Faloise lachte dazu mit blöder Miene und Tränen in den Augen.

Weißt du was? sagte er eines Abends, nachdem er seine Ohrfeigen empfangen, du solltest mich heiraten. Wir wären ein lustiges Pärchen ...

Das war bei ihm nicht etwa in die Luft gesprochen ... Er hatte im geheimen diesen Heiratsplan gefaßt, um ganz Paris zu verblüffen. Der Mann der Nana! Welches Aufsehen! ... Doch Nana schickte ihn schön heim.

Dich heiraten? rief sie. Ach wenn dieser Wunsch mich plagte, hätte ich längst heiraten können ... Und jemanden, der zwanzigmal mehr wert ist als du, mein Kleiner ... Eine Menge von Heiratsanträgen ist mir gemacht worden. Zählen wir einmal: Philipp, Georges, Foucarmont, Steiner, das sind vier, ohne die anderen, die du nicht kennst ... Bei allen der nämliche Vers ... Wie ich gegen einen artig bin, flötet er mir zu: Willst du mich heiraten? willst du mich heiraten? Nein, ich will nicht. Bin ich für eine Ehefrau geschaffen? Schau mich an: Ich wäre nicht mehr Nana, wenn ich mir einen Gatten auf den Hals lüde ... Und dann ist's zu gemein ...

Dabei spie sie mit einer Gebärde des Ekels aus.

Eines Abends verschwand La Faloise. Acht Tage später erfuhr man, daß er in der Provinz lebe bei einem Oheim, der ein leidenschaftlicher Botaniker sei. Der Neffe trage ihm nun die Botanisierbüchse nach und stehe im Begriff, eine sehr häßliche, sehr fromme Kusine zu heiraten.

Nana weinte ihm keine Träne nach; sie sagte einfach zum Grafen:

Nun, mein Hündchen, wieder ein Nebenbuhler weniger. Du darfst dich freuen. Bei diesem war's Ernst; der wollte mich heiraten ...

Als sie ihn erbleichen sah, hing sie sich an seinen Hals und versetzte ihm unter lauten Liebkosungen ihre Grausamkeiten.

Nicht wahr, das kränkt dich am meisten, daß du Nana nicht heiraten kannst? Wenn sie nach der Reihe kommen, um mich mit ihren Heiratsanträgen zu quälen, dann wütest du im stillen ... Dir ist's nicht möglich; du mußt warten, bis deine Frau abfährt. Wenn es ihr einfiele, das Zeitliche zu segnen: wie würdest du herbeilaufen, wie würdest du dich zu Boden werfen, um mir einen Heiratsantrag zu machen, unter Seufzern, Tränen, Schwüren! ... Wie, mein Lieber? Es wäre so gut ... Ihre Stimme hatte eine sanfte Färbung angenommen; sie verhöhnte ihn mit grausamer Schelmerei. Er geriet in die höchste Aufregung und erwiderte errötend ihre Küsse. Sie aber fuhr lebhaft fort:

Herrgott, ich habe es erraten. Er hat daran gedacht. Er wartet auf den Tod seiner Frau ... Ach, das ist das Höchste. Er ist ein noch größerer Schuft als die anderen.

Muffat ließ sich alles gefallen. Er setzte nur noch seinen letzten Stolz darein, vor den Dienstleuten und den Freunden des Hauses als »der Herr« zu gelten. Er zahlte am meisten und war darum der öffentliche Liebhaber. Seine Leidenschaft wurde immer heftiger. Durch sein Geld hielt er sich aufrecht: er bezahlte alles, jedes Lächeln und erhielt doch nie soviel, wie er bezahlte. Doch es war wie eine Krankheit, die den Körper zerstört; sein Leiden war ihm ein Bedürfnis. Wenn er in Nanas Zimmer trat, begnügte er sich, das Fenster zu öffnen, um den Geruch der anderen hinauszulassen, die Ausdünstungen dieser blonden und braunen Männer, den scharfen Zigarrenduft, der ihn fast erstickte. Dieses Zimmer war ein Kreuzweg geworden. Fortwährend wurden Schuhe vor der Schwelle abgewischt, und keinen hielt der Blutfleck zurück, der den Eingang zu versperren schien. Zoé war gleichsam voreingenommen gegen diesen Fleck. Als reinliche Person ärgerte sie sich darüber, ihn immer wieder zu sehen. Sooft sie in Madames Zimmer kam, sagte sie:

Der Fleck geht nicht heraus, es gehen doch so viele Leute darüber ...

Nana, die günstige Nachrichten von Georges erhielt, der in Fondettes seiner Heilung entgegensah, pflegte zu erwidern:

Ach, das braucht Zeit. Unter den Fußtritten wird der Fleck verschwinden ...

In Wirklichkeit hatte jeder dieser Herren, Foucarmont, Steiner, La Faloise, Fauchery, etwas von diesem Fleck an der Sohle mitgenommen. Muffat, der gleich Zoé durch diesen Fleck gereizt war, beobachtete ihn fortwährend, um, je nachdem er allmählich blässer wurde, die Menge der Männer zu ermessen, die darauf getreten. Er empfand eine geheime Scheu gegen diesen Fleck und schritt jedesmal darüber hinweg, als ob er fürchte, etwas Lebendes, ein nacktes menschliches Glied, das am Boden lag, zu zertreten.

In ihrem Zimmer wurde er von einem eigenen Zauber erfaßt. Er vergaß alles: die Menge der Männer, die durch dieses Zimmer zogen, die Trauer, die an der Schwelle Wache hielt. Draußen auf der Straße weinte er zuweilen vor Scham und Unwillen und schwur, nicht mehr zurückzukehren. Aber sobald die Türe sich hinter ihm schloß, war er wieder in ihrer Gewalt; er fühlte seine Kraft schwinden in der Wärme dieses Zimmers, das Fleisch durchdrungen von einem Parfüm, fortgerissen durch ein wollüstiges Verlangen nach Vernichtung. Er, der als Frommgläubiger an den Zauber der reichgeschmückten Kapellen gewöhnt war, versank hier in die gleichen Gefühle der Gläubigkeit wie im Gotteshause, wo er dem Taumel der Orgelklänge und des Weihrauchduftes erlag. Dieses Weib besaß ihn mit der eifersüchtigen Herrschsucht eines zürnenden Gottes, es konnte ihm versteinernde Angst einflößen; es gab ihm Sekunden des Entzückens für lange Stunden grausamen Leides, höllischer Erscheinungen und ewig schneidender Qualen. Es war das gleiche Gestammel, die gleichen Gebete, die gleiche Zerknirschung, vor allem die gleiche Demütigung einer verdammten Natur, zertreten im Schmutz des Ursprunges dieses Weibes. Seine Wünsche als Mann, die Bedürfnisse seiner Seele schienen aus einem unbekannten, dunklen Grunde seines Wesens aufzusteigen. Er überließ sich der Macht der Liebe und des Glaubens, deren doppelter Hebel die Welt aufrecht erhält. Und allem Widerstande seiner Vernunft zum Trotz geriet er in Nanas Zimmer in Verzückung; zitternd verschwand er in der Allmacht des Geschlechtes, so wie er sich in seiner Nichtigkeit fühlte vor dem Unbekannten des unermeßlichen Himmels.

Wenn sie ihn so demütig sah, war Nanas tyrannischer Triumph vollständig. Es lag in ihren Instinkten, andere zu erniedrigen. Ihr genügte es nicht, die Dinge zu zerstören, sie mußte sie auch beschmutzen. Ihre so feinen Hände ließen scheußliche Spuren zurück und brachten alles zu völliger Auflösung, was sie vorher zertrümmerten. Und er, der Schwachsinnige, überließ sich diesem Spiele in der unbestimmten Erinnerung an die Heiligen, die vom Ungeziefer verzehrt wurden und ihre eigenen Exkremente aßen. Wenn sie ihn bei verschlossenen Türen in ihrem Zimmer hatte, bereitete sie sich den Genuß, den Mann in seiner Niedertracht zu sehen. Anfangs waren es harmlose Späße; sie gab ihm leichte Püffe und befahl ihm allerlei drolliges Zeug, ließ ihn stammeln wie ein kleines Kind und das Ende mancher Sätze nachsprechen:

Sprich: Pst! Coco macht sich lustig!

Er zeigte sich gelehrig und machte, selbst den Akzent nachahmend:

Pst! Coco macht sich lustig!

Ein anderes Mal spielte sie den Bären, indem sie im Hemde auf allen vieren am Boden herumkroch, sich zuweilen brummend umwandte, als ob sie ihn zerreißen wolle.

Ja, sie biß ihn sogar in die Waden, um darüber zu lachen.

Dann erhob sie sich und sagte:

Jetzt ist an dir die Reihe, den Bären zu machen ... Ich wette, daß du es nicht so gut kannst, wie ich.

Das fand er noch reizend.

Sie amüsierte ihn als Bär mit ihrer weißen Haut und ihrer roten Mähne. Er lachte, warf sich auf alle viere nieder, brummte, biß sie in die Waden, während sie zu flüchten suchte, als ob sie sich ungeheuer fürchte.

Sind wir aber blöd ... sagte sie dann schließlich. Du hast keine Ahnung, wie häßlich du bist, mein Kätzchen ... Ach, wenn man dich in den Tuilerien so sehen könnte.

Doch diese kleinen Spiele arteten bald aus. Es war nicht Grausamkeit, denn sie war im Grunde gutmütig. Es war wie ein Hauch der Tollheit, der durch das verschlossene Zimmer wehte und allmählich stärker wurde. Ein Taumel erfaßte sie und stürzte sie in dem Fieber des Fleisches. Die frommen Schrecken ihrer schlaflosen Nächte von ehemals verwandelten sich jetzt in einen Durst der Bestialität, in eine Wut, auf allen vieren zu kriegen, zu brummen und zu beißen. Als er eines Tages eben wieder den Bären machte, stieß sie ihn so heftig, daß er gegen ein Möbelstück fiel und sie lachte über die Beule, die er sich an der Stirne schlug. Sie hatte an ähnlichem Zeitvertreib bei La Faloise Geschmack gefunden und behandelte den Grafen als Tier, schlug ihn, verfolgte ihn mit Fußtritten.

Hü! Du bist das Pferd! Hü, hott! Vorwärts, träger Gaul!

Ein anderes Mal war er ein Hund. Sie warf ihr parfümiertes Sacktuch an das Ende des Zimmers, und er mußte es, auf allen vieren kriechend, zwischen den Zähnen zurückbringen.

Apport, Cäsar! Wart', ich will dich lehren, faul sein! ... Sehr gut, Cäsar! Sei folgsam, sei brav, Cäsar!

Er liebte seine Erniedrigung; es war ihm eine Wonne, ein Tier zu sein. Ja, er wollte noch tiefer sinken und schrie oft:

Schlage mich stärker! Hu, Hu! Ich bin jetzt toll! Schlage nur zu!

Eines Tages hatte sie eine seltsame Laune; sie verlangte, daß er am Abend in seiner großen Kammerherrnuniform zu ihr komme. Das war ein Gelächter und ein Gespött, als er am Abend in großer Uniform erschien mit dem Degen, mit dem Hute, in weißen Beinkleidern und rotem, goldgesticktem Frack, an dem rückwärts der Kammerherrnschlüssel hing. Dieser Schlüssel belustigte sie besonders und verleitete ihre tolle Phantasie zu allerlei Scherzen unflätigster Art. Unter fortwährendem Gelächter, fortgerissen durch die Respektlosigkeit gegen alles Große, und in ihrer Freude, ihn in diesem prächtigen Amtskostüm zu erniedrigen, schüttelte und zwickte sie ihn, indem sie rief: Vorwärts, Kämmerer! – wobei sie ihm jedesmal einen Fußtritt versetzte. Und jeder ihrer Fußtritte galt zugleich den Tuilerien, der Majestät des kaiserlichen Hofes, der auf der Höhe thronte, getragen von der Furcht und der Unterwürfigkeit aller. So dachte sie über die Gesellschaft ... Das war ihre Rache, eine unbewußte Vergeltung ihrer Familie, die ihr mit dem Blute als Erbe geworden. Als dann der Kammerherr entkleidet war und sein gestickter Rock am Boden lag, rief sie ihm zu: Spring darauf! – und er sprang darauf. – Spei' darauf! – und er spie darauf. – – Tritt darauf! – und er trat herum auf dem Golde, auf dem Adler und auf den Dekorationen. Nichts gab es mehr. Alles ging in Trümmer. Sie zerbrach einen Kämmerer, wie sie ein Fläschchen oder eine Konfektbüchse zerbrach, und sie machte aus ihm einen Haufen Unrat, wie er auf der Straße hinter dem Eckstein liegt ...

Die Goldschmiede hatten ihr Wort nicht gehalten; das Bett wurde erst um die Mitte des Monats Januar geliefert. Muffat befand sich eben in der Normandie, um eine letzte Besitzung zu veräußern. Nana brauchte sofort viertausend Franken. Er sollte erst in zwei Tagen zurückkehren; da er aber seine Angelegenheit erledigt hatte, beschleunigte er seine Rückreise. Ohne sein Haus in der Miromesnil-Straße aufzusuchen, ging er unmittelbar in die Villiers-Allee. Es war zehn Uhr morgens. Da er den Schlüssel zu einer kleinen Hinterpforte besaß, die auf die Cardinet-Straße ging, stieg er ungesehen die Treppe empor. Im Salon traf er Zoé mit der Reinigung der Bronzegegenstände beschäftigt. Die Kammerfrau geriet bei dem Anblick des Grafen in sichtliche Bestürzung, und da sie in der Eile nicht wußte, wie sie ihn zurückhalten sollte, begann sie ihm in umständlicher Weise zu erzählen, daß Herr Venot mit verstörter Miene ihn seit gestern suche, und daß er zweimal gekommen sei, sie zu bitten, daß sie den Grafen sofort nach Hause schicken möge, falls er zuerst bei Madame absteigen sollte. Muffat hörte sie an und begriff nichts von der Geschichte. Als er ihre Verwirrung sah, wurde er von einem Eifersuchtsanfall ergriffen, dessen er sich nicht mehr fähig gehalten, und stemmte sich gegen die Türe ihres Zimmers, aus dem lautes Gelächter heraustönte. Die Türe gab nach, die beiden Flügel gingen auf, während Zoé sich achselzuckend entfernte. Um so schlimmer, dachte sie. Wenn Madame verrückt ist, möge sie sich aus der Affäre ziehen, wie sie kann. Muffat aber stieß auf der Schwelle bei dem Anblick, der sich ihm darbot, einen Schrei aus.

Mein Gott ... Mein Gott ...

Das neue Zimmer erstrahlte in seinem königlichen Luxus. Silberne Püffchen waren gleich Sternen ausgestreut auf dem Stoffe von der Farbe der Teerose, dieser zarten Fleischfarbe, die der Himmel an schönen Sommerabenden annimmt, wenn im erbleichenden Tageslichte Venus sich am Horizont entzündet. Die von den Ecken herabhängenden Goldschnüre, die goldenen Spitzen, die den Bettüchern als Saum dienten, waren wie leichte Flammen, wie aufgelöste rote Haare, die zur Hälfte die aufdringliche Nacktheit dieses Möbelstückes verdeckten, zugleich aber die wollüstige Blässe schärfer hervortreten ließen. Gegenüber befand sich das Bett aus Gold und Silber, strahlend in dem neuen Glanze seiner feinen, durchbrochenen Arbeit, ein Thron, breit genug, daß Nana daraus das Königreich ihrer nackten Glieder ausbreiten konnte. Ein Altar von byzantinischem Reichtum, würdig der Allmacht ihres Geschlechtes, auf dem sie in der Tat in der wahrhaft religiösen Schamlosigkeit eines gefürchteten Götzenbildes diese Herrschaft entfaltete. An ihrer Seite lag unter dem Widerschein des Schnees ihres Busens inmitten des Triumphes einer Göttin ein Haufen Schmutz, ein gebrechliches Gerippe, eine komische und jämmerliche Ruine: der Marquis de Chouard im Hemde.

Der Graf hatte die Hände gefaltet; von einem furchtbaren Schauer geschüttelt, wiederholte er fortwährend: Mein Gott ... Mein Gott ...

Für den Marquis Chouard blühten also die goldenen Rosen in goldenem Laubwerk. Für ihn also beugten sich die Liebesgötter herab, diese neckische Schar auf silbernen Ranken mit ihrem schelmisch verliebten Lächeln. Für ihn also enthüllte zu seinen Füßen der Faun den Schlaf der von der Wollust erschlafften Nymphe, diese Figur der Nacht, dargestellt nach dem berühmten nackten Fleische Nanas, treu kopiert bis auf die etwas starken Hüften, die sie unter allen Weibern erkennen ließen. Hierhergeworfen wie ein verdorbener, durch sechzigjährige Ausschweifungen aufgelöster menschlicher Fetzen war er wie eine unsaubere Beule inmitten dieser Herrlichkeiten weiblichen Fleisches. Als er die Türe aufgehen sah, hatte er sich erhoben, gepackt von dem Entsetzen eines entnervten Greises. Diese letzte Liebesnacht hatte völligen Schwachsinn für ihn zur Folge, er verfiel in die Unbehilflichkeit der Kindheit zurück; keine Worte findend, halb gelähmt, stammelnd, bebend, verblieb er in einer wie zur Flucht bereiten Haltung, das Hemd auf seinem skelettartigen Leibe zurückgeschoben, ein Bein aus den Bettüchern heraushängend, ein jämmerliches, fahles, mit weißen Haaren bedecktes Bein. Trotz der Unerquicklichkeit dieser Lage konnte Nana sich eines Lachens nicht enthalten.

So leg' dich doch hin, grab' dich in das Bett ein, sagte sie, indem sie ihn niederwarf und unter die Decken schob, wie einen Haufen Schmutz, den man nicht zeigen will.

Dann sprang sie vom Bette, um die Türe zu schließen. Sie hätte entschieden Pech, meinte sie, mit ihrem kleinen Hündchen; er komme jedesmal zur Unzeit. Warum ging er auch nach der Normandie, um Geld zu holen? Der Alte hatte ihr die viertausend Franken gebracht, und sie gab sich ihm hin. Sie stieß die Türe wieder zu und schrie:

Um so schlimmer; es ist deine Schuld. Wer hat schon gesehen, daß man in dieser Weise eintritt? Jetzt habe ich genug. Glückliche Reise.

Niedergeschmettert von dem, was er gesehen, stand Muffat vor dieser geschlossenen Tür. Das Frösteln wurde immer mächtiger, ein Frösteln, das ihm von den Beinen bis in die Brust und den Schädel stieg. Dann wankte er gleich einem Baume, der von einem heftigen Sturme geschüttelt wird, und fiel in die Knie, wobei alle seine Glieder krachten. Voll Verzweiflung streckte er die Hände in die Luft und stammelte: Es ist zu viel, mein Gott, es ist zu viel. Alles hatte er sich gefallen lassen, doch jetzt konnte er nicht weiter, er fühlte seine Kräfte zu Ende gehen. Er befand sich in jenem Dunkel des Seelenzustandes, wo der Mann mit seiner Vernunft zugleich versinkt. In einer verzweiflungsvollen Aufregung reckte er die Hände zum Himmel und rief Gott an.

Nein, ich will nicht ... Komm mir zu Hilfe! Mein Gott, steh' mir bei, gib mir den Tod ... Nein, nicht diesen Menschen auch noch, mein Gott ... Es ist aus, nimm mich zu dir, daß ich nichts mehr sehe, daß ich nichts mehr fühle, ich gehöre dir an, mein Gott. Vater unser, der du bist! ...

Im Glauben erglühend, stammelte er ein heißes Gebet. Da berührte ihn jemand an der Schulter. Er erhob den Blick: Es war Herr Venot, überrascht darüber, daß er ihn hier vor dieser verschlossenen Tür im Gebet fand. Gleichsam als habe der Herr seinen Hilferuf erhört, warf sich der Graf dem kleinen Greise an den Hals. Er konnte endlich weinen, er schluchzte und wiederholte:

Mein Bruder ... Mein Bruder.

Sein ganzes leidendes Menschentum fand Trost in diesem Schrei. Er benetzte das Gesicht des Herrn Venot mit seinen Tränen, er küßte ihn, indem er, von Schluchzen unterbrochen, stammelte:

Oh, mein Bruder, wie sehr leide ich ... Sie allein sind mir noch geblieben, mein Bruder ... Führen Sie mich fort. Um Gottes willen, führen Sie mich fort für immer.

Da schloß Herr Venot ihn an seine Brust und nannte ihn gleichfalls seinen Bruder. Aber er hatte ihm wieder eine herbe Nachricht mitzuteilen. Er suchte ihn schon seit dem vorigen Abend, um ihn zu benachrichtigen, daß die Gräfin Sabine in ihrer Erniedrigung soeben mit dem Chef eines Modewarenhauses durchgegangen sei – ein greulicher Skandal, von dem schon ganz Paris spreche. Als er den Grafen unter dem Einflusse einer solchen religiösen Verzückung sah, hielt er den Augenblick für geeignet, ihm dieses Abenteuer, dieses tragische Ende, in dem sein Haus unterging, sofort mitzuteilen. Der Graf wurde davon nicht sonderlich bewegt; seine Frau ist fort, das macht ihm nichts, er wird später darüber sprechen. In seiner Beklommenheit blickte er abwechselnd auf die Wände dieses Zimmers, auf die Decke und auf die Tür, indem er fortwährend die Bitte wiederholte:

Führen Sie mich fort, ich kann es nicht länger ertragen; ach, führen Sie mich fort.

Herr Venot führte ihn fort wie ein Kind. Von da an gehörte er ihm völlig. Muffat fiel wieder in die strengen Pflichten der Religion zurück, sein Leben war vernichtet. Angesichts der Empörung, die sich in den Tuilerien über seinen Lebenswandel kundgab, hatte er seine Entlassung als Kammerherr gegeben. Seine Tochter Estella hatte einen Prozeß gegen ihn angestrengt wegen einer Summe von sechzigtausend Franken, der Erbschaft von einer Tante, die er ihr am Tage ihrer Vermählung hätte ausfolgen sollen. Ruiniert, von den Trümmern seines großen Vermögens kärglich lebend, ließ er sich nach und nach durch die Gräfin vollständig zugrunde richten, die die Reste verschlang, die Nana verschmähte. Sabine, verdorben durch den Verkehr mit dieser Dirne, zum äußersten getrieben, war der gänzliche Ruin, die letzte Zerstörerin des häuslichen Herdes geworden. Nachdem sie verschiedene Abenteuer hinter sich hatte, kehrte sie wieder zurück, und er nahm sie wieder auf in der Ergebenheit christlicher Verzeihung. Sie begleitete ihn von da an wie seine lebendige Schande. Doch immer gleichgültiger geworden, litt er nicht mehr unter diesen Dingen. Der Himmel hatte ihn den Händen des Weibes entrissen, um ihn in die Arme Gottes zu führen. Es war gleichsam eine religiöse Fortsetzung der Wollust Nanas in dem Stammeln, in den Gebeten und den Demütigungen einer verdammten, im Schmutz ihres Ursprunges vernichteten Kreatur. Im Dunkel der Kirchen, auf die kalten Steinplatten hingestreckt, fand er die inneren Freuden von ehemals wieder, die Erschlaffung seiner Muskeln, die süße Erschütterung seines Geistes in der gleichen Befriedigung der unklaren Bedürfnisse seines Wesens.

An dem Abend, als der Bruch erfolgte, sprach Mignon in Nanas Haus, Villiers-Allee, vor. Er hatte sich endlich an Fauchery gewöhnt; er kam so weit, es vorteilhaft zu finden, wenn an der Seite seiner Gattin ein zweiter Gemahl lebte. Er überließ diesem alle kleinen Sorgen des Haushaltes und begnügte sich damit, das Ganze sorgfältig zu überwachen und dafür zu sorgen, daß der Schriftsteller den Ertrag seiner dramatischen Erfolge dem Haushalte nicht entziehe. Fauchery zeigte sich vernünftig; ohne jede lächerliche Eifersucht war er eben so nachsichtig wie Mignon in bezug auf die kleinen Gelegenheitsverhältnisse Rosas. Die beiden Männer verständigten sich immer mehr und waren glücklich über eine Vereinigung, die an Freuden der verschiedensten Art so reich war. Jeder ging seinen Weg innerhalb dieses Haushaltes, wo sie einander nicht mehr störten. Es war alles geregelt, es ging vortrefflich, sie wetteiferten darin, sich gegenseitig glücklich und zufrieden zu machen. Mignon war auf den Rat Faucherys zurückgekommen, Nanas Kammerfrau zu kapern, von deren Vorzügen der Journalist ihm nicht Rühmliches genug zu erzählen wußte. Denn Rosa war in Verzweiflung; seit einem Monat befand sie sich in den Händen von ungeübten Kammermädchen, die ihr fortwährend Verlegenheiten bereiteten. Mignon wurde von Zoé empfangen, er schob sie sofort in den Speisesaal. Bei dem ersten Worte, das er vorbrachte, lächelte sie; es sei unmöglich, meinte sie, denn sie verlasse Madame, um sich selbständig zu machen. Sie fügte mit leisem Lächeln hinzu, daß sie alle Tage ähnliche Anträge erhalte; die Damen stritten förmlich um sie. Madame Blanche habe ihr goldene Brücken versprochen, um sie wieder zu erhalten. Zoé strebte danach, das Geschäft der Tricon zu bekommen; es war dies ein von ihr längst gehegter Plan, eine ehrgeizige Kapitalsanlage, in der ihre Ersparnisse sich vermehren sollten. Sie brütete über großen Plänen; sie wollte das Geschäft erweitern, ein großes Haus mieten und darin alle Vergnügungen vereinigen. Für diesen Plan gedachte sie auch Satin zu gewinnen, die sich indessen dermaßen verschlampt hatte, daß sie daran war, in einem erbärmlichen Spital elendiglich zugrunde zu gehen.

Mignon verharrte bei seinem Vorhaben und sprach von der Gefahr, mit der alle Geschäftsunternehmungen verbunden seien. Zoé schwieg indessen über die Art ihrer beabsichtigten Unternehmung; sie beschränkte sich darauf, fein zu lächeln, als ob sie sagen wollte:

Ach, Luxusartikel gehen immer ... Ich bin lange genug bei anderen gewesen; nun möchte ich einmal, daß die anderen bei mir seien. Ein Ausdruck grausamer Genugtuung lag auf ihren zurückgeworfenen Lippen. Sie wird endlich selbst ›Madame‹ werden und alle diese Frauen, denen sie fünfzehn Jahre hindurch die Waschbecken ausgespült, für einige Louis zu ihren Füßen haben.

Mignon verlangte, daß sie ihn anmelde. Zoé ließ ihn einen Augenblick allein, indem sie sagte, Madame habe einen schlechten Tag verbracht. Mignon war jetzt erst das zweitemal da und kannte das Haus noch nicht. Der Speisesaal mit seinen Tapeten, seiner Kredenz und dem Silbergeschirr erregte seine Bewunderung. Er öffnete die Türen, besichtigte den Salon, den Wintergarten und kehrte dann in den Vorraum zurück. Dieser verblüffende Luxus, diese vergoldeten Möbel, die Seiden- und Samtstoffe erfüllten ihn mit einer Bewunderung, die sein Herz schlagen ließ. Als Zoé wieder kam, um ihn abzuholen, machte sie sich erbötig, ihm auch die übrigen Räume des Hauses, das Toilettezimmer, das Schlafzimmer zu zeigen. Im Schlafzimmer erreichte seine Bewunderung den Höhepunkt; er war erregt bis zur Begeisterung. Diese verdammte Nana verblüffte ihn, der sich doch auf die Dinge verstand. Noch im Niedergange fand er inmitten der Verheerungen des Dienstpersonals eine Anhäufung von Reichtümern, die noch immer genügten, die Löcher zu stopfen, die aus den Ruinen förmlich hervorragten. Bei dieser Prachtleistung erinnerte sich Mignon großartiger Arbeiten, die er gesehen. In der Nähe von Marseille hatte man ihm einst eine Wasserleitung gezeigt, deren steinerne Bogen über Abgründe hinwegsetzten, ein wahrhaft riesenhaftes Werk, das Millionen und ein Jahrzehnt von enormen Arbeiten in Anspruch genommen hatte. In Cherbourg hatte er den neuen Hafen gesehen. Einen ungeheuren Werkplatz, Hunderte von Menschen, die im Sonnenbrande schwitzten, kolossale Maschinen, die das Meer mit Pfeilern anfüllten und eine Mauer erhoben, auf denen es von Arbeitern wimmelte. All das schien ihm klein im Vergleich zu dem Werke, das Nana verrichtete. Bei dieser Leistung empfand er das gleiche Gefühl von Achtung, das eines Tages ihn erfüllte, als er an einem Feste teilnahm in dem Schlosse eines Zuckerfabrikanten, in einem Schlosse, dessen königliche Pracht aus einem einzigen Stoffe, aus Zucker, bezahlt wurde. Nana verstand es freilich mit etwas anderem, einer kleinen Dummheit, über die jeder lachte, mit einem Teil ihrer delikaten Nacktheit, mit diesem schmählichen und doch so mächtigen Nichts, dessen Macht die ganze Welt bewegt, ganz allein, ohne Arbeiter, ohne Maschinen, die von Ingenieuren erfunden werden, Paris zu erschüttern und sich dieses ungeheure Vermögen aufzubauen, unter dem Menschenleiber begraben waren.

Herrgott, ist das ein Werkzeug, ließ Mignon in einer Regung persönlicher Dankbarkeit sich entzückt vernehmen.

Nana hatte schweren Kummer. Zunächst war sie infolge des Zusammentreffens des Marquis mit dem Grafen von einem nervösen Fieber geschüttelt worden, in das sich ein Zug von Heiterkeit mengte. Die Erinnerung an diesen Alten, der halbtot in einem Fiaker davonfuhr, und an ihr armes Hündchen, das sie nun nicht wieder sehen sollte, nachdem sie es so oft zur Raserei gebracht, rief in ihr eine Art rührseliger Betrübtheit hervor. Hierzu kam die Nachricht, daß Satin, durch Madame Robert in einen greulichen Zustand versetzt, in einem Spital elendiglich dahinsiechte. Als sie anspannen ließ, um diesen kleinen Schmutzfleck ein letztes Mal zu besuchen, erschien Zoé bei ihr, um ihr in aller Ruhe achttägig zu kündigen. Das versetzte sie einen Augenblick in die höchste Verzweiflung; es schien ihr, als solle sie eine Person aus ihrer Familie verlieren. Mein Gott, was sollte allein aus ihr werden? Sie verlegte sich aufs Bitten, so daß Zoé, sehr geschmeichelt durch die Verzweiflung Madames, diese küßte, um zu zeigen, daß sie nicht in Groll scheide; aber es mußte sein; vor den Geschäften habe das Herz zu schweigen. Dieser Tag sollte noch weiteren Kummer bringen. Voll Widerwillen und ohne länger ans Ausgehen zu denken, wälzte sich Nana in ihrem kleinen Salon, als Labordette kam, um ihr von einem vorteilhaften Spitzenkaufe zu sprechen, und nebenbei die Bemerkung fallen ließ, daß Georges tot sei.

Sie war versteinert.

Zizi tot! schrie sie und unwillkürlich suchten ihre Blicke den roten Blutfleck auf dem Teppich.

Doch der Fleck war fort, die Fußtritte hatten ihn abgewetzt. Labordette erzählte Näheres. Man wisse nicht genau, wie er geendet. Die einen sprechen davon, daß die Wunde sich wieder geöffnet, die anderen von einem Selbstmorde. Man sagt, er habe zu Fondettes sich in einem Teich ertränkt. Nana wiederholte fortwährend: Tot, ach, tot ...

Nachdem der Kummer schon seit dem Morgen ihr die Kehle zugeschnürt, brach sie in Schluchzen aus. Sie fühlte sich von einer unendlichen Trauer, von einer tiefen, unermeßlichen Empfindung niedergedrückt. Als Labordette es versuchen wollte, sie über den Verlust Georges' zu trösten, gebot sie ihm mit der Hand Stillschweigen und stammelte:

Nicht er allein ist es; es ist alles, alles ... Ich bin sehr unglücklich ... Oh, ich begreife! Man wird jetzt noch sagen, ich sei eine gemeine Dirne ... Alle werden es sagen: diese Mutter, die sich in Kummer verzehrt, der arme Mann, der heute morgen vor meiner Tür auf den Knien lag, und alle anderen werden es jetzt sagen, die bisher ihr Geld mit mir verzehrt haben und sich nun ruiniert sehen. Tretet nur auf Nana, ja, tretet nur auf dieses Tier, oh, ich habe einen starken Rücken ... Ich höre sie rufen, als ob ich dabei wäre: Diese schmutzige Dirne, die es mit jedem hält, die die einen ruiniert und die anderen in den Tod treibt, die einer solchen Menge von Leuten den tiefsten Kummer verursacht, tretet nur auf sie ...

Erstickt von Tränen mußte sie sich unterbrechen; sie war rücklings auf einen Diwan gesunken und drückte den Kopf in die Kissen. Das Unglück und der Jammer, den sie angestiftet hatte, bewegten ihr ganzes Wesen aufs tiefste, und ihre Stimme verlor sich in der stillen Klage eines unglücklichen Kindes. Oh, mir ist übel, mir ist sehr übel, ich vermag's nicht zu tragen, es erstickt mich. Es ist zu hart, wenn man nicht verstanden wird, wenn man sehen muß, wie die Menschen sich auf einen werfen, weil sie die Stärkeren sind ... Und ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe ein reines Gewissen ... Nein, nichts.

Dann geriet sie in eine seltsame Aufwallung. Sie erhob sich, trocknete ihre Tränen und ging erregt im Zimmer auf und ab.

Gut, sie sollen sagen, was sie wollen, meine Schuld ist's nicht. Bin ich etwa schlecht? Ich gebe alles her, was ich habe; ich könnte keine Fliege ums Leben bringen. Sie sind es ja, sie sind es ... Ich wollte ihnen niemals unangenehm sein, sie haben sich an meine Röcke gehängt, und heute jammern sie und heulen sie und spielen alle die Verzweifelten ...

Nun blieb sie vor Labordette stehen, schlug ihm kräftig auf die Schulter und rief:

Laß hören, sag' die Wahrheit, du warst ja immer zugegen ... Habe ich sie etwa dahin getrieben, wohin sie gingen? Hat sich nicht immer ein Dutzend von ihnen vor mir im Staube gewälzt und einer den andern an Schändlichkeit zu überbieten gesucht? Sie haben mir Ekel eingeflößt, ich mußte mich oft bezwingen, um ihnen nicht zu folgen, ich hatte Furcht ... Es genüge dir als Beispiel, daß sie mich alle heiraten wollten. Ein sauberer Gedanke, wie? Ja, mein Lieber, ich hätte zwanzigmal Gräfin oder Baronin werden können, wenn ich hätte einwilligen wollen. Ich habe es zurückgewiesen, weil ich vernünftig war, ja, ich habe sie oft verhindert, Schmutzereien und Verbrechen zu begehen; sie hätten mir zuliebe gestohlen, Vater und Mutter getötet, ich hätte nur ein Wort zu sagen gebraucht, ich habe dieses Wort nicht gesagt ... Heute siehst du, wie ich belohnt werde. Es ist geradeso wie mit diesem Daguenet. Ich habe diesen Hungerleider verheiratet, nachdem ich ihn wochenlang unentgeltlich gefüttert; ich habe ihm zu einer Stellung verholfen. Und als ich ihm gestern begegnete, wandte er den Kopf fort. Ist das ein Schwein. Ich bin sicherlich weniger schmutzig als er ...

Sie ging im Zimmer auf und ab, schlug mit der Faust heftig auf ein Möbelstück und rief:

Herrgott, das ist nicht gerecht, die Gesellschaft ist nicht, wie sie sein soll. Man fällt über die Frauen her, und doch sind es die Männer, die immerfort fordern und Sachen fordern ...! Ich kann es dir ja sagen: wenn ich ihren Willen tat, so machte mir das kein Vergnügen, nicht das geringste Vergnügen; im Gegenteil, stets Widerwillen und Verdruß ... Ich frage dich nun: trifft mich eine Schuld in dieser Sache? Jawohl, sie sind es, die mich ruiniert haben. Ohne sie und ohne das, was sie aus mir gemacht haben, wäre ich jetzt in einem Kloster, um den lieben Gott um Verzeihung zu bitten, denn ich war immer sehr fromm ... Und wenn sie ihr Geld und ihre Haut dabei gelassen haben, so sind sie nur selbst schuld daran, ich nicht im geringsten.

Gewiß, sagte Labordette überzeugt.

Jetzt führte Zoé Mignon herein. Nana empfing ihn lächelnd. Sie hatte geweint; jetzt war es vorüber.

Mignon, noch immer entzückt über das, was er gesehen, drückte Nana seine Bewunderung über ihre Behausung aus. Doch sie ließ ihm merken, daß sie ihr Haus satt habe; sie träume jetzt von anderen Dingen, es dürfe ein Tag kommen, an dem sie alles mit Sack und Pack verschleudern werde.

Um für seinen Besuch einen Vorwand anzugeben, erzählte Mignon ihr, er sei in Angelegenheit einer Wohltätigkeitsvorstellung zugunsten des alten Bosc gekommen, der, vom Schlage gerührt, regungslos in seinem Sessel liege. Sie war sehr gerührt und nahm zwei Logen. Indessen erinnerte Zoé Madame, daß der Wagen warte, und Nana nahm ihren Hut. Während sie ihre Hutschleife festband, erzählte sie die Geschichte dieser armen Satin, dann fügte sie hinzu:

Ich fahre ins Spital; niemand hat mich so sehr geliebt wie sie. Mit vollem Recht beschuldigt man die Männer, daß sie kein Herz haben ... Wer weiß; vielleicht werde ich sie gar nicht mehr am Leben finden. Macht nichts, ich werde doch verlangen, sie zu sehen, ich will sie noch einmal küssen.

Labordette und Mignon lächelte. Sie war nicht mehr traurig, und auch sie lächelte, denn die beiden zählten nichts. Sie konnten glauben, was sie wollten, das störte sie nicht. Während sie ihre Handschuhe zuknöpfte, verharrten die beiden Herren in stiller Verwunderung. Sie war allein aufrecht geblieben inmitten der in ihrem Haus aufgehäuften Reichtümer, zu ihren Füßen lagen Männer, die sie vernichtet hatte. Wie jene Ungeheuer des Altertums, deren gefürchtetes Gebiet mit Knochen besetzt war, setzte sie den Fuß auf menschliche Schädel. Sie war vom Verderben umgeben; dem Brand, in dem Vandeuvres umgekommen, dem Trübsinn Foucarmonts, der in den fernen chinesischen Gewässern umherschiffte, dem Unglück Steiners, der jetzt genötigt war, als ehrlicher Mensch sein Leben zu fristen, dem befriedigten Blödsinn La Faloises, dem tragischen Untergang des Grafen Muffat, dem bleichen Leichnam des armen Georges, bewacht von Philipp, der tags vorher das Gefängnis verlassen hatte. Ihr Werk der Zerstörung und des Todes war vollbracht. Die Fliege, die aus dem Unrat der Vorstädte gekommen war und das Gift der sozialen Fäulnis mit sich gebracht hatte, hatte alle diese Männer durch eine einfache Berührung vergiftet. Das war gut, das war gerecht, sie hatte ihre Klasse gerächt, die Klasse der Bettler und der Verlassenen. Während ihr Geschlecht ruhmvoll aufstieg und über die hingestreckten Opfer triumphierte, glich sie der aufsteigenden Sonne, die ein blutgetränktes Schlachtfeld beleuchtet, behielt sie die Kaltblütigkeit eines prächtigen Raubtieres. Sie hatte keine Ahnung davon, was sie tat, sie blieb das gutmütige Mädchen von früher. Sie blieb groß und dick, froh und gesund. All das zählte für sie nichts mehr; ihr Haus schien ihr einfältig, zu klein, angestopft mit Möbeln, die ihr nur im Wege waren. Ein wahrer Bettel, kaum gut genug für den Anfang. Sie träumte etwas Besseres, und sie fuhr aus, um Satin ein letztes Mal zu umarmen. Dabei hatte sie ein sauberes, solides, fast neues Aussehen, als sei ihre Vergangenheit nicht gewesen.