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Nana.  Émile Zola
Kapitel 4.
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Ein Tafeldecker, von Brébant geschickt, war seit dem Morgen beschäftigt, mit Hilfe einer Schar von Kellnern und Gehilfen, in Nanas Wohnung die Vorbereitungen zum Abendessen zu treffen. Brébant lieferte alles: das Geschirr, Gläser, Leinen, die Blumen, sogar die Sessel und Schemel. Nana hätte, wenn sie alle ihre Schränke geplündert, kein Dutzend Servietten aufzutreiben vermocht. Sie war noch nicht eingerichtet und verschmähte es, das Essen in einem Restaurant zu geben, darum überließ sie die Veranstaltung dem Restaurateur. Das fand sie vornehmer. Sie wollte ihren großen theatralischen Erfolg mit einem Essen feiern, von dem man sprechen sollte. Da ihr Speisezimmer zu klein war, hatte man die Tafel im Salon gedeckt. Man hatte, etwas eng aneinandergeschoben, fünfundzwanzig Gedecke angebracht.

Ist alles bereit? fragte Nana, als sie um Mitternacht heimkehrte.

Was weiß ich? rief Zoé barsch und anscheinend außer sich. Ich kümmere mich gottlob um die ganze Geschichte nicht. Die Leute kehren uns ja das Haus von unterst zu oberst. Überdies habe ich auch Verdruß gehabt ... Die beiden andern sind auch gekommen. Schließlich habe ich sie hinausgeworfen.

Sie sprach von den früheren Liebhabern ihrer Herrin, dem Kaufmann und dem Walachen. Nana hatte diesen beiden den Laufpaß gegeben, da sie ihre Zukunft gesichert sah und »eine neue Haut anziehen« wollte, wie sie sagte.

Sind das Kletten, rief sie entrüstet aus. Wenn sie wieder kommen sollten, drohe ihnen mit der Polizei.

Dann rief sie Daguenet und Georges herein, die im Vorzimmer ihre Überzieher aufhängten. Die beiden waren bei dem für die Schauspieler bestimmten Ausgang in der Panoramenpassage zusammengetroffen, und Nana hatte sie in ihrem Fiaker mitgebracht. Da noch niemand gekommen war, hieß sie die beiden ins Toilettezimmer gehen, während sie mit Hilfe Zoés für das Essen Toilette machen wollte. In aller Eile ließ sie sich, ohne ein anderes Kleid zu nehmen, das Haar aufstecken und schmückte den Kopf und die Brust mit weißen Rosen. Das Zimmer war vollgepfropft mit Möbeln, die man aus dem Salon hierher schaffen mußte: Tischchen, Sofas, Sessel, alles umgestürzt, mit den Füßen in der Luft. Nana war fertig mit ihrer Toilette, als ihr Rock sich an einem Rädchen verfing und einen Riß bekam. Sie wurde wütend und brach in Klagen aus, daß solche Dinge nur ihr geschehen könnten. Sie streifte das Kleid von feiner weißer Seide ab, das sich wie ein Hemd an ihren Körper schmiegte. Aber sie legte das Kleid bald wieder an, weil sie nichts Passendes in ihrer Garderobe fand; sie weinte wie ein Kind, »weil sie wie eine Lumpensammlerin gekleidet sei«. Daguenet und Georges mußten den Riß mit Stecknadeln zusammenheften, während Zoé ihr Haar wieder in Ordnung brachte. Der Kleine lag sehr geschäftig auf den Knien und war glücklich, in Nanas Röcken herumwühlen zu können.

Diese besänftigte sich endlich, als Daguenet ihr versicherte, es sei höchstens ein Viertel auf eins, so habe sie den letzten Akt der »blonden Venus« beschleunigt, indem sie ihre Kuplets herableierte.

Noch immer viel zu gut für die Schwachköpfe in diesem Theater. Zoé, mein Kätzchen, du wirst hier warten und nicht zu Bett gehen. Ich bedarf deiner vielleicht. Es ist die höchste Zeit, die Gäste rücken an.

Sie eilte hinaus. Georges blieb am Boden liegen; die Schöße seines Frackes fegten die Dielen. Er errötete, als er sah, daß Daguenet ihn betrachtete. Sie hatten Zuneigung füreinander gewonnen. Sie ordneten ihre Krawatten vor dem großen Spiegel und bürsteten einander, weil sie, an Nana sich reibend, vom Puder weiß geworden waren.

Es sieht aus wie Zucker, sagte Georges mit dem genäschigen Lachen eines Kindes.

Ein Lakai, für diesen Abend gedungen, führte die Gäste in den kleinen Salon, einen schmalen Raum, in dem nur vier Sessel standen, auf denen alle Gäste Platz finden sollten. Aus dem großen Salon drang ein Geräusch von Geschirr und Tafelzeug herüber, während unter der Tür ein Lichtstreif zu sehen war. Nana fand im kleinen Salon Clarisse Besnus, die mit La Faloise gekommen war.

Wie, du bist die erste? rief Nana, die seit ihrem Erfolge die andere sehr vertraulich behandelte.

Ach, er hat so geeilt; er fürchtet immer zu spät zu kommen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich nicht einmal mehr Zeit gehabt, die Schminke abzuwischen und die Perücke abzulegen.

Der junge Mann, der Nana jetzt zum ersten Male sah, verneigte sich und machte ihr Komplimente. Er sprach von seinem Vetter und verbarg seine Verwirrung unter einem Übermaß von Höflichkeit. Nana aber, ohne ihm zuzuhören und ohne ihn zu kennen, drückte ihm lebhaft die Hand und eilte dann Rosa Mignon entgegen. Sie war plötzlich äußerst höflich.

Teure Freundin, sagte sie, wie liebenswürdig, daß Sie kommen. Ich habe sehr viel Wert darauf gelegt, Sie in unserer Gesellschaft zu sehen.

Ich bin entzückt, teilnehmen zu können, versicherte Rosa, von Herzlichkeit überfließend.

Nehmen Sie Platz ... Kann ich Ihnen etwas anbieten?

Ich danke, nichts ... Ah, ich vergaß meinen Fächer im Mantel. Schauen Sie nach, Steiner, in der rechten Tasche.

Hinter Rosa waren Mignon und Steiner eingetreten. Der Bankier machte kehrt, um den Fächer zu holen; unterdessen hatte Mignon Nana vertraulich geküßt und nötigte seine Frau, ein gleiches zu tun. Gehört man denn nicht zu einer Familie beim Theater? Dann zwinkerte er mit den Augen, um auch Steiner zu ermutigen, daß er Nana umarme; allein dieser, durch den klaren Blick Rosas zurückgehalten, begnügte sich damit, Nana die Hand zu küssen.

In diesem Augenblicke erschien Graf Vandeuvres mit Blanche de Sivry. Allseitige Verbeugungen, dann führte Nana in zuvorkommender Weise Blanche zu einem Sessel. Inzwischen erzählte der Graf lachend, Fauchery streite unten mit dem Hausmeister, weil dieser sich weigere, den Wagen der Lucy Stewarts einfahren zu lassen. Man hörte jetzt Lucys Stimme im Vorzimmer, die den Hausmeister ein schmutziges Schwein nannte. Als der Lakai die Tür öffnete, trat sie lachend und anmutig ein, nannte selbst ihren Namen, erfaßte Nanas beide Hände und sagte, sie habe sie vom ersten Augenblicke geliebt und finde, daß sie ein großes Talent sei. Nana, stolz und glücklich in ihrer neuen Hausfrauenrolle, dankte verlegen. Seit Faucherys Eintritt schien ein Gedanke sie zu beschäftigen. Sobald sie sich ihm nähern konnte, fragte sie ihn leise:

Wird er kommen?

Nein, er will nicht kommen, antwortete kurz der Journalist, den die Frage unvorbereitet traf, obgleich er unterwegs eine ganze Geschichte erfunden hatte, um die Ablehnung des Grafen zu erklären.

Er merkte auch, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen habe, als er Nana erbleichen sah. Er wollte die Sache gutmachen und fügte hinzu:

Er hat nicht kommen können; er führt heute die Gräfin auf den Ball des Ministers des Innern.

Gut, sagte Nana, die dem Journalisten nicht traute; du sollst mir das entgelten, mein Lieber.

Oho, sagte Fauchery, verletzt durch diese Drohung, möchtest du mit solchen Aufträgen nicht andere beglücken? Wende dich an Labordette.

Sie wandten einander grollend den Rücken.

In diesem Augenblicke schob Mignon den Bankier Steiner zu Nana. Als diese allein war, sagte ihr Mignon mit der Gutmütigkeit eines Vaters, der nur das Wohl anderer will:

Wissen Sie, er stirbt vor Verlangen nach Ihnen. Aber er traut sich nicht vor meiner Frau. Sie werden ihn in Schutz nehmen, nicht wahr?

Nana schien nicht zu begreifen. Sie blickte lächelnd auf Rosa, deren Gatten und Steiner, dann sagte sie:

Herr Steiner, Sie werden neben mir sitzen.

Jetzt drangen aus dem Vorzimmer Gelächter und Worte herein, ein Gewirre von Stimmen, als ob eine ganze Mädchenschule ausgegangen sei und sich hier eingefunden habe. Labordette erschien und schleppte fünf Frauen mit sich, sein Pensionat, wie Lucy Stewart boshaft sagte. Da war vor allem Gaga, majestätisch in einem Kleide von blauem Samt, in dem sie fast erstickte, dann Karoline Héquet, wie immer in schwarzem Kleide, mit Spitzen garniert, ferner Lea de Horn in auffallender Tracht wie immer, die dicke Tatan Néné, eine gutmütige Blondine mit wahren Ammenbrüsten, über die sich jeder lustig machte, endlich Maria Blond, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, lasterhaft und mager wie ein Junge, seit ihrem Auftreten im Possentheater zu den Theaterheldinnen des Tages zählend. Labordette hatte diese ganze Gesellschaft in einem Wagen hergeführt, und sie lachten jetzt noch darüber, wie sie eingepfercht waren; Maria Blond auf den Knien der übrigen sitzend. Sie waren jetzt sehr artig und teilten nach allen Richtungen Händedrücke aus. Bloß Tatan Néné schien unruhig zu sein. Man hatte ihr nämlich gesagt, daß bei dem Essen Nanas sechs nackte Neger bedienen würden, und sie suchte nun die Neger. Labordette konnte sie nur mit Mühe beruhigen.

Und Bordenave? fragte Fauchery.

Oh, ich bin untröstlich; denken Sie sich: er kann nicht kommen, sagte Nana.

Ja, fügte Rosa hinzu, er hat sich den Fuß verrenkt, ist greulich angeschwollen. Jetzt sitzt er fluchend zu Hause und muß das eingeschiente Bein auf einem Sessel ausgestreckt halten.

Alles bedauerte Bordenave. Ohne Bordenave war ein Essen unvollkommen. Aber schließlich werde man ihn wohl oder übel entbehren müssen. Man sprach schon von anderen Dingen, als plötzlich eine laute Stimme sich vernehmen ließ:

Was, so will man mich begraben?

Ein allgemeiner Ausruf der Überraschung: Alle blickten nach der Tür. Es war Bordenave, dick und schwer, im Gesichte sehr rot, in steifer Haltung. So stand er auf der Schwelle da, auf die Schulter von Simonne Cabiroche gestützt. Jetzt lebte er gerade mit Simonne. Diese Kleine hatte eine gute Erziehung genossen, sie spielte Klavier und sprach englisch. Sie war ein schmächtiges, blondes Mädchen, das unter der rohen Faust Bordenaves fast zusammenbrach, aber dennoch lächelte und demütig blieb. Er stand einen Augenblick in theatralischer Stellung da, als fühle er, daß sie beide in dieser Stellung Eindruck machten.

Bin ich ein liebevoller Vater, wie? fuhr er fort. Meiner Treu, ich fürchtete, mich zu langweilen und sagte mir: Ich gehe hin ...

Er unterbrach sich, um einen Fluch auszustoßen.

Simonne hatte einen allzu raschen Schritt gemacht, so daß sein krankes Bein nachgeschleppt wurde. Er stieß sie; Simonne blieb unverdrossen, senkte ihr hübsches Gesicht wie das Tier, das die Prügel seines Herrn fürchtet, und unterstützte ihn mit aller Kraft, die sie, das zarte Mädchen, aufbieten konnte. Jetzt wollten alle helfen. Nana und Rosa Mignon rollten einen Lehnstuhl herbei, in dem Bordenave sich niederließ, während die anderen Damen ihm einen zweiten für sein krankes Bein unterschoben. Daß alle diese Schauspielerinnen ihn küßten, war selbstverständlich. Er brummte immer wieder:

Herrgott, mein Fuß ... Aber der Magen ist gesund; ihr sollt sehen.

Es kamen andere Gäste. Man konnte sich im Zimmer kaum mehr rühren. Das Geräusch mit dem Geschirr und Tafelzeug hatte aufgehört; jetzt hörte man lautes Gezänk im großen Salon. Der Tafeldecker war wütend. Nana war ungeduldig, weil das Essen noch nicht aufgetragen war, obgleich sie keine Gäste mehr erwartete. Sie hatte eben Georges hinausgesandt, um zu sehen, was es gebe, als sie zu ihrer Überraschung noch Gäste kommen sah: Herren und Damen, die sie gar nicht kannte. Sie war in Verlegenheit und wandte sich um Aufschluß an Bordenave, Mignon, Labordette. Niemand kannte die Ankömmlinge. Als sie sich deshalb an Vandeuvres wandte, erinnerte sich dieser sogleich. Es waren die jungen Leute, die er im Salon Muffat angeworben hatte. Nana dankte ihm. Sehr lieb von ihm, aber man werde sehr gedrängt sitzen. Sie bat Labordette, noch sieben Gedecke auflegen zu lassen. Kaum war dieser hinausgegangen, als der Lakai wieder drei Personen hereinführte. Nun, das war schon lächerlich. Man werde ja keinen Platz haben. Nana, allmählich verärgert, meinte, das sei schon unschicklich. Als sie aber noch zwei Gäste eintreffen sah, begann sie zu lachen; sie fand die Sache komisch. Um so schlimmer. Man wird sich behelfen, wie man kann. Alles stand, nur Gaga und Rosa Mignon saßen, da Bordenave für sich allein zwei Sessel beanspruchte. Die Stimmen summten durcheinander, man sprach halblaut und unterdrückte zuweilen ein Gähnen.

Wie wär's, wenn wir zu Tische gingen, mein Kind? rief Bordenave Nana zu. Wir sind doch vollständig, wie?

Jawohl, das will ich meinen! erwiderte sie lachend.

Sie blickte umher und wurde ernst; sie schien erstaunt, jemanden, den sie erwartet hatte, nicht zu sehen. Es fehlte offenbar noch ein Gast, von dem sie nicht gesprochen hatte, man mußte also warten. Einige Minuten später sahen die Gäste plötzlich in ihrer Mitte einen großen Herrn mit vornehmer Miene und schönem, weißem Barte. Niemand hatte ihn kommen sehen; er mußte durch die halboffene Tür des Schlafzimmers in den kleinen Salon eingetreten sein. Stillschweigen trat ein; ein Geflüster machte die Runde. Graf Vandeuvres kannte sicherlich diesen Herrn, denn er hatte ihn mit einem Händedruck begrüßt; aber der Graf beantwortete die Frage der Damen nur mit einem Lächeln. Karoline Héquet wollte wetten, der Herr sei ein Engländer, der am folgenden Morgen nach England zurückkehre, um sich zu vermählen; sie kenne ihn sehr wohl, denn er sei bei ihr gewesen. Diese Geschichte machte die Runde. Maria Blond behauptete, der Herr sei ein deutscher Gesandter; sie wisse das bestimmt von einer ihrer Freundinnen, bei der er häufig die Nacht zubringe. Die Herren beurteilten ihn mit kurzen Worten. Er habe ein ernstes Aussehen und bezahle wahrscheinlich die Kosten des Essens. Gleichviel, die Hauptsache bleibt, daß es gut ist. Mitten in diesen Vermutungen wurde die Tür geöffnet, und der Tafeldecker meldete, das Essen sei aufgetragen.

Nana nahm den Arm Steiners und schien eine Bewegung des alten Herrn nicht zu bemerken, der allein hinter ihnen ging. Der Zug wollte sich übrigens nicht ordnen; Herren und Damen drängten in voller Unordnung in den Speisesaal und machten sich über diese Ungebundenheit lustig. In dem geräumigen, von Möbeln völlig entblößten Raume stand eine lange Tafel, die sich von einem Ende zum andern dehnte. Dieser lange Tisch erwies sich noch immer zu klein, denn ein Teller stand dicht neben dem andren. Vier Armleuchter zu zehn Kerzen beleuchteten die Tafel; je einer von geschmiedeter Arbeit mit Blumengarben rechts und links. Es war der Luxus eines Restaurants. Porzellan mit Goldstreifen als Verzierung ohne Namenszug. Silberzeug, vom vielen Waschen abgenützt; die Gläser ungleich, offenbar in allen Läden ergänzt. Das Ganze hatte das Aussehen, als werde in einem plötzlich reich gewordenen Hause das Einweihungsmahl in übereilter Weise gefeiert, ehe noch alles angeschafft werden konnte. Ein Kronleuchter war nicht da; die hohen Kerzen in den Armleuchtern verbreiteten ein fahles Zwielicht über die gedeckte Tafel, wo die Kompottschüsseln und die mit kleinen Kuchen und Früchten gefüllten Teller gleichmäßig aufgestellt waren.

Jedermann setzt sich nach Wunsch, rief Nana, das ist lustiger.

Sie stand in der Mitte der Tafel. Der alte Herr, den niemand kannte, saß zu ihrer Rechten, Steiner zu ihrer Linken. Einzelne Gäste hatten schon Platz genommen, als man im kleinen Salon Flüche hörte. Es war Bordenave, der vergessen war und große Anstrengungen machte, sich von seinen zwei Sesseln zu erheben; er heulte und rief Simonne herbei, die mit den übrigen zu Tisch gegangen war. Die Damen liefen mitleidsvoll hinzu. Bordenave erschien, unterstützt, ja getragen von Karoline, Clarisse, Tatan Néné, Maria Blond. Es war eine mühsame Arbeit, ihn unterzubringen.

In die Mitte der Tafel, gegenüber von Nana! riefen alle. Bordenave in die Mitte, er wird den Vorsitz führen.

Die Damen setzten ihn in die Mitte. Aber er brauchte einen zweiten Sessel für sein krankes Bein. Zwei Damen hoben das Bein langsam in die Höhe und legten es sachte auf einen Sessel. Diese Lage genierte ihn nicht; er könne auch halbliegend essen.

Ich sitze recht unbeholfen, Kinder! rief er. Papa Bordenave empfiehlt sich euch.

Er hatte Rosa Mignon zur Rechten, Lucy Stewart zur Linken. Beide versprachen, ihn besonders zu versorgen. Jetzt suchten auch die andern, Platz zu finden. Graf Vandeuvres setzte sich zwischen Lucy und Clarisse: Fauchery zwischen Rosa Mignon und Karoline Héquet; auf der andern Seite hatte La Faloise sich beeilt neben Gaga Platz zu gewinnen, obgleich Clarisse, die gegenüber saß, ihn gerufen hatte; Mignon, der von Steiner nicht lassen wollte, war von diesem nur durch Blanche getrennt und hatte Tatan Néné zur Linken. Dann kam Labordette; an den beiden Enden der Tafel saßen junge Leute und Mädchen, Simonne, Lea de Horn, Maria, in bunter Unordnung durcheinander. Hier saßen auch Daguenet und Georges, die immer mehr Zuneigung zueinander faßten und lächelnde Blicke auf Nana warfen.

Dennoch waren zwei Personen ohne Platz geblieben. Man scherzte über sie; die Herren machten sich erbötig, sie auf die Knie zu nehmen. Clarisse, welche die Ellbogen nicht rühren konnte, sagte dem Grafen Vandeuvres, sie zähle darauf, daß er sie füttern werde.

Bordenave mit seinen beiden Sesseln nahm zuviel Platz ein. Man machte noch eine letzte Anstrengung, endlich saßen alle, aber, meinte Mignon, wie die Heringe in der Tonne.

Man brachte die Suppe.

»Purée d'asperges comtesse« und »vonsommé à la Deslignac« sagten die Kellner, indem sie die vollen Suppenteller den Gästen reichten.

Bordenave hatte eben »consommé à la Deslignac« laut angepriesen, als von allen Seiten protestierende und lachende Stimmen laut wurden. Die Tür hatte sich wieder geöffnet, und drei verspätete Gäste traten ein, eine Dame und zwei Herren. Das war denn doch zuviel. Nana maß ohne ihren Sitz zu verlassen die Neuangekommenen, ob sie ihr bekannt seien. Die Dame war Louise Violaine, die Herren hatte sie nie gesehen.

Meine Teure, sagte Vandeuvres, das ist Herr von Foucarmont, Marineoffizier, einer meiner Freunde, den ich eingeladen habe.

Und ich, fügte Foucarmont hinzu, habe mir erlaubt, einen meiner Freunde mitzubringen.

Ausgezeichnet. Ich bitte Platz zu nehmen. Clarisse, rücke doch ein wenig zurück. Ihr sitzt viel zu bequem da unten. Mit etwas gutem Willen können wir schon noch etwas Platz schaffen.

Man rückte noch enger zusammen. Foucarmont und Louise erhielten für beide zusammen eine kleine Ecke am Ende der Tafel; der Freund aber blieb entfernt von seinem Gedeck; er mußte über die Schultern seiner Nachbarn hinüberlangen. Die Kellner nahmen jetzt die Suppenteller weg und reichten Hirnwürstchen mit Trüffeln und eine Mehlspeise mit Parmesan. Bordenave brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr, indem er erzählte, daß er einen Augenblick die Absicht hatte Prullière, Fanton und den alten Bosc mitzubringen. Nana zeigte sich würdevoll; sie erklärte trocken, sie würde diese Herren nicht empfangen haben. Hätte sie ihre Kameraden haben wollen, so würde sie diese selbst eingeladen haben. Nein, nein! Nur keine Komödianten. Der alte Bosc ist immer betrunken, Prullière ein Vielfraß und Fanton unausstehlich mit seinem Geschrei und seinen albernen Witzen.

Schließlich sind die Komödianten nicht am Platze in Gesellschaft von Herren.

Wahr ist's! bekräftigte Mignon.

Die Herren an der Tafel in ihren Fräcken mit weißen Krawatten und glattrasierten Gesichtern hatten ein tadelloses Aussehen und schienen durch die Ermüdung noch von erhöhter Vornehmheit. Der alte Herr hatte eine gesetzte, ruhige Miene und ein feines Lächeln, als führe er in einer diplomatischen Versammlung den Vorsitz. Vandeuvres war von ausgesuchter Höflichkeit gegen seine Nachbarinnen, als befinde er sich im Salon der Gräfin Muffat. Noch am Morgen hatte Nana ihrer Tante gesagt: es werden die feinsten Herren kommen, lauter Adelige oder reiche Leute. Auch die Damen beobachteten eine sehr gute Haltung. Einige wie Blanche, Lea, Louise, waren dekolletiert erschienen, nur Gaga zeigte vielleicht etwas mehr als nötig, um so mehr als sie in ihrem Alter eigentlich nichts zeigen sollte. Da alle ihre Plätze hatten, wurde es wieder stille. Georges erinnerte sich, daß er bei den Bourgeois in Orleans viel heitereren Essen beigewohnt hatte. Das Gespräch stockte: die Herren, einander unbekannt, betrachteten sich gegenseitig, die Frauen verhielten sich ruhig. Darüber war Georges sehr erstaunt: er fand diese Frauen zu prüde; er hatte gedacht, man werde damit anfangen, einander zu küssen.

Man hatte eben Rheinkarpfen und Rehrücken auf getragen, als Blanche ausrief:

Liebe Lucy, ich bin neulich Ihrem Oliver begegnet. Ist der aber gewachsen!

Ja, er ist achtzehn Jahre alt; ich bin auch nicht jünger geworden. Er ist wieder abgereist, um seine Studien fortzusetzen.

Ihr Sohn Olivier, von dem sie mit solchem Stolze sprach, war Marinezögling. Man sprach nur von den Kindern. Alle diese Damen waren äußerst zärtlich gestimmt. Nana erzählte von ihrem Bebé, dem kleinen Ludwig. Er sei jetzt bei ihrer Tante, die ihn jeden Morgen um elf Uhr zu seiner Mutter bringe. Sie nehme ihn zu sich ins Bett, wo er mit Lulu, einem kleinen Hunde, spiele. Es ist zum totlachen, wenn beide sich unter der Decke verkriechen; Ludwig ist schon recht pfiffig.

Gestern habe ich einen schönen Tag verlebt, erzählte Rosa Mignon. Ich habe Charles und Henri aus ihrem Pensionat abgeholt und mußte sie ins Theater führen. Sie klatschten vor Freude in die Hände und riefen immer wieder: ›Wir werden Mama spielen sehen!‹ Ist das ein Pack.

Mignon lächelte selbstgefällig, seine Augen waren von väterlicher Zärtlichkeit feucht geworden.

Während der Vorstellung benahmen sie sich so drollig, setzte er die Erzählung fort, ganz wie Männer. Sie verschlangen Rosa mit den Augen und fragten mich, weshalb Mama mit nackten Beinen umhergehe.

Die Gesellschaft lachte. Mignon, in seinem Vaterstolz geschmeichelt, strahlte vor Freude. Er betete seine Kinder an und dachte nur daran, ihr Vermögen zu vermehren, indem er das Geld, das Rosa Mignon im Theater und anderwärts verdiente, getreulich verwaltete. Zur Zeit, als er sie heiratete, war er Kapellmeister in dem Cafékonzert, wo sie sang. Sie liebten einander damals leidenschaftlich; heute waren sie gute Freunde. Sie hatten ein regelrechtes Abkommen getroffen: sie erwarb, soviel sie konnte, mit ihrem Talent und ihrer Schönheit; er hatte seine Violine niedergelegt, um ihre Erfolge als Künstlerin und Frau besser überwachen zu können. Eine ruhigere, zufriedenere Ehe war nicht zu finden.

Wie alt ist der ältere? fragte Vandeuvres.

Heinrich ist neun Jahre alt, erwiderte Mignon; aber ein kräftiger Junge.

Dann neckte er Steiner, der kein Kinderfreund war. Er sagte ihm ruhig, daß er sein Vermögen nicht so leichtsinnig vergeuden werde, wenn er Kinder habe. Während er sprach, beobachtete er den Bankier über die Schulter Blanches hinweg, um zu sehen, ob die Annäherung an Nana Fortschritte mache. Es verdroß ihn in diesem Augenblick zu sehen, daß Rosa mit Fauchery gar zu vertraulich plauderte. Sie werde doch nicht mit solchen Albernheiten ihre Zeit verlieren ... In solchen Fällen pflegte er dazwischen zu treten. Mit seiner hübschen Hand, die ein Brillant schmückte, zerschnitt er ruhig sein Rehfilet.

Das Gespräch über die Kinder dauerte fort. La Faloise, sehr verwirrt durch die Nachbarschaft Gagas, erkundigte sich bei dieser nach ihrer Tochter, die er neulich mit ihr im Varietétheater gesehen. Lili befinde sich wohl – erzählte Gaga – aber sie sei noch ein rechter Backfisch. Er hörte zu seiner Überraschung, daß Lili in ihr neunzehntes Jahr gehe. Gaga stieg in seiner Achtung.

Er fragte sie, weshalb sie Lili nicht mitgebracht habe.

Ach nein, niemals! sagte sie ernst. Es sind ja kaum drei Monate, daß ich sie aus dem Pensionat genommen. Ich hätte sie am liebsten gleich verheiratet, aber das Kind liebt mich so sehr, daß ich es gegen meinen Willen noch bei mir behalten mußte.

Sie zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen, während sie von der Versorgung ihrer Tochter sprach. Eine Heirat sei doch das Beste für ein Mädchen, meinte sie. Sie selbst arbeite noch immer, habe Bekanntschaft mit Herren, sogar mit sehr jungen Herren, deren Großmutter sie sein könne – und habe sich doch keinen Sou ersparen können. Dann neigte sie sich zu La Faloise, der unter ihrer ungeheueren Schulter errötete, mit der sie ihn fast erdrückte, und flüsterte ihm ins Ohr:

Ich hüte sie, so gut ich kann ... Wenn es ihr dennoch passiert, so bin ich unschuldig daran ... Man ist so drollig, so lange man jung ist.

Eine große Bewegung war rings um die Tafel entstanden. Die Kellner eilten mit neuen Schüsseln herbei: Poulardes à la maréchale, Seezungenfilets mit Sauce ravigote, Escalopes. Anstatt des Mersault, den man bisher getrunken, wurde jetzt Chambertin und Léoville eingeschenkt. Während des gemäßigten Gespräches, das der Tellerwechsel verursachte, fragte der erstaunte Georges seinen Nachbar Daguenet, ob denn alle diese Damen Kinder hätten? Daguenet, dem diese Frage Spaß machte, gab ihm Aufschlüsse über die Damen. Lucy Stewart ist die Tochter eines Engländers, der im Nordbahnhof als Wagenradschmierer bedienstet ist. Sie ist neununddreißig Jahre alt, ein wahres Pferdegesicht, aber liebenswürdig; sie ist schwindsüchtig, will aber nicht sterben. Sie ist am meisten »schick« unter allen diesen Damen, hatte drei Fürsten und einen Herzog als Liebhaber. Karoline Héquet, die Tochter eines kleinen Beamten zu Bordeaux, der vor Schande über das ungeratene Kind gestorben war, hatte das Glück, eine kluge Mutter zu besitzen, die, nachdem sie ihre Tochter verstoßen, nach einem Jahre der Überlegung sich mit dieser wieder versöhnt hatte, um ihr wenigstens ein Vermögen zu sichern. Karoline war fünfundzwanzig Jahre alt, sehr kühl, und galt für die schönste unter diesen Damen; der Preis war bei ihr unabänderlich. Die Mutter, eine Dame von strengem Ordnungssinn, führte die Bücher, in den Einnahmen und Ausgaben mit großer Genauigkeit verzeichnet wurden, und leitete auch den Haushalt von der kleinen Wohnung aus, die sie zwei Stockwerke höher inne hatte und in der sie eine Nähwerkstätte eingerichtet hatte. Blanche de Sivry, mit ihrem eigentlichen Namen Jacqueline Baudu, stammte aus einem Dorfe bei Amiens; sie war eine prächtige Person, wild und verlogen; sie behauptete, die Enkelin eines Generals zu sein, und leugnete ihre zweiunddreißig Jahre. Wegen ihrer Üppigkeit war sie bei Russen sehr beliebt. Über die anderen Damen der Gesellschaft ging Daguenet etwas flüchtig hinweg. Clarisse Besnus ward als Bonne von einer Dame aus Saint-Aubin-sur-Mer nach Paris gebracht und dann von dem Gemahl dieser Dame eingeführt. Simonne Cabiroche war die Tochter eines Möbelhändlers im Faubourg-Saint-Antoine und war in einem Pensionat zur Lehrerin erzogen. Ähnliche Existenzen waren Maria Blond, Lea de Horn, Louise Violaine, sie alle hatte das Pariser Pflaster hervorgebracht, von Tatan Néné nicht zu reden, die bis zu ihrem zwanzigsten Jahre in der Champagne die Kühe gehütet hatte.

Georges hörte verblüfft diese in ungeschminkter, schonungsloser Weise gegebene Schilderung, während die Kellner hinter ihm respektvollen Tones wiederholten:

Poulardes à la maréchale ... Filets de sole, Sauce ravigote ...

Mein Lieber, riet ihm Daguenet, essen Sie jetzt keinen Fisch, er taugt nicht zu dieser Stunde, und trinken Sie nur Léoville, der ist nicht so heimtückisch.

Die Kandelaber, die Schüsseln, die ganze Tafel, an der achtunddreißig Personen zusammengepfercht saßen, verbreiteten allmählich eine unerträgliche Hitze im Salon. Die Kellner eilten mit den Schüsseln auf dem Teppich umher, der schon hier und da Fettflecke aufzuweisen hatte. Das Essen aber wollte nicht recht heiter werden ... Die Damen kosteten nur und ließen das Fleisch stehen. Bloß Tatan Néné aß von allem mit großer Hast. In dieser vorgerückten Abendstunde gab es nur nervösen Hunger, Launen verdorbener Magen ... Der alte Herr an Nanas Seite wies alle Schüsseln zurück. Er hatte nur ein wenig Suppe genommen und saß dann in stummer Betrachtung hinter seinem leeren Teller. Da und dort ein stilles Gähnen, die Augen fielen zu, die Gesichter verlängerten sich. Es war tödlich langweilig wie immer, meinte Vandeuvres. Wenn solche Essen amüsant sein sollen, dürfen sie nicht anständig sein. Wenn man anständig bleiben will, speist man lieber in der guten Gesellschaft, wo es auch nicht langweiliger hergeht. Ohne Bordenave, der fortwährend brüllte, mußte man ja einschlafen. Dieses Tier von einem Bordenave ließ sich gleich einem Sultan von seinen Nachbarinnen Lucy und Rosa füttern. Sie beschäftigten sich nur mit ihm, pflegten ihn, hätschelten ihn und wachten, daß sein Teller und sein Glas nie leer wurde. Das alles hinderte ihn nicht, sich immer zu beklagen.

Wer zerschneidet mir mein Fleisch? rief er. Ich kann es nicht; die Tafel ist ja eine Meile von mir entfernt.

Jeden Augenblick erhob sich Simonne und erschien hinter seinem Sessel, um ihm sein Fleisch und Brot zu schneiden. Alle Damen interessierten sich dafür, was er esse. Man rief die Kellner, man lieferte ihm Speisen zum Ersticken. Während Lucy einmal seinen Teller austauschte, wischte Simonne ihm den Mund ab. Das behagte ihm sehr. Er geruhte endlich, zufrieden zu sein, und rief:

So ist's recht, meine Tochter ... die Frauen sind dazu geschaffen ...

Es war etwas lebendiger geworden; das Gespräch wurde allgemein. Man hatte eben Sorbet genommen, dann kam wieder Braten; Filet mit Trüffeln als warmes, gesülztes Perlhuhn als kalte Platte. Nana, mißmutig darüber, daß ihre Gäste nicht recht aufgeräumt waren, begann laut zu reden.

Wissen Sie, daß der Prinz von Schottland eine Vorbühnenloge zu der »Blonden Venus« für die Zeit, da er zur Ausstellung kommen wird, hat mieten lassen?

Oh, alle Prinzen werden kommen, erklärte Bordenave mit vollem Munde.

Für Dienstag erwartet man den Schah von Persien, sagte Lucy Stewart.

Da sprach Rosa Mignon von den Diamanten des Schah. Er trage einen Rock, vollbesetzt mit Edelsteinen; ein wahres Wunder, ein flammender Stern, der Millionen wert sei. Die Damen steckten bleich vor Begierde die Köpfe vor, lauschten mit funkelnden Augen dieser Schilderung und sprachen von den übrigen Kaisern und Königen, die zur Ausstellung nach Paris kommen würden.

Sie alle träumten von irgendeiner königlichen Laune, einer Nacht, die mit einem Vermögen bezahlt werde.

Sagen Sie mir, mein Lieber, fragte Karoline Héquet, sich zum Grafen Vandeuvres wendend, wie alt ist der Kaiser von Rußland?

Oh, er hat gar kein Alter, erwiderte der Graf lachend. Nichts zu machen, das kann ich Ihnen im voraus sagen.

Nana tat, als ob sie verletzt sei. Ein widersprechendes Gemurmel wurde hörbar. Blanche gab Einzelheiten über den König von Italien zum besten, den sie in Mailand gesehen. Er war keineswegs schön, was ihn nicht hinderte, alle Frauen zu erobern. Sie war sehr verdrießlich, als Fauchery ihr sagte, Viktor Emanuel werde nicht kommen. Dann kam man auf den König von Preußen und auf Bismarck zu sprechen.

Bismarck ist ein scharmanter Mensch, ich kenne ihn, sagte Simonne.

Dasselbe habe ich gestern gesagt, aber man wollte es nicht glauben, bemerkte Vandeuvres.

Wie im Salon der Gräfin Sabine, beschäftigte man sich auch hier längere Zeit mit Bismarck. Vandeuvres brachte hier alles vor, was er dort gesagt hatte. Man glaubte sich einen Augenblick in den Salon Muffat versetzt, nur die Damen waren andere. Man sprach dann von der Musik und endlich von der Einkleidung des Fräulein von Fougeray. Nana wollte durchaus Einzelheiten über Fräulein von Fougeray erfahren. Alle waren sehr gerührt. Die Kleine wurde allgemein bedauert. Georges, den es langweilte, alle diese Dinge noch einmal zu hören, befragte Daguenet über die intimen Gewohnheiten Nanas; dann kehrte das Gespräch wieder auf Bismarck zurück. Tatan Néné neigte sich zu Labordette und fragte diesen, wer Bismarck sei, den sie nicht kenne. Labordette erzählte ihr sehr ruhig ungeheuerliche Geschichten über Bismarck: daß er rohes Fleisch esse, daß er alle Frauen, die er auf seinem Wege treffe, sich auf den Rücken lade und so entführe; daß er in dieser Weise schon mit vierzig Jahren zweiunddreißig Kinder hatte.

Zweiunddreißig Kinder mit vierzig Jahren? rief Tatan Néné verblüfft und überzeugt. Er muß recht müde sein für sein Alter.

Alles lachte; da begriff sie, daß man sich über sie lustig machte.

Das ist aber dumm, sagte sie; wie kann ich wissen, daß Sie nur scherzen.

Gaga hatte inzwischen das Gespräch über die Ausstellung fortgeführt. Sie freute sich und machte ihre Vorbereitungen. Es wird eine gute Zeit sein, meinte sie, ganz Frankreich und das Ausland werden sich in den Straßen von Paris drängen. Vielleicht wird es ihr endlich doch gelingen, nach der Ausstellung sich nach Juvisy zurückzuziehen in ein kleines Häuschen, das sie schon lange zu erwerben trachtete.

Was wollen Sie? sagte sie zu La Faloise; man kommt zu nichts ... Wenn man wenigstens geliebt würde!

Gaga wurde zärtlich, denn sie fühlte das Knie des jungen Mannes an dem ihrigen. La Faloise war sehr rot. Sie prüfte ihn mit einem Blick. Er wog nicht viel, der Kleine, aber in ihrem Alter durfte man nicht mehr allzu wählerisch sein ... Sie gab ihm ihre Adresse.

Schauen Sie, flüsterte Vandeuvres Clarisse zu; ich glaube, Gaga fischt Ihren Hektor weg.

Mir liegt nichts daran, erwiderte die Schauspielerin. Der Junge ist blöd; ich habe ihn schon dreimal an die Luft gesetzt. Es ekelt mich an, wenn ein junger Mensch sich an alte Weiber hängt.

Sie hielt inne, um mit einem kaum merklichen Zeichen auf Blanche zu deuten, die sich schon seit Beginn des Essen in einer sehr unbequemen Lage zurückgelehnt hatte, um dem fremden alten Herrn ihre Schulter zu zeigen.

Ich glaube, man läßt Sie auch fallen, mein Lieber, sagte sie.

Vandeuvres lächelte fein und machte eine Gebärde der Sorglosigkeit. Er werde der armen Blanche keine Hindernisse bereiten, wenn sie weitere Erfolge erzielen wolle. Ihn interessierte weit mehr das Schauspiel, das Steiner der ganzen Tischgesellschaft bot.

Der Bankier war durch seine Liebschaften berüchtigt. Dieser schreckliche deutsche Jude, dieser Großunternehmer, der nur in den Millionen wühlte, war ein Schwachkopf, wenn er es auf ein Weib abgesehen hatte – und er wollte alle haben. Es tauchte keine auf dem Theater auf, die er sich nicht kaufte, und wäre sie noch so teuer gewesen. Sein wütender Hunger nach Mädchen hatte ihn schon zweimal zugrunde gerichtet. Die Mädchen rächen die Moral, sagte Vandeuvres, indem sie diesen Menschen kahl bürsten. Jetzt war er wieder durch ein großes Unternehmen in Landessalinen eine Börsenmacht geworden, und die Mignons zehrten seit zwei Monaten an seinen Salinen. Allein sie sollten nicht das Ganze haben, Nana zeigte ihre weißen Zähne. Steiner zappelte wieder einmal im Netz, und zwar so gründlich, daß er an Nanas Seite wie ein Toter saß, keinen Appetit zeigte, die Unterlippe hängen ließ und sein Gesicht fleckig wurde. Sie brauchte nur eine Summe zu nennen, aber sie beeilte sich nicht. Sie spielte mit ihm, lachte in die behaarten Ohren und amüsierte sich darüber, wie sein dickes Gesicht bebte. Den wird sie immer haben, wenn der Graf Muffat nicht anbeißen will.

Léoville oder Chambertin? fragte ein Kellner in dem Augenblicke, als Steiner mit Nana sprechen wollte.

Wie ... was, stammelte der Bankier höchst verwirrt; was Sie wollen; mir ist es gleichviel.

Vandeuvres stieß Lucy Stewart mit dem Ellbogen an, die eine böse Zunge hatte. Sie war wütend über Mignon.

Der würde die Kerze dazu halten, sagte sie. Er glaubt, seinen Streich mit dem kleinen Jonquier wiederholen zu können. Sie wissen, was er mit Jonquier tat, der es mit Rosa hielt und »Schneid« auf die lange Laura bekam. Mignon hat Laura dem Jonquier verschafft und diesen dann seiner Frau wieder in die Arme geführt. Diesmal wird er sich aber täuschen; wenn Nana einen erwischt, läßt sie ihn nicht so leicht wieder los.

Was ist denn dem Mignon, daß er auf seine Frau so strenge Blicke wirft? fragte Vandeuvres.

Er neigte sich vor und sah, daß Rosa mit Fauchery sehr zärtlich plauderte. Das erklärte ihm den Zorn seiner Nachbarin. Er fragte lachend:

Zum Teufel, sind Sie etwa eifersüchtig?

Freilich, rief Lucy wütend. Wenn Rosa auf Léon Lust hat, will ich ihn ihr gern überlassen. Was er mir schon wert ist ... Ein Bukett jede Woche und manchmal auch das nicht ... Sehen Sie, mein Lieber, diese Theaterdamen sind alle gleich. Rosa hat geweint vor Wut, als sie den Artikel las, den Fauchery über Nana geschrieben; ich weiß es. Sie will auch so einen Artikel und trachtet, ihn zu gewinnen ... Ich werde Léon die Türe weisen, Sie sollen es sehen. Sie hielt inne, um dem Kellner, der mit den Weinflaschen hinter ihr stand, zu sagen:

Léoville.

Dann fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort.

Ich will keinen Lärm machen, das ist nicht meine Art ... Aber sie ist eine abscheuliche Dirne. An Stelle ihres Mannes würde ich ihr einen rechten Tanz machen. Es wird ihr kein Glück bringen; sie kennt meinen Fauchery nicht ... Ein sauberer Kerl, der sich an die Weiber hängt, um eine Stellung zu gewinnen. Eine nette Gesellschaft.

Vandeuvres suchte sie zu beruhigen. Bordenave, von Rosa und Lucy vernachlässigt, schrie, daß man Papa vor Hunger und Durst umkommen lasse. Das brachte eine glückliche Wendung. Das Essen zog sich in die Länge; niemand aß mehr; auf den Tellern lag der Nachtisch durcheinander. Der Champagner, den man schon seit der Suppe trank, versetzte die Gäste in eine gereizte Trunkenheit. Sie verloren nach und nach ihre gute Haltung. Angesichts der Unordnung auf der Tafel lehnten die Damen die Ellbogen auf den Tisch. Die Herren, um leichter atmen zu können, schoben ihre Sessel zurück; die Fräcke mengten sich mit den hellen Kleidern; die nackten Schultern leuchteten wie Seide. Es war sehr heiß im Saal. Das Kerzenlicht hatte in der dicken Luft einen trüben Schein. Zuweilen setzte, wenn ein goldig angehauchter Nacken unter einer Flut von Löckchen sich neigte, eine Brillantenschnalle einen hochfrisierten Kopf in Feuer. Man wurde heiterer; da und dort brach jemand in ein Gelächter aus; die Augen funkelten, die Damen zeigten durch den halbgeöffneten Mund ihre weißen Zähne; der Widerschein der Kandelaber brannte in den Champagnergläsern. Man scherzte laut; die Gebärden wurden lebhafter, Fragen ohne Antwort und allerlei Aufforderungen flogen von einem Ende der Tafel zum andern.

Den größten Lärm aber machten die Kellner, die sich in den Gängen ihres Restaurants wähnten und geräuschvoll das Eis und den Nachtisch herumreichten.

Kinder! rief Bordenave; ihr wißt, daß morgen gespielt wird. Seid mäßig und trinkt nicht so viel Champagner.

Ich, sagte Foucarmont, habe von allen erdenklichen Weinen in den fünf Weltteilen getrunken. Ganz außerordentliche Flüssigkeiten von einem Alkoholgehalt, um den stärksten Mann unter den Tisch zu bringen. Das alles hat mir nicht geschadet. Ich bin nicht imstande, einen Rausch zu bekommen; ich habe es versucht, es geht nicht.

Er war sehr bleich, sehr ruhig und trank, in seinem Sessel zurückgelehnt, immerfort.

Tut nichts, sagte Louise Violaine, du hast genug ... Es wäre zu dumm, wenn ich dich den Rest der Nacht pflegen müßte.

Auf Lucy Stewarts Wangen malte die Trunkenheit die roten Flammen der Brustkranken. Rosa Mignon hingegen war zärtlich; ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz.

Tatan Néné, völlig betäubt, weil sie zu viel gegessen hatte, lachte in ihrer Dummheit. Die andern, Blanche, Karoline, Simonne, Maria, plauderten miteinander alle zugleich; sie erzählten einander ihre kleinen Angelegenheiten, Streitigkeiten mit dem Kutscher, Landpartien, abgefischte und wieder zurückgestellte Liebhaber. Ein junger Mann, der neben Georges saß, wollte Lea de Horn küssen und erhielt von dieser einen Klaps, wozu sie in allerliebster Entrüstung ausrief: Werden Sie mich loslassen, Sie! Georges, sehr benebelt und durch den Anblick Nanas sehr erregt, beschäftigte sich mit dem Gedanken, ob es nicht gut sei, unter den Tisch zu kriechen und sich wie ein Hündchen zu Nanas Füßen zu lagern. Niemand werde ihn sehen, er werde sich artig aufführen. Als Daguenet auf die Bitte der Lea de Horn den jungen Mann ersuchte, sich ruhig zu verhalten, war Georges darob sehr gekränkt, als ob es ihm gegolten habe ... Das ist dumm, das ist betrübend, es gibt nichts Gutes mehr in der Welt. Daguenet scherzte mit ihm, zwang ihn, ein großes Glas Wasser zu trinken und fragte ihn, was er tue, wenn er sich mit einer Frau allein befinde, da drei Gläser Champagner ihn schon zu Boden würfen.

In der Havanna, erzählte Foucarmont weiter, bereiten sie aus irgendeiner wilden Beere einen Schnaps, das reine Feuer. Davon trank ich eines Abends mehr als einen Liter. Er hat mir nicht geschadet. An der Küste von Koromandel erhielten wir eines Tages von den Wilden ein Gebräu von Vitriol und Pfeffer, das hat mir nicht geschadet. Ich kann mich nicht betrinken.

Seit einigen Augenblicken mißfiel ihm das Gesicht von La Faloise, der ihm gegenüber saß. Er neckte ihn und warf allerlei unangenehme Worte hin. La Faloise, dem der Kopf schwindelte, bewegte sich unruhig hin und her und drückte sich an Gaga. Jetzt machte eine Besorgnis ihn vollends unruhig: jemand hatte ihm sein Taschentuch genommen. Er forderte es mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen, befragte seinen Nachbar und bückte sich, um unter den Beinen zu suchen. Gaga suchte ihn zu beruhigen, allein er murmelte:

Das ist blöd. In einer Ecke des Taschentuches befinden sich meine Anfangsbuchstaben mit der Krone. Das kann mich ja bloßstellen.

Sagen Sie, Herr Falamoise, Lamafoise, Malafoise, schrie Foucarmont, der es sehr geistreich fand, den Namen des jungen Mannes in dieser Weise ins Unendliche zu entstellen.

La Faloise wurde böse. Er sprach von seinen Ahnen und drohte, Foucarmont eine Flasche an den Kopf zu werfen. Graf Vandeuvres mußte sich ins Mittel legen und ihm versichern, daß Foucarmont ein recht drolliger Kauz sei. In der Tat lachte alles. Das machte den jungen Mann betroffen, und er setzte sich wieder. Fauchery befahl ihm zu essen und er aß; Gaga hatte ihn wieder an sich gezogen, er schien sich beruhigt zu haben; nur warf er hier und da einen scheuen, mißtrauischen Blick auf seine Umgebung und schien noch immer sein Taschentuch zu suchen.

Foucarmont, der einmal im Zuge war, griff jetzt Labordette über die Tafel hinweg an. Louise Violaine suchte ihn zum Schweigen zu bringen, denn schließlich hatte sie es auszukosten, wenn Foucarmont in zanksüchtiger Laune war. Er fand jetzt Vergnügen daran, Labordette »Madame« zu nennen. Die Geschichte schien ihm ungeheuren Spaß zu machen, denn er wiederholte das Wort unaufhörlich. Labordette ließ sich dies eine Weile gefallen und begnügte sich zu sagen:

Schweigen Sie, mein Lieber, das ist dumm.

Da Foucarmont aber nicht aufhörte, vielmehr zu Beleidigungen überging, ohne daß jemand wußte weshalb, gab er ihm keine Antwort mehr, sondern wandte sich mit den Worten an Vandeuvres:

Bitte, bringen Sie doch Ihren Freund zum Schweigen. Es ist besser, wenn er mich zufrieden läßt.

Labordette hatte schon zwei Duelle siegreich bestanden; man fürchtete ihn, er hatte überall Zutritt. Eine allgemeine Erregung brach gegen Foucarmont los. Man ist heiter, man findet ihn geistreich, aber das ist doch kein Grund, sich von ihm den Abend verderben zu lassen. Vandeuvres, dessen feines Antlitz eine Kupferröte annahm, verlangte von Foucarmont, daß er Labordette sein Geschlecht wiedergebe. Die andern Herren, Mignon, Steiner, Bordenave, legten sich gleichfalls ins Mittel, schrien und überbrüllten so Foucarmonts Stimme. Nur der alte Herr, der an der Seite Nanas fast vergessen war, behielt seine vornehme Miene, sein müdes, stilles Lächeln, indem er mit matten Blicken diesem Wirrwarr des Nachtisches folgte.

Wie wär's, mein Kätzchen, wenn wir hier den Kaffee nähmen? Es ist so behaglich ...

Nana antwortete nicht sogleich. Seit dem Beginn des Essens schien sie nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung zu sein. Diese lärmende Gesellschaft benahm sich so ungebunden, als sitze sie im Restaurant. Nana selbst vergaß ihre Hausfrauenrolle und beschäftigte sich nur mit dem dicken Steiner, der an ihrer Seite fast vom Schlage gerührt wurde. Sie hörte ihm zu, schüttelte aber noch immer sich weigernd den Kopf und ließ dazu ihr Lachen hören, das bei ihr, der üppigen Blonden, so herausfordernd klang. Der Champagner, den sie getrunken, färbte sie rot, die Lippen wurden feucht, die Augen funkelten. Bei jeder Bewegung ihrer Schultern, ihres schönen Nackens bot der Bankier mehr. Er sah neben dem Ohr ein seidenweiches Fleckchen, das ihm den Verstand raubte. Von Zeit zu Zeit erinnerte sich Nana ihrer Gäste; sie suchte, liebenswürdig zu sein, um zu zeigen, daß sie Hausfrau zu sein verstehe. Gegen das Ende des Essens war sie tüchtig betrunken. Sie war wütend darüber, daß der Champagner sie gleich berauschte. Dann fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie höchlich verdroß. Diese Damen haben es darauf abgesehen, sich in ihrem Hause unanständig zu benehmen. Sie sah das klar. Lucy hatte Foucarmont durch Augenzwinkern aufgefordert, mit Labordette anzubinden, während Rosa, Karoline und die anderen Damen die Herren in Aufregung versetzten. Es war ein solcher Spektakel, daß man sich gegenseitig nicht verstand; diese Dämchen werden dann erzählen, man könne sich alles erlauben, wenn man bei Nana speist. Sie sollten sehen. Wenn sie auch betrunken ist, benimmt sie sich noch immer am vornehmsten.

Mein Kätzchen, wiederholte Bordenave, wollen wir nicht hier den Kaffee nehmen? Das wäre mir lieber, wegen meines Beines.

Nana hatte sich plötzlich erhoben und flüsterte Steiner und dem alten Herrn zu:

Es geschieht mir ganz recht; das wird mir eine Warnung sein, künftig ein so schmutziges Volk einzuladen.

Dann zeigte sie mit der Hand nach der Tür des Speisesaales und sagte laut:

Wer Kaffee trinken will, findet ihn dort.

Man verließ die Tafel und drängte dem Speisesaal zu, ohne Nanas Zorn zu merken. Bald war niemand mehr im Salon als Bordenave, der sich an den Wänden hielt und behutsam fortbewegte, wobei er auf diese verdammten Weiber wetterte, die jetzt, da sie voll waren, Papa ganz vergaßen. Hinter ihm räumten die Kellner bereits die Tafel ab, den lauten Weisungen des Tafeldeckers folgend. Sie beeilten sich mit der Arbeit, und bald war die Tafel verschwunden wie ein Dekorationsstück in einem Feenschauspiel auf den Pfiff des Maschinenmeisters. Die Herren und Damen wollten nach dem Kaffee wieder in den Salon zurück.

Hier ist es weniger heiß, sagte Gaga mit einem leichten Frösteln, als sie den Speisesaal betrat.

Das Fenster dieses Zimmers war offen geblieben. Zwei Lampen beleuchteten den Tisch, auf dem Kaffee und Likör gereicht wurde. Sessel waren nicht da, man trank den Kaffee stehend. Der Lärm der Kellner im Nachbarzimmer wurde immer größer. Nana war verschwunden. Doch kümmerte sich niemand um ihre Abwesenheit. Man behalf sich ohne sie. Die Gäste wühlten in den Schubladefächern umher, um kleine Löffel zu suchen, die beim Kaffee fehlten. Es hatten sich mehrere Gruppen gebildet. Die Personen, die während des Essens getrennt waren, fanden sich wieder zusammen; man tauschte Blicke, ein bedeutungsvolles Lächeln, kurze Worte aus, welche die Lage genugsam kennzeichneten.

August, du bist wohl auch meiner Meinung, daß wir Herrn Fauchery für einen der nächsten Tage zum Frühstück bitten? fragte Rosa Mignon ihren Gatten.

Mignon, der mit seiner Uhrkette spielte, ließ eine Sekunde lang seine strengen Blicke auf dem Journalisten ruhen. Rosa war verrückt. Als guter Hauswirt, der er war, würde er diesen Ausschreitungen ein rasches Ende bereiten ... Nach dem Erscheinen des Artikels wird dem Journalisten die Tür gewiesen. Da er indessen den Eigensinn seiner Gattin kannte und es bei ihm Regel war, ihr hier und da väterlich eine Torheit zu gestatten, wenn es nötig war, antwortete er auf die Frage seiner Gattin in verbindlichem Tone:

Gewiß, ich werde mich glücklich schätzen ... Kommen Sie morgen, Herr Fauchery.

Lucy Stewart, die im Gespräch mit Steiner und Blanche begriffen war, hörte diese Einladung. Sie erhob die Stimme und sagte dem Bankier:

Sie haben sämtlich eine wahre Wut gegen mich. Eine von ihnen hat mir alles gestohlen, selbst meinen Hund. Ist es denn meine Schuld, daß Sie diese Rosa verlassen?

Rosa wandte den Kopf.

Sie trank ihren Kaffee in kleinen Schlücken; sie war sehr bleich und blickte starr auf Steiner. Die ganze Wut über seine Treulosigkeit zeigte sich wie eine Flamme in ihren Augen. Sie sah klarer als Mignon. Es war töricht, das Spiel mit Jonquier zu wiederholen. Ein solcher Versuch gelingt nicht zweimal. Um so schlimmer. Sie wird Fauchery haben, nach dem sie schon seit Beginn des Essens angelt. Wenn es Mignon mißfällt, wird es ihm wenigstens eine Lehre sein.

Sie werden sich doch nicht mit Rosa prügeln? fragte Vandeuvres Lucy Stewart.

Nein, fürchten Sie nichts. Aber ich rate ihr, sich ruhig zu verhalten, sonst könnte es ihr übel ergehen.

Sie rief dann Fauchery mit einer gebieterischen Gebärde zu sich und sagte:

Mein Junge, ich habe deine Pantoffel bei mir zu Hause; ich werde sie morgen bei deinem Hausmeister für dich abgeben lassen.

Er wollte scherzen, sie entfernte sich jedoch mit der Miene einer Königin. Clarisse, die sich an die Wand gelehnt hatte, um ruhig ein Glas Kirschgeist zu trinken, zuckte die Achseln. Sind das Umstände wegen eines Mannes! Wenn zwei Frauen mit ihren Liebhabern in einer Gesellschaft zusammenkommen, ist's ja das erste, daß sie einander die Liebhaber abtrünnig machen, das ist bekannt ... Sie selbst zum Beispiel hätte Gaga wegen Hektors die Augen ausreißen können, wenn sie wollte. Fällt ihr aber nicht ein; sie macht sich lustig darüber.

La Faloise ging eben vorüber. Sie rief ihn zu sich und sagte ihm ruhig:

Hör' einmal, du liebst die »Vorgeschrittenen« – wie es scheint. Nicht die Reifen magst du, sondern die Faulen.

La Faloise schien beunruhigt. Als er sah, daß Clarisse sich über ihn lustig mache, schöpfte er Verdacht.

Keine Dummheiten, brummte er; du hast mein Taschentuch genommen, gib mir mein Taschentuch wieder.

Der bringt uns um mit seinem Taschentuch. Was soll ich denn damit, Schwachkopf?

Ei, sagte er mißtrauisch, um es meiner Familie zu schicken und mich bloßzustellen.

Foucarmont hatte sich inzwischen auf die Liköre geworfen. Er fuhr fort, Labordette zu necken, der im Kreise der Damen seinen Kaffee trank. Er ist der Sohn eines Pferdehändlers, brummte er. Andere sagen: der Bastard einer Gräfin. Keinerlei Einkünfte und immer fünfundzwanzig Louis in der Tasche. Der Knecht der Weiber; ein Bursche, der nie zu Bett geht. Ich muß ihn ohrfeigen.

Er leerte ein Glas Chartreuse.

Das ist nichts, sagte er und schlug mit dem Nagel seines Daumens gegen die Zähne.

Aber als er sich eben Labordette nähern wollte, erbleichte er plötzlich und stürzte vor dem Büfett wie eine leblose Masse zu Boden. Er war totbetrunken. Louise Violaine war untröstlich. Sie hatte vorausgesagt, die Sache werde schlimm endigen. Nun kann sie ihn pflegen bis zum Morgen ... Gaga beruhigte sie; sie schaute den Offizier mit den Augen einer erfahrenen Dame an und erklärte, es sei nichts; der Herr werde zwölf, fünfzehn Stunden ohne weiteren Zwischenfall schlafen. Man trug Foucarmont fort.

Wo ist denn Nana hingeraten? fragte Graf Vandeuvres.

Nana war in der Tat verschwunden, seitdem sie den Tisch verlassen. Jetzt erinnerte man sich ihrer; alles fragte nach ihr. Steiner, seit einem Augenblick beunruhigt, befragte den Grafen wegen des alten Herrn, der gleichfalls verschwunden war. Der Graf beruhigte ihn, er habe soeben den alten Herrn nach Hause geführt; es sei eine fremde Persönlichkeit, deren Name nichts zur Sache tue: ein Herr, der sich begnüge, die Essen zu bezahlen. Nach langem Suchen entdeckte Graf Vandeuvres endlich Nana in ihrem Schlafzimmer; sie saß starr und steif mit bleichen Lippen da, während Daguenet und Georges vor ihr standen und sie mit bestürzten Mienen betrachteten.

Was ist Ihnen denn? fragte der Graf überrascht.

Sie antwortete nicht, wandte nicht einmal den Kopf um. Er wiederholte die Frage.

Ich will nicht, daß man sich über mich lustig mache! rief sie endlich aus.

Und sie schimpfte nun, wie es ihr in den Mund kam. Ja, sie ist nicht dumm und sieht ganz klar. Man hat während des Essens sie demütigen wollen; man hat sich erlaubt, die unmöglichsten Dinge zu sagen und zu treiben, nur um Verachtung gegen sie zu zeigen. Es sei ein Haufen Dirnen, nicht wert, ihr das Wasser zu reichen. Sie wisse nicht, was sie abhalte, die ganze schmutzige Gesellschaft zur Türe hinauszuwerfen. Sie werde sich nicht bald wieder ein solches Pack einladen, um sich nachher verlästern zu lassen. Die Wut erstickte ihre Stimme; sie brach in Schluchzen aus.

Du bist betrunken, mein Kind, sagte Vandeuvres, sie duzend, nimm doch Vernunft an.

Möglich, daß ich betrunken bin, aber ich will, daß man mich achtet.

Seit einer Viertelstunde baten Daguenet und Georges sie vergebens, in den Speisesaal zurückzukommen. Sie blieb hartnäckig: ihre Gäste können tun, was sie wollen, sie verachtet sie zu sehr, um zu ihnen zurückzukehren. Nie, niemals! Eher läßt sie sich in Stücke zerschneiden, als daß sie das Zimmer verläßt.

Ich hätte mir's zwar denken können, fuhr sie fort. Dieses Kamel von Rosa hat das ganze Komplott angezettelt. Die ehrbare Dame, die ich heute erwartete, ist sicherlich nur durch Rosa abgehalten worden zu kommen.

Sie sprach von Madame Robert. Graf Vandeuvres gab ihr sein Ehrenwort, daß Madame Robert selbst abgelehnt habe. Er hörte sie an, ohne zu lachen, und gab ihr ernste Antworten: er war an solche Szenen gewöhnt, und wußte, wie man die Frauen in diesem Zustande zu behandeln habe. Aber sobald er ihre Hand nehmen wollte, um sie von ihrem Sitze zu erheben, sträubte sie sich mit verdoppeltem Zorne dagegen. Man werde ihr niemals ausreden können, daß Fauchery den Grafen Muffat abgeredet habe, zu kommen. Dieser Fauchery sei eine wahre Schlange, voll Gift und Neid; ein Mensch, der imstande sei, eine Frau, die er hasse, zu vernichten. Sie wisse, der Graf habe Gefallen an ihr gefunden und sie habe ihn bei sich sehen können.

Den Grafen, meine Liebe? Niemals! sagte Vandeuvres lachend.

Warum denn nicht? fragte sie ernst und etwas nüchterner.

Weil er in den Kirchen und Pfarrhäusern steckt, und wenn er Sie nur mit der Fingerspitze berührte, am folgenden Tage beichten ginge. Nehmen Sie von mir einen guten Rat: Lassen Sie den andern nicht aus.

Sie überlegte eine Weile; dann erhob sie sich und wusch sich die Augen. In den Speisesaal aber wollte sie noch immer nicht zurückkehren. Vandeuvres verließ lächelnd das Zimmer; er wollte nicht weiter in sie dringen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als sie in einer Anwandlung von Zärtlichkeit sich in Daguenets Arme warf und ausrief:

Ach, Mimi! Du bist mir doch am teuersten; dich liebe ich! Wie glücklich waren wir, könnten wir immer beisammen bleiben ... Mein Gott, die Frauen sind sehr unglücklich!

Dann bemerkte sie Georges, der sehr rot geworden war, als er sah, daß sie einander küßten, und sie küßte auch ihn. Mimi kann doch auf ein Kind nicht eifersüchtig sein. Sie wollte, daß Paul und Georges in gutem Einvernehmen miteinander blieben. Es wäre so schön, so zu dreien in dem Bewußtsein zu leben, daß man einander sehr liebe. Ein seltsames Geräusch störte sie plötzlich: jemand schnarchte in dem Zimmer. Es war Bordenave, der, nachdem er den Kaffee genommen, sich hier bequem eingerichtet hatte. Er schlief auf zwei Sesseln, den Kopf auf den Rand des Bettes gestützt, das Bein ausgestreckt. Nana fand ihn so drollig, wie er dalag mit offenem Munde und die Nase bei jedem Schnarchen bewegte, daß sie in lautes Gelächter ausbrach. Sie verließ mit Daguenet und Georges das Zimmer, durchschritt das Speisezimmer und ging, immer lauter lachend, in den Salon.

Oh, meine Liebe, sagte sie zu Rosa, indem sie sich ihr fast in die Arme stürzte; Sie können sich nicht vorstellen ... Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen.

Die übrigen Frauen mußten auch alle mitgehen. Sie nahm sie zärtlich bei den Händen und führte sie fast gewaltsam mit einer Aufwallung von so maßloser Heiterkeit, daß alle mitlachen mußten. Die ganze Gesellschaft verschwand und erschien bald wieder mit lautem Gelächter, nachdem sie einen Augenblick in tiefem Stillschweigen den schlafenden Bordenave umstanden hatte. Als sie auf das Gebot einer von ihnen einen Augenblick inne hielten, hörte man von ferne das Schnarchen Bordenaves.

Es war nahezu vier Uhr morgens.

Im Speisesaal hatte man einen Spieltisch aufgestellt, an dem Vandeuvres, Steiner, Mignon und Labordette Platz nahmen.

Hinter ihnen standen Lucy und Karoline und wetteten, während Blanche, schläfrig und unzufrieden mit ihrer Nacht, alle fünf Minuten Vandeuvres fragte, ob sie noch nicht gingen.

Im Salon versuchte man zu tanzen, Daguenet saß am Klavier. Allein der Tanz ermüdete, die Damen saßen erschöpft auf den Sofas.

Plötzlich entstand ein Geräusch.

Elf junge Leute waren angekommen und drängten einander lachend im Vorzimmer, um Eintritt zu erlangen. Sie kamen vom Ball des Ministers des Innern in Frack und weißer Krawatte mit allerlei fremden Ordenskreuzen geschmückt. Nana, wütend über diesen geräuschvollen Eintritt, rief die Kellner, die in der Küche zurückgeblieben waren, um all diese Herren hinauswerfen zu lassen. Sie schwur, daß sie sie nie gesehen. Fauchery, Labordette, Daguenet eilten den Ankömmlingen entgegen, um der Hausfrau Achtung zu verschaffen. Derbe Worte flogen herüber und hinüber; Fäuste wurden in die Luft gestreckt. Einen Augenblick konnte man glauben, daß die Herren einander mit Ohrfeigen traktierten. Ein kleiner Blonder in der Gesellschaft, ein Herr mit kränklichem Aussehen, wiederholte fortwährend:

Aber Nana, erinnern Sie sich doch; Sie haben uns ja eingeladen ... neulich bei Peters ... in dem großen, roten Salon.

Sie erinnerte sich an nichts mehr. An welchem Abend? Als der kleine Blonde den Mittwoch nannte, erinnerte sie sich, daß sie an jenem Abend allerdings bei Peters gespeist habe, aber sie habe niemanden eingeladen. Das wisse sie genau.

Vielleicht doch, brummte Labordette zweifelnd; du warst vielleicht betrunken.

Nana lachte. Das sei schon möglich. Da die Herren einmal da seien, mögen sie eintreten. Alles wurde beigelegt; mehrere der Neuangekommenen trafen Bekannte im Salon, der Lärm löste sich in Händedrücken auf. Der kleine Blonde mit der kränklichen Miene trug einen der großen Namen Frankreichs. Die Herren kündigten an, daß noch andere Gäste nachfolgten, und in der Tat öffnete sich jeden Augenblick die Tür und es kamen Herren mit weißen Handschuhen in amtlicher Haltung. Sie kamen alle vom Balle des Ministers des Innern.

Fauchery fragte scherzweise, ob nicht auch der Minister kommen werde. Diese Frage ärgerte Nana, und sie erwiderte gereizt, der Minister gehe oft zu Leuten, die weit weniger wert seien als sie. Sie nährte im stillen noch immer die Hoffnung, daß Graf Muffat kommen werde. Er konnte sich ja eines besseren besonnen haben.

Während sie mit Rosa plauderte, schielte sie fortwährend nach der Tür. Es schlug fünf Uhr. Man tanzte nicht mehr; nur die Spieler wollten nicht aufhören, Labordette allein hatte den Spieltisch verlassen. Die Damen waren in den Salon zurückgekehrt. Die Schläfrigkeit einer allzu ausgedehnten Nacht senkte sich über das Zimmer; die Lampen brannten trübe. Die Damen waren in der trübseligen Stimmung, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Blanche de Sivry sprach von ihrem Großvater, dem General, während Clarisse einen Roman erfand von einem Herzog, der als Jagdgast ihres Onkels sie verführt hätte. Die eine lachte über die Geschichten der andern. Lucy Stewart schämte sich ihrer Abstammung nicht; sie erzählte mit Freuden, wie ihr Vater, der Wagenschmierer auf dem Nordbahnhof, sie geliebt und jeden Sonntag mit Apfelkuchen gefüttert habe.

Oh, was ich euch erzählen will, rief plötzlich die kleine Maria Blond. Meiner Wohnung gegenüber wohnt ein Herr, ein Russe, mit einem Wort: ein sehr reicher Mann. Gestern erhielt ich einen Korb mit Früchten, aber was für Früchte ... Pfirsiche, so groß wie meine Faust, und wundervolle Erdbeeren. Und mitten im Körbchen lagen sechs Billette zu tausend Franken ... Das war von dem Russen ... Natürlich habe ich alles zurückgeschickt; aber es tat mir leid um die herrlichen Früchte.

Die Damen sahen einander an und spitzten die Lippen. Diese Kleine ist für ihr Alter keck genug. Als ob solche Geschichten einem Menschen ihres Schlages begegneten.

Die Damen verachteten einander. Sie beneideten am meisten Lucy Stewart wegen ihrer drei Prinzen. Seitdem Lucy jeden Morgen einen Spazierritt im Boulogner Gehölz machte, stiegen sie sämtlich zu Pferde; eine wahre Wut zu reiten hatte sie ergriffen.

Der Morgen dämmerte. Nana blickte nicht mehr nach der Tür, sie hatte die Hoffnung aufgegeben. Man langweilte sich zum Sterben. Rosa Mignon wurde aufgefordert zu singen. Sie lehnte ab und zog vor, auf dem Sofa mit Fauchery leise zu plaudern, während ihr Gatte dem Grafen Vandeuvres das Geld abgewann. Ein dicker dekorierter Herr mit würdiger Miene deklamierte. »Das Opfer des Abraham« in elsässischer Mundart. Man fand die Geschichte blöd. Man wußte nicht mehr, was anfangen, um die Nacht heiter zu beschließen.

La Faloise umschnüffelte die Damen, um zu sehen, ob nicht eine von ihnen sein Taschentuch im Busen versteckt habe. Auf dem Büfett standen noch einige Flaschen Champagner; die jungen Leute begannen zu trinken. Nach und nach war die ganze Gesellschaft totbetrunken. Der kleine Blonde, der einen der größten Namen von Frankreich trug, nahm in seiner Verzweiflung, daß er nichts Amüsantes mehr erfinden konnte, eine Flasche Champagner und schüttete sie in das Piano. Die andern barsten vor Lachen.

Schau, rief Tatan Néné erstaunt, als sie dies sah, warum schüttet er Champagner in das Klavier?

Wie, du weißt das nicht? sagte Labordette ernst. Es gibt für ein Klavier nichts Besseres als Champagner; das gibt einen guten Klang.

Ach, sagte Tatan Néné überzeugt.

Sie war beleidigt, als die andern lachten. Was wußte sie? Immer hielt man sie zum besten.

Es wurde immer langweiliger. Die Nacht schien ein unerquickliches Ende nehmen zu wollen. In einem Winkel zankte Maria Blond mit Lea de Horn, die ihr vorwarf, daß sie sich mit gemeinen Männern abgebe: sie waren in ihren Ausdrücken nicht wählerisch und stritten darüber, welche von ihnen schöner sei. Lucy, die häßlich war, gebot ihnen Schweigen. Das Gesicht sei nichts, meinte sie, der Wuchs sei die Hauptsache. Auf einem Sofa saß ein Gesandtschaftsattaché, der seinen Arm um Simonnes Leib gelegt hatte und ihren Hals zu küssen versuchte. Simonne war ärgerlich darüber und stieß ihn jedesmal mit den Worten zurück: Laß mich doch in Frieden; du bist mir lästig! Dabei schlug sie ihm mit dem Fächer kräftig ins Gesicht. Keine wollte dulden, daß man sie berühre. Sie wollten nicht für gewöhnliche Dirnen gelten. Gaga, die La Faloise wieder erwischt hatte, hielt diesen auf ihren Knien, während Clarisse zwischen zwei Herren verschwand, die sie dermaßen kitzelten, daß sie fast vor Lachen umkam. Am Klavier dauerte das Unwesen fort. Jeder leerte sein Glas in das Instrument. Man fand den Spaß ausgezeichnet.

Trink, mein Alter, da hast du noch ein Glas. Ist das ein durstiges Piano! Kein Tropfen soll dir verloren gehen.

Nana, die ihnen den Rücken zuwandte, sah nichts davon. Sie hatte sich endlich für Steiner entschieden, der neben ihr saß. Um so schlimmer. Es war die Schuld Muffats, der nicht wollte. In ihrem weißen Seidenkleide, das jetzt ganz zerknüllt war und bei dem kleinen Rausch, den sie hatte, ließ sie sich unbekümmert gehen. Die Rosen in ihrem Haar und an ihrem Busen hatten sich entblättert, nur die Stengel waren übrig. Steiner zog hastig die Hand aus ihren Röcken weg, wo er sich an den Stecknadeln gestochen, mit denen Georges den Riß repariert hatte. Blut tropfte aus seinen Fingern; ein Tropfen davon fiel auf Nanas weißes Kleid und machte einen Fleck.

Nun ist's besiegelt, sagte Nana ernst.

Draußen brach der Tag an. Ein bleiches, trübes Licht drang durch die Fenster. Jetzt begann der Aufbruch, voll Unordnung und Unbehagen. Karoline Héquet, unzufrieden damit, daß sie eine Nacht verloren, mahnte zum Aufbruch, weil man sonst noch schöne Dinge erleben könne. Rosa machte ein verdrießliches Gesicht wie eine, die sich in einer schlechten Gesellschaft befunden. Es ist immer so mit diesen Mädchen, sie wissen sich nicht zu benehmen und sind widerwärtig bei ihrem Auftreten. Da auch Mignon inzwischen den Grafen Vandeuvres vollständig ausgesackt hatte, entfernte sich das Ehepaar, ohne sich um Steiner weiter zu kümmern. Bevor sie gingen, luden sie noch Fauchery für den folgenden Tag zum Frühstück.

Lucy weigerte sich jetzt, sich von dem Journalisten nach Hause begleiten zu lassen; sie sagte ihm laut, er möge sich nur an die Komödiantin halten. Rosa, die es noch hörte, wandte sich um und warf ihr ein »Schmutziges Schwein!« hin. Doch Mignon, der erfahrene und überlegene Mignon, der jeden Streit vermeiden wollte, schob sie zur Tür hinaus. Hinter ihnen stieg Lucy allein in königlicher Haltung die Treppe hinab. La Faloise mußte von Gaga nach Hause begleitet werden; er zerfloß vor lauter Gefühl und fragte schluchzend nach Clarisse, die indes mit ihren beiden Herren längst durchgegangen war. Auch Simonne war verschwunden, es blieben nur noch Tatan, Lea und Maria, die Labordette nach Hause bringen sich erbötig machten.

Ich habe nicht die geringste Lust zu schlafen, sagte Nana. Es wäre gut, jetzt etwas zu unternehmen.

Sie sah durch die Fensterscheiben nach dem Himmel; es war ein bleicher, umwölkter Morgen. Es schlug sechs Uhr. Die gegenüberliegenden Häuser des Boulevard Haußmann zeichneten die Umrisse ihrer nassen Dächer in der schwachen Morgenhelle ab, während auf der öden Straße ein Trupp von Straßenkehrern mit dem Geklapper ihrer schweren Schuhe vorbeizog. Bei diesem müden, schläfrigen Erwachen von Paris überkam sie die Zärtlichkeit eines jungen Mädchens, ein Bedürfnis nach dem Lande, nach dem Idyllischen, nach etwas Unschuldigem, Süßem, Schönem.

Wissen Sie was? sagte sie zu Steiner, Sie werden mich in das Boulogner Gehölz führen, dort wollen wir Milch trinken.

Sie schlug wie ein kleines Kind freudig in die Hände. Ohne die Antwort des Bankiers abzuwarten, der natürlich einwilligte, im Grunde aber verdrießlich war und an etwas ganz anderes dachte, lief sie fort, um einen Mantel umzuwerfen. In dem Salon war außer Steiner niemand mehr als die Bande von jungen Leuten. Nachdem sie den Champagner bis auf den letzten Tropfen in das Klavier geschüttet hatten, dachten sie daran, nach Hause zu gehen. Da lief einer von ihnen triumphierend herbei und brachte eine letzte Flasche, die er in der Küche entdeckt hatte.

Halt, halt, rief er, eine Flasche Chartreuse. Die Alte braucht noch Chartreuse ... Die wird sie wieder herstellen. Und jetzt, Jungens, wollen wir gehen. Wir sind ja schon völlig blöd.

Im Toilettezimmer mußte Nana Zoé wecken, die auf einem Sessel eingeschlummert war. Das Gas brannte noch.

Zoé schreckte zusammen und half ihrer Herrin Hut und Mantel anlegen.

Ich habe endlich getan, was du wolltest, sagte ihr Nana. Du hattest recht; der Bankier taugt gerade soviel wie ein anderer.

Zoé war verdrießlich, schläfrig.

Sie brummte, Madame habe sich früher schon entschließen sollen.

Sie begleitete Nana in ihr Zimmer und fragte, was sie »mit den beiden da« beginnen solle. Dabei zeigte sie auf Bordenave, der noch immer schnarchte, und auf Georges, der sich heimlich auf einem Polster niedergelassen hatte und eingeschlafen war. Da schlief er mit dem leisen, ruhigen Atem eines Engels. Nana sagte, man möge beide schlafen lassen. Dann wurde sie wieder zärtlich, denn Daguenet trat ein. Er hatte ihr von der Küche aus nachgespäht und machte eine sehr betrübte Miene.

Sei vernünftig, Mimi, sagte sie, indem sie ihn in ihre Arme schloß, küßte und mit tausend Liebkosungen überhäufte. Es bleibt alles beim alten. Du weißt, daß ich nur meinen Mimi anbete. Es mußte sein ... Ich schwöre dir, es wird künftig noch besser sein als bisher ... Komm morgen, damit wir bestimmte Stunden vereinbaren. Rasch, küsse mich. Stärker, noch stärker ...

Dann lief sie davon hinaus zu Steiner. Sie war glücklich und entzückt von dem Gedanken, daß sie Milch trinken werde. Im Salon befand sich niemand mehr als Graf Vandeuvres und der dekorierte Herr, der »Das Opfer Abrahams« deklamiert hatte. Sie saßen festgenagelt am Spieltisch und merkten nicht, daß es heller Tag war, und wußten nicht mehr, wo sie sich befanden. Blanche de Sivry hatte sich entschlossen, sich auf ein Sofa schlafen zu legen.

Nana weckte sie.

Kommen Sie Milch trinken, rief sie; wenn wir zurückkommen, treffen Sie Vandeuvres noch hier.

Blanche erhob sich müde.

Der Bankier wurde blaß vor Zorn, als er sah, daß er auch dieses dicke Mädchen mitnehmen sollte, das ihm im Wege stehen werde.

Doch die beiden Mädchen hatten ihn schon gefaßt und riefen:

Frische Milch wollen wir; vor uns muß sie gemolken werden.