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Nana.  Émile Zola
Kapitel 5.
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Im Varietétheater wurde die »Blonde Venus« zum vierunddreißigsten Male aufgeführt. Eben ging der erste Akt zu Ende. Simonne, als kleine Wäscherin kostümiert, stand im Künstlerzimmer vor einem Tischchen, der von einem großen Spiegel überragt war, zwischen zwei Ecktüren, die sich auf den Logengang öffneten. Sie war allein und studierte ihre Rolle; die Gasflammen warfen ein grelles Licht auf sie.

Ist er gekommen? fragte Prullière, der, als Schweizer Admiral gekleidet, eintrat.

Wer denn? fragte Simonne, indem sie in den Spiegel lachte, um ihre Zähne und Lippen zu sehen.

Der Prinz.

Ich weiß es nicht. Ich komme jetzt von der Bühne. Ach, soll er denn kommen? Er kommt doch schon jeden Abend.

Prullière näherte sich dem Kamin, welcher der Konsole gegenüberstand, und in dem ein Kohlenfeuer brannte. Dort brannten auch zwei Gasflammen. Er blickte auf die Uhr, dann auf das Barometer, die, von zwei Sphinxen im Stile des Kaiserreichs getragen, rechts und links angebracht waren. Dann streckte er sich in einen großen Sessel, dessen ursprünglich grüner Samt, von vier Schauspielergenerationen abgenützt, bald gelb geworden war. Da saß er unbeweglich, starr ins Leere blickend, in der ruhigen, müden Haltung des Schauspielers, der gewohnt ist, auf den Ruf des Regisseurs zu warten. Da kam der alte Bosc mit schleppenden Schritten und hustend herein, eingehüllt in einen alten Garrickmantel, der an einer Seite von der Schulter herab geglitten war und das golddurchwirkte Wams des Königs Dagobert sehen ließ. Er legte seine Krone auf das Klavier und trommelte mit seinen von der Trunkenheit zitternden Fingern auf dem Instrument.

Ein langer, weißer Bart verlieh seinem vom Schnaps geröteten Gesichte einige Würde. Draußen peitschte der Sturm den Regen an die Scheiben des hohen Fensters, das auf den Hof ging.

Ist das ein Sauwetter! sagte Bosc mit einer Gebärde des Ekels.

Simonne und Prullière rührten sich nicht. An den Wänden hingen einige Landschaften und ein Bild des Schauspielers Vernet. Die Gasflammen warfen ein fahles Licht auf die Gemälde. Auf einer niedrigen Säule stand eine Büste Potiers, einer Berühmtheit des Varietétheaters, und starrte mit den hohlen Augen in die Luft. Jetzt wurde eine laute Stimme vernehmbar. Es war Fontan, der als junger Elegant mit gelben Glacéhandschuhen – dies war sein Kostüm für den zweiten Akt – eintrat.

Wißt ihr, daß heute mein Namenstag ist? rief er.

Wie? rief Simonne; heißt du denn Achilles? Dabei trat sie näher, wie angezogen durch seine große Nase und seinen breiten Komikermund.

Freilich, ich will Madame Bron sagen lassen, daß sie nach dem zweiten Akt Champagner heraufschickt.

Jetzt hörte man in der Ferne eine Glocke erklingen. Der Ton kam näher und entfernte sich wieder. Als er verklungen war, hörte man in den Gängen Trepp auf Trepp ab eine Stimme rufen: Auf die Bühne zum zweiten Akt! Der Ruf kam näher; ein blasses Männchen eilte an der Tür des Zimmers vorüber und rief mit der ganzen Kraft seiner dünnen Stimme: Auf die Bühne zum zweiten Akt!

Champagner! sagte Prullière, der diesen Ruf nicht zu hören schien.

Laß ihn lieber vom Kaffeehaus holen, meinte Bosc, indem er sich auf eine Bank niederließ und das müde Haupt an die Wand lehnte.

Simonne aber sagte, man müsse die kleinen Einkünfte der Madame Bron respektieren.

Sie war entzückt von Fontan, dessen Ziegenfratze in einem fortwährenden Spiel der Augen, der Nase und des Mundes sich bewegte; sie klatschte in die Hände und sagte:

Es gibt nur einen Fontan.

Die beiden Türen öffneten sich breit auf den Gang, der zu den Kulissen führte. Die von einer Gaslaterne beleuchtete gelbe Wand entlang huschten allerlei Schatten, kostümierte Männer, halbnackte Weiber, die ganze tolle Gesellschaft, die sich in der Schenke zur »Schwarzen Kugel« zusammenfinden sollte. Aus der Ferne hörte man das Getrappel der Füße über die fünf hölzernen Stufen, die auf die Bühne führten. Als die lange Clarisse vorübereilte, rief Simonne sie an, sie antwortete flüchtig, sie werde sogleich zurückkommen.

Sie kam auch gleich zurück, zitternd vor Kälte in ihrem leichten Überwurf mit der Irisschärpe.

Sapristi, es ist kalt, rief sie; und ich habe meinen Pelz in der Loge gelassen.

Sie eilte zum Kamin, wo sie ihre Beine wärmte und sagte:

Der Prinz ist da.

Ach! riefen die andern neugierig.

Ja, deswegen lief ich vorhin, ich wollte ihn sehen. Er sitzt in der ersten Vorbühnenloge rechts, in derselben wie am Donnerstag. Er kommt jetzt zum dritten Male seit acht Tagen. Hat diese Nana aber Glück.

Das ist nett! bemerkte Simonne. Dreimal ... Ihr wißt doch, daß er nicht zu ihr geht, sondern sie zu sich mitnimmt. Muß ihn ein schönes Stück Geld kosten.

Wenn man gehet in die Stadt ... murmelte Prullière, indem er einen Blick in den Spiegel warf wie einer, der da weiß, daß das Publikum ihn anbetet.

Draußen erscholl bald näher, bald ferner die Stimme des Theaterdieners: Der zweite Akt beginnt.

Fontan, der wußte, wie das Verhältnis zwischen Nana und dem Prinzen begonnen hatte, erzählte den beiden Mädchen die Geschichte. Diese drängten sich nahe an ihn heran und lachten laut, so oft er die Stimme dämpfte, um gewisse Einzelheiten zum besten zu geben. Der alte Bosc blieb völlig teilnahmlos und rührte sich nicht. Diese Geschichten interessierten ihn nicht mehr. Er streichelte eine große rote Katze, die zusammengerollt friedlich auf einer Bank ruhte. Schließlich nahm er sie mit der Miene eines Königs in die Arme, um sie zu liebkosen.

Die Katze krümmte den Rücken, betrachtete eine Weile den langen Bart von Bosc und kehrte dann, ohne Zweifel durch den Leimgeruch verscheucht, auf ihren früheren Platz zurück, um zu schlafen. Bosc saß nun weiter ernst und still auf seinem Platze.

Ich an deiner Stelle würde den Champagner aus dem Kaffeehause holen, der ist besser, sagte er endlich zu Fontan, als dieser seine Geschichte beendet hatte.

Der zweite Akt hat begonnen ... tönte die Stimme des Dieners.

Man hörte hastige Schritte im Gang. Durch die plötzlich geöffnete Türe des Ganges drang ferner Musikklang und ein unbestimmtes Geräusch; dann fiel die Tür mit dumpfem Schlage wieder zu.

Es herrschte wieder tiefe Stille im Künstlerzimmer, als ob es hundert Meilen von dem Saal entfernt sei, wo die Menge klatschte. Simonne und Clarisse fuhren fort mit ihren Schmähungen gegen Nana. Sie sei nicht pünktlich genug und habe sich erst gestern wieder mit ihrem Auftreten verspätet. Plötzlich schwiegen sie; ein großes Mädchen steckte den Kopf herein, zog sich aber sofort wieder zurück, als es sah, daß es sich getäuscht habe. Es war Satin, bekleidet mit Hut und Schleier, in Haltung eine Dame nachahmend, die einen Besuch macht.

Ein sauberes Ding, murmelte Prullière, der Satin seit einem Jahre häufig im Kaffee des Varieté sah.

Simonne erzählte, wie Nana, seitdem sie in Satin eine ehemalige Gefährtin aus dem Pensionat erkannt habe, den Direktor Bordenave bearbeitete, daß er sie auftreten lasse.

Guten Abend, sagte Fontan, Mignon und Fauchery, die eben eintraten, begrüßend.

Auch der alte Bosc reichte ihnen seine Fingerspitzen, während die beiden Mädchen Mignon küßten.

Das Theater gut besucht heute? fragte Fauchery.

Oh, vortrefflich! erwiderte Prullière. Man muß sehen, was die Leute treiben ...

Ihr müßt ja bald an die Reihe kommen, Kinder, sagte Mignon.

Ja, sofort, lautete die Antwort.

Erst in der vierten Szene hatten sie zu tun. Nur Bosc mit seinem Instinkt des alten Komödianten fühlte sein Stichwort kommen und erhob sich. In der Tat erschien der Diener an der Tür und rief herein:

Herr Bosc! Fräulein Simonne!

Simonne warf rasch eine Pelzjacke über ihre Schultern und ging. Bosc beeilte sich nicht sonderlich, er nahm seine Krone vom Klavier und stülpte sie auf den Kopf; dann wankte er, den Mantel nachschleppend, verdrießlich brummend auf die Bühne.

Sie waren sehr gütig in Ihrem letzten Artikel, sagte jetzt Fontan zu dem Journalisten. Aber warum werfen Sie den Schauspielern Eitelkeit vor?

Ja, mein Kleiner, warum tust du das? rief Mignon, indem er mit seinen beiden mächtigen Händen dermaßen auf die schwächlichen Schultern des Journalisten schlug, daß dieser taumelte.

Prullière und Clarisse hielten mühsam das Gelächter zurück. Seit einiger Zeit unterhielt sich das ganze Theater über eine Komödie, die sich hinter den Kulissen abspielte. Mignon, wütend über die Laune seiner Frau und ärgerlich darüber, daß das Verhältnis zu Fauchery dem Haushalte nichts eintrug als Artikel, die für ihn einen zweifelhaften Wert hatten, rächte sich an dem Journalisten in der Weise, daß er ihn mit Freundschaftsbeweisen schwersten Kalibers überhäufte. So oft er ihm im Theater begegnete, traktierte er ihn mit Püffen wie ein Besessener. Und Fauchery, ein Schwächling im Vergleiche zu Mignon, ertrug die Prügel mit Sanftmut und Geduld, um den Gatten Rosas nicht zu erzürnen.

Ah, mein Bürschchen, Sie beleidigen Fontan, fuhr Mignon fort. Achtung! Eins, zwei, drei ... Und dabei versetzte er ihm einen mächtigen Stoß in die Brust.

Fauchery erbleichte; der Atem stockte ihm. Doch in diesem Augenblick zeigte Clarisse mit einem Augenzwinkern nach der Tür, in der Rosa erschien. Rosa hatte dieser Szene beigewohnt. Sie ging gerade auf den Journalisten zu, als ob sie ihren Gatten gar nicht sehe, erhob die nackten Arme, sie war als Bebé kostümiert, und bot Fauchery die Stirne zum Kusse.

Guten Abend, Kindchen, sagte der Journalist, indem er sie vertraulich küßte.

So entschädigte er sich. Mignon schien den Kuß nicht zu bemerken. Alle Welt beim Theater küßte seine Frau. Er lachte höhnisch dem Journalisten zu; er dachte sich: du sollst das teuer bezahlen.

Simonne kam zurück, ihre Szene war zu Ende.

Oh, Bosc hat großartig gefallen, rief sie. Der Prinz barst schier vor Lachen und klatschte als werde er dafür bezahlt. Kennt ihr den großen Herrn, der neben den Prinzen sitzt? Ein schöner Mann, sehr vornehm, mit prächtigem Backenbart.

Das ist Graf Muffat, sagte Fauchery. Der Prinz hat ihn vorgestern, als er ihn bei der Kaiserin traf, für heute zum Essen geladen. Er scheint ihn nachher für die weiteren Vergnügungen des Abends bei sich behalten zu haben.

So, Graf Muffat! rief Rosa. Wir kennen seinen Schwiegervater, nicht wahr, August? den Marquis Chouard, bei dem ich gesungen habe. Auch er ist im Theater; ich habe ihn im Hintergrunde einer Loge bemerkt. Das ist ein alter ...

Prullière, der seinen ungeheuren Federhut in Ordnung gebracht hatte, wandte sich jetzt um und sagte:

He, Rosa ... gehen wir.

Sie folgte ihm laufend, ohne den Satz zu vollenden. In diesem Augenblicke ging die Hausmeisterin des Theaters, Madame Bron, mit einem riesigen Blumenstrauß beladen, an der Loge vorüber. Simonne fragte, ob es für sie sei; ohne zu antworten, wies die Hausmeisterin mit dem Kinn nach der Loge Nanas im Hintergrunde des Ganges. Diese Nana wird mit Blumen förmlich bedeckt! Als Madame Bron vorbeikam, übergab sie Clarisse einen Brief, beim Lesen stieß die Schauspielerin einen Fluch aus. Schon wieder dieser La Faloise, der nicht von ihr lassen wollte. Als sie erfuhr, daß der Herr unten bei der Hausmeisterin warte, rief sie:

Sagen Sie ihm, daß ich nach Aktschluß hinunterkomme, um ihm die Augen auszukratzen.

Fontan eilte der Hausmeisterin nach und bestellte sechs Flaschen Champagner, die sie im Zwischenakt heraufbringen solle.

Der Diener steckte den Kopf herein und schrie:

Alles auf die Bühne. Herr Fontan, Sie sind an der Reihe. Rasch, rasch ...

Ja, ja, wir gehen schon, Vater Barillot, erwiderte Fontan erschrocken.

Dann lief er hinter Madame Bron her und rief:

Also verstanden, sechs Flaschen Champagner während des Zwischenaktes in das Künstlerzimmer. Heute ist mein Namenstag, ich bezahle ...

Simonne und Clarisse hatten mit rauschenden Röcken sich bereits entfernt. Alle eilten davon und in der Stille, die jetzt im Zimmer herrschte, hörte man nur das Unwetter an die Fenster schlagen. Barillot, ein kleiner, bleicher Greis, seit dreißig Jahren Theaterdiener, näherte sich Herrn Mignon vertraulich mit der offenen Tabaksdose. Dieses Anbieten und Annehmen der Prise gewährte ihm eine Minute Erholung in seiner ewigen Hetzjagd über Treppen und Gänge. Er habe nur noch Madame Nana zu verständigen, wie er sie nannte. Doch die handele nur nach ihrem eigenen Kopfe und kümmere sich wenig um die Strafen. Wenn sie ihr Auftreten verfehlen wolle, tue sie es auch. Plötzlich hielt er erstaunt inne und murmelte:

Schau, sie ist schon fertig, da ist sie. Sie scheint zu wissen, daß der Prinz da ist.

Nana erschien jetzt im Flur; sie trug das Fischweibkostüm, Arme und Gesicht ganz weiß, mit zwei roten Flecken unter den Augen. Sie trat nicht ein, sondern grüßte mit leichtem Kopfnicken Mignon und Fauchery.

Guten Tag, wie geht's?

Sie reichte die Hand zur Türe herein, doch nur Mignon drückte sie. Nana setzte in der Haltung einer Königin ihren Weg fort, gefolgt von ihrer Garderobenfrau, die sich jeden Augenblick bückte, um die Falten der Röcke in Ordnung zu bringen. Zuletzt kam Satin, bemüht, eine ordentliche Haltung anzunehmen, aber im Grunde zu Tode gelangweilt.

Und Steiner? fragte Mignon.

Herr Steiner ist gestern nach Loiret abgereist, sagte Barillot, indem er sich zur Rückkehr auf die Bühne anschickte. Ich denke, er will da unten ein Landgut kaufen.

Ach ja, für Nana ...

Mignon war ernst geworden. Dieser Steiner, der seiner Rosa eine Villa versprochen hatte ... Doch man soll sich mit niemandem verfeinden, man kann nicht wissen ... Mignon ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Niemand außer Fauchery war anwesend. Der Journalist hatte sich ermüdet in dem großen Sessel ausgestreckt. So verharrte er ruhig mit halbgeschlossenen Augen unter den Blicken Mignons, der ihn im Vorbeigehen immer ansah. Wenn sie unter sich waren, verschmähte es Mignon, den Journalisten mit Püffen zu traktieren, da sich doch niemand an dem Anblick weiden konnte. Zu seinem eigenen Vergnügen aber war ihm die Sache nicht interessant genug. Fauchery, froh über die kurze Erholung, streckte behaglich die Beine vor dem Kamin aus und blickte gleichgültig im Zimmer umher. Mignon blieb vor Potiers Büste stehen und betrachtete sie, ohne sie zu sehen; dann ging er zum Fenster und schaute in den öden, finsteren Hofraum. Der Regen hatte aufgehört; es herrschte tiefe Stille im Zimmer, die noch drückender wurde durch die Hitze, die der Ofen und die Gasflammen ausströmten. Von der Bühne her kam keinerlei Geräusch; die Treppen und Gänge waren wie ausgestorben. Es herrschte jene Aktschlußruhe, in der das ganze Personal auf der Bühne ist, um bei irgendeinem tobenden, geräuschvollen Schlusse mitzutun.

Ach, ihr Kamele! rief jetzt Bordenave mit seiner heiseren Stimme.

Er war eben erst angekommen und keifte schon mit zwei Statistinnen, die ihr Auftreten verfehlt hatten. Als er Mignon und Fauchery sah, rief er sie herbei, um ihnen etwas zu zeigen. Der Prinz war gekommen und hatte gebeten, Nana während des Zwischenaktes in ihrer Garderobe seine Aufwartung machen zu dürfen. In dem Augenblick, als er die beiden Herren auf die Bühne führen wollte, kam der Regisseur vorüber.

Sie werden diesen Gänsen, Ferrande und Maria, Geldstrafen aufschreiben! rief Bordenave ihm zu, weil sie nicht besser aufpassen.

Dann fuhr er mit dem Taschentuch über das breite Gesicht, suchte eine wohlwollende Miene anzunehmen und sagte:

Jetzt will ich Se. Hoheit empfangen.

Der Vorhang fiel unter einer langanhaltenden Beifallssalve. Sofort entstand auch ein heilloser Wirrwarr auf der halbdunkeln Bühne. Die Schauspieler und Statistinnen beeilten sich, in ihre Garderoben zurückzukehren, während die Maschinisten schleunig die Dekoration entfernten. Simonne und Clarisse waren im Hintergrunde der Bühne geblieben und plauderten leise miteinander. Clarisse bat Simonne hinabzugehen und La Faloise begreiflich zu machen, daß er sie in Ruhe lassen und sich jetzt mehr an Gaga halten solle.

Simonne übernahm es, mit ihm fertig zu werden. Sie warf ihre Pelzjacke über ihr Wäscherinkostüm und stieg über eine schmale, schmutzige Wendeltreppe an feuchten Wänden vorbei in die Loge der Hausmeisterin hinab. Diese Loge, die zwischen zwei Treppen lag, deren eine in das Künstlerzimmer, die andere in die Theaterkanzlei führte, war rechts und links durch Glaswände abgeschlossen und glich einer durch zwei Gasflammen erleuchteten großen Laterne.

Da hing ein Wandschrank, in dem Briefe und Zeitungen aufgehäuft waren. Auf dem Tische standen Blumensträuße neben schmutzigen Tellern und einem Mieder, dessen Knopflöcher die Hausmeisterin ausbesserte. Inmitten dieser Unordnung saßen in den vier Winkeln des Raumes auf schlechten Strohstühlen elegant gekleidete Herren, geduldig harrend und lebhaft den Kopf wendend, sooft Madame Bron herabkam und ihnen Antwort brachte. Sie hatte soeben einem jungen Mann einen Brief übergeben, der sich beeilte, im Vorraum das Billett zu öffnen. Er erbleichte als er die Worte las: »Mein Teurer, unmöglich heute abend: ich bin anderweitig verpflichtet.« Auf einem Sessel im Hintergrunde, zwischen Tisch und Ofen, saß La Faloise; er schien entschlossen, den ganzen Abend hier zu warten. Er war in Unruhe und Aufregung und zog häufig die Beine wieder an sich, weil eine ganze Brut von kleinen Katzen an ihm herumkrabbelte, während die alte Katze auf den Hinterbeinen vor ihm saß und ihn mit ihren gelben Augen anglotzte.

Ah, Sie sind's, Fräulein Simonne! fragte die Hausmeisterin. Was wünschen Sie denn?

Simonne bat sie, La Faloise hinauszuschicken; allein Madame Bron konnte diesem Wunsche nicht sofort entsprechen. Sie hatte unter der Treppe in einer Art Kasten einen Ausschank eingerichtet, wo die Statisten während der Zwischenakte allerlei Getränke nahmen. Jetzt waren eben fünf oder sechs solche durstige Kerle da, und Madame Bron verlor den Kopf. In dem Ausschank brannte eine Gasflamme; man sah einen mit einer Zinnplatte bekleideten Schanktisch und auf mehreren Brettern eine Anzahl entkorkter Flaschen. Wenn die Tür dieses Loches geöffnet war, strömte ein durchdringender Alkoholgeruch heraus, der sich mit dem aus der Portiersloge kommenden Speisengeruch und dem Duft der Blumensträuße vermengte.

Also den kleinen brünetten Herrn wollen Sie? fragte sie dann, nachdem sie ihre Gäste bedient hatte.

Aber nein, machen Sie keine Dummheiten! sagte Simonne. Den Magern dort holen Sie mir, der beim Ofen sitzt und an dessen Beinkleidern Ihre Katzen hängen.

Madame Bron führte La Faloise in den Vorraum, während die andern Herren in dem Dunste fast erstickten, die Statisten auf den Treppenstufen ihren Wein tranken und dabei unter weinseligem Gelächter einander Püffe austeilten.

Auf der Bühne oben wütete Bordenave über die Maschinisten, die ihm die Dekoration nicht schnell genug entfernten. Es kann noch geschehen, daß dem Prinzen irgendein Dekorationsstück auf den Kopf fällt.

Festhalten! schrie der Maschinenmeister.

Endlich war die Leinwand im Hintergrunde aufgezogen, die Bühne war frei.

Mignon, der Fauchery auflauerte, benutzte die Gelegenheit, um seine handgreiflichen Späße mit dem Journalisten wieder anzufangen. Er nahm ihn in seine breiten Arme und rief:

Geben Sie acht, bald hätte dieser Mastbaum Sie erschlagen.

Dabei hob er ihn in die Höhe und schüttelte ihn, bevor er ihn wieder zu Boden setzte.

Die Maschinisten lachten. Fauchery war sehr bleich, seine Lippen bebten; er war im Begriff, sich gegen Mignon aufzulehnen, während dieser wieder den »guten Kerl« spielte und dem Journalisten auf die Schulter klopfte mit einer Wucht, daß Fauchery fast aus den Fugen ging. Dabei rief Mignon immer wieder:

Ja, ich bin um Ihre Gesundheit besorgt! Zum Kuckuck, das wäre so eine Geschichte, wenn Ihnen ein Unglück passierte.

Plötzlich ein allgemeines Murmeln: der Prinz, der Prinz. Alle wandten die Augen nach der kleinen Tür, die von der Bühne in den Zuschauerraum führte. Man sah zuerst nur den runden Rücken Bordenaves, der sich in Verbeugungen erschöpfte. Dann erschien der Prinz, ein großer starker Herr mit blondem Barte und rosiger Haut von der Vornehmheit eines gesunden Lebemannes, dessen kräftige Glieder unter dem tadellos geschnittenen Überrock sich abzeichneten. Hinter ihm kamen der Graf Muffat und der Marquis Chouard. Dieser Winkel der Bühne war finster, die Gruppe verlor sich inmitten großer, beweglicher Schatten. Um mit dem Sohne einer Königin, dem künftigen Erben eines Thrones zu sprechen, hatte Bordenave die Stimme eines Bärenführers angenommen, die überdies von falscher Erregung zitterte. Er wiederholte immer wieder:

Wenn Euere Hoheit mir folgen wollen ... Euere Hoheit wollen hier gehen ... Euere Hoheit wollen achtgeben.

Der Prinz beeilte sich keineswegs; er interessierte sich für die Arbeit der Maschinisten. Man hatte eben eine Gaslampe herabgelassen, die in ihrem eisernen Netz hängend die Szene mit einem breiten Lichtstreif erhellte. Muffat, der niemals in den Kulissen eines Theaters gewesen, war erstaunt und blickte scheu und furchtsam umher. In der Höhe schwebten noch andere Gaslampen, deren herabgeschraubte Flammen sich von unten wie blaue Sternchen ausnahmen in dem Durcheinander von Stricken, fliegenden Brücken und bemalter Leinwand, die man von unten zum Trocknen riesiger Wäschestücke bestimmt glauben konnte.

Los! kommandierte der Maschinenmeister.

Der Prinz selbst mußte den Grafen Muffat aufmerksam machen, daß man ein Dekorationsstück herabließ. Es war der Berg Ätna im dritten Akt. In den Seitenkulissen wurden große Maste errichtet und durch Stricke mit den Dekorationen verbunden, um diese sicherer zu befestigen. Ein Lampist hatte im Hintergrunde in einem tragbaren Herd ein Feuer angezündet, dessen Schein sich durch grünes Glas brach. Das war die Esse Vulkans.

Ein scheinbares Durcheinander, in dem jede Kleinigkeit geregelt war. Inzwischen ging der Souffleur, um nach dem langen Sitzen wieder Leben in seine Beine zu bringen, mit kurzen Schritten auf und ab.

Euere Hoheit überhäufen mich mit Gnade, sagte Bordenave unter fortwährenden Bücklingen. Das Theater ist nicht groß; wir tun, was wir können. Wenn Euere Hoheit mir zu folgen die Gnade hätten ...

Graf Muffat hatte sich schon gegen den Logengang gewendet. Die abschüssige Lage der Bühne machte ihn unsicher; er fühlte diesen Bretterboden unter seinen Füßen wanken. Durch die offenen Versenkungen sah man unten Lichter brennen; es gab da noch ein unterirdisches Leben mit tieffinsteren Winkeln, einem Gewirr von menschlichen Stimmen aus einer Kellerluft. Als er hinaustreten wollte, fesselte ein Zwischenfall seine Aufmerksamkeit. Zwei kleine Statistinnen, für den dritten Akt kostümiert, plauderten, vor einem kleinen Loche stehend, das sich in dem Vorhange befand, und schauten in den Saal. Die eine versuchte mit dem Finger das Loch zu erweitern, um besser zu sehen. Plötzlich rief sie aus:

Ich sehe ihn: Oh, dieses Maul ...

Bordenave war geärgert und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, der Statistin einen Tritt zu versetzen. Der Prinz hingegen lächelte; ihn unterhielt diese kleine Szene. Er blickte die kleine Statistin an: seine hohe Persönlichkeit schien ihr wenig Respekt einzuflößen; sie lachte ihm unbekümmert ins Gesicht. Bordenave bewog endlich den Prinzen, ihm zu folgen. Graf Muffat, in Schweiß gebadet, hatte den Hut abgenommen. Was ihn vor allem belästigte, war die dicke, gestockte, heiße Luft, in die ein scharfer Geruch sich mengte, dieser Kulissengeruch, ein schales Gemisch, hervorgerufen durch das Gas, die Farben der Dekorationen, den Schmutz dieser dunklen Winkel und den Schweiß der oft zweifelhaften Unterkleider der Statisten.

Im Gang war es noch ärger; da spürte man den aus den Garderoben der Schauspielerinnen herausströmenden scharfen Geruch der bei der Toilette verwendeten Essenzen und Seifen. Der Graf beeilte sich, vor wärts zu kommen; ein Frösteln überlief ihn in dieser fremden Luft.

So ein Theater ist eigentümlich, sagte der Marquis Chouard mit der entzückten Miene eines Menschen, der sich in seinem Elemente befindet.

Endlich war Bordenave vor der Loge Nanas im Hintergrunde des Ganges angelangt. Er drückte ruhig die Klinke, trat dann beiseite und sagte wieder:

Wollen Euere Hoheit eintreten ...

Man vernahm den Schrei einer überraschten Frau und sah dann Nana, nackt bis zum Gürtel, sich hinter einen Vorhang flüchten, während ihre Garderobefrau, die sie eben abgetrocknet hatte, mit dem Handtuch in der Luft dastand.

Oh, das ist unfein, so einzutreten, rief Nana hinter dem Vorhang. Bleiben Sie draußen, Sie sehen doch, daß man nicht eintreten kann.

Bordenave schien über diese Flucht unzufrieden.

Bleiben Sie doch, das tut nichts, sagte er. Seine Hoheit ist da, seien Sie doch kein Kind.

Da sie es noch immer ablehnte zu erscheinen, obgleich sie hinter ihrem Vorhang schon lachte, fuhr er in väterlichem Tone fort:

Mein Gott, diese Herren wissen wohl, wie eine Frau aussieht. Sie werden Sie nicht aufessen.

Das ist nicht ganz sicher, bemerkte fein der Prinz.

Alle lachten über diese Bemerkung, um dem Prinzen zu schmeicheln. Bordenave meinte, es sei ein feines Wort, im Pariser Stil.

Nana antwortete nicht mehr, der Vorhang bewegte sich; sie schien endlich einen Entschluß zu fassen.

Graf Muffat, dem das Blut in die Wangen stieg, musterte die Loge. Es war ein viereckiger Raum, sehr niedrig, mit einem lichtbraunen Stoff überzogen. Ein Vorhang vom nämlichen Stoff, durch Kupferringe festgehalten, bildete eine Art Kabinett im Hintergrunde des Zimmers. Zwei breite Fenster gingen auf den Hof des Theaters, der höchstens drei Meter breit war und an dessen bröckeliger Mauer gegenüber die erleuchteten Umrisse der Fenster sich abhoben. Einem großen Spiegel gegenüber stand ein Toilettetisch mit weißer Marmorplatte, bedeckt mit einem Durcheinander von Tiegeln und Fläschchen für allerlei Öle, Essenzen, Schminke und Puder. Der Graf näherte sich dem Spiegel und bemerkte, daß er im Gesicht rot war und helle Schweißtropfen ihm auf der Stirne standen. Er senkte die Augen und trat an den Toilettetisch, wo er sich in den Anblick des vollen Waschbeckens, der nassen Schwämme, der verschiedenen elfenbeinernen Toilettebehelfe zu versenken schien. Der Zauber, der ihn bei dem Besuch ergriffen, den er Nana in ihrer Wohnung gemacht hatte, bemächtigte sich seiner von neuem. Er fühlte den dicken Teppich, mit dem der Boden der Garderobe belegt war, unter seinen Füßen weichen; die Gasflammen über dem Toilettetisch und Spiegel brannten förmlich an seiner Schläfe. Er verlor allen Halt bei diesem Frauenduft, den er hier unter der niedrigen Zimmerdecke verzehnfacht wiederfand, und er mußte sich auf den Diwan setzen, der zwischen den beiden Fenstern stand. Aber er erhob sich bald wieder, kehrte an den Toilettetisch zurück und blickte starr ins Leere. Er erinnerte sich, daß er einst in einem Zimmer, wo ein Strauß welker Tuberosen stand, fast erstickt war. Wenn die Tuberosen welken, verbreiten sie einen Menschenduft.

Eile dich! flüsterte Bordenave, indem er den Kopf hinter den Vorhang steckte.

Inzwischen hörte der Prinz mit Wohlgefallen dem Marquis Chouard zu, der von der Toilette die Hasenpfote genommen und Seiner Hoheit erklärte, wie damit die weiße Schminke aufgelegt wird. In einem Winkel stand Satin mit ihrem reinen Jungfrauengesicht und ließ kein Auge von diesen Herren; die Garderobenfrau bereitete indessen das Trikot und den Überwurf der Venus vor. Es war schwer zu sagen, wie alt Madame Jules, die Garderobenfrau, war; das Gesicht war vergilbt wie Pergament, die Züge starr und unbeweglich, niemand hat sie anders gekannt. Madame Jules war in der heißen Luft der Ankleidelogen vertrocknet inmitten der berühmtesten Schenkel und Busen von Paris. Sie trug immer das nämliche geschlossene, schwarze Kleid, in dessen platter Taille ein Panzer von Nadeln an der Stelle des Herzens steckte.

Vergebung, meine Herren, sagte Nana, den Vorhang beiseite schiebend, aber ich war wirklich überrascht ...

Alle wandten sich um. Sie hatte sich keineswegs verhüllt, sondern nur ein dünnes Batistleibchen angezogen, das ihren Busen zur Hälfte verbarg. Als die Herren sie in die Flucht gejagt, hatte sie eben ihr Fischhändlerkostüm abgelegt; aus dem Beinkleid hing ein Zipfel ihres Hemdes heraus. Nun stand sie da mit nackten Armen, nackten Schultern, die Spitzen der Brüste entblößt, in der wundervollen Jugend einer starken Blonden, und hielt noch immer mit einer Hand den Vorhang, gleichsam bereit, bei dem ersten Schreck wieder zu verschwinden.

Jawohl, ich bin überrascht worden, ich hätte es nie gewagt ... stammelte sie, die Verlegene spielend, wobei eine leichte Röte auf ihrem Nacken erschien und ein Lächeln der Verwirrung ihren Mund umspielte.

Lassen Sie das; man findet Sie schön, rief Bordenave.

Sie versuchte noch immer die zögernde Züchtige zu spielen und schüttelte sich, als ob jemand sie kitzele. Dabei wiederholte sie:

Euere Hoheit erweist mir zu viel Ehre ... Ich bitte Euere Hoheit, mich zu entschuldigen, daß ich Sie so empfange ...

Im Gegenteil, ich bin zur unrechten Zeit gekommen, sagte der Prinz; aber ich konnte dem Verlangen nicht widerstehen, Ihnen meine Aufwartung zu machen.

Da ließ sie den Vorhang fallen und ging im Beinkleid ruhig zur Toilette an den Herren vorbei, die ihr Platz machten. Sie hatte sehr kräftige Hüften, das Beinkleid spannte sich, als sie mit feinem Lächeln die Herren nochmals grüßte, ihnen die entblößte Brust zuwendend. Plötzlich schien sie den Grafen Muffat zu erkennen und reichte ihm freundschaftlich die Hand. Dann schalt sie ihn aus, weil er zu ihrem Abendessen nicht gekommen war. Seine Hoheit neckte den Grafen Muffat, der keine Antwort hervorzubringen vermochte und zitterte, weil er einen Augenblick die kleine, noch von den Essenzen der Toilette feuchte Hand der Schauspielerin in seiner brennenden Hand hielt. Der Graf hatte beim Prinzen sehr gut gespeist, der ein starker Esser und Trinker war. Beide waren sogar etwas angeheitert, doch hielten sie sich tapfer. Um seine Verlegenheit zu verbergen, sprach Muffat von der Hitze.

Mein Gott, wie heiß es hier ist, sagte er. Wie können Sie nur in einer solchen Luft leben?

Das Gespräch kam in Gang, als plötzlich laute Stimmen vor der Loge vernehmbar wurden. Bordenave schob das Plättchen zurück, das ein in der Tür angebrachtes Guckfensterchen verdeckte und blickte hinaus. Es war Fontan gefolgt von Prullière und Busc; alle drei hielten Champagnerflaschen unter den Armen und Gläser in den Händen. Fontan klopfte und schrie, heute sei sein Namenstag, und er zahle Champagner. Nana blickte den Prinzen fragend an; dieser sagte, er wolle niemanden stören, es werde ihn nur freuen, wenn die Herren kämen. Doch Fontan war, ohne die Erlaubnis abzuwarten, schon eingetreten und rief:

Ich bin kein Schmutzian, ich zahle Champagner ...

Plötzlich bemerkte er den Prinzen, den er hier nicht vermutet hatte. Er stellte sich in Positur und sagte mit komischer Feierlichkeit:

Draußen steht König Dagobert und hat den Wunsch, mit Euerer königlichen Hoheit anzustoßen.

Der Prinz lächelte, man fand den Spaß reizend.

Die Loge war zu klein für so viele Leute. Einer stand dicht neben dem andern, Satin und Madame Jules im Hintergrund am Vorhang, die Herren rings um die halbnackte Nana. Die drei Schauspieler trugen noch ihr Kostüm vom zweiten Akt. Während Prullière seinen Schweizer Admiralshut abnahm, dessen riesiger Federbusch unter der niedrigen Decke nicht Platz gehabt hätte, suchte Bosc, bekleidet mit dem roten Wams und der Weißblechkrone, auf seinen wackeligen Säuferbeinen festzustehen und grüßte den Prinzen wie ein Monarch, der den Sohn eines mächtigen Nachbars empfängt.

Die Gläser wurden gefüllt, man stieß an.

Ich trinke auf das Wohl Euerer Hoheit, sagte Bosc mit königlicher Würde.

Auf die Armee! fügte Prullière hinzu.

Auf Venus! rief Fontan.

Der Prinz schwenkte jedesmal grüßend sein Glas und sagte:

Madame ... Admiral ... Sire ...

Er trank in einem Zug. Graf Muffat und Marquis Chouard taten dasselbe. Man scherzte nicht mehr, man war bei Hofe. Diese Theaterwelt spielte hier die wirkliche Welt sehr ernsthaft bei heißem Gaslicht. Nana vergaß, daß ihr der Zipfel des Hemdes bei den Beinkleidern heraushing, sie spielte die große Dame, die Königin Venus, die ihren Staatswürdenträgern die Salons öffnete. In jedem Satze warf sie mit den Worten »Königliche Hoheit« umher, machte dem Prinzen ernsthafte Verbeugungen und behandelte Bosc und Prullière wie ein Souverän seine Minister. Niemand lächelte über diese seltsame Mischwelt, über diesen wirklichen Prinzen, den Erben eines Thrones, der den Champagner eines Komödianten trank und sich sehr wohl befand inmitten dieses Götterkarnevals, dieser Maskerade des Königtums, inmitten eines Volkes von Garderobenfrauen und Dirnen, Bretterhelden und Zuhältern. Bordenave, dem diese Szene außerordentlich gefiel, dachte daran, was er für Einnahmen hätte, wenn Seine Hoheit einwilligen wollte, im zweiten Akte der »Blonden Venus« so auf der Bühne zu erscheinen.

Wie wär's, rief er vertraulich, wenn ich meine Weibchen herunterkommen ließe?

Nana sträubte sich dagegen. Doch verlor sie selbst bald vollends den Kopf. Sie fühlte sich zu Fontan mit seiner grotesken Maske hingezogen. Sie schmiegte sich an ihn und verschlang ihn mit den Augen eines schwangeren Weibes, das plötzlich nach etwas Unsauberem Verlangen trägt. Dann sagte sie, in einer plötzlichen Aufwallung ihn duzend:

Schenk ein, großes Tier.

Fontan füllte die Gläser von neuem, man trank und brachte die Trinksprüche aus:

Auf seine Hoheit.

Auf die Armee!

Auf Venus!

Nana gebot Stillschweigen, sie hob ihr Glas und rief:

Nein, auf Fontan, der heute seinen Namenstag feiert. Fontan hoch, hoch!

Man ließ Fontan hochleben. Der Prinz, der bemerkt hatte, daß Nana den Komiker mit Blicken verschlang, trank diesem zu.

Herr Fontan, sagte er mit seiner vornehmen Höflichkeit, ich trinke auf Ihren Erfolg.

Der Raum wurde immer enger; der Prinz und Graf Muffat, die Nana in die Mitte genommen hatten, mußten jeden Augenblick die Hände heben, um nicht bei der geringsten Bewegung an ihre Hüften oder Brust zu stoßen. Inzwischen wartete Madame Jules geduldig und unempfindlich, während Satin, als sie sah, wie ein wirklicher Prinz in Gesellschaft dieser Komödianten sich an eine halbnackte Schauspielerin herandrängte, im stillen dachte, daß die vornehmen Herren nicht viel besser seien als die gemeinen Männer.

Im Korridor ließ Vater Barillot seine Klingel ertönen. Vor der Tür der Loge angekommen, sah er zu seinem Schrecken, daß die drei Schauspieler noch in dem Kostüm vom zweiten Akt waren.

Meine Herren, stammelte er, beeilen Sie sich; im Zimmer ist schon das Zeichen gegeben worden.

Bah, sagte Bordenave, das Publikum kann warten.

Da die Flaschen leer waren, grüßten die Schauspieler und gingen hinauf, sich anzukleiden. Bosc nahm den falschen Bart ab, den er mit Champagner vollgeschüttet hatte, da sah man sein vom Trunke verwittertes, vom vielen Rasieren blau gewordenes Gesicht. Man hörte, wie er am Fuße der Treppe zu Fontan bemerkte:

Habe ich dem Prinzen imponiert, he?

Niemand war mehr in Nanas Loge als der Prinz, Graf Muffat und der Marquis Chouard. Bordenave hatte sich mit Barillot entfernt, dem er befahl, nicht das Zeichen zum Beginn zu geben, ohne vorher Madame zu benachrichtigen.

Sie erlauben, meine Herren, sagte Nana, indem sie fortfuhr, ihr Gesicht und ihre Arme für den dritten Akt zu schminken.

Der Prinz nahm auf dem Sofa Platz, neben ihm der Marquis. Graf Muffat blieb stehen. Die zwei Gläser Champagner hatten die Herren noch wärmer gemacht. Als Satin sah, daß diese Herren bei ihrer Freundin blieben, verschwand sie hinter dem Vorhang. Sie saß ruhig auf einem Koffer, während Madame Jules wortlos ab und zu ging, ohne zu hören und zu sehen, was um sie her geschah.

Sie haben Ihre Lieder vortrefflich gesungen, sagte der Prinz zu Nana.

Das Gespräch wurde wieder angeknüpft, bestand aber nur aus kurzen, von Zeit zu Zeit vorgebrachten Phrasen. Nana konnte nicht immer antworten. Nachdem sie sich Arme und Gesicht mit Goldcreme eingerieben, legte sie mit Hilfe einer Serviette weiße Schminke auf.

Ohne in dieser Arbeit inne zu halten, wandte sie sich einen Augenblick vom Spiegel zum Prinzen und sagte lächelnd:

Euere Hoheit verwöhnen mich.

Der Marquis folgte mit lüsterner Gier der Toilette. Dann bemerkte er:

Das Orchester sollte Sie mehr gedämpft begleiten; es ist jammerschade, Ihre Stimme so zu decken.

Diesmal wandte Nana sich nicht um. Sie hatte den Hasenlauf ergriffen und glättete damit ihr Gesicht. Dabei mußte sie sich über den Toilettetisch beugen, so daß die Rundung ihrer Hose sich voll abzeichnete, aus der der Hemdzipfel noch immer heraushing. Um für das Kompliment des Greises sich empfänglich zu zeigen, wiegte sie sich beifällig in den Hüften.

Es war still im Zimmer. Madame Jules hatte in der rechten Hälfte des Beinkleides einen Riß entdeckt. Sie nahm eine Stecknadel aus der Taille und kniete dann einen Augenblick auf dem Boden, an dem Schenkel Nanas beschäftigt. Inzwischen fuhr diese fort, sich einzupudern. Als der Prinz die Bemerkung machte, sie werde in England Aufsehen erregen, wenn sie hinüberkomme, lächelte sie und wandte ihm einen Augenblick das Gesicht zu, das erst auf der einen Seite gepudert war. Dann wurde sie wieder ernst; sie mußte auch Rot auflegen. Sie näherte das Gesicht dem Spiegel, tauchte den Finger in den Schminktopf und legte die Schminke unterhalb der Augen auf, um sie sorgfältig bis zu den Schläfen auszubreiten. Die Herren schwiegen.

Graf Muffat hatte noch nicht den Mund geöffnet. Er dachte an seine Jugend. Das Zimmer, das er als Kind bewohnt hatte, war völlig kalt gewesen. Später, mit sechzehn Jahren, wenn er am Abend seine Mutter küßte, nahm er das Eisige dieses Kusses bis in den Schlaf mit. Eines Tages hatte er im Vorbeigehen durch eine halboffene Tür eine Magd gesehen, die sich eben wusch. Es war dies von seiner Mannbarkeit bis zu seiner Vermählung die einzige Erinnerung, die seine Gedanken beunruhigte. Bei seiner Frau fand er einen strengen Gehorsam für die ehelichen Pflichten; er selbst empfand stets ein gewisses, frommes Widerstreben. Er war reifer und älter geworden, und gebeugt unter religiösen Übungen, sein ganzes Leben nach Vorschriften und Gesetzen regelnd, waren die Verlockungen des Fleisches ihm unbekannt geblieben. Jetzt fand er sich plötzlich in der Ankleideloge einer Schauspielerin vor diesem nackten Mädchen. Er, der niemals gesehen hatte, wie seine Gattin ein Strumpfband anlegte, wohnte jetzt den intimen Einzelheiten der Toilette einer Frau bei, inmitten der Töpfe und Tiegel, umweht von scharfen und doch lieblichen Düften. Sein ganzes Wesen empörte sich; er erschrak darüber, wie Nana allmählich Besitz von ihm nahm; er erinnerte sich der frommen Bücher, die er in seiner Jugend gelesen und der Schrecknisse des Teufels, die man ihm vorgemalt. Er glaubte jetzt an den Teufel. Der Teufel – das ist Nana mit ihrem Lachen, ihren vom Laster geschwellten Busen und Hüften. Doch er faßte den Vorsatz, stark zu sein und sich zur Wehre zu setzen.

Also abgemacht, sagte der Prinz, Sie kommen nächstes Jahr nach London; wir wollen Ihnen einen solchen Empfang bereiten, daß Sie nie mehr Verlangen tragen werden, nach Frankreich zurückzukehren. Ach, mein lieber Graf, man weiß bei Ihnen in Frankreich die schönen Frauen nicht nach Ihrem Werte zu schätzen, darum wollen wir sie Ihnen nehmen.

Das wird ihn wenig kümmern, murmelte der Marquis; der Graf ist die verkörperte Tugend.

Als Nana von seiner Tugend reden hörte, sah sie den Grafen in so drolliger Weise an, daß er in arge Verlegenheit geriet. Dann ärgerte er sich wieder über diese Empfindung. Warum sollte er sich des Gedankens, daß er tugendhaft sei, vor diesem Mädchen schämen! Er hatte Lust, sie zu schlagen. In diesem Augenblick ließ Nana einen kleinen Pinsel, den sie ergreifen wollte, zu Boden fallen. Sie und der Graf bückten sich gleichzeitig, um ihn aufzuheben, dabei kamen sie einander so nahe, daß ihr Atem sich vermengte und Venus' aufgelöstes Haar dem Grafen auf die Hände fiel. Unendliche Wollust verdrängte im Augenblick die Vorwürfe aus seinem Herzen. Draußen wurde die Stimme des Vater Barillot hörbar.

Madame, darf ich das Zeichen geben? Das Publikum wird ungeduldig.

Sofort, sagte Nana ruhig.

Sie hatte den Pinsel in einen Topf schwarzer Farbe getaucht, schloß das linke Auge und zog einen zarten Strich zwischen den Wimpern. Muffat, der hinter ihr stand, beobachtete sie. Er sah sie im Spiegel mit ihren runden Schultern und ihrer rosig angehauchten Brust. Er vermochte trotz aller Anstrengungen sich von dem Anblicke dieses Gesichtes nicht abzuwenden, das durch das geschlossene Auge so herausfordernd war. Als sie nun das rechte Auge schloß und auch hier einen feinen schwarzen Strich malte, da fühlte er, daß er vollkommen in ihrer Macht sei.

Madame, sagte der Diener, das Publikum stampft mit den Füßen und droht, die Bänke zu zerschlagen. Soll ich das Zeichen geben?

Meinetwegen, rief Nana ungeduldig, es ist mir ganz egal. Wenn ich nicht fertig bin, wird man auf mich warten müssen.

Dann wandte sie sich lächelnd zu den Herren und sagte:

Man kann nicht eine Minute ruhig plaudern.

Sie war mit Gesicht und Händen fertig und legte nur noch zwei breite Streifen Karmin auf die Lippen. Graf Muffat geriet noch mehr in Verwirrung, verführt durch die Verderbtheit dieser Schminke und Puder, überwältigt von dem Verlangen nach dieser gemalten Jugend mit dem allzu weißen Gesichte, den vergrößerten, schwarz eingerahmten, liebeglühenden Augen.

Jetzt verschwand Nana hinter dem Vorhang, um die Beinkleider abzustreifen und das Netz der Venus anzulegen. Dann kam sie wieder hervor, knöpfte mit ruhiger Schamlosigkeit ihr Leibchen auf und hielt der Madame Jules die Arme hin, damit sie ihr den Überwurf anlege.

Rasch, das Publikum wird böse.

Der Prinz beobachtete als Kenner mit halbgeschlossenen Augen die vollen Linien ihres Busens, während der Marquis unwillkürlich mit dem Kopfe nickte. Muffat, um nicht mehr zu sehen, blickte auf den Teppich. Venus war bereit, sie trug nichts als diesen Überwurf aus Gazestoff. Madame Jules machte mit ihrem hölzernen, starren Gesichte die Runde um Nana, dann nahm sie Nadeln und steckte den Überwurf auf, wobei sie den nackten Leib der Schauspielerin mit solcher Gleichgültigkeit berührte, als habe sie nie das Bewußtsein ihres Geschlechtes gehabt.

Fertig, sagte Nana, indem sie einen letzten Blick in den Spiegel warf.

Bordenave kam besorgt zurück und meldete, daß der dritte Akt begonnen habe.

Gut, ich gehe, sagte Nana, sonst warte ich immer auf die anderen.

Die Herren verließen die Loge, aber sie verabschiedeten sich nicht; der Prinz äußerte den Wunsch, hinter den Kulissen dem dritten Akt beizuwohnen. Als Nana allein geblieben war, blickte sie erstaunt umher.

Wo ist sie denn? fragte sie.

Sie suchte Satin. Endlich fand sie diese hinter dem Vorhang auf einem Koffer sitzend.

Ich wollte dich nicht stören mit allen diesen Herren, sagte sie.

Sie fügte hinzu, daß sie nun gehen wolle. Doch Nana hielt sie zurück. Das sei unrecht. Bordenave habe eingewilligt, sie zu nehmen, man könne die Sache nach dem Theater abmachen. Satin zögerte. Es gehe da gar zu bunt her; das sei nicht ihre Welt. Indessen blieb sie.

Als der Prinz die kleine hölzerne Treppe hinabstieg, wurde ein seltsamer Lärm, unterdrückte Flüche, dumpfe Schläge, von der anderen Seite her vernehmbar. Es mußte dort etwas vorgehen, das alle diese Schauspieler, die auf ihr Stichwort warteten, interessierte. Mignon hatte seine Späße mit Fauchery wieder begonnen. Er unterhielt sich jetzt damit, dem Journalisten kleine Nasenstüber zu geben, um ihm, wie er sagte, die Fliegen zu verjagen. Dieses Spiel unterhielt natürlich die Schauspieler aufs höchste. Doch plötzlich versetzte, fortgerissen von seinem Temperament, Mignon dem Journalisten eine Ohrfeige, eine wirkliche regelrechte Ohrfeige. Diesmal war es zu weit gegangen. Eine solche ausgiebige Maulschelle konnte Fauchery unmöglich lachend vor den Leuten einstecken. Die beiden Männer ließen nun den Spaß sein und sprangen einander mit bleichen, von Haß verzerrten Gesichtern an die Kehle. Bald wälzten sie sich am Boden, hinter einem Versetzstück und schlugen aufeinander los.

Herr Bordenave, Herr Bordenave! rief zu Tode erschrocken der Regisseur.

Bordenave bat den Prinzen um Entschuldigung und folgte dem Regisseur.

Als er Mignon und Fauchery sich am Boden wälzen sah, wurde er wütend. Wahrhaftig, die haben die Zeit gut gewählt ... Jetzt, da der Prinz auf der andern Seite steht und das Publikum den Lärm hören kann. Um das Maß voll zu machen, kam auch jetzt Rosa Mignon hinzu, atemlos, knapp vor ihrem Auftreten. Vulkan sagte eben sein Stichwort. Allein Rosa stand sprachlos vor Entsetzen da, als sie ihren Gatten und ihren Liebhaber sich am Boden wälzen und einander mit Schimpfworten und Püffen behandeln sah. Sie sahen greulich aus; sie würgten einander, rissen einander die Haare aus und waren über und über mit Schmutz und Staub bedeckt. Ein Maschinist hatte noch rechtzeitig den Hut Faucherys erwischt, der auf die Bühne zu kollern drohte. Die beiden Männer am Boden versperrten Rosa den Weg auf die Bühne; Vulkan, der allerlei aus dem Stegreif machte, um das Publikum hinzuhalten, gab ihr jetzt zum zweiten Male das Stichwort. Rosa stand aber unbeweglich und starrte die beiden sich balgenden Männer an.

Schau doch nicht lange, flüsterte Bordenave ihr wütend zu. Geh hinein, geh! Das hat dich nicht zu kümmern.

Und Rosa stieg, von Bordenave geschoben, über die beiden Männer hinweg und betrat die Bühne. Sie stand nun, von hellem Gaslichte bestrahlt, vor dem Publikum. Sie hatte nicht begriffen, weshalb die beiden Männer sich am Boden wälzten und einander prügelten. Bebend, mit verwirrtem Kopfe, trat sie bis zur Rampe vor. So mußte sie das verliebte Lächeln der Diana heucheln. Sie begann ihre Arie mit einer Wärme, daß das Publikum in einen Beifallssturm ausbrach. Von den Kulissen her hörte sie die dumpfen Schläge der beiden Männer; glücklicherweise übertönte die Musik das Geräusch.

Herrgott, rief Bordenave, nachdem es ihm endlich gelungen war, die beiden Männer zu trennen. Könnt ihr einander nicht zu Hause prügeln? Ihr wißt, ich mag dergleichen nicht. Mignon, du bleibst hier auf der Hofseite und Sie, Fauchery, wenn Sie nicht wollen, daß ich Ihnen die Türe weise, gehen hinüber auf die Gartenseite. Der eine hier, der andere dort, sonst verbiete ich Rosa, die Herren wieder mitzubringen.

Als er zum Prinzen zurückkehrte, fragte dieser, was es gegeben habe?

Nichts, sagte Bordenave ruhig.

Nana stand in einen Pelz gehüllt und wartete mit den Herren plaudernd auf ihr Stichwort. Muffat war zwischen zwei Kulissen vorgeschritten, um einen Blick auf die Bühne zu werfen. Der Regisseur machte ihm ein Zeichen, leiser aufzutreten. Hinter den hell erleuchteten Kulissen sah man einige Menschen, die leise miteinander redeten und auf den Fußspitzen gingen. Der Gasmanipulant stand an der Maschine, um die Beleuchtungseffekte zu regulieren. Ein Feuerwehrmann stand an ein Versetzstück gelehnt und steckte den Kopf vor, um besser zu sehen. Hoch oben auf einer Bank saß der Vorhangmann, die Schnur in der Hand, unbekümmert um das, was da unten gespielt wurde und wartete auf das Glockensignal des Regisseurs. Inmitten dieser schwülen Luft, dieses leisen Getrappels und Geflüsters hörte man von der Bühne her die Stimmen der Schauspieler, Stimmen, die mit einem seltsam falschen Klange hier ans Ohr schlugen. Weiter zurück hinter dem verwirrten Geräusch des Orchesters wehte der ungeheure Atem des Publikums; dieser Atem schwoll zuweilen an und brach dann in Form von Beifallsrufen, Gelächter und Händeklatschen aus. Man fühlte das Publikum, ohne es zu sehen.

Irgendwo ist etwas offen, sagte Nana, sich fester in ihren Pelz hüllend. Ich spüre einen Luftzug; schauen Sie nach; Vater Barillot; ich wette, daß ein Fenster geöffnet wurde. Man muß hier ja umkommen.

Barillot schwur, er selbst habe alles geschlossen; aber es seien vielleicht einige Scheiben zerbrochen. Die Schauspieler beklagen sich immer über Luftzug. Durch die schwüle Gashitze zog manchmal ein eiskalter Wind. Es sei ein rechtes Krankheitsnest, meinte Fontan.

Wenn ihr so ausgezogen wäret ...? rief Nana.

Still! rief Bordenave.

Rosa trug auf der Bühne eben eine Stelle ihres Duetts mit solcher Feinheit vor, daß die Bravorufe des Publikums die Begleitung des Orchesters übertönten; Nana war ernst geworden und schwieg. Der Graf hatte sich zwischen zwei Dekorationsstücke vorgewagt; doch Barillot hielt ihn warnend zurück, weil eine Versenkung da war. Er sah die Dekoration verkehrt und schräg, die Rückseite der Versetzstücke durch eine dichte Lage alter Anschlagzettel verstärkt; dann einen Winkel der Szene, die Höhle des Ätna mitten in einer Silbermine mit der Schmiede Vulkans im Hintergrunde. Die herabgelassenen Gaslampen warfen einen grellen Schein auf das roh hingepinselte Bild. Ständer mit blauen Gläsern und Ständer mit roten Gläsern brachten in einem berechneten Widerspiel die Täuschung eines lodernden Feuers hervor, während auf dem Boden im dritten Felde ganze Reihen von Gasflämmchen verliefen, um eine Kette schwarzer Felsen zu beleuchten. Auf einem schräg gelegten Versetzstück, das als Weg durch die Kulissen diente, inmitten der Gaslichttropfen, die kleinen Lampions auf einem Jahrmarkte glichen, saß die alte Frau Drouard, die die Rolle der Juno gab, und harrte schläfrig, halb geblendet ihres Stichwortes.

Es entstand eine Bewegung, plötzlich rief Simonne, die sich eben von Clarisse eine Geschichte erzählen ließ:

Schau, die Tricon!

In der Tat war die Tricon gekommen, mit ihren Löckchen und in der Kleidung einer alten verarmten Gräfin, die immer in den Vorzimmern der Advokaten zu finden ist.

Als sie Nana sah, ging sie gerade auf sie zu und tauschte rasch einige Worte mit ihr aus.

Nein, sagte Nana, jetzt nicht.

Die alte Dame behielt ihren Ernst. Prullière reichte ihr im Vorbeigehen die Hand. Zwei kleine Statistinnen betrachteten sie mit Verwunderung. Die Tricon überlegte eine Weile, dann rief sie Simonne durch ein Zeichen zu sich.

Nach kurzer Unterredung sagte Simonne:

Ja, in einer halben Stunde.

Sie ging dann in ihre Loge hinauf. Unterwegs traf sie Madame Bron, die ihr einen Brief übergab. Bordenave zankte mit gedämpfter Stimme die Hausmeisterin aus, weil sie die Tricon eingelassen hatte; gerade heute, wo der Prinz da war ... Madame Bron, die seit dreißig Jahren in den Diensten des Theaters stand, antwortete in verdrießlichem Tone. Was weiß ich? ... Die Tricon macht Geschäfte mit allen diesen Damen. Der Herr Direktor ist ihr schon zwanzigmal begegnet, ohne ein Wort zu sagen. Während Bordenave einige derbe Flüche vor sich hinmurmelte, fixierte die Tricon sehr ruhig den Prinzen wie eine, die einen Mann auf einen Blick abzuschätzen weiß. Ein Lächeln erheiterte ihr vergilbtes Gesicht. Dann entfernte sie sich mit langsamen Schritten; die Dämchen blickten ihr achtungsvoll nach.

Sie kommen doch bald, nicht wahr? sagte sie noch, sich zu Simonne wendend.

Doch Simonne schien jetzt verdrossen zu sein. Der Brief, den sie erhalten, war von einem jungen Manne, dem sie den heutigen Abend zugesagt hatte. Sie kritzelte rasch einige Zeilen auf einen Zettel und übergab ihn der Madame Bron. Sie hatte geschrieben: »Unmöglich heute abend; ich bin in Anspruch genommen.« Doch sie war nicht beruhigt; dieser junge Mann wird sie vielleicht doch beim Ausgang erwarten. Da sie im dritten Akt nicht beschäftigt war, wollte sie sich sofort entfernen. Sie bat daher Clarisse, unten nachzusehen, ob die Bahn frei sei. Clarisse, die erst zum Aktschluß zu tun hatte, ging hinunter, während Simonne in die Ankleideloge hinaufging, die sie miteinander inne hatten.

Im Ausschank der Madame Bron trank ein einsamer Statist, der den Pluto darzustellen hatte und in einen langen, feuerroten Rock gekleidet war. Das Geschäft der Hausmeisterin schien gut gegangen zu sein, denn das enge Loch, wo sie ihren Ausschank hatte, war voll kleiner Pfützen von verschüttetem Wein und Schnaps. Clarisse hob ihren Überwurf auf, um ihn nicht auf den schmutzigen Stufen zu beschmutzen. Bei einer Biegung der Treppe blieb sie stehen, steckte den Kopf hervor und blickte in die Hausmeisterloge. Ihre Vermutung hatte sie nicht getäuscht. La Faloise saß noch immer auf dem Stuhl zwischen Tisch und Ofen. Er war früher scheinbar weggegangen und dann zurückgekehrt. Die Loge der Hausmeisterin war übrigens noch voll elegant gekleideter Herren, die hier geduldig warteten und inzwischen einander mit vielem Ernste betrachteten. Auf dem Tische stand nichts mehr als einige schmutzige Teller; Madame Bron hatte schon sämtliche Sträuße abgegeben. Bloß eine verwelkte Rose lag am Boden neben der schwarzen Katze, die zusammengerollt schlief, während die Kätzchen zwischen den Beinen der Herren spielten. Clarisse hatte einen Augenblick die Absicht, La Faloise einfach die Tür zu weisen, doch sie wollte keine Szene machen.

Sie sah, wie Madame Bron den für den Verehrer Simonnens bestimmten Zettel übergab. Der junge Mann ging in den Vorraum hinaus und las beim Gaslichte, worauf er sich, ohne Zweifel an dergleichen schon gewöhnt, ruhig entfernte. Der weiß, was sich gebührt, dachte Clarisse; nicht wie die andern, die eigensinnig ausharren auf den zerrissenen Strohstühlen in dieser stinkenden Bude der Madame Bron, wo man förmlich gekocht wird. Sie eilte voll Ekel hinauf und berichtete Simonne, was sie gesehen.

Auf der Bühne plauderte der Prinz mit Nana. Er hatte sie keinen Augenblick verlassen und verschlang sie mit den Blicken. Nana, ohne ihn anzusehen, lächelte und nickte mit dem Kopfe. Von einer mächtigen Aufwallung getrieben, machte sich jetzt Graf Muffat von Bordenave los, der ihm Aufschlüsse gab über die Tätigkeit auf der Bühne, und trat zu Nana, um ihre Unterredung mit dem Prinzen zu unterbrechen. Nana erhob den Blick und lächelte ihm zu, wie sie vorhin dem Prinzen zugelächelt hatte. Dabei lauschte sie fortwährend den Vorgängen auf der Bühne, um ihr Stichwort zu erhaschen.

Der dritte Akt ist der kürzeste, glaube ich, bemerkte der Prinz, den die Gegenwart des Grafen störte.

Sie antwortete nicht, sondern warf mit einem hastigen Ruck ihrer Schultern die Jacke ab, die von der hinter ihr stehenden Madame Jules aufgefangen wurde und trat nun, nackt, wie sie war, auf die Bühne.

Still, still! flüsterte Bordenave.

Der Graf und der Prinz waren überrascht. Inmitten der tiefen Stille stieg ein tiefer Seufzer, ein fernes Geräusch der Menge empor. Jeden Tag brachte das Auftreten der Venus in ihrer göttlichen Nacktheit die nämliche Wirkung hervor.

Muffat wollte sie sehen und legte das Auge an eine Öffnung der Kulisse. Über den hell erleuchteten Bogen der Bühne hinaus schien der Saal dunkel, wie angefüllt mit einem rötlichen Rauch; von diesem farblosen Hintergrund, der in nebelhaft bleiches Licht getaucht war durch die langen Reihen von Zuschauern, hob die Gestalt Nanas sich ab, weiß und groß, so daß sie die Aussicht auf die Logen benahm. Er sah ihren Rücken, die gespannten Lenden, die offenen Arme, während zu ihren Füßen der Kopf des Souffleurs sichtbar wurde wie abgeschnitten, der Kopf eines ärmlichen, rechtschaffenen Greises. Bei gewissen Sätzen ihres Eingangsliedes schienen Wellenbewegungen von ihrem Nacken auszugehen, sich über ihren Körper zu verbreiten und in der Schleppe des Überwurfs zu verlieren. Als die letzte Note verklungen war, brach ein Beifallsjubel los und sie dankte, umflattert von dem gazeartigen Überwurf, der ihre ganze Bekleidung bildete. Als der Graf sie so gebeugt mit verbreiterten Hüften sich rückwärts bewegen sah in der Richtung, wo er stand, richtete er sich empor; er war sehr bleich. Die Bühne entschwand seinen Blicken, er sah nichts als die Innenseite der Kulisse, hinter der er stand. Auf dem Dekorationsstück, das als Durchgang diente, zwischen den Reihen von Gasflämmchen, hatte der ganze Olymp sich um Madame Drouard versammelt, die hier schlummerte. Sie erwarteten da den Schluß des Aktes, Bosc und Fontan am Boden sitzend, das Kinn auf die Knie gestützt, Prullière gähnend und sich reckend, ehe er die Szene betrat. Alle matt, schläfrig, mit roten Augen.

In diesem Augenblicke kam Fauchery, dem Bordenave die Hofseite zu betreten untersagt hatte, und machte sich an den Grafen, um sich in seiner Verlegenheit Haltung zu geben. Er stellte dem Grafen den Antrag, ihm die Ankleidelogen zu zeigen. Muffat, dessen Willenskraft immer mehr schwand, folgte dem Journalisten, nachdem er mit den Augen den Marquis gesucht, der indes nicht mehr da war. Er empfand eine Erleichterung und zugleich eine Unruhe, als er diese Kulissen verließ, wo er Nanas Gesang gehört hatte.

Fauchery war ihm auf der Treppe vorausgegangen. Es war eine kahle, verfallene Treppe, wie der Graf sie so oft auf seinen Wanderungen als Armenvater in den Wohnstätten des Elends gefunden, die Stufen ausgetreten von dem vieljährigen Gebrauch, die Eisenrampe völlig abgegriffen, wie poliert. Auf jedem Treppenabsatz befand sich ein kleines Fenster in der Mauer, wo zur Nachtzeit hinter einem Drahtgitter eine Gasflamme brannte. Diese Flammen beleuchteten eine trostlose Umgebung und verbreiteten eine Hitze, die immer drückender wurde, je höher man kam.

Am Fuße der Treppe fühlte der Graf wieder den heißen Atem im Nacken, jenen Frauenduft, der inmitten einer Flut von Licht und Lärm aus den Logen herabströmte. Bei jeder Stufe, die er erstieg, wurde er von dem Duft der Schminken und Essenzen immer mehr betäubt. Im ersten Stock liefen zwei Gänge nach entgegengesetzten Richtungen; da sah man zahlreiche gelb angestrichene Türen mit weißen Nummern, wie die der Hotelzimmer. Der Graf warf einen Blick durch eine halboffene Tür. Er sah einen schmutzigen Raum, dem Laden eines vorstädtischen Perückenmachers gleichend, eingerichtet mit zwei schlechten Sesseln, einem Spiegel und einem Wandschrank mit Fächern, geschwärzt von dem Schmutz der Kämme. Ein langer, in Schweiß gebadeter Mensch war eben damit beschäftigt, das Hemd zu wechseln. In einem ähnlichen Zimmer daneben stand eine Frau, die ihre Handschuhe zuknöpfte und sich anschickte, nach Hause zu gehen. Ihr Haar war in Unordnung und feucht, als komme sie eben aus dem Bade. Fauchery rief den Grafen, und dieser langte eben im zweiten Stockwerke an, als auf dem rechtsseitigen Korridor ein kerniger Fluch hörbar wurde. Mathilde, eine kleine Keusche, hatte ihr Waschbecken zerbrochen, und das Seifenwasser floß auf den Treppenabsatz heraus. Die Tür einer Loge wurde heftig zugeschlagen, als die Herren vorbeikamen. Dann erschienen zwei Frauen im Korsett und hüpften mit einem Sprung über den Gang in die Loge gegenüber. Eine andere erschien, den Saum des Hemdes mit den Zähnen haltend und flüchtete bei dem Anblick der Herren. Sie hörten bald lachen, bald zanken, in einer Loge begann jemand zu singen und unterbrach sich bald wieder. Bei jeder Tür schimmerte ein Stück nackten Leibes, ein Stück weißer Leibwäsche durch. In einer Loge standen zwei Mädchen und zeigten einander die Muttermale an ihren Körper. Eine andere, sehr jung, fast noch ein Kind, hatte ihre Röcke bis über die Knie zurückgestreift, um einen Riß an ihrem Beinkleid rasch zu nähen. Die Ankleidegehilfinnen hatten noch so viel Schamgefühl, um bei dem Anblick der Herren die Türen zuzulehnen oder die Vorhänge herabzulassen. Es war die Hast des Endes, das allgemeine Abwaschen von Schminke und Puder und das Anlegen der gewöhnlichen Toilette. Im dritten Stockwerk überließ sich Muffat völlig dem Taumel, der ihn erfaßt hatte. Hier befand sich die Loge der Statistinnen; zwanzig Frauenzimmer zusammengepfercht, ein greuliches Durcheinander von Seifen und Lavendelwasserflaschen. Es glich dem gemeinsamen Saal in einem Vorstadtfreudenhause. Hinter einer verschlossenen Tür war ein sehr geräuschvolles Abwaschen, ein wahrer Sturm im Waschbecken vernehmbar. Bevor sie in das letzte Stockwerk stiegen, warf er noch einen Blick in einen leeren Raum, dessen Tür sperrangelweitoffen stand. Am Boden lagen Weiberröcke in Unordnung umher, inmitten derselben stand ein Nachttopf.

Im vierten Stock war's zum Ersticken. Da flossen alle Gerüche, alle Flammen ineinander. Die geschwärzte Decke war wie geräuchert; durch den rötlichen Nebel, der die Luft erfüllte, sah man eine Laterne brennen.

Der Graf mußte sich auf die Rampe stützen und sog, die Augen schließend, den Duft des weiblichen Geschlechts ein, den er noch nicht kannte und der jetzt mächtig auf ihn eindrang.

Kommen Sie doch, rief Fauchery, man verlangt nach Ihnen.

Im Hintergrunde des Korridors befand sich die Loge von Simonne und Clarisse, ein länglicher, baufälliger Raum unter dem Dache. Das Licht kam von oben. Doch jetzt zur Nachtzeit war die Loge mit Gas beleuchtet; die Wände waren mit schlechten Tapeten belegt, welche Rosen darstellten, die sich am grünen Laub emporrankten. Zwei mit schmutziger Wachsleinwand überzogene Bretter dienten als Toilette, darunter standen allerlei Krüge, Flaschen, Töpfe und Tiegel mit schmutzigem Wasser, Ölen, Pulvern usw. Ein ganzer Trödelmarkt, alles schlecht und verdorben durch den langen Gebrauch, zerbrochene Waschbecken, zahnlose Kämme: die ganze Unordnung, die zwei Frauen zurücklassen, die hier in aller Eile sich umkleiden und fortzukommen trachten.

Kommen Sie doch endlich, wiederholte Fauchery in jenem vertraulichen Tone, den die Männer vor Mädchen annehmen; Clarisse will sie umarmen.

Muffat trat endlich ein. Doch wie erstaunte er, als er den Marquis Chouard zwischen den zwei Toilettebrettern auf einem Sessel sitzen sah. Hierher hatte der Marquis sich zurückgezogen. Er hatte die Füße auseinandergetan, um einer Lache Platz zu machen, die aus einem geborstenen Wassereimer floß. Man sah es ihm an, daß er sich hier wohl und heimisch fühlte inmitten dieses Schmutzes und dieser ruhigen Schamlosigkeit der Weiber.

Gehst du mit dem Alten? flüsterte Clarisse ihrer Freundin ins Ohr.

Fällt mir nicht ein! erwiderte diese ganz laut.

Die Garderobefrau, ein sehr häßliches und sehr vertrauliches junges Mädchen, barst fast vor Lachen, als sie Simonne behilflich war, den Mantel umzunehmen. Alle drei stießen einander mit den Ellbogen an und murmelten dabei halblaute Worte, worüber die Heiterkeit von neuem losbrach.

Nun, Clarisse, küsse den Herrn, sagte Fauchery, du weißt, er kann was springen lassen.

Dann wandte er sich zum Grafen und sagte:

Sie werden sehen, sie ist recht artig und wird Sie küssen.

Doch Clarisse empfand einen Widerwillen vor den Männern. Sie äußerte sich in sehr derben Ausdrücken über die Schweine, die da unten in der Loge der Hausmeisterin auf der Lauer liegen. Auch müsse sie rasch hinabeilen, um ihr Auftreten nicht zu verfehlen. Da aber Fauchery sich vor die Türe stellte, um sie nicht durchzulassen, küßte sie rasch den Grafen auf den Backenbart und sagte:

Ich tue es nicht Ihrethalben, sondern damit dieser Fauchery mich in Frieden läßt.

Sie lief davon. Der Graf war verwirrt wegen der Anwesenheit seines Schwiegervaters. Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Unten in Nanas Loge, inmitten der Pracht von Spiegeln, Vorhängen und Möbeln, hatte er nicht jene Erregung empfunden wie hier angesichts des schamlosen Elends dieser beiden Mädchen. Der Marquis war inzwischen mit Simonne fortgegangen; er redete ihr leise ins Ohr, sie aber schüttelte verneinend den Kopf. Fauchery folgte ihnen lachend. Der Graf blieb allein mit der Ankleidegehilfin, welche die Waschbecken ausschüttete. Dann stieg auch er mit schlotternden Beinen die Treppe hinab inmitten dieser Logen, wo halbnackte Weiber bei seinem Herannahen rasch die Türen zuschlugen.

Das Stück war zu Ende. Ein wahrer Galopp entstand auf den Treppen. Alles eilte in die Logen, um sich rasch anzukleiden und fortzukommen. Am Ende der Treppe befand sich der Graf Nana gegenüber, die gerade dem Prinzen sagte:

Abgemacht, sofort ...

Der Prinz kehrte auf die Bühne zurück, wo Bordenave ihn erwartete. Der Graf, der jetzt mit Nana allein war, eilte, plötzlich vom Verlangen und Wut fortgerissen, ihr nach, und drückte in dem Augenblicke, als sie in ihre Loge treten wollte, einen kräftigen Kuß auf ihren Nacken. Er gab gleichsam hier den Kuß zurück, den er oben erhalten. Nana hatte schon wütend die Hand erhoben, um zuzuschlagen; als sie aber den Grafen erkannte, lächelte sie.

Oh, haben Sie mich erschreckt, sagte sie schelmisch.

Ihr Lächeln war reizend, verlegen und unterwürfig, als ob sie glücklich wäre, den Kuß zu empfangen, den sie schon lange vergebens erwartet hatte. Doch sie konnte jetzt nicht weder heute noch morgen. Es heißt Geduld haben. Und selbst wenn sie könnte, würde sie ihn eine Zeitlang schmachten lassen ... All das drückte sich in ihren Blicken aus. Endlich sagte sie:

Sie müssen wissen: ich bin Grundbesitzerin. Jawohl, ich kaufe ein Landhaus nahe bei Orleans an, also in einer Gegend, die Sie zuweilen besuchen. Das Kindchen hat mir's gesagt, der kleine Georges Hugon, Sie kennen ihn wohl. Besuchen Sie mich dort ...

Der Graf, gleichsam erschrocken über seine eigene Kühnheit und innerlich beschämt über das, was er getan, grüßte sie höflich und versprach, ihrer Einladung zu folgen. Dann entfernte er sich wie im Traume. Im Begriff, den Prinzen wieder aufzusuchen, hörte er im Vorbeigehen aus dem Künstlerzimmer Satins Stimme, die ausrief:

Ist das ein alter Saukerl. Lassen Sie mich in Ruhe!

Es war der Marquis Chouard, der, von Simonne abgewiesen, jetzt auf Satin Jagd machte. Diese aber hatte vollauf genug von dieser »anständigen« Welt. Nana hatte sie Herrn Bordenave vorgestellt, aber sie mußte stillschweigen, um keine Dummheiten zu sagen – und das hatte sie zu sehr angegriffen. Für diese Zwangslage wollte sie sich entschädigen, um so mehr, als sie in den Kulissen auf einen ihrer ehemaligen Verehrer gestoßen war, den Statisten, der Plutos Rolle zu spielen hatte. Es war dies eigentlich ein Pastetenbäcker, von dem sie eine volle Woche hindurch Liebe und Ohrfeigen genossen hatte. Sie wartete auf ihn und schien sehr entrüstet, daß der Marquis sie wie eine dieser Theaterdamen behandelte. Sie nahm eine sehr würdige Miene an und sagte:

Gleich wird mein Mann kommen. Sie werden schon sehen!

Indessen entfernten sich die Schauspieler. Sie trugen ihre Stadtröcke und machten müde Gesichter. Ganze Gruppen von Statisten und Statistinnen mit bleichen Gesichtern und beschädigten Kleidern stiegen die kleine Wendeltreppe herab. Auf der Bühne, auf der die Gaslichter ausgelöscht wurden, stand der Prinz und ließ sich von Bordenave eine Anekdote erzählen. Er wollte hier Nana erwarten. Als diese endlich erschien, war es schon finster auf der Bühne; ein Feuerwehrmann machte mit der Laterne in der Hand seinen Rundgang.

Um Seiner Hoheit den weiten Umweg über die Passage der Panoramen zu ersparen, ließ Bordenave den Gang öffnen, der von der Loge der Hausmeisterin in den Vorraum des Theaters führt. Hier flüchtete eben ein ganzer Trupp von jungen Frauenzimmern froh darüber, daß sie den ihnen auflauernden Herren entkommen waren und sich mit ihren Liebhabern entfernen konnten.

Besonders Clarisse schöpfte Argwohn gegen La Faloise, der noch immer in Gesellschaft der übrigen Herren in der Loge der Madame Bron wartete. Sie ging hinter einer ihrer Freundinnen stramm vorüber. Die Herren blinzelten, verblüfft durch diese Flucht von Weiberröcken über die schmale Wendeltreppe und trostlos darüber, so lange gewartet zu haben und sie jetzt alle entfliehen zu sehen, ohne eine einzige zu erkennen.

Wollen Euer Hoheit hier Ihren Weg nehmen, sagte Bordenave am Fuße der Treppe, indem er dem Prinzen den Gang zeigte.

Der Prinz folgte Nana; Muffat und der Marquis gingen hinter ihm. Der Gang war eigentlich ein gedecktes Gäßchen zwischen dem Theatergebäude und dem Nachbarhause; von den Mauern der beiden Seiten tropfte die Nässe. Auf dem gepflasterten Boden hallten die Schritte wie in einem unterirdischen Lokal. Der Gang diente dem Theater als Magazin, da befand sich allerlei Gerümpel, ein Gestell, auf dem der Hausmeister die Dekorationen säuberte, ein Haufen hölzerner Schranken, die man abends vor den Türen aufstellte, um ein Gedränge des Publikums hintanzuhalten. Ein schlecht geschlossener Brunnen ließ das Wasser über die Quadern rinnen, so daß Nana die Röcke heben mußte, um heil hinauszukommen. Im Vorraum angekommen, wünschte man einander »Gute Nacht«. Als Bordenave allein war, faßte er sein Urteil über den Prinzen in einem Achselzucken voll pilosophischer Verachtung zusammen und sagte:

Alles in allem doch ein Narr.

Fauchery bat ihn vergebens um nähere Aufklärungen; er mußte sich entschließen, mit Rosa nach Hause zu gehen, die entschlossen war, den Gatten und den Geliebten miteinander zu versöhnen.

Muffat stand allein auf der Straße. Der Prinz hatte ruhig Nana in seinen Wagen steigen lassen. Der Marquis eilte hinter Satin her in der Hoffnung, daß sie ihren Statisten laufen lassen werde. Muffat, dem der Kopf brannte, wollte sich zu Fuße nach Hause begeben. Der innere Kampf war bei ihm zu Ende. Eine Flut von neuen Grundsätzen verdrängte die Gedanken und Glaubenssätze seiner bisherigen vierzig Jahre. Während er längs der Boulevards dahinschritt, hörte er aus dem Geräusch der letzten davonrollenden Wagen den Namen Nana heraus; im Lichte der Gaslaternen sah er die geschmeidigen Arme, die weißen Schultern Nanas. Er fühlte, daß sie ihn unterjocht habe.

Er war bereit, alles zu verleugnen, alles zu verkaufen, um Nana noch am nämlichen Abend eine Stunde lang zu besitzen. Seine Jugend erwachte endlich; die gierige Mannbarkeit eines Jünglings durchbrach lodernd die Kälte seiner Glaubensfrömmigkeit und die Würde des gereiften Mannes.