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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 7.
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Der Marquis war seit etwa sechs Wochen durch seine Gicht ans Haus gefesselt. Fräulein von La Mole war mit ihrer Mutter in Hyeres bei der Mutter der Marquise. Graf Norbert sah seinen Vater nur für Augenblicke. Sie standen sehr gut miteinander, hatten sich aber nichts zu sagen. Herr von La Mole, auf Julian allein angewiesen, war erstaunt, ihn voller Ideen zu finden. Er ließ sich von ihm die Zeitungen vorlesen. Bald war der junge Sekretär imstande, die dem Marquis interessanten Stellen herauszufinden. Eine gewisse moderne Zeitung verabscheute der Marquis. Er hatte geschworen, sie nie zu lesen, sprach aber alle Tage davon. Julian lachte. Von der Gegenwart angewidert, ließ sich der Marquis aus Livius vorlesen. Julians Übersetzung aus dem Stegreif machte ihm Spaß.

Eines Tages sagte der Marquis in seiner übertriebenen Höflichkeit, die Julian oft unangenehm war: »Erlauben Sie mir, mein lieber Sorel, daß ich Ihnen einen blauen Anzug verehre. Wenn Sie ihn annehmen und darin vor mir erscheinen wollen, werden Sie in meinen Augen der jüngere Bruder des Grafen von Chaulnes sein, das heißt der Sohn meines Freundes, des alten Herzogs.«

Julian verstand zunächst nicht, worauf dies ausging. Noch am selben Abend versuchte er einen Besuch in dem blauen Anzuge. Der Marquis behandelte ihn wie seinesgleichen. Julians Herz vermochte echte Liebenswürdigkeit herauszufühlen, aber er verstand sich noch nicht auf die Nuancen. Vor diesem sonderbaren Einfall des Marquis hätte Julian geschworen, daß es unmöglich wäre, mit noch mehr Zuvorkommenheit von ihm behandelt zu werden. »Welch bewundernswerte Fähigkeit!« sagte er sich. Als er sich erhob, um zu gehen, sprach der Marquis sein Bedauern aus, daß er ihm seiner Gicht wegen nicht das Geleit geben könne.

Julian hatte einen sonderbaren Gedanken. »Macht er sich vielleicht über mich lustig?« dachte er. Er ging zum Abbé Pirard, um sich Rats zu holen. Aber dieser war weniger höflich als der Marquis. Er pfiff vor sich hin und sprach von andern Dingen. Am nächsten Morgen erschien Julian vor dem Marquis wieder im schwarzen Anzug mit seiner Briefmappe. Er wurde in gewohnter Weise empfangen. Am Abend, als er im blauen Rocke kam, war der Ton völlig anders und ganz genauso freundlich wie am Abend zuvor.

»Da Sie sich bei den Besuchen nicht zu sehr langweilen, die Sie so gütig sind, einem armen kranken Greise zu machen, sollten Sie ihm nun auch alle die kleinen Ereignisse Ihres Lebens berichten, aber ehrlich und ohne einen andern Hintergedanken als den, klar und amüsant erzählen zu wollen. Denn man muß sich amüsieren«, setzte der Marquis hinzu. »Das ist die Quintessenz des Lebens. Es kann mir nicht alle Tage einer im Gefecht das Leben retten oder eine Million schenken, aber wenn ich Rivarol hier neben meinem Lehnstuhl hätte, so würde er mir täglich eine Stunde Schmerz und Langeweile vertreiben. Ich habe ihn einst sehr gut gekannt. Das war in Hamburg während der Emigrationszeit.«

Sodann erzählte der Marquis Rivarols Anekdote von den Hamburgern, die sich zu viert zusammentaten, um einen Witz zu verstehen.

Herr von La Mole wollte den kleinen Abbé, auf dessen Gesellschaft er angewiesen war, etwas aufmuntern. Er stachelte Julians Ehrgeiz an. Da die Wahrheit von ihm verlangt wurde, entschloß sich Julian, alles zu sagen und nur zweierlei zu verschweigen: seine leidenschaftliche Bewunderung für Napoleon Bonaparte, den der Marquis nicht leiden konnte, und seinen vollkommenen Unglauben, der einem künftigen Pfarrer nicht gut stand. Sein kleiner Ehrenhandel mit dem Chevalier von Beauvaisis kam ihm sehr zustatten. Der Marquis lachte bis zu Tränen über die Szene im Café in der Rue Saint-Honoré, mit dem Kutscher, der Julian mit schmutzigen Schimpfworten überhäuft hatte. Das war eine Zeit der vollkommensten Freimütigkeit in den Beziehungen zwischen Vorgesetztem und Untergebenem.

Herr von La Mole begann sich für Julians eigenartigen Charakter zu interessieren. Anfangs leistete er dem Lächerlichen an ihm Vorschub, um sich darüber zu ergötzen; doch bald fand er mehr Gefallen daran, die mangelhaften Manieren des jungen Mannes behutsam zu verbessern. »Im allgemeinen bewundern Provinzler, die nach Paris kommen, alles«, dachte der Marquis. »Der hier haßt alles. Die andern sind zu sehr geziert. Er ist es zu wenig. Dumme halten ihn für dumm.«

Der Gichtanfall zog sich infolge des strengen Winters in die Länge und dauerte fast drei Monate.

»Man hängt sein Herz an einen schönen Schäferhund«, sagte sich der Marquis. »Warum schäme ich mich so, daß ich eine Vorliebe für den kleinen Abbé habe? Er ist ein Original. Ich behandle ihn wie einen Sohn. Gut! Was ist da weiter dabei? Wenn meine Laune von Dauer ist, kostet sie mich höchstens ein Legat von zehntausend Franken in meinem Testament.«

Als der Marquis den festen Charakter seines Schützlings einmal erkannt hatte, betraute er ihn täglich mit einem neuen Auftrage. Julian bemerkte mit Schrecken, daß es dem großen Herrn passierte, ihm manchmal widersprechende Weisungen über ein und denselben Gegenstand zu geben. Das konnte ihn ernstlich kompromittieren. Fortan arbeitete er mit ihm nie ohne ein Briefbuch, in dem er die Entscheidungen vermerkte und vom Marquis unterschreiben ließ. Auch hatte er sich einen Schreiber genommen, der die Entscheidungen über jede Angelegenheit in ein besondres Buch abschrieb, in das auch die Abschrift aller Briefe eingetragen wurde.

Diese Neuerungen erschienen dem Marquis zunächst im höchsten Grade langweilig und lächerlich. Aber in kaum acht Wochen verspürte er ihre guten Seiten. Julian schlug ihm vor, einen Beamten aus einem Bankgeschäft anzunehmen, der über alle Einnahmen und Ausgaben aus den Gütern, die Julian zu verwalten hatte, doppelt Buch führen sollte. Diese Maßnahme klärte den Marquis über den Stand seiner eigenen Angelegenheiten derart auf, daß er sich das Vergnügen machen konnte, zwei oder drei neue Spekulationen zu unternehmen, ohne dabei einen Vermittler nötig zu haben, der ihn nur betrog.

»Nehmen Sie dreitausend Franken für sich«, sagte er eines Tages zu seinem jungen Sekretär.

»Exzellenz, man könnte mich verdächtigen!«

»Was soll das heißen?« fragte der Marquis mißlaunig.

»Daß ich Eure Exzellenz ganz gehorsamst bitte, gütigst die dreitausend Franken eigenhändig als an mich geschenkt hier in dieses Buch eintragen zu wollen. Übrigens ist Abbé Pirard der eigentliche Veranlasser dieses neuen Rechnungswesens.«

Der Marquis erfüllte Julians Begehr sichtlich gelangweilt.

Abends, wenn Julian im blauen Rock erschien, war niemals von Geschäften die Rede. Die Gunstbeweise des Marquis waren so schmeichelhaft für Julians stets leidende Eigenliebe, daß er bald gegen seinen Willen eine gewisse Zuneigung für den liebenswürdigen alten Herrn empfand. Julian war nicht gefühlvoll, wie man so sagt, aber er war auch kein Unmensch. Hatte doch seit dem Tode des alten Stabsarztes niemand so gütig mit ihm gesprochen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß der Marquis seine Eigenliebe aus Höflichkeit schonte, was der alte Feldscher niemals getan hatte. Auch erkannte er, daß der Stabsarzt stolzer auf sein schlichtes Kriegskreuz gewesen war als der Marquis auf sein breites blaues Ordensband. Leicht erklärlich: der Vater des Marquis war ein Grandseigneur.

Eines Tages, nach dem geschäftlichen Vormittagsvortrag im schwarzen Anzug, unterhielt Julian den Marquis so gut, daß er ihn zwei Stunden lang zurückhielt und ihm durchaus einige Banknoten aufdrängen wollte, die ihm sein Agent von der Börse mitgebracht hatte.

»Euer Exzellenz, ich hoffe, daß es nicht gegen den tiefen Respekt verstößt, den ich Eurer Exzellenz schulde, wenn ich untertänigst bitte, mir ein Wort zu erlauben.«

»Ich bitte, Verehrter!«

»Wollen Eure Exzellenz mir gnädigst erlauben, daß ich dies Geschenk ausschlage. Mir im schwarzen Rock gilt es nicht, und doch würde es zweifellos die Art und Weise beeinträchtigen, die Eure Exzellenz mir im blauen Rock allergütigst zugestanden haben.«

Damit verbeugte er sich ehrerbietigst und ging hinaus, ohne sich umzusehen.

Dieser Zug belustigte den Marquis. Er erzählte ihn am Abend dem Abbé Pirard.

»Ich muß Ihnen endlich etwas gestehen, mein lieber Abbé. Mir ist nämlich Julians Herkunft bekannt. Ich ermächtige Sie, diese vertrauliche Mitteilung nicht geheimzuhalten.« Bei sich dachte La Mole: »Julians Verhalten heute vormittag war das eines Edelmannes. Machen wir ihn zum Edelmanne!«

Nach einiger Zeit konnte der Marquis endlich wieder ausgehen.

»Sie müssen auf zwei Monate nach London«, sagte er zu Julian.

»Die Briefe, die hier eingehen, werden Ihnen mit meinen Bemerkungen versehen, expreß oder mit gewöhnlicher Post nachgesandt. Sie schreiben die Antworten und schicken mir alles zurück, immer Brief und Antwort zusammen. Ich habe mir ausgerechnet, daß der dadurch entstehende Zeitverlust nur fünf Tage betragen kann.«

Während Julian in der Eilpost die Straße nach Calais dahinfuhr, fiel es ihm auf, daß die Geschäfte, derentwegen er über den Kanal geschickt wurde, eigentlich recht unbedeutend waren.

Es braucht nicht besonders gesagt zu werden, mit welchem Gefühl von Haß, ja fast Abscheu Julian Englands Boden betrat. Daran war seine wahnsinnige Leidenschaft für Bonaparte schuld. Er sah in jedem Offizier einen Sir Hudson Lowe, in jedem vornehmen Herrn einen Lord Bathurst, den Anstifter der Schändlichkeiten auf Sankt Helena, der zur Belohnung dafür zehn Jahre lang ein Ministerportefeuille innehatte.

In London kam er in eine Hochschule des Dandytums. Er lernte etliche junge russische Edelleute kennen und befreundete sich mit ihnen. Sie weihten ihn in die letzten Geheimnisse der Lebenskunst ein.

»Sie haben geniale Anlagen, mein lieber Sorel«, sagte man ihm. »Sie haben von Natur jenes eiskalte Benehmen, das einem vom ersten Augenblick zuruft: ›Bitte, zehn Schritt vom Leibe! ‹ Mancher erreicht das erst nach mühevoller Selbstschulung.« »Das neunzehnte Jahrhundert haben Sie aber noch nicht recht begriffen«, erklärte ihm Fürst Korasoff. »Tun Sie immer das Gegenteil von dem, was man von Ihnen erwartet! Ich gebe Ihnen mein Wort: Damit kommen Sie heutzutage am weitesten. Seien Sie weder überspannt noch unnatürlich! Sonst erwartet man von Ihnen Narrheiten oder Zierereien, und dann ist das ganze Rezept hinfällig.«

Julian bedeckte sich eines Tages mit Ruhm im Salon des Herzogs von Fitze-Folke, der ihn zusammen mit dem Fürsten Korasoff zum Diner eingeladen hatte. Man mußte eine Stunde lang warten. Die Art, wie sich Julian inmitten von zwanzig Geduldigen benahm, bildete noch lange das Gespräch der jungen Diplomaten Londons. Seine Miene war unbezahlbar.

Obwohl ihm seine Freunde, die Dandys, davon abredeten, bestand Julian darauf, den berühmten Philipp Vane zu sehen, den einzigen Philosophen, den England seit Locke gehabt hat. Julian besuchte ihn, als gerade das siebente Jahr seiner Gefangenschaft zu Ende war. »Die Aristokratie läßt in England nicht mit sich spaßen!« dachte er bei sich. »Mehr noch! Vane ist entehrt, verächtlich gemacht...«

Er fand Vane gesund und munter. Die Wut der Aristokraten hatte ihm den Humor erhalten. Als Julian das Gefängnis wieder verließ, meinte er: »Das ist der einzige fröhliche Mensch, den ich in England gesehen habe!«

Vane hatte unter anderem zu ihm gesagt: »Das Despotentum hat keine besseren Helfershelfer als den Gottesbegriff...«

Genug! Er war Zyniker.

Bei seiner Rückkehr fragte ihn Herr von La Mole: »Welche ergötzliche Charakteristik bringen Sie mir aus England mit?«

Julian schwieg.

»Welche Charakteristik bringen Sie mit, gleichviel ob ergötzlich oder nicht?« wiederholte der Marquis lebhaft.

»Erstens«, begann Julian, »der vernünftigste Engländer ist eine Stunde am Tage verrückt. Er wird vom Dämon des Selbstmordes geplagt, dem eigentlichen Gotte des Landes. Zweitens: Geist und Genie verlieren fünfundzwanzig Prozent ihres Wertes, wenn man sie nach England exportiert. Und drittens: nichts auf der Welt ist so schön, wunderbar und rührend wie die englische Landschaft.«

»Nun will ich Ihnen einmal was sagen«, erwiderte der Marquis. »Erstens, warum haben Sie auf dem Ball beim russischen Botschafter gesagt, daß es in Frankreich dreimalhunderttausend junge Leute von fünfundzwanzig Jahren gäbe, die leidenschaftlich den Krieg herbeiwünschten? Glauben Sie, daß Monarchen derlei gerne hören?«

»Man weiß nicht, was man mit unsern großen Diplomaten reden soll«, antwortete Julian. »Sie haben die Manie, ernsthafte Diskussionen zu führen. Wenn man sich nun an die Gemeinplätze der Zeitungen hält, so gilt man für geistlos. Erlaubt man sich aber etwas Wahres und Neues, dann sind sie erstaunt, und am andern Morgen um sieben Uhr lassen sie einem durch den ersten Botschaftssekretär sagen, daß man sich unpassend benommen habe.«

»Nicht übel!« lachte der Marquis. »Übrigens wette ich, Herr Psycholog, daß Sie nicht erraten haben, weswegen Sie eigentlich in England gewesen sind.«

»Verzeihen Euer Exzellenz«, erwiderte Julian, »ich bin dort gewesen, um einmal wöchentlich bei Seiner Majestät Botschafter zu dinieren, dem höflichsten Menschen auf Gottes Erdboden...«

»Sie sind dort gewesen, um sich diesen Orden zu holen«, sagte der Marquis. »Ich will nicht, daß Sie Ihren schwarzen Rock an den Nagel hängen, und bin doch an den amüsanten Ton gewöhnt, auf den ich mit Ihnen im blauen Rocke gekommen bin. Bis auf weiteres merken Sie sich dies: Wenn ich das rote Bändchen sehe, sind Sie der jüngste Sohn meines Freundes, des Herzogs von Chaulnes, der, ohne es zu ahnen, seit einem halben Jahre angehender Diplomat ist... Verstehen Sie mich wohl«, setzte der Marquis sehr ernst hinzu, indem er Julians Dankesbezeigungen unterbrach. »Ich will Sie durchaus nicht aus Ihrer Laufbahn herausreißen. Es ist das immer ein Fehler und Nachteil, sowohl für den Beschützer wie für den Schützling. Wenn Sie meiner Geschäftsangelegenheiten überdrüssig sind oder wenn Sie mir nicht mehr behagen, werde ich Ihnen eine gute Pfarre verschaffen wie unserm Freunde, dem Abbé Pirard, und die Sache ist erledigt.«

Des Marquis letzte Worte klangen überaus trocken. Der Orden kam Julians Stolz zugute. Fortan redete er viel mehr; er fühlte sich weniger oft verletzt und wähnte seltener, die Zielscheibe gewisser Bemerkungen zu sein, die nicht gerade schmeichelhaft sind und bei lebhafter Unterhaltung doch dem und jenem entschlüpfen.

Dem Orden verdankte er auch einen sonderbaren Besuch: den des Barons von Valenod, der nach Paris kam, um dem Minister für seine Erhebung in den Adelsstand zu danken und sich mit ihm zu verständigen. Er sollte an Herrn von Rênals Stelle Bürgermeister von Verrières werden.

Julian hätte laut auflachen mögen, als Valenod ihm erzählte, Herr von Rênal habe sich als Jakobiner entpuppt. Tatsächlich war der neubackene Baron bei den bevorstehenden Neuwahlen der Kandidat der Regierung, während bei der großen Wahlversammlung des eigentlich stark legitimistischen Kreises Herr von Rênal von den Liberalen aufgestellt war.

Vergeblich versuchte Julian, etwas über Frau von Rênal zu erfahren. Der Baron erinnerte sich offenbar ihrer alten Rivalität und hüllte sich in undurchdringliches Schweigen. Schließlich bat er Julian um die Stimme seines Vaters bei den in Aussicht stehenden Wahlen. Julian versprach zu schreiben.

»Sie sollten mich dem Herrn Marquis von La Mole vorstellen, Herr Ritter!«

»Wirklich, das sollte ich!« dachte Julian. »Aber solch einen Schurken?«

»Offen gestanden«, antwortete er, »ich stelle im Hause La Mole zu wenig vor, um jemanden einführen zu können.«

Julian pflegte dem Marquis alles zu sagen. Am Abend erzählte er ihm von Valenods Wunsch und seinem Tun und Treiben seit 1814.

Mit sehr ernster Miene sagte der Marquis: »Sie werden mir den neuen Baron nicht nur morgen vorstellen, sondern ich werde ihn auch zu übermorgen zum Diner einladen. Er ist einer unsrer künftigen Landräte...«

»In diesem Falle«, erwiderte Julian kalt, »bitte ich für meinen Vater um die Stelle des Armenamts Vorstands.«

»Sehr gut!« sagte der Marquis belustigt. »Bewilligt. Ich war auf Moralitäten gefaßt. Sie machen sich.«

Valenod erzählte unter anderem, daß der Lotterieeinnehmer von Verrières kürzlich gestorben war. Julian machte sich den Spaß, die Stelle Herrn Cholin zu verschaffen, jenem alten Schwachkopf, dessen Bittschrift er damals im Zimmer des Herrn von La Mole gefunden hatte. Während er das Empfehlungsschreiben an den Finanzminister zur Unterzeichnung vorlegte, sagte er die Bittschrift aus dem Gedächtnisse her. Der Marquis mußte darüber recht herzlich lachen.

Kaum war Cholin ernannt, da erfuhr Julian, daß der Kreisausschluß den Antrag gestellt hatte, die Lotterieeinnahme dem verdienstvollen Landvermesser Gros zu geben. Der hochherzige Mann hatte nur 1400 Franken zu verzehren, wovon er auch Arme unterstützte.

Betroffen sah Julian, was er angerichtet hatte. »Das ist gar nichts!« rief er aus. »Ich werde noch ganz andre Ungerechtigkeiten begehen müssen, wenn ich es zu etwas gebracht habe, und obendrein genötigt sein, sie hinter gefühlvoller Schönrederei zu verbergen. Armer Gros! Du hast den Orden verdient, und ich habe ihn bekommen! Und ich muß im Sinne der Regierung handeln, die ihn mir verliehen hat!«