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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 11.
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Wenn Julian, statt von Mathildens Schönheit zu schwärmen und sich über ihren Hochmut zu ereifern, der in ihrer Rasse wurzelte und den sie um seinetwillen vergaß, seine Zeit dazu verwendet hätte, die Vorgänge im Salon zu beobachten, so hätte er erkannt, wodurch sie ihre Umgebung so beherrschte. Wenn jemand dem Fräulein von La Mole mißfiel, so verstand sie den Betreffenden durch ein genau abgemessenes, feingewähltes, den guten Ton wahrendes und im rechten Moment abgeschnelltes Witzwort derart zu treffen, daß die geschlagene Wunde größer und tiefer wurde, je mehr man darüber nachdachte. So war Mathilde nach und nach der Schrecken eitler Leute geworden. Da ihr vieles, was die übrige Familie hoch und heilig hielt, durchaus gleichgültig war, so erschien sie den Ihrigen immer kalt. Aristokratische Salons gewähren einem die Freude, hinterher von ihnen sprechen zu können. Aber das ist auch alles. Urbanität an sich ist dem, der sie nicht von Jugend auf kennt, nur in den ersten Tagen etwas Besonderes. Auch Julian machte diese Erfahrung. Nachdem sein erstes Entzücken, seine erste Verwunderung vorüber war, sagte er sich: »Urbanität ist nichts als die überlegene Unfähigkeit, sich über die schlechten Manieren andrer zu ärgern.« Mathilde langweilte sich oft: vielleicht hätte sie sich überall gelangweilt. So war es eine Zerstreuung für sie und ein wahres Vergnügen, sich epigrammatisch zu äußern.

Vielleicht hatte sie dem Marquis von Croisenois, dem Grafen Caylus und zwei, drei andern hochadligen jungen Herren nur Hoffnungen gemacht, um ein paar ergötzlichere Opfer zu haben als bloß immer ihre großen Eltern, den Akademiker und die sechs oder sieben untergeordneten Persönlichkeiten, die ihr den Hof machten. Sie waren ihr allesamt nichts als neue Zielscheiben für spöttische Bemerkungen.

Gegen die Sitte ihrer Zeit pflegte sie von ihren Verehrern Briefe zu empfangen und bisweilen zu beantworten. Den im adligen Kloster des Sacré-cœur erzogenen jungen Damen konnte man sonst im allgemeinen Mangel an Vorsicht nicht vorwerfen. Eines Tages gab der Marquis von Croisenois ihr einen die Absenderin reichlich bloßstellenden Brief zurück, den sie ihm tags zuvor geschrieben hatte. Durch diese diplomatische Maßregel wähnte er seine Sache erheblich gefördert zu haben. Aber Mathilde liebte in ihrem Briefwechsel gerade die Unvorsichtigkeit. Es machte ihr Vergnügen, mit dem Schicksal zu spielen. Sechs Wochen lang gönnte sie dem Marquis kein Wort.

Die Briefe der jungen Herren ihres Kreises belustigten sie. Es kam ihr vor, als glichen sie sich wie ein Ei dem andern; alle waren sie voll Leidenschaftsbeteuerungen und tiefer Melancholie.

»Immer und immer der tadellose Mann, stets bereit, wie weiland die Troubadoure, nach Palästina zu pilgern«, sagte sie zu ihrer Cousine. »Kennst du etwas Abgeschmackteres? So sehen die Briefe aus, die ich mein ganzes Leben hindurch erhalten soll! Alle zwanzig Jahre ändert sich ihr Stil, je nach der Art der Beschäftigung, die gerade Mode ist. Zur Zeit des Kaiserreichs war er notgedrungen weniger aufgeschminkt. Damals hatten alle jungen Leute der guten Gesellschaft wirklich große Taten gesehen oder selbst verrichtet. Mein Onkel, der Herzog von N***, zum Beispiel hat bei Wagram mitgefochten.«

»Sich in die Front zu stellen, dazu gehört kein Geist«, warf die Cousine, Fräulein von Saint-Hérédité, ein. »Und wer dergleichen mitgemacht hat, erzählt zu oft davon.«

»Ja, aber diese Geschichten machen mir Vergnügen. In einer wirklichen Schlacht zu sein, einer napoleonischen Schlacht, in der zehntausend auf der Wahlstatt bleiben, das beweist Mut. Sich der Gefahr aussetzen, trägt die Seele empor und reißt sie aus der langweiligen Alltäglichkeit, in die meine armen Verehrer sichtlich samt und sonders versunken sind. Langeweile ist ansteckend. Wer von ihnen kommt auf die Idee, etwas Außerordentliches vollbringen zu wollen. Sie bemühen sich um meine Hand. Eine schöne Heldentat! Ich bin reich, und mein Vater wird seinen Schwiegersohn vorwärtsbringen. Ach, wenn er doch nur einen ausfindig machte, der ein klein wenig amüsant wäre!«

Mathildens lebhafte, knappe und anschauliche Art zu reden nahm keine Rücksicht auf Anmut. Es geschah oft, daß einer ihrer Ausdrücke ihren so korrekten Freunden anstößig erschien. Wenn sie weniger in Mode gewesen wäre, so hätte man sich wohl eingestanden, daß ihre Sprechweise unweiblich, unzart, etwas zu drastisch sei. Mathilde ihrerseits ließ den hübschen Kavalieren, die das Bois de Boulogne bevölkern, sehr wenig Gerechtigkeit widerfahren. Sie sah der Zukunft nicht gerade mit Grauen entgegen – das wäre ein zu lebhaftes Gefühl gewesen –, wohl aber mit einem für ihr Alter recht ungewöhnlichen Widerwillen. Was sollte sie sich wünschen? Vermögen, hohe Geburt, Witz, Schönheit (die vielgerühmte, an die sie selber glaubte!), alles hatte ihr der Zufall mit vollen Händen gespendet.

So stand es um das Innenleben der am meisten beneideten Erbin im Faubourg Saint-Germain, als sie an den Spaziergängen mit Julian Geschmack zu finden begann. Sie war erstaunt über seinen Stolz und bewunderte die geistige Gewandtheit dieses Kleinbürgers. »Er wird es bis zum Bischof bringen!« sagte sie sich.

Der aufrichtige, keineswegs gespielte Widerstand, den Julian mancher Idee Mathildens entgegensetzte, gab ihr zu denken. Sie sann darüber nach. Sie erzählte ihrer Freundin die geringsten Einzelheiten ihrer Gespräche, und dabei fand sie, daß sich gerade das Eigentümliche daran gar nicht wiedergeben ließ.

Ein Gedanke durchleuchtete sie plötzlich. »Ich habe das Glück, zu lieben«, sagte sie sich eines Tages in einem Ausbruch ungeheurer Freude. »Ich liebe! Ich liebe! Das ist klar! Worin könnte ein junges, schönes, kluges Mädchen in meinem Alter innere Erlebnisse finden, wenn nicht in der Liebe? Ich mag tun, was ich will: für Croisenois, Caylus und tutti quanti werde ich niemals Liebe empfinden. Sie sind tadellos, zu tadellos vielleicht. Mit einem Worte: Sie langweilen mich.«

Sie ging in ihrem Kopfe alle Schilderungen der Leidenschaft durch, die sie in der »Manon Lescaut«, in der »Neuen Heloise« in den »Briefen einer portugiesischen Nonne« usw. gelesen hatte, wohlverstanden der großen Leidenschaft. Die Liebelei war einer jungen Dame ihres Alters und ihrer Geburt unwürdig. Den Namen Liebe gönnte sie allein jenem heroischen Gefühl, dem man in Frankreich zur Zeit Heinrichs III. und des Marschalls von Bassompierre begegnete. Diese Liebe wich nicht feig vor Hindernissen zurück, im Gegenteil, führte zu großen Taten. »Welch ein Unglück für mich«, dachte sie, »daß es heute keinen wirklichen Hof gibt wie den der Katharina von Medici oder Ludwigs XIII.! Ich fühle mich den größten und kühnsten Dingen der Welt gewachsen. Zu was könnte ich einen Fürsten und Helden begeistern, der zu meinen Füßen schmachtete, einen Mann vom Schlage Ludwigs XIII. Ich würde ihn in die Vendée führen, und von da sollte er sein Königreich wiedererobern. Dann gäbe es keine Verfassung mehr... Und Julian sollte mir zur Seite stehen! Was fehlt ihm? Name und Geld. Er würde sich einen Namen machen und Reichtum erwerben.

Dem Croisenois fehlt nichts, aber er wird sein Lebtag nichts weiter sein als ein halb liberaler, halb royalistischer Herzog, ein farbloser Mensch, jedwedem Extrem stets fern. Folglich wird er immer und überall die zweite Rolle spielen.

Welch große Tat ist im Augenblick, wo man sie unternimmt, nicht ein Extrem, eine Utopie? Erst wenn sie vollführt ist, erscheint sie dem Durchschnittsmenschen überhaupt möglich. Ach, in meinem Herzen soll die Liebe nur mit allen ihren Wundern herrschen. Das fühle ich an dem Feuer, das in mir glüht. Der Himmel war mir diese Gnade schuldig. Dann hat er ein Sonderwesen nicht umsonst mit allen Vorzügen geschmückt. Mein Glück wird meiner würdig sein. Meine Tage werden nicht kalt und nüchtern einer dem andern gleichen. Schon darin liegt Größe und Kühnheit, daß ich einen Mann zu lieben wage, der durch seine gesellschaftliche Stellung so fern von mir steht. Es kommt nun darauf an, ob er auch künftig meiner wert ist. Bei der ersten Schwäche, die ich an ihm entdecke, wende ich mich von ihm. Eine junge Dame von meiner Herkunft und so ritterlichem Charakter, wie er tief in mir steckt... (das war ein Ausspruch ihres Vaters), die darf sich nicht wie eine Törin benehmen.

Und würde ich nicht die Rolle einer Törin spielen, wenn ich den Marquis von Croisenois liebte? Das wäre nichts weiter als ein Abklatsch des Glückes meiner Cousinen, das ich so gründlich verachte. Alles, was mir der gute Marquis sagen könnte, alles, was ich ihm zu antworten hätte, alles das weiß ich im voraus. Was ist das für eine Liebe, die zum Gähnen reizt? Ebensogut könnte ich Betschwester werden.

Bei der Unterzeichnung meines Ehevertrags mit dem Marquis würde es genauso sein wie bei dem meiner jüngeren Cousine. Die Großeltern wären vor Rührung zerfliessen wenn sie sich nicht über eine Klausel geärgert hätten, die der Notar der Gegenpartei im letzten Augenblick eingeschmuggelt hatte.«