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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 12.
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Zwischen Julian und mir gibt es keine Vertragsunterzeichnung, keinen Notar. Alles ist heroisch, alles ein Gefüge des Zufalls. Wäre er ein Edelmann, so wäre es die Liebe der Margarete von Valois für den jungen La Mole, den hervorragendsten Mann seiner Zeit. Kann ich dafür, wenn die hoffähigen jungen Herren von heute so große Anhänger des Herkömmlichen sind und bei dem bloßen Gedanken an das geringste außergewöhnliche Abenteuer erbleichen? Eine kleine Reise nach Griechenland oder Afrika ist für sie der Gipfel der Waghalsigkeit. Und selbst das vollführen sie nur im Trupp. Sowie sie sich allein sehen, fürchten sie sich, nicht vor den Lanzen der Beduinen, aber davor, sich lächerlich zu machen. Und diese Angst macht sie verrückt.

Mein kleiner Julian hingegen vollbringt eine Tat am liebsten allein. Niemals kommt diesem Ausnahmegeschöpf der Gedanke, Beistand und Hilfe bei andern zu suchen. Er verachtet die andern. Gerade darum verachte ich ihn nicht.

Wäre Julian bei seiner Armut von Adel, so wäre meine Liebe nichts als eine Alltagstorheit, eine fade Mesalliance. Dafür danke ich! Dann wäre dabei nichts von dem, was die großen Leidenschaften ausmacht, nichts von der Riesenhaftigkeit der zu überwindenden Schwierigkeiten, nichts von der düsteren Ungewißheit des Ausganges.«

Diese und ähnliche schöne Betrachtungen hatten es Fräulein von La Mole dermaßen angetan, daß sie Julian am andern Morgen, ohne es zu wollen, vor dem Marquis von Croisenois und ihrem Bruder rühmte. Ihre Beredsamkeit ging so weit, daß sie verletzend wirkte.

»Nimm dich nur in acht vor diesem jungen Manne und seiner großen Tatkraft!« rief ihr Bruder aus. »Wenn es wieder zur Revolution kommt, wird er uns allesamt köpfen lassen!«

Mathilde hütete sich zu antworten und beeilte sich, ihren Bruder und den Marquis von Croisenois ob ihrer Furcht vor der Tatkraft zu verspotten. »Furcht vor der Tatkraft ist im Grunde nur Furcht vor dem Unvorhergesehenen, Furcht, den kürzeren zu ziehen, wenn man mit Unvorhergesehenem zusammentrifft«, dachte sie bei sich.

»Treibt sie denn noch immer ihr Unwesen, die Furcht vor der Lächerlichkeit? Ich dachte, das Ungeheuer sei Anno 1816 unglücklich verschieden«, höhnte sie.

Mathilde verließ die jungen Herren alsbald. Der Ausspruch ihres Bruders hatte ihr Schrecken eingeflößt und beunruhigte sie sehr. Aber am andern Morgen war sie sich klar, daß er ein schöneres Lob nicht hätte sagen können.

»In unserm Jahrhundert, wo alle Tatkraft tot ist, flößt die seine ihnen Angst ein. Ich werde ihm erzählen, was mein Bruder gesagt hat. Ich will einmal sehen, was er darauf antwortet. Aber ich werde mir dazu einen der Augenblicke aussuchen, wo seine Augen leuchten. Dann kann er mir nichts vorlügen.«

»Er wäre ein zweiter Danton!« fuhr sie nach langem, vagem Sinnen fort. »Trefflich! Mag eine Revolution kommen! Welche Rollen werden Croisenois und mein Bruder wohl dabei spielen? Ich weiß es genau. Sie werden die großartigste Gelassenheit zur Schau tragen. Heldenhaft wie Hammel werden sie sich abschlachten lassen, ohne ein Wort zu sagen. Ihre einzige Furcht beim Sterben wäre die, sich stillos zu benehmen. Mein kleiner Julian hingegen würde den Jakobiner, der ihn festzunehmen versuchte, niederknallen, wenn er auch noch so wenig Hoffnung hätte, sich dadurch zu retten. Er hat keine Angst davor, stillos zu sein!«

Dies letzte Wort stimmte sie nachdenklich. Es erweckte gewisse peinliche Erinnerungen in ihr und nahm ihr alle Kühnheit; es gemahnte sie an die Spottworte ihres Bruders und der Herren Caylus, Croisenois und Luz, die Julian allesamt den Pfaffen nannten, das hieß, ihm kriecherisches, heuchlerisches Wesen vorwarfen.

»Trotz alledem«, fuhr sie plötzlich fort, und ihre Blicke leuchteten vor Freude, »die Bitternis und Häufigkeit ihrer spöttischen Bemerkungen beweisen gerade, daß er der hervorragendste Mensch ist, den wir diesen Winter in unserm Hause gesehen haben. Was schaden seine Fehler und Lächerlichkeiten? Es liegt etwas Großes in ihm, und das ist es, worüber sie entsetzt sind, sie, die sich sonst so gütig und nachsichtig gebaren. Gewiß, er ist arm, ein armer Student der Theologie. Sie sind Eskadronchefs. Sie haben es nicht nötig zu studieren. Das ist bequemer.

Trotz aller Schattenseiten seines ewigen schwarzen Rockes und seiner Priestermiene, die er nun einmal haben muß, der arme Junge, wenn er nicht verhungern will, empfinden diese eleganten Offiziere Furcht vor seinem innern Werte. Das ist unleugbar. Und dann: er verliert seine Priestermiene, sowie wir einige Augenblicke allein zusammen sind. Wenn die Herren irgend etwas sagen, was sie für ein geniales Impromptu halten, fällt ihr erster Blick nicht immer auf Julian? Das ist mir nicht entgangen. Und doch wissen sie sehr gut, daß er nie mit ihnen spricht, wenn sie ihn nicht fragen. Nur an mich richtet er das Wort. Mich hält er für eine große Seele. Auf ihre Einwürfe erwidert er nur das Allernötigste, um höflich zu sein, Er zieht sich stets sofort wieder in sein respektvolles Schweigen zurück. Mit mir spricht er ganze Stunden lang, und er ist seiner eignen Ideen nicht sicher, wenn ich den geringsten Einwand habe. Schließlich war diesen Winter keine Gelegenheit zu tapferen Taten. Es kam nur darauf an, die Aufmerksamkeit durch Worte auf sich zu lenken. Sei es, wie es sei! Mein Vater, ein höherer Mensch, dem der Ruhm unsres Hauses am Herzen liegt, respektiert Julian. Alle andern hassen ihn. Niemand aber verachtet ihn, ausgenommen die frömmelnden Freundinnen meiner Mutter.«

Graf Caylus war ein großer Pferdeliebhaber oder spielte sich wenigstens als solchen auf. Er verbrachte sein Leben im Stall und frühstückte oft sogar daselbst. Diese große Passion verlieh ihm in Verbindung mit der Gewohnheit, niemals zu lachen, hohes Ansehen unter seinen Kameraden. Er war der Löwe des kleinen Kreises.

Als man am nächsten Abend wiederum hinter Frau von La Moles Lehnstuhl versammelt saß und Julian nicht anwesend war, griff Caylus in Gemeinschaft mit Croisenois und dem Grafen Norbert die gute Meinung, die Mathilde von Julian hatte, lebhaft an, und zwar ohne besondere Veranlassung, fast in demselben Moment, als er Fräulein von La Mole erblickte. Sie durchschaute das Motiv dieses Anschlags und war entzückt darüber.

»Siehe da!« dachte sie. »Sie haben sich alle gegen einen Mann von Geist verbündet, der keine hundert Taler Vermögenszinsen hat und ihnen nur antworten darf, wenn er gefragt wird. Sie fürchten sich vor seinem schwarzen Rocke. Wie wäre es erst, wenn er Epauletten trüge?«

Niemals hatte Mathilde ihren Geist glänzender bewiesen. Schon bei den ersten Angriffen überschüttete sie Caylus und seine Verbündeten mit den witzigsten Sarkasmen. Als die Offiziere ihre Raketen verschossen hatten, sagte sie zum Grafen von Caylus: »Gesetzt den Fall, morgen erinnert sich irgendein Krautjunker aus den Bergen der Freigrafschaft, daß Julian sein natürlicher Sohn ist, und gibt ihm seinen Namen und paar tausend Franken Zuschuß, so wird Sorel in sechs Wochen genauso einen Schnurrbart tragen wie Sie, meine Herren. In sechs Monaten ist er Husarenoffizier wie Sie, meine Herren. Alsdann ist die Größe seines Charakters nicht mehr lächerlich. Und dann bleibt Ihnen, Herr Herzog in spe, nichts als die Zuflucht zu der lächerlichen alten Tradition, daß der Hofadel vor dem Landadel den Vorrang habe. Was aber bliebe Ihnen, wenn das Schicksal so boshaft wäre und Julian zum Sohne eines spanischen Granden machte, der zu Napoleons Zeiten als Kriegsgefangener in Besançon gesessen hat und ihn auf dem Totenbett reuig anerkennt?«

Solche Annahmen einer illegitimen Herkunft wurden von Caylus und Croisenois für ziemlich geschmacklos befunden. Weiter wußten sie Mathildens Vorhaltungen nichts zu entnehmen.

Wie sehr Norbert auch unter der Herrschaft seiner Schwester stand, die Worte, die sie eben geäußert, waren so unzweideutig, daß er eine würdevolle Miene aufzog, die seinem gutmütigen sonnigen Gesichte recht schlecht stand. Er wagte einige Entgegnungen zu machen.

»Ist dir nicht wohl, mein Lieber?« antwortete Mathilde mit einem Anflug von Ernst. »Dir muß wirklich etwas fehlen, daß du mir auf meine Scherze mit der Moral anrückst! Du und Moral? Willst du dich um eine Landratsstelle bewerben?«

Mathilde vergaß die pikierte Miene des Grafen von Caylus, Norberts Verstimmung und die stille Verzweiflung des Marquis von Croisenois sehr bald. Sie mußte sich klar werden über einen verhängnisvollen Gedanken, der ihre Seele erfüllte.

»Julian ist ziemlich aufrichtig gegen mich«, sagte sie sich. »In seinem Alter und in seiner schlechten Lage, noch dazu, wo ihn solch erstaunlicher Ehrgeiz quält, bedarf er einer Freundin. Vielleicht bin ich ihm diese Freundin. Denn von Liebe entdecke ich in ihm keine Spur. Bei der Verwegenheit seines Charakters hätte er mir seine Liebe längst gezeigt.«

Die Ungewißheit und die Selbstprüfung, die Mathilden von nun an unablässig beschäftigten, zumal sie bei jedem Gespräche mit Julian neue Nahrung fanden, verscheuchten jedwede Anwandlung von Langeweile, die sie ehedem häufig heimgesucht hatte.

Als Tochter eines geistvollen Mannes, der voraussichtlich Minister wurde und der Geistlichkeit von großem Nutzen sein konnte, war Mathilde ehedem im Kloster Sacré-Cœur der Gegenstand der übertriebensten Schmeicheleien. Das war von unglückseliger Wirkung und nicht wiedergutzumachen. Man hatte ihr eingeredet, daß sie infolge ihrer hohen Geburt, ihres großen Vermögens usw. auf ein höheres Glück Anspruch habe als andre Menschen. Dies ist der Quell, dem die Langeweile der Fürsten und alle ihre Torheiten entspringen.

Mathilde war ein Opfer dieser verhängnisvollen Idee. Mag man noch so viel Geist haben, mit zehn Jahren ist man gegen die wohlbegründet scheinenden Schmeicheleien eines ganzen Klosters nicht gefeit. Von dem Augenblick an, wo sie sich klar ward, daß sie Julian liebte, langweilte sie sich nicht mehr. Tag für Tag beglückwünschte sie sich zu dem Entschluß, sich einer großen Leidenschaft teilhaftig werden zu lassen. »Ein Zeitvertreib, der nicht ohne Gefahr ist!« dachte sie. »Herrlich! Unvergleichlich! Ohne große Leidenschaft bin ich in der schönsten Zeit des Lebens, im Alter von sechzehn bis zwanzig Jahren, vor Langeweile beinahe gestorben. Schon habe ich meine schönsten Jahre verloren. Mein ganzes Vergnügen bestand darin, die Freundinnen meiner Mutter Unsinn schwatzen zu hören. Im Jahre 1792 in Koblenz sollen diese Damen in Handel und Wandel nicht so würdevoll gewesen sein, wie sie heute in ihren Worten sind.«

Während solche Ungewißheiten in Mathildens Seele kämpften, verstand Julian nicht, warum ihre Blicke so oft lange auf ihm haften blieben. Um so mehr merkte er die verdoppelte Kälte im Benehmen des Grafen Norbert und den neuerdings erhöhten Grad von Hochmut im Wesen der Herren Caylus, Luz und Croisenois. Aber an dergleichen war er gewöhnt. Schmerzlich war es ihm nur hin und wieder bei den Abendunterhaltungen, wenn er sich einmal mehr hervorgetan hatte, als es sich für seine Stellung geziemte. Ohne die besondere Bevorzugung von Mathildens Seite und ohne die Neugier, die ihm das Ganze einflößte, wäre er den eleganten jungen Offizieren niemals in den Garten gefolgt, wenn sie Fräulein von La Mole nach Tisch dorthin begleiteten.

»Ich kann mich dem unmöglich noch verschließen!« sagte sich Julian. »Fräulein von La Mole wirft mir eigentümliche Blicke zu. Aber selbst wenn ihre schönen blauen Augen mit der größten Selbstvergessenheit auf mir ruhen, erkenne ich doch tief in ihnen immer etwas Lauerndes, Kaltblütiges, Boshaftes. Kann das Liebe sein? Wie ganz anders waren Frau von Rênals Blicke!«

Einmal nach Tisch hatte Julian den Marquis in sein Arbeitszimmer begleitet, war dann aber schnell in den Garten gegangen. Als er sich der Gruppe um Mathilde unversehens näherte, fing er ein paar sehr laut gesprochene Worte auf. Mathilde hatte ein Wortgefecht mit ihrem Bruder. Deutlich hörte Julian seinen Namen zweimal fallen. Als man sein Nahen wahrnahm, entstand sofort Totenstille. Vergeblich machte man Versuche, sie zu verscheuchen. Fräulein von La Mole und ihr Bruder hatten sich allzusehr ereifert, als daß sie sofort einen andern Gesprächsstoff gefunden hätten. Zugegen waren Caylus, Croisenois, Luz und einer ihrer Freunde. Alle kamen sie Julian eisig vor. Da entfernte er sich wieder.