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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 20.
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Todmüde war Julian bei Sonnenaufgang in tiefen Schlaf gefallen. Kaum vermochte ihn die Frühstücksglocke zu wecken.

Bald nach ihm erschien Mathilde im Frühstückszimmer. Als er eine Flut von Liebe aus den Augen dieser schönen, mit Huldigungen so überschütteten Aristokratin hervorbrechen sah, schwelgte sein Stolz einen Augenblick. Aber schon in der nächsten Sekunde erschrak sein Verstand. Mathilde hatte ihr Haar absichtlich so geordnet, daß er auf den ersten Blick erkannte, welch großes Opfer sie ihm in der vergangenen Nacht durch das Abschneiden ihres Haares gebracht hatte. Auf der ganzen einen Seite hatte sie sich einen halben Zoll von ihrem schönen aschblonden Haar abgeschnitten.

Auch im übrigen zeigte sie sich während des Frühstücks sehr unvorsichtig. Es machte Julian beinahe den Eindruck, als wolle sie ihre tolle Leidenschaft für ihn aller Welt kundtun. Zum Glück waren Herr wie Frau von La Mole eingehend damit beschäftigt, sich über das bevorstehende Ordensfest zu unterhalten, bei dem der Herzog von Chaulnes des blauen Bandes ledig bleiben sollte.

Gegen Ende der Mahlzeit geschah es, daß Mathilde den Geliebten wie im Scherz: Mein Gebieter! nannte. Er errötete bis an die Haarwurzeln.

War es Zufall oder eine Maßregel der Frau von La Mole: Mathilde war sich an diesem Tage keinen Augenblick selbst überlassen. Gleichwohl fand sie abends, als man das Eßzimmer verließ, Gelegenheit, Julian zu sagen:

»Halten Sie es nicht für einen Vorwand meinerseits! Mutter hat mir eben mitgeteilt, daß eine ihrer Kammerfrauen nachts in meinem Appartement schlafen soll.«

Der Tag verging ihm im Fluge. Julian war auf dem Gipfel des Glückes. Am nächsten Vormittag war er von früh sieben Uhr an in der Bibliothek. Er hoffte, Mathilde werde ihn dort suchen. Er hatte einen endlosen Brief an sie geschrieben.

Erst mehrere Stunden später, beim Frühstück, bekam er sie zu Gesicht. Sie war mit der größten Sorgfalt frisiert. Die Stelle des verschnittenen Haars war mit erstaunlicher Kunst verdeckt. Ein paarmal sah sie Julian an, mit ruhigem, artigem Blick. Sie dachte nicht daran, ihn Mein Gebieter! zu nennen. Julian vermochte vor Verwunderung kaum zu atmen. Offenbar bereute sie alles, was sie ihm zuliebe getan hatte.

Nach reiflicher Überlegung war sie zu dem Ergebnis gekommen, Julian sei, wenn auch keine ganz gewöhnliche Alltagsnatur, so doch zum mindesten nicht genial genug, um der seltsamen Torheiten wert zu sein, die sie für ihn gewagt. Mit einem Worte, die Liebe war ihrer Welt entflohen. Sie war liebesmüde.

Julians Herz hingegen war wirr wie das eines Achtzehnjährigen. Während des Frühstücks, das ihn endlos dünkte, peinigten ihn durcheinander Ungewißheit, Erstaunen und Verzweiflung. Sobald der Anstand es erlaubte, eilte oder vielmehr flog er nach dem Pferdestall. Er sattelte sich sein Pferd selbst und trabte zum Tore hinaus. Er fürchtete, sich durch irgendwelche Schwäche zu entehren.

»Ich muß mein Herz durch körperliche Anstrengung töten«, sagte er zu sich, als er durch den Wald von Meudon galoppierte. »Was habe ich getan, was gesagt, daß ich solche Ungnade verdiene?«

Als er heimwärts ritt, nahm er sich vor, an diesem Tage nichts zu sagen, nichts zu tun. »Ich muß körperlich tot sein, wie ich es seelisch bin.«

In der Tat lebte Julian nicht mehr; nur sein Leichnam bewegte sich noch.

Knapp vor dem Mittagsmahl betrat er den Salon. Mathilde bestürmte gerade ihren Bruder und den Marquis von Croisenois, den Abend nicht bei der Marschallin von Fervaques zu verbringen. Julian hatte die Empfindung, daß sie kaum schmeichlerischer und liebenswürdiger zu ihnen sein könne.

Nach Tisch stellten sich die Herren Caylus, Luz und mehrere ihrer Kameraden ein. Es sah aus, als hätte Fräulein von La Mole im Umgange mit den brüderlichen Freunden die Förmlichkeit eingeführt. Obgleich das Wetter an diesem Abend herrlich war, bestand sie darauf, nicht in den Garten zu gehen, und erlaubte auch keinem, sich aus der Nähe ihrer Mutter zu entfernen. Wie im Winter bildete das blaue Sofa den Mittelpunkt der Gesellschaft.

Mathilde empfand eine Abneigung gegen den Garten; zum mindesten kam er ihr langweilig vor. Er erinnerte sie zu stark an Julian.

Unglück verringert den Verstand. Julian beging die Ungeschicklichkeit, sich auf den niedrigen Rohrstuhl zu setzen, der ehedem Zeuge seiner glänzenden Triumphe gewesen war. Aber heute richtete niemand das Wort an ihn. Seine Anwesenheit blieb gleichsam unbemerkt, ja noch schlimmer: die Freunde Mathildens, die neben ihm am Ende des Sofas saßen, drehten ihm geflissentlich den Rücken zu; wenigstens schien es ihm so.

»Ich bin in die allerhöchste Ungnade gefallen«, dachte er bei sich und begann seine Verächter zu studieren.

Der Onkel des Herrn von Luz hatte ein hohes Amt am Hofe inne. Der elegante junge Offizier erzählte, sein Onkel sei um sieben Uhr nach Saint-Cloud gefahren, wo er über Nacht zu bleiben gedächte. So anspruchslos er dies vorbrachte, so renommierte er doch offenbar damit.

Sodann beobachtete Julian den Marquis von Croisenois. Mit seinen durch das Unglück geschärften Augen erkannte er, daß der liebenswürdige, gutmütige junge Mann die Manie hatte, allen Dingen Geheimnisse anzudichten. Dies ging soweit, daß er mißlaunig und trübsinnig wurde, wenn er ein halbwegs wichtiges Ereignis auf einer einfachen und ganz natürlichen Ursache beruhen sah.

»Ein verrückter Kerl!« sagte sich Julian. Im ersten Jahre seines Pariser Aufenthalts, als er eben dem Seminar entronnen war, hatten ihn diese fashionablen jungen Herren mit ihrem ihm noch ungewohnten Dandytum bezaubert. Er hatte sie maßlos bewundert. Jetzt begann sich ihm ihr wirkliches Wesen zu entschleiern.

Plötzlich durchfuhr ihn der Gedanke: »Ich spiele hier eine unwürdige Rolle.« Er nahm sich vor, seinen Rohrstuhl auf möglichst geschickte Weise zu verlassen. Eine Weile dachte er nach; aber seine Phantasie war in ganz andrer Richtung gefesselt. Es fiel ihm nichts Gescheites ein. So mußte er sich an sein Gedächtnis wenden; doch es war zu arm an derartigen Erfahrungen. Er war noch zu wenig Weltmann. Und so erhob er sich mit grober, allen in die Augen fallender Unbeholfenheit und verließ den Salon in einer Art, die sein Unbehagen nur allzu deutlich verriet.

Gleichwohl ließen ihn die kritischen Betrachtungen, die er eben über seine Nebenbuhler angestellt hatte, sein Unglück nicht allzu tragisch nehmen. Auch kam seinem Stolze die Erinnerung an das zu Hilfe, was sich zwei Nächte zuvor ereignet hatte. »Mögen sie noch so vor ihr brillieren«, sagte er sich, als er einsam durch den Park schritt, »keinem von ihnen ist Mathilde je das gewesen, was sie zweimal in meinem Leben mir war!«

Weiter ging seine Weisheit nicht. Der Charakter des sonderlichen Menschenkindes, das von der Hand des Schicksals zur unumschränkten Herrin seines Glücks gemacht worden war, blieb ihm ein Brief mit sieben Siegeln.

Am folgenden Tage ritt er abermals sich und sein Pferd todmüde. Abends mied er das blaue Sofa, dem Mathilde treu blieb. Er machte die Wahrnehmung, daß Graf Norbert ihn keines Blickes würdigte, wenn er ihm im Hause begegnete. »Er muß sich sichtlich Gewalt antun«, sagte sich Julian. »Er ist gegen seine Natur unhöflich.«

Schlaf wäre eine Wohltat für ihn gewesen. Aber trotz der körperlichen Erschöpfung fingen allzu verführerische Erinnerungen an, seine Einbildung zu umfluten. Auch hatte er nicht genug Geist, um zu bedenken, daß seine langen Ritte durch die Wälder um Paris nur Wirkung auf ihn ausübten, keinesfalls aber auf Mathildens Herz und Hirn, daß er also sein Schicksal dem Zufall überließ.

Er hatte das Gefühl, daß es ein unsagbarer Trost für ihn wäre, wenn er mit Mathilde sprechen könnte. Aber was hätte er ihr sagen dürfen?

Da geschah es eines Morgens, um sieben Uhr, als er in der Bibliothek saß und gerade hierüber nachgrübelte, daß Mathilde eintrat.

»Ich weiß, Herr Sorel: Sie wünschen mich zu sprechen ...«, begann sie.

»Allmächtiger, wer hat Ihnen das gesagt?«

»Einerlei! Ich weiß es. Wenn es sich mit Ihrer Ehre verträgt, können Sie mich zugrunde richten oder es mindestens versuchen. Aber diese Gefahr, die ich für Unsinn halte, wird mich gewiß nicht hindern, offen und ehrlich zu sein. Ich liebe Sie nicht mehr. Meine tolle Phantasie hat mich betrogen ...«

Das war ein schrecklicher Schlag für Julian. Von seinem Liebesleid verführt, versuchte er sich zu rechtfertigen. Nichts war törichter. Gegen Abneigung hilft keine Verteidigung. Aber die Vernunft hatte ihre Gewalt über seine Handlungen verloren. Ein dunkler Trieb machte ihn blind. Er fürchtete die Entscheidung. Solange er sprach – so wähnte er –, war doch noch nicht alles zu Ende!

Mathilde hörte nicht auf den Inhalt seiner Worte, deren bloßer Klang sie reizte. Sie begriff nicht, daß Julian die Kühnheit gehabt hatte, sie zu unterbrechen.

Die moralischen Gewissensbisse und ihre Selbstvorwürfe aus Stolz machten sie an diesem Morgen doppelt unglücklich. Der entsetzliche Gedanke, daß sie einem kleinen Priester, einem Bauernjungen Rechte über sich gegeben hatte, vernichtete ihr Selbstbewußtsein. »Das ist nicht viel anders, als wenn ich mich an einen Lakaien weggeworfen hätte!« sagte sie in den Augenblicken, wo sie ihr Unglück übertrieb.

Bei stolzen, kühnen Naturen ist es vom Groll gegen sich selbst bis zum Jähzorn gegen andre nur ein Schritt. Wutausbrüche sind solchen Menschen ein wahres Labsal.

Fräulein von La Mole geriet urplötzlich in die höchste Wut. Sie überschüttete Julian mit Ausdrücken grenzenloser Verachtung. Klug und witzig, wie sie war, triumphierte ihr scharfgeschliffener Geist in der Kunst, die Eigenliebe ihres Opfers auf die Folter zu spannen und ihr tiefe Wunden zu schlagen.

Zum ersten Male in seinem Leben sah sich Julian der Mißhandlung eines ihm überlegenen und von wildem Haß wider ihn beseelten Menschen ausgesetzt. Er dachte nicht daran, sich in solchem Moment zu verteidigen. Er verachtete sich selbst. Niedergedrückt von so grausamen Äußerungen der Verachtung, die mit dem größten Raffinement darauf hinzielten, ihm den letzten Rest von Selbstschätzung zu entreißen, ergab er sich dem Glauben, Mathilde habe recht und sage ihm noch lange nicht genug.

Und sie, die Hochmütige, sie fand köstlichen Genuß darin, sich und ihn zu strafen für die innige Anbetung, die sie ihm vor ein paar Tagen gezollt hatte. Dabei hatte sie es nicht nötig, erfinderisch zu sein und sich Grausamkeiten zu erdenken. Sie brauchte nur zu wiederholen, was ihr der heimliche Todfeind ihrer Liebe seit acht Tagen ins Gewissen geredet hatte.

Jedes ihrer Worte verhundertfachte Julians Herzeleid. Er wollte fliehen. Fräulein von La Mole packte ihn wie einen Sklaven am Arm.

»Wollen Sie nicht vergessen«, mahnte Julian, »daß Sie sehr laut sprechen und daß man Sie im Nebenzimmer hören kann ...«

»Meinetwegen!« unterbrach sie ihn hochmütig. »Wer sollte es wagen, mich merken zu lassen, daß man mich belauscht hat? Ich will Sie mit Ihrer kleinlichen Eitelkeit ein für allemal von den Hirngespinsten heilen, die Sie sich auf meine Rechnung machen.«

Als Julian die Bibliothek verlassen hatte, war er höchlichst verwundert, daß er sein Unglück nicht so stark verspürte wie vordem. »Es ist schon so!« sagte er sich, wie um sich in die neue Lage einzufinden. »Sie liebt mich nicht mehr. Offenbar hat sie mich acht bis zehn Tage lang geliebt, während ich sie mein ganzes Leben lieben werde! Das Sonderbare dabei ist, daß sie meinem Herzen noch vor wenigen Tagen nichts, gar nichts bedeutete!«

Mathilde verlor sich in den Wonnen befriedigten Stolzes. »So war ich doch stark genug, auf ewig zu brechen!« frohlockte sie. Daß sie eine so mächtige Leidenschaft völlig niedergezwungen hatte, machte sie glückselig. »So!« sagte sie sich immer wieder. »Jetzt wird dieser Gernegroß ein für allemal begriffen haben, daß er über mich nie und nimmer Gewalt hat!«

Sie war so glücklich, daß sie in diesem Augenblicke wirklich keine Liebe mehr für Julian empfand.

Nach einem so abscheulichen, so demütigenden Auftritt hätte ein weniger leidenschaftlicher Mensch, als Julian es war, unmöglich noch Liebe hegen können. Ohne auch nur einen Schritt davon abzugehen, was sie sich selbst schuldig zu sein einbildete, hatte ihm Fräulein von La Mole die häßlichsten Dinge gesagt, und in einer derart ausgeklügelten Weise, daß sie sogar hinterher bei kaltblütiger Betrachtung überzeugend wirkten.

In dieser so sonderbaren Szene sah Julian zunächst eine Kundgebung maßlosen Hochmuts. Er war der Überzeugung, daß es zwischen ihm und ihr für immerdar zu Ende sei. Infolgedessen benahm er sich am andern Morgen beim Frühstück ihr gegenüber linkisch und schüchtern. Das war ein Fehler, der ihm bis dahin nicht vorzuwerfen war. Er hatte im Großen wie im Kleinen bisher immer recht gut gewußt, was er tun wollte und was er zu tun hatte.

Nach dem Frühstück ersuchte ihn Frau von La Mole um eine revolutionäre, doch rare Broschüre, die ihr ihr Pfarrer bei seinem Morgenbesuche heimlich mitgebracht hatte. Als Julian das Verlangte vom Kaminsims wegnehmen wollte, stieß er eine überaus häßliche alte blaue Porzellanvase um.

Mit einem Schreckensschrei sprang die Marquise von ihrem Stuhl auf und besah sich die Scherben ihrer geliebten Vase in der Nähe. »Es war ein altjapanisches Stück«, jammerte sie. »Es stammt von meiner Großtante, der Äbtissin von Chelles. Es war ein Geschenk der Holländer an den Regenten, den Herzog von Orleans. Von ihm bekam es seine Tochter ...«

Mathilde stellte sich neben ihre Mutter. Sie freute sich, daß die ihrer Ansicht nach mordsgarstige Vase entzwei war.

Julian blieb stumm und sah durchaus nicht erschrocken aus. Als er Mathilde dicht neben sich bemerkte, sagte er leise zu ihr: »Die Vase ist für ewig dahin, ganz wie das Gefühl, das einst der Gebieter meines Herzens war. Ich bitte Sie um Entschuldigung für alle die Torheiten, zu denen es mich verführt hat.«

Damit ging er hinaus.

Als er fort war, sagte Frau von La Mole: »Man könnte wahrhaftig meinen, Herr Sorel sei stolz und zufrieden ob seiner Missetat!«

Die Worte trafen Mathildens Herz. »Wahrlich«, sagte sie sich, »meine Mutter sagt mehr, als sie ahnt. Stolz und zufrieden ... das ist seine Stimmung!«

Mit einem Male freute sie sich nicht mehr über die Episode am Abend vorher. »Nun ist alles aus!« sagte sie sich, ihre Ruhe mit Mühe wahrend. »Das soll mir ein warnendes Beispiel sein! Mein Irrtum war schändlich, demütigend. Bis zu meiner letzten Stunde wird er mich vor weiterer Torheit hüten!«

Julian hinwiederum grübelte bei sich: »Ach, daß ich die Wahrheit gesagt hätte! Die Liebe, die ich für diese Bacchantin gefühlt, sie quält mich noch immer!«

In der Tat war seine Leidenschaft nicht erloschen, wie er dies erhofft hatte; im Gegenteil, sie machte starke Fortschritte.

»Mathilde ist toll«, sagte er sich. »Gewiß! Aber ist sie darum weniger anbetungswürdig? Sie ist schöner denn je. Was einem die erlesenste Kultur an lebendigen Freuden nur bieten kann, ist auf das herrlichste in ihr vereint!«

Die Erinnerung an das vergangene Glück ergriff ihn mit aller Macht und zerstörte ihm alsbald das ganze Werk seiner Vernunft. Der Verstand ist waffenlos gegen solche Erinnerungen, und ernstliche Vorstöße verklären nur ihre Schönheit.

Vierundzwanzig Stunden nach dem Bruch der alten blauen Vase war Julian entschieden einer der unglücklichsten Menschen.