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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 22.
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Der Lakai kam hereingestürzt und meldete: »Seine Durchlaucht der Herzog von***!«

»Halts Maul, Schafskopf!« sagte der Eintretende, und zwar so würdevoll, daß Julian unwillkürlich auf den Gedanken kam, die Hauptfähigkeit dieser erlauchten Persönlichkeit bestehe darin, Lakaien anzugrobsen. Er nahm den Ankömmling in Augenschein, sah aber sofort wieder weg. Er hatte ihn eben insgeheim so vorzüglich charakterisiert, daß er Angst bekam, seine Blicke könnten eine Indiskretion begehen.

Der Herzog war ein Fünfziger, ging geckenhaft angezogen und hatte einen hüpfenden Gang. Seine Nase war groß, das Gesicht seines langschädligen Kopfes vorspringend und auffällig schmal. Alles in allem machte er einen enorm vornehmen und enorm geistlosen Eindruck. Sein Erscheinen hatte die Eröffnung der Sitzung zur Folge.

Die Stimme des Herrn von La Mole schreckte Julian aus seiner physiognomischen Studie.

»Meine Herren, ich stelle Ihnen Herrn Abbé Sorel vor«, sagte der Marquis, »den Besitzer eines erstaunlichen Gedächtnisses. Ich habe ihn erst vor einer Stunde in Kenntnis gesetzt, mit was für einer Mission er beehrt werden soll. Um mir eine Probe seiner Fähigkeit zu bieten, hat er gleich die erste Seite der Quotidienne auswendig gelernt.«

»Auf der die sonderbare Neuigkeit über den armen N*** steht«, bemerkte der Hausherr und griff eifrig nach der ihm hingehaltenen Zeitungsnummer. Indem er Julian einen Blick zuwarf, der ihm imponieren sollte, aber nur lächerlich wirkte, rief er ihm zu: »Lassen Sie sich hören, Herr Abbé!«

Alle verstummten, und aller Augen richteten sich auf Julian. Er machte seine Sache so gut, daß der Herzog nach zwanzig Zeilen sagte: »Es genügt!«

Der kleine Herr mit dem Wildschweinsblick nahm Platz. Er hatte den Vorsitz, denn kaum saß er, als er auf einen Spieltisch deutete und Julian ein Zeichen gab, ihn heranzutragen. Julian setzte sich mit seinem Schreibgerät daran. Er übersah den grünen Tisch und zählte zwölf Personen.

»Herr Sorel«, begann der Herzog, »ziehen Sie sich in das Nebenzimmer zurück! Man wird Sie rufen.«

Der Hausherr wurde sichtlich unruhig. »Die Läden sind nicht geschlossen«, sagte er halblaut zu seinem Nachbar. Laut gab er Julian die törichte Weisung: »Sie brauchen nicht gerade zum Fenster hinauszusehen.«

»Hier bin ich zum mindesten mitten in einer Verschwörung«, dachte Julian. »Zu meinem Glück ist's keine solche, die auf dem Grève-Platz endete. Und wenn die Geschichte auch etwas gefährlich wäre: ich bin dem Marquis das und noch mehr schuldig!«

Indem er dies bedachte, prägte er sich die Örtlichkeit so ein, daß er sie nie wieder vergessen konnte. Jetzt erst fiel ihm ein, daß dem Kutscher beim Einsteigen das Ziel der Fahrt nicht laut zugerufen worden war, und daß der Marquis mit einer Droschke gefahren war, was er sonst nie tat.

Julian blieb geraume Zeit seinen Gedanken überlassen. Er befand sich in einem Salon mit Tapeten von rotem Samt und breiten Gold-Leisten. Auf dem Spiegeltisch stand ein Kruzifix aus Elfenbein, und auf dem Kaminsims lag Maistres Papstbuch, in einem Prunkeinband mit Goldschnitt. Julian nahm es zur Hand, um nicht wie ein Horcher dazustehen. Hin und wieder drangen laute Stimmen aus dem Beratungszimmer zu ihm. Endlich öffnete sich die Tür, und er ward gerufen.

»Dieser Herr hat das Wort!« erklärte der Vorsitzende gerade, indem er auf die altväterische Persönlichkeit mit den drei oder vier Westen deutete. Julian hätte es für natürlicher erachtet, wenn der Herr mit den Westen beim Namen genannt worden wäre. Er nahm sein Papier vor und schrieb drauflos. Im ganzen brachte er es im Laufe der Sitzung auf sechsundzwanzig Seiten.

Der Herr mit den Westen und dem altväterischen Aussehen – offenbar ein Bischof – lächelte häufig während seiner Rede. Dann nahmen seine blinzelnden Augen immer einen eigentümlichen Glanz und einen weniger unbestimmbaren Ausdruck denn sonst an. Man ließ diese Persönlichkeit vor dem Herzog (vor welchem Herzoge? fragte sich Julian) sprechen, augenscheinlich um eine Art Überblick über die verschiedenen vorhandenen Meinungen zu geben. Julian hatte die Empfindung, daß der Redner unsicher und unschlüssig sein mochte. Dies ward ihm im Laufe der Debatte dann auch vom Herzog vorgeworfen.

Nach etlichen moralisierenden und philosophierenden matten Redensarten sagte er:

»Das edle Britannien hat es sich unter der Führung eines großen Mannes, des unsterblichen Pitt, vierzig Milliarden Franken kosten lassen, um der Revolution Einhalt zu tun. Wenn mir die hier Versammelten ein freies Wort über einen betrüblichen Umstand zugestehen, so muß ich sagen: England hat nicht genügend klar erkannt, daß gegen einen Mann wie Bonaparte, zumal da man ihm lediglich eine Reihe guter Absichten entgegenzustellen hatte, nicht anders als durch Maßregeln gegen seine Person etwas Ordentliches auszurichten war.«

»Schon wieder ein Loblied auf den Mord!« bemerkte der Hausherr.

»Nur keine Sentimentalitäten!« rief der Vorsitzende mißlaunig. Sein Eberauge funkelte. »Fahren Sie fort!« gebot er dem Westenmann.

»Das edle Britannien«, begann der Redner von neuem, »ist heute total niedergebrochen, denn jeder Engländer muß, ehe er sein täglich Brot bezahlt, die Zinsen der vierzig Milliarden aufbringen, die gegen die Jakobiner verbraucht worden sind. Einen Pitt hat England nicht mehr –«

»Es hat den Herzog von Wellington!« sagte eine zweifellos militärische Persönlichkeit, die sich in Positur setzte.

»Bitte Ruhe, meine Herren!« rief der Vorsitzende. »Wenn wir weiter streiten wollen, brauchten wir Herrn Sorel noch nicht hereinkommen zu lassen.«

»Die Vielseitigkeit des Herrn Zwischenredners ist uns nichts Neues!« bemerkte der Herzog, indem er den Ruhestörer, einen ehemaligen napoleonischen General, pikiert ansah. Julian verstand, daß dies eine persönliche, sehr kränkende Anspielung war. Man lächelte allgemein, und der Renegat wurde rot vor Zorn.

»Es gibt keinen Pitt mehr«, wiederholte der Redner im verzweifelten Tone eines Mannes, der es aufgibt, seinen Zuhörern Verständnis beizubringen, »und erstünde auch ein neuer Pitt in England: ein zweites Mal läßt sich ein Volk mit denselben Mitteln nicht düpieren.«

»Aus demselben Grunde ist auch ein zweiter Bonaparte ein Unding für Frankreich!« warf der militärische Störenfried von neuem ein.

Diesmal wagten weder der Vorsitzende noch der Herzog ihren Unwillen kundzugeben, obschon Julian in ihren Augen zu lesen glaubte, daß sie große Lust dazu hegten. Sie schlugen beide die Blicke nieder, wenn auch der Herzog nicht umhinkonnte so laut zu seufzen, daß es jedermann hörte.

Der Referent nahm dies übel.

»Ich rede offenbar bereits zu lange«, bemerkte er brüsk, wobei er seine lächelnde Höflichkeit und seine gemessene Ausdrucksweise vergaß, die Julian als Charakteristika seines Wesens aufgefaßt hatte. »Man wünscht, daß ich zu Ende komme. Meinetwegen, meine Herren! Ich will mich kurz fassen. In dürren Worten sage ich Ihnen also: England hat keinen roten Heller mehr übrig für die gute Sache. Selbst ein Pitt mit all seinem Genie könnte die kleinen englischen Agrarier kein zweites Mal an der Nase herumführen, dieweil sie wissen, daß ihnen der kurze Feldzug von Waterloo allein eine Milliarde Franken zu stehen gekommen ist. Da ich ohne Umschweife reden soll...«, der Redner ereiferte sich mehr und mehr, »... so erkläre ich Ihnen: Helft euch selbst! England hat kein Geld mehr für eure Interessen. Und wenn England kein Geld gibt, so können Österreich, Rußland und Preußen, die wohl Courage, aber kein Geld haben, zur Not einen oder zwei Feldzüge gegen Frankreich unternehmen, aber mehr nicht. Wohl ist zu hoffen, daß die von den Jakobinern aufgebotenen Rekruten im ersten und vielleicht auch im zweiten Feldzug geschlagen werden. Aber im dritten – und das sage ich Ihnen auf die Gefahr hin, von Ihnen als Revolutionär gescholten zu werden – im dritten Feldzug werden wir wiederum die Soldaten von 1794 haben, die ihr Rekrutentum von 1792 gründlich abgelegt hatten ...«

Diesmal wurde er von drei oder vier Seiten zugleich unterbrochen.

»Herr Sorel!« rief der Vorsitzende Julian zu. »Schreiben Sie im Nebenzimmer Ihr bisheriges Protokoll in die Reinschrift!«

Es war, wie schon gesagt, sechsundzwanzig Seiten lang.

Ungern verließ Julian den Saal. Der Redner hatte gerade angefangen, von Möglichkeiten zu sprechen, über die er selber fast fortwährend nachdachte. »Sie haben Angst, daß ich mich über sie lustig machen könnte«, dachte er. Als man ihn wieder hereinrief, sprach Herr von La Mole. In einem Ernst, der Julian sehr spaßig vorkam, weil er ihn ganz anders kannte, deklamierte der Marquis soeben:

»Ja, meine Herren, gerade in bezug auf unser Volk kann man wie der Fabeldichter fragen: Wird es ein Gott oder weiß der Teufel was? und mit dem Dichter antworten: Ein Gott! Nehmen Sie an, dies feine sinnreiche Wort sei an Sie gerichtet! Beweisen wir unsre eigne Kraft, und das edle Frankreich unsrer Ahnen wird aus der Asche auferstehen. Wir werden es sehen, wie es vor dem Tode Ludwigs XVI. war. England, zum mindesten seine edlen Lords, verabscheut das ignoble Jakobinertum ebenso wie wir. Ohne das englische Geld können Österreich und Preußen höchstens zwei oder drei Schlachten schlagen. Wird das zu einer erfolgreichen Okkupation genügen? Ich glaube es nicht...«

Hier wurde auch er unterbrochen, aber der Zwischenruf ward durch allgemeines Zischen abgelehnt. Wiederum war es der ehemalige kaiserliche General, der nach dem blauen Bande strebte und sich unter den Verfassern der Geheimen Note hervortun wollte.

» Ich glaube es nicht!« wiederholte Herr von La Mole, nachdem sich der Sturm gelegt hatte, wobei er das Ich mit einer Unverfrorenheit lang zog, die Julian entzückte. »Er ist ein brillanter Komödiant!« dachte er bei sich, indem er seine Feder mit der nämlichen Schnelligkeit über das Papier gleiten ließ, mit der Herr von La Mole sprach. Mit dem einen treffenden Worte hatte er die zwanzig Feldzüge des Überläufers vernichtet.

»Es ist nicht allein das Ausland«, fuhr der Marquis in gemessenem Tone fort, »dem wir vielleicht eine abermalige Okkupation verdanken. Alle die jungen Köpfe, von denen die Brandreden im Globe herrühren, alle diese werden den Stamm von drei- bis viertausend jungen Kompanieführern stellen, unter denen sich ein Kléber, ein Hoche, ein Jourdan, ein Pichegru finden kann ...«

»Ehre, wem Ehre gebührt!« bemerkte der Vorsitzende.

»Es ist höchste Zeit«, hob Herr von La Mole von neuem an, »daß es in Frankreich zwei Parteien gibt, aber nicht nur dem Namen nach, sondern wirklich zwei säuberlich geschiedene Parteien. Auf der einen Seite die Zeitungsschreiber, die Wähler, die öffentliche Meinung, mit einem Worte: die Jugend und alles, was blaue Wunder von ihr erwartet. Während sie sich am Lärm ihrer eigenen hohlen Worte berauscht, haben wir den realen Vorteil, das Budget zu verzehren...«

Wiederum erfolgte ein Zwischenruf.

»Sie, mein Herr«, rief Herr von La Mole dem Betreffenden voll Würde und Freimut zu, »Sie verzehren nicht – nein, da Ihnen dieser Ausdruck mißfällt, nein – Sie verschlingen vierzigtausend Franken aus dem Staatsbudget und achtzigtausend von der Zivilliste!

Mein Herr, da Sie mich dazu zwingen, will ich Sie ungescheut zum Exempel nehmen. Nach dem Vorbilde Ihrer edlen Vorfahren, die Ludwig dem Heiligen in den Kreuzzug folgten, sollten Sie uns für diese hundertundzwanzigtausend Franken ein Regiment, eine Kompanie, ja nur eine halbe Kompanie, ach, nur fünfzig handfeste Leute zuführen, die der guten Sache auf Leben und Tod ergeben sind. Aber Sie haben nur Lakaien, vor denen Sie im Falle eines Aufruhrs selber Angst haben ...

Meine Herren, Thron, Altar und Adel sind stündlich dem Untergange geweiht, solange Sie nicht in jedem Regierungsbezirk einen Sturmtrupp von fünfhundert zuverlässigen Leuten geschaffen haben. Ich sage zuverlässig, das heißt nicht nur tapfer nach französischer Art, sondern auch von Ausdauer nach spanischem Vorbilde.

Diese Trupps müßten sich zur Hälfte aus unsern Söhnen und Neffen bilden, also aus echten Edelleuten. Jeder müßte einen braven, biederen, schlichten Bauernsohn zur Seite haben, keinen der schwatzhaften Kleinbürger, die immer bereit sind, die Trikolore aufzupflanzen, wenn sich die Situation von 1815 wiederholt. Ritter und Bauer müssen denselben Glauben haben! Am besten wächst er mit ihm zusammen auf. Zur Gründung und Erhaltung dieser Trupps sollte jeder von uns den fünften Teil seines Einkommens opfern. Dann können Sie auf eine ausländische Okkupation rechnen. Andernfalls fällt es keiner fremden Armee ein, auch nur bis Dijon vorzurücken. Die Monarchen andrer Mächte werden auf Ihren Ruf nur hören, wenn Sie sich für zwanzigtausend Edelleute verbürgen können, die bereit sind, die Waffen zu ergreifen und Frankreichs Tore zu öffnen.

Das ist eine mühselige Sache! werden Sie einwenden. Gewiß, meine Herren, aber es handelt sich um unsre Existenz. Zwischen der Preßfreiheit und dem Fortbestand der Aristokratie herrscht Krieg bis aufs Messer. Werden Sie Kleinbauern oder Fabrikarbeiter – oder greifen Sie zum Gewehr! Seien Sie Memmen, wenn Sie das wollen, aber seien Sie keine Dummköpfe! öffnen Sie die Augen!

Stellt eure Bataillone! rufe ich Ihnen mit dem Jakobinerlied zu Dann wird sich schon ein Gustav Adolf finden, der die ungeheuerliche Gefahr erkennt, die der monarchischen Weltanschauung droht, und ein paar hundert Meilen weit aus seinem Lande hereilt und für uns tut, was der Wasa für die protestantischen Fürsten getan hat.

Wollen Sie aber weiterhin immer bloß reden und nie handeln, so wird Europa in einem Jahrhundert nur noch republikanische Präsidenten und keinen einzigen König mehr haben. Und mit der Monarchie wird die Religion und der Adel schwinden. Schon sehe ich nur noch Abgeordnete mit schmutzigen Privatgelüsten.

Wenden Sie nicht ein, Frankreich habe im Augenblick keinen bewährten Feldherrn, den jedermann kennt und schätzt! Sagen Sie nicht, zum Schutze von Thron und Altar sei doch die Armee da! Gewiß! Aber warum hat man alle Veteranen entlassen, während jedes preußische und österreichische Regiment ein halbes Hundert Unteroffiziere besitzt, die im Feuer gewesen sind? Und wissen Sie nicht, daß es im Mittelstande Zweihunderttausend junge Leute gibt, die sich nach dem Kriege sehnen ...«

»Genug der unliebsamen Wahrheiten!« rief eine gewichtige Persönlichkeit in süffisantem Tone dazwischen, jedenfalls ein sehr hoher Geistlicher, denn Herr von La Mole lächelte verbindlichst, statt sich über ihn zu ärgern.

»Genug der unliebsamen Wahrheiten!« fuhr der Marquis fort: »Fassen wir uns kurz, meine Herren! Wenn einem ein Bein abgenommen werden muß, weil es der Brand ergriffen hat, so nützt es nichts, wenn man dem Chirurgen hoch und heilig versichert: Mein Bein ist kerngesund! Gestatten Sie mir den Vergleich, meine Herren! Unser Chirurg ist der edle Herzog von ***!«

»Endlich ist das große Wort gefallen!« dachte Julian. »Also zum Herzog von *** werde ich heute nacht eilen.«