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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 25.
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Wieder in Paris, legte Julian dem Marquis die mitgebrachten Aktenstücke vor, über die dieser sichtlich in Bestürzung geriet. Als die Stunde des Diners heranrückte und damit das Wiedersehen mit Mathilde, kleidete sich Julian auf das sorgfältigste an. Als er dann aber die Treppe hinunterging, sagte er sich: »Nein! Das wäre gleich eine Dummheit! Ich muß mich buchstäblich an die Vorschriften des Fürsten halten.«

Er stieg wieder hinauf und zog einen einfachen Straßenanzug an.

»Jetzt kommt es auf meine Mienen an«, dachte er.

Um sechs Uhr wurde gegessen. Es war erst halb sechs. Da kam er auf den Gedanken, in den Salon zu gehen. Er fand ihn leer. Beim Anblick des blauen Sofas ward er zu Tränen gerührt. Die Wangen fingen ihm an zu glühen. »Ich muß meine törichte Empfindsamkeit überwinden; sie kann mich verraten!« meinte er ingrimmig und lief ins Lesezimmer, wo er eine Zeitung zur Hand nahm, um wieder zur Selbstbeherrschung zu kommen. Drei-, viermal ging er vom Salon in den Garten.

Im Schutze einer alten Eiche wagte er nach Mathildens Fenster hinaufzublicken. Er zitterte dabei. Die Vorhänge waren dicht zugezogen. Julian wäre beinahe umgesunken. Lange blieb er an die Eiche gelehnt stehen. Dann ging er schwankenden Schritts an die Stelle, wo die Leiter des Gärtners lag. Die Kette, die er – ach, unter so ganz andern Umständen! – aufgesprengt hatte, war noch nicht wiederhergestellt. In einer Anwandlung von Wahnsinn drückte er sie an seine Lippen.

Gräßlich müde, irrte er durch den Garten. »Gut, daß ich müde bin!« sagte er sich. »Meine Augen werden matt sein und mich nicht verraten!« Im Salon fand er eine Anzahl Tischgäste vor. Jedesmal, wenn sich die Tür öffnete, zuckte ihm tödlicher Schreck durch das Herz.

Man setzte sich zu Tisch. Endlich erschien auch Fräulein von La Mole, die wie immer auf sich hatte warten lassen. Als sie Julian erblickte, errötete sie tief. Man hatte ihr seine Rückkehr nicht gemeldet. Einer Anweisung Korasoffs gemäß beobachtete Julian ihre Hände. Sie zitterten. Unsagbar verwirrt über seine Wahrnehmung, war er froh darüber, daß sie ihm nicht dies, sondern nur seine Müdigkeit anmerken konnte. Das dünkte ihm ein erster Erfolg zu sein.

Der Marquis sprach ihm seine Anerkennung aus. Gleich darauf richtete die Marquise das Wort an ihn und sagte ihm in ein paar verbindlichen Worten, er sei sichtlich angegriffen. Julian wiederholte sich immer wieder: »Ich darf Mathilde nicht zu viel ansehen, aber meine Blicke dürfen den ihren auch nicht ausweichen. Ich muß als der erscheinen, der ich acht Tage vor meinem Unglück wirklich war.«

Er konnte mit seinem Erfolge zufrieden sein und verblieb im Salon. Zum ersten Male war er aufmerksam gegen die Herrin des Hauses. Auch gab er sich die größte Mühe, die anwesenden Herren gesprächig zu machen und die Unterhaltung im Fluß zu erhalten.

Seine Höflichkeit ward belohnt. Gegen acht Uhr meldet man die Marschallin von Fervaques. Julian verschwand unauffällig und erschien bald darauf wieder im sorgfältigsten Gesellschaftsanzug. Für diese Respektsbezeigung war ihm Frau von La Mole sehr dankbar. Um ihre Zufriedenheit zu bekunden, erzählte sie der Marschallin von Julians Mission.

Er nahm neben Frau von Fervaques Platz, und zwar so, daß Mathilde seine Augen nicht sehen konnte. Nach allen Regeln der Kunst placiert, begann er Frau von Fervaques anzuschwärmen. Der erste der dreiundfünfzig Briefe des Fürsten fing nämlich mit einer Tirade in diesem Genre an.

Die Marschallin brach auf, um in die Komische Oper zu gehen. Julian eilte gleichfalls hin. Im Vestibül traf er den Chevalier von Beauvaisis, der ihn mit in eine Loge nahm, die den Edelleuten der Kammer gehörte. Sie lag just neben der Loge der Frau von Fervaques.

Julian blickte unablässig zu ihr hin. Beim Nachhausegehen nahm er sich vor: »Ich muß ein Tagebuch über meine Belagerung führen. Sonst führe ich die einzelnen Angriffe nicht richtig durch.« So zwang er sich, zwei, drei Seiten über diesen ihm im Grunde gleichgültigen Gegenstand niederzuschreiben, und vergaß dabei zu seiner Verwunderung fast die Geliebte.

Mathilde hatte während seiner Reise beinahe nicht an ihn gedacht. »Er ist doch nur ein gewöhnlicher Mensch«, sagte sie sich. »Allerdings wird mich sein Name immerdar an die größte Torheit meines Lebens erinnern. Man muß wohl oder übel zu der vulgären Handhabung von Tugend und Ehre zurückkehren. Ein Weib, das sich über diese Dinge hinwegsetzt, verliert den Boden unter ihren Füßen.«

Und so benahm sie sich dem Marquis von Croisenois gegenüber mehr entgegenkommend denn bisher. Er war toll vor Freude. Freilich wäre er arg verblüfft gewesen, wenn ihm jemand verraten hätte, daß das, was ihn so stolz machte, im Grunde nichts war als Mathildens Resignation.

Alle ihre Gedanken änderten sich mit einem Schlage, als sie Julian wiedersah. Jetzt sagte sie sich: »Er und kein andrer ist mein wahrer Gatte. Wenn meine Bekehrung zur Sittlichkeit ehrlich ist, muß ich ohne Frage ihn heiraten.«

Sie hatte von Julians Seite Aufdringlichkeiten und Unglücksmienen erwartet und sich ihre Antworten zurechtgelegt, falls er nach der Tafel den Versuch machen würde, einige Worte an sie zu richten. Darauf war sie gefaßt. Statt dessen blieb er gelassen im Salon. Ja, er wandte seinen Blick keinmal nach dem Garten, so schwer ihm dies fiel.

»Am besten erfolgt die unabwendbare Auseinandersetzung sofort«, dachte Fräulein von La Mole und ging allein in den Garten. Julian kam nicht. Sie wandelte vor den Glastüren des Salons auf und ab. Dabei sah sie, wie er drinnen angelegentlich beschäftigt war, der Marschallin von den verfallenen Burgen am Rhein zu erzählen, die über den Hängen thronen und dem Stromtale seinen eigenartigen Charakter verleihen. Er verfiel in einen gefühlsseligen romantischen Wortschwall, der in manchem Salon für geistvoll gilt.

Fürst Korasoff wäre stolz auf seinen Schüler gewesen, hätte er alles das beobachten können. Der Abend verlief nach seiner Voraussage. Ebenso hätte er Julians Verhalten in den nächsten Tagen gebilligt.

Auf Anregung der geheimen Regierung war ein Ordensregen zu erwarten. Die Marschallin von Fervaques hatte das Verlangen, ihrem Großonkel das Großkreuz des Heiligen-Geist-Ordens zu erwirken. Dasselbe wollte der Marquis für seinen Schwiegervater. Beide vereinigten ihre Bemühungen, und infolgedessen erschien Frau von Fervaques fast täglich im Hause La Mole. Von ihr erfuhr Julian, daß der Marquis sichere Anwartschaft auf einen Ministerposten hatte. Die Kamarilla stand mit ihm in einem wahrhaft genialen Komplott, demgemäß sich die jetzige Staatsverfassung ohne Schwertstreich binnen dreier Jahre in eine absolute Monarchie zurückverwandeln sollte.

Wenn der Marquis Minister wurde, konnte Julian auf ein Bistum rechnen. Aber vor seinen Augen lagen alle diese Machenschaften wie in einem Nebel. Seine Phantasie sah sie verschwommen in weiter Ferne. Er war ein Besessener vor Qual und Kummer. Er beurteilte die Welt und das Leben nur noch in Beziehung zu seinen Erfolgen Mathilden gegenüber. Er rechnete mit Jahren, ehe er sich wieder von ihr geliebt sah. Sein sonst so kühler Kopf war in einen Zustand völliger Unvernunft geraten. Von allen Eigenschaften, die ehedem seine Stärke waren, verblieb ihm nur ein Rest von Festigkeit. In seinem äußeren Benehmen hielt er sich streng an Korasoffs Vorschriften. Allabendlich setzte er sich neben dem Sessel der Marschallin. Freilich brachte er es nicht fertig, ihr etwas zu sagen.

Die Gewalt, die er sich antat, um in Mathildens Augen als geheilt zu erscheinen, nahm alle seine Seelenkräfte in Anspruch. Halb bewußtlos saß er neben Frau von Fervaques. Wie bei einem schweren körperlichen Leiden hatten seine Augen ihr ganzes Feuer verloren.

Frau von La Moles Ansichten und Meinung waren stets nur ein Echo der Anschauungen ihres Mannes. Er war es, der ihr den ersehnten Titel Herzogin verschaffen konnte. Seit einiger Zeit hob sie Julians Verdienste in den Himmel.