Читать параллельно с  Английский  Испанский  Русский  Французский 
Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 27.
< Назад  |  Дальше >
Шрифт: 

Nacht um Nacht schlief Julian beim Abschreiben der schwülstigen langweiligen Episteln des Fürsten ein. Regelmäßig gab er am folgenden Morgen den Brief mit melancholischer Miene ab und führte dann sein Pferd zum Stall, in der Hoffnung, Mathildens Silhouette zu erspähen. Er erledigte seine Arbeiten, und wenn die Marschallin nicht im Hause La Mole erschien, ging er abends in die Oper.

Das waren die einförmigen Ereignisse seines jetzigen Lebens. Am unterhaltsamsten war es, wenn Frau von Fervaques zur Marquise kam. Dann konnte er unter ihrem Hut hinweg Mathildens Augen sehen. Dann löste sich seine Zunge. Seine romantische gefühlsselige Redeweise gewann allmählich Anmut und Eigenart.

Wohl fühlte er, daß der Inhalt von dem, was er sagte, Mathilden töricht erscheinen mußte. Es sollte ihr wenigstens durch die Grazie der Form gefallen. »Um so unechter das ist, was ich sage, desto verführerischer muß es klingen«, schrieb er sich vor. Dabei verstieg er sich in die unerträglichste Manieriertheit. Übrigens hatte er erkannt, daß er, der Marschallin wegen, einfache und vernünftige Ideen meiden mußte. Sonst hätte sie ihn für einen Alltagsmenschen gehalten. Je nachdem er aus den Augen der einen oder der andern Grande-dame Erfolg oder Mißerfolg las, steigerte oder mäßigte er das Gaukelspiel seiner Reden.

Alles in allem war sein Innenleben jetzt weniger qualvoll als damals, wo seine Tage in Untätigkeit hinschlichen.

Eines Abends rekapitulierte er: »Da sitze ich nun und schreibe die fünfzehnte dieser abscheulichen Dissertationen ab. Die Nummern eins bis vierzehn hat die Marschallin vorschriftsmäßig durch ihren Torwart eingehändigt bekommen. Ich werde die Ehre haben, alle Schubfächer ihres Schreibtisches zu füllen. Und immer noch behandelt sie mich, als schriebe ich ihr gar nicht. Wohin soll das führen? Langweilt sie sich über diese Episteln vielleicht genauso wie ich mich? Korasoffs Freund, der Liebhaber der schönen Quäkerin von Richmond, ist unbedingt ein gräßlicher Kerl gewesen!«

Wie alle mittelmäßigen Köpfe, die der Zufall den strategischen Operationen eines großen Heerführers beiwohnen läßt, verstand Julian nichts von der Angriffstaktik des jungen Russen gegen das Herz der schönen Engländerin. Die ersten vierzig Briefe waren zu nichts anderm geschrieben, als die Kühnheit verzeihlich zu machen, daß man überhaupt schrieb. Es war zunächst darauf angekommen, das träumerische junge Mädchen, das sich wahrscheinlich unendlich langweilte, daran zu gewöhnen, Briefe zu empfangen, die wohl immer noch weniger öde waren als ihr tagtägliches Dasein.

Eines Morgens erhielt Julian einen Brief. Er erkannte das Wappen der Frau von Fervaques und erbrach das Siegel mit einer Lebhaftigkeit, die ihn selber überraschte. Der Brief enthielt nichts als eine Einladung zum Diner.

Sofort zog er die Instruktion des Fürsten Korasoff zu Rate. Leider war der Russe gerade da, wo er hätte einfach und klar sein sollen, frivol im Stile Dorats, und so blieb sich Julian über sein Verhalten beim Diner der Marschallin im unsichern.

Das Empfangszimmer war höchst prunkvoll, goldstrotzend wie die Diana-Galerie in den Tuilerien und mit großen Ölgemälden geschmückt. Julian nahm eigentümliche Flecken auf den Bildern wahr. Später erfuhr er, die Darstellungen wären der Hausherrin nicht dezent genug gewesen. Sie hatte sie anständig machen lassen. »Jahrhundert der Prüderie!« dachte Julian.

Er bemerkte drei Persönlichkeiten, die seinerzeit bei der Abfassung der geheimen Note zugegen gewesen waren. Einer von ihnen, der Bischof von ***, der Onkel der Marschallin, hatte die Pfründenverleihung. Man munkelte, er könne seiner Nichte keinen Wunsch abschlagen. »Ich habe in meiner Karriere einen Riesenschritt vorwärts getan«, sagte sich Julian mit wehmütigem Lächeln. »Und doch ist mir das unsagbar gleichgültig. Schon bin ich der Tischgenosse des einflußreichen Bischofs von ***.«

Das Mahl war mäßig, die Unterhaltung unausstehlich. »So eine Tischgesellschaft ist wie ein schlechtes Buch«, dachte Julian. »Alle großen Probleme der Menschheit werden keck angeschnitten. Hört man aber nur drei Minuten zu, so weiß man nicht, was mehr zum Himmel schreit: die Emphase des Schwätzers oder seine greuliche Unwissenheit.«

Gelegentlich bekam Julian eine lange Strafpredigt vom Pfarrer Pirard zu hören, ob seiner Erfolge im Hause Fervaques. Es herrschte nämlich ein gewisser Sektenneid zwischen den strengen Jansenisten und dem jesuitisch-monarchisch-reaktionären Salon der tugendsamen Marschallin.