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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 29.
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Nachdem die Marschallin Julians lange Briefe zunächst ohne Vergnügen gelesen hatte, fand sie allmählich an ihnen Gefallen. Nur etwas bekümmerte sie. »Wie schade«, dachte sie, »daß Herr Sorel nicht richtiger Priester ist. Dann könnte ich ihn einer Art Seelenfreundschaft würdigen. So aber sieht er gar nicht aus wie ein Geistlicher und trägt sogar einen Orden, und man ist allerlei unangenehmen Fragen ausgesetzt. Was soll man dann immer antworten? Schließlich gilt er gar für einen Verwandten meines Vaters aus kleinen Verhältnissen.«

Bis zu dem Augenblick, wo sie Julian kennengelernt hatte, war es ihr größtes Vergnügen gewesen, das Wort Marschallin vor ihrem Namen zu hören. Jetzt geriet ihre krankhafte und so leicht empfindliche Emporkömmlings-Eitelkeit in einen Kampf mit ihrer aufkeimenden Neigung.

»Es wäre mir ein leichtes, ihn zum Großvikar in einer Diözese bei Paris zu machen. Wenn er nur nicht bloß Herr Sorel wäre und dazu Sekretär des Herrn von La Mole! Das ist trostlos.«

Zum erstenmal in ihrem Leben wurde ihre überängstliche Seele von einem Gefühl ergriffen, das mit ihrer Sucht nach Rang und gesellschaftlicher Macht nichts zu tun hatte.

Ihr alter Torwart bemerkte, daß der unzufriedene und zerstreute Ausdruck, den die Marschallin geflissentlich annahm, wenn einer ihrer Leute kam, jedesmal schwand, wenn er einen Brief von dem schönen jungen Manne brachte, der immer so traurig aussah.

Ihre Lebensweise, deren Erfolge ihr im Grunde keine rechte Freude bereiteten, war lediglich auf Wirkung in der Gesellschaft berechnet. Mit der Zeit war sie griesgrämig und unleidlich geworden. Seit sie aber an Julian dachte, genügte eine mit dem sonderlichen jungen Mann verbrachte Abendstunde, und ihre Kammerjungfern hatten den ganzen folgenden Tag nicht wie sonst Quälereien zu erdulden. Julians wachsender Einfluß wurde nicht einmal durch heimtückische anonyme Briefe erschüttert. Umsonst versah Tanbeau die Herren Luz, Croisenois und Caylus mit geschickten Verleumdungen, die von ihnen mit großem Vergnügen weiterverbreitet wurden, ohne daß man sich über die Wahrheit der Anschuldigungen Gedanken machte. Die Marschallin, an und für sich nicht stark genug, solche grobe Machenschaften einfach zu übersehen, holte sich in ihrem Zweifel Rat bei Mathilde, von der sie immer wieder getröstet wurde.

Eines Tages entschloß sich die Marschallin plötzlich, nachdem sie dreimal gefragt hatte, ob Briefe gekommen wären, Julian zu antworten. Das war ein Sieg der Langeweile. Als sie es das zweitemal tat, stockte sie mitten im Briefe. So unpassend erschien es ihr plötzlich, mit eigner Hand eine so gewöhnliche Adresse zu schreiben: »An Herrn Sorel, bei Herrn Marquis von La Mole.«

Am Abend sagte sie trocknen Tones zu Julian: »Sie müssen mir Briefumschläge mit Ihrer Adresse bringen!«

»Somit bin ich zum galanten Kammerdiener befördert«, dachte er und verneigte sich, wobei er ein Gesicht schnitt wie Arsen, der alte Kammerdiener des Marquis.

Noch am selben Abend brachte er ihr die Briefumschläge, und früh am andern Morgen hatte er einen dritten Brief. Er las die fünf, sechs Anfangszeilen und zwei bis drei am Schluß. Es waren im ganzen vier eng und klein geschriebene Seiten.

Nach und nach nahm Frau von Fervaques die ihr angenehme Gewohnheit an, ihm täglich zu schreiben. Julian antwortete durch getreue Abschriften der russischen Briefe, ohne daß sich die Marschallin über den geringen Zusammenhang der Antworten mit ihren Briefen irgendwie wunderte. Ein schwülstiger Stil hat also seine Vorteile. Wie arg wäre ihr Stolz gekränkt gewesen, wenn ihr ein Spion erzählt hätte, daß alle ihre weiteren Briefe uneröffnet und ungeordnet in Julians Schublade lagen?

Eines Morgens brachte ihm der Pförtner einen Brief der Marschallin in die Bibliothek. Mathilde begegnete dem Manne und bemerkte den Brief mit der von Julians Hand geschriebenen Adresse. Als der Mann wieder herauskam, trat sie in die Bibliothek. Der Brief lag noch auf dem Tischrand. Julian, der eifrig schrieb, hatte ihn noch nicht in sein Schubfach geworfen.

»Das kann ich nicht dulden!« rief Mathilde und riß den Brief an sich. »Sie vergessen mich ganz und gar, mich, Ihre Frau! Ihr Benehmen ist abscheulich!«

Vor Stolz versagte ihr die Sprache. Entsetzt über die maßlose Ungeschicklichkeit ihres Benehmens, brach sie in Tränen aus. Es schien Julian, als höre sie auf zu atmen. Überrascht und verwirrt, erkannte er nicht sofort, wie wundervoll und glückverheißend dieser Auftritt für ihn war. Er half Mathilden auf das Sofa, wobei sie ihn beinahe an sich drückte.

Als er dies wahrnahm, war seine Freude im ersten Augenblick überschwenglich. Der zweite Gedanke aber galt Korasoff.

»Durch ein einziges Wort kann ich alles wieder verderben!« warnte er sich. Seine Arme wurden schlaff, wenngleich ihm die durch seine Politik vorgeschriebene Selbstbeherrschung unendlich schwer und schmerzlich war.

»Ich darf mir nicht einmal erlauben, ihren schmiegsamen wonnigen Leib an mein Herz zu drücken. Entweder verachtet oder quält sie mich! Welch schreckliches Wesen!«

Aber so sehr er Mathildens Charakter schmähte: er liebte sie nur um so mehr. Es war ihm, als hielt er eine Königin in den Armen.

Julians kalte Starrheit vermehrte den Schmerz in Mathildens zerrissener stolzer Seele. Himmelweit davon entfernt, die nötige Kaltblütigkeit zu besitzen, um in seinen Augen seine wirklichen Gefühle in diesem Augenblick zu erschauen, konnte sie sich nicht entschließen, ihn anzusehen. Ihr bangte davor, einem Blick der Verachtung zu begegnen.

So saß sie regungslos auf dem Diwan der Bibliothek, den Kopf von Julian abgewandt und dem tiefsten Leid preisgegeben, das Stolz und Liebe einem menschlichen Herzen zu bereiten vermögen. In welch entsetzliche Irre war sie geraten!

»So weit sollte es also mit mir Unglückseligen kommen! Ich mache den schamlosesten Antrag und werde so zurückgewiesen! Und von wem?« Sie ward vor beleidigtem Stolz beinahe wahnsinnig. »Von einem Diener meines Vaters!«

»Nein, das dulde ich nicht!« rief sie laut aus.

Rasend fuhr sie auf, riß die Schublade von Julians Tisch heraus. Wie versteinert vor Entsetzen erblickte sie darin ein Dutzend uneröffnete Briefe, die genauso aussahen wie der, den der Pförtner vorhin gebracht hatte. Auf allen Umschlägen erkannte sie Julians mehr oder weniger verstellte Handschrift.

»Unerhört!« rief sie außer sich. »Sie stehen mit der Marschallin nicht nur auf vertrautem Fuße, Sie verachten sie auch noch! Sie Mensch ohne Namen, Sie verachten die Marschallin von Fervaques...! Ach nein... verzeihe mir, Geliebtester!« Damit warf sie sich vor ihm auf die Knie. »Verachte mich, wenn du willst, aber liebe mich! Ich kann nicht mehr leben ohne deine Liebe.«

Sie fiel ohnmächtig hin.

»Da liegt sie, die Stolze, zu meinen Füßen!« murmelte Julian.