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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 31.
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Julian eilte in die Loge der Damen von La Mole. Das erste, was seinem Blicke begegnete, waren Mathildens tränenerfüllte Augen. Sie weinte fassungslos. Es waren nur untergeordnete Persönlichkeiten mit in der Loge: die Freundin, die die Loge zur Verfügung gestellt hatte, und einige Herren aus deren Bekanntschaft. Mathilde legte ihre Hand auf Julians Hand. Offenbar hatte sie jede Scheu vor ihrer Mutter verloren. Vor Tränen fast erstickend, sagte sie nur das eine Wort: »Bürgschaft!«

»Daß ich nur nicht mit ihr spreche!« nahm sich Julian vor. Er war selber sehr bewegt und verbarg seine Augen, so gut es ging, indem er die Hand vor sie hielt, als ob der Kronleuchter ihn blendete. »Wenn ich spreche, kann ihr meine maßlose Erregung kaum entgehen. Der Ton meiner Stimme muß mich verraten. Noch kann alles verloren werden.«

Seine Kämpfe waren jetzt noch qualvoller als am Morgen, denn seine Seele hatte Zeit gehabt, in Sturm zu geraten. Er fürchtete, Mathilde könne abermals von ihrer Ehrsucht befallen werden. So gewann er es trotz seiner Liebestrunkenheit über sich, zu schweigen.

Fräulein von La Mole setzte es durch, daß Julian im Wagen mit nach Hause genommen wurde. Glücklicherweise regnete es stark. Die Marquise bot ihm den Platz ihr gegenüber an und sprach beständig mit ihm, so daß er kein Wort mit ihrer Tochter reden konnte. Es war, als ob die Marquise Julians Glück fördern wollte. Als er nicht mehr fürchtete, durch seine übergroße Erregung alles zu verderben, gab er sich seinem Überschwange hin.

In seinem Zimmer fiel er in die Knie und bedeckte die Liebesbriefe, die ihm der Fürst Korasoff gegeben hatte, mit Küssen.

»Genialer Mann, wie danke ich dir!« rief er in seinem Wahnsinn aus.

Nach und nach wurde er ruhiger. Er verglich sich mit einem Heerführer, der eben eine große Schlacht gewonnen hat. »Der Vorteil ist sicher und gewaltig!« sagte er sich. »Aber was wird morgen werden? Ein Augenblick kann alles verderben.«

Leidenschaftlich griff er nach den Denkwürdigkeiten, die Napoleon auf Sankt Helena diktiert hat, und zwang sich, zwei Stunden lang darin zu lesen. Aber nur seine Augen lasen. Gleichwohl ließ er nicht ab. Während dieser seltsamen Lektüre arbeiteten sein Kopf und sein Herz im Hochlande des Menschentums, ohne daß er sich dessen bewußt ward. »Mathildens Herz ist ganz anders geartet als das der Frau von Rênal«, sagte er sich. Aber weiter kam er nicht.

»Ich muß sie in der Furcht lassen!« rief er plötzlich und warf das Buch fort. »Der Feind wird sich mir nur unterwerfen, wenn ich ihm Furcht einflöße. Dann wagt er mich nicht zu verachten.«

Freudetrunken ging er in seinem Stübchen auf und ab. In Wahrheit bestand dies Glück mehr aus Hoffart denn aus Liebe.

»Ich muß sie in der Furcht erhalten«, wiederholte er voller Stolz. In der Tat hatte er Grund, stolz zu sein. »Selbst in den seligsten Augenblicken zweifelte Frau von Rênal immer daran, ob meine Liebe der ihren gliche. Hier ist ein Dämon zu unterjochen. Also ins Joch mit diesem Dämon!«

Er wußte, daß Mathilde am nächsten Morgen um acht Uhr in der Bibliothek war, aber er selber erschien dort erst um neun. Er loderte vor Liebe, aber sein Hirn beherrschte sein Herz. Nicht eine einzige Minute verging, in der er sich nicht wiederholte: »Ich muß sie allezeit in dem großen Zweifel erhalten: Liebt er mich? Ihre glänzende Stellung und die Schmeicheleien ihrer ganzen Umgebung kühlen sie zu rasch ab.«

Er fand sie blaß und still auf dem Diwan sitzend, ganz offenbar außerstande, irgendwelche Bewegung zu machen. Sie reichte ihm die Hand.

»Mein Lieber, ich habe dich beleidigt. Gewiß. Du hast ein Recht, mir böse zu sein...«, sagte sie zu ihm.

Einen so einfachen Ton hatte Julian nicht erwartet.

»Sie wollen eine Bürgschaft, mein Lieber«, fuhr sie nach einer Weile Stillschweigen fort, nachdem sie vergeblich gehofft hatte, daß Julian etwas sage. »Das ist gerechtfertigt. Entführen Sie mich! Wir wollen zusammen nach London reisen. Ich bin dann für immer verloren und entehrt...« Sie hatte den Mut, Julian ihre Hand zu entziehen und ihr Gesicht zu bedecken. Alle Gefühle der Zurückhaltung und Weibestugend hatten ihre Seele von neuem erfüllt. »Entehren Sie mich!« fuhr sie schließlich mit einem Seufzer fort. »Dann haben Sie eine Bürgschaft!«

»Gestern war ich glücklich, weil ich gegen mich streng war«, dachte Julian. Nach einer kleinen Pause hatte er so viel Gewalt über sein Herz, um in eisigem Tone zu erwidern: »Und wenn wir auf dem Wege nach London sind, und wenn Sie entehrt sind, um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen: wer steht mir dafür, daß Sie mich lieben, daß meine Anwesenheit Ihnen nicht schon in der Post lästig ist. Ich bin kein Ungeheuer. Sie um Ihren guten Namen gebracht zu haben, das wäre für mich nur ein Unglück mehr. Nicht Ihre Stellung in der Welt bildet das Hindernis, sondern unglücklicherweise Ihr Charakter. Können Sie sich vor sich selber verbürgen, daß Sie mich acht Tage lang lieben?«

»Ach, daß sie mich acht Tage liebte, nur acht Tage!« seufzte Julian im stillen. »Ich stürbe vor Glück. Was geht mich die Zukunft an? Was liegt mir am Leben? Und dies göttliche Glück könnte jetzt in dieser Sekunde anfangen, wenn ich wollte. Es hängt nur von mir ab!«

Mathilde betrachtete ihn in seinen Gedanken.

»Ich bin Ihrer also ganz unwürdig?« sagte sie und ergriff seine Hand.

Julian küßte sie. Aber sofort packte die eiserne Faust der Pflicht sein Herz. »Wenn sie merkt, wie ich sie anbete, verliere ich sie.« Und noch ehe er sie aus seinen Armen ließ, war er wieder im Vollbesitz seiner Manneswürde.

An diesem Tage und an den folgenden brachte er es zuwege, seine übergroße Glückseligkeit zu verbergen. Es gab Augenblicke, wo er sich sogar die Wonne versagte, die Geliebte in seine Arme zu schließen. Dann aber siegte wiederum der tollste Glückstaumel über alle Warnungen der Vernunft.

Im Garten gab es eine Laube von Jelängerjelieber. Dort hatte er oft gestanden, hinaufgeschaut nach Mathildens Fenster und geweint über ihre Unbeständigkeit. Eine dicke Eiche hatte ihn vor unberufenen Blicken verborgen.

Wenn er mit Mathilde an diesem Orte vorbeikam, dem Zeugen seines maßlosen Herzeleids, dann überwältigte ihn der Gegensatz der überstandenen Verzweiflung und seines gegenwärtigen Glückszustandes. In Tränen ausbrechend, nahm er die Hand der Geliebten, preßte sie an seine Lippen und beichtete ihr: »Hier habe ich gestanden und deiner gedacht. Hier hab ich nach deinem Fenster gespäht und stundenlang auf den seligen Augenblick gewartet, da diese Hand den Laden öffnete.«

Seine Schwäche war grenzenlos. In den Farben der Wahrheit, die niemand erlügen kann, schilderte er Mathilden seine damalige ungeheure Verzweiflung. Dazwischen jubilierte sein jetziges Glück in kurzen Aufschreien, daß jene gräßliche Qual vorüber war.

Plötzlich kam er zu sich. »Großer Gott, was tue ich!« rief er sich zu. »Ich verderbe mir all mein Glück!« Sein Schreck war derart stark, daß er sich bereits einbildete, in Mathildens Augen das Verflackern der Liebe zu erschauen. Er täuschte sich. Aber sein Gesicht veränderte sich. Er ward totenblaß. Seine Augen verloren im Augenblick ihr Feuer. Hatten sie eben noch von wahrster, sich selbst vergessender Liebe geredet, so sprachen sie mit einem Male von Hochmut, fast von Bosheit.

»Was hast du, Liebster?« fragte Mathilde in zärtlicher Besorgnis.

»Ich lüge dir etwas vor!« erwiderte er voll Grimm und Groll. »Ich will es nicht mehr tun! Bei Gott, ich achte dich allzusehr, um dich belügen zu können. Du liebst mich! Du opferst dich auf für mich! Du bist mit mir zufrieden! Was brauche ich dir da etwas vorzumachen?«

»Allmächtiger!« rief sie aus. »Alle die köstlichen Worte, die du mir in der letzten Viertelstunde gesagt, alles das ist Komödie?«

»Zu meinem lebhaften Bedauern muß ich mir diesen Vorwurf machen, verehrteste Freundin. Ich habe mir das alles einmal ausgedacht, für eine Frau, die mich ebenso liebte wie langweilte. Das ist ein Fehler meiner Natur. Ich will ihn vor dir nicht beschönigen.«

Bittere Tränen flössen über Mathildens Wangen.

Julian fuhr fort: »Immer wenn mich irgendwas verletzt, gerate ich, ohne es zu wollen, in einen traumartigen Zustand. Dann kommt mein abscheuliches Gedächtnis, das ich in diesem Augenblick verfluche, und reizt mich noch mehr. Und ich höre auf diesen Unfug!«

»Sollte ich unwissentlich etwas getan haben, was dir mißfallen hat?« fragte ihn Mathilde in entzückender Harmlosigkeit.

»Es kam mir eben in den Sinn«, log Julian, »daß du einmal an dieser Jelängerjelieber-Laube vorbeigegangen bist. Du pflücktest eine der Blüten. Herr von Luz griff darnach, und du ließest sie ihm. Ich stand keine drei Schritte davon...«

»Herr von Luz? Unmöglich!« beteuerte Fräulein von La Mole in ihrem natürlichen Stolze. »Solche Manieren habe ich nicht.«

»Und doch war es wirklich so!« versicherte Julian lebhaft.

»Dann muß es also so gewesen sein, mein Lieber«, gab sie zu und blickte traurig zu Boden. Sie wußte bestimmt, daß sie Herrn von Luz seit vielen Monaten etwas Derartiges nicht erlaubt hatte.

Julian schaute sie voll unsagbarer Sehnsucht an. »Ich bin überzeugt«, sagte er sich, »sie liebt mich nach wie vor!«

Am Abend neckte ihn Mathilde mit seiner Vorliebe für die Marschallin. »Ein Bürgerlicher verehrt eine Emporgekommene! Ich glaube, diese Sorte Herzen sind die einzigen, die mein Julian nicht verrückt machen kann. Aber ein vollendeter Dandy bist du ihretwegen geworden!«

Dies sagend, spielte sie mit seinem Haar.

In der Tat war Julian in der Zeit, da er sich von Mathilden verachtet wähnte, einer der bestgekleideten jungen Männer geworden. Dabei hatte er etwas vor allen Stutzern voraus: Wenn seine Toilette beendet war, dachte er nicht mehr daran.

Eins verdroß Mathilden. Julian hörte nicht auf, der Marschallin Briefe zu schreiben. Die russischen Briefe waren noch nicht zu Ende.