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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 39.
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Als Mathilde den Bischofspalast verlassen hatte, schickte sie unverzüglich einen Kurier an die Marschallin von Fervaques. Die Furcht, sich bloßzustellen, ließ sie auch nicht einen Augenblick zögern. Sie beschwor ihre Rivalin, einen eigenhändigen Brief des Bischofs von *** an den Großvikar von Frilair zu erwirken. Ja, sie ging so weit, sie zu bitten, persönlich nach Besançon zu kommen. Für die eifersüchtige und stolze Mathilde war das eine Heldentat.

Einem Rat Fouqués zufolge gebrauchte sie die Vorsicht, Julian alles das zu verheimlichen. Ihre Anwesenheit beunruhigte den Gefangenen sowieso schon. Angesichts des nahen Todes war er ein edlerer Mensch als je in seinem Leben. Er empfand nicht nur tiefe Reue des Marquis von La Mole wegen, sondern auch Mathilden gegenüber.

»Ach!« klagte er bei sich. »Wenn Mathilde bei mir weilt, bin ich oft zerstreut, mitunter sogar mißlaunig. Sie richtet sich mir zuliebe zugrunde. Und so vergelte ich ihr das! Ich bin doch ein schlechter Mensch.«

Solange er ehrsüchtig war, hatte es ihn wenig gekümmert, ob er ein schlechter Mensch sei. Ehedem hatte er keine andere Schande vor Augen als die der Erfolglosigkeit. Sein seelisches Unbehagen in Mathildens Gegenwart bekam um so mehr Gewicht, als er jetzt die seltsamste und tollste Leidenschaft in ihr erregte. Sie redete von nichts als von den wunderlichsten Opfern, die sie zu seiner Rettung bringen wollte. Im Überschwange ihrer Liebe, auf die sie stolz war und vor der sich all ihr Hochmut demütigte, hätte sie am liebsten in jedem Augenblicke ihres Lebens irgendeine heroische Tat für Julian begangen. In stundenlangen Unterhaltungen mit ihm spann sie die abenteuerlichsten und gefahrvollsten Pläne aus. Die mit hohen Summen bestochenen Gefängniswärter ließen sie im Turme schalten und walten. Daß sie ihren guten Ruf dabei preisgab, war ihr das wenigste. Es war ihr gänzlich gleichgültig, ob alle Welt ihre Liebesgeschichte erführe.

Julian fühlte sich solcher Opferfreudigkeit wenig würdig. Er war heldenmütiger Dinge müde. Für etwas wäre er empfänglich gewesen: für schlichte, naive, scheue Zärtlichkeit. Im Gegensatz dazu bedurfte Mathildens hochfliegende Seele immer der Vorstellung, als handle sie vor den andern, vor der ganzen Welt. Bei all ihrer Angst und Sorge um das Leben ihres Geliebten, den sie entschlossen war nicht zu überleben, hatte sie den geheimen Drang, die Öffentlichkeit durch das Übermaß ihrer Liebe und die Großartigkeit ihrer Taten zu verblüffen.

Julian war über sich selbst verstimmt, dieweil ihn alles das so gar nicht rührte. Dabei wußte er nicht einmal, mit was für tollkühnen Plänen Mathilde seinen treuen, aber maßlos beschränkten und nüchternen Freund Fouqué bestürmte. Nicht daß dieser ihre grenzenlose Hingabe tadelnswert gefunden hätte (er war ja selber bereit, sein Hab und Gut und sein Leben für Julian in die Schanze zu schlagen): was ihn verwunderte, war Mathildens Geldverschwendung. Als echter Spießbürger hegte er riesige Hochachtung vor dem Gelde. Nach und nach gewahrte er auch, daß Mathildens Pläne in einem fort wechselten. Es war ihm geradezu eine Erleichterung, einen Fehler an ihrem ihm unbequemen Charakter zu finden. Er hielt Mathilde für wetterwendisch, was im Hinterlande beinahe dasselbe ist wie Phantast sein, das allerschlimmste.

»Merkwürdig!« sagte sich Julian eines Tages, als Mathilde eben seine Zelle verlassen hatte. »Eine so lebhafte Leidenschaft, die mir gilt, läßt mich völlig kalt! Und noch vor acht Wochen betete ich Mathilde an. Ich habe irgendwo gelesen, die Nähe des Todes mache den Menschen teilnahmslos. Ach, es ist schrecklich, sich undankbar zu fühlen und sich doch nicht ändern zu können! Bin ich denn ein Egoist?« Er machte sich hierüber die demütigendsten Vorwürfe.

In seinem Herzen war der Ehrgeiz tot. Eine andere Leidenschaft war aus der Asche erstanden. Julian nannte sie die Reue, Frau von Rênal ermordet zu haben. In Wahrheit war er toll in sie verliebt. Wenn er allein war und nicht fürchtete, gestört zu werden, fand er ein köstliches Glück darin, sich in den Erinnerungen an die herrlichen Tage von Verrières und Vergy zu. verlieren. Die geringfügigsten Erlebnisse jener allzu rasch vergangenen Zeit standen wunderbar frisch und wonnesam vor ihm. An seine Pariser Errungenschaften dachte er nicht zurück. Er war ihrer überdrüssig.

Diese Stimmung, die von Tag zu Tag stärker wurde, blieb der eifersüchtigen Mathilde nicht ganz verborgen. Sie merkte deutlich, daß Julians Hang zu einsamer Träumerei etwas ihr Feindseliges war. Gelegentlich erwähnte sie Frau von Rênals Namen. Dann sah sie, wie der Geliebte erschrak. Fortan kannte ihre Leidenschaft kein Maß, keine Grenze mehr.

»Wenn er stirbt, folge ich ihm in den Tod«, gelobte sie sich. »Was wird man in den Pariser Salons wohl sagen, wenn man erfährt, daß eine junge Dame meines Ranges einen zum Tode Verurteilten so namenlos liebt und vergöttert? Um solche Gefühle zu finden, muß man in die Ritterzeit zurückgehen. Solche Leidenschaft ließ die Herzen im Jahrhundert Karls IX. und Heinrichs III. höher schlagen.«

In ihrer Ekstase, wenn sie Julians Kopf an ihren Busen drückte, sagte sie sich, zusammenschauernd: »Ach, dieses holde Haupt muß fallen!« Und von Heldengefühl und bizarrer Glückseligkeit ergriffen, fuhr sie fort: »Sei es! Vierundzwanzig Stunden später sind auch meine Lippen, die dies schöne Haar küssen, kalt und starr.«

Der Nachhall solch grausiger Wollust wich nicht von ihr. Der verführerische Gedanke an den Selbstmord, der ihrer Natur bisher gänzlich fern gewesen war, umgarnte ihre hochmütige Seele schließlich vollständig. Stolz sagte sie sich: »Das Blut meiner Vorfahren ist nicht schal bis zu mir gekommen!«

Einmal sagte der Geliebte zu ihr: »Ich habe eine Bitte an dich. Gib unser Kind nach Verrières in Pflege! Frau von Rênal wird die Amme überwachen.«

»Du verlangst Grausames von mir!« erwiderte Mathilde erbleichend.

»Du hast recht!« rief Julian, aus seinem Traumleben erwachend und sie in seine Arme schließend. »Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung.«

Als er ihr die Tränen getrocknet hatte, kam er auf seine Idee zurück, wenn auch mit mehr Geschicklichkeit. Er hängte der Unterhaltung das Gewand philosophischer Schwermut um. Er sprach von der Zukunft, die für ihn so nahe Grenzen hatte.

»Liebste, Beste, es ist so: die Leidenschaft ist das größte Leid des Lebens. Aber es sucht nur die höheren Seelen heim. Der Tod unsres Kindes wäre für deine stolze Familie ein Glück. Und das werden treue Diener erraten. Vernachlässigung wird das Los dieses unglücklichen Kindes der Schande sein ... Ich hoffe, du wirst zu einer Zeit, die ich nicht näher bezeichnen will, der ich aber mutig entgegensehe, meinem Letzten Willen gehorchen und den Marquis von Croisenois heiraten.«

»Ich, eine Entehrte?«

»Ein Name vom Klange des deinen kann nicht entehrt werden. Du bist eine Witwe. Die Witwe eines Narren. Was ist das weiter? Und dann – meine Untat hatte ihren Beweggrund nicht im Gelde. Folglich war sie nicht ehrlos. Und die Todesstrafe? Die Zeit wird kommen, wo ein philosophischer Gesetzgeber die ererbte Anschauung seiner Zeitgenossen überwindet und die Todesstrafe abschafft. Dann ist auch das nicht mehr ehrlos. Dann gehöre ich zu den Märtyrern. Alles wandelt sich. Und auch das himmlische Feuer, das dich in dieser Stunde durchflammt, wird verglühen. In fünfzehn Jahren erscheint dir die Liebe, die du für mich gefühlt hast, als entschuldbare Torheit, aber immerhin als Torheit...«

Er hielt plötzlich inne und fiel in seine Versonnenheit zurück. Von neuem kam ihm der Mathilden so feindselige Gedanke: »In fünfzehn Jahren wird Frau von Rênal meinen Sohn vergöttern, und du hast ihn vergessen!«