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Rot und Schwarz.   Stendhal
Kapitel 41.
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Endlich brach der von Frau von Rênal und Mathilde so gefürchtete Tag der Hauptverhandlung wider Julian Sorel an. Die sichtliche Erregtheit der Stadt verdoppelte ihre Schreckensangst und ließ selbst Fouqués starkes Herz nicht unbewegt. Aus der weitesten Umgegend strömten die Leute in Scharen nach Besançon herein, um dem Urteil über das romantische Verbrechen beizuwohnen. In den Gasthöfen war schon seit mehreren Tagen keine Unterkunft mehr zu finden. Der Vorsitzende des Schwurgerichts wurde mit Gesuchen um Zutrittskarten bestürmt. Besonders bettelten die Besançoner Damen darum. In den Straßen wurde Julians Bild feilgeboten.

Mathilde hatte als ultima ratio ein Handschreiben des Bischofs von *** in die Waagschale geworfen. Der Kirchenfürst, der den Klerus von Frankreich in seiner Gewalt hatte, geruhte Julians Freisprechung zu befürworten. Am Tag zuvor hatte Mathilde dieses Schriftstück dem einflußreichen Großvikar von Frilair übergeben. Als sie sich am Ende ihrer Unterredung unter Tränen von ihm verabschiedete, sagte Frilair, endlich aus seiner diplomatischen Zurückhaltung heraustretend und selber beinahe gerührt, zu ihr: »Ich verbürge mich für das Urteil des Schwurgerichts. Unter den zwölf Mitgliedern, denen es obliegt, festzustellen, ob die Tat Ihres Schützlings erwiesen und vor allem, ob sie mit Vorbedacht geschehen ist, zähle ich sechs zuverlässige Freunde, denen ich zu verstehen gegeben habe, daß es jetzt von ihnen abhängt, ob ich je Bischof werde. Weiterhin verfügt der Baron Valenod, der durch mich Bürgermeister von Verrières geworden ist, todsicher über zwei seiner Untergebenen, die Herren von Moirod und von Cholin. Dafür hat uns das Los zwei sehr üble Geschworene beschert. Aber, wenngleich sie radikal-liberal sind, so sind sie doch in wichtigen Dingen auf meiner Seite. Ich habe sie bitten lassen, sich Herrn von Valenods Stimme anzuschließen. Wie ich ferner in Erfahrung gebracht habe, trachtet einer der übrigen Geschworenen, der Fabrikbesitzer N***, ein schwerreicher Mann, ein liberaler Schwätzer, insgeheim darnach, Lieferungen für das Kriegsministerium zu bekommen. Mein Mißfallen wird er sich auf keinen Fall zuziehen wollen. Auch ihm habe ich sagen lassen, er solle sich nach Herrn von Valenod richten.«

»Wer ist eigentlich dieser Herr Valenod?« fragte Mathilde beunruhigt.

»Wenn Sie ihn kennten, würden Sie am guten Ausgange der Sache nicht zweifeln. Das ist ein frecher, rücksichtsloser, grober Scharlatan, wie geschaffen dazu, eine Hammelherde zu leiten. Er ist mit dem Jahre 1814 hochgekommen. Ich werde ihm zum Landrat weiterhelfen. Er ist imstande, jeden seiner Mitgeschworenen zu verhauen, wenn er nicht so stimmt, wie er es will.«

Mathilde beruhigte sich ein wenig.

Am Abend hatte sie eine Unterredung mit Julian. Um eine ihm widerliche Groteske, deren Ausgang für ihn feststand, nicht noch in die Länge zu ziehen, war er entschlossen, das Wort zu seiner Verteidigung nicht zu ergreifen.

»Mein Anwalt wird reden«, erklärte er Mathilde. »Ich werde schon allzulange den Blicken meiner Feinde ausgesetzt sein. Die Kleinstädter gönnen mir die rasche Karriere nicht, die ich durch euch gemacht habe. Es ist auch nicht einer darunter, dem meine Verurteilung keine Genugtuung bereitete. Hinterher freilich, wenn ich zum Tode geführt werde, heulen sie alle miteinander wie die alten Weiber.«

»Sie wollen dich gedemütigt sehen. Das ist nicht zu leugnen«, meinte Mathilde. »Aber trotzdem glaube ich nicht, daß sie Unmenschen sind. Meine Anwesenheit hier in Besançon und der Anblick meines Leids hat alle Frauen mit Teilnahme erfüllt. Dein hübsches Gesicht tut das übrige. Wenn du dich vor dem Schwurgericht selber verteidigst, hast du die ganze Hörerschaft auf deiner Seite...«

Als Julian früh um neun Uhr das Gefängnis verließ, um nach dem Hauptsaal des Justizpalastes zu gehen, vermochten die Schutzleute die ungeheure, sich im Hofe drängende Menge der Neugierigen kaum im Zaum zu halten.

Julian hatte gut geschlafen. Er war völlig ruhig und hatte sich philosophisch damit abgefunden, daß all seine Widersacher, ohne gerade unmenschlich zu sein, sein Todesurteil doch mit Befriedigung hören würden. So war er ziemlich überrascht, als er die Wahrnehmung machte, daß sein Erscheinen Mitleid unter den Gaffern erregte. Er hörte keine einzige häßliche Äußerung. »Die Spießbürger sind gar nicht so bösartig, wie ich glaubte!« dachte er bei sich.

Als er den Verhandlungssaal betrat, fiel ihm die Schönheit des Innenschmucks auf. Der Raum war im gotischen Stil erbaut, mit einer Menge zierlicher, sorgfältig gearbeiteter steinerner kleiner Pfeiler. Er kam sich wie in England vor.

Bald aber richtete sich sein Augenmerk auf ein Dutzend hübscher Damen, die den Balkon über den Richtern und Geschworenen, gegenüber der Anklagebank, innehatten. Als er sich nach der Zuschauertribüne umwandte, die er im Rücken hatte, bemerkte er, daß auch sie fast nur von Frauen gefüllt war. Die meisten waren jung und, wie es schien, recht hübsch. Ihre Augen leuchteten vor Mitgefühl. Weiter hinten drängte sich der große Haufe. Man prügelte sich an den Eingängen. Die Schutzleute konnten den Lärm nicht unterdrücken.

Aller Blicke galten Julian. Als man sah, wie er den etwas erhöhten Platz für den Angeklagten einnahm, wurde er durch ein Gemurmel des Staunens und der rührseligen Teilnahme begrüßt. Man hätte an diesem Tage behaupten können, er sei keine zwanzig Jahre alt. Er war sehr schlicht, aber mit erlesenem Geschmack gekleidet. Das zurückgestrichene Haar ließ seine edle Stirn hervortreten. Mathilde hatte seine Toilette persönlich überwacht. Er sah auffällig blaß aus. Kaum hatte er sich auf der Anklagebank niedergesetzt, so hörte er von allen Seiten die Ausrufe: »Gott, wie jung er ist!« – »Noch das richtige Kind!« – »Er ist viel hübscher als auf den Bildern!«

Plötzlich bemerkte er auf dem Balkon Frau Derville.

»Frau Derville!« durchfuhr es ihn, wobei er über und über rot wurde. »Nach der Verhandlung wird sie schleunigst an ihre Freundin schreiben.« Daß auch Frau von Rênal nach Besançon gekommen war, ahnte er nicht.

Die Zeugen wurden ziemlich rasch vernommen. Bei Beginn der Worte, die der Staatsanwalt hierauf sprach, brachen zwei Damen auf dem Balkon Julian gegenüber in Tränen aus. Er sagte sich: »Frau Derville wird alles andre denn gerührt sein.« Es entging ihm jedoch nicht, daß sie ein aufgeregtes Gesicht hatte.

Der Staatsanwalt hielt eine pathetische Rede in der üblichen schlechten Ausdrucksweise der Juristen. Er brandmarkte die Roheit des vorliegenden Verbrechens. Julian bemerkte, daß die Nachbarinnen von Frau Derville Gebärden des lebhaften Mißfallens machten. Dies bereitete ihm eine angenehme Empfindung. Bis dahin hatte er für alle Anwesenden ungemischte Verachtung gehegt. Der geistlose Wortschwall des Staatsanwalts hätte dieses Gefühl des Ekels noch vermehrt. Jetzt, angesichts der Zeichen von menschlicher Teilnahme, begann Julians Apathie langsam zu schwinden.

Die sichere Haltung seines Verteidigers befriedigte ihn. »Nur keine Phrasen!« rief er ihm leise zu, als er sich zu reden anschickte.

»Die hat man, nicht zu Ihrem Schaden, eben zur Genüge auf der andern Seite gehört«, gab der Anwalt zurück.

Kaum hatte er fünf Minuten gesprochen, als fast alle Frauen ihre Taschentücher in der Hand hatten. Hierdurch ermutigt, setzte er den Geschworenen tüchtig zu. Julian fieberte. Mit Mühe hielt er die Tränen zurück. »Himmel, was würden meine Feinde sagen!« dachte er.

Er wäre der in ihm aufwallenden Rührung beinahe erlegen, wenn er zu seinem Glücke nicht gerade einen unverschämten Blick Valenods aufgefangen hätte.

»Wie die Augen dieses Fuchses funkeln!« sagte er sich. »Seine Dreckseele triumphiert! Wenn meine Tat weiter nichts im Gefolge hätte als dies, dann müßte ich sie verfluchen ... Wer weiß, was er Frau von Rênal über mich berichten wird.«

Er begann darüber nachzugrübeln. Da rissen ihn die Beifallsbezeigungen des Publikums in die Wirklichkeit zurück. Der Verteidiger hatte eben seine Rede beendet. Julian erinnerte sich daran, daß es Sitte sei, dem Verteidiger die Hand zu drücken. Die Zeit war ihm mit Windeseile entflohen.

Man brachte dem Anwalt und dem Angeklagten einen Imbiß. Es fiel Julian auf, daß keine der Damen die entstehende Pause benutzte, um sich zum Essen wegzubegeben.

»Donnerwetter, ich bin halb verhungert!« meinte der Anwalt. »Und Sie?«

»Ich auch!« gab Julian zur Antwort.

Der Anwalt zeigte nach dem Balkon. »Da sehen Sie, die Frau Landrätin läßt sich auch etwas zu essen bringen! Nur Mut! Die Sache steht ausgezeichnet!«

Die Sitzung begann von neuem. Als der Vorsitzende sein Resümee vortrug, schlug es Mitternacht. Er mußte seine Rede unterbrechen. In der bangen Stille, die im ganzen Saale herrschte, bekamen die Glockenschläge einen unheimlichen Klang.

»Mein Jüngster Tag bricht an!« dachte Julian. Und der Gedanke an seine Pflicht durchloderte ihn. Bis jetzt hatte er jedwede Ergriffenheit gemeistert und seinen Vorsatz, nicht reden zu wollen, aufrechterhalten. Als ihn der Vorsitzende aber fragte, ob er noch etwas vorzubringen habe, da erhob er sich. Sein Blick fiel in die Augen von Frau Derville. Es war ihm, als leuchtete es in ihnen. »Sollte sie weinen?« fragte er sich und begann:

»Sehr geehrte Herren Geschworenen! Ich möchte mich nicht allgemein verabscheut sehen, obgleich ich angesichts des Todes auch dem trotzen zu können vermeine. Deshalb drängt es mich, das Wort zu ergreifen. Meine Herren, ich habe nicht die Ehre, Ihrer Gesellschaftsklasse anzugehören. Ich stehe vor Ihnen als ein Kind des Volkes, das sich gegen die Niedrigkeit seines Schicksals aufgelehnt hat...«

Festeren Tones fuhr er fort: »Ich bitte Sie nicht um Gnade. Ich mache mir durchaus keine Hoffnung. Der Tod harrt meiner, und dies von Rechts wegen. Ich habe mich am Leben einer Dame vergriffen, die der allgemeinen Hochachtung und Verehrung würdig ist. Frau von Rênal hat mich wie eine Mutter behandelt. Mein Verbrechen ist abscheulich. Es ist mit Vorbedacht geschehen. Somit habe ich den Tod verdient. Aber wenn meine Schuld auch nicht so groß wäre, so bin ich doch überzeugt, daß Sie, meine Herren Geschworenen, in meiner Jugend keinen mildernden Grund erblicken und mir nachsichtslos gegenüberstehen, weil Sie in meiner Person eine gewisse Kategorie von jungen Männern bestrafen und abschrecken wollen, die, in Niedrigkeit geboren und durch die Not niedergedrückt, das Glück oder Unglück haben, sich eine gute Bildung anzueignen, und die Kühnheit besitzen, sich in die Kreise zu wagen, die der Wohlhabende selbstgefällig die gute Gesellschaft zu nennen pflegt.

Meine Herren, das ist mein Verbrechen! Es wird um so härter bestraft werden, als ich nicht von meinesgleichen gerichtet werde. Ich sehe auf den Geschworenenbänken lediglich entrüstete Bürger...«

In diesem Stile sprach er etwa zwanzig Minuten. Er sagte alles, was er auf dem Herzen hatte. Der Staatsanwalt, ein Katzbuckler um die Gunst der herrschenden Klassen, rückte aufgeregt in seinem Lehnstuhle hin und her. Die Frauen aber zerflossen in Tränen, trotz der theoretisierenden Ausdrucksweise, deren sich Julian absichtlich bediente. Sogar Frau Derville hielt ihr Taschentuch vor die Augen. Zu Ende seiner Rede kam er nochmals auf die Vorsätzlichkeit seiner Tat zu sprechen, auf die Hochachtung und die grenzenlose kindliche Verehrung, die er in glücklicheren Tagen für Frau von Rênal gehegt habe, und schließlich auf seine Reue.

Bei dieser Stelle stieß Frau Derville einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht.

Es schlug ein Uhr, als sich die Richter und die Geschworenen zur Beratung zurückzogen. Keine der Damen war vom Platze gewichen. Mehrere Männer hatten tränenfeuchte Augen. Man unterhielt sich, anfangs sehr heftig. Allmählich aber, als die Entscheidung der Richter auf sich warten ließ, begann die allgemeine Ermüdung Ruhe in die Versammlung zu bringen. Es wurde feierlich im Saal. Die Lichter verloren ihre Leuchtkraft.

Julian war erschöpft. Er hörte rings um sich die Frage erörtern, ob die auffällige Länge der Beratung ein gutes oder ein schlimmes Zeichen sei. Zu seiner Freude erkannte er, daß man ihm allgemein Gutes wünschte. Immer noch nicht erschienen die Richter, aber keine der Frauen verließ den Saal.

Als es zwei Uhr schlug, entstand eine Bewegung. Die kleine Tür des Beratungszimmers tat sich auf. Der Baron Valenod, der Obmann, trat gravitätisch ein, die gesamten Geschworenen hinter ihm. Er hüstelte. Darauf verkündete er im Namen des Königs, das Schwurgericht habe nach bestem Wissen und Gewissen einstimmig entschieden, daß Julian Sorel des vorsätzlichen Mordes schuldig sei. Darauf stand die Todesstrafe. Diese wurde einen Augenblick nachher verkündet.

Julian sah auf seine Uhr. Der Graf von Lavalette fiel ihm ein. Es war ein Viertel drei Uhr. »Heute ist Freitag«, sagte er bei sich. »Für Valenod, der mich verurteilt hat, ein Glückstag! Ich werde zu gut bewacht, als daß mich Mathilde retten könnte, wie es Frau von Lavalette gemacht hat ... Also in drei Tagen um diese Zeit werde ich wissen, was an dem Großen Vielleicht ist.«

In diesem Augenblick hörte er einen Schrei, der ihn in die Wirklichkeit zurückversetzte. Die Frauen um ihn herum schluchzten. Er sah, daß sich aller Gesichter nach einer Ecke des großen Zuschauerraumes hingewandt hatten. Später erfuhr er, daß Mathilde, vor ihm versteckt, dort gesessen hatte. Da sich der Schrei nicht wiederholte, blickte alles alsbald wieder nach Julian, den die Schutzleute durch die Menge aus dem Saal führten.

»Ich muß mich bemühen, diesem Schurken, dem Valenod, keinen Anlaß zum Lachen zu geben«, sagte sich Julian. »Mit welch süßlicher, Betrübnis heuchelnder Miene hat er das Urteil verkündet! Dem Vorsitzenden haben die Tränen in den Augen gestanden, obgleich er berufsmäßig und seit Jahren Richter ist. Wie mag Valenod triumphieren, daß er sich jetzt ob unsrer alten Rivalität bei Frau von Rênal gerächt hat...! Frau von Rênal... Ich werde sie also niemals wiedersehen... Das war einmal...! Von einander Abschied nehmen, eine Unmöglichkeit ... ich weiß es ... aber ich wäre glücklich, wenn ich ihr sagen könnte, daß ich meine Tat über alles verächtlich finde ... Ich möchte ihr nichts sagen als die Worte: Ich werde mit Recht in den Tod geschickt!«