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Daheim in Moskau sah es schon ganz winterlich aus: man heizte bereits, und in den frühen Morgenstunden, wenn die Kinder, bevor sie zur Schule gingen, Tee tranken, war es so finster, daß die Kinderfrau für kurze Zeit die Lampe anstecken mußte. Die ersten Fröste hatten sich schon eingestellt. Wenn es zum erstenmal schneit und die ersten Schlitten erscheinen, ist es immer angenehm, die weißen Straßen und die weißen Dächer zu sehen; man atmet so leicht und angenehm und man denkt unwillkürlich an seine Kindheit. Die alten Linden und Birken haben, wenn sie mit Reif bedeckt sind, ein so gutmütiges Aussehen und erfreuen uns mehr als alle Zypressen und Palmen; in ihrer Nähe hat man gar nicht den Wunsch, an das Meer und die Berge zu denken.

Gurow war ein geborener Moskauer; er kam nach Moskau an einem heiteren Frosttage, und so bald er in Pelz und warmen Handschuhen einen kleinen Spaziergang über die Petrowka gemacht und am Samstagabend die Kirchenglocken gehört hatte, verloren für ihn seine Reise und die Landschaften, die er gesehen, jeden Reiz. Allmählich tauchte er ganz im Moskauer Leben unter, las mit Heißhunger drei Zeitungen täglich und behauptete hinterher, daß er prinzipiell keine Moskauer Zeitungen lese. Es zog ihn in die Restaurants und Klubs, zu Gesellschaften und Festessen, und es schmeichelte ihm, daß in seinem Hause berühmte Rechtsanwälte und Schauspieler verkehrten und daß er im Ärzteklub einen Professor zum Partner beim Kartenspiel hatte. Er war wieder imstande, eine ganze Portion vom Moskauer Fischgericht – Sseljanka – zu verzehren ....

Er glaubte, daß die Erinnerung an Anna Ssergejewna nach drei, vier Wochen in einem Nebel verschwinden würde; daß sie ihm mit ihrem rührenden Lächeln nur ab und zu im Traume erscheinen würde, wie ihm auch alle die andern erschienen. Es vergingen aber vier Wochen und mehr, man war tief im Winter, aber die Erinnerung an sie war noch immer so klar und stark, als ob er Anna Ssergejewna erst gestern verlassen hätte. Und die Erinnerung wurde immer glühender und leuchtender. Wenn in der Abendstille zu ihm ins Arbeitszimmer die Stimmen seiner Kinder, die ihre Lektionen machten, drangen, wenn er irgendein Lied singen oder das Orchestrion in einem Restaurant spielen hörte oder wenn im Kamin der Sturm heulte, so lebte in seiner Erinnerung sofort alles wieder auf: die Mole, der Morgen, der Nebel in den Bergen, das Schiff aus Feodosia, alle ihre Küsse und Umarmungen; er ging in seinem Zimmer auf und ab und erinnerte sich an jede Kleinigkeit, und lächelte vor sich hin, und die Erinnerungen wurden zu Wünschen, und das Vergangene vermengte sich in seiner Vorstellung mit dem Kommenden. Anna Ssergejewna erschien ihm nicht nur im Traume; sie verfolgte ihn überall wie ein Schatten und beobachtete ihn auf Schritt und Tritt. Wenn er die Augen schloß, sah er sie wie lebendig vor sich, und sie erschien ihm schöner, jünger und zarter als sie war; auch er selbst gefiel sich viel besser als damals in Jalta. Abends blickte sie ihn aus dem Bücherschrank, aus dem Kamin, aus der Zimmerecke an, und er hörte ihren Atem und das liebe Rascheln ihres Kleides. Auf der Straße verfolgte er die Frauen mit den Augen und suchte, ob nicht eine Ähnliche darunter wäre ...

Er spürte bereits ein starkes Verlangen, jemanden in seine Erinnerungen einzuweihen. Aber zu Hause konnte er doch nicht von seiner Liebe sprechen, und außer dem Hause hatte er niemand. Er konnte doch nicht mit seinen Mietern oder seinen Bankkollegen davon sprechen! Und was konnte er auch erzählen? Hatte er sie damals wirklich geliebt? War denn etwas Schönes, Poetisches, oder Lehrreiches, oder einfach Interessantes in seinen Beziehungen zu Anna Ssergejewna? So mußte er ganz allgemein von den Frauen und von der Liebe sprechen, und niemand ahnte, was er damit meinte. Nur seine Frau bewegte zuweilen ihre dunklen Brauen und sagte:

»Die Rolle eines Schwerenöters steht dir wirklich nicht gut, Dimitrij.«

Als er eines Nachts mit einem seiner Partner, einem Beamten, den Ärzteklub verließ, konnte er sich nicht länger beherrschen und sagte:

»Wenn Sie wüßten, was für eine reizende Dame ich in Jalta kennen gelernt habe!«

Der Beamte setzte sich in den Schlitten, und als er schon eine Strecke weit gefahren war, wandte er sich plötzlich um und rief:

»Dmitrj Dmitrijewitsch!«

»Was denn?«

»Sie hatten vorhin recht: der Stör war wirklich nicht ganz frisch!«

Diese so gewöhnlichen Worte brachten Gurow, er wußte selbst nicht warum, aus der Fassung; sie erschienen ihm erniedrigend und schmutzig. Was für wilde Sitten, was für Gesichter! Diese unsinnigen Nächte, diese uninteressanten, leeren Tage! Nichts als Hazardspiel, Völlerei, Trunksucht und ewige Gespräche über das immer gleiche Thema. Die unnötigen Geschäfte und die ewigen Gespräche nehmen einem die besten Stunden und die besten Kräfte, und was davon zurückbleibt, ist ein beschnittenes, flügellahmes Leben, ein Unsinn und ein Durcheinander, dem man nicht entrinnen kann, als ob man in einem Irrenhause oder in einem Zuchthause säße.

Die ganze Nacht konnte Gurow vor Empörung nicht einschlafen, und den nächsten Tag hatte er Kopfschmerzen. Auch in den folgenden Nächten schlief er schlecht; er saß im Bette oder ging auf und ab. Die Kinder machten ihm keine Freude mehr, ebenso die Bank; er hatte weder Lust mit jemandem zu sprechen, noch auszugehen.

Im Dezember vor den Feiertagen machte er sich reisefertig und erklärte seiner Frau, daß er nach Petersburg müsse, um sich für einen jungen Mann zu verwenden; er reiste aber nach S. Wozu? Das wußte er selbst nicht recht. Er wollte Anna Ssergejewna sehen und sprechen und mit ihr, wenn möglich, eine Zusammenkunft verabreden.

Er kam nach S. am frühen Morgen und nahm sich das beste Zimmer im Hotel; der Fußboden war mit grauem Soldatentuch belegt, und auf dem Tische stand ein verstaubtes Schreibzeug mit einem Reiter, der einen Arm mit dem Hut in die Höhe hob, während der Kopf fehlte. Vom Portier erfuhr er alles, was er brauchte: von Diederitz wohne in der Alten Töpfergasse, im eigenen Hause; es sei gar nicht weit vom Hotel; er lebe auf großem Fuße, halte sich Pferde und sei in der ganzen Stadt bekannt. Der Portier sprach den Namen »Drideritz« aus.

Gurow begab sich nun nicht zu schnell in die Alte Töpfergasse und fand das Haus. Dem Hause gegen überzog sich ein langer, grauer, mit Nägeln bespickter Bretterzaun hin.

»Vor einem solchen Zaun kann man wirklich davonlaufen,« sagte sich Gurow, bald auf die Fenster und bald auf den Zaun blickend.

Er sagte sich: heute ist Feiertag, und der Mann ist wohl zu Hause. Das ist übrigens ganz gleich: es wäre auch sonst taktlos, zu ihr ins Haus hineinzuschneien und sie aufzuregen. Ein Brief könnte leicht dem Gatten in die Hände fallen, und dann wäre alles verdorben. Das beste ist, sich auf einen Zufall zu verlassen. Und nun ging er auf der Straße längs des Zaunes auf und ab und wartete auf einen solchen Zufall. Er sah, wie in den Hof ein Bettler kam und wie über ihn die Hunde herfielen; eine Stunde später hörte er Klavierspiel, und die Töne klangen schwach und undeutlich. Wahrscheinlich spielte Anna Ssergejewna selbst. Das Herrschaftsentrée ging plötzlich auf, und aus dem Hause kam eine alte Frau, der der bekannte weiße Spitz nachlief. Gurow wollte schon den Hund anrufen, aber er bekam plötzlich Herzklopfen und konnte sich in seiner Aufregung nicht mehr erinnern, wie der Hund hieß.

Er ging immer auf und ab und haßte immer mehr und mehr den grauen Zaun; er dachte mit Erbitterung, daß Anna Ssergejewna ihn wohl vergessen und vielleicht sogar bei einem andern Trost gefunden habe; das wäre doch bei einer jungen Frau, die den ganzen lieben Tag diesen verfluchten Zaun sehen müsse, durchaus natürlich. Er kehrte in sein Hotelzimmer zurück, saß lange auf dem Sofa und wußte nicht, was anzufangen. Dann aß er zu Mittag und schlief den ganzen Nachmittag durch.

»So dumm ist das alles, so überflüssig diese ganze Unruhe!« sagte er sich, als er erwachte und die dunklen Fenster sah; der Abend war schon angebrochen. »Jetzt habe ich ausgeschlafen. Was werde ich nun nachts tun?«

Er saß auf dem Bette, das mit einer billigen grauen Decke, wie man sie in Spitälern hat, bedeckt war, und verhöhnte sich selbst:

»Da hast du die Dame mit dem Spitz ... Da hast du dein Abenteuer ... So, sitz nun da!«

Morgens, bei seiner Ankunft hatte er auf dem Bahnhofe ein großes Theaterplakat gesehen: heute sollte zum erstenmal die »Geisha« gegeben werden. Jetzt fiel ihm das wieder ein, und er ging ins Theater.

»Es ist ja möglich, daß sie die Premièren besucht,« dachte er sich.

Das Theater war überfüllt. Wie in jedem Provinztheater, so schwebte auch hier über dem Kronleuchter eine dichte Dunstwolke, und die Galeriebesucher machten großen Lärm; in der ersten Reihe standen vor Beginn der Vorstellung die Elegants der Stadt, die Hände im Rücken; in der Gouverneursloge saß ganz vorn die Gouverneurstochter mit einer Boa um den Hals, während der Gouverneur selbst bescheiden hinter der Portiere lehnte, so daß von ihm nur die Arme zu sehen waren. Der Vorhang schaukelte hin und her, und das Orchester stimmte furchtbar lange seine Instrumente. Während das Publikum hereinströmte und Platz nahm, suchte Gurow mit gierigen Blicken.

Nun kam auch Anna Ssergejewna. Sie setzte sich in die dritte Reihe, und als Gurow sie erblickte, krampfte sich sein Herz zusammen, und es wurde ihm vollkommen klar, daß es in der ganzen Welt keinen zweiten Menschen gäbe, der ihm so teuer, nah und notwendig wäre, wie sie; diese in der Provinz verlorene, durchaus gewöhnliche kleine Frau, mit dem ordinären Lorgnon in der Hand, erfüllte sein ganzes Leben, war seine Freude, sein Leid und sein einziges Glück, das er sich ersehnte; und zu den Klängen des schlechten Orchesters, der elenden Provinzgeigen dachte er, wie schön sie sei. Er dachte nur an sie und träumte von ihr.

Zugleich mit Anna Ssergejewna trat ein sehr schlanker, etwas gebeugter junger Mann mit kurzem Backenbart in den Saal und nahm an ihrer Seite Platz; bei jedem Schritt nickte er mit dem Kopf, als ob er ununterbrochen grüßte. Es war wohl der Gatte, den sie damals in Jalta in ihrer Erbitterung einen Lakai genannt hatte. Und in der Tat: in seiner langen Figur, seinem Backenbart und seiner kleinen Glatze war etwas Lakaienhaftes und Demütiges; er lächelte süßlich, und das blanke Akademikerabzeichen in seinem Knopfloch glänzte wie eine Kellnernummer.

In der ersten Pause ging der Gatte ins Rauchzimmer, und sie blieb allein im Parkett. Gurow, der gleichfalls im Parkett saß, ging auf sie zu und sagte mit bebender Stimme und erzwungenem Lächeln:

»Guten Abend!«

Sie sah ihn an und erblaßte, dann sah sie ihn noch einmal ganz entsetzt an, als traue sie ihren Augen nicht, und drückte krampfhaft Fächer und Lorgnon zusammen; sie kämpfte offenbar mit sich selbst, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Beide schwiegen. Sie saß da, und er stand erschrocken vor ihr und konnte sich nicht entschließen, sich neben sie zu setzen. Im Orchester wurden wieder die Geigen und eine Flöte gestimmt; er bekam plötzlich Angst: es war ihm, als ob man aus allen Logen auf sie blickte. Nun stand sie auf und ging rasch dem Ausgang zu, und er folgte ihr. Sie gingen ziellos über die Korridore, treppauf und treppab, sie sahen viele Leute in Gerichts-, Lehrer-und Domänenverwaltungsuniformen, sämtliche mit Abzeichen; sie sahen Damen, Pelze in den Garderoben; der Zugwind hauchte sie mit Zigarettendunst an. Und Gurow, der heftiges Herzklopfen hatte, dachte:

»Mein Gott! Wozu diese Menschen, wozu dieses Orchester ...«

In diesem Augenblick fiel ihm plötzlich ein, wie er sich damals auf dem Perron, nachdem der Schnellzug abgefahren war, gesagt hatte, daß alles zu Ende sei und daß er sie nie wiedersehen würde. Es war aber noch lange nicht das Ende!

Sie blieb plötzlich auf einer engen, finsteren Treppe mit der Aufschrift »Aufgang zum Amphitheater« stehen.

»Mein Gott, wie Sie mich erschreckt haben!« sagte sie, um Atem ringend, noch immer blaß und bestürzt. »Wie Sie mich erschreckt haben! Ich bin halbtot. Warum sind Sie hergekommen? Warum?«

»Begreifen Sie doch, Anna, begreifen Sie ...« begann er leise und hastig. »Ich beschwöre Sie, begreifen Sie doch...«

Sie sah ihn voller Angst, Flehen und Liebe an; sie starrte ihn an, als wollte sie sich seine Gesichtszüge für immer einprägen.

»Ich leide so furchtbar!« fuhr sie fort, ohne auf seine Worte zu hören. »Ich habe die ganze Zeit nur an Sie gedacht und in diesem Gedanken gelebt. Ich wollte Sie vergessen, ganz vergessen ... Doch warum, warum sind Sie hergekommen?«

Auf dem nächsten Treppenabsatz standen zwei Gymnasiasten; sie rauchten und sahen auf sie hinab; aber Gurow war jetzt alles gleich; er zog Anna Ssergejewna in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht, ihre Wangen und Hände mit Küssen.

»Was tun Sie, was tun Sie!« sagte sie, ihn entsetzt wegstoßend. »Wir sind ja beide wahnsinnig. Reisen Sie weg, noch heute, sofort ... Ich beschwöre Sie bei bei allem, was heilig ist. Ich flehe Sie an ... Man kommt her!«

Jemand ging wirklich die Treppe hinauf.

»Sie müssen abreisen ...« fuhr Anna Ssergejewna leise fort. »Hören Sie, Dmitrij Dmitrijewitsch? Ich will zu Ihnen nach Moskau kommen. Ich war nie glücklich, bin auch jetzt nicht glücklich und werde niemals glücklich sein, niemals! Quälen Sie mich nicht länger! Ich schwöre, daß ich nach Moskau kommen werde. Und jetzt müssen wir uns trennen! Mein Lieber, Guter, mein Geliebter, trennen wir uns!«

Sie drückte ihm die Hand und eilte die Treppe hinunter. Sie blickte einigemal nach ihm zurück, und er konnte in ihren Augen lesen, daß sie wirklich nicht glücklich war. Gurow stand noch eine Weile lauschend da, und als alles still wurde, nahm er seinen Mantel aus der Garderobe und verließ das Theater.