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Silver Blaze.  Arthur Conan Doyle
Buch. Silver Blaze
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»Ich werde heute wohl verreisen müssen«, sagte Holmes eines Tages, als wir beim Frühstück saßen.

»Verreisen? Wohin denn?«

»Nach Dartmoor, zu King's Pyland.«

Ich war keineswegs überrascht. Es hatte mich schon gewundert, daß er nicht längst in diesen recht merkwürdigen Fall eingegriffen hatte, über den ganz England redete. Einen ganzen Tag lang war mein Freund nun schon unruhig im Zimmer herumgewandert, das Kinn auf der Brust, die Brauen zusammengezogen. Immer wieder reinigte er seine Pfeife und stopfte sie dann wieder mit dem stärksten Tabak, der zu haben war. Meinen Fragen gegenüber war er völlig taub. Die neuesten Ausgaben aller Tageszeitungen wurden uns von unserem Händler laufend heraufgeschickt, er warf allerdings immer nur einen Blick hinein und warf sie dann ungeduldig in die Ecke. Und doch, verschwiegen wie er war, wusste ich sehr wohl, über welchem Problem er brütete. Es existierte im Augenblick nur ein öffentliches Thema, das seinen analytischen Sinn reizen konnte, nämlich das Verschwinden des Favoriten für den Wessex-Pokal und der tragische Mord an seinem Trainer. Als Holmes also plötzlich verkündete, er wolle sich in der Szene des Dramas persönlich umsehen, da war das etwas, was ich längst erwartet und für uns beide erhofft hatte.

»Ich könnte Sie begleiten, falls ich nicht im Wege bin«, sagte ich.

»Mein lieber Watson, Sie würden mir einen riesigen Gefallen tun, wenn Sie mitkämen«, sagte er.

»Ich bin sicher, daß wir eine interessante Zeit vor uns haben, denn es gibt da ein paar Punkte, die mich hoffen lassen, daß wir es mit einem absolut einmaligen Fall zu tun haben. Ich nehme an, wir schaffen den nächsten Zug von Paddington noch. Alles weitere werde ich Ihnen während der Reise erzählen. Tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie Ihr ausgezeichnetes Fernglas mit. «

Und so geschah es, daß wir etwa eine Stunde später in einem Wagen der ersten Klasse saßen und in Richtung Exeter dahinbrausten. Holmes' kühnes Gesicht war eingerahmt von der Reisemütze mit den Ohrenklappen. Er hatte am Bahnhof Paddington eine Anzahl Zeitungen gekauft und las sie nun sorgfältig durch. Reading lag längst hinter uns, als er die letzte der Zeitungen unter die Bank warf und mir aus seinem Etui eine Zigarre anbot.

»Wir haben eine gute Geschwindigkeit drauf«, bemerkte er und sah aus dem Fenster. »Im Augenblick sind es dreiundfünfzig und eine halbe Meile pro Stunde.«

»Ich habe keine Meilensteine entdeckt«, sagte ich.

»Das habe ich auch nicht, aber die Telegrafenmasten sind auf dieser Strecke sechzig Yards auseinander, und so brauchte ich nur ein bißchen zu kalkulieren. Ich nehme an, Sie haben gerade an den Mord an John Straker gedacht und an das Verschwinden von Silver Blaze?«

»Ich weiß, was Telegraph und Chronicle darüber berichten.«

»Dies ist einer der Fälle, in dem es vernünftig wäre, sich alle alten Details genau anzusehen, statt immer wieder nach frischen Einzelheiten zu verlangen. Die Tragödie ist so ungewöhnlich, so vollständig und für so viele Menschen von so großer persönlicher Bedeutung, daß wir unter zu vielen Vermutungen, Annahmen und Hypothesen leiden. Unsere Aufgabe besteht zunächst darin, das Rahmenwerk der Tatsachen, der absoluten und unleugbaren Tatsachen, von den Ausschmückungen und Theorien der Reporter zu unterscheiden. Erst dann, wenn wir diese gute, gesunde Basis haben, sollten wir uns überlegen, was wir damit anfangen können und welche besonderen Punkte es in diesem , speziellen Rätsel zu lösen gibt. Am Dienstag habe ich zwei Telegramme erhalten, das erste von Colonel Ross, dem Besitzer des Pferdes, und das andere von Inspektor Gregory, der mit diesem Fall beschäftigt ist. Er hat mich um Hilfe gebeten.«

»Dienstagabend!« rief ich aus. »Und jetzt ist Donnerstagmorgen. Warum sind wir nicht schon gestern gefahren?«

»Darum, mein lieber Watson, weil mir ein Fehler unterlaufen ist. Das kommt bei mir auch hin und wieder vor, vielleicht öfter, als Leute, die mich nur von Ihren Geschichten her kennen, annehmen möchten. Tatsache ist, daß ich nicht glauben wollte, daß das berühmteste Pferd in England so lange versteckt gehalten werden konnte, und das besonders in dem dünn besiedelten Landstrich von Dartmoor. Von Stunde zu Stunde hoffte ich auf die Nachricht, daß es gefunden und sein Entführer der Mörder von John Straker ist. Als ich heute morgen allerdings feststellte, daß außer der Verhaftung des jungen Fitzroy Simpson nichts geschehen war, hatte ich das Gefühl, daß die Zeit für mein Eingreifen gekommen war. Und doch habe ich irgendwie das Gefühl, daß der gestrige Tag für uns nicht verloren ist.«

»Dann haben Sie sich also schon eine Theorie gebildet?« »Wenigstens habe ich die notwendigen Tatsachen dieses Falles beieinander. Ich werde sie Ihnen aufzählen, denn nichts trägt so sehr zu der Aufklärung einer Sache bei, als wenn man sie jemand anders berichtet. Und außerdem können Sie ja nicht mithelfen, wenn Sie nicht wissen, wo wir anfangen sollen.«

Ich lehnte mich in die Polster zurück und blies den Zigarrenrauch vor mich hin, während Holmes sich vorbeugte und die Fakten eine nach der anderen an den Fingern seiner schlanken Hand abzählte. So gab er mir einen Überblick über den Fall, um dessen willen wir uns auf die Reise gemacht hatten.

»Silver Blaze«, sagte er, »stammt aus der Somomy-Zucht und macht seinen berühmten Vorfahren alle Ehre. Er ist jetzt in seinem fünften Jahr und hat seinem glücklichen Besitzer, Colonel Ross, noch jeden Preis von der Rennbahn heimgebracht. Bis zur Zeit der Katastrophe war er der erste Favorit für den Wessex-Pokal. Die Wetten beliefen sich auf eins zu drei für ihn.

Er war immer der Liebling bei den Zuschauern der Pferderennen. Bisher hat er ja auch noch nicht enttäuscht. Ungeheure Summen Geldes sind auf ihn gesetzt worden. Natürlich gibt es Leute, denen daran liegt, daß Silver Blaze beim Rennen am nächsten Dienstag ausfällt, das ist doch klar.

Aber damit dürften die Leute in King's Pyland - dort befinden sich die Trainingsställe des Colonels - auch gerechnet haben. Jede Schutzmaßnahme für die Sicherheit des Pferdes wurde getroffen. John Straker, der Trainer, war früher Jockey und trug die Farben des Colonel, bis er zu schwerge wichtig wurde. Immerhin war er fünf Jahre Jockey für den Colonel und sieben Jahre Trainer. Immer war er ein ehrlicher und strebsamer Diener seines Herrn. Unter ihm dienen noch drei Burschen, denn der Stall ist klein und hat nur im ganzen vier Pferde. Abwechselnd müssen die jungen im Stall wachen, während die anderen darüber auf dem Boden schlafen. Alle drei Burschen sind guten Charakters. John Straker ist verheiratet und wohnt in einem kleinen Haus, das an die 150 Meter vom Stall entfernt ist. Er hat keine Kinder, hält ein Dienstmädchen, und es scheint ihm finanziell gutzugehen. Das umliegende Land ist sehr einsam, aber eine halbe Meile weiter nördlich befindet sich eine Gruppe von Häusern, die von der Firma Tavistock als Pensionärswohnungen gebaut worden sind oder für Leute, die Lust haben, die reine Dartmoor- Luft zu atmen. Tavistock selbst liegt zwei Meilen westlich, während jenseits des Moores, ebenfalls zwei Meilen weit entfernt, das große Trainingszentrum von Mapleton liegt. Dieses gehört Lord Backwater und wird von Trainer Silas Brown betreut. Ansonsten ist das Moor eine große Wildnis, bewohnt nur von ein paar herumziehenden Zigeunern. So war die Situation, als am letzten Montag die Katastrophe hereinbrach. Am Abend waren die Pferde wie üblich bewegt worden und hatten Wasser bekommen. Die Ställe wurden um neun Uhr verschlossen. Zwei der Burschen waren zum Haus des Trainers gegangen, wo sie ihr Abendessen bekommen hatten, während der dritte von ihnen, Ned Hunter, als Wächter im Stall zurückblieb. Ein paar Minuten nach neun brachte das Dienstmädchen, Edith Baxter, ihm sein Abendbrot in den Stall. Es gab ein Hammelcurrygericht. Zu trinken nahm sie ihm nichts mit. Es gibt eine Wasserleitung im Stall, und die Regel gilt, daß der wachthabende Bursche nichts außer Wasser trinkt. Das Mädchen trug eine Lampe bei sich, denn es war ein sehr dunkler Abend, und der Weg führte ein Stück durch das offene Moor hindurch.

Edith Baxter war wohl an die zwanzig Meter vom Stall entfernt, als plötzlich ein Mann aus der Dunkelheit auf sie zukam und sie zum Stehenbleiben zwang. Beim Schein ihrer Laterne konnte sie den Mann gut erkennen. Er schien ein Gentleman zu sein und trug einen Anzug aus grauem Tweed und eine Stoffmütze. Er hatte Gamaschen an den Beinen und einen dicken Knotenstock in der Hand. Was ihr jedoch am meisten auffiel, war die große Blässe in seinem Gesicht und seine extreme Nervosität. Sein Alter schätzte sie auf dreißig Jahre, eher ein wenig darüber als darunter.

>Können Sie mir sagen, wo ich mich hier befinde?< fragte er. >Ich habe mich verirrt und hatte mich schon entschlossen, im Moor zu übernachten, als ich zum Glück das Licht Ihrer Laterne sah.< >Sie befinden sich in der Nähe der King's-Pyland-Reitställe<, antwortete sie.

>Oh, wirklich? Welch glücklicher Zufall!< rief er. >Soviel ich gehört habe, schläft dort immer ein Stallbursche ganz allein im Stall. Ist es vielleicht sein Abendessen, das Sie ihm hintragen?

Nun, ich bin sicher, daß Sie nicht zu stolz sind, sich den Preis für ein neues Kleid zu verdienen, nicht wahr?< Er holte ein zusammengefaltetes weißes Papier aus der Tasche. >Bitte, geben Sie das dem Burschen, und Sie sollen das hübscheste Kleid haben, das man mit Geld kaufen kann.< Aber sie bekam Angst und lief an ihm vorbei zu dem Stallfenster, durch das sie dem Burschen das Essen reichen sollte. Es war schon geöffnet, und Hunter saß an einem kleinen Tisch im Stall.

Gerade hatte sie begonnen, ihm zu erzählen, was geschehen war, als der Fremde auch schon wieder auftauchte. >Guten Abend<, sagte er und schaute zum Fenster hinein. >Ich möchte gerne ganz kurz mit Ihnen reden.< Das Mädchen schwor, sie habe ein Stückchen des weißen Papieres aus seiner geschlossenen Hand herauslugen sehen.

>Was haben Sie hier zu suchen?< fauchte der Stallbursche. >Es ist etwas, was Ihnen vielleicht ein schönes Stück Geld einbringen kann. Zwei Pferde aus diesem Stall werden für den Wes-sex- Pokal rennen, Silver Blaze und Bayard. Geben Sie mir einen Tip, und Sie werden kein Verlierer sein. Stimmt es, daß der Stall diesmal auf Bayard gesetzt hat?< >Ah, du bist einer von den verdammten Schnüfflern, schrie der Bursche. >Ich werde dir schon sagen, wie wir auf King's Pyland mit ihnen fertig werden.< Damit war er aufgesprungen, durch den Stall gerannt und hatte den Hund losgemacht. Das Mädchen lief fort, ,dem Haus zu. Aber als es sich umdrehte, . lehnte der Fremde immer noch am Fenster und schaute hinein. Einen Augenblick später allerdings, als Hunter zum Stall hinausgelaufen kam, war der Fremde fort.

Obgleich er um das ganze Gebäude herumlief, konnte er keine Spur von ihm finden.«

»Einen Augenblick«, fragte ich. »Hat denn der Bursche, als er dem Fremden nachlief, die Stalltür offengelassen?«

»Ausgezeichnet, Watson, ganz ausgezeichnet!« murmelte mein Freund. »Dies ist ein Punkt von enormer Wichtigkeit, der mich so sehr beschäftigt hat, daß ich gestern deswegen ein Telegramm nach Dartmoor geschickt habe. Der Punkt ist aufgeklärt. Der Bursche hat den Stall verschlossen, bevor er sich auf die Suche nach dem Fremden machte. Ich möchte noch hinzufügen, daß das Fenster nicht groß genug ist, daß ein Mensch hindurchsteigen könnte.

Hunter wartete, bis seine Kollegen in den Stall zurückkehrten. Dann schickte er einen als Boten zum Trainer, um ihn zu informieren. Straker regte sich zwar ein wenig über den Zwischenfall auf, aber daß etwas wirklich Ernstes dahinterstecken könnte, schien ihm nicht in den Sinn zu kommen. Allerdings ließ ihn die Sache auch nicht ganz kalt. Als Mrs. Straker sehr früh in den ersten Morgenstunden aufwachte, war er dabei, sich anzuziehen. Sie fragte ihn, was denn los sei, und er meinte, er könne doch nicht schlafen und wolle im Stall einmal nach dem Rechten sehen.

Sie bat ihn, im Haus zu bleiben, denn der Regen schlug an das Fenster und der Wind fegte um das Haus. Aber so sehr sie auch bat, er zog seinen Regenmantel an und ging los.

Mrs. Straker wachte um sieben Uhr wieder auf und fand, daß ihr Mann immer noch nicht zurückgekehrt war. Sie zog sich nun selber schnell an, rief das Mädchen und ging zum Stall. Die Stalltür stand offen. Drinnen saß Hunter zusammengesunken am Tisch und war völlig betäubt.

Der Stall des Favoriten war leer und vom Trainer keine Spur zu entdecken.

Die beiden Burschen, die über den Ställen in einer kleinen Kammer schliefen, waren schnell wach. Während der Nacht hatten sie nichts gehört, denn sie sind feste Schläfer. Hunter stand offenbar noch unter der Wirkung einer starken Droge, es schien unmöglich, ihn zu wecken. So ließ man ihn schlafen, und die beiden Burschen und die Frau liefen, um Pferd und Trainer zu suchen. Sie hofften immer noch, daß der Trainer das Pferd zu einem Morgenritt herausgeholt hatte. In der Nähe des Hauses befindet sich ein kleiner Hügel, von dem aus man nach allen Seiten hin weit in das Moor sehen kann. Auch von dort oben konnten sie keine Spur von dem Favoriten entdecken, aber dafür etwas, was bei ihnen eine böse Vorahnung aufkommen ließ, daß sie sich auf eine Tragödie gefaßt machen mußten.

Etwa eine Viertelmeile von den Ställen entfernt flatterte John Strakers Regenmantel an einem Ginsterbusch. Genau dahinter ist eine kleine Mulde, und hier fanden sie den unglücklichen Trainer. Sein Schädel war durch einen furchtbaren Schlag mit einem stumpfen Gegenstand zerschme ttert. Ebenfalls hatte er am Oberschenkel eine lange Wunde, die ihm jemand mit einem scharfen Gegenstand beigebracht haben mußte, denn der Schnitt war sehr glatt. Straker muß sich verzweifelt gegen den Angreifer gewehrt haben, denn in seiner rechten Hand hielt er ein kleines Messer, das bis zum Griff mit verkrustetem Blut überzogen war. Mit der linken Hand hielt er einen schwarz-roten Seidenschal fest umklammert, den, wie das Mädchen aussagte, der Fremde am Abend vorher bei den Ställen getragen hatte. Als Hunter schließlich wach war, bestätigte er die Aussage des Mädchens, was den Schal betraf. Er meinte, der Fremde müsse, während er am Fenster stand, ihm sein Hammelcurry vergiftet haben, um den Wächter des Stalles auszuschalten.

Kommen wir zu dem vermißten Pferd. Hufabdrücke zeigen deutlich, daß das Pferd zur Zeit des Kampfes in der Mulde gewesen sein muß. Aber das Pferd blieb verschwunden. Es wurde eine große Belohnung ausgesetzt und alle Zigeunerlager durchsucht. Aber das Pferd blieb verschwunden. Die chemische Untersuchung der Abendmahlzeit des Jungen ergab, daß eine erhebliche Menge Opiumpulver im Essen enthalten war. Die Leute im Haus hatten auch von diesem Gericht gegessen, ohne allerdings irgendwelche Nebenwirkungen zu spüren. Das sind die nackten Tatsachen dieses Falles, wenn man alle Hypothesen wegläßt. Und jetzt will ich rekapitulieren, was die Polizei inzwischen in der Sache unternommen hat: Inspektor Gregory, der den Fall übertragen bekommen hat, ist ein tüchtiger Beamter. Wenn er nur ein bißchen Fantasie hätte, könnte er bis in die höchsten Ränge seines Berufes aufsteigen. Als er ins Moor kam, hat er zunächst einmal sofort den Mann, der inzwischen von allen verdächtigt worden war, gefunden und verhaftet. Er hatte es aber auch nicht sonderlich schwe r, ihn zu finden, denn er wohnt in einer der kleinen Villen, von denen ich vorhin gesprochen habe. Sein Name ist, wie sich herausstellte, Fitzroy Simpson. Dieser Mann kommt aus einer guten Familie und hat eine ordentliche Erziehung genossen. Er hat ein ganzes Vermögen beim Pferderennen verloren. Nun führt er ein ruhiges, zurückgezogenes Leben. Ab und zu betätigt er sich als Buchmacher bei einigen der Londoner Clubs. Bei der Untersuchung seiner Wettbücher stellte sich heraus, daß er eine Summe von fünftausend Pfund gegen den Favoriten gesetzt hatte. Bei der Verhaftung gab er zu, daß er nach Dartmoor gekommen sei, um sich ein paar Informationen wegen der King's-Pyland-Pferde einzuhandeln. Er war aber auch wegen Desborough, dem zweiten Favoriten, gekommen, der von Silas Brown in den Mapleton-Ställen betreut wird. Er machte nicht einmal den Versuch zu leugnen, was er an dem betreffenden Abend im Stall vorgehabt hatte. Und doch bleibt er bei der Behauptung, er habe nichts Böses im Schilde geführt, sondern nur ein paar Informationen kaufen wollen. Als man ihm den Schal zeigte, wurde er totenblaß, aber er hatte scheinbar keine Ahnung, wie er in die Hand des ermordeten Mannes geraten war. Seine nasse Kleidung bewies, daß er am Abend vorher ebenfalls im Regen unterwegs gewesen war. Sein Stock hatte übrigens einen mit Blei beschwerten Knauf, gerade der richtige Gegenstand, um eine so schreckliche Verletzung zu bewirken, an der der Trainer gestorben ist. Andererseits war der Mann nicht verletzt, während doch der Zustand von Strakers Messer ganz klar bewies, daß er seinem Gegner mindestens eine Wunde beigebracht haben mußte. Ja, das wären also die Fakten, Watson, und wenn Sie mir bei der Aufklärung helfen könnten, müßte ich Ihnen ewig dankbar sein.«

Holmes hatte mir seinen Bericht in der ihm eigenen Genauigkeit und Klarheit vorgelegt, und ich hatte aufmerksam zugehört. Obgleich mir die meisten Fakten bekannt waren, hatte ich ihrer relativen Bedeutung zuwenig Gewicht beigemessen und die Verbindung zwischen den einzelnen Gliedern zuwenig gesehen.

» Wäre es nicht möglich«, schlug ich vor, »daß Straker sich die Wunde selber beigebracht hat, z.

B. als er die Schläge auf den Kopf bekam und er sich wehrte und kämpfte, aber nicht mehr recht wußte, gegen wen?«

»Das ist sogar mehr als möglich, es kann durchaus so gewesen sein«, sagte Holmes, »aber damit fiele der Hauptentlastungspunkt für den Angeklagten weg.«

»Und doch«, meinte ich, »begreife ich auch jetzt noch nicht, welcher Theorie die Polizei hier folgt.«

»Ich fürchte, daß jede Theorie auch vieles hat, was gegen sie spricht«, antwortete mein Freund.

»Ich glaube, daß die Polizei der Meinung ist, Fitzroy Simpson hat dem Burschen die Droge eingeflößt. Irgendwie muß er sich einen Nachschlüssel zu den Ställen besorgt haben, die Stalltür geöffnet und das Pferd herausgeführt haben. Das Sattelzeug fehlt. So muß Simpson es wohl genommen haben. Die Stalltür hat er hinter sich offengelassen. Als er das Pferd fortführte, muß Straker ihn entweder getroffen oder überholt haben. Simpson erschlug den Trainer, ohne daß dieser von dem sich wild wehrenden Trainer eine Wunde abbekommen hat. Dann hat der Dieb das Pferd an einen geheimen Platz gebracht, oder es hat sich beim Kampf losgerissen und treibt sich nun herrenlos auf dem Moor herum. So etwa sieht der Fall in den Augen der Polizei aus. Die Theorie erscheint zwar ziemlich un- möglich, aber jede andere wäre noch unmöglicher. Wie dem aber auch immer ist, ich werde mich um die Sache kümmern, sobald wir nur erst dort sind. Und bis wir dort ankommen, gibt es weiter nichts mehr zu sagen.«

Bevor wir die kleine Stadt Tavistock erreichten, war der Abend hereingebrochen. Das Städtchen liegt, wie der erhöhte Buckel Teil eines Schildes, genau in der Mitte des großen Kreises Dartmoor. Zwei Herren erwarteten uns am Bahnhof. Einer von ihnen war ein stattlicher blonder Mann mit einer Löwenmähne und einem Bart und hatte neugierig blickende Augen. Der andere war eine kleine, agile Person, die in Frack und Gamaschen reichlich geleckt aussah. Er trug einen gutgeschnittenen, kleinen Bart und eine Brille. Letzterer war Colonel Ross, der bekannte Sportsmann, und sein Begleiter Inspektor Gregory, ein Mann, der gerade dabei war, sich im Geschwindschritt in der Detektivabteilung von Scotland Yard einen Namen zu machen.

»Ich freue mich, daß Sie hergekommen sind, Mr. Holmes«, sagte der Colonel. »Der Inspektor hier hat zwar getan, was er konnte, aber ich möchte alles aufbieten, um meinen armen Straker zu rächen und mein Pferd wiederzubekommen.«

»Hat sich irgend etwas Neues ergeben?« fragte Holmes. »Es tut mir leid, aber wir kommen wirklich schlecht voran«, sagte der Inspektor. »Wir haben einen offenen Wagen vor dem Bahnhof bereitstehen, denn sicherlich möchten Sie sich gerne hier am Platz umsehen, bevor die Dunkelheit einsetzt. Wir können den Fall ja während der Fahrt besprechen.«

Ein paar Minuten später hatten wir in einem behäbigen Landauer Platz genommen und preschten durch das hübsche alte Devonshire-Städtchen. Für Inspektor Gregory schien es nichts außer seinem Fall zu geben, und er redete pausenlos von der Untersuchung, während Holmes ihm hin und wieder eine Frage stellte. Colonel Ross hatte die Arme gekreuzt, den Hut über die Augen gezogen und sich auf seinem Sitz zurückgelehnt. Ich lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Bericht der beiden Detektive. Gregory stellte seine Theorie vor, die fast die gleiche war, die Holmes mir vorhin schon im Zug entwickelt hatte.

»Das Netz um Fitzroy Simpson ist eng gezogen«, bemerkte er, »und ich bin auch ganz sicher, daß er der Täter ist. Gleichzeitig muß ich allerdings zugeben, daß es reine Indizienbeweise sind. Jede neue Entwicklung kann sie über den Haufen werfen.« »Was ist mit Strakers Messer?«

»Wir sind fast zu der Überzeugung gelangt, daß er sich die Wunde beim Fall selber beigebracht hat.«

»Mein Freund, Dr. Watson, machte auf der Fahrt hierher schon eine ähnliche Bemerkung. Wenn dem so wäre, sähe es schlecht aus für Simpson.«

»Zweifellos. Er hat weder einen Messerstich noch irgendeinen Kratzer abbekommen. Der Verdacht richtet sich eindeutig gegen ihn. Er hatte ein großes Interesse am Verschwinden des Favoriten. Der Verdacht liegt nahe, daß er dem Stallburschen das Opium beigebracht hat. Ganz gewiß war er an dem Abend im Regen unterwegs. Er hatte einen schweren Stock bei sich, und sein Schal wurde in der Hand des Toten gefunden. Ich glaube, wir haben genug, um ihn vor den Richter zu bringen.«

Holmes schüttelte seinen Kopf. »Ein tüchtiger Verteidiger kann alle diese Beweise in Fetzen reißen«, meinte er. »Warum sollte er das Pferd aus dem Stall holen? Wenn er es verletzen wollte, warum tat er es dann nicht an Ort und Stelle? Ist ein Zweitschlüssel bei ihm gefunden worden?

Welcher Apotheker hat ihm das Opium verkauft? Und das Wichtigste: Wo kann er, der fremd in der Gegend ist, das Pferd verstecken, ein solches Pferd noch dazu? Wie erklärt er selber das Papier, das das Mädchen auf seine Bitte hin dem Stallburschen geben sollte?«

»Er sagte, es handelte sich um eine Zehnpfundnote. Wir haben sie auch in seiner Brieftasche gefunden. Aber Ihre anderen Einwände sind nicht so stichhaltig, wie sie aussehen. Er ist gar nicht so fremd in dieser Gegend. Er hat in diesem Sommer zweimal eine Zeitlang in Tavistock gewohnt. Das Opium hat er sicherlich aus London mitgebracht. Den Schlüssel hat er, als er ausgedient hatte, möglicherweie weggeworfen. Und das Pferd kann sich unten in einem dieser Minenschächte befinden.« »Was sagt er von seinem Schal?«

»Er gibt zu, daß es seiner ist, und behauptet, er hätte ihn verloren. Aber inzwischen hat sich etwas Neues ergeben, was darauf hinweist, daß er das Pferd aus dem Stall herausgeführt hat.« Holmes spitzte die Ohren.

»Wir haben Spuren gefunden, die beweisen, daß in jener Nacht Zigeuner etwa eine Meile von dem Mordplatz entfernt kampiert haben. Am Dienstag waren sie verschwunden. Nun, wenn wir einmal annehmen, daß diese Zigeuner mit Simpson zusammengearbeitet haben, dann ist es schon gut möglich, daß er das Pferd zu ihnen bringen wollte und dabei überholt wurde. Möglicherweise haben die Zigeuner es nun.«

»Möglich wäre es schon.«

»Das ganze Moor ist nach diesen Zigeunern abgesucht worden. Ebenso haben wir jeden Stall und jeden Schuppen in Tavistock in einem Umkreis von zehn Meilen durchsucht.«

»Es gibt doch ganz in der Nähe noch einen zweiten Trainingsstall, nicht wahr?«

»Ja, und das ist eine Tatsache, die wir bestimmt nicht vernachlässigen dürfen. Ihr Pferd Desborough ist der zweite Favorit auf der Liste, und so hatten auch sie sicherlich ein Interesse am Verschwinden des Favoriten. Silas Brown hat hohe Wettsummen eingesetzt, und ein Freund von dem armen Straker ist er ganz gewiß nicht. Aber wir haben seine Ställe durchsucht. Da ist nichts, was auf eine Verbindung zu dem Fall hinweisen könnte.«

»Wäre es vielleicht möglich, daß Simpson im Interesse des Pferdes gehandelt haben könnte? Gibt es einen Hinweis dafür? «

»Absolut nichts.«

Holmes lehnte sich auf seinem Sitz zurück, und das Gespräch verebbte. Ein paar Minuten später hielt der Kutscher vor einer hübschen kleinen Villa, die, aus roten Backsteinen erbaut, dicht an der Straße stand. In einiger Entfernung, hinter einer Koppel, wurde ein langes, graues Nebengebäude sichtbar. Nach jeder Richtung hin dehnte sich Es unendliche Moor, dem der herbst-braune Farn jetzt eine bronzene Farbe verliehen hatte. Der Horizont wurde nur unterbrochen von ein paar weit entfernten Türmen, die von Tavistock herüberschauten.

Außerdem erkannte man in der Ferne eine Reihe von Gebäuden, die wir als die Mapleton-Ställe identifizierten. Wir sprangen aus dem Wagen. Nur Holmes blieb in seiner ursprünglichen Haltung bequem im Wagen zurückgelehnt sitzen und hatte die Augen auf den Himmel vor sich gerichtet. Er schien völlig gefangengenommen von seinen eigenen Gedanken. Erst als ich ihn anstieß, schreckte er auf und kletterte eilig aus dem Wagen.

»Sie müssen mich entschuldigen«, sagte er zu Colonel Ross, der ihn mit einigem Erstaunen ansah, »ich habe geträumt.« In seinen Augen war ein seltsames Funkeln, und seine Bewegungen verrieten mir, der ich ihn so gut kannte, unterdrückte Erregung. Ich war überzeugt, daß er einen Hinweis in der Hand hielt. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, was es sein konnte.

»Möchten Sie sich gleich zum Tatort begeben, Mr. Holmes?« fragte Gregory.

»Ich möchte hier bleiben und mit ein oder zwei Fragen ins Detail gehen. Ich nehme an, daß man Straker hierher gebracht hat?

»Ja, er liegt oben. Die Untersuchung findet morgen statt.« »Er ist einige Jahre in Ihrem Dienst gewesen, Colonel?«

»Ja, er war ein ganz ausgezeichneter Angestellter.«

»Inspektor, Sie haben doch sicherlich ein Inventar zusammen gestellt von den Sachen, die man nach seinem Tode in seinen Taschen gefunden hat?«

»Ich habe alle Sachen hier selber im Wohnzimmer ausgelegt. Wenn Sie sie sich ansehen wollen?«

»Das will ich gerne tun.« Wir gingen hintereinander in den vorderen Raum und setzten uns um einen runden Tisch, wäh rend der Inspektor einen schwarzen Kasten aufschloß und ein Häuflein von kleineren Gegenständen vor uns ausbreitete. Da waren eine Schachtel Streichhölzer, eine fünf Zentimeter lange Kerze, eine Pfeife, ein Tabaksbeutel aus Seehundsfell, der eine halbe Unze geschnittenen Cavendish-Tabak enthielt, eine silberne Uhr an einer goldenen Kette, fünf Goldstücke, eine Federtasche aus Aluminium, ein paar Papiere und ein Messer mit einem elfenbeinernen Griff und einer sehr feinen, unbiegsamen Schneide, die mit >Weiss and Co., London< markiert war.

»Das ist mal ein merkwürdiges Messer«, sagte Holmes, hob es auf und untersuchte es gründlich.

»Es sind noch Blutflecken dran. Daraus schließe ich, daß es dieses Messer war, welches der Tote in der Hand gehalten hatte? Watson, diese Art Messer sollten Sie kennen! «

»Es ist ein Seziermesser«, sagte ich.

»Das hab' ich mir doch gedacht. Eine feine Schneide für eine feine Arbeit. Ein merkwürdiges Instrument für einen Mann, der sich auf einer rauhen Expedition befindet. Dabei konnte er es nicht einmal in die Tasche stecken.«

»Die Spitze war durch einen Korken geschützt, den haben wir neben der Leiche gefunden. Seine Frau erzählte, sie habe das Messer auf seinem Frisiertisch liegen sehen. Er habe es mitgenommen, als er das Haus verließ. Eine armselige Waffe, aber sicherlich das Beste, was er in diesem Augenblick zur Hand hatte. « »Gut möglich. Was sind das für Papiere?«

»Drei davon sind quittierte Rechnungen von einem Heuhändler. Ein Brief mit Instruktionen von Mr. Ross ist dabei, und dann ist da noch eine Rechnung eines Modegeschäftes über siebenunddreißig Pfund und fünfzehn Shillinge, ausgestellt von Madame Lesurier aus der Bond Street, an einen William Derbyshire. Mrs. Straker erzählt uns, daß dies ein Freund ihres Mannes sei, dessen Briefe und Rechnungen manchmal an ihre Adresse gesandt werden. «

»Mrs. Derbyshire hat einen recht teuren Geschmack«, bemerkte Holmes. Er sah die Rechnung gedankenvoll an. »Zweiundzwanzig Guineen für ein einziges Kleid ist eine ganz hübsche Summe. Na ja, mehr gibt es wohl im Augenblick nicht her. Dann wollen wir uns mal zum Tatort begeben.«

Als wir das Wohnzimmer verließen, kam eine Frau auf uns zu, die im Flur gewartet zu haben schien. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Inspektors. Ihr schmales Gesicht war blaß. Man sah deutlich die Spuren des ausgestandenen Schreckens. »Haben Sie sie? Haben Sie sie endlich gefaßt?« fragte sie atemlos.

»Nein, Mrs. Straker, aber Mr. Holmes aus London ist zu uns gekommen und wird uns helfen. Wir werden tun, was wir können. «

»Habe ich Sie nicht vor kurzem in Plymouth auf einer Gartenparty getroffen, Mrs. Straker?«

fragte Holmes.

»Nein, da müssen Sie sich irren.«

»Liebe Zeit, und ich hätte darauf schwören können! Sie trugen ein Kleid aus taubenblauer Seide, mit Pfauenfedern abgesetzt. «

»Ein solches Kleid habe ich niemals besessen«, antwortete die junge Frau. »Ah, dann ist das klar!« sagte Holmes. Mit einer Entschuldigung folgte er dem Inspektor nach draußen. Ein kurzer Gang über das Moor brachte uns zu der Mulde, in der die Leiche gefunden worden war. Am Rand der Mulde befand sich auch der Ginsterbusch, in dem sich der Mantel des Trainers verfangen hatte.

»War die Nacht eigentlich sehr windig?« fragte Holmes. »Nein, gar nicht sonderlich windig, nur der Regen war sehr heftig. «

»In diesem Fall kann der Mantel nicht hierher geweht worden sein. Dann muß er ihn hier abgelegt haben.«

»Ja, er lag quer über dem Busch.«

»Das ist wirklich interessant. Ich nehme wahr, daß auf diesem Boden ziemlich viel herumgetrampelt worden ist. Zweifellos sind viele Füße seit Montag hier gewesen. «

»Nein, nein, wir haben hier eine Matte ausgelegt und haben alle darauf gestanden. Der Boden wurde nicht weiter berührt.«

»Ausgezeichnet.«

»Und in diesem Beutel hier habe ich einen der Stiefel, die Straker getragen hat, und einen Schuh von Fitzroy und einen Hufabdruck des Pferdes.«

»Mein lieber Inspektor, Sie übertreffen sich selbst!«

Holmes nahm den Beutel und ging zu der Mulde, dann schob er die Matte ein wenig mehr der Mitte des Platzes zu und legte sich bäuchlings darauf. Er stützte sein Kinn mit der Hand ab und untersuchte den zertrampelten Boden sehr sorgfältig.

»Hallo«, sagte er plötzlich. »Was ist das?« Er hatte ein halb abgebranntes Streichholz gefunden.

Es war so mit Schlamm überzogen, daß man es für ein Stückchen Holz hätte halten können.

»Wie habe ich das nur übersehen können! « rief der Inspektor. Seine Stimme klang ärgerlich.

»Es war fast unsichtbar, halb im Schlamm versteckt. Ich habe es nur ge funden, weil ich danach suchte.«

»Wieso haben Sie erwartet, dies da zu finden?«

»Für unwahrscheinlich hielt ich es nicht.«

Er nahm den Stiefel aus dem Beutel und verglich ihn mit den Fußspuren auf dem Boden. Dann kletterte er wieder hoch an den Rand der Mulde und begann, in den Farnen und Büschen herumzukriechen.

»Ich fürchte, daß Sie dort keine Spuren mehr finden werden«, sagte der Inspektor. »Ich habe den Boden gute hundert Meter in jeder Richtung untersucht.«

»Wirklich?« rief Sherlock Holmes und erhob sich. »Ich werde nicht so bösartig sein und noch einmal hier zu suchen beginnen, nachdem Sie es bereits gemacht haben. Aber ich möchte gerne ein Stückchen ins Moor gehen, bevor es dunkel wird, damit ich morgen ein wenig vertrauter mit der Umgebung bin. Und diesen Pferdehuf werde ich mal als Glücksbringer in die Tasche stecken.

«

Colonel Ross, der beim Anblick der methodischen Arbeit meines Freundes Anzeichen von Ungeduld gezeigt hatte, sah auf die Uhr. »Es wäre mir lieb, wenn Sie jetzt mit mir kämen, Inspektor«, sagte er, »denn es gibt ein paar Punkte, wo ich Ihren Rat gebrauchen könnte. Ich möchte vor allem gerne wissen, ob wir das Pferd von der Rennliste streichen lassen sollen. Sind wir das dem Publikum schuldig?«

»Aber ganz gewiß nicht!« rief Holmes entschieden aus. »Ich würde den Namen des Pferdes ganz gewiß auf der Liste lassen. «

Der Colonel verbeugte sich. »Vielen Dank für den Rat, Sir«, sagte er. »Wenn Sie Ihren Spaziergang beendet haben, treffen wir uns in dem Haus des armen Straker. Wir können dann zusammen nach Tavistock zurückfahren.«

Er ging mit dem Inspektor zurück, während Holmes und ich gemächlich über das Moor wanderten. Hinter den Ställen von Mapleton begann die Sonne zu sinken, und die große, hügelige Wüste war in goldenes Licht getaucht, das dort, wo die Farne und Ginsterbüsche das Licht aufnahmen, zu einem rötlichen Braun wurde. Aber mein Freund sah nichts von der Herrlichkeit der Natur. Er war in tiefe Gedanken versunken.

»Wir machen es so, Watson«, sagte er schließlich, »wir lassen die Frage, wer der Mörder John Strakers ist, erst einmal beiseite und gehen der Frage nach, was aus dem Pferd geworden ist.

Nehmen wir einmal an, es riß während der Tragödie hier aus. Wohin kann es gelaufen sein? Ein Pferd ist ein Herdentier. Es würde doch immer wieder zu seinem eigenen Stall zurücklaufen.

Wenn es seinem eigenen Instinkt gefolgt wäre, hätte es entweder zu seinem eigenen Stall zurückkehren oder zu den Ställen nach Mapleton hinüberlaufen müssen. Warum sollte es im wilden Moor herumlaufen? Außerdem müßte es bis jetzt schließlich einmal jemand gesehen haben. Und warum sollten Zigeuner es stehlen? Diese Leute nehmen immer Reißaus, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt, denn sie haben nicht gerne Ärger mit der Polizei. Außerdem ist ein solches Pferd kaum verkäuflich. Sie würden ein großes Risiko eingehen und nichts gewinnen.

Das sollte doch wirklich jedem klar sein.«

»Wo kann das Pferd aber dann sein?«

»Ich habe bereits gesagt, daß es entweder nach King's Pyland zurückgekehrt ist oder aber nach Mapleton gelaufen ist. Es ist aber nicht in King's Pyland. Also ist es in Mapleton. Lassen Sie uns das als Arbeitshypothese einmal festhalten und sehen, wohin das führt. Dieser Teil des Moores ist, wie der Inspektor ganz richtig bemerkte, hart und trocken. Aber es hat ein ziemliches Gefälle in Richtung Mapleton. Sie können von hier aus den tiefeingeschnittenen Graben erkennen. Dort muß es am Montag sehr naß gewesen sein. Wenn wir mit unserer Hypothese recht haben, dann muß das Pferd an der Stelle durchgekommen sein. Darum sollten wir dorthin gehen und dort nach Pferdespuren suchen.«

Während dieser Unterhaltung waren wir zügig vorangeschritten, und ein paar Minuten später befanden wir uns an diesem Graben. Holmes bat mich, auf der rechten Seite zu suchen, während er die linke absuchte. Aber ich hatte die Strecke noch keine fünfzig Meter weit abgesucht, als ich ihn rufen hörte. Er winkte mich mit der Hand heran. In der feuchten Erde vor ihm waren die Hufspuren deutlich zu erkennen. Das Hufeisen, das er aus der Tasche nahm, paßte genau in die Spur.

»Hier sehen Sie den Wert der Fantasie«, sagte Holmes. »Es ist die einzige Qualität, die unserem Gregory fehlt. Wir haben uns vorgestellt, was hätte passieren können, verhielten uns entsprechend unserer Annahme und fanden, daß wir recht hatten. Wir wollen weitergehen.«

Wir durchquerten den marschigen Grund und gingen eine Viertelmeile auf trockenem, hartem Boden dahin. Dann fiel der Boden wieder ab. Und wieder hatten wir die Spuren. Wir verloren sie für etwa eine halbe Meile und fanden sie dann wieder, als wir uns Mapleton näherten. Holmes hatte sie als erster gesehen und wies mit triumphierendem Gesicht darauf. Die Spur von menschlichen Schuhen wurde neben den Pferdehufen sichtbar. »Vorher war das Pferd allein«, rief ich.

»Richtig, vorher war das Pferd allein. Hallo, was haben wir denn hier?« Die doppelte Spur kehrte scharf um und führte nun in Richtung von King's Pyland. Holmes pfiff, und wieder folgten wir der Spur. Seine Augen waren nur auf diese Fährte gerichtet, aber ich erlaubte mir, auch ein klein wenig zur Seite zu sehen, und da bemerkte ich zu meiner großen Überraschung, daß die gleichen Spuren auch in der entgegengesetzten Richtung weiterliefen.

»Ein Pluspunkt für Sie, Watson«, sagte Holmes, als ich ihn darauf hinwies. »Sie haben uns einen langen Marsch erspart, der uns auf unsere eigene Spur zurückgeführt haben würde. Wir wollen jetzt der Rückspur folgen.«

Wir brauchten nicht weit zu gehen, die Spur endete auf einem asphaltierten Platz, der in die Ställe von Mapleton führte. Als wir näherkamen, lief uns ein Stallbursche entgegen. »Wir wollen hier niemanden haben, der hier herumlungert«, rief er.

»Ich möchte ja nur eine Frage stellen«, sagte Holmes und steckte Daumen und Zeigefinger in die Taschen seiner Weste. »Sollte es zu früh sein, wenn ich Ihren Meister, Silas Brown, morgen früh um fünf besuchen käme?«

»Himmel, Sir, wenn einer früh aufsteht, dann ist er es. Er ist immer der erste im Stall. Aber hier ist er schon, und Sie können ihm Ihre Frage selber stellen. Nein, Sir, ich wäre meinen Platz hier los, wenn ich Geld von Ihnen nähme. Hinterher, wenn Sie mögen. «

Sherlock Holmes steckte die halbe Krone, die er aus der Westentasche genommen hatte, wieder ein. Ein böse dreinblickender Mann mit der Reitpeitsche in der Hand stand am Tor.

»Was soll das, Dawson?« rief er. »Kein Herumgetratsche! Es gibt schließlich Arbeit zu tun. Und Sie, was zum Teufel wollen Sie hier?«

»Zehn Minuten mit Ihnen reden, mein lieber Sir«, sagte Holmes mit seiner allersanftesten Stimme.

»Ich habe keine Zeit, mit jedem Dahergelaufenen zu reden. Verschwinden Sie, oder ich mache Ihnen Beine!«

Holmes beugte sich vor und flüsterte dem Trainer etwas ins Ohr. Der schrak heftig zusammen und wurde über und über rot. »Das ist eine Lüge! « schrie er. »Eine schreckliche, infame Lüge! «

»Sehr gut! Wollen wir das hier in aller Öffentlichkeit diskutieren oder doch lieber in Ihrem ruhigen Wohnzimmer?«

»Oh, kommen Sie mit, wenn das unbedingt sein muß!« Holmes lächelte. »Ich werde Sie nicht länger als ein paar Minuten war ten lassen, Watson«, sagte er. »Und nun, Mr. Brown, stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.«

Zwanzig Minuten dauerte es, und inzwischen hatte sich das Rot des Sonnenunterganges in Grau verwandelt, als endlich Sherlock Holmes und der Trainer wieder erschienen. Niemals habe ich jemanden gesehen, dessen Gesicht sich in kurzer Zeit mehr verändert hatte, wie das von Silas Brown. Es war aschgrau.

Schweißperlen standen auf seinen Brauen, und seine Hand zitterte so sehr, daß die Reitpeitsche einem Espenlaub im Wind ähnlich sah. Seine hochmütige, polternde Art war wie weggeblasen.

Wie ein geprügelter Hund an der Seite seines Herrn, so schlich er neben meinem Freund dahin.

»Ihre Instruktionen werden ausgeführt. Es wird alles so geschehen, wie Sie es angeordnet haben«, sagte er.

»Es darf Ihnen kein Fehler unterlaufen«, sagte Holmes und sah sich um. Der andere wand sich stöhnend, als er die Drohung in seinem Blick las.

»O nein, es wird kein Fehler passieren. Ich werde dort sein. Soll ich es gleich ändern lassen oder erst später? «

Holmes dachte ein wenig nach und brach dann in Gelächter aus.

»Nein«, sagte er, »tun Sie das nicht. Ich werde deswegen an Sie schreiben. Und bitte, keine Tricks!«

»Oh, Sie können sich auf mich verlassen, Sie können sich ganz sicherlich auf mich verlassen!«

»ja, ich denke schon, daß ich das kann. Gut, Sie hören morgen von mir. «

Er drehte sich auf dem Absatz um und beachtete die zitternde Hand nicht einmal, die der andere ihm hinhielt. Wir machten uns auf den Weg nach King's Pyland.

»Eine solch perfekte Mischung aus Schreihals, Feigling und Schleicher wie Meister Silas Brown habe ich auch noch nicht getroffen«, sagte Sherlock Holmes, als wir so nebeneinander dahergingen.

»Also, hat er das Pferd?«

»Er hat versucht, mich zu bluffen. Aber ich habe ihm so genau beschrieben, was er an jenem Morgen gemacht hat, daß er jetzt überzeugt ist, daß ich ihn beobachtet habe. Natürlich haben Sie, genau wie ich, bemerkt, daß bei den Fußspuren die Zehen der Stiefel besonders breit ausgearbeitet sind. Das sind genau seine Stiefel. Sie passen absolut in die Spur. Andererseits würde niemals einer der Untergebenen ein solches Stückchen gewagt haben. Ich habe ihm beschrieben, wie er seiner Gewohnheit gemäß als erster am Morgen auf der Bildfläche erschien und plötzlich ein fremdes Pferd im Moor hat herumirren sehen. Er ging nachsehen und stellte voller Staunen fest, daß dieses den besonderen weißen Flecken auf der Stirn hat, der dem Favoriten seinen Namen gegeben hat. Der Zufall hatte das einzige Pferd, das seinen eigenen Favoriten überholen konnte, in seine Hände gespielt. Auf sein eigenes Pferd hatte er inzwischen eine hohe Wettsumme gesetzt. Dann habe ich ihm beschrieben, wie er, einem Impuls gehorchend, zunächst das Pferd zurück nach King's Pyland habe zurückführen wollen und wie der Teufel ihm dann eingegeben habe, das Pferd zu verstecken, bis das Rennen vorüber war. Er hat es dann nach Mapleton zurückgebracht, wo er es auch wirklich versteckt hat. Als ich ihm so jede Einzelheit beschrieben habe, hat er aufgegeben und dachte schließlich nur noch daran, seine eigene Haut zu retten.«

»Aber die Ställe sind doch durchsucht worden.«

»Oh, so ein alter Pferdehändler wie er hat schon seine Tricks.«

»Aber haben Sie denn keine Angst, das Pferd in der Macht eines Menschen zu lassen, der ihm doch ganz offensichtlich übel will?«

»Mein lieber Mann, er wird es hüten wie seinen eigenen Augapfel. Er weiß, daß seine einzige Chance auf Gnade darin besteht, daß dem Pferd nichts passiert.«

»Colonel Ross sieht nicht aus wie ein Mann, der sonderlich gnädig mit seinen Gegnern verfährt.«

»Diese Sache geht nicht nur Colonel Ross an. Ich folge meinen eigenen Methoden und erzähle soviel oder sowenig, wie ich es selber für richtig halte. Das ist der Vorteil, wenn man ein Privatdetektiv ist. Ich weiß nicht, ob Sie es auch bemerkt haben, Watson, aber das Gehabe des Colonels ist mir ein klein wenig zu hochmütig gewesen. Ich habe Lust, mich ein bißchen auf seine Kosten zu amüsieren. Erzählen Sie ihm nichts von dem Pferd.«

»Ganz gewiß nicht ohne Ihre Erlaubnis.«

»Und natürlich ist dies auch eine untergeordnete Sache im Vergleich zu der Frage, wer den armen Straker ermordet hat. »Und das wollen Sie jetzt herausfinden?«

»Im Gegenteil, Sie und ich werden mit dem Nachtzug nach London zurückfahren.«

Bei diesen Worten meines Freundes war ich wie vom Donner gerührt. Wir waren erst seit ein paar Stunden in Devonshire. Daß er eine Untersuchung, die so erfolgreich begonnen hatte, aufgeben wollte, überstieg mein Verständnis. Aber aus meinem Freund bekam ich weiter kein Wort heraus, bis wir vor dem Haus des Trainers angelangt waren. Der Colonel und der Inspektor erwarteten uns im Wohnzimmer.

»Mein Freund und ich kehren mit dem Nachtzug nach London zurück«, verkündete Holmes. »Es war sehr hübsch, die gute Luft in Dartmoor zu schnuppern.«

Der Inspektor öffnete die Augen weit, und die Lippen des Colonels verzogen sich zu einem bösen Lächeln.

»Sie wollen also Strakers Mörder nicht verhaften?« fragte er. Sherlock Holmes zuckte die Schultern. »Es sind da gewisse Schwierigkeiten im Weg«, sagte er. »Ich hoffe jedoch, daß Ihr Pferd am Dienstag rennen wird. Sie sollten Ihren Jockey bereithalten. Darf ich um ein Foto von Mr. John Straker bitten?«

Der Inspektor zog eines aus dem Umschlag und gab es ihm. »Mein lieber Gregory, Sie kommen allen meinen Wünschen so freundlich nach. Darf ich Sie bitten, hier einen Augenblick zu warten, denn ich möchte gerne ein paar kurze Fragen an das Dienstmädchen richten.«

»Ich muß sagen, daß mich Ihr Mann aus London ziemlich enttäuscht«, sagte der Colonel ziemlich unhöflich, als mein Freund das Zimmer verlassen hatte. » Ich sehe nicht, daß wir auch nur einen einzigen Schritt weitergekommen wären.«

»Wenigstens haben Sie die Zusicherung, daß Ihr Pferd rennen wird«, sagte ich.

»Ja, die Zusicherung«, sagte der Colonel mit einem Schulterzucken. »Ich würde es vorziehen, wenn das Pferd schon in meinem Stall stände.«

Gerade wollte ich wieder ansetzen, meinen Freund zu verteidigen, als er auch schon wieder ins Zimmer kam.

»Nun, meine Herren« , sagte er, »ich bin bereit, nach Tavistock zu fahren.«

Wir bestiegen den Wagen, während einer der Stallburschen uns den Schlag aufhielt. Holmes schien eine plötzliche Eingebung zu haben, denn er beugte sich vor und zupfte den Burschen am Ärmel.

»Ihr habt ein paar Schafe auf der Koppel, wer versorgt sie?«

»Das mache ich, Sir.«

»Haben Sie irgend etwas an ihnen bemerkt, das nicht so ganz in Ordnung wäre?«

»Nicht viel, Sir, nur drei oder vier von ihnen sind ein wenig lahm.«

Ich sah, daß Sherlock Holmes plötzlich sehr vergnügt war. Er lachte in sich hinein und rieb sich die Hände in offensichtlicher Freude.

»Ein langer Schuß, Watson, ein sehr langer Schuß«, sagte er und kniff mich in den Arm.

»Gregory, darf ich Sie auf diese merkwürdige Epidemie unter der Schafherde aufmerksam machen. Fahren Sie los, Kutscher!«

Colonel Ross hatte immer noch den verächtlichen Ausdruck im Gesicht, der sehr deutlich zeigte, wie wenig er von der Genialität meines Freundes hielt. Aber das Gesicht des Inspektors sah plötzlich interessiert und fragend aus.

»Halten Sie das für wichtig?« »Für sehr wichtig sogar.«

»Gibt es etwas, worauf ich besonders achten sollte?«

»Ja, auf das merkwürdige Betragen des Hundes in der Mordnacht. «

»Der Hund hat aber in der Nacht nichts gemacht.«

»Das ist ja gerade das Merkwürdige«, sagte Sherlock Holmes. Vier Tage später befanden Sherlock Holmes und ich uns in der Eisenbahn nach Winchester, um uns das Rennen um den Wessex-Pokal anzusehen. Wir hatten uns mit Colonel Ross verabredet, der uns vom Bahnhof abholte. In seinem Wagen fuhren wir zum Rennplatz, der etwas außerhalb der Stadt lag. Seine Miene war ernst, und er behandelte uns kühl. »Von meinem Pferd habe ich inzwischen weder etwas gesehen noch gehört«, sagte er.

»Ich nehme an, daß Sie es erkennen, wenn Sie es sehen?« fragte Sherlock Holmes.

Der Colonel war sehr ungehalten. »Ich habe seit zwanzig Jahren mit der Rennbahn zu tun, aber eine solche Frage ist mir noch nicht gestellt worden«, sagte er. »Ein Kind könnte Silver Blaze an seiner weißen Stirn und den gefleckten Vorderbeinen erke nnen. «

»Wie stehen die Wetten?«

Na ja, das ist schon eine merkwürdige Sache. Gestern hätten Sie fünfzehn zu eins kaufen können, aber die Preisspanne ist kürzer und kürzer geworden. Inzwischen sind es kaum mehr drei zu eins.

«

»Hm«, sagte Holmes, »jemand scheint da etwas zu wissen, das ist einmal klar.«

Als der Wagen zum Stand kam, las ich die Anzeigen der Rennen.

Es hieß dort:

1. THE NEGRO, Besitzer Mr. Heath Newton. Rote Mütze, zimtfarbene Jacke.

2. PUGILIST, Besitzer Colonel Wardlaw. Rosa Kappe, blau-schwarze Jacke.

3. DESBOROUGH, Besitzer Lord Backwater. Gelbe Kappe und Ärmel.

4. SILVER BLAZE, Besitzer Colonel Ross. Schwarze Kappe, rote Jacke.

5. IRIS, Besitzer Duke Balmoral. Gelbe und schwarze Streifen.

6. RASPER, Besitzer Lord Singleford. Lila Kappe, schwarze Ärmel.

»Wir haben das andere Pferd von der Liste nehmen lassen und haben uns ganz auf Ihr Wort verlassen«, sagte der Colonel. »Wieso, was ist denn das? Silver Blaze Favorit?«

»Fünf zu vier gegen Silver Blaze!« brüllte der Ring. »Fünf zu vier ge gen Silver Blaze! Fünf zu fünfzehn gegen Desborough! Fünf zu vier auf das Feld! «

»Da sind die Nummern«, rief ich. »Sie sind alle sechs da.« »Alle sechs da? Dann müßte mein Pferd doch rennen«, rief der Colonel in höchster Nervosität. »Aber ich kann ihn nicht sehen, meine Farben sind auch noch nicht vorbeigekommen.«

»Bisher sind nur fünf durchgekommen. Das muß er sein.« Als ich das aussprach, kam ein starkes Pferd aus der Umzäunung heraus und kanterte an uns vorbei. Auf seinem Rücken trug es den Jockey mit den bekannten Farben des Colonels. »Das ist nicht mein Pferd«, rief der Besitzer.

»Das Biest hat kein einziges weißes Haar an seinem Körper. Was haben Sie mir angetan, Mr.

Holmes?«

»Gut, gut, wollen erst mal sehen, wie er sich macht«, sagte mein Freund ungerührt. Ein paar Minuten lang schaute er durch das Fernglas. »Wunderbar. Der Start ist ganz ausgezeichnet«, rief er plötzlich, »und da kommen sie um die Kurve!«

Von unserem Wagen aus hatten wir einen herrlichen Überblick über die Bahn. Sie kamen geradewegs auf uns zu. Das Feld war noch dicht beisammen, aber etwa in der Hälfte schob sich das Gelb der Mapleton-Ställe in den Vordergrund. Bevor sie jedoch auf unserer Höhe angekommen waren, stieß das Pferd des Colonels voran, überholte Desborough und ging gute sechs Pferdelängen vor seinem Rivalen Iris vom Duke von Balmoral durch das Ziel.

»Das war auf jeden Fall mein Rennen«, sagte der Colonel atemlos und rieb sich verwundert die Augen. »Ich gebe zu, daß mir das zu hoch ist, was hier gespielt wird. Glauben Sie, daß Sie mich nun lange genug Rätsel raten lassen haben, Mr. Holmes?«

»Gewiß, Colonel, Sie sollen alles erfahren. Lassen Sie uns herumgehen und uns gemeinsam das Pferd ansehen. Sehen Sie, hier ist er«, fuhr er fort, als wir in die Wiegehalle kamen, zu der nur die Besitzer und deren Freunde Zutritt hatten. »Sie brauchen nur seine Stirn und sein Bein mit Terpentin abwaschen, und Sie haben Ihren guten, alten Silver Blaze wieder. «

»Das kann ich immer noch nicht fassen.«

»Ich fand ihn in den Händen eines Betrüge rs und nahm mir die Freiheit, ihn genauso rennen zu lassen, wie er war.«

»Mein lieber Sir, Sie haben ein Wunder vollbracht. Das Pferd sieht gesund und gut aus, es ist ihm niemals besser ergangen. Ich schulde Ihnen tausend Entschuldigungen, daß ich an Ihrem Können habe zweifeln können. Sie würden mir einen noch größeren Gefallen tun, wenn Sie mir den Mörder von John Straker einfangen könnten. «

»Den habe ich schon«, sagte Sherlock Holmes ruhig.

Der Colonel und ich starrten ihn in Verwunderung an. »Sie haben ihn? Wo ist er denn?«

»Er ist hier.«

»Hier! Wo?«

»Er ist im Augenblick hier in meiner Gesellschaft.«

Wieder überzog eine ärgerliche Röte das Gesicht des Colonels. »Ich habe nicht vergessen, daß ich Ihnen Dank schuldig bin, Mr. Holmes, aber was Sie da eben gesagt haben, ist entweder ein schlechter Witz oder eine grobe Beleidigung.« Sherlock Holmes lachte. » Colonel, ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht in Verbindung mit dem Verbrechen bringen wollte. Der wirkliche Mörder steht direkt hinter Ihnen. « Er trat einen Schritt zur Seite und legte seine Hand auf den glänzenden Hals des edlen Pferdes.

»Das Pferd!« riefen der Colonel und ich, beide wie aus einem Munde.

»Ja, das Pferd. Und es mag ihm als Entschuldigung angerechnet werden, wenn ich sage, daß es in Selbstverteidigung gehandelt hat. John Straker war ein Mann, der Ihres Vertrauens völlig unwürdig war. Aber da läutet die Glocke, und da ich Lust habe, im nächsten Rennen ein bißchen zu gewinnen, werde ich Ihnen die restlichen Erklärungen zu passender Zeit geben.«

Als wir an diesem Abend zurück nach London fuhren, hatten wir die Ecke eines Pullman-Wagens ganz für uns allein. Ich denke, daß die Reise für Colonel Ross ebenso kurzweilig war wie für mich selber. Wir hörten meinem Freund zu, der uns berichtete, was sich in jener Montagnacht in den Dartmoor-Trainingsställen zugetragen hatte und wie es ihm gelungen war, die Fäden aufzuspüren.

»Ich muß gestehen«, sagte er, »daß alle Theorien, die ich mir aufgrund der Zeitungsmeldungen gemacht hatte, falsch waren. Und doch gab es Hinweise, die auf die Wahrheit hätten schließen lassen, wenn nicht andere Fakten sie zugedeckt hätten. Als ich nach Devonshire kam, war ich überzeugt, daß Fitzroy Simpson der wahre Schuldige war, obgleich ich natürlich auch sah, daß die Beweise gegen ihn nicht vollständig waren. Gerade in dem Augenblick, als wir mit Ihrem Landauer vor dem Haus des Trainers hielten, ging mir die enorm wichtige Rolle auf, die das Hammelcurry in der Tragödie gespielt hatte. Sie werden sich daran er- innern, daß ich in Gedanken versunken noch ein Weilchen im Wagen geblieben war, als Sie alle den Wagen schon verlassen hatten. Ich wunderte mich über mich selber, daß ich einen so wichtigen, Hinweis hatte übersehen können.«

»Ich muß sagen«, meinte der Colonel, »daß ich auch jetzt noch nicht sehe, wie uns das weiterbringen soll.«

»Es war das erste Glied in der Kette meiner Schlußfolgerungen. Opiumpuder ist ja keineswegs geschmacklos. Es schmeckt nicht sonderlich schlecht, aber man nimmt diesen Geschmack mit Sicherheit wahr. In jedem anderen Gericht hätte der Esser es entdeckt und möglicherweise nicht weitergegessen. Aber Curry war genau das Gewürz, das diesen Geschmack überdecken konnte.

Fitzroy Simpson hätte Hellseher sein müssen, wenn er gewußt hätte, daß es ein Curry zum Abendessen bei Straker gab. Es müßte sich wirklich um einen unglaublichen Zufall handeln, wenn er dahergekommen wäre, ein Päckchen Opium in der Tasche, gerade auf den Verdacht hin, daß es zum Abendessen Curry gibt, das nützlicherweise den Geschmack des Opiums überdeckt.

Dieser Zufall ist ganz ausgeschlossen. Daher scheidet Simpson als Mörder aus. Unsere Aufmerksamkeit ist auf Mr. und Mrs. Straker gerichtet. Das Opium wurde dem Essen hinzugefügt, nachdem die Portionen an die Stallburschen schon verteilt waren, denn die anderen haben ihre Mahlzeit ja ohne Nebenwirkungen gegessen. Wer von ihnen konnte also das Pulver hinzufügen, ohne daß das Mädchen es wahrnahm?

Bevor ich diese Frage entscheiden konnte, fiel mir plötzlich auf, wie merkwürdig sich der Hund in jener Nacht verhalten hatte, denn eine richtige Schlußfolgerung zieht die andere ja bekanntlich nach sich. Die Episode mit Simpson hat mir bewiesen, daß der Hund im Stall behalten wurde, er jedoch nicht angeschlagen hat, als jemand in den Stall kam, um das Pferd herauszuholen. Ganz klar, daß der nächtliche Besucher jemand war, den der Hund gut kannte. Ich war inzwischen davon überzeugt, oder doch fast überzeugt, daß John Straker selber der Täter war, der mitten in der Nacht in den Stall gegangen und das Pferd herausgeholt hatte. Aber warum? Er führte etwas Dunkles im Schilde, das war klar, denn warum sollte er sonst seinen eigenen Stallburschen vergiften? Doch ich konnte mir kein Motiv für diese Tat vorstellen. Es hat nun schon immer Fälle gegeben, wo Traine r an große Summen Geldes gekommen sind, indem sie durch Agenten gegen das eigene Pferd gewettet haben und dann einen bösen Trick anwandten, damit es wirklich nicht gewinnen konnte. Manchmal wird einem Jockey ein Bein gestellt. Manchmal kommt man besser voran, wenn man sich feinerer Methoden bedient. Worum handelte es sich hier? Ich hoffte, daß der Inhalt der Taschen mir weiterhelfen könnte.

Und das war's dann ja auch. Sie können das seltsame Messer nicht vergessen haben, das Sie in der Hand des Toten gefund en haben. Ein vernünftiger Mensch würde sich ein solches Messer niemals als Waffe gewählt haben. Es ist ein Werkzeug, mit dem man feine Operationen ausführt.

Und es sollte auch zu einer sehr delikaten Operation in der Nacht Verwendung finden. Colonel Ross, Sie haben doch so große Erfahrungen mit Rennplätzen. Sie müssen doch wissen, daß es möglich ist, dem Pferd an der Hinterhand eine bestimmte Sehne durchzutrennen, und zwar so, daß man hinterher absolut keine Spur sieht. Das Pferd lahmt dann ein paar Tage lang leicht, das kann auf den Streß des Trainings geschoben werden, oder man spricht von ein bißchen Rheuma.

Niemand aber würde einen verbrecherischen Eingriff vermuten. «

»Verbrecher! Halunke!« schrie der Colonel.

»Damit hätten wir die Erklärung, warum John Straker das Pferd in aller Heimlichkeit aus dem Stall genommen hat und mit ihm ins Moor geritten ist. Dieses hochgezüchtete Tier hätte beim ersten Stich mit dem Messer mit seinem Gebrüll den tiefsten Schläfer geweckt. Die Operation mußte notwendigerweise im Freien ausgeführt werden. «

»Wie blind ich gewesen bin«, rief der Colonel. »Natürlich brauchte er Licht, und daher nahm er eine Kerze mit und zündete sie mit einem Streichholz an.«

»Ganz gewiß. Aber der Inhalt seiner Taschen erzählte mir nicht nur von dem Verbrechen, sondern gab auch das Motiv preis. Sie sind ein Mann von Welt, Colonel, und Sie wissen, daß man nicht die Rechnungen anderer Leute mit sich herumträgt. Die meisten von uns haben gerade genug damit zu tun, die eigenen Angelegenheiten in die Reihe zu bekommen. Mir ist gleich der Verdacht gekommen, daß Straker ein Doppelleben führte und ein zweites Establishment unterhielt. Die Rechnung zeigte deutlich, daß es sich um eine Frau handelt, die einen teuren Geschmack hat. Ihre Dienerschaft wird zwar großzügig entlohnt, Colonel, aber man wird kaum annehmen, daß ein Trainer in der Lage ist, Kleider für zweiundzwanzig Guineen für seine Frau zu kaufen. Ich habe Mrs. Straker nach diesem Kleid gefragt, dabei habe ich es so angestellt, daß sie nicht gemerkt hat, worauf ich hinauswollte. Sie hat dieses Kleid nicht bekommen. So habe ich mir die Adresse der Modemacherin gemerkt und sie aufgesucht.

Als ich ihr das Foto von Straker zeigte, konnte sie leicht unseren mysteriösen Mr. Derbyshire ausmachen.

Von da an wurde alles einfach. Straker hatte das Pferd in die Mulde geführt, von wo aus man sein Licht nicht sehen konnte. Simpson hatte auf der Flucht seinen Schal verloren, den Straker aufhob, sicherlich mit dem Hintergedanken, daß er ihm nützlich werden konnte, die Hinterhand des Pferdes zu verbinden.

Als er endlich bei der Mulde war, mußte er seinen Standort hinter dem Pferd suchen und ein Licht anzünden. Aber das Tier wurde wahrscheinlich von der plötzlichen Helligkeit des Lichtes erschreckt. Mit dem feinen Instinkt der Tiere fühlte es, daß etwas Schlimmes in der Luft lag. Es trat aus und traf mit dem Hinterfuß direkt die Stirn des Trainers. Dieser hatte, obgleich es stark regnete, seinen Mantel ausgezogen und über den Busch gelegt, um so mehr Bewegungsfreiheit für seine Arbeit zu haben, und so schoß ihm das Messer, als er fiel, direkt in den Oberschenkel.

Mach' ich mich soweit verständlich?«

»Wunderbar! « rief der Colonel, »wunderbar! Sie könnten dabeigewesen sein.«

»Zu meinem letzten Schluß, das muß ich zugeben, brauchte ich sehr lange. Ich überlegte mir, daß selbst ein in seinem Beruf so erfahrener Mann wie Straker eine so heikle Sache wie das Durchtrennen einer Sehne kaum vornehmen würde, ohne vorher ein wenig geübt zu haben.

Woran aber konnte er üben? Ich sah die Schafe auf der Koppel, stellte meine Frage, und zu meiner eigenen Verwunderung bekam ich bestätigt, daß meine Theorie richtig gewesen war.

In London habe ich die Modistin aufgesucht und habe herausgefunden, daß ihr Mr. Straker, als unter dem Namen Derbyshire bekannt, ein sehr guter Kunde war, der eine sehr modebewusste Frau hatte, die gerne teure Kleider trug. Ich bin ganz sicher, daß diese Frau ihn in haushohe Schulden stürzte, so daß ihm am Ende nur noch dieser miserable Trick übrigblieb.«

»Sie haben wunderbar alles erklärt, bis auf eines«, sagte der Colonel. »Wo war das Pferd?«

»Ah, es riß aus und wurde von einem Ihrer Nachbarn versorgt. Aber in dieser Sache muß ich wohl um eine Amnestie bitten. Wir haben Clapham Junction erreicht, in weniger als zehn Minuten werden wir an der Victoria Station sein. Wenn Sie Lust haben, in unserer Wohnung noch eine Zigarre mit uns zu rauchen, Colonel, dann erzähle ich Ihnen noch ein paar andere Details, die Sie interessieren werden.«

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