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Der junge Börsenmakler.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der junge Börsenmakler
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Kurz nach meiner Hochzeit kaufte ich mir eine Arztpraxis in der Gegend von Paddington. Der alte Mr. Farquhar, dem ich sie abkaufte, hatte zu seiner Zeit eine gutgehende Allgemeinpraxis.

Aber er war alt geworden und hatte dazu ein Nervenleiden bekommen. Das hatte natürlich seine Auswirkungen. Nach und nach waren alle Patienten fortgeblieben. Die Leute gehen davon aus - und der Gedanke ist gar nicht so unnatürlich -, daß der, der heilt, selber heil sein muß. Ein Mann, der heilen will und für dessen eigenen Gesundheitszustand jede medizinische Hilfe zu spät kommt, wirkt unglaubwürdig. So war es mit der Praxis meines Vorgängers immer weiter zurückgegangen. Das Einkommen, das sie einbrachte, war von zwölfhundert Pfund auf ganze dreihundert gesunken. Ich vertraute jedoch meiner Jugend und meiner Energie und war überzeugt, daß die Praxis in wenigen Jahren wieder blühen und gedeihen würde.

In den drei Monaten, nachdem ich die Praxis übernommen hatte, war ich so mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich wenig von Sherlock Holmes sah. Ich hatte einfach zuviel Arbeit, um einen Besuch in der Baker Street zu machen. Er selber ging selten aus, es sei denn, daß er beruflich unterwegs war. Und so überraschte es mich um so mehr, als an einem schönen Junimorgen, als ich gerade nach dem Frühstück mit der Lektüre eines medizinischen Journals beschäftigt war, die Klingel gezogen wurde und ich gleich darauf die hohe, manchmal etwas harte Stimme meines alten Kameraden hörte.

»Ah, mein lieber Watson«, sagte er, als er das Zimmer betrat. »Ich bin froh, Sie einmal wiederzusehen. Ich hoffe, daß Mrs. Watson sich von den Aufregungen und Abenteuern um die >Zeichen der Vier< völlig erholt hat.«

»Danke, uns geht es beiden gut«, sagte ich und schüttelte warm seine Hand.

»Und ich hoffe ebenfalls«, fuhr er fort und setzte sich in den Schaukelstuhl, »daß Sie nicht ganz und gar in der Sorge für Ihre Patienten aufgehen, so daß vielleicht noch ein bißchen Zeit für unsere Deduktionsprobleme bleibt.«

»Im Gegenteil«, sagte ich, »erst gestern Abend habe ich in meinen alten Notizen geblättert und mich an alten Erfolgen gefreut. «

»Ich will doch hoffen, daß Sie Ihre Sammlung nicht für ab geschlossen halten! «

»Aber nein, ganz und gar nicht. Ich würde gerne noch ein paar mehr dieser Erfahrungen machen.«

»Heute zum Beispiel?«

»Ja, heute, wenn Sie mögen.«

»Auch, wenn es nach Birmingham geht?«

»Gewiß, wenn Sie es möchten.«

»Und die Praxis?«

»Ich habe ein Abkommen mit meinem Nachbarn getroffen. Ich helfe ihm aus, und er hilft mir aus.«

»Aha, das könnte ja nicht besser sein«, sagte Holmes, lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und betrachtete mich unter halbgeschlossenen Lidern aufmerksam.

»In letzter Zeit ging es Ihnen nicht sonderlich gut. Sommererkältungen sind ziemlich ärgerlich.«

»Ich war in den letzten drei Tagen durch einen fürchterlichen Schnupfen an das Haus gebunden.

Aber ich denke, das ist jetzt völlig überwunden.«

»Das ist es auch, Sie sehen bemerkenswert robust aus.«

»Wie haben Sie es dann herausgefunden?«

»Mein lieber Mann, Sie kennen doch meine Methoden.«

»Sie haben es natürlich aus irgend etwas geschlossen.«

»Gewiß. «

»Woraus?«

»Aus Ihren Hausschuhen.«

Ich sah auf meine neuen Lackleder-Hausschuhe herunter, die ich an den Füßen hatte.

»Wie um alles--«, begann ich. Doch Holmes wischte meine Frage fort, bevor ich sie noch gestellt hatte.

»Ihre Hausschuhe sind neu«, sagte er, »Sie können sie nicht länger als ein paar Wochen haben.

Die Sohlen, die Sie mir so schön vorführen, sind ein bißchen angesengt. Einen Augenblick dachte ich, sie seien naß geworden und hätten beim Trocknen zu dicht am Feuer gestanden. Aber an der Innenseite steckt immer noch das weiße Papierschildchen mit der Aufschrift des Schuhhauses.

Nässe würde dieses abgelöst haben. Nein, Sie haben hier gesessen und die Füße dem Feuer entgegengestreckt. Und das täte kein völlig gesunder Mensch mitten in einem noch so verregneten Juni.«

Wie immer erschienen mir die logischen Schlußfolgerungen Sherlock Holmes als völlig einfach, wenn sie erst erklärt waren. Er las diese Gedanken in meinem Gesicht, und in sein Lächeln mischte sich ein wenig Bitterkeit.

»Ich zerstöre mir immer selber meinen eigenen Glorienschein, wenn ich anfange, me ine Beobachtungen zu erklären«, sagte er. »Resultate ohne Erklärung imponieren viel mehr. Sind Sie also bereit, mit mir nach Birmingham zu fahren?«

»Gewiß, aber worum geht es denn?«

»Das werden Sie im Zug erfahren. Mein Klient wartet mit einem vierrädrigen Wagen vor der Tür.

Kommen Sie?«

»In einem Augenblick.« Ich schrieb meinem Nachbarn in aller Eile eine Notiz, lief die Treppe hinauf, um meiner Frau die Sache zu erklären, und traf Holmes dann vor der Haustür.

»Ihr Nachbar ist auch Arzt«, sagte er und wies auf das Messingschild hin.

»Ja, genau wie ich hat er sich eine Praxis gekauft.«

»Auch eine alteingeführte?«

»Ja, grad wie meine. Beide Praxen bestehen, seit das Haus erbaut wurde. «

»Ah, aber Sie haben die bessere von beiden erwischt.«

»Das glaube ich auch, aber woher wissen Sie das?«

»Die Stufen, mein Junge, die Stufen. Ihre sind gut zehn Zentimeter weiter heruntergetreten als seine. Aber dieser Herr im Wagen ist mein Klient, Mr. Hall Pycroft. - Bringen Sie die Pferde in Schwung, Kutscher, wir haben gerade noch Zeit, den Zug zu erreichen.«

Der Mann, dem ich gegenübersaß, war ein gutgebauter junger Bursche mit frischer Gesichtsfarbe.

Er hatte in offenes, ehrliches Gesicht und einen leichten blonden Lippenbart. Er trug einen glänzenden, steifen Hut und einen ordentlichen Anzug in nüchterner schwarzer Farbe. Er war, wie sein Äußeres verkörperte, einer der eleganten jungen Leute der City. Der Klasse nach waren sie zwar als Cockneys abgestempelt, obgleich es gerade jene jungen Leute sind, die sich freiwillig zur Armee melden und deren Klasse bessere Athleten und Sportsleute aufweisen kann als jede andere Klasse auf der ganzen Insel. Sein rundes, etwas rötliches Gesicht strahlte vor guter Laune, die Mundwinkel waren jedoch heruntergezogen zu etwas komisch wirkenden Kummerfalten.

Wir hatten es uns in unserem Erste-Klasse-Abteil gemütlich gemacht und befanden uns auf der Reise nach Birmingham, als ich erfuhr, welche Sorgen den jungen Mann zu Sherlock Holmes getrieben hatten.

»Wir haben jetzt siebzig Minuten Zeit ganz für uns«, bemerkte Sherlock Holmes, »und es wäre mir lieb, Mr. Hall Pycroft, wenn Sie meinem Freund hier Ihre interessanten Erlebnisse berichten würden, genau, wie Sie sie mir berichtet haben, möglichst mit noch mehr Details. Für mich ist es auch gut, die Geschehnisse noch einmal der Reihe nach zu hören. Es handelt sich um einen Fall, Watson, von dem wir noch nicht genau wissen, ob etwas dran ist oder nicht. In jedem Fall stehen wir jedoch einer unüblichen Sache gegenüber. Ich nehme an, daß sie Sie genauso interessieren wird wie mich. Und nun, mein lieber Mr. Pycroft, nun werde ich Sie nicht wieder unterbrechen.«

Unser junger Freund sah mich blinzelnd an.

»Das Schlimmste an der Geschichte ist«, sagte er, »daß ich jetzt wie ein wirklicher Narr dastehe.

Natürlich bin ich sicher, daß alles in Ordnung kommen wird. Ich weiß auch nicht, wie ich mich anders hätte verhalten sollen. Aber wenn ich meinen Goldklumpen verloren habe und nichts weiter dafür eingetauscht bekommen habe, dann sieht man doch, was für ein dummer Hans im Glück ich gewesen bin. Ich bin kein guter Geschichtenerzähler, Dr. Watson, aber so ähnlich sieht meine Lage aus.

Also, ich war angestellt bei Coxon & Woodhouse in Draper Gardens. Aber die Firma ging im Frühling durch die venezuelischen Anleihen pleite. Sie haben sicher davon gehört. Fünf Jahre lang bin ich bei der Firma gewesen und habe vom alten Coxon ein ausgezeichnetes Zeugnis erhalten, als der Zusammenbruch kam. Alle Angestellten wurden entlassen, wir alle siebenundzwanzig. Danach habe ich es hier und dort versucht, aber zu viele junge Angestellte in meiner Position waren plötzlich arbeitslos. Es war schon eine flaue Zeit. Bei Coxons habe ich pro Woche drei Pfund verdient. Davon konnte ich siebzig Pfund sparen. Aber das Geld war natürlich bald aufgebraucht. Schließlich war ich völlig am Ende. Ich hatte kaum noch die Briefmarke übrig, mit der ich eine Anzeige beantworten konnte. Ich hatte in meiner Suche nach Arbeit meine Stiefel abgetragen, und ich war so weit davon entfernt, eine Anstellung zu finden, wie immer.

Schließlich erfuhr ich, daß bei Mawson & Williams, den großen Börsenmaklern in der Lombard Street, eine Stelle frei war. Vielleicht können Sie nicht ganz ermessen, was das für mich bedeutet, aber ich sage Ihnen, die Firma ist eine der reichsten in London. Bewerbungen sollten nur schriftlich eingereicht werden. So sandte ich meine Bewerbungsunterlagen ab, ohne jedoch die geringste Hoffnung auf Erfolg zu hegen. Die Antwort kam jedoch postwendend, es hieß, ich sollte mich am nächsten Montag persönlich vorstellen, und wenn man immer noch einen so günstigen Eindruck von mir habe wie aufgrund meiner Papiere, dann könne ich den Dienst sofort beginnen. Niemand weiß, wie so etwas manchmal läuft. Es gibt Leute, die behaupten, daß der Personalchef einfach in den Stapel der Bewerber hineingreift und den ersten nimmt, der ihm in die Hände kommt. Auf jeden Fall war ich plötzlich der Glückliche, der eine Stellung gefunden hatte. Niemand konnte zufriedener sein als ich. Ich sollte sogar ein Pfund pro Woche mehr verdienen als bei Coxons.

Nun aber kommt der seltsame Teil der Geschichte. Ich wohnte draußen in Hampsteadway, Potters Terrace 17. Am Abend, nachdem ich meine Zusage bekommen hatte, saß ich in meinem Zimmer und rauchte, als meine Wirtin zu mir ins Zimmer kam. Sie brachte mir eine Visitenkarte, auf der >Arthur Pinner, Financial Agency< gedruckt stand. Diesen Namen hatte ich noch niemals gehört und konnte mir um so weniger vorstellen, aus welchem Grund er mich besuchte. Aber natürlich bat ich sie, de n Herrn heraufzuführen. Herein kam ein mittelgroßer Mann, dunkeläugig und mit dichtem schwarzem Haar und Bart versehen. Nur seine Nase glänzte ein wenig in dem sonst sehr dunklen Gesicht. Er hatte eine forsche Art aufzutreten und sprach scharf und schnell wie ein Mensch, dem die eigene Zeit kostbar ist. >Mr. Hall Pycroft, nicht wahr?< fragte er.

>Ja, Sir<, sagte ich und schob ihm einen Stuhl hin.

>Früher bei Coxons & Woodhouse angestellt?< >Ja, Sir< >Und inzwischen bei Mawson?< >Richtig.< >Sehen Sie<, sagte er, >ich habe wahrhaft Wunderdinge über Ihre buchhalterischen Fähigkeiten gehört. Erinnern Sie sich noch an Parker, den Manager bei Coxons? Der ist immer noch voll des Lobes, sobald Ihr Name fällt.< Das zu hören, erfreute mich natürlich. Ich halte mich schon für einen recht guten Buchhalter, aber daß man in der City in dieser Weise von mir sprach, das hätte ich mir nicht träumen lassen.

>Sie haben ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen, nicht wahr?< >Ganz gut,, antwortete ich bescheiden.

>Seit Sie arbeitslos geworden sind, haben Sie sich immer weiter informiert und sind also auf dem laufenden?< >Ja, ich lese jeden Morgen die Börsenberichte., >Na, wenn das nicht wahre Hingabe zeigt!< rief er. >Auf diese Weise muß jeder vorankommen.

Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Sie hier so ausfrage? Lassen Sie sehen, wie stehen die Ayrshires?< >Hundertsechseinviertel zu hundertfünfsiebenachtel.< >Und Neuseeland Vereinigte?< >Hundertundvier.< >Und British Broken Hills?< >Sieben zu eins und sechs., >Wunderbar<, rief er und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. >Das paßt zu allem, was ich bisher von Ihnen gehört habe. Mein Sohn, mein Sohn, Sie sind viel zu schade, Buchhalter bei Mawson zu werden!< Dieser Ausbruch erstaunte mich nicht wenig, wie Sie sich wohl denken können.

>Na, Mr. Pinnen, sagte ich, >jetzt übertreiben Sie aber wirklich. Es war schwierig genug, eine neue Anstellung zu finden. Ich bin froh, daß ich diesen Posten gefunden habe.< >Aber, Mann, Sie können Besseres leisten. Dies hier ist nicht Ihr wirkliches Feld. Ich werde Ihnen mein Angebot machen. Gemessen an Ihrem Können werde ich Ihnen wenig genug bieten, aber verglichen mit Mawson ist mein Angebot wie der Unterschied zwischen Licht und Schatten.

Lassen Sie mich sehen. Wann fangen Sie bei Mawson an?< >Am Montag.< >Ha, seien Sie sportlich, und gehen Sie gar nicht erst einmal hin.< >Ich soll nicht bei Mawson anfangen?< >Nein, Sir, denn von diesem Tag an werden Sie Geschäftsmanager der Franco-Midland- Hardware Company Ltd. sein. Die Firma hat hundertzweiunddreißig Zweigstellen in allen Städten und Dörfern Frankreichs, die in Brüssel und St. Remo nicht mitgerechnet., Ich war sprachlos vor Erstaunen. >Ich habe nie von dieser Firma gehört< sagte ich.

>Das ist gut möglich, denn die Firma arbeitet eher im stillen, denn das gesamte Kapital liegt in privater Hand. Die Sache ist zu gut, um laut in der Öffentlichkeit darüber zu reden. Mein Bruder, Harry Pinner, ist einer der Hauptmanager. Er wußte, daß ich in London zu tun habe, und er bat mich, einen guten jungen Mann für einen niedrigen Lohn für ihn zu engagieren, es muß ein junger Mann sein, der einen hellen Kopf hat und vorankommen möchte. Da Parker so gut von Ihnen sprach, habe ich mich heute zu Ihnen begeben. Allerdings können wir Ihnen als Anfangsgehalt nur magere fünfhundert Pfund bieten.< >Fünfhundert Pfund im Jahr!< fuhr es aus mir heraus.

>Nur für den Anfang. Später werden wir Sie prozentual am Gewinn beteiligen, damit können Sie sich ein ganz hübsches Gehalt ausrechnen., >Aber ich verstehe doch nic hts von Haushaltsgegenständen!< >Aber mein Junge, Sie kennen sich doch mit Zahlen aus!< In meinem Kopf drehte sich alles. Ich konnte nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen bleiben. Aber plötzlich kam mir doch ein kleiner Zweifel.

>Ich muß ehrlich mit Ihnen sein<, sagte ich, >bei Mawson bekomme ich zweihundert, aber Mawson ist sicher. Von Ihrer Firma weiß ich so gut wie nichts., >Ah, gut, das ist wirklich scharf gedacht< rief er und rieb sich die Hände vor Begeisterung.

>Genau der richtige Mann für uns. Sie lassen sich nicht überreden. Und recht haben Sie. Hier sind erst einmal hundert Pfund im voraus. Wenn Sie meinen, in unsere Firma einsteigen zu wollen, dann können wir es mit Ihrem Gehalt verrechnen., >Das ist nicht übel<, sagte ich, >wann soll ich den neuen Posten antreten?< >Seien Sie morgen um ein Uhr in Birmingham. Ich habe hier in meiner Tasche schon eine vorbereitete Notiz, die Sie meinem Bruder übergeben sollen. Sie finden ihn in der Corporation Street Nr. 126 b. Dort befinden sich vorübergehend die Büros der Gesellschaft. Er muß natürlich unser mündliches Abkommen bestätigen, aber unter uns gesagt, ich bin sicher, daß alles in Ordnung gehen wird.< >Ich weiß kaum, wie ich meinen Dank ausdrücken soll, Mr. Pinnen,< sagte ich.

>Aber nein, nein, mein junge, Sie bekommen nur, was Sie verdienen. Ein paar Kleinigkeiten, bloße Formalitäten muß ich noch mit Ihnen erledigen. Dort liegt Schreibpapier. Bitte schreiben Sie: Ich bin einverstanden, als Geschäftsmanager bei der Firma Franco-Midland-Hardware Co.

Ltd. zu arbeiten. Mein Anfangsgehalt wird fünfhundert Pfund betragen.< Ich tat, wie er mir gesagt hatte, und er steckte den Briefbogen in die Tasche.

>Noch eine Kleinigkeit<, sagte er, >was werden Sie wegen Mawson unternehmen?< In meiner Freude hatte ich Mawson ganz vergessen. >Ich werde schreiben, daß ich den Posten nicht annehmen werde<, sagte ich.

>Das ist genau das, was Sie nicht tun sollten. Ich habe mich mit dem Manager bei Mawson gestritten, als ich mich nach Ihnen erkundigte. Er wurde mir gegenüber ziemlich ausfällig und bezichtigte mich, ich wolle ihm seine Angestellten weglocken und ähnliches mehr. Am Ende habe ich die Geduld verloren. Wenn Sie gute Leute wollen, sagte ich, dann sollten Sie ihnen auch gute Gehälter zahlen. Er wird lieber für uns für geringeren Lohn arbeiten als für Sie für den größeren, sagte er. Ich wette einen Fünfer, sagte ich, daß Sie kein Wort mehr von ihm hören werden, wenn er mein Angebot hört. Gemacht, rief er, wir haben ihn aus der Gosse gezogen, und er wird uns so schnell nicht wieder verlassen. Das waren seine Worte.< >Halunke<, schrie ich wütend, >ich habe ihn in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Warum sollte ich Rücksicht auf ihn nehmen? Wenn Sie es für richtig halten, werde ich ihm nicht abschreiben.< >Gut, das ist ein Wort<, sagte er und stand auf. >Ich kann nur sagen, daß ich mich von Herzen freue, einen solchen Mitarbeiter für meinen Bruder gefunden zu haben. Hier ist der Vorschuß von hundert Pfund, und hier ist der Brief. Bitte notieren Sie sich die Adresse, Corporation Street 126 b. Und vergessen Sie nicht, daß Sie sich um ein Uhr Morgen bei meinem Bruder vorstellen. Gute Nacht. Ich wünsche Ihnen alles Glück, das Sie verdient haben.< Ja, so etwa war das Gespräch verlaufen. Sie können sich vorstellen, Dr. Watson, wie sehr ich mich über dieses außergewöhnliche Glück freute. Fast die ganze Nacht über war ich wach vor Aufregung und Freude. Am nächsten Tag nahm ich einen zeitigen Zug nach Birmingham, denn ich wollte auf jeden Fall rechtzeitig zu meiner Verabredung kommen. Mein Gepäck ließ ich in einem Hotel in der New Street, und dann machte ich mich auf, die angegebene Adresse zu suchen.

Um viertel vor ein Uhr hatte ich sie gefunden. Ich dachte mir, es sei wohl nicht schlimm, eine Viertelstunde vor der Zeit dort zu sein. 126 b ist eine Passage zwischen zwei großen Geschäften.

Von dieser Passage aus führt ein schmale, gewundene Steintreppe zu einem Stockwerk, in dem mehrere Firmen ihre Büros haben. Die Besitzernamen waren auf dem Fußboden vor der Tür oder an der Wand angebracht. Aber einen Firmennamen wie Franco-Midland-Hardware Co. fand ich nicht. Eine Weile stand ich ratlos da. Mein Mut war mir sehr gesunken, und ich fragte mich schon, ob ich nicht einem groben Scherz aufgesessen war. Da kam ein Mann die Treppe herauf und sprach mich an. Der Mann sah meinem Interviewer vom Abend vorher recht ähnlich. Er hatte die gleiche Figur und Stimme. Nur war er glattrasiert, auch sein Haar war heller.

>Sind Sie Mr. Hall Pycroft?< fragte er.

>Ja<, sagte ich.

>Oh, ich habe Sie erwartet, aber Sie sind ein wenig zu früh gekommen. Gerade habe ich auch Nachricht von meinem Bruder bekommen. Er hat Sie sehr gelobt.< >Ich hatte mich schon nach Ihrem Büro umgesehen.< >Wir haben unser Firmenschild noch nicht ausgehängt. Diese Räume haben wir erst in der letzten Woche gemietet. Es ist ja nur eine Übergangslösung. Kommen Sie, damit wir die Sache bereden können.< Ich folgte ihm in das obere Stockwerk. Dort, direkt unter den Dachschindeln, befanden sich ein paar kleine, staubige, unmöblierte Kammern, ohne Teppich oder Gardinen. Ich hatte mir ein riesiges Büro vorgestellt mit glänzenden Schreibtischen und vielen Angestellten, so wie ich es vorher gewohnt war. Ich muß wohl ziemlich mißmutig auf den kleinen, wackeligen Tisch und die armseligen Stühle geblickt haben, hinter dem ein kleiner Aktenschrank stand und ein Papierkorb.

Das war alles.

>Seien Sie nicht enttäuscht, Mr. Pycroft<, sagte mein neuer Bekannter, der wohl bemerkt hatte, daß mein Gesicht immer länger wurde. >Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Wir haben viel Geld in der Hinterhand, wenn wir es im Augenblick auch noch nicht in glänzende Büroräume stecken wollen. Setzen Sie sich bitte, und geben Sie mir Ihren Brief.< Ich reichte ihm diesen, und er las ihn sehr aufmerksam. >Sie scheinen ja einen gewaltigen Eindruck auf Bruder Arthur gemacht zu haben<, sagte er, >und er sieht sich seine Leute genau an. Er schwört auf London, wissen Sie, ich aber auf Birmingham. Aber diesmal will ich seinem Rat folgen. Bitte, betrachten Sie sich als engagiert.< >Was sind meine Pflichten?< fragte ich.

>Wir wollen Sie zum Manager unseres großen Depots in Paris aufbauen. Von dort aus wird sich eine Flut englischen Steingutgeschirrs in die Geschäfte der hundertvierunddreißig Filialgeschäfte in Frankreich ergießen. Die Umbauarbeiten werden in einer Woche erledigt sein. Bis dahin bleiben Sie in Birmingham und machen sich hier nützlich.< >Wie denn?< Statt einer Antwort holte er ein großes, dickes, rotes Buch aus dem Regal. >Dies ist das Adreßbuch von Paris<, sagte er, >die Geschäftsbezeichnungen stehen immer hinter den Namen.

Ich möchte, daß Sie es mit in Ihr Hotelzimmer nehmen und eine Liste aller Haushaltswarenhändler aufstellen, mit vollständigen Adressen, versteht sich. Es wird sehr nützlich sein, wenn wir alles Mat erial vollständig beieinander haben.< >Aber klassifizierte Listen müßten doch längst bestehen<, wandte ich ein.

>Keine, auf die man sich verlassen kann. Sie haben drüben ein anderes System als wir. Tun Sie, was ich Ihnen sage, und lassen Sie mich die Liste am nächsten Montag um 12 Uhr haben. Auf Wiedersehen, Mr. Pycroft. Wenn Sie weiterhin ein so eifriger und verläßlicher Angestellter sind, dann finden Sie in unserer Gesellschaft einen guten Arbeitgeber.< Mit dem dicken Buch unter dem Arm begab ich mich in mein Hotel. Inzwischen hatte ich aber doch recht gemischte Gefühle in der Brust. Einerseits hatte ich zwar meine feste Anstellung und hundert Pfund in der Tasche, andererseits hatte ich wegen der armseligen Büroräume, dem fehlenden Firmenschild und ein paar anderen Dingen, die einem Geschäftsmann sofort ins Auge fallen, einen bohrenden Zweifel an der Geschäftsfähigkeit meiner neuen Arbeitgeber. Jedenfalls hatte ich erst einmal Geld in der Tasche. Und so setzte ich mich hin und schrieb Adressen auf.

Den ganzen Sonntag über war ich beschäftigt, und doch war ich am Montagmorgen erst bis zum Buchstaben H durchgedrungen. Ich begab mich zu meinem Arbeitgeber und erklärte ihm das.

Wieder fand ich ihn in dem gleichen unmöblierten Zimmer. Er erklärte mir, ich solle bis Mittwoch weiterarbeiten und dann wiederkommen. Aber am Mittwoch war ich immer noch nicht fertig, und so schuftete ich weiter bis zum Freitag. Das war gestern. Dann brachte ich die fertige Arbeit zu Mr. Pinner hinüber.

>Vielen Dank<, sagte er, >es tut mir leid, daß ich die Schwierigkeit dieser Arbeit unterschätzt habe, aber die Liste wird uns sehr hilfreich sein.< >Es dauerte eben einige Zeit, sie anzufertigen<, sagte ich. >Und nun<, sagte er, >möchte ich, daß Sie eine Liste sämtlicher Möbelhändler zusammenstellen, denn auch sie verkaufen Haushaltswaren.< >In Ordnung<, sagte ich.

>Und Sie können morgen Abend vorbeikommen und mir berichten, wie Sie mit der Arbeit vorankommen. Arbeiten Sie nicht zuviel. Ein paar Stunden ausgehen am Abend nach des Tages Last und Arbeit kann nicht schaden<, sagte er lachend. Als er so lachend seine Zähne zeigte, entdeckte ich, daß sein linker Eckzahn eine sehr schlecht gearbeitete Goldfüllung hatte. Diese Entdeckung versetzte mir einen kleinen Schock.«

Sherlock Holmes rieb sich vor Vergnügen die Hände, während ich unseren Klienten voller Verwunderung anstarrte.

»Sie sehen überrascht aus, Mr. Watson, aber genau so war es«, sagte er. »Der andere Mann, sein Bruder, mit dem ich in London gesprochen habe, hatte auch gelacht und den gleichen häßlichen Goldzahn gezeigt. Wissen Sie, in beiden Fällen war mir das Glitzern des Goldes aufgefallen.

Stimme und Körperhöhe waren die gleichen, und dies kam nun noch hinzu. So kam ich zu dem Schluß, daß der einzige Unterschied zwischen den beiden Männern mit Rasur und Perücke bewerkstelligt worden sein konnte. Ich zweifelte nun nicht mehr daran, daß ich es mit ein und demselben Mann zu tun hatte. Natürlich kann man bei Brüdern eine gewisse Familienähnlichkeit erwarten, wohl aber nicht, daß beide die gleiche schlechtsitzende Goldplombe tragen. Mit einer Höflichkeitsfloskel und Verbeugung war ich wieder entlassen, und kurz darauf stand ich auf der Straße und wußte nicht mehr, ob ich auf meinen Füßen oder auf dem Kopf stand. Ich ging zurück zu meinem Hotel, steckte den Kopf in kaltes Wasser und versuchte nachzudenken. Warum war ich von London nach Birmingham geschickt worden? Warum war er vor mir hier angekommen?

Und warum hatte er sich selber einen Brief geschrieben? Alles war plötzlich zu hoch für mich, ich sah in der ganzen Sache keinen Sinn mehr. Und plötzlich erschien mir in aller Dunkelheit, die mich umgab, ein Licht, ich dachte an Sherlock Holmes. Ich hatte gerade noch Zeit, zum Bahnhof zu eilen, um den Nachtzug nach London zu erwischen. Gleich am nächsten Morgen suchte ich Sherlock Holmes auf. Ja, so war es. Und jetzt reisen Sie beide mit mir zurück nach Birmingham.«

Der junge Börsenmakler

hatte seine erstaunliche Geschichte beendet. Eine Pause war entstanden.

Sherlock Holmes blinzelte mir zu, dann lehnte er sich genüßlich in die Polster zurück, mit jenem erwartungsvollen Blick, mit dem ein Genießer den erste Schluck eines ausgezeichneten Weines zu sich nimmt.

»Feine Sache, Watson, nicht wahr?« sagte er. »Ich nehme an, daß Sie mit mir übereinstimme n in dem Gedanken, daß das vor uns liegende Gespräch mit Mr. Arthur Harry Pinner in dem provisorischen Büro der Franco-Midland-Haushaltswaren-Gesellschaft Ltd. eine recht interessante Bereicherung unserer Erfahrungen sein könnte.«

»Aber wie wollen wir vorgehen?«

»Oh, das ist leicht genug«, sagte Hall Pycroft zuversichtlich. »Sie sind zwei arbeitslose Freunde

von mir, die sich nach einer Anstellung umsehen. Was wäre natürlicher, als daß ich Sie meinem Direktor vorstellte?«

»Richtig, was könnte natürlicher sein. Ich möchte mir diesen Herrn doch gerne einmal aus der Nähe ansehen. Dann überlegen wir, was mit diesem kleinen Spiel anzufangen ist. Was haben Sie für Qualifikationen, mein Freund, mit denen Sie der Firma un-schätzbare Dienste erweisen können? Oder sollte es möglich sein, daß --. « Er schaute zum Fenster hinaus, kaute an den Fingernägeln und sprach kein einziges Wort mehr, bis wir in der New Street angekommen waren.

Um sieben Uhr schlenderten wir alle drei in die Büros der Gesellschaft in der Corporatio n Street.

»Es nützt uns gar nichts, wenn wir zu früh kommen«, sagte unser Klient, »denn mir scheint, als käme er nur, wenn er mit einem verabredet ist. Sonst ist das Büro von niemandem besetzt.«

»Das spricht für sich«, sagte Sherlock Holmes.

»Mein Gott, was habe ich gesagt? Sehen Sie, dort geht er gerade vor uns her.«

Er zeigte auf einen kleinen, dunklen, gutgekleideten Herrn, der auf der anderen Straßenseite dahinging. In dem Augenblick schaute er gerade einem Zeitungsjungen nach, der die letzten Neuigkeiten ausrief. Dann lief er zwischen Bussen und Wagen hindurch, um sich eine Zeitung zu kaufen. Diese umkrallte er mit der Hand und verschwand im Gebäude.

»Da geht er hin«, rief Hall Pycroft. »Dort drüben sind die Büros der Gesellschaft. Kommen Sie schnell. Ich muß sehen, wie ich das jetzt hinkriege.«

Wir kletterten hinter ihm her die fünf Treppen hoch und fanden uns schließlich vor einer halbgeöffneten Tür, an die unser Klient klopfte. Eine Stimme bat uns herein, und wir betraten den kahlen Raum, den uns unser Klient beschrieben hatte. An dem einzigen Tisch saß der Mann, den wir auf der Straße gesehen hatten. Die Abendzeitung lag ausgebreitet vor ihm. Er sah auf. Ich glaube, noch nie habe ich in ein traurigeres, kummervolleres Gesicht geblickt. Nein, da war etwas, das über Traurigkeit hinausging. Pechschwarzer Horror war in seinem Gesicht zu lesen.

Ein solcher Schrecken hatte sich darin breit gemacht, wie es selten im Leben eines Menschen geschieht. Auf seinen Brauen glitzerten Schweißperlen. Seine Wangen hatten das dumpfe Weiß eines Fischbauches, und aus den Augen starrte wilde Verzweiflung. Er sah seinen Gehilfen an, als habe er ihn nie vorher gesehen. Dem Erstaunen, das sich auf dem Gesicht unseres Klienten malte, entnahmen wir, daß dies nicht das übliche Erscheinungsbild seines Arbeitgebers war.

»Sie sehen krank aus, Mr. Pinner«, rief er aus.

»Ja, ja, mir geht es auch ganz und gar nicht gut«, sagte der andere und unternahm einen fast übermenschlichen Versuch, sich zusammenzunehmen. Mit der Zunge fuhr er über die trockenen Lippen, bevor er zu reden begann. »Was sind das für Herren, die Sie mitgebracht haben?«

»Das hier ist Mr. Harris aus Bermondsey und der andere ist Mr. Price aus Birmingham«, sagte der Gehilfe schnell. »Es sind beides Freunde von mir. Beide haben viel Erfahrung mit Büroarbeit, aber sie sind arbeitslos und sie hoffen, daß unsere Firma etwas für sie tun kann. «

»Möglich, das ist schon möglich«, sagte Mr. Pinner mit einem häßlichen Lächeln. »Ja, ich bin sicher, daß ich für beide etwas habe. Als was sind Sie ausgebildet, Mr. Harris?«

»Ich bin Buchhalter«, sagte Holmes.

»Ja, da wird sich wohl etwas finden lassen. Und Sie, Mr. Price? «

»Ich bin Schreiber«, antwortete ich.

»Doch, ja, ich bin sicher, daß sich in unserer Gesellschaft etwas für Sie finden läßt. Ich lasse von mir hören, wenn ich mich entschieden habe. Aber nun gehen Sie bitte. Um Himmels willen, lassen Sie mich endlich alleine! «

Diese letzten Worte waren aus ihm herausgebrochen, wie wenn ein Damm, der den Fluten mit letzter Kraft standgehalten hatte, plötzlich mit aller Kraft durchbrach. Holmes und ich sahen einander an. Aber Hall Pycroft trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu.

»Mr. Pinner, Sie vergessen, daß Sie mit mir verabredet sind und daß ich hier bin, Ihre Aufträge entgegenzunehmen.«

»Gewiß, Mr. Pycroft, gewiß«, sagte der andere nun in ruhigerem Ton. »Warten Sie einen Augenblick. Schließlich gibt es auch keinen Grund, weshalb Ihre Freunde nicht auch hier auf Sie warten sollten. Haben Sie ein paar Minuten Geduld, dann bin ich wieder bei Ihnen.« Er stand auf, verbeugte sich sehr höflich und ging am anderen Ende des Raumes durch die Tür. Die Tür schloß sich hinter ihm.

»Was nun?« flüsterte Holmes. »Entwischt er uns vielleicht?«

»Unmöglich«, sagte Pycroft.

»Wieso?«

»Die Tür führt in einen inneren Raum.«

»Und von dort gibt es keinen Ausgang?«

» Nein. «

»Ist das Zimmer möbliert?«

»Gestern war es noch leer.«

»Was kann er dort bloß tun? Da ist etwas an dieser Sache, das ich nicht begreifen kann. Der Mann bestand ja förmlich aus Terror und Angst. Was kann ihm denn bloß so zugesetzt haben?«

»Er vermutet, daß wir Detektive sind«, sagte ich.

»Genau das ist es!« rief Pycroft.

Holmes schüttelte den Kopf. »Er wurde nicht blaß, er war totenblaß, als wir das Zimmer betraten.

Wäre es nicht möglich, daß--.« Seine Worte wurden unterbrochen durch ein scharfes Scharrgeräusch aus dem inneren Raum.

»Warum um Himmels willen klopft er denn an seine eigene Tür?« rief der Gehilfe. Wieder und diesmal lauter kam das Rat-tat-tat. Wir starrten alle auf die ge schlossene Tür. Dann fiel mein Blick auf Holmes. Sein Gesicht war sehr gespannt, und in ungeheurer Aufregung beugte sich sein Körper vor. Plötzlich hörten wir leise, gurgelnde Geräusche, und das Klopfen am Holz verstärkte sich. Wie wildgeworden schoß nun Holmes vor, lief durch den Raum und drückte mit aller Kraft gegen die Tür. Wir folgten seinem Beispiel und warfen uns ebenfalls mit den Schultern gegen die Tür. Eine Türangel gab nach, danach die andere, und mit gewaltigem Krachen fiel die Tür ins Zimmer hinein. Wir stolperten hinterher und befanden uns in einem leeren Zimmer. Aber nur einen Augenblick hatten wir uns irreführen lassen. In der Ecke des Zimmers, zum vorderen Raum hin, in dem wir uns bisher aufgehalten hatten, war noch eine Tür. Mit einem einzigen Satz war Holmes auf diese Tür zugesprungen und hatte sie aufgerissen. Eine Jacke und Weste lagen auf dem Boden und am Haken der Tür, seinen eigenen Hosenträger um den Hals, hing der geschäftsführende Direktor der Franco-Midland-Hardware-Gesellschaft. Die Knie waren angezogen, und der Kopf hing in einem schrecklich unnatürlichen Winkel zum Körper. Das Schaben mit seinen Schuhsohlen hatte das seltsame Geräusch erzeugt, das uns verwundert hatte.

In einem Augenblick hatte ich ihn um die Mitte gefaßt, während Holmes und Pycroft die Gummibänder lösten, die zwischen den bläulichen Hautfalten fast verschwunden waren. Dann trugen wir ihn in das Vorderzimmer hinüber. Dort lag er mit aschgrauem Gesicht, fünf Minuten hatten genügt, um aus einem Mann einen schrecklic hen Ruin von einem Menschen zu machen.

»Was halten Sie davon, Watson?« fragte Holmes.

Ich beugte mich über ihn und untersuchte ihn. Sein Puls war schwach und unregelmäßig, aber die Atemzüge wurden wieder länger, und die Augenlider bewegten sich ein wenig. Ein dünner Streifen seines Augapfels wurde sichtbar.

»Es ist gerade eben noch gut gegangen«, sagte ich. »Er wird leben. Öffnen Sie das Fenster, und reichen Sie mir die Karaffe mit Wasser vom Tisch.« Ich löste den Kragen und goß ihm kaltes Wasser über das Gesicht. Danach hob und senkte ich die Arme, bis der Atem wieder regelmäßig und natürlich floß. »In kurzer Zeit wird er wieder soweit sein«, sagte ich und wandte mich den anderen zu.

Holmes stand am Schreibtisch, das Kinn beinahe auf die Brust gesenkt und die Hände in den Hosentaschen vergraben.

»Ich glaube, wir sollten die Polizei rufen«, sagte er, »aber ich muß gestehen, daß ich ihnen gerne einen abgeschlossenen Fall übergebe, wenn sie eintrifft.«

»Für mich ist das Ganze ein unlösbares, verdammtes Rätsel«, sagte Pycroft, der sich ratlos den Kopf kratzte. »Warum haben sie mich den ganzen Weg von London hierher gebracht, um dann -- -«

»Oh, es ist alles einfach genug«, sagte Holmes ungeduldig, »es ist dieser neue Schachzug --«

»Und den Rest verstehen Sie?«

»Das ist doch alles ziemlich klar. Was denken Sie, Watson?« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe auch nichts mehr«, sagte ich, »wenn ich mir die Ereignisse gut überlege, so laufen sie doch alle auf einen einzigen Punkt zu. «

»Und was machen Sie daraus?«

»Na, man kann die ganze Geschichte an zwei Punkten festmachen. Zunächst wird Pycroft dazu gebracht, eine schriftliche Erklärung abzugeben, daß er einverstanden ist, Angestellter dieser erst im Werden begriffenen Firma zu werden. Sehen Sie nicht, wieviel das aussagt?«

»Nein, ich begreife das alles nicht.«

»Gut, warum sollte er sein Einverständnis schriftlich niederlegen? Zu Geschäftszwecken bestimmt nicht, solche Abmachungen geschehen meistens mündlich. Es gibt keinen Grund, daß hier eine Ausnahme vorliegen sollte. Sehen Sie denn nicht, lieber Freund, daß man einfach nur Ihre Handschrift brauchte und sonst keine Möglichkeit sah, an sie heranzukommen.«

»Aber warum denn nur?«

»Ja, richtig, warum denn nur? Wenn wir das beantworten können, sind wir mit unserem kleinen Problem schon ein ganzes Stück weitergekommen. Warum? Es gibt nur einen triftigen Grund.

Irgend jemand wollte Ihre Handschrift fälschen, dafür brauchte er eine Probe von Ihnen. Wir kommen jetzt zum zweiten Punkt, der den ersten erhellen wird. Die dringende Anweisung, Mawson nicht zu benachrichtigen, daß Sie die Stellung nicht antreten würden, hatte ihren Grund darin, daß es jemanden gab, der statt Ihrer am Montagmorgen anfangen würde.«

»Lieber Gott«, rief unser Klient, »ich muß ja wohl blind auf beiden Augen gewesen sein. «

»So, jetzt wissen Sie, wozu Ihre Handschrift nötig war. Angenommen, der neue Angestellte, der am Montag Ihre Stellung begonnen hätte, hätte vollständig anders geschrieben, als Sie in Ihrem Bewerbungsbrief, das hätte doch schnell auffallen können, was? Aber in der Zwischenzeit hatte der Kerl Gelegenheit, Ihre Schrift zu imitieren. Wegen seines Aussehens konnte er ja ganz sicher sein, denn niemand in der Firma hatte Sie ja je gesehen, stimmt's?«

»Keine Seele«, stöhnte Pycroft.

»Sehr gut. Natürlich war es nun wichtig, Sie daran zu hindern, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Ihnen mußten alle Möglichkeiten genommen werden, dahinter zu kommen, daß inzwischen Ihr Doppelgänger statt Ihrer in Mawsons Büro seine Arbeit aufgenommen hatte.

Deshalb haben Sie diesen guten Vorschuß bekommen und sind in die Midlands geschickt worden. Hier hat man Sie dann reichlich mit Arbeit versehen, so daß Sie nicht auf die Idee kommen sollten, nach London zu reisen, um das kleine Spiel auffliegen zu lassen. Das ist alles ganz einfach.«

»Aber weshalb hat der Mann vorgegeben, sein eigener Bruder zu sein?«

»Das ist ebenfalls nicht so schwer zu erraten. Zwei Brüder haben dieses Spiel gespielt, soviel ist jedenfalls klar. Der andere der Brüder ist der, der Ihre Rolle bei Mawson spielt. Dieser hier sollte Sie engagieren. Nun brauchte er aber noch einen dritten Mann, seinen >geschäftsführenden Direktor<, und da er nicht noch jemand anders in das Spiel einweihen wollte, spielte er eben eine Doppelrolle. Er veränderte seine äußere Erscheinung so gut er konnte und hoffte darauf, daß Sie die unvermeidliche Ähnlichkeit auf die Familienähnlichkeit zurückführen würden. Es war sein Pech, daß Sie den schlechtgearbeiteten Goldzahn entdeckt haben. Sonst hätte er Sie noch lange an der Nase herumführen können. «

Hall Pycroft fuchtelte mit der geballten Faust in der Luft herum. »Großer Gott«, rief er, »während ich hier auf diese Weise an der Nase herumgeführt worden bin, was kann der andere dann alles an meiner Stelle bei Mawson angerichtet haben? Was sollen wir tun, Mr. Holmes. Sagen Sie mir doch, was wir tun sollen.«

»Wir müssen Mawson sofort telegrafieren.«

»Aber sie schließen am Samstag um zwölf Uhr.«

»Macht nichts, vielleicht haben sie einen Wächter eingestellt. «

»Ja, bei ihnen ist ein Wächter fest engagiert wegen der wertvollen Gegenstände, die sie als Sicherheiten nehmen. Ich weiß das, weil in der City darüber geredet worden ist.«

»Gut, wir werden telegrafieren und anfragen, ob alles in Ordnung ist und ob ein Angestellter Ihres Namens dort arbeitet. Das alles ist klar und einfach. Was mir allerdings überhaupt nicht klar ist, ist, daß der Mann bei unserem Anblick aus dem Zimmer läuft und sich erhängt.«

»Die Zeitung!« krächzte eine Stimme hinter uns. Der Mann versuchte, sich aufrecht hinzusetzen.

Er sah bleich und grauenvoll aus, aber langsam kehrte wieder Leben in die Augen zurück, und seine Hände rieben nervös den breiten roten Streifen, der seinen Hals umschloß.

»Die Zeitung! Natürlich, die Zeitung!« rief Holmes in höchster Aufregung. »Ich muß ein Idiot gewesen sein. Ich habe soviel an unseren Besuch hier gedacht, daß mir die Zeitung ganz aus dem Sinn gekommen ist. Sicherlich. Das Geheimnis liegt in der Zeitung.« Er breitete sie auf dem Schreibtisch aus, und ein Schrei des Triumphes entfuhr ihm. »Schauen Sie, Watson«, rief er, »dies ist eine Londoner Zeitung, eine frühe Ausgabe des >Evening Star<. Hier haben wir alles, was wir brauchen. Sehen Sie sich diese Schlagzeile an: >Verbrechen in der City. Mord bei Mawson und Williams. Gigantischer Raubversuch. Gefangennahme des Verbrechers.< Kommen Sie, Watson, das müssen wir alle hören, bitte lesen Sie uns laut vor.«

Die Nachricht stand auf der ersten Seite, so herausgestellt, als sei es die einzige Nachricht dieses Tages gewesen. Und die Zusammenfassung lautete folgendermaßen:

>Ein gewagter Raubüberfall, der mit dem Tod eines Menschen und der Festnahme des Verbrechers endete, trug sich gestern in der City zu. Schon seit längerer Zeit kommen bei der bekannten Bankfirma Mawson & Williams Sicherheiten von umgerechnet mehr als einer Million Pfund zur Aufbewahrung. Der Manager dieser Firma war sich seiner Verantwortung wohl bewußt, die ihm mit diesen großen Werten übertragen worden war. Alle Tresore und Safes waren mit den neuesten Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Außerdem befand sich Tag wie Nacht ein bewaffneter Wächter im Gebäude der Bank. Es stellte sich heraus, daß in der letzten Woche ein neuer Angestellter, Hall Pycroft, bei der Firma angestellt worden war. Dieser Mensch war jedoch niemand anders als der berüchtigte Fälscher und Einbrecher Beddington, der zusammen mit seinem Bruder erst vor kurzem aus einer fünfjährigen Haft entlassen worden war. Wie es ihm gelang, unter falschem Namen sich eine offizielle Anstellung in der Firma zu beschaffen, ist noch nicht geklärt. Klar jedoch ist, daß er seine Stellung dazu benutzte, Abdrücke der verschiedenen Schlösser herzustellen und sich einen genauen Lageplan über alle Positionen der Tresorräume und Safes zu verschaffen. Üblicherweise ver lassen die Angestellten der Mawson-Bank am Samstag um zwölf Uhr die Büros zum Wochenende. Sergeant Tuson von der City Police war deshalb überrascht, einen Herrn, der eine große Stofftasche trug, um 13.20 Uhr die Treppe der Firma herunterkommen zu sehen. Der Polizist, dem der Mann verdächtig erschien, folgte ihm, und mit Hilfe von Constabler Pollock gelang es ihm nach heftigem Kampf, den Mann festzunehmen. Ein gigantischer und gewagter Raubüberfall hatte stattgefunden. Amerikanische Eisenbahnaktien im Werte von über hunderttausend Pfund, neben Wertpapieren aus Minen und anderen Gesellschaften, wurden in der Tasche sichergestellt. Bei der Untersuchung der Bankräume wurde die Leiche des Wächters in einem der großen Safes gefunden, wo er, wenn Sergeant Tuson nicht so prompt reagiert hätte, vor Montag nicht gefunden worden wäre. Der Schädel des Mannes war mit einem Feuerhaken eingeschlagen worden. Es wird angenommen, daß Beddington sich Einlaß verschaffte, indem er vorgab, etwas vergessen zu haben. Nach dem Mord an dem Wächter räumte er den Tresor aus, um danach mit seiner Beute zu verschwinden.

Sein Bruder, mit dem er bisher ständig zusammengearbeitet hat, scheint aus nicht ersichtlichen Gründen an dem Raubzug nicht teilgenommen zu haben. Trotzdem setzt die Polize i im Augenblick alles daran, diesen Mann zu finden.< »Na gut, diese kleine Arbeit können wir der Polizei dann wohl ersparen«, sagte Holmes und blickte auf die zusammengesunkene Gestalt am Fenster herunter. »Die menschliche Natur ist doch seltsam, Watson. Man sieht also, daß auch ein Verbrecher und Mörder soviel Gefühl für jemand anders entwickeln kann, daß er Selbstmord macht, wenn er sieht, daß der Kopf des anderen verloren ist. Nun, wir haben keine andere Wahl. Der Doktor und ich werden als Wache hier bleiben, und Sie, Pycroft, werden die Güte haben, die Polizei herzubitten.«

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