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Die Geschichte der >Gloria Scott<.  Arthur Conan Doyle
Buch. Die Geschichte der >Gloria Scott<
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»Ich habe hier Papiere«, sagte mein Freund Sherlock Holmes, als wir an einem Winterabend neben dem Kamin saßen, »die es meines Erachtens wirklich wert wären, daß Sie sie sich einmal genauer ansehen. Es handelt sich um Dokumente über einen ganz außergewöhnlichen Fall, der Geschichte um die >Gloria Scott<. Hier, das ist eine Botschaft, die an den Friedensrichter Trevor gerichtet war. Der arme Mann ist vor Schock und Schrecken beinahe gestorben, als er sie las.« Er hatte einen zylinderförmigen Behälter aus seiner Schreibtischschublade gezogen, der inzwischen fleckig vom Liegen geworden war, hatte den Deckel entfernt und einen halben Bogen schiefergrauen Papiers herausgenommen, auf das die folgende Notiz gekritzelt war:

Das allseits bekannte Spiel >Hasch mich< ist aus der Welt. Hudson, der Förster, hat mit Hirschen geplaudert und nun fliehen alle, wie sie gleich sehen, schnellstens.

Ich las die rätselhafte Botschaft, und als ich den Kopf wieder hob, blickte ich direkt in Sherlock Holmes' lachendes Gesicht, der sich über den erstaunten Ausdruck in meinem Gesicht amüsierte.

»Sie sehen ein bißchen verwirrt aus«, sagte er.

»Ich kann nicht verstehen, daß eine solche Nachricht jemanden in Schrecken versetzen kann. Sie ist ziemlich verworren, ja, aber sonst doch wohl nicht besonders erschreckend.«

»Ich glaube gerne, daß sie so auf Sie wirkt. Und doch stimmt es, daß der erste Empfänger, ein gesunder, robuster alter Herr, davon umgeworfen wurde, als hätte man ihn mit dem Hammer vor den Kopf geschlagen.«

»Sie machen mich neugierig«, sagte ich, »gibt es einen besonderen Grund, weshalb ich gerade diesen Fall studieren sollte?«

»Ja, es war nämlich der erste Fall, den ich überhaupt übernommen habe. «

Ich hatte mir schon oft vorgenommen, meinen Freund zu fragen, wie er ausgerechnet auf diesen Beruf, nämlich der Erforschung des Kriminellen, gekommen war, aber er ist selten in mitteilsamer Stimmung. Nun saß er mit gebe ugtem Rücken in seinem Sessel und hatte die Papiere vor sich auf den Knien. Er zündete seine Pfeife an und rauchte eine Weile schweigend, während er seine Blätter sortierte.

»Habe ich Ihnen niemals von Victor Trevor erzählt?« begann er. »Er war während meiner zweijährigen Studienzeit mein einziger Freund. Ich war nie sehr viel mit Kameraden zusammen, Watson, lieber brütete ich allein in meinem Zimmer und arbeitete meine eigenen Gedankenspiralen aus. Mit den Männern meines Jahrgangs bin ich kaum in Berührung gekommen. Sportliche Betätigungen interessierten mich wenig, ausgenommen natürlich Boxen und Fechten. Schließlich unterschied sich mein Studiengang ja auch von dem meiner Kameraden.

So hatte ich kaum Berührungspunkte mit den Kameraden. Trevor war der einzige, mit dem mich so etwas wie eine Freundschaft verband, und das war auch nur durch einen Unfall geschehen. Ein Terrier hatte es eines Morgens, als wir auf dem Weg zur Kapelle waren, auf meine Hacken abgesehen.

Der Anfang unserer Freundschaft war also recht prosaisch, aber sie lief dann doch recht gut. Zehn Tage lang mußte ich das Bett hüten, und Trevor besuchte mich jeden Tag. Am ersten Tag plauderten wir vielleicht fünf Minuten zusammen. Aber seine Besuche wurden länger, und bevor das Semester zu Ende ging, waren wir Freunde geworden. Er war ein herzhafter, temperamentvoller Charakter, mit viel Feuer und großer Energie ausgestattet. Zwar waren seine Ansichten oft das ganze Gegenteil von meinen, aber wir hatten auch vieles gemeinsam. Ich fand heraus, daß er genauso einsam war wie ich, und allein das war ein starkes Band. Schließlich lud er mich zu sich nach Hause, auf das Gut seines Vaters in Donnithorpe in Norfolk, ein. Diese Gastfreundschaft nahm ich für einen Monat in den langen Ferien gerne an. Der alte Trevor schien recht vermögend, ja reich zu sein. Donnithorpe ist ein kleines Dörfchen nördlich von Langmere, im Lande der Broads. Das Haus war alt und sehr geräumig. Es war aus Eichengebälk und Ziegelsteinen erbaut. Eine herrliche Limonenallee führte zum Haus. Auf dem Gutsgelände konnte man wilde Enten schießen, es gab Möglichkeiten zu fischen, und es gab eine kleine, erlesene Bibliothek im Haus, die, wie man mir erzählte, vom Vorbesitzer hinterlassen worden war. Auch der Koch war in Ordnung. Es müßte scho n ein sehr merkwürdiger Kauz sein, der es sich hier nicht vier Wochen lang wohlsein lassen konnte.

Trevor Senior war Witwer, und mein Freund war sein einziger Sohn. Es war auch eine Tochter vorhanden gewesen, aber sie war während einer Besuchsreise nach Birmingham an Diphtherie gestorben. Der Vater interessierte mich sehr. Besonders kultiviert war er nicht, wohl aber in jeder Beziehung, körperlich wie seelisch, sehr stark. Er hatte kaum ein Buch gelesen, war dafür aber weit gereist, hatte viel von der Welt gesehen und erinnerte sich an alles, was er gesehen hatte. Er war ein breit gebauter, kräftiger Mann mit vollem, grauweiß meliertem Haar und einem braunen, wettergegerbten Gesicht. Dazu hatte er Augen von einem so intensiven Blau, daß sie fast wild wirkten. Und doch hatte er in der Gegend den Ruf, sehr freundlich und mildherzig zu sein. Wenn er Recht sprechen mußte, dann war er für seine milden Urteile bekannt. Eines Abends, kurz nach meiner Ankunft, saßen wir nach dem Essen noch bei einem Glas Portwein beisammen. Plötzlich begann der junge Trevor seinem Vater von meinem Studium des Beobachtens und der Schlußfolgerung zu erzählen, das ich schon damals systematisiert hatte, obgleich ich noch nicht wußte, wie und ob ich es berufsmäßig einsetzen würde. Der alte Mann glaubte ganz offensichtlich, daß sein Sohn, der ein paar einfachere Begebenheiten berichtete, die mein Können bewiesen, übertrieb.

>Nun hören Sie mal, Mr. Holmes<, sagte er lachend und gutgelaunt. >Ich bin ein ausgezeichnetes Versuchsobjekt. Schlußfo lgern Sie doch einmal an mir.< >Ich fürchte, Sir, bei Ihnen läßt sich nicht viel finden, sagte ich bescheiden. >Höchstens sehe ich dies eine, daß Sie in den letzten zwölf Monaten Sorge gehabt haben, jemand könnte Sie physisch angreifen.< Das Lachen auf seinen Lippen erstarb, und er starrte mich voll Verwunderung an. >Ja, das stimmt allerdings<, sagte er. >Weißt du noch, Victor<, wandte er sich an seinen Sohn, >als wir damals die Wilderer erwischten, da schworen sie, sie würden uns eines Tages erstechen. Sir Edward Holly ist auch wirklich tätlich angegriffen worden. Ich habe inzwischen gut auf mich aufgepaßt, aber ich habe keine Ahnung, woher Sie das wissen können.< >Sie besitzen einen recht ansehnlichen Stock<, antwortete ich ihm, >aus dem eingeritzten Datum geht hervor, daß er nicht länger als ein Jahr in Ihrem Besitz ist. Aber Sie haben sich der Mühe unterzogen, Löcher in den Knauf zu bohren und Blei hineinzugießen; damit haben Sie wirklich eine handfeste Waffe. Ich sage mir, daß Sie sich nicht eine solche Mühe machen würden, wenn Sie nicht tatsächlich Sorge um Ihr Leben hätten.< >Noch etwas?< fragte er lächelnd.

>In Ihrer Jugend haben Sie sehr viel geboxt.< >Wieder richtig. Wie haben Sie das herausgefunden? Ist meine Nase ein bißchen aus der Richtung geraten?< >Nein, Sir, bei Ihnen sind es die Ohren. Sie haben die typischen Verdickungen und daneben die flachen Stellen, die einen Boxer kennzeichnen.< >Noch etwas?< >Sie haben in Ihrem Leben ziemlich viel gegraben.< >Ich habe mein ganzes Vermögen in Goldminen gemacht.< >Sie sind in Neuseeland gewesen.< >Wieder richtig.< >Sie haben Japan besucht.< >Stimmt.< >Und Sie waren eng verbunden mit jemandem, dessen Initialen J. A. waren und den zu vergessen Sie sich später die größte Mühe gegeben haben.< Mr. Trevor stand langsam auf und richtete seine blauen Augen mit einem fremden, seltsam starren Blick auf mich. Dann sank er vornüber. Sein Kopf fiel in die Nußschalen, die auf dem Tisch verstreut lagen. Er war ohnmächtig geworden. Watson, den Schrecken, den sein Sohn und ich bekommen haben, können Sie sich gar nicht vorstellen. Der Anfall dauerte jedoch nicht lange.

Wir hatten ihm den Kragen geöffnet und aus einer der Handschälchen Wasser über sein Gesicht gesprengt. Schließlich gab er einen langen Seufzer von sich und richtete sich langsam wieder auf.

>Oh, Jungens<, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln, >ich hoffe, daß ich euch nicht zu sehr erschreckt habe. Stark, wie ich aussehe, habe ich doch ein etwas schwaches Herz, und manchmal überfällt es mich eben. Mr. Holmes, ich weiß nicht, wie Sie es machen, aber ich glaube, daß alle Detektive wie Kinder sind im Vergleich zu Ihnen. Das ist Ihr Beruf, Sir, und Sie sollten auf einen alten Mann hören, der die Welt gesehen hat.< Diese Empfehlung, die er mir mit einem übertriebenen Lob auf mein Können gab, brachte mich zum ersten Mal auf den Gedanken, aus meiner Liebhaberei einen Beruf zu machen. In jenem Augenblick war ich allerdings zu besorgt um die Gesundheit des alten Herrn, als daß ich einen Gedanken an etwas anderes hätte verschwenden können. >Ich hoffe, daß ich nichts gesagt habe, was Ihnen weh tun könnte?< fragte ich.

>Na ja, einen recht wunden Punkt haben Sie da schon getroffen. Darf ich fragen, woher Sie alles wissen und wie viel Sie noch wissen?< Er sprach in einer ha lb scherzhaften Weise, aber der Schatten des soeben ausgestandenen Schreckens stand immer noch in seinen Augen.

>Das ist die Einfachheit selber<, sagte ich. >Als Sie Ihren Ärmel hochkrempelten, um einen Fisch ins Boot zu ziehen, da entdeckte ich, daß ein J. A. in Ihre Ellenbeuge tätowiert war. Die Buchstaben sind immer noch lesbar, jedoch nicht sehr deutlich. Es ist ein Versuch unternommen worden, diese Buchstaben weniger deutlich und sichtbar zu machen, indem die Haut darum herum so gefärbt wurde, daß die Buchstaben nicht mehr auffallen. Daraus geht doch hervor, daß die Initialen Ihnen einmal etwas bedeutet haben, Sie aber später versucht haben, sie zu vergessen.< >Was für Augen Sie haben!< rief er mit einem erleichterten Seufzer. >Gerade so, wie Sie es sagen, ist es auch gewesen. Aber wir wollen nicht weiter darüber reden. Von allen Gespenstern sind die Erinnerungen an eine alte Liebe die schlimmsten. Kommt mit ins Billardzimmer und laßt uns friedlich eine Zigarre rauchen.< Von diesem Tag an veränderte sich Mr. Trevors Verhalten mir gegenüber. Er war zwar weiter freundlich und umgänglich. Doch lauerte nun in seinen Augen ein kleiner Argwohn. Sogar sein Sohn bemerkte es. >Du hast meinem Alten wirklich eines mitgegeben<, sagte er. >Nun ist er nie mehr so ganz sicher, ob du etwas von ihm weißt und was du weißt.< Er wollte es mich nicht fühlen lassen, dessen bin ich sicher, aber es war so stark in ihm, daß es immer wieder durchschien. Schließlich wurde mir peinlich bewußt, daß ich nur Unruhe stiftete. Ich beschloß, meinen Urlaub abzubrechen. Jedoch genau an dem Tag, als ich abreisen wollte, geschah etwas, das mir zeigte, wie wichtig jener erste Vorfall gewesen war.

Wir hatten es uns draußen auf dem Rasen auf Liegestühlen bequem gemacht, ließen uns von der Sonne bescheinen und bewunderten die Aussicht auf das breite Tal. Plötzlich kam das Mädchen mit der Nachricht, ein Mann sei an der Haustür und wolle Mr. Trevor sprechen. >Wer ist es?< fragte mein Gastgeber.

>Er wollte seinen Namen nicht nennen.< >Was will er denn?< >Er sagte, er sei ein Bekannter von Ihnen und wolle nur einen Augenblick mit Ihnen sprechen.< >Dann laß ihn hierher kommen.< Einen Augenblick später schlurfte ein kleiner, gebeugter alter Mann auf die Bildfläche. Er trug ein offenes Jackett, das einen Teerflecken am Ärmel hatte, ein rot-schwarz gewürfeltes Hemd, Cordhosen und schwere, abgetragene Stiefel. Sein Gesicht war schmal und braun. Er lächelte ständig auf eine hinterhältige Weise und zeigte dabei eine Reihe von häßlichen, gelben Zähnen.

Seine faltigen Hände hielt er halb geschlossen, so wie Seeleute es wohl tun. Wie er so auf dem Rasen auf uns zuschlurfte, hörte ich plötzlich von Mr. Trevor neben mir ein gurgelndes Geräusch.

Einen Augenblick später war er aus seiner bequemen Lage aufgesprungen und auf das Haus zugelaufen. Zwar kam er gleich darauf wieder zu uns, aber er roch, als habe er einen kräftigen Schluck aus der Brandyflasche genommen.

Der Seemann stand da, immer noch das gleiche verkniffene Lächeln um den Mund, und sah ihn an.

>Sie erkennen mich wohl nicht wieder?< >Ja, du liebe Zeit, wenn Sie nicht Hudson sind--<, sagte Mr. Trevor in überraschtem Ton.

>Es ist wirklich der alte Hudson, Sir<, sagte der Seemann. >Und es ist mehr als dreißig Jahre her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Und hier leben Sie in Ihrem schönen eigenen Haus, und ich picke mir immer noch mein Salzfleisch aus der Tonne.< >Na, na, du wirst merken, daß ich die alten Zeiten nicht vergessen habe<, sagte Trevor, ging auf den Seemann zu und flüsterte ihm leise etwas ins Ohr. >Geh in die Küche, man wird dir zu essen und zu trinken geben. Es wird sich wohl auch eine Stellung für dich finden lassen.< >Vielen Dank, Sir<, sagte der Seemann und hob die Hand an die Stirn. >Ich habe gerade eine Reise von zwei Jahren auf einem Acht-Knoten-Pott hinter mir. Ich brauche Ruhe. Und die kriege ich entweder von Mr. Beddoes oder von Ihnen.< >Ah<, rief Mr. Trevor, >du weißt, wo Mr. Beddoes ist?< >Himmel, Sir, ich weiß meine alten Freunde wohl zu finden<, sagte der Kerl mit bösartigem Lächeln und schlurfte hinter dem Mädchen her zur Küche. Mr. Trevor murmelte etwas davon, daß dies ein alter Kamerad aus seiner Seefahrerzeit sei, den er getroffen habe, als er auf der Reise zu den Goldminen war. Darauf ging er ins Haus. Als wir ihm wohl eine Stunde später ins Haus folgten, lag er auf dem Sofa im Eßzimmer - sternhagelvoll betrunken.

Dieser Zwischenfall hatte einen recht häßlichen Eindruck in meinem Innern hinterlassen. Es tat mir nicht mehr leid, Donnithorpe am nächsten Tag zu verlassen. Ich fühlte, wie peinlich meinem Freund meine Gegenwart sein mußte.

All dies war während des ersten Ferienmonats geschehen. Ich zog wieder in meine Londoner Wohnung. Die nächsten sieben Wochen verbrachte ich mit Experimenten in organischer Chemie.

Eine Tages, so gegen Ende der Ferien, erhielt ich ein Telegramm von meinem Freund, in dem er mich bat, eiligst nach Donnithorpe zurückzukehren. Er bedürfe dringend meines Rates und meiner Hilfe. Natürlich ließ ich alles stehen und liegen und reiste in den Norden.

Mit seinem Einspänner holte er mich vom Bahnhof ab. Schon auf den ersten Blick war klar, daß die letzten zwei Monate eine harte Zeit für ihn gewesen waren. Sein Gesicht war schmal und sorgenvoll. Nichts war mehr von seiner lauten, sorglos vergnügten Art zu spür en.

>Mein alter Herr liegt im Sterben<, waren die Worte, mit denen er mich begrüßte.

>Unmöglich<, rief ich, >wie kann das zugehen?< >Schlaganfall! Schockreaktionen! Heute hat sich sein Zustand noch verschlechtert. Wer weiß, ob wir ihn noch lebend antreffe n. < Sie können sich vorstellen, Watson, wie sehr mich diese plötzliche Nachricht erschütterte.

>Was war die Ursache?< fragte ich.

>Ah, das ist ja gerade die Schwierigkeit! Los, steig ein, damit wir losfahren können. Reden können wir unterwegs. - Du erinnerst dich doch sicher an den Kerl, der am Tag vor deiner Abreise plötzlich auftauchte?< >Ganz genau!< >Hast du eine Ahnung, wen wir uns damals ins Haus geholt haben?< >Ich kann es mir wirklich nicht denken.< >Den Teufel in Person, Holmes.< Ich starrte ihn verwundert an.

>Ja, Holmes, es war der Teufel selber. Mein Vater war immer ein stolzer Mann, der den Kopf hochgetragen hat. Und nun stirbt er, mit gebrochenem Herzen. Und alles wegen dieses verdammten Hudson!< >Welche Macht hat er denn über deinen Vater?< >Ah, ich würde viel geben, wenn ich das wüßte. Mein Vater war ein netter, großzügiger alter Herr. Wie kann er nur in die Klauen eines solchen Rohlings gefallen sein? Aber ich bin froh, daß du gekommen bist, Holmes. Ich vertraue deinem Urteilsvermögen in jeder Beziehung. Ich weiß, daß du mich bestens beraten wirst.< Auf der glatten, weißen Landstraße kamen wir gut voran. Die lange Hügelkette vor uns schimmerte im Licht der untergehenden Sonne. Schon konnte ich die hohen Schornsteine und den Fahnenmast des alten Herrenhauses in der Ferne erspähen. >Mein Vater hat den Kerl als Gärtner angestellt<, erzählte mein Freund, >aber das hat ihm nicht gefallen. So hat er ihn zum Butler erhoben. Das ganze Haus schien seiner Gnade ausgeliefert zu sein. Er spazierte im ganzen Haus herum und tat nur, was ihm selber gefiel. Die Mädchen beklagten sich, weil er ständig betrunken war und sich in dem Zustand ihnen gegenüber schlecht benahm. Vater erhöhte ihren Lohn, um so auf seine Weise wieder gut zu machen, was Hudson anrichtete. Der Kerl nahm unser Boot und Vaters bestes Gewehr und amüsierte sich auf der Jagd. Dabei hatte er ständig dieses bösartige, hinterhältige Grinsen im Gesicht. Ich war wohl zwanzigmal am Tag versucht, ihn einfach niederzuschlagen, wenn er nur ein Mann meines Alters gewesen wäre. Ich sage dir, Holmes, an manchen Tagen habe ich mich wirklich sehr zusammennehmen müssen. Und nun frage ich mich, ob ich mich manchmal nicht ruhig ein bißchen mehr hätte gehen lassen sollen.

Vielleicht wäre das besser für uns alle gewesen. Nun ja, bei uns wurde es immer schlimmer.

Dieser Kerl maßte sich täglich neue Rechte an. Eines Tages bedachte er meinen Vater in meiner Gegenwart mit solch beleidigenden Reden, daß ich ihn an der Schulter packte und ihn zur Tür hinausbeförderte. Er schlich davon, aschfahl und mit so bösartig glitzernden Augen, daß sie mehr Drohung ausdrückten, als seine Zunge es hätte tun können. Ich weiß nicht, was später zwischen ihm und meinem Vater vorging, aber mein Vater kam am nächsten Tag zu mir und bat mich, ich solle mich bei Hudson entschuldigen. Du kannst dir wohl denken, daß ich das rundheraus abgelehnt habe, im Gegenteil fragte ich meinen Vater, wie er denn ein solches Miststück in unserem Haushalt dulden könne und woher der Kerl das Recht hätte, sich derartig zu betragen.

>Ach, mein Junge<, seufzte mein Vater, >du hast gut reden. Wenn du nur wüßtest, in was für einer elenden Lage ich mich befinde. Aber du sollst es erfahren, Victor. Ich werde dafür sorgen, daß du alles erfährst, komme, was wolle. Du de nkst nicht schlecht von deinem alten Vater, nicht wahr, mein Junge?< Er war sehr bewegt. Nach diesem Gespräch schloß er sich für den Rest des Tages in seinem Arbeitszimmer ein. Durch das Fenster konnte ich sehen, daß er eifrig schrieb.

Am Abend dieses Tages geschah etwas, was mir zunächst als große Erleichterung erschien.

Hudson verkündete, er wolle uns verlassen. Er kam ins Eßzimmer, wo wir uns nach dem Dinner noch aufhielten, und machte uns diese Ankündigung mit der schweren Zunge eines Halbbetrunkenen. >Ich habe genug von Norfolk<, sagte er. >Ich werde nach Hampshire fahren, zu Beddoes. Sicherlich freut er sich genauso, wenn ich ihn besuche, wie ihr hier.< >Ich hoffe, daß du uns nicht mit unguten Gefühlen verläßt<, sagte mein Vater so mild, daß in mir das Blut zu kochen begann. >Er hat sich noch nicht bei mir entschuldigt, knurrte er und sah mich aufsässig an.

>Victor, du wirst dich entschuldigen, denn du hast diesen guten Mann sehr rauh behandelt<, wandte sich mein Vater an mich. >Im Gegenteil, ich glaube, daß wir beide eine ganz ungeheure Geduld mit ihm gehabt haben<, antwortete ich.

>Oh, meinst du, meinst du!< zischte er. >Das werden wir ja sehen!, Er schlurfte aus dem Zimmer, und nach einer halben Stunde hatte er das Haus verlassen. Statt erleichtert zu sein, befand sich jetzt aber mein Vater in einem Zustand mitleidigerregter Nervosität. Abend für Abend hörte ich ihn in seinem Zimmer herumgehen. Schließlich beruhigte er sich jedoch ein wenig. Und da kam der letzte Schlag.< >Wie denn?< fragte ich aufgeregt.

>Auf die allermerkwürdigste Art. Gestern Abend traf ein Brief für meinen Vater ein mit einer Briefmarke aus Fordingham. Als mein Vater ihn gelesen hatte, schlug er beide Hände vors Gesicht. Dann lief er im Kreis herum wie einer, der den Verstand verloren hat. Schließlich gelang es mir, ihn auf das Sofa zu betten. Sein Mund und die Augenlider waren zu einer Seite hingezogen. Er hatte einen Schlaganfall bekommen. Dr. Fordham kam sofort zu uns herüber.

Gemeinsam brachten wir ihn zu Bett. Inzwischen hat sic h die Lähmung jedoch ausgebreitet.

Bisher hat es auch noch keine Anzeichen dafür gegeben, daß er das Bewußtsein wiedererlangt.

Ich fürchte, daß wir ihn vielleicht nicht mehr lebend vorfinden.< >Du erschreckst mich, Trevor<, rief ich. >Was kann denn nur der Inhalt des Briefes gewesen sein, daß er so furchtbare Folgen hatte?< >Nichts! Das ist ja gerade das Unerklärliche. Die Botschaft war banal und unverständlich. - O mein Gott, es ist, wie ich befürchtet habe!< Wir waren in diesem Augenblick an die Stelle gekommen, wo die Allee eine Kurve macht und den Blick auf das Haus freigibt. Im sinkenden Schein der Abendsonne sahen wir, daß alle Läden des Hauses heruntergelassen waren. Das Gesicht meines Freundes war verzerrt vor Kummer. An der Tür trat uns ein schwarzgekleideter Herr entgegen.

>Wann ist es passiert, Doktor?< >Gleich nachdem Sie zum Bahnhof gefahren sind.< >Hat er das Bewußtsein noch einmal wiedererlangt?< >Nur für einen Augenblick, kurz vor dem Ende.< >Eine Botschaft für mich?< >Nur ein Hinweis, daß die Papiere sich im hinteren Fach des japanischen Kabinetts befinden.< Mein Freund begab sich zusammen mit dem Arzt in das Zimmer des Toten, während ich im Arbeitszimmer blieb und über die Geschehnisse nachdachte. Ein großer Ernst, wie ich ihn vorher noch nicht erlebt hatte, bemächtigte sich meiner. Wie mochte die Vergangenheit dieses Trevor, Boxer, Weltreisender, Goldgräber, ausgesehen haben? Wie war er in die Krallen dieses grämlichen Seemannes geraten? Warum war er ohnmächtig geworden, als ich nur die halbverblichene Tätowierung erwähnte? Warum mußte er vor Angst sterben, nur weil er einen Brief aus Fordingham erhielt? Plötzlich erinnerte ich mich daran, daß Fordingham in Hampshire liegt. Dieser Mr. Beddoes, den der Seemann besuchen wollte, ganz offenbar, um ihn zu erpressen, lebte auch in Hampshire. Der Brief konnte also von Hudson stammen, der damit klarmachte, daß er sein böses Geheimnis nun weitergegeben hatte. Oder aber er stammte von Beddoes, der auf diese Weise seinen alten Kameraden warnen wollte. Soweit schien mir alles ganz klar zu sein. Aber warum war der Brief auf so grotesk banale Weise abgefaßt, wie Trevor gesagt hatte?

Er mußte ihn mißverstanden haben. Vielleicht handelte es sich um einen fantasievollen Geheimcode, der ganz etwas anderes bedeutete. Ich mußte diesen Brief sehen. Falls er eine geheime Botschaft enthielt, war ich sicher, sie ans Licht bringen zu können. Eine Stunde lang brütete ich im Dämmerlicht darüber, bis ein weinendes Mädchen mit einer Lampe kam. Ihr auf den Fersen folgte mein Freund Trevor, bleich, aber gefaßt, mit den Papieren, die Sie hier auf meinen Knien sehen. Er setzte sich mir gegenüber, zog die Lampe an den Tischrand und gab mir ein einzelnes graues Blatt Papier, auf dem eine kurze Notiz geschrieben stand: >Das allseits bekannte Spiel Hasch mich ist nicht mehr aus der Welt. Hudson, der Förster, hat mit Hirschen geplaudert, und nun fliehen alle, wie Sie gleich sehen, schnellstens.< Ich habe sicher ein genauso erstauntes Gesicht gemacht wie Sie gerade eben, Watson, als ich diese Zeilen zum ersten Mal las. Sorgfältig las ich sie noch einmal. Diese merkwürdige Kombination von Wörtern mußte irgendeine geheimnisvolle Bedeutung enthalten. Wenn allerdings der Förster und die Hirsche für etwas standen, das vorher vereinbart worden war, dann konnte niemand den verborgenen Sinn erraten. Aber das konnte und wollte ich nicht glauben, und der Name Hudson schien ein Indiz dafür zu sein, daß es sich um eine Botschaft handelte, wie ich es mir gedacht hatte, und daß sie eher von Beddoes kam als von dem Seemann. Ich versuchte es damit, den Text rückwärts zu lesen oder jeweils ein Wort auszulassen, aber nichts wollte einen Sinn ergeben. Dann plötzlich hatte ich des Rätsels Lösung: Das erste und dann jeweils das dritte Wort im Zusammenhang gelesen, ergab eine Botschaft, die den alten Trevor sehr wohl zur Verzweiflung getrieben haben konnte.

Die Warnung, die ich meinem Freund nun vorlas, war kurz und bündig. >Das Spiel ist aus.

Hudson hat geplaudert. Fliehen Sie schnellstens.< Victor Trevor le gte den Kopf auf die zitternden Hände. >Das muß es sein<, sagte er. >Und es ist schlimmer als der Tod, denn es bedeutet außerdem noch Schande. Aber was sollen der Förster und die Hirsche?< >Für die Botschaft haben sie keine Bedeutung<, antwortete ich, >wohl aber für uns, wenn wir aus ihnen auf den Absender schließen wollen. Sicher hat er damit begonnen, >Das... Spiel... ist...

aus< usw. zu schreiben, und hat die Lücken dann irgendwie ausgefüllt. Dazu hat er sicher verwendet, was ihm als erstes in den Sinn kam, und in dieser Hinsicht ist seine Wahl durchaus bedeutungsvoll. Er könnte Jäger oder Jagdbesitzer sein. Wissen Sie etwas über diesen Beddoes?< >Nun, da Sie es erwähnen<, sagte er. >Ich erinnere mich, daß mein armer Vater von ihm immer zur Herbstjagd ein geladen war.< >Dann ist die Botschaft mit Sicherheit von ihm. Bleibt uns nur noch herauszufinden, mit welchem Geheimnis dieser Seemann Hudson zwei so wohlhabende und geachtete Männer in Angst und Schrecken versetzen konnte.< >Ach, Holmes, ich fürchte, es handelt sich um eine ehrenrührige und schandbare Sache<, rief mein Freund aus. >Aber vor dir habe ich keine Geheimnisse. Hier ist der Bericht, den mein Vater geschrieben hat, als die Bedrohung durch Hudson akut wurde. Ich habe ihn im japanischen Kabinett gefunden, wie der Doktor gesagt hat. Nimm ihn und lies ihn mir vor, denn mir fehlt dazu die Kraft und auch der Mut.< Das hier, Watson, sind die Papiere, die er mir aushändigte, und ich werde Sie Ihnen jetzt vorlesen, wie ich sie damals ihm vorgelesen habe. Wie Sie sehen, steht darauf vermerkt:

>Einzelheiten von der Reise der >Gloria Scott< von ihrem Auslaufen aus Falmouth am B.

Oktober 1855 bis zu ihrem Untergang am 6. November bei 15 Grad 20 Minuten nördlicher Länge, 25 Grad 14 Minuten westlicher Breite.< Der Bericht ist in Form eines Briefes geschrieben und lautet:

>Mein lieber, lieber Sohn - Nun, da Schande die letzten Jahre meines Lebens zu verdunkeln droht, kann ich mit aller Aufrichtigkeit schreiben, daß es nicht der Verlust meiner Stellung hier, nicht die Angst vor dem Gesetz oder mein Sturz in den Augen aller, die mich kannten, ist, was mich am meisten betrübt, sondern der Gedanke, daß Du für mich erröten mußt - Du, der Du mich liebst und selten, so hoffe ich wenigstens, Grund hattest, mir Deinen Respekt zu versagen. Aber wenn das Unheil, das auf ewig an mir hängt, wirklich auf mich niederstürzt, möchte ich, daß Du von mir erfährst, inwieweit ich schuldig geworden bin. Sollte indes alles gut gehen (was Gott geben möge), so beschwöre ich Dich bei allem, was Dir heilig ist, beim Andenken an Deine liebe Mutter, diese Papiere ins Feuer zu werfen und keinen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden.

Wenn Du nun aber weiterliest, weiß ich, daß ich bereits bloßgestellt und von Haus und Hof verjagt worden bin oder, was noch wahrscheinlicher ist- denn mein Herz ist schwach, wie Du weißt-, meine Lippen auf ewig versiegelt sind. In jedem Fall ist die Zeit der Heimlichkeiten vorüber. Jedes Wort, das Du hier liest, ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe. Mein lieber Junge- ich heiße nicht Trevor, sondern wurde als James Armitage geboren. Vielleicht kannst du jetzt den Schrecken verstehen, den mir Dein junger Studiengefährte vor ein paar Wochen einjagte, als ich annehmen mußte, er habe mein Geheimnis entdeckt. Als Armitage trat ich in eine Bank ein, als Armitage kam ich mit dem Gesetz in Konflikt und wurde zur Deportation verurteilt. Urteile nicht zu streng über mich, mein Sohn. Es handelte sich um eine sogenannte Ehrenschuld, die ich begleichen mußte, und ich beglich sie mit Geld, das mir nicht gehörte, weil ich sicher war, es zurückzahlen zu können, bevor man es vermissen würde. Aber ich war vom Pech verfolgt. Das Geld, mit dem ich gerechnet hatte, kam niemals an, und eine vo rzeitige Buchprüfung entdeckte mein Defizit. Vor dreißig Jahren wurde das Gesetz noch strenger gehandhabt als heute, und an meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag befand ich mich zusammen mit siebenunddreißig anderen Häftlingen in Ketten auf dem Zwischendeck der Gloria Scott. Unser Ziel war Australien.

Wir schrieben 1855. Der Krimkrieg war auf seinem Höhepunkt angelangt, und die alten Sträflingsschiffe wurden größtenteils als Truppentransporter ins Schwarze Meer eingesetzt.

Deshalb wurden die Sträflinge notgedrungen auf kleineren und weniger geeigneten Schiffen deportiert. Die Gloria Scott war eine altmodische, behäbige Barke, die im chinesischen Teehandel ein gesetzt gewesen war, bis die schnellen neuen Segler sie unrentabel machten. Sie hatte 500 Tonnen und außer ihren achtunddreißig Galgenvögeln noch sechsundzwanzig Mann Besatzung, achtzehn Soldaten, einen Kapitän, drei Offiziere, einen Doktor, einen Geistlichen und vier Wärter an Bord, hatte, alles in allem, an die hundert Seelen, als wir von Falmouth ausliefen.

Die Trennwände zwischen den einzelnen Zellen waren nicht, wie auf Sträflingsschiffen üblich, aus dicken Eichenbohlen, sondern ziemlich dünn und gebrechlich. Den Mann, der die Zelle achtern neben mir bewohnte, hatte ich schon bemerkt, als wir den Kai entlanggeführt wurden. Er war noch jung, hatte ein klares, bartloses Gesicht, eine lange, dünne Nase und Kinnbacken wie ein Nußknacker. Er hielt den Kopf unbeschwert hoch, hatte eine prahlerische Art zu gehen und fiel vor allem durch seine außergewöhnliche Größe auf. Nicht einer von uns hätte ihm auch nur bis zur Schulter gereicht; er war bestimmt an die zwei Meter lang. Es war merkwürdig, unter so vielen müden und traurigen Gesichtern eines zu sehen, das so voller Energie und Entschlußkraft war. Der Anblick war für mich wie ein wärmendes Feuer in einem Schneesturm. Ich freute mich deshalb, ihn zum Nachbarn zu haben, und noch mehr freute ich mich, als ich mitten in der Nacht nahe meinem Ohr ein Flüstern hörte und feststellte, daß er es fertiggebracht hatte, ein Loch in die Trennwand zu schneiden.

>Hallo, Kumpel<, flüsterte er. >Wie heißt du und warum haben sie dich verknackt?< Ich antwortete und fragte ihn dann nach seinem Namen. >Ich bin Jack Prendergast<, sagte er, >und bei Gott, du wirst meinen Namen noch segnen, bevor wir auseinandergehen.< Ich erinnerte mich an seinen Fall, denn er hatte im ganzen Land ungeheures Aufsehen erregt, kurz bevor ich selbst verhaftet wurde. Er kam aus guter Familie, besaß viele Fähigkeiten, aber auch unheilbare Laster, und hatte mit einem genial erdachten Betrugsmanöver die führenden Londoner Kaufleute um immense Summen betrogen. >Aha, du erinnerst dich an meinen Fall?< fragte er geschmeichelt.

>Sehr gut sogar< >Dann erinnerst du dich vielleicht auch noch an etwas Seltsames?< >Was sollte das gewesen sein?< >Ich hatte fast eine Viertelmillion, nicht wahr?< >So sagt man.< >Aber es wurde kein Penny gefunden, eh?< >Nein.< >Nun, was glaubst du, wo das Pulver steckt?< >Ich habe keine Ahnung<, sagte ich.

>Genau zwischen meinem Daumen und Zeigefinger<, rief er aus. >Bei Gott, mir gehören mehr Pfund, als ich Haare auf dem Kopf habe. Und wenn du Geld hast, mein Lieber, und richtig damit umgehst, kannst du schließlich alles machen. Du glaubst doch wohl nicht, daß ein Mensch, dem alles möglich ist, lange diese Sträflingskleidung trägt. Lange werde ich bestimmt nicht mehr in diesem stinkenden Rattenloch zwischen Käfern und Ungeziefern in diesem alten, verrotteten Chinakahn hocken. Nein, ein Mensch wie ich sorgt anders für sich, und er sorgt gleichzeitig für seine Kameraden mit. Das darfst du dir ruhig merken, und du kannst dich drauf verlassen, daß er dich durchbringen wird.< So redete er daher. Zunächst glaubte ich natürlich nicht, daß viel dahinterstecke. Aber er prüfte und testete mich weiter. Schließlich ließ er mich einen heiligen Eid schwören, und dann begriff ich langsam, was er im Schilde führte. Sein Ziel, das er vor Augen hatte, war nicht gering, denn er wollte nichts weniger, als die Kommandogewalt des Schiffes an sich bringen. Er hatte den Plan bereits mit einigen anderen Gefangenen ausgeheckt, bevor sie an Bord gebracht worden waren.

Prendergast war der Anführer und sein Geld die treibende Kraft.

>Ich habe einen Partner<, sagte er, >einen wirklich guten Mann, treu wie Gold und mit viel Verstand. Was meinst du, wo er sich im Augenblick befindet? Ganz einfach, er ist der Priester hier auf dem Schiff, niemand weniger. Er ist in seinem schwarzen Habit an Bord gekommen, seine Papiere sind in Ordnung, und er hat Geld genug im Kasten, gleich den ganzen Kahn aufzukaufen, vom Kiel bis zu den Masten. Die Besatzung ist ihm mit Leib und Seele ergeben. Er hätte sie alle mit Mengenrabatt kaufen können, bevor sie noch hier angeheuert hatten, und genau das hat er getan. Er hat auch zwei der Wärter gewonnen und Merrer, den zweiten Offizier. Wenn er meint, daß ihm das etwas einbringt, dann kauft er auch den Kapitän auf.< >Wie wollen wir es anstellen?< fragte ich.

>Wie denkst du dir die Sache?< fragte er zurück. >Ich denke, wir färben die Uniform der Soldaten rot - viel röter, als ein Schneider sie machen könnte.< >Aber sie sind doch bewaffnet!< wandte ich ein.

>Wir werden ebenfalls bewaffnet sein, mein Sohn. Für jeden Sohn einer Mutter wird es ein paar gute Pistolen geben. Wenn wir nicht in der Lage sein sollten, mit diesem Schiff und seiner Besatzung fertig zu werden, dann wird es Zeit, daß wir in den Kindergarten zurückkehren und erst einmal zu lernen anfangen. Du könntest mit deinem Kumpel zur Rechten reden und herausfinden, ob man ihm trauen kann.< Das tat ich dann. Ich fand heraus, daß es sich um einen jungen Mann handelte, der in ähnlicher Lage war wie ich. Er hatte einige Papiere gefälscht. Sein Name war Evans, aber er hat später einen anderen Namen angenommen, so wie ich es auch getan habe. Heute ist dieser Mensch ein reicher, wohlangesehener Mann im Süden Englands. Er war bereit, sich der Verschwörung anzuschließen, denn es war die einzige Möglichkeit, sich zu retten. Nach kurzer Zeit gab es nur noch zwei Gefangene, die nicht eingeweiht worden waren. Einer von ihnen hatte einen schwachen Verstand, und wir wagten nicht, ihn einzuweihen, und der andere litt an der Gelbsucht und konnte uns deshalb nicht nützlich sein. Es gab eigentlich nichts, was uns wirklich hindern konnte, das Schiff in unsere Gewalt zu bringen. Die Besatzung bestand aus einer Bande von Rowdys, die für diese Reise extra ausgesucht worden waren. Der verkleidete Priester, der regelmäßig in unsere Zellen kam, um uns frommen Beistand zu geben, trug ständig eine große schwarze Tasche mit sich. Jeder nahm an, daß sie voll von religiösen Schriften war. Er besuchte uns so oft, daß wir schon am dritten Tag jeder mit einer Feile, ein paar Pistolen, einem Pfund Pulver und einigen anderen kleinen Waffen ausgerüstet waren. Zwei der Wärter waren von Prendergast bezahlte Agenten, und der zweite Offizier war seine rechte Hand. Auf der Gegenseite befanden sich der Kapitän, zwei Offiziere, zwei Wärter, Leutnant Martin, seine achtzehn Soldaten und der Doktor. Obgleich wir uns sehr sicher fühlten, beschlossen wir, keine Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen. Der Angriff sollte ganz plötzlich in der Nacht geschehen. Es ging jedoch viel schneller, als wir gedacht hatten, und geschah auf die folgende Weise:

In der dritten Woche nach dem Auslaufen des Schiffes kam eines Abends der Arzt zu uns herunter, um nach einem krankgewordenen Gefangenen zu sehen. Der Arzt griff in die Matratze und fühlte plötzlich die Form einer Pistole unter der Hand. Wenn er geschwiegen hätte, hätte er uns auffliegen lassen können. Aber er war ein nervöser kleiner Mann, der prompt laut und überrascht aufschrie und so blaß wurde, daß die Gefangenen gleich wußten, was geschehen war.

Sie packten und knebelten ihn, bevor er noch einen weiteren Laut von sich geben konnte, und ein paar Minuten später lag er gefesselt im Bett. Er hatte vorher die Tür, die zum Deck führte, aufgeschlossen, und wir konnten hindurchstürmen. Zwei der wachthabenden Soldaten wurden sofort niedergeschossen, und ebenso erging es dem Feldwebel, der gelaufen gekommen war, um zu sehen, was der Aufruhr sollte. Zwei weitere Soldaten waren vor den privaten Kabinen postiert, aber ihre Musketen schienen nicht geladen zu sein, denn sie feuerten nicht auf uns und wurden erschossen, als sie versuchten, ihre Bajonette aufzustecken. Wir stürmten weiter zur Kabine des Kapitäns. Doch als wir die Tür aufstoßen wollten, gab es drinnen eine Explosion. Der Priester stand mit rauchender Pistole neben dem Kapitän, dessen Kopf auf die ausgebreitete Karte des Atlantiks gesunken war, die er nun mit Hirn und Blut verschmierte. Die beiden anderen Offiziere waren von der Mannschaft gefangengenommen worden. Damit war der Überfall ausgestanden.

Wir trafen uns in der privaten Kabine, die neben der des Kapitäns lag. Dort machten wir es uns auf den Sofas bequem und freuten uns der wiedergewonnenen Freiheit. Dann entdeckten wir die verschlossenen Wandschränke. Wilson, der falsche Priester, brach sie auf und zog ein Dutzend brauner Sherryflaschen hervor. Wir öffneten die Flaschen, gossen den Sherry in Becher und wollten gerade auf die wiedererworbene Freiheit trinken, als plötzlich ganz unerwartet ein paar Musketen loskrachten. Der Salon war so voller Rauch, daß wir nicht über den Tisch hinwegsehen konnten. Als der Rauch sich verzogen hatte, glich der Raum einem Schlachtfeld. Wilson und acht andere lagen schwerverletzt und sterbend am Boden, während der braune Sherry sich mit ihrem Blut vermischte.

Mir wird heute noch übel, wenn ich an diese Szene denke. Der plötzliche Überfall hatte uns so sehr den Mut geno mmen, und der Anblick um uns herum war so scheußlich, daß wir wohl gerne aufgegeben hätten, wäre nicht Prendergast gewesen. Vor Wut brüllend stürmte er zur Tür, wir anderen, die noch lebten, hinter ihm her. Und nun sahen wir uns dem Leutnant und zehn seiner Leute gegenüber. Das Oberlicht im Salon war einen Spalt-breit offen gewesen, und von dort aus hatten sie auf uns gefeuert. Wir schossen, bevor sie ihre Musketen neu laden konnten. Sie kämpften wie tapfere Männer, aber wir behielten die Oberhand. Nach fünf Minuten war der Kampf zu Ende. Aber das Schlachtfeld um uns herum war entsetzlich. Hatte es je ein solches Schlachthaus gegeben? Prendergast tobte wie ein wilder Teufel. Er packte die Soldaten, als ob sie Kinder wären, und warf sie einen nach dem anderen ins Meer, egal ob sie halbtot oder tot waren.

Einer der Sergeanten schwamm noch sehr lange um sein Leben, obgleich er schwer verwundet war. Schließlich hat ihn einer von uns erschossen. Als der Kampf zu Ende war, waren außer den Wächtern, den Offizieren und dem Doktor niemand mehr übrig. Um diese Männer entbrannte in unseren Reihen ein schrecklicher Streit. Einige von uns waren glücklich, die Freiheit wiedergewonnen zu haben, und wollten nicht noch mehr Menschen ermorden. Schließlich ist es ein anderes Ding, ob man mit einem Soldaten, der mit einer geladenen Muskete bewaffnet ist, kämpft, oder ob man zusieht, wie Menschen kaltherzig ermordet werden. Acht von uns, fünf Gefangene und drei von der Mannschaft, entschieden sich gegen den Mord, aber es schien unmöglich, Prendergast und seine engsten Gefolgsleute zu überzeugen. Ihre einzige Chance, straffrei auszugehen, sei es, sagten sie, die Arbeit wirklich perfekt zu machen und keine Seele übrig zulassen, die später vor Gericht gegen uns aussagen konnte. Er war so wütend auf uns, daß wir beinahe das Geschick dieser Un-glücklichen geteilt hätten. Aber schließlich bot uns Prendergast ein Boot an und empfahl uns, damit zu verschwinden. Wir nahmen das Angebot dankbar in, denn die blutrünstigen Taten waren uns längst widerwärtig geworden. Dennoch war uns klar, daß uns noch Schlimmes bevorstand. Wir erhielten Seemannskleidung, eine Tonne Wasser, zwei Körbe voller Schiffszwieback und einen Kompaß.

Prendergast warf uns noch eine Karte zu und riet uns, auf Befragen anzugeben, wir seien schiffbrüchige Seeleute, deren Schiff 15 Grad nördlicher Länge, 25 Grad westlicher Breite untergegangen sei. Damit ließ er uns ziehen.

>Mein Sohn, jetzt komme ich zu dem überraschenden Teil meiner Geschichte. Während des Kampfes hatten die Seeleute das Vordersegel eingeholt, aber nun, als wir sie verließen, setzten sie das Segel wieder. Es blies ein leichter Nordostwind, und die Barke segelte langsam von uns weg. Unser Boot schaukelte sanft in den Wellen. Evans und ich hatten in unserer kleine n Gruppe die größte Schulbildung, und so hatten wir die Aufgabe, unsere Position festzustellen und zu planen, welche Küste wir ansteuern sollten. Allerdings war das eine gute Frage, denn Cap Verde lag fünfhundert Meilen nördlich und die afrikanische Küste sieben-hundert Meilen östlich. Der Wind kam von Norden, und daraus entnahmen wir, daß Sierra Leone wohl für uns das bessere Ziel war. In diese Richtung also wollten wir steuern. Die Barke hatte sich inzwischen ein gutes Stück von uns entfernt. Noch einmal drehten wir uns nach ihr um, aber da erwartete uns ein seltsamer Anblick. Wir sahen eine dicke Rauchwolke aufsteigen, die bald wie ein monströser Baum am Himmel hing. Einen Augenblick später zerriß ein fürchterliches Krachen, wie Donnerrollen, unsere Ohren. Dann verzog sich der Rauch. Von der Gloria Scott war keine Spur mehr zu sehen. Im Nu hatten wir das Boot gewendet und ruderten auf die Unglücksstelle zu. Wir ruderten wohl eine Stunde, bis wir zu der Stelle kamen, wo immer noch ein dünner Dunstschleier hing. Zuerst dachten wir, wir kämen zu spät, um jemandem zu Hilfe zu kommen. Ein zerborstenes Boot und zahlreiche Planken und andere Schiffsteile schwammen im Wasser umher.

Wir hatten wohl die Stelle erreicht, wo die Barke gesunken war, aber wir entdeckten kein Anzeichen menschlichen Lebens. Schon wollten wir uns traurig abwenden, als wir einen Hilfeschrei hörten. In einiger Entfernung entdeckten wir eine Planke, auf der ein Mann ausgestreckt lag. Wir zogen ihn an Bord unseres Bootes. Es handelte sich um einen jungen Seemann mit Namen Hudson. Er hatte jedoch solche Verbrennungen und war so erschöpft, daß er uns über den Vorgang des Unglücks keinen Bericht geben konnte. Erst am folgenden Morgen erfuhren wir einiges über den Vorfall.

Wie es schien, hatte Prendergast, nachdem wir das Schiff verlassen hatten, die fünf Gefangenen erschießen lassen. Zwei Wächter waren schon erschossen und über Bord geworfen worden, und das gleiche Schicksal hatte auch den dritten Offizier ereilt. Prendergast ging selbst auf das Zwischendeck und ermordete den bedauernswerten Doktor. Übriggeblieben war bis dahin nur noch der erste Offizier, der ein tüchtiger, aktiver Mann war. Ihm war es gelungen, unauffällig seine Fesseln zu lösen. Als er nun den Meuterer mit dem blutigen Messer auf sich zukommen sah, riß er sich von seinen Fesseln los und rannte das Deck herunter in das Hinterschiff. Ein Dutzend Leute, mit Pistolen in der Hand, suchten ihn. Schließlich fanden sie ihn im Pulverraum.

Er hatte eine Schachtel Streichhölzer in der Hand und hockte neben einem Pulverfaß - einem von den etwa hundert gelagerten Pulverfässern, die zur Ladung gehörten. Er verfluchte seine Angreifer und schwor, sie alle in die Luft zu sprengen, wenn sie wagen sollten, sich ihm zu nähern. Einen Augenblick später war jener fürchterliche Explosionsknall erfolgt. Hudson meinte, diese Explosion, die sie alle in die Luft gejagt hätte, müsse von einer irregeleiteten Kugel ausgelöst worden sein. Was immer aber auch in jenem Augenblick geschehen ist - es war das Ende der Gloria Scott, genau wie es das Ende jener Galgenvögel war, die sie in ihre Gewalt gebracht hatten.

Das, mein lieber Sohn, ist in kurzen Worten die schreckliche Geschichte, in die ich verwickelt worden bin. Am nächsten Tag übrigens sichtete uns die Brigg Hotspur und nahm uns an Bord.

Sie segelte nach Australien. Der Kapitän glaubte uns ohne weiteres, daß wir Schiffbrüchige eines gekenterten Passagierschiffes waren. Das Transportschiff Gloria Scott wurde später von der Admiralität als auf See vermißt gemeldet. Niemals ist ein Wort von den wahren Begebenheiten herausgekommen. Nach einer glücklichen Fahrt mit der Hotspur landeten wir in Sydney. Evans und ich änderten unsere Namen. In den Goldminen hatten wir dann in der Menge der aus allen Nationen stammenden Wäsc her und Gräber keine Schwierigkeiten, unsere Identität zu vergessen.

Über das Weitere brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Es ging uns gut. Wir hatten Glück und kamen gut voran. Als reiche Kolonialisten kamen wir nach England zurück und ließen uns jeder auf einem eigenen Landgut nieder. Mehr als zwanzig Jahre lang haben wir hier ein friedliches, nützliches Leben geführt. Wir hofften, daß unsere Vergangenheit vergessen und begraben sei. Stell dir meine Gefühle vor, als der Seemann plötzlich auftauchte. Es war natürlich der gleiche, den wir aus dem Wasser gefischt hatten. Er war unserer Spur gefolgt und hatte sich vorgenommen, von unserer Angst zu leben.

Jetzt verstehst du sicherlich, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, ihn friedlich und bei guter Laune zu halten. Und du verstehst nun sicherlich auch, welche berechtigte Angst ich ausgestanden habe, als er uns verließ, um ein neues Opfer unter Druck zu setzen.< Unter diesem Bericht stand in zittriger, kaum lesbarer Handschrift noch eine weitere Botschaft:

>Beddoes schreibt mir in einer verschlüsselten Botschaft, daß H. ausgesagt hat. Guter Gott, erbarme dich unser!< Das also war die Geschichte, die ich in jener Nacht dem jungen Trevor vorgelesen habe. Der arme Trevor war von diesem dramatischen Geständnis seines Vaters völlig niedergeschmettert.

Er ist dann wohl in die Terai- Teeplantagen ausgewandert, wo es ihm meines Wissens recht gut geht. Weder von dem Seemann Hudson noch von Beddoes wurde je wieder gehört. Beide waren verschwunden, als habe der Erdboden sie verschlungen. Bei der Polizei war keine Anzeige eingegangen, so daß Beddoes wohl eine böse Drohung mit der Tat verwechselt hat. Angeblich hat man eine Weile hinterher noch Hudson in der Gegend herumschleichen sehen. Die Polizei nimmt an, daß er Beddoes ermordet hat und dann geflohen ist. Ich glaube, daß die Wahrheit ganz anders, genau umgekehrt aussieht. Vielleicht hat Beddoes sich von dem Erpresser derartig in die Enge gedrängt gefühlt, daß er sich schließlich an dem Erpresser rächte und dann außer La ndes ging und dabei so viel Geld mitnahm, wie er nur eben flüssigmachen konnte.

Dies sind die Tatsachen, Doktor. Falls Sie sie für Ihre Sammlung gebrauchen können, überlasse ich sie Ihnen gerne.«

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