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Das Musgrave-Ritual.  Arthur Conan Doyle
Buch. Das Musgrave-Ritual
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Im Charakter meines Freundes Sherlock Holmes gab es einen Widerspruch, der mich oft gewundert hat. In seiner Gedankenarbeit war er logisch und sorgfältig wie wohl kein zweiter Mensch auf dieser Erde, ebenfalls war er immer sehr exakt gekleidet. Aber in jeder anderen Beziehung war er der unordentlichste Kamerad, der jemals einen Mitbewohner zur Verzweiflung gebracht hat. Ich bin, was Ordnung anbelangt, auch nicht sonderlich konventionell. Ich habe das harte, rauhe Leben in Afghanistan kennengelernt, dazu kommt mein natürlicher Hang zum Bohemisten, so bin ich in puncto Ordnung viel lässiger, als es sich für einen Mediziner gehört.

Aber ich kenne meine Grenzen. Gegen einen Mann, der seine Zigarren im Kohleneimer aufbewahrt und den Tabak im Zeh eines persischen Pantoffels, der seine unerledigte Post mit einem Taschenmesser aufspießt und in der Mitte einer holzverkleideten Wand aufbewahrt, also, von einem solchen Menschen hebe ich mich wohlgefällig ab. Ich bin auch immer dafür gewesen, daß Pistolenübungen ein Zeitvertreib in der frischen Luft sein sollten. Wenn Holmes von seiner merkwürdigen Laune gepackt in seinem Lieblingssessel sitzt und ausgerüstet mit seinem Sportgewehr und hundert Patronen ein >V R.< (Victoria Rex. - Es lebe die Königin) in die gegenüberliegende Wand schießt, dann wird weder die Luft noch der allgemeine Anblick des Zimmers besser.

Unsere Wohnung war immer voll von Chemikalien und auch von Andenken an Verbrechen. Und diese Dinge hatten die üble Angewohnheit, dorthin zu wandern, wo sie am wenigsten zu suchen hatten. Daß irgendwelche Chemikalien plötzlich in der Butterdose auftauchen konnten, ist nur ein

Beispiel unseres unmöglichen Haushaltes. Größere Schwierigkeiten bereiteten ihm die Papiere.

Er hatte eine tiefe Abneigung, irgendein Dokument zu zerstören. Nichts, was ihn an einen vergangenen Fall erinnerte, durfte weggeworfen werden. Jedes Andenken schien ihm unendlich ans Herz gewachsen zu sein. Und doch konnte er sich nur höchstens ein- bis zweimal im Jahr dazu aufschwingen, die Dinge auch wirklich zu ordnen. Ich habe schon einmal in diesen unvollständigen Memoiren seine seltsamen Lebensphasen erwähnt. Die Ausbrüche der leidenschaftlichsten Energie, in denen er unvorstellbare Taten vollbringen konnte, die dann seinen Namen berühmt gemacht haben, wurden abgelöst von Zeiten absoluter Lethargie. In diesen Zeiten konnte er viele Stunden auf dem Sofa liegen und sich nicht rühren, oder er spielte auf seiner Violine, kramte in seinen Büchern und bewegte sich höchstens zwischen Sofa und Eßtisch hin und her. Und auf diese Weise sammelten sich über Monate hinweg seine Papiere an, bis schließlich jede Ecke unseres Zimmers mit Bündeln von Manuskripten und Aufzeichnungen vollgestapelt war, die auf gar keinen Fall verbrannt werden durften, die jedoch auch nicht an die Eigentümer zurückgegeben wurden. An einem Winterabend saßen wir zusammen am Kamin, Sherlock Holmes war dabei, Zeitungsausschnitte in ein Buch einzukleben. Ich gab mich der Hoffnung hin, daß er die nächsten zwei Stunden benutzen würde, unser Zimmer ein wenig wohnlicher zu machen. Er sah wohl ein, daß meine Bitte gerechtfertigt war, denn er ging mit reumütigem Gesicht in sein Schlafzimmer, aus dem er aber gleich darauf wieder auftauchte. Er zog einen Zinnkasten hinter sich her. Diesen schob er in die Mitte des Zimmers, schob einen Stuhl heran, auf den er sich hockte, und öffnete den Deckel. Diese Kiste war zu zwei Dritteln mit Papieren gefüllt, die er mit roten Bändern zugebündelt hatte.

»Hier drinnen befinden sich so viele Fälle, Watson«, sagte er und sah mich mit spitzbübischem Lächeln an. »Wenn Sie wüßten, was ich alles in dieser Box aufbewahrt habe, dann würden Sie mich nicht bitten, noch mehr hineinzuräumen, sondern im Gegenteil, ein paar Fälle herauszuholen.«

»Sind es Aufzeichnungen Ihrer früheren Fälle?« fragte ich. »Ich habe mir immer gewünscht, sie würden mir ein paar Ihrer Aufzeichnungen überlassen.«

»Ja, mein Junge, dies sind meine Ausgangswerke, und sie stammen aus der Zeit, als mein Biograph begonnen hat, mich zu Ehren zu bringen.«

Bündel für Bündel zog er mit liebevoll- zärtlicher Geste hervor. »Es sind nicht alles immer Erfolge, Watson«, sagte er, »aber manch hübsches kleines Problemchen ist schon dabei. Hier sind die Aufzeichnungen der Tarleton-Morde, ah, und hier der Weinhändler-Vamberry-Fall, hier das Abenteuer der alten Russin, ha, und hier die einmalige Affäre mit der Aluminiumbrücke. Dies ist der vollständige Bericht über Ricco Sowieso mit seinem Klumpfuß und seiner feindseligen Frau und ah - hier kommt etwas, das wirklich Spaß macht, ein wirkliches Problemchen fürs Köpfchen.«

Sein Arm tauchte hinunter auf den Boden der Truhe und brachte eine kleine hölzerne Kiste hervor. Sie war mit einem gleitbaren Deckel versehen und sah aus wie die Spielzeugschachtel eines Kindes. Daraus hervor zog er ein völlig zerknittertes Dokument, einen altmodischen Messingschlüssel, eine hölzerne Wäscheklammer, an die ein Bandknäuel befestigt war, und drei alte, rostige Metallscheiben.

»Na, mein Junge, was machen Sie daraus?« sagte er und lächelte über meinen verwunderten Gesichtsausdruck.

»Eine merkwürdige Sammlung.«

»Ja, sehr merkwürdig. Aber die Geschichte, die um diese Dinge herumgewoben ist, ist noch viel merkwürdiger.«

»Ah, es sind also Überbleibsel einer Geschichte?«

»Sie sind eine Geschichte! So wie sie da liegen, bilden sie eine Geschichte. «

»Wie meinen Sie das?«

Sherlock Holmes nahm die Gegenstände einen nach dem anderen aus dem Kästchen und legte sie der Reihe nach auf die Tischkante. Dann setzte er sich wieder und betrachtete die Dinge liebevoll, eines nach dem anderen. Auf sein Gesicht hatte sich ein zufriedenes Lächeln gemalt.

»Dies hier ist übriggeblieben, um mich an das Musgrave-Ritual zu erinnern.«

Diesen Fall hatte er zwar mehrere Male erwähnt, aber es war mir nie gelungen, Einzelheiten zu erfahren. »Es würde mich sehr freuen«, sagte ich, »wenn Sie mir eine Zusammenfassung dieses Falles gäben.«

»Und die Unordnung lassen wir, wie sie ist?« fragte er anzüglich.

»Ihr Sinn für Ordnung ist korrumpierbar, Watson. Aber es würde mich trotzdem freuen, wenn dieser Fall von Ihnen aufgeschrieben würde, denn es gibt darin Punkte, die ihn zu einem einzigartigen Fall in der Kriminalgeschichte machen, sowohl in diesem, als auch in anderen Ländern. Die Sammlung meiner Erfolge wäre in der Tat nicht vollständig, wenn diese einmalige Geschichte fehlte.

Sie erinnern sich sicherlich an die Affäre um die >Gloria Scott und mein Gespräch mit jenem unglücklichen Mann, von dessen Schicksal ich Ihnen erzählt habe. Dieser Fall hat mich auf die Idee gebracht, daß ich mein Hobby zu einem richtigen Le bensberuf aufbauen könnte. Sie kennen mich jetzt, wo mein Name welt-weit bekannt ist, jetzt, da ich sowohl in der Öffentlichkeit bekannt als auch von der Polizei anerkannt bin, jetzt, da ich ein Mann bin, der in jedem zweifelhaften Fall das letzte Wort hat.

Damals, als wir uns kennenlernten, als wir zusammen den Fall behandelten, den Sie dann mit >Eine Studie in Scharlachrot< überschrieben haben, da war ich auch schon einigermaßen bekannt, wenn ich auch noch nicht so lukrative Verbindungen hatte wie jetzt. Sie können sich aber gar nicht vorstellen, wie schwer für mich der Anfang war, wie lange ich zu warten hatte, bis ich Erfolg hatte und meinen Weg nach oben machen konnte.

Als ich als junger Student nach London gekommen war, hatte ich mir eine Wohnung in der Montague Street in der Nähe des Britischen Museums genommen. Dort wartete ich auf Aufträge.

Die Wartezeit benutzte ich jedoch, um alles zu lernen, was mir für meinen Beruf von noch größerem Nutzen sein könnte. Hin und wieder erhielt ich einen kleinen Fa ll, meist durch die Vermittlung eines Mitstudenten, denn während meines letzten Universitätsjahres erregten meine Methoden unter der Studentenschaft einiges Aufsehen. So kam ich ins Gespräch. Der dritte dieser von Freunden vermittelten Fälle war die Sache mit dem Musgrave-Ritual. Es handelt sich um eine merkwürdige Kette von Ereignissen, die viel Interesse erregten. Damals stand viel auf dem Spiel, und so war die Lösung des Falles der erste Schritt zu der Position, die ich heute einnehme.

Reginald Musgrave studierte im gleichen College wie ich, wir waren aber nur entfernt miteinander bekannt. Unter den Kommilitonen war er nicht sonderlich beliebt, obgleich ich annehme, daß sein Stolz, oder was man dafür hielt, ihm nur dazu diente, seinen etwas schwierigen Charakter zu verdecken. Schon in seiner Gestalt war er der typische Aristokrat, überschlank, mit langer Nase und großen Augen, in seiner ganzen Art eher müde und antriebslos, jedoch immer sehr höflich zu uns. Er stammte tatsächlich aus dem Schoß einer der ältesten Familien unseres Königreiches. Allerdings handelte es sich bei diesem Zweig der Familie um einen jüngeren Zweig, der sich irgendwann im 16. Jahr-hundert aus dem Norden abgesetzt und in West-Sussex niedergelassen hat. Dort jedoch ist das Herrenhaus Hurlstone immer noch das älteste bewohnte Schloß der gesamten Grafschaft. Der Mann schien seinen Geburtsort regelrecht zu verkörpern. Ich konnte mir dieses blasse, scharfgeschnittene Gesicht, die bestimmte Haltung, mit der er den Kopf trug, nie ansehen, ohne ihn mit alten, grauen Torbögen oder gotischen Fenstern und dem ganzen altehrwürdigen Gemäuer in Verbindung zu bringen, die die Aristokraten sich bewahren. Ein paarmal waren wir miteinander ins Gespräch gekommen. Ich erinnere mich noch gut daran, daß er immer ein aufmerksames Interesse an meinen Methoden des Schlußfolgerns aus Beobachten hatte.

An die vier Jahre hatte ich nichts von ihm gesehen oder gehört, als er eines Tages in mein Zimmer in der Montague Street trat. Er hatte sich kaum verändert. Gekleid et war er nach der letzten Mode; er hatte immer etwas Dandyhaftes an sich, gleichzeitig war er ruhig, freundlich und gewinnend, Eigenschaften, die ihn früher schon ausgezeichnet hatten.

>Wie ist es Ihnen ergangen, Musgrave?< fragte ich, nachdem wir uns fre undlich die Hände geschüttelt hatten.

>Sie haben sicherlich vom Tod meines Vaters gehört<, sagte er. >Er ist vor zwei Jahren verschieden. Seither bin ich dazu verdammt, Gut Hurlstone zu verwalten. Ich bin auch politisch in meinem Distrikt tätig, so bin ich in letzter Zeit ein ziemlich beschäftigter Mann gewesen. Aber sagen Sie, Holmes, stimmt es, daß Sie die Dinge, mit denen Sie uns damals in Erstaunen versetzten, jetzt praktisch anwenden?< >Ja<, sagte ich, >ich habe mich entschlossen, von meiner geistigen Arbeit zu leben.< >Das zu hören freut mich sehr, denn ich könnte Ihren Rat jetzt gut gebrauchen. In Hurlstone sind ein paar seltsame Dinge geschehen, und der Polizei ist es nicht gelungen, sie aufzuklären. Es handelt sich um eine außergewöhnlich merkwürdige Angelegenheit.< Sie können mir glauben, Watson, daß ich ihm sehr aufmerksam zuhörte, denn hier tat sich die Gelegenheit auf, auf die ich in mehreren Monaten des Nichtstuns brennend gewartet hatte. In meinem tiefsten Herzen wußte ich, daß ich Erfolg haben würde, wo andere versagten. Dies war nun die Gelegenheit, es mir und anderen zu beweisen.

>Bitte, erzählen Sie mir alle Einzelheiten<, sagte ich. Reginald Musgrave nahm mir gegenüber Platz und zündete sich eine der Zigarren an, die ich ihm hinübergeschobe n hatte.

>Sie müssen wissen<, begann er, >daß ich mir auf Hurlstone eine ansehnliche Dienerschaft halte, obgleich ich Junggeselle bin. Es ist ein altes, umständliches Haus, und es gehört viel dazu, es in Ordnung zu halten. Zur Fasanenzeit sind außerdem immer sehr viele Gäste im Haus, es ist also besser, lieber nicht zuwenig Leute zur Bedienung zu haben.

Angestellt bei uns sind acht Dienstmädchen, die Köchin, der Butler, zwei Diener und ein Laufjunge. Der Garten und die Ställe werden natürlich von einer eigenen Dienerschaft betreut.

Von allen Angestellten ist Brunton, der Butler, am längsten in unserem Dienst. Er war damals, als Vater ihn anstellte, ein junger Lehrer, der keine Arbeit finden konnte. Er ist ein energischer Mann, hat einen guten Charakter, so daß er bald für unseren Haushalt unbezahlbar wertvoll wurde. Er ist ein gutgewachsener, hübscher Mann mit einer enormen Stirn. Obgleich er schon an die zwanzig Jahre in unserem Dienst ist, kann er kaum älter als vierzig Jahre alt sein. Eigentlich ist es ein Wunder, daß er es so lange bei uns ausgehalten hat, denn er hat viele persönliche Begabungen. Er spricht Sprachen und spielt Musikinstrumente. Ich denke aber, daß er sich bei uns wohl gefühlt hat, schließlich hat es ihm bei uns ja auch an nichts gefehlt. Vielleicht hatte er einfach keine Lust, sich eine andere Stellung zu suchen. Jeder, der uns besucht, vergißt den Butler von Hurlstone nicht so leicht. Aber dieses Ausbund an Tugenden hat natürlich auch seine Fehler, er ist ein Don Juan. Für einen Mann in seiner Position auf einem ruhigen Landgut ist das sicherlich auch nicht schwer, wie Sie sich gut vorstellen können.

Als er noch verheiratet war, war alles soweit in Ordnung. Aber seitdem er Witwer ist, gibt es eine Schwierigkeit nach der anderen mit ihm. Vor ein paar Monaten hofften wir, daß er wieder heiraten würde, denn er verlobte sich mit Rachel Howells, unserem zweiten Hausmädchen. Aber die zwei haben sich gestritten, und nun hat er es auf Janet Tregellis abgesehen, der Tochter unseres Hauptwildhüters. Rachel ist ein gutes Mädchen, hat jedoch das leichtentzündliche Temperament der Waliser mitbekommen. Sie hat ein Nervenfieber bekommen und läuft nun wie der schwarzäugige Geist ihrer selbst im Haus herum, d. h., das war bis gestern. Die Entzweiung zwische n Brunton und Rachel war das erste Drama auf Hurlstone. Aber das zweite folgte und hat uns fast verrückt gemacht. Bevor sich das jedoch abspielte, geschah allerdings noch, daß wir den Butler entlassen mußten. Doch alles der Reihe nach. Ich habe Ihnen erzählt, daß der Mann intelligent ist. Und genau diese Intelligenz war sein Ruin. Er war unersättlich neugierig und steckte seine Nase in Dinge, die ihn nichts angingen. Ich hatte keine Ahnung, wohin ihn diese Neugier noch treiben würde, bis schließlich der Zufall mir die Augen öffnete.

Ich habe Ihnen berichtet, daß unser Haus alt und umständlich ist. Eines Tages in der letzten Woche, es war am Donnerstag, konnte ich nicht recht einschlafen, weil ich dummerweise eine Tasse starken Kaffee nach dem Dinner getrunke n hatte. Bis zwei Uhr morgens habe ich mich hinund hergewälzt, aber die Sache war hoffnungslos. Ich stand auf, zündete eine Kerze an und wollte lesen. Nun hatte ich aber mein Buch im Billardzimmer liegengelassen. So zog ich also den Morgenmantel an und ging, es mir zu holen.

Um ins Billardzimmer zu gelangen, mußte ich die Treppe hinuntergehen und einen Flur überqueren, der in die Bibliothek und in das Waffenzimmer führt. Als ich die Treppe hinunterging, bemerkte ich einen Lichtstrahl, der aus der offenen Bibliothekstür drang. Sie können sich meine Überraschung sicherlich vorstellen, denn ich selbst hatte die Lampe gelöscht und die Tür verschlossen, bevor ich mich ins Bett begeben hatte. Natürlich dachte ich zunächst an Einbrecher. Die Wände der Flure in Hurlstone sind mit vielen Trophäen und Waffen geschmückt.

So ergriff ich eine alte Kampfaxt, stellte meine Kerze ab und schlich auf Zehenspitzen durch den Flur, bis ich schließlich in der offenen Bibliothekstür stand. Brunton, der Butler, saß in der Bibliothek. Er saß, noch völlig angekleidet, auf einem der Sessel und hatte ein großes Dokument, das wie eine Karte oder ein Plan aussah, auf seinen Knien. Den Kopf stützte er in der Hand, als ob er tief in Gedanken war. Stumm vor Staunen stand ich da. Eine sehr dünne Kerze, die am Ende des Tisches befestigt war, warf ein nur schwaches Licht auf die Szene, die Tatsache jedoch, daß er völlig angekleidet war, war mir nicht entgangen. Als ich noch so dastand und staunte, erhob er sich plötzlich aus dem Lehnstuhl, ging zu der Kommode hinüber, die an der Seite stand, schloß sie auf und zog eine Schublade heraus. Er entnahm ein Dokument und ging damit zu seinem Platz zurück. Nun breitete er das Dokument neben der dünnen Kerze am Ende des Tisches aus und vertiefte sich ernsthaft in die Lektüre. Sie können sich wohl meinen Arger vorstellen, wie ich ihn da so ungeniert unsere Familienpapiere studieren sah. Der Zorn überkam mich, und ich machte einen Schritt ins Zimmer hinein. Brunton sah auf und entdeckte mich in der Nähe der Tür. Er sprang auf. Sein Gesicht wurde blau vor Angst. Das lageplanähnliche Papier, über das er sich eben noch gebeugt hatte, verkrampfte sich unter seinen Händen vor der Brust.

>Aha<, sagte ich, >so gehen Sie also mit dem Vertrauen um, das meine Familie Ihnen entgegenbringt! Sie sind entlassen!< Mit dem Blick eines total niedergeschmetterten Menschen verbeugte er sich und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Die Kerze war immer noch auf dem Tisch. Beim Schein dieser Kerze sah ich mir das Dokument an, das Brunton aus der Kommode genommen hatte. Zu meiner großen Überraschung handelte es sich um gar kein wichtiges Papier. Es war nur die Kopie eines Frageund Antwortspieles, das wir das Musgrave-Ritual nennen. Es gehört zu einem zeremoniellen Akt in unserer Fa milie. jedes männliche Mitglied der Familie muß sich ihm unterziehen, sobald er ins Mannesalter kommt. Die ganze Angelegenheit ist völlig privater Natur. Vielleicht interessieren sich eines Tages Archäologen dafür. Aber irgendeinen praktischen Wert hat es ganz sicherlich nicht.

>Auf dieses Dokument können wir später noch zurückkommen<, sagte ich.

>Meinen Sie, daß das notwendig ist?< fragte er zögernd. Nun, ich werde jetzt erst mit meinem Bericht fortfahren. Ich verschloß das Dokument wieder in der Kommode und benutzte den Schlüssel, den Brunton hatte liegen lassen. Dann wollte ich gehen. Plötzlich aber stand zu meiner Überraschung Brunton vor mir.

>Mr. Musgrave, Sir<, rief er mit einer Stimme, die heiser vor Erregung war. >Ich kann diese Degradierung nicht ertragen. Ich bin immer ein stolzer Mann gewesen, viel stolzer, als es in meiner beruflichen Stellung eigentlich erlaubt gewesen wäre. Diese Schande wird mich umbringen. Sie wären dann schuld an meinem Tod. - Sir, Sie treiben mich in die Verzweiflung.

Wenn Sie mich nun trotzdem nicht behalten wollen, dann lassen Sie mich doch um Gottes willen noch einen einzigen Monat bleiben, damit ich freiwillig gehen kann. Das wäre dann in Ordnung, Sir. Aber ich könnte nicht ertragen, wenn ich vor allen Leuten, die ich gut kenne, hinausgeworfen wurde.< >Viel Nachsicht verdienen Sie nicht, Brunton, denn was Sie sich erlaubt haben, ist wirklich schlimm. Aber Sie sind lange in der Familie gewesen, und ich möchte Sie auch nicht in Schanden entlassen. Ein Monat ist allerdings zu lange. Gehen Sie in einer Woche, und geben Sie einen Grund an, der Ihnen selbst am besten paßt.< >Nur eine einzige Woche, Sir?< rief er verzweifelt. >Vierzehn Tage, bitte geben Sie mir vierzehn Tage!< >Eine Woche!< wiederholte ich. >Und Sie können froh sein, daß Sie so gut dabei wegkommen.< Den Kopf gesenkt, schlich er davon, ein gebrochener Mann. Ich löschte das Licht und kehrte in mein Zimmer zurück.

In den nächsten zwei Tagen versah Brunton seinen Dienst mit der größten Sorgfalt. Über das, was geschehen war, sprach ich mit niemandem, aber ich war neugierig darauf, was er den anderen sagen und wie er die Schande verdecken wollte. Am dritten Tag jedoch kam er nicht, wie es bei uns üblich ist, nach dem Frühstück zu mir, um die Anweisungen für den Tag zu empfangen. Als ich das Eßzimmer dann verließ, lief mir Rachel Howells entgegen. Ich habe Ihnen ja erzählt, daß sie erst vor kurzem ziemlich krank gewesen ist. Sie sah so blaß und hinfällig aus, daß ich sie ausschalt, weil sie arbeitete.

>Du gehörst ins Bett<, sagte ich. >Du kannst zu deinen Pflichten zurückkehren, wenn du dich wieder besser fühlst.< Sie sah mich mit einem so merkwürdigen Blick an, daß ich glaubte, sie hätte den Verstand verloren.

>Es geht mir gut, Mr. Musgrave!< sagte sie.

>Wir wollen abwarten, was der Arzt sagt<, antwortete ich. >jetzt sollst du mit der Arbeit aufhören. Und wenn du hinuntergehst, dann ruf mir Brunton herauf.< >Der Butler ist fort!< sagte das Mädchen.

>Fort, fort, was soll das heißen. Wohin ist er gegangen?< >Er ist weg! Keiner hat ihn gesehen. Er ist nicht in seinem Zimmer. O ja, er ist weg, richtig weg!< Und mit kreischendem Gelächter sank sie gegen die Wand. Erschrocken über diesen plötzlichen Ausbruch von Hysterie läutete ich wild um Hilfe. Das Mädchen wurde in ihr Zimmer gebracht. Sie schrie und weinte noch längere Zeit. Ich erkundigte mich inzwischen nach Brunton.

Es bestand kein Zweifel, er war verschwunden. Er hatte in der Nacht nicht in seinem Bett geschlafen. Seit er sich am Tag vorher nach der Arbeit zurückgezogen hatte, hatte niemand ihn gesehen. Und doch ist es unwahrscheinlich, daß er das Haus verließ. Alle Fenster und Türen waren ordentlich verschlossen. Seine Kleider, seine Uhr, ja selbst sein Geld befanden sich in seinem Zimmer. Nur der schwarze Anzug, den er im Haus ständig trug, fehlte, ebenso seine Hausschuhe, während seine Stiefel an ihrem Platz standen. Wohin konnte Butler Brunton mitten in der Nacht gegangen sein? Was mochte aus ihm geworden sein?

Natürlich haben wir das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden abgesucht. Aber keine Spur war von ihm zu finden. Ich habe schon gesagt, daß das Haus einem Labyrinth ähnlich ist, besonders der jetzt fast unbewohnbare alte Flügel. Aber wir haben wirklich jedes Zimmer nach unserem verschwundenen Butler abgesucht, aber keine Spur gefunden. Es erschien mir unglaublich, daß er gegangen sein sollte und seinen gesamten Besitz zurückgelassen hat. Und doch, wo konnte er sein? Ich habe die Ortspolizei rufen lassen, aber auch sie hatten keinen Erfolg. Wir haben den Rasen und alle Wege untersucht, aber keine Spur gefunden. So standen die Dinge.

Und doch gab es neue Entwicklungen, die unsere Aufmerksamkeit von dem alten Drama auf ein neues lenkten.

Rachel Howells war zwei Tage lang schwer krank. Manchmal hatte sie schreckliche Fieberträume, manchmal hatte sie wilde hysterische Anfälle. Es war so schlimm, daß eine Schwester angestellt werden mußte, die Tag und Nacht bei ihr blieb. Am dritten Tag nach dem Verschwinden des Butlers glaubte die Schwester, das Mädchen schliefe, und gönnte sich selbst ein Schläfchen im Sessel neben dem Bett der Kranken. Als sie jedoch erwachte, war das Bett leer, das Fenster offen und von der Kranken keine Spur. Ich wurde sofort geweckt. Zusammen mit den beiden Dienern suchten wir nach dem Mädchen. Ihre Spur zu finden, war nicht sonderlich schwer, denn unter ihrem Fenster entdeckten wir ihre Fußspuren. Sie führten über den Rasen, bis zum Rand des Sees. An dem Kiesweg, der zum Grundstück hinausführt, verliefen sie sich dann. Der See ist sehr tief. Sie können sich wohl ausmalen, was wir fühlten, als wir die Fußspuren des armen Mädchens hier am Rande des Sees fanden.

Der See wurde sofort abgesucht, aber eine Leiche fanden wir nicht. Andererseits brachten wir einen Gegenstand an die Oberfläche, den wir ganz und gar nicht erwartet hätten. Es war ein leinener Sack und enthielt einiges altes, verfärbtes und verrostetes Metall, dazu eine Handvoll dumpffarbener Kieselsteine oder Glas.

Dieser seltsame Fund war alles, was wir aus dem See fischen konnten. Obgleich wir sehr gründlich gesucht haben, fanden wir keine Spur von Rachel Howells oder Richard Brunton. Die Ortspolizei ist am Ende ihrer Weisheit, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. «

»Watson, Sie werden sich gut vorstellen können, mit welchem Eifer ich dieser merkwürdigen Kette von Ereignissen gelauscht habe. Ich begann sofort, die einzelnen Stücke der Geschichte ineinander zu fügen und nach dem Angelpunkt zu suchen, an dem alles hängen konnte, der Butler sowohl und das Mädchen ebenfalls. Das Mädchen hatte den Mann geliebt, aber später hatte sie eigentlich Grund, ihn zu hassen. Sie hatte feuriges und leidenschaftliches Waliser Blut in den Adern. Kurz nach seinem Verschwinden hat sie sich entsetzlich aufgeregt. Sie hatte einen Beutel in den See geworfen, in dem sehr seltsame Dinge gefunden worden waren. Das waren Tatsachen, die beachtet werden wollten. Und doch war in dem allen noch nicht das Kernstück unseres Geheimnisses. Wo begann die Kette der Ereignisse? Der Anfang der Kette mußte das Ende dieses verworrenen Weges sein. >Ich muß diese Papiere sehen, Musgrave<, sagte ich. >Sie sind wertvoll genug, daß sich Ihr Butler eifrig damit befaßte, auch wenn er dabei seine Stellung riskierte.< >Das ganze Ritual ist irgendwie absurd<, antwortete er. >Aber dabei ist es doch alt und ehrwürdig. Ich habe eine Kopie dieser Fragen und Antworten mitgebracht. Hier, lesen Sie, wenn Sie wollen.< Es handelte sich um das gleiche Papier, das ich hier in der Hand halte, Watson. Es ist ein strenger Katechismus, dem sich jeder Mann in der Familie unterziehen muß. Ich werde Ihnen jetzt die Fragen und Antworten hintereinander vorlesen, wie sie hier stehen:

>Wem gehört es?< >Dem, der gegangen ist.< >Wem soll es gehören?< >Dem, der kommen wird.< >Wo war die Sonne?< >Über der Eiche.< >Wo war der Schatten?< >Unter der Ulme.< >Wie mußt du gehen?< >Nördlich von zehn zu zehn, östlich fünf zu fünf, südlich zwei zu zwei, westlich eins zu eins.< >Was werden wir dafür geben?< >Alles, was uns gehört.< >Warum werden wir es hergeben?< >Im Namen der Wahrheit.< >Das Original ist nicht datiert, aber wenn man die Schrift und Schreibweise betrachtet, könnte es aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts stammen<, sagte Musgrave. >Aber ich fürchte, viel mehr Hilfreiches kann ich Ihnen nicht bieten, um dieses Rätsel zu lösen.< >Wenigstens beschäftigt es den Geist für eine Weile<, sagte ich.

>Es scheint mir doch interessanter zu sein als das erste Rätsel. Eines kann auch die Lösung für das andere sein. Sie müssen entschuldigen, Musgrave, aber mir scheint, daß Ihr Butler ein sehr tüchtiger Mann gewesen ist. Er hatte eine klarere Sicht der Dinge als zehn Generationen seiner Herrschaft vor ihm.< >Das kann ich nicht recht einsehen<, sagte Musgrave. >Das Dokument scheint keinerlei praktischen Wert zu haben.< >Im Gegenteil, es ist sogar ganz besonders praktisch angelegt, und Brunton muß es gewußt haben. Er hat sich sicherlich schon vor jener Nacht, in der Sie ihn erwischten, damit befaßt.< >Das ist gut möglich. Wir haben uns nie sonderlich Mühe gegeben, es zu verstecken.< >Ich kann mir vorstellen, daß er nur noch einmal sein Gedächtnis auffrischen wollte. Er hatte einen Plan oder eine Karte bei sich, sagten Sie, mit der er das Manuskript verglich? Diese steckte er doch in die Tasche, nicht wahr, als Sie plötzlich vor ihm standen?< >Das ist zwar wahr, aber was kann es schon mit unserer alten Familientradition zu tun haben?

Was soll das alles bedeuten?< >Es wird gar nicht so schwierig sein, dies alles zu entziffern, da bin ich mir ganz sicher, sagte ich, mit Ihrer Erlaubnis werde ich den nächsten Zug nach Sussex nehmen und mich an Ort und Stelle ein wenig eingehender mit dem Problem befassen.< Noch am gleichen Nachmittag befanden er und ich uns in Hurlstone. Sicherlich haben Sie schon Abbildungen und Beschreibungen dieses berühmten alten Hauses gesehen. So kann ich mich in der Beschreibung des Hauses kurz fassen. Ich sage nur, daß es in der Form eines >L< erbaut worden ist, wobei der lange Arm der modernere Teil des Hauses ist und der kürzere der eigentliche und ursprüngliche Kern, aus dem heraus die anderen Teile sich entwickelt haben.

Über der schweren, niedrigen Tür im zentralen Teil des Hauses ist das Datum 1607 eingemeißelt, aber Experten meinen, daß das Haus in Wirklichkeit sehr viel älter ist. Die enorm dicken Wände und die winzig kleinen Fenster haben die Familie im vorigen Jahrhundert aus diesem Flügel in den moderneren Anbau vertrieben. Der alte Flügel wurde von da ab nur noch als Vorratshaus benutzt. Der See, von dem mein Freund gesprochen hatte, liegt auf der rechten Seite der Allee, keine zweihundert Meter von diesem Gebäude entfernt.

In meinem Innern war ich inzwischen längst davon überzeugt, daß es hier. keine drei voneinander getrennten geheimnisvollen Rätsel gab, sondern in Wirklichkeit nur eines. Wenn ich nur erst das Musgrave-Ritual richtig lesen konnte, hätte ich den Schlüssel in der Hand, der zu dem Verschwinden des Butlers Brunton und dem des Mädchens Rachel Howells führte. Und darauf richtete ich nun alle Energie. Warum sollte dieser Diener ein solches Interesse an den alten Dokumenten seines Herrn haben? Offen-sichtlich doch, weil er etwas wahrgenommen hatte, was langen Generationen von Landedelleuten entgangen war und wovon er sich persönlichen Erfolg versprach. Aber was konnte das sein? Und auf welche Weise hat es sein Schicksal beeinflußt?

Gleich beim ersten Lesen des Rituals war mir klargeworden, daß es sich um Maßeinheiten handelte, die sich auf einen ganz bestimmten Ort bezogen, auf den der Schreiber des Rätsels immer wieder zurückgekommen war. Wenn wir diesen Ort herausbekämen, hätten wir die Lösung des Rätsels und wüßten, weshalb ein Vorfahr es einmal nötig gehabt hatte, eine Nachricht so verschlüsselt zu verpacken. Zwei Hinweise konnten als Ausgangspunkte dienen, eine Eiche und eine Ulme. Welche Eiche gemeint sein konnte, stand völlig außer Frage, denn direkt vor dem Haus, auf der rechten Seite vor der Auffahrt, stand eine riesige, uralte Eiche. Es war ein regelrechter Eichenpatriarch, einer der gewaltigsten Bäume, die ich je gesehen habe.

>Diese Eiche muß schon dort gestanden haben, als das Rätsel aufgeschrieben wurde<, sagte ich.

>Möglicherweise stammt der Baum sogar noch aus der normannischen Zeit. Er hat einen Umfang von zwanzig Fuß.< Meinen ersten festen Punkt hatte ich also sicher.

>Haben Sie auch noch alte Ulmen auf dem Grundstück?< fragte ich.

>Dort drüben stand eine, aber sie wurde vor zehn Jahren vom Blitz getroffen. Wir mußten sie schlagen.< >Kann man die Stelle, an der sie gestanden hat, noch sehen?< >O ja, gewiß.< >Andere Ulmen gibt es hier wohl nicht?< Jedenfalls keine sehr alten, dafür aber sehr viele Buchen.< >Ich möchte gerne den Platz sehen, wo die alte Ulme gestanden hat.< Wir waren mit dem Einspänner meines Freundes angekommen. Musgrave führte mich sogleich zu der Stelle, wo auf dem Rasen die Ulme gestanden hatte und wo noch der Stumpf der Baumwurzel zu sehen war. Wir waren gar nicht erst ins Haus gegangen. Dieser Baumstumpf befand sich etwa auf halbem Wege zwischen der Eiche und dem Haus. Meine Untersuchungen schienen voranzukommen.

>Es ist sicherlich unmöglich, herauszufinden, wie hoch die Ulme war?< >Das kann ich Ihnen sofort sagen, sie war vierundsechzig Fuß hoch.< >Donnerwetter, wieso wissen Sie das so genau?< >Mein alter Lehrer war ein praktischer Mann. Er gab mir oft angewandte Aufgaben zum Rechnen. Höhenmaße schien er besonders zu lieben. Ich habe die Höhe jedes Baumes und dazu des Hauses und sämtlicher Gebäude berechnet.<_ Das war wirklich ein ganz unerhörtes Glück. Ich bekam meine Daten schneller zusammen, als ich zu hoffen ge wagt hatte. >Sagen Sie<, fragte ich, >hat Ihnen Ihr Butler niemals diesbezügliche Fragen gestellt?< Reginald Musgrave sah mich voller Verwunderung an. >Jetzt, da Sie mich daran erinnern<, sagte er, >fällt es mir wieder ein. Brunton hat mich vor einigen Monaten wirklich nach der Höhe dieses Baumes gefragt. Er hatte ja wohl eine Wette oder etwas dergleichen mit dem Kutscher gemacht.< Das war eine ausgezeichnete Nachricht, Watson, denn sie bewies mir, daß ich auf dem richtigen Wege war. Ich sah zur Sonne hinauf. Sie stand tief am Himmel. Ich rechnete mir aus, daß sie in etwa zwei Stunden auf den obersten Zweigen der alten Eiche liegen mußte. Eine der Voraussetzungen, die im alten Ritual erwähnt wurden, war damit also erfüllt. Der Schatten der Ulme konnte nur das äußere Ende des Schattens bedeuten, denn sonst hätte man den Stamm als Hinweis benutzt. Ich mußte mir also ausrechnen, wohin der Schatten der Ulme gefallen wäre, wenn die Sonne über der alten Eiche stand.«

»Das war sicherlich schwierig herauszufinden, denn schließlich stand die Ulme ja nicht mehr.«

»Na ja, Brunton war ja wohl klug genug gewesen, sich das ausrechnen zu können. Also konnte ich es auch. Nebenbei gesagt, ist es auch keine so große Schwierigkeit. Musgrave nahm mich mit in sein Arbeitszimmer. Dort bastelte ich mir mit einer Klammer dieses Garnknäuel zurecht. Ich fand ein langes Stück Bindfaden, an das ich noch zwei Angelruten anknotete. Genau an jedem Meter brachte ich einen Knoten an. Dann gingen wir zu der Stelle zurück, wo die Ulme gestanden hatte. Die Sonne hatte gerade die Wipfel der Eiche erreicht. Ich befestigte das Ende des Bindfadens, markierte die Richtung des Schattens und maß seine Länge. Er war genau neun Fuß lang.

Von jetzt ab war meine Rechnung sehr einfach. Wenn ein Faden von sechs Fuß einen Schatten von neun warf, dann mußte ein Baum, der sechsundvierzig Fuß hoch war, einen Schatten von sechsundneunzig Fuß Länge werfen. Die Richtung des einen mußte auch die Richtung des anderen sein. Ich maß die Entfernung aus und gelangte fast bis zur Hauswand. Dort befestigte ich meine Klammern.

Watson, Sie können sich meine Aufregung wohl vorstellen, denn zehn Zentimeter von meiner Klammer entfernt entdeckte ich plötzlich eine konische Einkerbung im Boden. Sofort war mir klar, daß nur Brunton diese Markierung aufgrund seiner eigenen Messungen gemacht haben konnte. Ich war ihm immer noch auf den Fersen. Mit Hilfe meines Taschenkompasses markierte ich nun selber meine Hauptpunkte, dann zählte ich die Schritte aus, wie sie im Ritual angegeben sind. Zehn Schritte führten mich parallel an der Wand des Hauses entlang. Wieder markierte ich die Stelle mit einer Klammer. Dann maß ich sorgfältig die fünf Schritte nach Osten und die zwei nach Süden aus. Das brachte mich genau an die Schwelle der alten Haustür. Zwei Schritte westlich hieß, daß ich jetzt zwei Schritte den Steinfußboden entlanggehen mußte, denn dies war die Stelle, auf die das Ritual hinwies.

Dann, Watson, erfuhr ich eine Enttäuschung, wie sie wohl herber nicht hätte sein können. Einen Augenblick lang glaubte ich, ich hätte mich völlig verrechnet. Die untergehende Sonne fiel voll auf den Steinfußboden des alten Flures. Ganz deutlich sah ich, daß die alten, ausgetretenen Steine fest zusammenzementiert waren und gewiß seit vielen, vielen Jahren nicht bewegt worden waren.

Hier war Brunton nicht am Werk gewesen. Ich klopfte den Boden ab, aber er klang überall gleich. Keinerlei Hinweis auf einen Riß oder Öffnung in den Steinen. Inzwischen hatte jedoch Musgrave begriffen, was ich im Sinn hatte. Er war genauso aufgeregt wie ich. Er nahm das Ritual aus der Tasche und überprüfte meine Berechnung noch einmal.

>Und darunter<, rief er. >Das haben Sie ausgelassen. Und darunter. < Ich hatte geglaubt, dieser Hinweis sei eine Aufforderung, hier zu graben. Aber diese Annahme war wohl falsch gewesen. >Ist denn hier drunter ein Keller?< rief ich.

>Ja, natürlich, ein Keller so alt wie das Haus. Hier hinunter, hier durch die Tür!< Wir kletterten die gewundene Steintreppe hinunter. Mein Begleiter hatte ein Streichholz angestrichen und eine Laterne entzündet, die auf einer Tonne in der Ecke stand. In diesem Augenblick war klar, daß wir an den rechten Ort gekommen waren. Und wir waren auch nicht die einzigen, die diesen Ort besucht hatten.

Der Raum war als Holzlager benutzt worden, aber die Kloben, die offensichtlich noch vor kurzer Zeit auf dem Boden herumgelegen hatten, waren nun an den Seiten sorgfältig gestapelt, so daß in der Mitte des Raumes ein freier Platz geblieben war. An dieser Stelle lag ein großer, schwerer Stein, der mit einem rostigen Ring versehen war. Durch diesen Ring war ein dicker Hirtenschal gezogen worden.

>Mein Gott<, rief mein Klient, >das ist Bruntons Schal. Ich habe ihn damit gesehen, das könnte ich beschwören. Was hat der Halunke hier zu suchen geha bt?< Ich schlug vor, die Grafschaftspolizei zu holen, damit sie bei dem, was nun folgen sollte, dabei wäre. Nachdem sie eingetroffen war, machte ich mich daran, den Stein mit Hilfe des Schales zu heben. Es wollte mir jedoch nur gelingen, ihn ein wenig zur Seite zu bewegen. Erst mit Hilfe des Constablers gelang es mir, ihn vollends zur Seite zu schieben. Ein schwarzes Loch gähnte uns entgegen. Wir alle knieten uns an den Rand und spähten hinein, während Musgrave die Laterne in die Öffnung schob.

Eine kleine Kammer, wohl sieben Fuß tief und vier Fuß breit, lag offen vor uns. Auf der einen Seite befand sich eine breite Holzkiste, die mit Metallbändern verschlossen war.

Oben im Deckel war ein Schloß angebracht, in dem ein altmodischer Schlüssel steckte. Eine dicke Staubschicht lag wie ein Pelz über allem. Feuchtigkeit und Holzwürmer hatten das Holz zerstört. Auf der Innenseite der Truhe wuchsen ganze Kulturen bläulicher Pilze. Wir fanden mehrere Metallscheiben, die offensichtlich einmal als Geld benutzt worden waren, über dem Boden verstreut. Aber sonst war die Kiste völlig leer.

In diesem Augenblick hatten wir jedoch kein Interesse an der alten Truhe, denn unsere Blicke wurden angezogen von jemandem, der neben der Truhe hockte. Es war die Gestalt eines Mannes, gekleidet in Schwarz. Er hockte auf seinen Hacken, die Stirn lag auf dem Rand der Truhe, während die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt waren. In dieser Haltung war alles Blut ins Gesicht getrieben, niemand würde das verzerrte, gelbe Gesicht wiedererkannt haben, aber Körperhöhe, seine Kleidung und das Haar genügten meinem Klienten, um ihn als seinen vermißten Butler zu identifizieren. Er war seit einigen Tagen tot, aber wir fanden keine Wunde oder irgendwelche Flecken an seinem Körper, aus dem wir hätten schließen können, wie er zu seinem schrecklichen Ende gekommen war. Als wir aus dem Keller hinaufkletterten, sahen wir uns einem Problem gegenüber, das uns fast genauso feindlich erschien wie das Ausgangsproblem.

Watson, ich sage Ihnen ehrlich, daß ich von meiner Untersuchung ziemlich enttäuscht war. Ich hatte damit gerechnet, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, wenn ich das Rätsel des Rituals gelöst hätte. Aber nun hatte ich den angegebenen Ort gefunden, war jedoch weit davon entfernt, herauszubekommen, was die Familie hier mit so großer Sorgfalt aufbewahrt hatte. Wohl stimmte es, daß ich das Schicksal Bruntons aufgeklärt hatte, aber ich mußte noch herausfinden, auf welche Weise ihn sein Schicksal ereilt hatte. Dazu kam die Frage, welche Rolle die Frau, die ebenfalls verschwunden war, dabei gespielt hatte. So hockte ich auf einer Tonne in der Ecke und überdachte die Situation sorgfältig.

Sie wissen, Watson, welche Methoden ich in solchen Fällen anwende. Ich versuchte, mich in die Lage des Mannes zu versetzen. Ich machte mir klar, daß er ein sehr intelligenter Mensch war, und konnte mir wohl vorstellen, wie ich an seiner Stelle vorgegangen wäre. Die Sache wurde noch einfacher. Bruntons Intelligenz war wirklich erstklassig, so brauchte ich keine Zugeständnisse für irgendwelche dummen Umwege zugeben. Er wußte, daß etwas sehr Wertvolles verborgen war.

Er hat die Stelle herausgefunden. Leider mußte er entdecken, daß der Stein, der den Schatz verdeckte, gerade eben ein bißchen zu schwer für einen einzelnen Mann war. Wie konnte er sich helfen? Natürlich konnte er sich Hilfe von außerhalb holen, Hilfe von jemandem, dem er vertrauen konnte. Aber dann hätte er die Tür aufschließen und fortgehen müssen, dabei wäre er in Gefahr geraten, entdeckt zu werden. Besser war, sich Hilfe innerhalb des Hauses zu suchen. Aber wen konnte er bitten? Natürlich doch das Mädchen, das ihn angebetet hatte. Kein Mann kann einsehen, daß er die Liebe einer Frau einmal verlieren kann oder endgültig verloren hat, egal, wie schlecht er sie auch behandelt hat. Er würde nett zu dem Mädchen Howells sein und würde Frieden mit ihr schließen, dann würde sie sich begeistert darauf einlassen, seine Komplizin zu werden. Zusammen würden sie in der Nacht in den Keller gehen, und gemeinsam konnten sie es schaffen, den Stein zu heben. Soweit konnte ich den Handlungen folgen, als sei ich dabei gewesen. Für den Mann und das Mädchen muß es ein schweres Stück Arbeit gewesen sein, den Stein zu heben, denn schon ein kräftiger Sussex-Polizist und ich hatten zusammen Mühe genug gehabt. Was konnten sie tun, um sich die Arbeit zu erleichtern? Genau das, was ich vermutlich auch getan hätte. Ich stand auf und untersuchte die auf dem Boden liegenden Holzkloben sorgfältig. Fast sofort fand ich, wonach ich suchte. Ein dicker, schwerer, meterlanger Holzkloben hatte tiefe Einkerbungen am Rand, während andere Stücke so zusammengequetscht waren, als hätte schweres Gewicht darauf gelegen. Nun war mir alles klar. Als sie den Stein zu heben versucht hatten, mußten sie Holzscheite darunter geschoben haben, bis sie die Platte gerade so weit schieben konnten, daß einer von ihnen hindurchkriechen konnte. Danach mußten sie die Platte durch ein quergelegtes Holzscheit in Position halten. Auf diese Weise war es zu den schweren Einkerbungen gekommen, denn das ganze Gewicht der Platte hatte darauf geruht.

Soweit war ich noch auf sicherem Boden. Aber wie sollte ich nun mit meinem mitternächtlichen Drama weiterkommen? Klar, derjenige, der in das Loch hinuntersteigen würde, war Brunton. Das Mädchen wird oben gewartet haben. Brunton wird die Truhe geöffnet haben und dem Mädchen den Inhalt herausgereicht haben, denn wir hatten die Truhe ja leer vorgefunden. Aber dann? Was war dann passiert?

Was wissen wir von den Rachegefühlen einer leidenschaftliche n keltischen Frau, Rachegefühle, die lange geschwelt haben? Nun hatte sie den Mann, der ihr Unrecht, vielleicht größeres Un-recht als wir ahnen konnten, angetan hat, in ihrer Gewalt. Wie, wenn der Stein versehentlich ein wenig zur Seite gerutscht wäre? Brunton wäre dann gefangen in jenem Loch gewesen, das nun zu seinem Grab geworden war. Hatte sie sich nur durch Schweigen schuldig gemacht oder war da etwas gewesen, das in ihr alle Sicherungen sprengte und sie das Scheit unter der Platte fortziehen und in seinen ursprünglichen Platz krachen ließ? Sei es, wie immer es gewesen sein mag. Vor meinem inneren Auge meinte ich die Gestalt einer Frau zu sehen, wie sie einen Schatz umkrallt hielt und die Treppe hinauflief, während in ihren Ohren vielleicht noch die dumpfen Hilfeschreie gellten und die dumpfen Schläge, als ihr ungetreuer Freund mit den Fäusten gegen die Decke schlug.

Hier hatten wir die Erklärung für ihr sehr blasses Gesicht, ihre zerrütteten Nerven und das unkontrollierte, hysterische Gelächter an jenem Morgen. Aber was war in der Truhe gewesen?

Was hatte sie damit gemacht? Natürlich konnte es sich nur um das alte Metall und die Kieselsteine handeln, die mein Freund aus dem See gefischt hatte. Sie hatte sie bei der ersten Gelegenheit in den See geworfen, um damit die Spuren ihres Verbrechens auszulöschen.

Zwanzig lange Minuten hatte ich bewegungslos dagesessen und nachgedacht. Musgrave stand mit bleichem Gesicht neben mir. Er hielt immer noch die Laterne in der Hand und starrte in das düstere Loch.

>Dies hier sind Münzen aus der Zeit Charles des I.<, sagte er schließlich und starrte auf ein paar der Metallscheiben, die auf dem Boden der Truhe gelegen hatten. >Sehen Sie, die Originalschrift des Rituals haben wir richtig datiert.< >Vielleicht finden wir noch mehr Hinweise auf Charles I.!< rief ich, denn plötzlich begriff ich die mögliche Bedeutung der ersten zwei Fragen des Rituals. >Wir wollen jetzt einmal den Inhalt des Beutels anschauen, den Sie aus dem See gefischt haben.< Wir gingen in sein Arbeitszimmer, dort baute er die Relikte vor mir auf. Auf den ersten Blick konnte ich wohl verstehen, weshalb er den Dingen keine Bedeutung beigemessen hatte. Das Metall war schwarz und die Steine dunkel und glanzlos. Ich begann aber, einen dieser Steine an meinem Ärme l zu reiben. Sogleich begann er in meiner hohlen Hand zu leuchten. Das Metall war in Form eines doppelten Ringes geformt, aber inzwischen so verdreht und verzerrt, daß von seiner ursprünglichen Form nicht mehr viel zu sehen war.

>Sie dürfen nicht vergessen<, sagte ich, >daß die Partei des Königs auch noch nach seinem Tode die Regierung innehatte. Als sie dann fliehen mußten, da haben sie die wertvollsten Schätze in sicheren Verstecken hinter sich gelassen. Natürlich dachten sie nicht anders, als daß sie zur ückkehren würden, wenn die Zeiten friedlicher geworden sind.< >Mein Vorfahr, Sir Ralph Musgrave, war ein hochangesehener Höfling und die rechte Hand Charles II. in der Zeit seiner Wanderschaft<, sagte mein Freund.

>Ach, wirklich?< antwortete ich, >dann haben wir damit das letzte Glied in der Kette, das wir brauchen, das Rätsel zu lösen. Ich muß Ihnen gratulieren, Musgrave, Sie sind nämlich durch tragische Umstände in den Besitz eines großen Schatzes gelangt. Diese unansehnlichen Dinge hier haben einen große n Wert, aber darüber hinaus haben sie einen enormen geschichtlichen Wert.< >Was ist es denn?< fragte er mit atemlosem Staunen.

>Es ist nicht weniger als die uralte Krone der Könige von England., >Die Krone!< >Richtig! Bedenken Sie einmal in diesem Licht den Wortlaut des Rituals: >Wem hat sie gehört?< - >Dem, der gegangen ist.< Das war nach der Exekution Charles I. Danach >Wer soll sie haben?< - >Er, der kommen wird!< Das war Charles II., dessen Ankunft man schon voraussehen konnte. Es kann gar keinen Zweifel daran geben, daß dieses schmutzige und verbogene Diadem einst die Häupter der königlichen Stuarts geschmückt hat.< >Aber wie kam sie in den See?< >Das ist eine gute Frage, und es wird wohl ein Weilchen dauern, bis wir sie beantworten können<, sagte ich und begann ihm meine lange Kette an Vermutungen und Bestätigungen darzulegen. Aus der Dämmerung war Nacht geworden. Der Mond war hinter den Wolken hervorgekommen und schien hell am Himmel, bevor ich meine Geschichte beendet hatte.

>Und wie mag es gekommen sein, daß Charles seine Krone nicht bekam, nachdem er nach England zurückgekehrt war?< fragte Musgrave und schob die Schätze in den leinenen Beutel zurück.

>Ah, da legen Sie Ihren Finger an einen Punkt, über den wir wohl nie Auskunft erhalten werden.

Möglicherweise starben die Musgraves, die in das Geheimnis eingeweiht waren.

Inzwischen mußte jeder Nachkomme dieses Ritual lernen, ohne aufgeklärt werden zu können, was es wirklich bedeutete. Das Geheimnis wurde weitergegeben, immer vom Vater auf den Sohn, bis eines Tages jemand kam, der den Musgraves dieses Geheimnis zu entreißen suchte und sein Leben dabei verlor.< Das ist die Geschichte des Musgrave-Rituals, Watson. Die Krone wird immer noch in Hurlstone aufbewahrt, obgleich es gerichtliche Schwierigkeiten gab. Sie mußten auch ziemlich viel Geld dafür zahlen, daß sie sie behalten durften. Ich bin sicher, daß man sie Ihnen gerne zeigen wird, wenn Sie dorthin fahren und meinen Namen nennen. Von der Frau hat man niemals wieder etwas gehört. Möglicherweise ist sie aus England geflohen und trägt nun die Erinnerung an ihr Verbrechen in Übersee mit sich herum.«

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