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Der Krüppel.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der Krüppel
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Es war an einem schönen Sommerabend, ein paar Monate nach meiner Heirat. Ich saß am Kamin und rauchte eine letzte Pfeife. Dabei schlief ich halb über einem Roman ein, denn der Tag war sehr ermüdend gewesen. Meine Frau hatte sich schon zurückgezogen, und das Geräusch von zuschließenden Türen zeigte mir an, daß die Hausangestellten jetzt ebenfalls zur Ruhe gingen.

Ich hatte mich schon von meinem Platz erhoben und klopfte meine Pfeife aus, als plötzlich die Türglocke schellte. Ich sah auf die Uhr, es war viertel vor zwölf. Einen Besucher erwartete ich so spät am Abend nicht mehr, möglicherweise stand ein Patient vor der Tür. Innerlich stellte ich mich schon auf eine lange Nachtwache ein. Mit einem sauren Gesicht ging ich in die Halle und öffnete die Tür. Zu meinem Erstaunen stand Sherlock Holmes vor der Tür.

»Ah, Watson«, sagte er. »Ich hatte gehofft, daß ich nicht zu spät komme, um Sie zu erwischen.«

»Mein lieber Freund, bitte kommen Sie herein.«

»Sie sehen überrascht aus, und das wundert mich auch nicht. Erleichtert sind Sie auch, könnte ich mir denken! Ha! Sie rauchen immer noch die Arkadie-Mischung aus unserer Junggesellenzeit!

Kein anderer Tabak ergibt diese Art flockiger Asche. Und dann sieht man Ihnen auch immer noch an, daß Sie einmal daran gewöhnt waren, Uniform zu tragen, Watson. Aus Ihnen wird niemals ein in der Wolle gefärbter Zivilist werden, solange Sie die Angewohnheit nicht ablegen, Ihr Taschentuch im Ärmel zu tragen. - Kann ich über Nacht bei Ihnen bleiben?«

»Aber mit Vergnügen.«

»Sie haben mir einmal versprochen, immer ein Junggesellenquartier für mich zur Verfügung zu haben. Im Augenblick haben Sie keinen weiteren Herrenbesuch, das verrät mir Ihr Garderobenständer. «

»Es ist eine Freude für mich, wenn Sie bleiben.«

»Vielen Dank. Dann kann ich den leeren Platz ja einnehmen. Es tut mir leid, daß britische Arbeiter bei Ihnen am Werk waren, - handelt es sich um die Wasserleitung?«

»Nein, nein, das Gas.«

»Aha! Er hat zwei Näge leindrücke seiner Stiefel in Ihrem Linoleum hinterlassen, gerade an der Stelle, wohin das Licht fällt. - Nein, danke, Watson, ich habe ein ziemlich spätes Abendbrot im Bahnhof Waterloo eingenommen. Aber ich würde gerne mit Ihnen zusammen eine Pfeife rauche n.«

Ich reichte ihm meinen Beutel hinüber. Er nahm mir gegenüber Platz, und so rauchten wir eine Weile schweigend. Natürlich war mir klar, daß nichts weniger als ein geschäftlicher Auftrag ihn zu dieser Stunde zu mir geführt hatte. Ich wartete geduldig auf das, was er mir berichten würde.

»Ich sehe, daß Sie im Augenblick beruflich stark engagiert sind«, sagte er und sah mich scharf an.

»Ja, es ist schon ein arbeitsreicher Tag gewesen«, antwortete ich. »Es sieht sicher dumm in Ihren Augen aus«, fügte ich hinzu, »aber ich weiß nicht, wie Sie das herausgefunden haben.« Holmes lachte leise.

»Ich bin im Vorteil, mein lieber Watson, ich kenne Ihre Gewohnheiten. Wenn die Runde Ihrer Arztbesuche kurz ist, dann gehen Sie zu Fuß, und wenn sie lang ist, nehmen sie sich einen Mietwagen. Ich bemerke, daß Ihre Stiefel wohl getragen, aber nicht schmutzig sind. So denke ich mir, daß Sie wohl Arbeit genug haben, sich einen Wagen zu nehmen.«

»Ausgezeichnet!« rief ich.

»Elementarwissen«, sagte er. »Es ist eines dieser kleinen Beispiele, mit denen der Logiker Effekte erzielen kann, um seinen Nachbarn zu imponieren, weil der andere einen kleinen Punkt übersehen hat, der die Basis der logischen Schlußfolgerung ist. Das gleiche, mein lieber Freund, gilt für Ihre kleinen Aufzeichnungen, mit denen Sie mich in ein so glänzendes Licht stellen. Alles liegt daran, wieviel Fakten Sie den Leser von Anfang an wissen lassen. Im Augenblick befinde ich mich in der Position des Lesers, denn in meiner Hand halte ich die verschiedensten Fäden des merkwürdigsten Falles, über den sich je ein Mann den Kopf zerbrochen hat. Und dennoch benötige ich noch ein paar wichtige Fäden, die mir helfen, meine Theorie abzuschließen. Aber, ha - Watson, ich hab's! Ich hab's! « Ein Leuchten glomm in seinem Gesicht auf, und eine freudige Röte malte sich auf seinen Wangen. Für einen kleinen Augenblick war der Schleier von seinem scharfgeschnittenen, kühnen Gesicht gelüftet- aber nur für einen kleinen Augenblick. Als ich ihm gleich darauf wieder ins Gesicht sah, hatte er jenen Indianerausdruck schon wieder angenommen, in dem er manchmal eher wie eine Maschine als ein Mensch wirkte. »Das Problem hat wirklich interessante Züge«, sagte er. »Ich kann sogar sagen, daß es außergewöhnlich interessante Züge hat. Ich habe diese Angelegenheit nun von allen Seiten betrachtet. Mir scheint, jetzt bin ich in greifbare Nähe der Lösung gelangt. Wenn Sie meine letzten Schritte begleiten würden, dann wäre ich Ihnen wirklich zu außerordentlichem Dank verpflichtet.«

»Aber das tue ich doch mit Freuden.«

»Können Sie mich morgen nach Aldershot begleiten?«

»Ich bin ganz sicher, daß Jackson meine Praxis mit übernehmen kann.«

»Sehr gut. Ich möchte früh um 11.10 Uhr von Waterloo Station abfahren.«

»Da habe ich Zeit genug, alles zu regeln.«

»Wenn Sie jetzt nicht zu müde sind, werde ich Ihnen in kurzen Zügen erzählen, was geschehen ist und was ich zu unternehmen gedenke. «

Ach war müde, bevor Sie kamen, aber nun bin ich wieder ganz munter.«

»Ich werde mich so kurz wie möglich fassen und doch versuchen, nichts Wichtiges auszulassen.

Vielleicht haben Sie ja auch schon in den Zeitungen von der Sache gelesen. Ich bearbeite den Fall von Colonel Barklay vom Royal Münster in Aldershot. Man nimmt an, daß er ermordet worden ist. «

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Die Sache ist auch noch nicht in den großen Zeitungen erschienen, höchstens die örtliche Presse hat davon berichtet. Was vor zwei Tagen geschehen ist, will ich Ihnen in aller Kürze wiedergeben:

Das Royal Münster ist, wie Sie ja wissen, eines der berühmten Irischen Regimenter. Im Krimkrieg und bei der Meuterei haben sie wahre Wunder gewirkt. Seither hat es sich bei jeder Gelegenheit rühmlich hervorgetan. Bis zum letzten Montagabend wurde es kommandiert von James Barklay, einem Veteranen, der seine Karriere in der Armee als Private begonnen hat.

Während der Meuterei wurde er seiner Tapferkeit wegen befördert. So befehligte er das gleiche Regiment, in dem er einstmals die Muskete getragen hatte.

Colonel Barklay heiratete, als er noch Sergeant war. Seine Frau war eine Miss Nancy Devoy, die Tochter eines Sergeanten aus dem gleichen Regiment. Wie man sich vorstellen kann, gab es ein paar gesellschaftliche Schwierigkeiten. Das junge Paar. mußte sich auch in der neuen Umgebung erst zurechtfinden, denn sie waren noch ziemlich jung. Es sieht allerdings so aus, als hätten sie sich sehr schnell angepaßt. Wenn ich es richtig verstehe, dann hat sich Mrs. Barklay mit den Damen des Regiments immer so gut verstanden wie ihr Mann mit den anderen Offizieren. Ich muß noch hinzufügen, daß sie eine sehr schöne Frau war. Sogar jetzt noch, nachdem sie die Dreißig überschritten hat, ist sie eine königliche Erscheinung.

Colonel Barklay scheint ein recht glückliches Familienleben geführt zu haben. Major. Murphy, der mir die meisten Hintergrundtatsachen berichtet hat, versicherte mir, daß es zwischen dem Paar niemals Mißverständnisse gegeben habe. Im ganzen meint er zwar, daß der Colonel seine Frau mehr geliebt hat als sie ihn, denn er war unsicher und unglücklich, wenn sie auch nur einen Tag von ihm fort war. Sie dagegen, obgleich sie ihm treu ergeben war, schien gar nicht so sehr gefühlvoll an ihn gebunden gewesen zu sein. Aber im Regiment galt ihre Ehe als eine mustergültige Ehe für ein Ehepaar mittleren Alters. Es gab absolut nichts in ihren gegenseitigen Beziehungen, was ihre Umgebung auf die Tragödie vorbereitete, die nun kommen sollte.

Colonel Barklay schien ein paar recht hervorstechende Charaktereigenschaften zu haben.

Normalerweise zeigte er sich als feuriger, jovialer alter Soldat, aber es gab auch Gelegenheiten, wo ein gewisser Hang zu Zorn und Gewalttätigkeit herauskam.

Allerdings hat sich diese Seite seines Charakters niemals gegen seine Frau gewandt. Noch etwas:

Major Murphy ist aufgefallen und vier oder fünf andere Offiziere, mit denen ich gesprochen habe, haben es bestätigt, daß er an einer merkwürdigen Depression litt, die ihn manchmal überfallen konnte. Der Major drückte es so aus: Er meinte, man müsse es sich so vorstellen, als wenn eine unsichtbare Hand ihm manchmal das Lächeln aus dem Gesicht gewischt hätte, es wäre ihm gelegentlich in der Messe, wenn er mit all den anderen Offizieren zusammen war, inmitten aller Fröhlichkeit passiert. Wenn es ihn packte, dann konnte diese Stimmung ihn viele Tage lang halten, er konnte in tiefste Düsterkeit versinken. Ein gewisser Hang zum Aberglauben gehörte ebenfalls zu seinem Charakter. Das verwunderte die Kameraden natürlich manchmal. Diese eher jungenhaften Züge seines Charakters haben natürlich oft Stoff für Gerede und Kommentare geboten.

Das erste Bataillon des Royal Münster (es war das alte Hundertsiebzehnte) ist seit einigen Jahren in Aldershot stationiert. Die verheirateten Offiziere leben außerhalb des Camps. Der Colonel hatte für diese Zeit eine Villa gemietet, die >Lachine<, ein Haus, das etwa eine halbe Meile nördlich des Camps gelegen war. Er hatte das Haus mitsamt dem Grundstück gemietet, die Westseite der Straße war etwa 30 m entfernt. Die ganze Dienerschaft bestand aus einem Kutscher und zwei Mädchen. Das Ehe-paar mit ihren Hausangestellten waren die einzigen Bewohner von >Lachine<, denn die Barklays haben keine Kinder. Es war auch bei ihnen nicht üblich, über längere Zeit Gäste einzuladen.

Nun komme ich zu dem, was in >Lachine< am letzten Montag zwischen neun und zehn Uhr geschehen ist. Mrs. Barklay ist, wie ich feststellen konnte, Mitglied der römisch katholischen Kirche. Sie hat sich sehr für die St. Georgs Guilde eingesetzt, einem Club innerhalb dieser Kirche, der in Verbindung stand mit der Watt-Street-Kapelle. Dieser Club hat es sich zur Aufgabe gemacht, arme Leute mit abgelegter Kleidung zu versorgen. Ein Treffen dieser Guilde war für diesen bestimmten Abend um acht Uhr angesetzt worden. Mrs. Barklay hatte sich mit dem Abendessen beeilt, um rechtzeitig zu ihrem Treffen zu kommen. Der Kutscher sagte aus, er habe gehört, wie sie zum Abschied eine allgemeine und beruhigende Bemerkung ihrem Mann gegenüber machte, daß sie rechtzeitig wieder zu Hause sei. Sie klingelte dann bei Miss Morris, einer jungen Dame aus einer benachb arten Villa, um sie abzuholen und gemeinsam mit ihr zu diesem Treffen zu gehen. Die Veranstaltung dauerte vierzig Minuten. Um viertel nach neun kehrte Mrs. Barklay heim, nachdem sie Miss Morris an die Haustür gebracht hatte.

Ein bestimmtes Zimmer in >Lachine< wird allgemein als Frühstückszimmer benutzt. Dies Zimmer ist der Straße zu gelegen, und man kann durch eine große doppelte Glastür auf den Rasen gelangen. Diese Rasenfläche ist an die dreißig Meter breit. Eine kleine Mauer, auf der ein Eisengitter angebracht ist, trennt sie von der Straße. In dieses Zimmer ging Mrs. Barklay, nachdem sie heimgekommen war. Die Vorhänge wurden nicht zugezogen, denn dieser Raum wurde selten am Abend benutzt. Aber Mrs. Barklay zündete eine Lampe an, klingelte nach ihrem Mädchen und gab ihm den Auftrag, ihr eine Tasse Tee zu bringen. Jane Steward ist der Name des Mädchens. Das tat sie sonst nie. Der Colonel hatte im Wohnzimmer gesessen, als er jedoch hörte, daß seine Frau zurückgekehrt war, ging er zu ihr in den Frühstücksraum. Der Kutscher sah noch, wie er durch die Halle ging und das Frühstückszimmer betrat, aber nachher wurde er nicht wieder lebend gesehen.

Der bestellte Tee wurde nach zehn Minuten gebracht. Als sich das Mädchen dem Zimmer näherte, hörte sie, wie sich Hausfrau und Herr laut und zornig anbrüllten. Sie klopfte, bekam aber keine Antwort. Sie drehte am Türgriff, aber die Tür war von innen verschlossen. Natürlich lief sie sogleich zu der Köchin, um zu berichten, was geschehen war. Darauf kamen beide Frauen und dazu der Kutscher in die Halle gelaufen, um dem Disput zu lauschen, der immer noch laut und heftig geführt wurde. Sie waren sich später alle einig, nur zwei Stimmen gehört zu haben, die ; von Barklay und von seiner Frau. Barklays Stimme war leiser als die seiner Frau, keiner von den Lauschern konnte recht verstehen, was er sagte. Die Dame jedoch schien sehr erbittert zu sein.

Man hatte sie deutlich >Du Feigling< sagen hören. Auch hat sie mehrere Male den Satz wiederholt >Was soll nun werden? Gib mir mein Leben wieder. Ich will nicht mehr die gleiche Luft mit dir zusammen atmen! Du Feigling, du entsetzlicher Feigling!< Dies waren die letzten Wortfetzen des Streites, denn gleich darauf hörten sie den furchtbaren Schrei des Mannes, danach ein Krachen und den durchdringenden Schrei der Frau. Die Draußenstehenden waren nun völlig überzeugt, daß sich drinnen eine Tragödie ereignete. Mit aller Macht stemmte sich der Kutscher gegen die Tür, während drinnen Schrei auf Schrei erfolgte. Es gelang ihm jedoch nicht, die Tür aufzubrechen, und die Frauen waren viel zu ängstlich, um richtig mit anzupacken. Plötzlich jedoch kam ihm eine Idee. Er lief durch die Tür der Halle, um das Haus herum auf den Rasen, auf den die großen Fenstertüren hinausblickten. Einer der beiden Türflügel stand weit offen. Das war selbst im Sommer unüblich, er aber konnte so ohne Schwierigkeiten in das Haus gelangen. Die Dame des Hauses hatte mit dem Schreien aufgehört, sie war bewußtlos auf eine Couch gesunken. Der unglückliche Soldat aber lag tot in einer Blutlache, mit den Füßen schien er im Fallen einen Sessel umgerissen zu haben, und der Kopf war vor dem Kamin aufgeschlagen.

Nachdem der Kutscher festgestellt hatte, daß er für seinen Herrn nichts mehr tun konnte, dachte er daran, die Tür zu öffnen. Aber es tauchte eine unerwartete, seltsame Schwierigkeit auf, der Schlüssel steckte nicht auf der Innenseite des Schlosses, konnte auch im ganzen Zimmer nicht gefunden werden. Er mußte also wieder durch das Fenster ins Freie gelangen. Danach holte er die Polizei und einen Arzt. Der erste Verdacht fiel natürlich auf die Dame, die alsbald in ihr Zimmer gebracht wurde. Aber sie hat das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Die Leiche des Colonels wurde dann auf das Sofa gebettet und das Zimmer einer gründlichen Examination unterzogen.

Die Wunde, an der der unglückliche alte Veteran gestorben war, stammte von einem heftigen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf. Schwierigkeiten mit dem Auffinden der Mordwaffe gab es keine, denn direkt neben der Le iche lag ein Schlagstock, aus hartem Holz geschnitzt und mit einem Griff versehen. Der Colonel besaß eine ansehnliche Waffensammlung, die er sich aus aller Herren Länder, in denen er mit seinem Regiment gekämpft hatte, mitgebracht hatte. Die Polizei nimmt an, daß dieser Schlagstock in seine eigene Waffensammlung gehörte.

Die Sergeanten meinten zwar, dieses Stück noch niemals gesehen zu haben, aber das Haus war voller Kuriositäten, so daß man ein einzelnes Stück schon einmal übersehen kann. Ansonsten konnte die Polizei keinen wichtigen Hinweis auf den Mord finden, ausgenommen natürlich jenen sonderbaren Umstand, daß der verschwundene Schlüssel weder bei der immer noch bewußtlosen Mrs. Barklay, noch bei der Leiche und auch im ganzen Haus nicht gefunden werden konnte. Ein Grobschmied aus Aldershot mußte schließlich die Tür öffnen.

So standen die Dinge, als ich am Dienstag von Major Murphy gebeten wurde, der Polizei bei der Untersuchung zu helfen. Sicherlich können Sie verstehen, daß dies ein Problem so recht nach meinem Herzen ist. Während der Untersuchungen wurde mir jedoch nach und nach klar, daß dieser Fall merkwürdiger und interessanter ist, als wir zunächst von seiner Oberfläche her angenommen hatten.

Bevor ich mir das Zimmer ansah, habe ich das Personal ins Kreuzverhör genommen. Aber ich bekam nicht mehr heraus, als' ich schon wußte. Jane Steward, das Hausmädchen, erinnerte, sich jedoch an ein bestimmtes Detail. Ich erzählte Ihnen bereits, daß sie, als sie den Streit des Ehepaares hörte, zu den anderen lief und mit diesen in die Halle zurückkehrte. Sie sagt, daß zunächst die Stimmen ihrer Herrschaft so leise gewesen seien, daß sie nichts hätten verstehen können. Sie hatte es eher an dem Tonfall als an den wirklichen Worten gespürt, daß drinnen ein heftiger Streit im Gange war. Als ich jedoch ein bißchen nachbohrte, meinte sie, sie habe das Wort >David< zweimal von ihrer Herrin sagen hören. Dieser Punkt ist natürlich von größter Bedeutung, weil er zu der Ursache des plötzlichen Streites führt. Der Name des Colo nels ist, wie ich schon erwähnte, James.

Da gibt es noch etwas, was sowohl auf das Personal als auch auf die Polizei einen schockierenden Eindruck gemacht hat - das Gesicht des Colonels war entsetzlich verzerrt. Sie alle sagten aus, daß das Gesicht so von Angst und Schrecken zu einer entsetzlichen Grimasse verzerrt gewesen sei, wie es überhaupt bei einem menschlichen Gesicht nur möglich ist. Mehr als eine Person wurden beim Anblick dieses toten Gesichtes ohnmächtig. So schlimm muß es ausgesehen haben. Das paßt natürlich gut in die Theorie, daß der Colonel mit angesehen hat, wie seine Frau eine mörderische Attacke auf ihn unternahm. Dagegen sprach auch nicht, daß der Schlag auf den Kopf von hinten gekommen war, denn er hatte sich ja umdrehen können, um dem Schlag zu entgehen.

Die Frau selber ist immer noch vernehmungsunfähig, denn sie liegt mit einem schweren Nervenfieber danieder.

Einer der Polizisten verhörte auch Miss Morris, mit der die Dame vorher am Abend ausgegangen war. Aber diese sagte aus, sie habe nicht die geringste Ahnung, was die schlechte Laune der Dame hervorgerufen haben könne.

Watson, als ich diese Tatsachen beisammen hatte, da setzte ich mich hin, rauchte mehrere Pfeifen hintereinander und dachte nach. Ich versuchte, die wichtigen Punkte dieses Falles von den unwichtigen zu unterscheiden. Einer der wichtigsten Punkte war, das steht überhaupt außer Frage, der Verbleib des Schlüssels. Das Zimmer war sehr sorgfältig abgesucht worden. Aber weder der Colonel noch seine Frau hatten ihn an sich genommen. Das wenigstens war völlig klar bewiesen. Deshalb mußte eine dritte Person im Zimmer gewesen sein. Und diese dritte Person konnte nur durch das Zimmer hereingekommen sein. Es schien mir möglich, daß wir Spuren eines Fremden finden müßten, wenn wir nur sorgfältig danach suchen würden. Sie kennen ja meine Methoden, Watson. Es gab keine, die ich in dieser Untersuchung nicht angewandt hätte.

Schließlich fand ich auch Spuren, aber sie waren anders geartet, als ich erwartet hätte. Ein Mann war im Zimmer gewesen, von der Straße her war er über den Rasen in das Zimmer gelangt. Ich habe fünf ganz klare Umrisse seiner Fußabdrücke feststellen können, einen auf der Straße selber, an der Stelle, wo er über die niedrige Mauer geklettert war, zwei auf dem Rasen und zwei draußen vor dem Fenster, durch das er ins Zimmer gelangt war. Diese letzten Abdrücke waren jedoch ein bißchen schwach. Er muß in ziemlicher Eile über den Rasen gelaufen sein, denn seine Zehen waren tiefer eingedrückt als die Hacken. Aber nicht der Mann hat mich so sehr überrascht, sondern sein Begleiter.«

»Sein Begleiter!«

Holmes zog einen großen Bogen Papier aus der Tasche und entfaltete ihn sorgfältig auf seinen Knien.

»Was meinen Sie, was ist das?« fragte er.

Das Papier war bedeckt mit den Fußabdrücken eines kleineren Tieres, es hatte deutlich fünf Ballen an den Pfoten und die Andeutung langer Nägel. Die Pfote war etwa so groß wie ein Kaffeelöffel.

»Ein Hund«, sagte ich.

»Haben Sie jemals von einem Hund gehört, der die Gardinen hinaufklettern kann? Ich habe nämlich deutliche Spuren gefunden, daß das Tier gerade das getan hat.«

»Ein Affe vielleicht?«

»Dies ist nicht der Abdruck der Pfote eines Affen.«

»Was könnte es dann sein?«

»Es handelt sich weder um Hund noch um Katze noch um einen Affen oder um irgendein Tier, das uns bekannt ist. Ich habe versucht, es von seinen Maßen her zu rekonstruieren. Hier sind vier Abdrücke, da muß das Tier regungslos gestanden haben. Wie Sie sehen, messen wir gute 45 Zentimeter von den Vorderpfoten zu den hinteren. Denken Sie sich die Länge des Halses und des Kopfes dazu, und Sie haben ein Tier, das etwa 60 Zentimeter lang ist. Hinzu kommt vermutlich noch der Schwanz. Aber sehen wir uns auch die anderen Maße an. Das Tier aber hat sich auch bewegt, und wir haben die Maße seiner Schritte. In jedem Fall waren diese Schritte immer nur etwa 7 Zentimeter lang. Sie müssen sich nun also ein Tier mit einem langen Körper und sehr kurzen Beinen vorstellen. Schade, daß es keine Haare zurückgelassen hat. Aber in seiner äußeren Form muß es so gewesen sein, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Es konnte die Gardinen hinaufklettern. Und ein Fleischfresser ist es auch.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil es die Gardinen hinauflief. Der Käfig des Kanarienvogels hängt im Fenster. Es schien entschlossen zu sein, den Vogel zu fangen.«

»Was für ein Tier kann das bloß gewesen sein?«

»Wenn wir das wüßten, wäre das Problem gelöst. Ich nehme an, daß es sich um eine Art Wiesel handelt. Und doch ist es viel größer als jedes Wiesel, das ich bisher gesehen habe. «

»Aber was kann es denn mit dem Verbrechen zu tun haben?«

»Das weiß ich auch noch nicht. Aber Sie geben doch sicherlich zu, daß wir inzwischen schon eine ganze Menge gelernt haben. Wir wissen nun, daß der Mann auf der Straße gestanden hat und den Barklays bei ihrem Streit zugesehen haben muß. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, die Lampe jedoch angezündet. Wir wissen, daß der Mann über den Rasen gelaufen ist, daß er das Zimmer betreten hat und daß er in Begleitung eines fremdartigen Tieres war. Wir wissen, daß er entweder den Colonel erschlagen hat, oder, was wahrscheinlicher ist, daß der Colonel vor lauter Angst hingefallen ist und sich die tödliche Wunde am Schutzblech des Kamins zugezogen hat.

Ferner wissen wir, daß dieser Fremde seltsamerweise den Zimmerschlüssel mitgenommen haben muß. «

»Was Sie inzwischen herausgefunden haben, scheint die Sache eher zu verdunkeln als sie zu erhellen«, sagte ich.

»Richtig. Es hat sich herausgestellt, daß die Geschichte verworrener und dunkler ist, als am Anfang angenommen wurde. Ich habe darüber nachgedacht, und nun bin ich zu dem Schluß gekommen, daß man die Angelegenheit von einer anderen Seite her angehen muß. - Aber ich halte Sie wirklich zu lange von Ihrem Schlaf ab, Watson. Ich kann Ihnen den Rest genausogut morgen auf der Fahrt nach Aldershot erzählen.«

»Nett von Ihnen. Aber Sie haben mir nun schon soviel erzählt, nun dürfen Sie nicht mittendrin aufhören. «

»Eines steht also fest: Als Mrs. Barklay um sieben Uhr dreißig das Haus verließ, war sie in gutem Einvernehmen mit ihrem Mann. Sie hat niemals übertrieben viel Gefühl für ihn gezeigt, jedoch der Kutscher hörte noch, wie sie ein paar freundliche Worte mit ihrem Mann wechselte. Genauso gewiß ist, daß sie nach ihrer Rückkehr ein Zimmer benutzte, in dem sie ihren Mann mit Sicherheit nicht antreffen würde. Sie hat Zuflucht zum Tee gesucht, wie alle aufgeregten Frauen es zu tun pflegen. Als ihr Mann dann schließlich zu ihr kommt, gibt es einen gewaltigen Familienkrach, der offensichtlich von ihr vom Zaun gebrochen wird. Darum muß in der Zeit zwischen sieben Uhr dreißig und neun Uhr etwas geschehen sein, was ihr Verhalten ihm gegenüber völlig verändert hat.

Während dieser Zeit war aber Miss Morris die ganze Zeit bei ihr. Es ist also klar, daß sie trotz aller gegenteiligen Behauptungen etwas gewußt haben mußte. Zunächst habe ich angenommen, daß es zwischen dieser jungen Frau und dem alten Soldaten etwas gegeben hat, was diese der Ehefrau auf dem Wege gebeichtet hat. Das spräche für die ärgerlichen Stimmen und ebenfalls für die Behauptung des Mädchens, von nichts etwas gewußt zu haben. Es würde auch zu den Satzfetzen passen, die das Personal überhört hat. Aber dann war da der Name David. Außerdem wußte jeder, wie sehr der Colonel an seiner Frau hing. Diese Tatsache muß als Gegengewicht gewertet werden. Schließlich war da noch der Einbruch des anderen Mannes, der allerdings mit dem Streit des Ehepaares nichts zu tun gehabt hat. Es war nicht leicht, die richtige Theorie zu finden, aber im großen und ganzen sah ich davon ab, daß es zwischen dem Colonel und Miss Morris ein Verhältnis oder etwas Ähnliches gegeben hat. Aber ich ahnte, daß die junge Frau einen wichtigen Hinweis in der Hand hielt. Von ihr würden wir erfahren, was den Haß der Dame gegen ihren Mann so plötzlich ausbrechen ließ. Ich tat dann das einzig Vernünftige, ging zu Miss Morris und erklärte ihr in aller Ruhe, daß wohl kein Weg drum herumführe, daß Mrs. Barklay wegen Mordes vor Gericht gestellt würde, es sei denn, die Sache würde vorher aufgeklärt.

Miss Morris ist ein zierliches, elfengleiches Wesen. Sie hat große, scheue Augen und blondes Haar, dazu aber einen durchaus praktischen irdischen Sinn. Nachdem ich ihr die Umstände klar dargelegt hatte, saß sie eine Weile schweigend da und dachte nach. Dann wandte sie sich mit großer Entschiedenheit an mich. Sie kam mit einem seltsamen Bericht heraus, den ich Ihnen jetzt weitergeben werde:

>Ich habe es meiner Freundin versprochen, nichts von der Sache zu verraten<, sagte sie. >Und ein Versprechen ist ein Versprechen. Wenn ihr jedoch eine so ernste Anklage ins Haus steht und die Lippen meiner armen, lieben Freundin durch Krankheit verschlossen sind, dann bin ich wohl von dem Versprechen entbunden. Ich werde Ihnen genau erzählen, was am Montagabend geschehen ist.

Um viertel vor neun Uhr kamen wir von dem Missionshaus in der Watt Street zurück. Unser Heimweg führte uns durch die Hudson Street, die eine sehr steile Straße ist und in der es auf der linken Seite nur eine einzige Lampe gibt. Als wir auf diese Lampe zugingen, kam uns ein buckliger Mann entgegen, der einen Käfig auf den Schultern trug. Der Mann schien sehr verkrüppelt zu sein, denn er trug seinen Kopf tief gebeugt, und beim Gehen knickte er die Knie merkwürdig ein. Wir trafen einander unter der Lampe, und er erhob auch gerade in diesem Augenblick seinen Kopf und sah uns an.

Plötzlich blieb er stehen und rief mit einer schrecklichen Stimme aus: >Mein Gott, das ist ja Nancy!< Mrs. Barklay wurde weiß wie der Tod, sie schwankte und wäre beinahe ohnmächtig geworden.

Gewiß wäre sie hingefallen, wenn diese schreckliche Kreatur sie nicht aufgefangen hätte. Ich war schon dabei, die Polizei zu holen, aber sie sprach zu meiner Überraschung ganz freundlich zu ihm. >Dreißig Jahre habe ich dich für tot gehalten, Henry!< sagte sie mit zitternder Stimme.

>Ja, das war ich auch!< sagte er, und es war schrecklich anzuhören, in was für einem Ton er das sagte. Er hatte ein sehr dunkles, furchterregendes Gesicht. Ich glaube, von dem seltsamen Glitzern in seinen Augen werde ich noch träumen. Sein Haar und der Bart waren mit weißen Strähnen durchzogen, und sein Gesicht war faltig wie die Haut eines alten Apfels. >Geh ein bißchen voraus, meine Liebe<, sagte sie zu mir. >Ich muß ein paar Worte mit diesem Mann sprechen. Es gibt nichts, wovor du Angst haben müßtest.< Sie versuchte, ganz ruhig zu sprechen, aber sie war immer noch furchtbar blaß, und es fiel ihr schwer, überhaupt Worte über ihre zitternden Lippen zu bringen.

Ich tat, worum sie mich gebeten hatte. Der Mann und Mrs. Barklay gingen eine Weile nebeneinander her. Dann kam sie mit glühenden Augen die Straße herunter auf mich zu. Der Mann stand immer noch unter der Lampe und schüttelte zornig seine Fäuste gegen den Himmel, als ob er halb verrückt vor Wut sei. Sie aber nahm meine Hand und bat mich, niemandem zu sagen, was ich gesehen und gehört hatte.

>Er ist ein alter Bekannter von mir, dem es jetzt nicht so gut geht<, sagte sie. Ich versprach ihr, niemandem ein Wort zu sagen, und sie küßte mich daraufhin. Seither habe ich sie nicht wieder gesehen. Ich habe Ihnen nun die Wahrheit gesagt, die ich vor der Polizei zurückgehalten habe, denn ich wußte ja nicht, in welcher Gefahr sie sich befindet. Ich weiß jetzt, daß es nur gut für sie sein kann, daß ich alles offen gesagt habe.< Das war der Bericht, Wa tson. Für mich bedeutete das Licht in- mitten einer dunklen Nacht. Alles, was bisher vereinzelt dastand und nicht recht zusammenpassen wollte, nahm nun seinen richtigen Platz ein. Ich ahnte plötzlich, welch ein Drama der ganzen Tragik zugrunde liegen konnte. Mein nächster Schritt war nun klar, ich mußte den Menschen finden, der einen solchen Eindruck auf Mrs. Barklay machen konnte. Falls er immer noch in Aldershot war, durfte es keine große Schwierigkeit bereiten, ihn zu finden. Sehr viele Zivilisten gibt es in der Stadt nämlich nicht, und ein derartig verkrüppelter Mensch fällt immer auf. Einen ganzen Tag lang habe ich nach ihm gesucht, und heute Abend, ja heute Abend, Watson, heute Abend habe ich ihn gefunden. Sein Name ist Henry Wood, und er wohnt in einem möblierten Zimmer genau in der Straße, in der Mrs. Barklay ihn getroffen hatte. Er war erst fünf Tage an diesem Ort. In meiner Verkleidung als Beamter vom Einwohnermeldeamt hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit seiner Wirtin.

Der Mann ist von Beruf Jongleur und Schauspieler. Abends geht er durch die Kantinen und gibt kleine Darstellungen zum besten. Er führt in seinem Käfig ein Tier mit sich, vor dem die Wirtin gehörigen Respekt hat, ein solches Tier hat sie vorher noch niemals gesehen. Sie meint, er benutze es für seine Auftritte. Soviel konnte mir also die Frau erzählen. Schließlich meinte sie noch, es sei überhaupt ein Wunder, daß dieser Mann lebensfähig sei, so verrenkt und verdreht seien seine Glieder. Manchmal spräche er auch in einer fremden Sprache vor sich hin, und vor zwei Nächten habe er im Bett gestöhnt und geweint. Geld schien der Mann genug zu haben, jedoch habe er ihr einmal ein falsches Geldstück gegeben, sagte die Frau. Sie' zeigte mir die Münze, Watson, es war eine indische Rupie.

Mein lieber Freund, Sie sehen nun genau, wie die Dinge stehen und warum ich Sie brauche. Es ist ganz klar, daß an jenem Abend der Mann den beiden Frauen folgte, nachdem sie sich erst von ihm getrennt hatten. Es ist ebenfalls klar, daß er den Streit zwischen dem Ehepaar durch das erleuchtete Fenster mit angesehen haben muß. Er muß ins Zimmer gelangt sein und das Tier aus dem Käfig befreit haben. Alles das ist ganz klar. Aber er ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der uns sagen kann, was in jenem Zimmer geschehen ist.«

»Und Sie werden ihn fragen?«

»Aber ganz gewiß! - Aber nur im Beisein eines Zeugen!« »Und ich soll der Zeuge sein?«

»Wenn Sie so gut sein wollen! Wenn er die Sache aufklären kann, gut und schön. Wenn nicht, brauchen wir einen Haftbefehl. «

»Aber wie wollen wir wissen, daß wir ihn noch dort antreffen, wenn wir ankommen?«

»Sie dürfen sicher sein, daß ich ein paar Vorsichtsmaßregeln getroffen habe. Ich habe einen meiner Baker-Street-Jungen ausgeschickt. Der wird ihn nicht aus den Augen lassen. Wo der Mann ist, da wird auch der Junge sein, wo immer er sich befindet, wird sich der Junge wie eine Klette an ihn hängen. Wir werden ihn morgen in der Hudson Street finden, Watson. Aber inzwischen mache ich mich selber strafbar, wenn ich Sie noch länger daran hindere, endlich ins Bett zu gehen.«

Am nächsten Tag um die Mittagszeit befanden wir uns an dem Ort der Tragödie. Unter der Leitung meines Freundes gingen wir in die Hudson Street. Obgleich Holmes gute Übung hatte, seine Emotionen zu verbergen, konnte ich seinen akuten Zustand höchster Erregung gut an ihm spüren. Ich dagegen war mit einem halb sportlichen, halb vergnüglichen Gefühl erfüllt, einem Gefühl, das ich oft habe, wenn ich meinen Freund auf seinen Expeditionen begleiten kann.

»Dies ist die Straße«, sagte er. Wir waren an eine kurze Durchgangsstraße gelangt, an der an den beiden Seiten einfache, zweistöckige Häuser standen.

»Oh, da ist ja auch Simpson, um uns zu berichten!«

»Er ist zu Hause, Mr. Holmes«, rief uns ein Straßenbengel zu, der auf uns zugelaufen war. »Gut gemacht, Simpson«, sagte Holmes und streichelte ihm über den Kopf. »Kommen Sie, Watson, dies ist das Haus. «

Er schickte seine Karte hinauf, auf die er geschrieben hatte, daß wir in einer wichtigen Angelegenheit gekommen seien. Kurz darauf standen wir dem Mann gegenüber, um dessentwillen wir die Reise angetreten waren. Trotz des warmen Wetters hockte er dicht am Feuer, der kleine Raum selber war heiß wie ein Backofen. Der Mann saß zusammengesunken und verrenkt in seinem Sessel, er schien furchtbar deformiert zu sein. Aber das Gesicht, das er uns zuwandte, trug immer noch die Anzeichen einstmaliger Schönheit, auch wenn es jetzt dunkel und müde wirkte. Mißtrauisch sah er uns an. Ohne aufzustehen oder auch nur ein Wort zu sprechen, wies er auf zwei Stühle hin.

»Sie sind Mr. Henry Wood und kommen aus Indien, nicht wahr?« sagte Holmes freundlich. »Ich bin gekommen, um mit Ihnen über den Tod von Colonel Barklay zu reden.«

»Was soll ich damit zu tun haben?«

»Da gibt es etwas, was ich gerne wissen möchte. Ihnen ist doch sicherlich klar, daß Mrs. Barklay, die anscheinend eine alte Bekannte von Ihnen ist, zur Zeit unter Mordverdacht steht?«

Der Mann zuckte heftig zusammen.

»Ich weiß nicht, wer Sie sind«, sagte er. »Ich weiß auch nicht, was Sie vo n mir wissen oder was Sie von mir wollen. Aber wollen Sie mir schwören, daß es stimmt, was Sie mir da gerade erzählen?«

»Sie warten nur darauf, bis sie das Bewußtsein wiedererlangt hat, dann werden sie sie verhaften.

«

»Mein Gott! Sie sind die Polizei?«

»Nein.«

»Was haben Sie mit der Sache zu tun?«

»Es ist doch jedermanns Sache, zu helfen, daß die Gerechtigkeit siegt!«

»Dann dürfen Sie sich darauf verlassen, daß sie unschuldig ist.«

»In diesem Falle sind Sie dann schuldig?«

»Nein, das bin ich nicht.«

»Wer hat Colonel James Barklay umgebracht?«

»Die Vorsehung, wenn Sie so wollen. Die Vorsehung hat ihn umgebracht. Aber verstehen Sie bitte eines: Selbst wenn ich ihm den Schädel eingeschlagen hätte, hätte ich wohl alles Recht dazu gehabt. In meinem Herzen hätte ich es liebend gerne getan. Wenn ihn sein eigenes böses Gewissen nicht niedergestreckt hätte, hätte es leicht geschehen können, daß ich sein Blut auf dem Gewissen gehabt hätte. Möchten Sie meine Geschichte hören? Nun gut, ich weiß nicht, warum ich sie nicht erzählen sollte. Für mich gibt es keinen Grund, mich zu schämen.

Sir, Sie sehen, daß mein Rücken jetzt dem eines Kameles gleicht und daß alle meine Rippen im Körper mir verdreht worden sind. Es gab jedoch einmal eine Zeit, da war Corporal Henry Wood der hübscheste Mann in dem ganzen Hundertsiebzehner. Damals lagen wir in Indien in einem Ort, den wir Bhurtee nennen wollen. Barklay, der gestern verstorben ist, befand sich in der gleichen Kompanie wie ich selber. Das schönste Mädchen im Regiment - ach nein, das beste Mädchen war Nancy Devoy, die Tochter eines unserer Oberen. Zwei Männer waren in dieses Mädchen verliebt, aber sie liebte einen - ach, Sie werden lächeln, wenn Sie sich meine verkrüppelte Gestalt ansehen -, sie liebte ihn, weil er so gut aussah. Ich hatte nun zwar ihr Herz gewonnen, aber ihrem Vater war daran gelegen, daß sie Barklay heiratete. Ich war ein Haudegen, ein Kerl, der keine Gefahr kannte. Barklay hatte die bessere Schule besucht, er hatte eine Karriere vor sich. Aber das Mädchen wollte mich und hielt mir die Treue. Ich hätte sie auch bekommen, doch dann brach die Meuterei aus, und wir hatten die Hölle im Land.

Wir, d. h. unser Regiment mit der halben Artillerie, eine Kompanie von Sikhs und viele Zivilisten, darunter viele Frauen, waren in Bhurtee eingeschlossen. Um uns herum lagen Zehntausende von Rebellen, die waren scharf wie ganze Packs von Terriern vor einem Rattenloch. In der zweiten Woche ging uns das Wasser aus. Nun war die Frage, ob wir mit dem General Neill in Verbindung treten konnten, der mit seinen Truppen weiter oben im Land lag.

Hierin lag unsere einzige Chance, denn wir konnten es nicht riskieren, uns mit all den vielen Frauen und Kindern aus dem Kessel herauszukämpfen. Ich meldete mich freiwillig, zu General Neill durchzubrechen und ihm von unserer Gefahr zu berichten. Mein Angebot wurde angenommen. Ich besprach die Einzelheiten mit Colonel Barklay, der das Gelände so gut kannte wie kein zweiter Mann in der ganzen Kompanie. Er zeichnete mir den Weg auf, den ich am besten einschlagen sollte, um durch die Umzingelung hindurch zu kommen. Um zehn Uhr des gleichen Abends machte ich mich auf den Weg. Es galt jetzt, Tausenden von Menschen das Leben zu retten, aber als ich mich so die Mauer herabließ, konnte ich immer nur an die eine denken.

Mein Weg führte durch ein vertrocknetes Flußbett, das mich vor den Augen der feindlichen Wachen schützen sollte. Als ich jedoch um eine Ecke bog, geriet ich direkt mitten in eine Wache von sechs Leuten hinein, die dort im Dunkeln hockten und regel-recht auf mich zu warten schienen. Im nächsten Augenblick hatte ich einen Schlag über den Kopf bekommen und war an Händen und Füßen gebunden. Ja, ich habe wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen, aber mein Herz war getroffen, denn als ich wieder zu mir kam, lauschte ich ihren Gesprächen, und dabei erfuhr ich, daß derselbe Mann, der mir die Route ausgesucht hatte, mein eigener Kamarad,

mich an die Feinde verraten hatte.

Nun, damit brauchen wir uns jetzt nicht mehr lange aufzuhalten. Sie wissen jetzt, zu welchen Untaten Colonel Barklay fähig war. Bhurtee wurde am nächsten Tag von Neill befreit. Mich aber nahmen die Rebellen mit in ihren Unterschlupf, und es dauerte viele Jahre, bis ich endlich ein weißes Gesicht wiedergesehen habe. Ich wurde gefoltert, versuchte zu entkommen, wurde gefaßt und wieder gefoltert. Sie können ja selber sehen, wie ich inzwischen aussehe. Eine Gruppe von ihnen floh nach Nepal. Sie nahmen auch mich mit, und hinterher gelangte ich in die Nähe von Darjeeling. Diese Rebellen, die mich gefangen hielten, wurden schließlich von Bergleuten umgebracht. Eine Weile wurde ich nun deren Sklave, bis ich ihnen endlich entkam. Aber statt mich nun nach dem Süden zu wenden, zog es mich gen Norden, zu den Afghanen. Dort wanderte ich viele Jahre herum, bis ich nach Punjab kam. Meistens lebte ich inmitten der einheimischen Bevölkerung. Von ihnen lernte ich allerhand Kunststücke und Zaubertricks. Ich hatte keine Lust, nach England zurückzukehren. Was sollte ich auch dort? Keiner meiner Kameraden würde mich wiedererkennen. Ich wünschte mir, daß Nancy und meine Kameraden glauben sollten, Henry Wood sei mit geradem Rücken gestorben. Sie sollten nicht wissen, daß er lebte und wie ein Schimpanse am Stock ging. Ich hatte gehört, daß Nancy Barklay geheiratet hatte und daß dieser schnell im Regiment aufstieg. Aber nicht einmal das konnte mich bewegen, zu sprechen. Doch wenn einer dann alt wird, dann kommt das Heimweh. Jahrelang habe ich von den hellen, grünen Feldern Englands geträumt. Schließlich entschloß ich mich, die alte Insel noch einmal zu sehen, bevor ich sterben mußte. Ich hatte genug Geld gespart, so daß ich mir die Reise durchaus leisten konnte. Ich kam hierher, wo die Soldaten sind, denn ich kenne sie und ihren Beruf, und ich weiß, wie man sie amüsieren kann. Damit verdiene ich genug Geld, um leben zu können.«

»Ihre Geschichte geht mir sehr nah«, sagte Sherlock Holmes, »ich wußte bereits, daß Sie Mrs.

Barklay getroffen haben und daß Sie sie von früher kannten. Wenn ich recht informiert bin, dann sind Sie ihr nach Hause gefolgt und haben durch das erleuchtete Fenster dem Streit zwischen ihr und ihrem Mann zugesehen, in welchem sie ihm seine Sünden vorgeworfen hat. Ihre eigenen Gefühle hatten die Oberhand über das rationelle Denken gewonnen. Sie liefen über den Rasen und brachen zu ihnen ins Zimmer.«

»Ja, das habe ich getan, Sir. Und als der Mann mich sah, da ging eine solche Veränderung in seinem Gesicht vor, wie ich noch nie ein Gesicht sich habe verändern sehen. Ich konnte den Tod in seinem Gesicht so deutlich ablesen, wie ich diesen Spruch über dem Kamin lesen kann. Mein Anblick allein genügte, um ihm eine Kugel durch das schuldige Herz zu schicken.«

»Und weiter?«

»Nancy wurde ohnmächtig. Ich nahm den Schlüssel aus ihrer Hand und wollte die Tür aufschließen, um nach Hilfe zu rufen. Aber dann überlegte ich es mir anders. Mir erschien es jetzt besser, alles zu lassen wie es war und zu verschwinden, bevor man mir den >Schwarzen Peter< in die Schuhe schieben konnte. Ich wollte mein Geheimnis bewahren. Ohne Eile steckte ich den Schlüssel in die Tasche. Dabei fiel mir mein Stock hin, und dann mußte ich noch Teddy nachjagen, der plötzlich die Gardinen hinaufgelaufen war. Als ich ihn wieder in seinen Käfig gesperrt hatte, aus dem er mir entwischt war, lief ich fort, so schnell ich konnte. «

»Wer ist Teddy? « fragte Sherlock Holmes.

Der Mann beugte sich vor und zog aus der Ecke einen Käfig, den er auf uns zuschob. Dann öffnete er den Käfig, und im gleichen Augenblick sauste ein sehr hübsches rotbraunes Tier heraus. Es war schlank und beweglich, hatte kurze Beine, eine lange, dünne Nase und die schönsten Augen, die ich jemals an einem Tier gesehen hatte.

»Ein >Moongoose< «, rief ich.

»Manche Leute nennen sie so, andere nennen sie >Ichneunom< «, sagte der Mann, »ich nenne sie >Schlangenfänger<. Teddy fängt im Handumdrehen eine Kobra. Ich habe hier eine, eine Kobra ohne Giftzähne allerdings. Teddy fängt sie an jedem Abend, um die Leute in den Kantinen zu amüsieren. Haben Sie sonst noch Fragen, Sir?«

»Wir werden uns bei Ihnen melden, wenn Mrs. Barklay wirklich in Schwierigkeiten geraten sollte. «

»In dem Falle werde ich natürlich aussagen.«

»Aber wenn das nicht der Fall sein sollte, dann wird es wohl nicht nötig sein, einen Skandal gegen einen Toten zu entfachen, auch wenn er sehr übel an Ihnen gehandelt hat. Sie haben wenigstens die Befriedigung, daß in über dreißig Jahren sein Ge wissen nie ganz zur Ruhe gekommen ist. Ah, Major Murphy geht dort drüben auf der anderen Straßenseite. Auf Wiedersehen, Wood. Ich muß mit Murphy reden, denn ich möchte wissen, wie sich die Dinge seit gestern entwickelt haben.«

Wir überholten den Major, bevor er an der Ecke angelangt war.

»Ah, Holmes«, sagte er, »sicherlich haben Sie inzwischen gehört, daß nun doch nichts hinter unserem Fall steckt.«

»Was war es denn?«

»Der Inquest ist gerade zu Ende. Der medizinische Bericht zeigt deutlich, daß der Tod durch einen Schlaganfall gekommen ist. Sie sehen, schließlich und endlich war es doch ein ganz einfacher Fall. «

»O ja, bemerkenswert einfach«, sagte Holmes lächelnd, »kommen Sie, Watson, ich glaube, daß wir in Aldershot nicht mehr vonnöten sind.«

»Da wäre noch etwas«, sagte ich, als wir zusammen zum Bahnhof gingen, »wenn der Ehemann James heißt und der andere Henry, warum hat die Frau dann von David gesprochen?«

»Mein lieber Watson, dieses eine Wort hätte mir die ganze Geschichte erzählen können, wenn ich wirklich der große Logiker gewesen wäre, als den Sie mich so gerne hinstellen. Es war einfach ein schlimmer Vorwurf.«

»Ein Vorwurf?«

»Ja, auch König David machte hin und wieder Dummheiten, gerade wie Sergeant Barklay.

Erinnern Sie sich nicht an die kleine Affäre um Bathseba und Uria? Mein biblisches Wissen ist ein bißchen eingerostet, aber sicherlich werden Sie die Geschichte im ersten oder zweiten Buch Samuel finden.«

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