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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 11. In der Hütte
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Am andern Morgen war Dina um vier Uhr schon wach und hörte die Vögel singen und beobachtete durch das kleine Fenster ihres Dachkämmerchens den wachsenden Lichtschein; endlich konnte sie es nicht länger aushalten, stand auf und kleidete sich recht leise an, um Lisbeth nicht zu stören. Aber schon rührte sich jemand anders im Hause und ging mit Gyp die Treppe hinunter. Der geräuschvolle Tritt des Hundes war ein sicherer Beweis, daß Adam es war, der hinunterging, aber Dina wußte das nicht und glaubte um so mehr, es sei Seth, als sie gehört hatte, Adam habe die ganze Nacht vorher gearbeitet. Seth war indes noch nicht unten, sondern eben erst aufgewacht. Die Aufregung des vorigen Tages, durch Dinas unerwarteten Besuch noch erhöht, hatte bei ihm kein Gegengewicht an körperlicher Ermüdung, da er nicht sein gewöhnliches Maß von schwerer Arbeit gehabt hatte, und er mußte sich erst Stunden lang wach im Bett herumwälzen, ehe er schläfrig wurde, und erst gegen Morgen war er in einen schweren bleiernen Schlaf gesunken.

Aber Adam war durch die lange Ruhe erfrischt, und mit seiner gewohnten Abneigung gegen alle Unthätigkeit drängte es ihn nun, den neuen Tag zu beginnen und durch seinen starken Willen und starken Arm die Trauer zu überwinden. Der weiße Nebel lag im Thale; es versprach ein schöner warmer Tag zu werden, und nach dem Frühstück wollte er gleich wieder an die Arbeit.

»Alles in der Welt ist zu ertragen, so lange der Mensch arbeiten kann,« sprach er zu sich selbst; »die Natur der Dinge ändert sich nicht, wenn auch das Leben nichts anders zu sein scheint als ein steter Wechsel. Das Quadrat von vier ist sechzehn, die Länge des Hebels steht im Verhältnis zur Last – das ist so gut wahr, wenn's einem schlecht geht, als wenn's einem gut geht, und das beste an der Arbeit ist, sie bringt uns Dinge in Hand und Herz, die mit unserm Schicksal nichts zu thun haben.«

Er stürzte sich das kalte Wasser über das Gesicht und war nun wieder ganz er selbst; die schwarzen Augen so klar wie je und das dicke schwarze Haar noch glänzend von der frischen Feuchtigkeit, ging er in die Werkstatt, um das Holz zu des Vaters Sarge auszusuchen; er und Seth, dachte er, wollten es dann zu Meister Burge mitnehmen und den Sarg da von einem Arbeiter machen lassen, damit die Mutter das traurige Geschäft nicht im Hause sehe und höre.

Er war grade in die Werkstatt getreten, als sein scharfes Ohr einen leichten, raschen Gang auf der Treppe hörte – sicher nicht seiner Mutter Gang. Er hatte schon im Bette gelegen und geschlafen, als Dina des Abends gekommen war, und verwunderte sich nun, wer da wohl gehen möge. Ein thörichter Gedanke kam ihm und regte ihn sonderbar auf. Als ob es Hetty sein könnte! Sie war gewiß die letzte, die zum Besuch her käme. Und doch hatte er keine Lust nachzusehen und sich den klaren Beweis zu verschaffen, es sei jemand anders. Er lehnte sich an ein Brett, das er von der Wand genommen hatte, und lauschte auf Töne, denen seine Einbildungskraft eine so liebliche Deutung gab, daß das strenge, scharfe Gesicht ein Anhauch von schüchterner Zärtlichkeit überflog. Der leichte Schritt bewegte sich in der Küche umher, dann ließ sich der Kehrbesen hören, der kaum so viel Geräusch machte, wie das Spiel des Abendwindes in den herbstlichen Blättern den staubigen Pfad entlang, und Adams Einbildungskraft zeigte ihm ein hübsches Gesicht mit Grübchen, das mit schönen dunklen Augen und schelmischem Lächeln nach dem Besen zurückblickte, und eine zierliche Gestalt, die sich ein ganz klein wenig neigte, um den Stiel fester zu halten. Ein recht thörichter Gedanke – Hetty konnte es ja nicht sein, aber um sich den Unsinn aus dem Kopfe zu treiben, gab es nur den einzigen Weg, nachzusehen, wer es denn wirklich sei; so lange er stehen blieb und horchte, redete er sich immer tiefer und tiefer in seine Vorstellung hinein. Er ließ das Brett los und trat in die Küchenthür.

»Wie geht es Euch, Adam Bede?« redete ihn Dina mit ihrer ruhigen Stimme an, indem sie mit dem Fegen einhielt und ihre sanften, ernsten Augen auf ihn richtete. »Ich hoffe, Ihr fühlt Euch gekräftigt und seid wieder stark genug, die Last und Hitze des Tages zu tragen.«

Das hieß vom Sonnenschein träumen und im Mondschein erwachen. Adam hatte Dina mehrmals gesehen, aber immer auf dem Pachthof, wo er auf jedes andere Mädchen außer Hetty nicht besonders achtete, und daß Seth in sie verliebt sei, hatte er erst in den letzten ein oder zwei Tagen angefangen zu vermuten; seine Aufmerksamkeit war also bisher auch nicht seines Bruders wegen auf sie hingezogen worden. Aber nun wirkte der Eindruck ihrer schlanken Gestalt, ihres einfachen, schwarzen Kleides und ihres blassen, heitern Gesichtes auf ihn mit all der Kraft, welche die Wirklichkeit einer vorgefaßten Einbildung gegenüber besitzt. Er gab ihr zuerst gar keine Antwort, sondern betrachtete sie nur mit dem scharfen, prüfenden Blick eines Mannes, der sich plötzlich für etwas interessiert. Zum erstenmal in ihrem Leben fuhr Dina peinlich ergriffen zusammen; in dem dunkeln, durchdringenden Blick dieses kräftigen Mannes war etwas so ganz verschiedenes von der Sanftheit und Schüchternheit seines Bruders Seth. Sie errötete leicht und errötete noch mehr, indem sie sich darüber verwunderte. Dieses Erröten brachte Adam wieder zu sich.

»Ihr habt mich ganz überrascht; es ist so freundlich von Euch, daß Ihr Mutter in ihrer Trübsal besucht,« sagte er mit sanftem Ton und einem Ausdruck von Dankbarkeit, denn sein rascher Verstand sagte ihm sofort, warum sie gekommen sei, »und«, fügte er hinzu, »hoffentlich ist meine Mutter Euch auch dankbar dafür gewesen;« denn er war etwas besorgt, welche Aufnahme sie wohl gefunden hätte.

»Ja wohl,« antwortete Dina, indem sie mit ihrer Arbeit fortfuhr; »als ich erst einige Zeit hier war, schien sie recht getröstet, und diese Nacht hat sie doch viel geschlafen; sie schlief ganz fest, als ich herunterkam.«

»Wer hat Euch denn die Nachricht auf den Pachthof gebracht?« fragte Adam, dessen Gedanken immer wieder auf den einen Punkt zurückkehrten; er war begierig, ob sie wohl etwas dabei empfunden hätte.

»Pastor Irwine sagte es mir, und meine Tante war Eurer Mutter wegen sehr bekümmert, als sie es hörte, und hieß mich hergehen, und mein Onkel wird gewiß auch recht betrübt sein, wenn er es hört; er war gestern den ganzen Tag fort nach Rosseter. Ihr werdet bei Poysers erwartet, sobald Ihr nur Zeit habt; da ist niemand, der Euch nicht gern sähe.«

In ihrer liebevollen Ahnung wußte Dina recht gut, daß Adam begierig war zu hören, ob Hetty über den Trauerfall etwas gesagt habe; zu einer freundlichen Erfindung von zu strenger Wahrheitsliebe, hatte sie es doch fertig gebracht, etwas zu sagen, worin Hetty schweigend einbegriffen war. Die Liebe hat eine Art, sich selbst mit Bewußtsein zu täuschen, wie ein Kind, das mit sich selbst Verstecken spielt; sie freut sich über Versicherungen, an die sie doch zugleich nicht glaubt. Adam freute sich über Dinas Worte so sehr, daß sein Geist sofort voll war von dem nächsten Besuche auf dem Pachthof, wo Hetty vielleicht freundlicher gegen ihn sein würde als je zuvor.

»Aber Ihr selbst werdet nicht mehr lange auf dem Pachthof bleiben,« sagte er zu Dina.

»Nein, ich gehe am Sonnabend nach Snowfield zurück, und ich muß früh aufbrechen nach Treddleston, um den Boten nach Oakbourne nicht zu versäumen. Darum muß ich heute abend auf den Pachthof zurück, damit ich noch den letzten Tag mit der Tante und den Kindern zusammen bin. Aber den Tag über kann ich hier bleiben, wenn Eure Mutter mich behalten will, und gestern abend schien sich ihr Herz mir zuzuwenden.«

»O, dann wird sie Euch gewiß gern behalten. Wen Mutter gleich zu Anfang leiden mag, den behält sie nachher recht lieb; aber sie hat eine ganz kuriose Abneigung gegen junge Mädchen. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »wenn sie auch sonst junge Mädchen nicht leiden mag, so ist das noch kein Grund, daß sie Euch nicht gern haben sollte.«

Bisher hatte Gyp dieser Unterhaltung in regungslosem Schweigen beigewohnt; auf den Hinterbeinen sitzend, hatte er abwechselnd seinem Herrn ins Gesicht gesehen und dessen Ausdruck beobachtet und wieder Dinas Bewegungen in der Küche umher verfolgt. Das freundliche Lächeln, womit Adam die letzten Worte begleitete, war offenbar für Gyp entscheidend; er wußte nun, was er von der Fremden zu halten habe, und als sie ihren Besen beiseite stellte und sich umdrehte, trabte er auf sie zu und legte seinen Kopf freundlich an ihre Hand.

»Gyp heißt Euch willkommen, seht Ihr!« sagte Adam, »und sonst beeilt er sich bei Fremden nicht damit.«

»Guter Hund,« sagte Dina und streichelte ihm das rauhe Fell; »ich habe immer ein sonderbares Gefühl bei den stummen Tieren, als ob sie sprechen wollten und sich ängstigten, daß sie es nicht können. Aber wir selbst mit allen unsern Worten können ja nicht einmal zur Hälfte sagen, was wir empfinden.«

Nun kam Seth herunter und freute sich, Adam mit Dina im Gespräch zu finden; so konnte sich der Bruder überzeugen, wie viel besser sie sei als alle andern Mädchen. Aber nach kurzer Begrüßung zog ihn Adam in die Werkstatt, um wegen des Sarges zu verhandeln, und Dina fuhr fort, die Küche in Stand zu setzen.

Um sechs Uhr waren sie alle mit Lisbeth am Frühstück, und die Küche so rein, wie die Mutter nur selbst sie hätte machen können. Fenster und Thür standen offen, und der Morgenwind wehte aus dem kleinen Gärtchen neben der Hütte den Duft von Thymian und Rosen herein. Dina setzte sich nicht gleich mit an den Tisch, sondern ging umher und trug den andern die warme Suppe und das geröstete Gerstenbrot auf; sie hatte sich von Seth genau sagen lassen, wie die Mutter das Frühstück machte, und hatte es nun ebenso bereitet. Lisbeth war zuerst ungewöhnlich still; offenbar bedurfte sie etwas Zeit, um sich an einen Zustand der Dinge zu gewöhnen, wo sie beim Aufstehen die erste Arbeit schon gethan fand und sich aufwarten ließ ganz wie eine Dame. Vor diesen neuen Eindrücken schien die Erinnerung an ihren Kummer zurückzutreten. Endlich, nachdem sie die Suppe gekostet, brach sie das Schweigen.

»Die Suppe könnte schlechter sein,« sagte sie zu Dina; »ich kann sie essen, ohne daß sich mir der Magen umdreht. Vielleicht könnte sie eine Kleinigkeit dicker sein, das würde nichts schaden, und ich thue immer etwas Pfeffermünze hinein; aber wie sollt'st du das wissen? Die Jungens werden so leicht keine finden, die ihnen ihre Suppe so kocht wie ich; es ist schon viel, wenn sie jemand finden, der ihnen überhaupt Suppe kocht. Aber du könnest es, wenn ich's dir noch ein bißchen zeigte; du bist des Morgens früh auf und bist leicht auf den Füßen und hast das Haus ganz gut rein gemacht – für den Notbehelf ganz gut.«

»Notbehelf, Mutter?« rief Adam; »wirklich, ich finde, das Haus sieht ordentlich schön aus; ich wüßte nicht, wie es besser aussehen könnte.«

»Natürlich weißt du das nicht; woher sollt'st du's auch wissen? Die Mannsleute wissen nie, ob ein Flur gründlich gescheuert ist oder nur so obenhin. Aber lernen wirst du es schon, wenn du erst die Suppe verbrannt bekommst, was wohl nicht lange dauern wird, wenn ich sie dir nicht mehr mache. Ja, dann wirst du schon einsehen, daß deine Mutter doch zu was gut war.«

»Dina!« sagte Seth, »aber nun müßt Ihr Euch auch setzen und frühstücken. Wir haben jetzt alles.«

»Ja, ja, Kind, setz' dich,« sagte Lisbeth, »und iß etwas; du bist ja schon anderthalb Stunden auf und hast es nötig,« und als Dina sich neben sie setzte, fügte sie mit zärtlich klagendem Tone hinzu: »Ich lasse dich ungern gehen, aber du kannst wohl nicht viel länger bleiben, dünkt mich. Mit dir könnte ich es schon in einem Hause aushalten, viel eher als mit mancher andern.«

»Ich will bis heute abend bleiben, wenn's Euch recht ist,« sagte Dina, »und bliebe wohl noch länger, aber am Sonnabend geh' ich nach Snowfield zurück und morgen muß ich noch bei meiner Tante sein.«

»O, in die Gegend ginge ich nicht wieder zurück. Mein Alter war von da drüben, aus Stonyshire, aber schon in jungen Jahren zog er hierher, und daran that er ganz recht; er sagte, es gäbe da gar kein Holz, und das ist doch für 'nen Zimmermann eine böse Geschichte.«

»Ja wohl,« sagte Adam; »ich weiß noch, daß ich Vater als kleiner Junge sagen hörte, wenn er jemals von hier fortzöge, dann müsse es weiter nach Süden sein. Aber ich weiß doch nicht recht. Barthel Massey sagt – und der ist im Süden bekannt – die Leute hier im Norden wären ein hübscherer Schlag Menschen als im Süden, stärker an Kopf und kräftiger am Leibe und ein gut Teil größer. Und er sagt auch, im Süden sei es in manchen Gegenden so eben wie meine flache Hand, und wenn man sich umsehen wolle, müsse man auf einen Baum klettern. Das könnte ich nicht aushalten: wenn ich an die Arbeit gehe, dann gehe ich gern einen Hügel hinauf und sehe die Felder umher stundenweit und eine Brücke und ein Städtchen und hier und da einen Kirchturm. Man fühlt dann, daß die Welt groß ist und daß noch andere Leute mit Kopf und Hand drin arbeiten.

»Ich habe die Hügel am liebsten,« sagte Seth, »wenn die Wolken über einem hinziehen, und man die Sonne so weit, weit weg scheinen sieht, da nach Loamford hinüber, wie ich in der letzten Zeit an den Regentagen oft gethan habe; mich will bedünken, als wenn das der Himmel wäre, wo immer Freude ist und Sonnenschein, wenn auch das Leben dunkel und umwölkt ist.«

»O, ich liebe unser Stonyshire,« sagte Dina; »ich zöge nicht gern nach einer Gegend, wo Korn und Vieh im Überfluß ist und der Boden so eben und bequem zum Gehen, und kehrte nicht gern den Hügeln den Rücken, wo die armen Leute ein so hartes Leben führen und die Männer bei Tage in den Gruben arbeiten, wo die Sonne nicht hineinscheint. Es ist ein solcher Segen, an einem traurigen, kalten Tage, wenn der Himmel dunkel über den Hügeln hängt, die Liebe Gottes im Herzen zu fühlen und sie in die einsamen, kahlen, steinernen Hütten zu tragen, wo die Menschen sonst nichts haben sich zu freuen.«

»Ja,« sagte Lisbeth, »du magst wohl so reden; du siehst aus wie so 'n Schneeglöckchen, die sich manchen lieben Tag halten, wenn man ihnen bloß 'nen Tropfen Wasser und ein bißchen Tageslicht giebt; aber die hungrigen Leute sollten doch wegziehen aus der hungrigen Gegend; das bißchen Brot ginge dann in weniger Teile. Aber,« fuhr sie fort und sah Adam an, »sprich du mir nicht vom Wegziehen, nach Süden oder Norden, du darfst Vater und Mutter auf dem Kirchhof nicht allein lassen und in eine Gegend ziehen, die wir gar nicht kennen. Ich bleibe nicht in meinem Grabe, wenn ich dich nicht jeden Sonntag über den Kirchhof gehen sehe.«

»Sei unbesorgt, Mutter,« erwiderte Adam; »hätt' ich nicht den Entschluß gefaßt, hier zu bleiben, so wäre ich längst fort.« Er hatte sein Frühstück beendet und erhob sich bei diesen Worten.

»Wo willst du denn jetzt hin?« fragte Lisbeth; an Vater seinen Sarg?«

»Nein, Mutter,« erwiderte Adam; »wir wollen die Bretter ins Dorf bringen und den Sarg da machen lassen.«

»Nein, mein Junge, nein!« brach Lisbeth heftig jammernd aus, »du wirst doch keinen andern den Sarg für Vater machen lassen? Kann das einer so gut wie du selbst? Und er verstand sich ja auf gute Arbeit und hat einen Sohn, der so geschickt ist, wie kein andrer im Dorfe und in Treddleston auch nicht.«

»Nun gut, Mutter; wenn du es wünschst, so will ich den Sarg hier machen, aber ich glaubte, du würdest die Arbeit nicht gern im Hause hören.«

»Und warum sollt' ich es nicht gerne hören? Es ist doch so in der Ordnung. Und ob ich es mag oder nicht, was hat das damit zu schaffen? Ich habe auf dieser Welt doch nichts andres, als was ich nicht mag; wenn im Munde mal kein Geschmack ist, dann ist ein Bissen so gut und so schlecht wie der andre. Du kannst nur gleich diesen Morgen drangehen; es soll mir keiner den Sarg anrühren als du.«

Seth blickte von Dina bedeutungsvoll zu Adam hinüber; Adam verstand ihn.

»Nein, Mutter,« sagte er; »Seth muß auch mit Hand anlegen, wenn der Sarg im Hause gemacht werden soll. Ich will den Vormittag ins Dorf gehen, weil Meister Burge mir was zu sagen hat, und Seth soll zu Hause bleiben und den Sarg anfangen. Ich kann auf Mittag zurück sein und dann mag er gehen.«

Aber Lisbeth bestand auf ihrem Willen, fing wieder an zu weinen und sagte: »Nein, nein! ich habe mein Herz drauf gesetzt, daß du den Sarg für Vater machen sollst. Du bist so störrisch und eigensinnig und willst nie thun, was deine Mutter wünscht. Du warst oft ärgerlich gegen deinen Vater, als er noch lebte, und mußt jetzt um so besser gegen ihn sein, da er tot ist. Daß Seth ihm seinen Sarg macht, darum hätt' er nichts gegeben.«

»Laß es gut sein, Adam, ich bitte dich,« sagte Seth sanft, obwohl man ihm anhörte, daß es ihm schwer wurde zu sprechen; »laß es gut sein, Mutter hat recht. Ich will an die Arbeit gehen, bleib' du zu Haus.«

Er ging sofort hinaus in die Werkstatt, Adam folgte ihm. Aus alter Gewohnheit machte sich Lisbeth wieder ans Aufräumen, als wolle sie sich nicht länger von Dina vertreten lassen. Dina sagte nichts, sondern benutzte sogleich die Gelegenheit, ruhig zu den Brüdern in die Werkstatt zu gehen. Sie hatten sich schon das Schurzfell vorgebunden und die Arbeitsmützen aufgesetzt, und Adam hatte seine linke Hand dem Bruder auf die Schulter gelegt, während er mit dem Hammer in seiner Rechten auf einige Bretter zeigte, die sie sich ansahen. Sie standen mit dem Rücken gegen die Thür, und Dina trat so leise ein, daß sie von ihrer Anwesenheit nichts merkten, bis sie den Ton ihrer Stimme hörten; »Seth Bede!« sagte sie. Seth fuhr zusammen, und beide Brüder wandten sich um. Dina that, als sähe sie Adam gar nicht, und blickte Seth fest ins Gesicht, indem sie mit ruhiger Freundlichkeit sagte:

»Ich nehme noch keinen Abschied von Euch; ich sehe Euch noch, wenn Ihr von der Arbeit zurückkommt. Wenn ich nur vor Dunkelwerden bei der Tante bin, dann ist es früh genug.«

»Ich danke Euch, Dina; ich würde Euch gern wieder nach Haus begleiten, es ist vielleicht das letzte Mal« – und seine Stimme zitterte.

Dina reichte ihm die Hand und sagte: »es wird heute ein schöner Frieden sein in Eurer Seele, Seth, zum Lohn für Eure Zärtlichkeit und Langmut gegen Eure alte Mutter.«

Sie wandte sich um und verließ die Werkstatt so schnell und so ruhig, wie sie gekommen war. Adam hatte sie die ganze Zeit genau beobachtet, aber sie hatte ihn nicht angesehen So wie sie fort war, sagte er: »ich wundre mich nicht, daß du sie lieb hast, Seth; sie hat ein Gesicht wie die Lilien auf dem Felde.«

Dem armen Seth stürzte das Herz nach Auge und Lippe; noch hatte er sein Geheimnis Adam nicht anvertraut, aber jetzt empfand er es wie eine köstliche Erleichterung, als er antwortete; »ja, Bruder, ich liebe sie, habe sie, fürchte ich, viel zu lieb. Aber sie liebt mich nicht wieder, mein Junge, nicht mehr, als wie die Kinder Gottes sich unter einander lieben. Sie wird nie einen Mann haben wollen, das bin ich fest überzeugt.«

»Nein, Bruder, das kann keiner wissen; du mußt nur den Mut nicht verlieren. Sie ist von feinerer Art als die meisten Mädchen, das ist klar genug. Wenn sie aber die andern in allen Stücken übertrifft, dann wird sie wohl in der Liebe nicht hinter ihnen zurückbleiben.«

Weiter wurde kein Wort gesprochen. Seth ging ins Dorf und Adam arbeitete an dem Sarge.

»Gott steh' dem Jungen bei und mir auch,« dachte er, indem er sich an die Arbeit machte. »Das Leben sieht uns böse genug an – Mühsal hier im Hause und Mühsal draußen. Es ist doch seltsam, wenn man's bedenkt, wie ein starker Mann, der einen Stuhl mit den Zähnen aufhebt und seine sechzehn Stunden den Tag marschiert, zittern kann und heiß und kalt werden bei einem einzigen Blick von einem Mädchen. Das ist ein Geheimnis, wovon wir uns keine Rechenschaft geben können; indessen, wir können ja nicht einmal ergründen, wie ein Samenkorn keimt und sproßt.«